Chapter 9: vom bier und dem zweiten versuch

Einige Dinge liefen gar nicht nach Plan in dieser Nacht.

Das ganze Übel nahm in dem Moment seinen Anfang, da Oxana entschlossen in
die Wirtsstube eintrat. In dem kleinen Raum brodelte es. Unzählige Leute hatten sich vor dem
Unwetter in die geheizte Stube geflüchtet und tranken in Summe nun etwa die Menge an Bier, die vor den Fenstern in Form von Wasser vom Himmel peitschte. Es roch nach Schweinebraten, Pferd, Bier, Schweiß und vor allem nach Männern. Kein Wunder, denn insgesamt saßen oder lagen etwa drei Dutzend davon auf oder unter den hölzernen Bänken. Und zwar die von der schlimmsten Sorte: Größtenteils bärtige, grölende, kräftige Kerle, von denen viele dazu neigten, sich gegenseitig freudig grölend die Schädel einzuschlagen, waren sie nur erst einmal betrunken genug.

Oxana verdrehte die Augen zur niedrigen Holzdecke hinauf und atmete noch ein letztes Mal kalte, frische Luft ein, bevor sie die Tür hinter sich abschloss und Ausschau nach Legolas und den anderen hielt. Sie entdeckte Sarnir und den Prinzen gemeinsam mit drei Unbekannten an einem Tisch in der Nähe des Ausschanks sitzen und begann sich einen Weg zu ihnen durchzubahnen.

"Bring mir noch etwas Bier, Schätzchen!", dröhnte ein schwarzbärtiger
Mann mit roter Nase und hielt ihr seinen leeren Holzkrug hin. Oxana drängte sich
achtlos an ihm vorbei, doch er hielt sie am Arm zurück, riss sie unsanft herum
und brüllte: "BIST DU TAUB? DU SOLLST MIR WAS ZUM TRINKEN BRINGEN!"

Oxana machte sich mit einem zornigen Ruck los und schlug ihm den Krug kurzerhand mit einem kräftigen Hieb aus der Hand, sodass dieser in hohem Bogen davonsegelte. Verdammt, warum hielt sie in letzter Zeit jeder Hohlkopf Mittelerdes für eine Dienstmagd? Als der Mann fluchend aufstand und ein weiteres Mal nach ihr griff, versetzte sie ihm einen Fausthieb ins Gesicht, der ihn wieder auf seinen Platz zurücksinken ließ, wo er von seinem Saufkumpanen laut grölend in Empfang genommen wurde.

Oxana erreichte den in einer dunklen Ecke stehenden Tisch ihrer Mitreisenden wutschnaubend und ließ sich neben Legolas auf die Holzbank fallen. „Ist das deine Vorstellung von sich im Hintergrund halten?", begrüßte dieser sie schmunzelnd. "Sehe ich etwa aus wie eine Kellnerin?" Oxana wies auf die pralle Wirtstochter, die am anderen Ende des Raums zu tun hatte, "sehe ich etwa aus wie sie dort? Oder liegt es daran, dass ich eine Frau bin und es zu meinen natürlichen Aufgaben gehört, zu dienen?"

"Nein, du siehst ganz und gar nicht wie Wynna aus", brachte sich Sarnir in die Unterhaltung mit ein und lächelte dem Mädchen zu, das immer wieder in die Richtung ihres Tisches sah. Oxana warf ihm einen giftigen Blick zu.

"Wynna. So so. Dann habt ihr beide sie also bereits näher kennen gelernt?"

Sie musterte Sarnir, dann Legolas prüfend. Man erzählte sich ja verschiedenste Dinge über Elben und ihre…Partner. Die einen sagten, das alte Volk würde sich nur einmal im Leben an eine zweite Person binden. Doch gerüchteweise waren sie auch nicht völlig immun gegen weniger ernste Bindungen. Und wenn sie sich richtig an Rawens Worte erinnerte, hatte es geheißen, dass der Prinz Nîthiel hinterging. Doch wer sollte diese heimliche Geliebte sein? Eine Elbin, die er im Düsterwald zurückgelassen hatte? Oder waren es vielleicht mehrere? Möglicherweise war diese Wirtstochter die nächste auf seiner Liste…

"Nun, wir haben uns vorhin ein wenig mit ihr unterhalten. Ich glaube, sie hat sich ein wenig in unseren Prinzen hier verschossen", antwortete Sarnir an Legolas' Stelle und klopfte besagtem Prinz scherzhaft auf die Schulter. Legolas lächelte, schien sich aber nicht wohl bei dieser Unterhaltung zu fühlen.

"Ach. Tatsächlich. Wer hätte das gedacht."

„Was willst du damit andeuten?" Sarnir legte fragend den Kopf schräg.

„Meine Güte. Seht sie euch doch nur einmal an. Wie alt ist sie? Sechzehn? Sie hat in ihrem Leben wahrscheinlich noch nicht mehr gesehen als diese trostlose Stadt. Natürlich hat sie sich in Legolas verschossen. Er muss auf sie wie ein Prinz auf einem weißen Ross wirken."

„Das bin ich ja auch, strenggenommen", grinste Legolas.

„Ihr wisst, was ich meine. Es ist nicht besonders schwer, kleine Mädchen mit diesem…elbischen Charme zu beindrucken."

Sarnir und Legolas sahen einander mit hochgezogenen Augenbrauen an und Oxana verfluchte sich bereits dafür, überhaupt etwas gesagt zu haben.

„Elbischer Charme also", sinnierte Sarnir, „das ist neu für uns! Erzähl uns mehr davon!"

Oxana stieß bloß einen zischenden Laut aus. „Das hättest du wohl gerne, Elb". Sarnir ließ allerdings nicht locker, beugte sich verschwörerisch nach vor und flüsterte: „Und wie steht es um dich? Wirkt dieser elbische Charme auf dich etwa nicht?" Schalk blitzte in seinen Augen, vermischt mit einer Spur von Alkohol. Auf dem Tisch standen bereits sechs geleerte Becher. Oxana beugte sich ihm entgegen, bis ihre Lippen beinahe sein Ohr berührte und raunte: "Du hast Recht. Ich geb's zu. Ihr Elben verzaubert mich. Obendrein halte ich Nîthiel für eine liebreizende Jungfrau mit wunderschöner Stimme und dich für einen ausgezeichneten Bogenschützen."

Sarnir brach in schallendes Lachen aus und war gerade dabei, sich über ihre Bemerkung zu empören, als einer der beiden Fremden am Tisch, die sich bis jetzt miteinander unterhalten hatten, sie unterbrach.

"Du bist dann vermutlich Oxana. Ihr hattet recht"- der Fremde richtete sich an Legolas, „sie hat Feuer".

Irritiert sah sie den dunkelhaarigen Mann an. "Und wer seid Ihr, wenn ich fragen darf?"

"Mein Name ist Obhart, Sohn des Elbrechts", stellte der Fremde sich vor, wobei seine dunkelbraunen Augen sie träge musterten, "und ich bin der Schiffsführer, der euch sicher bis zum Rauros runter bringen wird."

Obhart war ein Mann im besten Alter. Sein schwarzes, gewelltes Haar langte ihm bis an die Schultern und sein kantiges Gesicht war unrasiert und braungebrannt. Zahlreiche Narben wiesen darauf hin, dass er vermutlich einmal Krieger gewesen war. Er erinnerte sie ein wenig an Aragorn, bloß das fast unanständige Grinsen in seinem Gesicht passte nicht zu der Erinnerung, die sie von ihrem einstigen Geliebten hatte.

"Dann seid gegrüßt, Obhart, Sohn des Elbrechts", sagte sie mit einem deutlich reservierten Lächeln, „ich bin Oxana. Aber offenbar haben meine Begleiter hier euch bereits von mir erzählt!"

"Lasst uns besser etwas trinken und dann weiterreden", schlug Legolas, sein auffällig langes Schweigen brechend, vor. Er schien heute Abend nicht ganz anwesend zu sein. Obhart ging sogleich auf seinen Vorschlag ein. "Gute Idee. Mir wird es langsam zu heiß hier drinnen." Er warf Oxana einen anzüglichen Blick zu, doch Oxana zog es vor, nichts auf diese kindische Anspielung zu erwidern. Obhart grinste breit, dann fuhr er ein wenig leiser fort: "Hoheit, wenn Ihr schon einmal in der Stadt seid, dann solltet Ihr Euch selbst davon überzeugen, dass wir das beste Bier weit und breit brauen!"

Legolas winkte dankend ab. „Die drei Krüge, die ich hatte, waren schon drei zu viel. Es tut mir Leid, Obhart, aber euer Bier war schon einmal besser."

Obhart riss den Mund in gespieltem Entsetzen auf. "Dann hat man euch das falsche Gebräu vorgesetzt. Ich werde dafür sorgen, dass ihr was Ordentliches bekommt!"

Er hob die Hand und winkte Wynna an den Tisch, die zufälligerweise gerade in der Nähe war und ihn sofort erblickte. Eilig kam sie an den Tisch gewieselt.

"Ein hiesiges Bier für meine beiden fremdländischen Freunde hier, und zwar das richtige! Und eines für die Dame!" Oxana schüttelte hastig den Kopf. Sie wollte an diesem Abend einen klaren Kopf behalten, doch Obhart fegte ihre Einwände mit einer Handbewegung vom Tisch und bestellte auch für sie.

"Wir können es uns ja teilen", schlug er großzügig vor.

"Wo ist denn Eure Verlobte?", flüsterte Oxana Legolas zu, während Obhart bestellte.

"Sie schläft", erwiderte der Elb leise, "sie war ein ziemlich...erschöpft."

Eine nette Umschreibung, fand Oxana. "Ein bisschen Ruhe wird ihr heute Nacht gut tun", murmelte Oxana zustimmend und spürte einen Anflug von Mitgefühl für Nîthiel, die ja schließlich bald einen Verlust zu beklagen hatte.

Wenn Legolas erst einmal... was war Nîthiel eigentlich dann? Seine Witwe? Nein, sie waren ja noch nicht verheiratet... "So, zweimal lauwarmes Bier vom Fass", unterbrach Wynna ihre Gedanken und knallte nacheinander die beiden überschäumende Holzkrüge auf die Tischplatte. "Das geht auf Kosten des Hauses", lächelte sie Legolas zu und ihre Wangen röteten sich. Oxana erinnerte sich an die Küchenhilfe in Thranduils Palast, die genauso auf den Elben reagiert hatte und schielte verstohlen zu Legolas hin, als er Wynna dankbar zunickte.

Sie konnte die Kleine schon verstehen. Die beiden Elbenmänner waren beide sehr gutaussehend, selbst in ihren Augen, auch wenn ihre bartlosen, jungen Gesichter sie in den ersten Tagen sehr irritiert hatten. Und dass sie auch sonst gut gebaut waren, davon hatte sich ja heute bereits mit eigenen Augen überzeugen dürfen.

"Sei so nett und bring mir doch eine Kleinigkeit zum essen", verlangte Obhart von Wynna, und auch Sarnir wandte sich der jungen Frau zu, um etwas zu bestellen.

Sarnir und Obhart waren durch Wynna abgelenkt, und auch Legolas verfolgte halb das Gespräch der drei, halb war er wieder in einen grüblerischen Zustand verfallen. Das war ihre Chance. Bier war zwar kein Wasser, aber immerhin zum größten Teil.

Oxana angelte unbemerkt das Metallröhrchen unter ihrem Mantel hervor, entfernte den Korken und leerte den gesamten farblosen Inhalt in ihr Bier. Dann, schnell und ohne die drei Männer dabei aus den Augen zu lassen, vertauschte sie ihren und Legolas' Krug.

"Nun, wenn ihr nur hineinstarrt werdet ihr nie erfahren, wie es schmeckt!", beschwerte sich Obhart und machte eine auffordernde Kopfbewegung zu Legolas und ihr hin.

Zögernd nippte sie an der braun-gelben Flüssigkeit und versuchte, ihr Gesicht nicht allzu sehr zu verziehen. Es schmeckte tatsächlich widerlich. Als wäre eben ein Tier darin verendet. Dabei hatte sie das Gebräu ganz anders in Erinnerung! Um ein Haar hätte sie die lauwarme Brühe wieder ausgespuckt, spürte aber, dass alle drei Männer sie gespannt beobachteten. Tapfer schluckte sie hinunter. "

Und? Schmeckt's?" Obhart hing an ihren Lippen wie ein kleines Kind, das auf Lob wartete. Daher brachte sie es einfach nicht übers Herz, ihm ihre ehrliche Meinung zu sagen und murmelte: "Mhm...interessant".

Legolas setzte nun ebenfalls sein Bier an die Lippen und kostete von dem Gebräu. Er senkte den Krug sogleich wieder, dann ihn aber sofort, als er Obharts Blicke bemerkte und machte drei große Schlucke. Seinem Gesicht war noch immer keine Regung abzulesen. Sie hatte alles Gift in das Bier geleert...eigentlich sollte er innerhalb der nächsten Sekunden umfliegen und sein unsterbliches Leben aushauchen. Mit so viel Gift in einer so hohen Konzentration hätte man selbst einen Olifanten zur Strecke gebracht. Legolas blieb jedoch wesentlich länger als eine Minute munter und lebendig sitzen und begann sich mit Obhart über ihre Weiterreise zu unterhalten. Nun, dachte Oxana unerschütterlich, vermutlich musste sich die Substanz erst noch lösen.

Irgendwann hielt der Prinz schließlich inne, starrte in seinen Krug und meinte: "Und Ihr seid sicher, dass das Bier ist?" Obharts Gesicht verlor alle Fassung. "Natürlich ist das Bier! Das Beste vom Besten sogar! Gebt her, so schlimm kann es ja wirklich nicht sein..." Er streckte die Hand aus und zog den Krug über den Tisch zu sich hin. Oxana spürte, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich. Nein! Stell den Krug wieder ab, du Dummkopf! TRINK NICHT!

"Ich dachte, Ihr wolltet mit mir teilen?", hielt sie ihn im letzten Moment zurück und legte eine Hand auf seinen Unterarm. Sofort senkte Obhart den Krug und nickte. "Ihr habt Recht. Ich will unserem Prinzen doch nichts wegtrinken!" Legolas sah nicht so aus, als hätte ihm das etwas ausgemacht, aber er nahm das Gebräu schulterzuckend zurück und prostete Obhart zu. "Auf euch Menschen und euer verruchtes Bier. Wissen die Vallar, was ihr an diesem ungenießbaren Zeug findet!"

Obhart grinste. "Und auf euch Elben, die ihr eure Lippen nur mit den edelsten Tropfen benetzt und einen solch guten Schluck trotzdem nicht zu schätzen wisst!"

Dann stießen die Bierkrüge fest gegeneinander, Bier schwappte über und platschte auf den Tisch. Bier und Gift... Und dann, endlich, tranken sie. Oxana hatte plötzlich das Gefühl, die Zeit bliebe stehen. Gebannt beobachtete sie, wie die beiden Männer ihre Krüge ohne Wimpernzucken bis auf den letzten Tropfen leerten. Sie konnte sich dem Eindruck nicht entziehen, dass sie gerade Augenzeugin eines recht sinnfreien Männerwettkampfes wurde.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als Legolas schließlich den geleerten Krug auf den Tisch zurückstellte und angewidert den Mund verzog. Obhart hingegen leckte sich genüsslich die Lippen und machte sich mit Heißhunger über sein Essen her, das Wynna gerade auf den Tisch gestellt hatte.

Es dauerte noch ein paar Herzschläge, bis der Prinz endlich erste akute Anzeichen zeigte. Er richtete sich plötzlich auf, stützte sich dabei aber mit den Händen an der Tischkante auf und kniff die Augen kurz und fest zusammen.

"Ich glaube...ich sehe besser kurz...nach den Pferden", murmelte er hastig und wankte ein wenig, als er die Bank nach hinten schob und sich zwischen den Leuten zur Tür hindurchquetschte.

"Ich werde ihm nachgehen. Ich glaube, er hat ein wenig zu schnell getrunken", entschuldigte Oxana sich, nachdem sie scheinbar überrascht in die Runde geblinzelt hatte und eilte so schnell wie möglich hinter dem Prinzen her ins Freie. Bevor sie ging, hörte sie Obhart noch sagen: "Es ist mir noch immer ein Rätsel, wieviel ihr Elben tatsächlich vertragt!"

Sie fand Legolas einige Meter vom Tor des an die Taverne angebauten Stalles entfernt. Er hatte sich gegen die Bretterwand des Gasthauses gelehnt und die Arme um den Leib geschlungen und die Augen fest zusammengekniffen. Man sah ihm an, dass er gegen eine starke Übelkeit ankämpfte. Der Wind schlug ihm den kalten Regen entgegen und hatte seine Tunika bereits völlig durchnässt und auch sein Haar klebte in Strähnen an seinem Gesicht und seinen Schultern.

Als er sie bemerkt, hob er mühsam den Kopf und lächelte schief. "Ich glaube...das Bier ist mir nicht gut bekommen", presste er mühsam hervor und verzog seine verkrampften Züge zu einem Lächeln. Oxana spürte einen unangenehmen Stich in ihrer Brust. Er war, trotz allem, ein Prinz und hatte es nicht verdient SO zu sterben, einsam, im Schlamm neben diesem heruntergekommenen Wirtshaus.

„Ihr solltet nicht hier im Regen stehen", murmelte sie ohne lange nachzudenken, ließ ihn auf sie aufstützen und zog ihn mit sich zu den Stallungen hin. Mit etwas Mühe gelang es ihr, einhändig das Tor der Scheune aufzustoßen und ihn hineinzuzerren. Kaum hatte sie das Tor von innen wieder verriegelt, sank Legolas auf einen Ballen Stroh und stieß ein gepeinigtes Stöhnen aus. Unbeholfen kniete die Blutjägerin sich neben ihn hin und tätschelte ihm den Rücken.

"Dieses verfluchte Gesöff", ächzte der Elb und sank dabei noch weiter in sich zusammen. Die Pferde auf der anderen Seite des Stalles wieherten leise und scharrten beunruhigt im Stroh.

"Warum habt Ihr es denn überhaupt getrunken? Und dann noch auf einen Zug! Es schmeckte doch auch so schon abartig!", murmelte Oxana vorwurfsvoll.

Was sollte sie tun? Das Vernünftigste wäre wohl gewesen, ihn von seinem Leiden zu erlösen und die Sache damit zu Ende zu bringen. Sie griff an ihren Gürtel. Der Dolch war da, sie hätte es tun können, aber...irgendetwas hielt sie zurück. Verdammt!

Wütend ballte sie ihre Hand zur Faust. Was war los mit ihr? Wann war sie zu so einem Feigling geworden? Legolas kämpfte mit dem Tod und sie stand daneben und sah ihm dabei zu! Dieses Schauspiel war weder ihr noch dem Prinzen würdig, und dennoch schaffte sie es nicht, auch nur einen Finger zu rühren, geschweige denn ihre Waffe zu ziehen. Es war wie verhext. Und noch viel mehr verwirrte sie die Panik, die beim Anblick des leidenden Elben in ihr aufkam.

"Wie hätte das denn gewirkt? Ein Prinz, der nur kurz an seinem Bier nippt? Ich habe einen Ruf zu verlieren", scherzte Legolas, doch seine Stimme war schwach und zitterte. Ein Blitz zerriss die Nacht und sein grelles Licht drang durch die Ritzen der Scheunenwand. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte Oxana sein Gesicht sehen- es war leichenblass und von einem dünnen Schweißfilm überzogen. Erst die Krämpfe...dann Lähmungserscheinungen und dann würde er...

Bei all den Göttern- was hatte sie getan? Sie hatte ihre Prinzipien verraten, nur um einem psychopathischen Halbork und einer herzlosen Elbe, die tatenlos dabei zugesehen hatten, wie eine halbe Armee über sie herfiel, etwas zu beweisen, das keines Beweises bedurfte! Wenn hier irgendjemand etwas gut zu machen hatte, dann waren es die beiden! Und nun steckte sie in dieser grässlichen Lage fest und Legolas war zum Spielball ihrer Eitelkeiten geworden.

"Weißt du- du hattest Recht. Ich sollte mehr riskieren in meinem Leben", riss der Elb sie aus ihren rasenden Gedanken. Sie blinzelte irritiert und stemmte sich rasch gegen seine Schultern, um ihn wieder aufzurichten, als sein Körper wie in Zeitlupe zur Seite kippte. Halluzinierte er etwa? Davon hatte Silaid nichts gesagt!

"Was redet Ihr da? So etwas habe ich nie gesagt!"

"In Dol Guldur. Du meintest, ich sei in einem goldenen Käfig aufgewachsen", entgegnete Legolas. Er lallte nun eindeutig. "Damit hast du angedeutet, dass ich nicht weiß, was es bedeutet, auf mich alleine gestellt zu sein und Risiken einzugehen."

"Ihr redet wirres Zeug. Das Bier setzt euch zu. Außerdem geht Ihr doch andauernd irgendwelche Risiken ein. Zum Beispiel diese Heirat mit Nîthiel."

Legolas lachte leise. Dann stöhnte er und umklammerte ihr Handgelenk, das auf seiner Schulter war, so fest, dass die junge Frau schmerzhaft das Gesicht verzog. Ein tiefes Grollen ertönte, und erst nach Sekunden begriff sie, dass es nicht das Gewitter, sondern sein Magen war, den sie hörte. Sein Körper verkrampfte sich mit einem Male noch weiter, und auch etwas in ihr zog sich schmerzhaft zusammen. Wie lange würde diese Tortur noch andauern? Sie konnte das nicht mehr länger mitansehen!

„Soll ich nach jemandem schicken?", fragte sie und hoffte, dass er zustimmen würde. Mit einem Male wollte sie einfach nur mehr weg, hinaus aus dieser verfluchten Scheune, weg von dieser versifften Stadt. Was war nur los mit ihr? Wohin war ihre Kälte, ihre Teilnahmslosigkeit verschwunden? Warum hegte sie plötzlich alle dieses…Mitleid dem sterbenden Elben gegenüber? Er war doch bloß ein Auftrag! Ein Auftrag. Ein Auftrag. "Ein Auftrag!" Sie wiederholte die Worte flüsternd, doch sie verfehlten ihre Wirkung.

"Nein", wisperte Legolas und ergriff fast panisch ihre Hand, „bleib. Geh nicht. Etwas…ich glaube ich…." Er kippte langsam nach vor.

"Nein!" Sie riss ihre Hand los. Für einen Moment überschwappte sie eine Welle aus blanker Panik und totaler Hilflosigkeit. Doch dann, völlig unvermittelt, beruhigte sich ihr Puls, ihre Gedanken hörten auf, Purzelbäume zu schlagen und sie wusste, was zu tun war.

Sie umfasste das Gesicht des Elben mit beiden Händen, hob es an und zwang ihn fast grob, ihr in die Augen zu sehen. „Nein. Du bleibst am Leben. Hörst du? Du wirst nicht sterben. Ich werde es nicht zulassen. Du nennst dich einen Krieger?" Ihr Blick bohrte sich in seine zufallenden Augen. „Dann kämpfe!"