11. Kapitel

von den fahrenden Händlern

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Noch vor dem Einbruch der Nacht erreichten sie den Raurosfall, oder besser gesagt, jene Anlegestelle in den steilen Uferfelsen, die das Ende ihrer gemeinsamen Schifffahrt bedeutete.

Oxana ging als erste von Bord und betrachtete die Landschaft vom Kiesufer aus.

Flussabwärts teilte sich das Wasser an einem riesenhaften Felsen und donnerte danach ungebremst viele hundert Schritte in die Tiefe. An beiden Seiten des Anduin erhoben sich steile, von Flechten und Moosen bewachsene Steinwände. Die grauen Berggipfel des Sarn Gebir standen denen seines großen Bruders, des Emyn Muil am Ostufer gegenüber.

Beide Gebirge waren bis zu einer gewissen Höhe stark bewaldet, zuerst Mischwald, dann Nadelwälder und schließlich nur noch wenige, witterungsbeständige Einzelpflanzen, denen die Kälte und die dünne Luft nichts ausmachten.

Die Mischwälder an den Gebirgsfüßen waren von den prächtigsten Gelb- Rot und Brauntönen durchsetzt.

"Beeindruckend, nicht wahr? Ein zauberhafter Anblick. Es ist, als hätten die Bäume sich nur für uns in ihre prächtigsten Gewänder gehüllt."

Obhart atmete tief durch. Sie beobachtete ihn dabei. Er hatte die Augen geschlossen und schien den Moment wirklich zu genießen.

"Das machen sie jedes Jahr", ernüchterte Oxana.

Obharts Gesicht verdüsterte sich. "Was bist du nur immer so frostig? Kannst du denn so einen Augenblick nicht einfach nur genießen?"

"Solltest du dich nicht langsam wieder auf dein Schiff begeben?", entgegnete sie, " wie genau willst du mit deinem Schiffchen eigentlich wieder den Anduin hinaufkommen? Du bräuchtest Ruderer oder wenigstens ein paar Pferde, die dich schleppen!"

"Keine Sorge meine Liebe, wir haben beschlossen, dass ich euch bis nach Edoras begleite". Er grinste so breit, dass seine Zähne blitzten. Oxana verdrehte die Augen. Gut, dann würde der Schiffführer eben ihren Platz in der Gruppe einnehmen. Der würde ja ohnehin bald frei sein.

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Zwei Stunden ritten sie über felsiges Gelände auf einem alten Trampelpfad nach Süden und folgten dem Fluss. Um den Rauros zu überwinden, mussten sie ihre Pferde an den Zügeln nehmen und langsam einen steilen, unwegsamen Hang hinunterführen.

Obhart führte den Trupp an, denn er hatte diesen Weg schon oft genommen.

"Du bewegst dich sehr geschickt", bemerkte Legolas. Er war wie durch Zufall hinter Sarnir und Nîthiel zurückgefallen. Seitdem sie das Schiff verlassen hatten, hatten sie kein Wort miteinander gewechselt.

Oxana runzelte misslaunig die Stirn.

Soeben hatten sie den steilsten und schwierigsten Teil des Abstiegs, einen Abhang, der bloß aus abrutschendem Geröll und messerscharfen Steinbrocken zu bestehen schien, hinter sich gebracht. Ihre Waden war völlig verkrampft und sie hatte es bloß Dollaurs Standhaftigkeit zu verdanken, nicht mehrere Male gestürzt zu sein.

Sie wurde das Gefühl nicht los, dass Legolas bloß eine Unterhaltung herbeizwingen wollte.

Als sie zu einer Antwort ansetzte, spürte sie, dass Nîthiel sich umgedreht hatte und sie ansah. Einen Moment lang haderte sie mit sich selbst. Nicht, dass sie wirkliche Angst vor der Elbe gehabt hätte. Aber vor ihr lag eine lange, dunkle Nacht, und sie hatte nicht vor, sie mit einem Dolch unterm Kissen und einer Armbrust in der Hand zu verbringen.

Deswegen lächelte sie bloß sauer, senkte den Blick und ging wortlos am Prinzen vorbei.

Jeder weitere seiner folgenden Versuche, ein Gespräch mit ihr zu führen, sollte fehlschlagen. Stets fertigte sie ihn mit einem Kopfnicken- oder Schütteln oder einem Lächeln ab, bis er es endlich aufgab und sich verwirrt und etwas verärgert wieder in die Reihe eingliederte.

Oxana kam sich kindisch vor und ihre Wut auf Nîthiel wuchs. Was sollte schon groß geschehen, wenn sie ein paar Worte mit Legolas wechselte?

Am Ende ihres Abstieges war das Donnern des gewaltigen Wasserfalles so ohrenbetäubend, dass jedes Gespräch erstarb.

Der Raurosfall waren einfach gigantisch. Zweimal hatte sie die Gefälle bisher gesehen- einmal aus der Entfernung und einmal bei Nacht, als sie mit Rawen und Silaid flussaufwärts gereist war. Doch noch nie hatte sie sich die Zeit genommen, sie eingehender zu betrachten.

Unglaubliche Wassermassen stürzten aus dem Nen Hithoel in die Tiefe und vereinigte sich erst viele hundert Schritte unter ihnen in brüllend zum Fortfluss des Anduins.

Das Wasser schien sich im Fall zu einem Lebewesen zu vereinen, einen monströsen weißen Dämon aus tobender weißer Gischt, der seine Wut laut in die Welt hinausbrüllte.

Sie schwangen sich wieder in ihre Sättel und ritten nach Südwest, weg vom Rauros und hinaus in die weiten Hügelländer Rohans.

Im Süden sah Oxana hin und wieder ein entferntes Glitzern, wie von einem dünnen Silberband, das manchmal hinter den Hügeln aufblitzte.

Es war der Fluss Entwasser, den sie am nächsten Tag überqueren wollten. Ihr eigener Weg würde allerdings in die entgegen gesetzte Richtung, nämlich nach Osten führen, wo sie den Fluss an den seichten Stellen in der Nähe des Anduins überqueren wollte.

Die alte Nord- Südstraße am Rande des weißen Gebirges würde sie danach geradewegs in Gondors Hauptstadt führen.

Das Donnern des Wassers wurde zu einem Getöse und schließlich zu einem entfernten Rauschen, das sich mit dem Plätschern zahlloser Bäche und Rinnsale zu ihrer Linken vermengte.

Es waren die vielen Bäche, in die sich der Entwasser aufteilte.

Sie leiteten das Wasser aus dem Nebel - und dem weißen Gebirge in den Anduin. Dieses Wasser floss vorher durch ganz Rohan und durch den Fangornwald, dachte Oxana ein wenig bedrückt, wo wir uns oft verstecken mussten.

Die Sonne überzog die bräunlich - grünen Hügel mit schwachem, goldenen Licht.

Nur noch wenige Minuten und sie würde im Westen versunken sein. Ein eiskalter Wind wehte heute aus dieser Richtung und ließ selbst die Elben in ihren warmen Mänteln frieren.

"Wir brauchen einen windgeschützten Platz für die Nacht!", bemerkte Obhart.

Endlich jemand, der mich versteht, dachte Oxana erleichtert. Auch wenn Obhart sie für ihren Geschmack zu oft aufs Korn nahm, so hatte sie in ihm zumindest einen menschlichen Verbündeten gefunden.

"Wir könnten die fahrenden Händler um ein Schutzdach bitten!", rief Sarnir.

Legolas schüttelte den Kopf. "Wir würden sie nur in unnötige Gefahr bringen."

"Ich habe nicht vor, mein Lager mit einer Horde Landstreicher zu teilen", brachte sich Nîthiel ein.

"Die fahrenden WAS?" Oxana hatte nicht den Hauch einer Ahnung wovon die Männer sprachen. Obhart schien es wie ihr zu ergehen.

"[Warum sprechen wir nicht Sindarin? Dann würde sie wenigstens nicht immer lästig nachfragen!"], wollte Nîthiel wissen.

"[Weil es unhöflich ist, meine Liebe. Außerdem versteht sie schon vieles]", erwiderte Legolas.

"[Das glaube ich nicht. Nicht nach so wenigen Tagen- und nicht sie.]"

"[Glaubt es oder glaubt es nicht, Mylady. Aber könnte mir nun bitte jemand erklären, wovon ihr sprecht]?" Es war gebrochenes Sindarin, aber es war Sindarin.

Oxana platzte beinahe vor Stolz. Sie war selbst ein wenig überrascht über ihre unerwartete Sprachgewandtheit.

Sarnir sah aus, als würde er jeden Moment loslachen, während Obhart laut hustete. Auch Legolas schmunzelte amüsiert.

Endlich überwand er sich zu einer Antwort:

"Entschuldige- wir sprechen von einem halben Dutzend fahrender Händler, die etwas vor uns mit ihren Wagen in die selbe Richtung ziehen. Wir sahen sie, bevor wir den Rauros überwunden haben."

"Gut, dann sollten wir so schnell wie möglich reiten, um sie rasch einzuholen", meinte Obhart.

"Aber wir würden sie dadurch in Gefahr bringen", erinnerte Legolas, "immerhin könnte man uns in der Nacht angreifen."

"Haben eure Elbenaugen denn auch eine Horde Blutjäger von da oben gesehen?", erkundigte sich Oxana interessiert.

Legolas schüttelte den Kopf.

"Dann droht uns vorerst keine Gefahr", meinte Oxana leichthin, "ich für meinen Teil ziehe außerdem den Tod im Kampf dem Kältetod vor."

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Man empfing sie mit eindeutig gemischten Gefühlen: Als die Rohirrim die fremden Ankömmlinge über die Hügel reiten sahen, hielt der ganze Zug, bestehend aus sechs Planenwagen, an.

Drei Männer auf Pferden und mit Schwertern kamen ihnen entgegen.

Oxana erkannte alleine an der Art, wie sie sich bewegten, dass es sich um keine Krieger handelte. Es waren drei große, schlank gewachsene Männer, einer davon beinahe ein Greis.

"Seid gegrüßt, Reiter von Rohan!", rief Legolas ihnen freundlich entgegen, sobald sie in Rufweite waren. Oxana fragte sich, warum er sie so nannte. Es war doch offensichtlich, dass sie bloß ein paar einfachen Bauern gegenüberstanden.

"Wer seid ihr und was wollt ihr?", rief einer der beiden jüngeren zurück. Er klang nicht unfreundlich, aber wachsam.

"Wir sind auf dem Weg nach Edoras, der wunderschönen Hauptstadt eures Reiches, um der Krönung eures neuen Königs Theoden beizuwohnen!", antwortete Legolas laut.

Sie hatten angehalten und warteten, bis die Männer näher gekommen waren, bevor sie weiter sprachen. Alle drei ritten auf wunderschönen, stattlichen Pferden mit glänzend braunem Fell.

"Wir sind müde und wollten euch um einen Platz für die Nacht bitten."

"Ihr seid Elben!", rief der Mann verwundert, als er ihre Gesichter erkannte. Seine Augen waren blau wie der Sommerhimmel, sein gewelltes Haar reichte ihm weit über die Schultern und war weizenblond. Das Schwert an seiner Seite war alt und schien lange nicht mehr benutzt worden zu sein.

"Kommt ihr aus dem Düsterwald?"

Legolas nickte.

"Prinz Legolas, nicht wahr?".

Die beiden Rohirrim rissen ungläubig die Augen auf.

Es war der magere Alte, der sprach. Sein Haar war von Silber durchzogen und seine sonnengebräunte Stirn voller tiefer Sorgenfalten. Er machte einen schwermütigen Eindruck. Seine Augen waren grau und musterten scharf und gründlich die fremden Neuankömmlinge.

"Ihr kennt mich? Wer seid Ihr?" Legolas ließ sein Pferd vortraben und betrachtete den Mann, schien aber vergeblich auf ein Wiedererkennen zu warten.

Der Alte nickte. Schleppend antwortete er:"Ich heiße Colen, aber dieser Name wird Euch nicht viel sagen, Hoheit. Ich bin einer von denen, die Euch zujubeln durften, als Ihr vor Jahren Thengel einen Besuch abgestattet habt."

Oxana musterte den Alten schweigend. Dafür, dass er bloß ein einfacher Händler war, nahm er sich ganz schön viel heraus. Aber alte Menschen verhielten sich oft so. Und irgendwie machte es ihn ihr sympathisch.

"Nehmt die Worte unseres Vaters nicht zu ernst!", rief der blauäugige Rohir dazwischen und warf Colen einen warnenden Blick zu, "das Leben hat ihn misstrauisch gemacht, selbst Freunden gegenüber. Ihr seid wirklich der Prinz vom Düsterwald?"

Legolas nickte.

"Und dies ist meine Verlobte, Nîthiel von Lórien".

Die Rohirrim hatten Nîthiel während der ganzen Zeit immer wieder verstohlen angesehen, offensichtlich beeindruckt von soviel Schmuck und Glanz. Vielleicht fanden sie sie sogar schön.

"Seid gegrüßt, hohe Dame", stotterte einer der beiden Jüngeren und errötete leicht, als sie ihm ein ehrlich wirkendes Lächeln schenkte.

"Mein Name ist Bareth, und dies ist Keart, mein jüngerer Bruder".

Erst jetzt fiel Oxana auf, dass Keart seinem Vater sehr ähnlich sah. Auch er hatte graue Augen, doch sein Haar war noch so blond wie das seines Bruders und sein Gesicht freundlich und glatt.

"Im Namen meiner Familie und der anderen, die mit uns ziehen, heiße ich euch alle Willkommen und lade euch ein, die Nacht mit uns zu verbringen. Seid unsere Gäste!"

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Die Rohirrim waren tatsächlich auf den Weg nach Edoras. Sie stammten aus dem östlichsten Teil Ost- Emnets und handelten mit allen Möglichem:

Süßes Galenas und Tees aus Gondor, Kräuter, Gewürze, Leinen und Öl aus Ithilien, die sie im Sommer von ithilischen Kaufleuten gegen Wolle und Tierfelle aus Rohan getauscht hatten, Seife und Schafwolle aus Rohan und eine Menge anderen Kleinkram, den man so brauchte.

Sie transportierten ihre Waren auf niedrigen, breiten Planenwagen, die nicht allzu groß waren, denn ansonsten wäre ein Vorankommen auf dem unebenen Boden nicht gut möglich gewesen.

In Edoras hofften die Kaufleute natürlich auf gute Geschäfte, immerhin reisten Adelige und einfaches Volk aus ganz Rohan, Gondor und offensichtlich sogar Düsterwald heran.

Es wäre ein mittleres Wunder gewesen, hätten die Händler ihre unerwarteten hohen Gäste gleich in einem der extra aufgeschlagenen Zelte zu Bett gehen lassen.

Nein- es wurde ein großes Feuer angezündet, von mitgebrachten Holzvorräten genährt, und darüber briet man zwei saftige Lammkeulen (das gute Tier war schon tot gewesen, und so mussten die Elben kein allzu schlechtes Gewissen haben.).

Dazu reichte man Schwarzbrot und würzigen Wein, der so stark war, dass Silaids Giftmischung ein mildes Säftchen dagegen zu sein schien.

Colen reichte einen jeden von ihnen eine längliche, aufwendig geschnitzte Pfeife, die mit einigen getrockneten Galenas- Blättern gestopft war.

"Die Leute im Süden und Westen nennen es PFEIFFENKRAUT und rauchen es! Probiert es, es wird euch sicherlich schmecken!"

Oxana fand es abscheulich und zog nur aus purer Höflichkeit hin und wieder an ihrer Pfeife.

Jedes Mal musste sie mit ein paar Schlucken Wein nachspülen, so trocken wurde ihr Hals von dem Rauch.

Nachdem sich bei ihrer Ankunft das gesamte Lager, bestehend aus gut zwanzig Erwachsene und Kinder, um sie versammelt hatte, blieben noch etwa ein Dutzend Leute, die mit ihnen auf Decken um das Feuer saßen.

Es waren alles Rohirrim mit freundlichen Gesichtern, davon ein paar ältere Frauen und zwei jüngere, die bald untereinander zu tuscheln begannen und immer wieder zu Legolas und Sarnir hinsahen.

Oxana musterte die beiden blonden Mädchen düster und brach ihr Brot in zwei Teile. Erinnerungen an dralle Wirtstöchter und zu eng geschnürte Mieder stiegen in ihr auf.

"Du siehst aus als schmiedest du Mordpläne. Liegt es vielleicht an den beiden jungen Dingern da drüben?"

Sie erschrak. War es denn so offensichtlich, was sie dachte, dass selbst Obhart von ihrem Gesicht ablesen konnte?

Sie tunkte die eine Hälfte ihres Brotes in ihren Weinbecher, wartete, bis es sich voll gesogen hatte und stopfte es sich in den Mund.

Erst als sie hinuntergeschluckt hatte, antwortete sie leise: "Ich behaupte ja nicht, dass die beiden nicht gut aussehen. Es ist bloß- diese dummen Mädchen sehen einen Elb und halten ihn für die Erfüllung all ihrer romantischen Träume! Wie kann man bloß so naiv sein? Ich beginne mich langsam für meine Art zu schämen!"

Obhart sah sie lange nachdenklich an, dann grinste er plötzlich. "Du bist eifersüchtig", stellte er fest.

Oxana sog erschrocken Luft ein und fauchte: "Sei still, du Idiot! Du weißt doch genau wie gut diese Elben hören!! Und außerdem- bin ich nicht."

"Doch, bist du."

Sie schüttelte den Kopf und tunkte den Rest ihres Brotes in den Wein. "Bin ich nicht", flüsterte sie und aß es auf.

"Und außerdem lallst du".

"Ich lalle doch nicht!", empörte sie sich und drehte ihren Becher um. Ein einzelner roter Tropfe fiel auf die Decke und hinterließ einen winzigen Fleck darauf. Fasziniert beobachtete sie, wie er sich immer weiter ausbreitete. Sie hatte vielleicht ein bisschen mehr getrunken als geplant, aber sie lallte noch lange nicht.

Obhart sog fröhlich an seiner Pfeife. "Der wievielte Becher war das?"

Sie überlegte angestrengt. "Der dritte." Sie kräuselte die Stirn und kratzte sich am Hals. "Glaube ich. Dieses Brot ist äußerst saugfähig, wusstest du das? Ich glaube, man könnte es sogar als Schwamm verwenden."

Sie kicherte. Und kicherte weiter. Sie wusste nicht genau wieso, aber plötzlich fand sie sich urkomisch.

Meine Güte, dachte sie fröhlich, er hat Recht, ich bin betrunken. Dabei war sie doch in Rohan aufgewachsen und sollte eigentlich besser über die Wirkung seiner Weine Bescheid wissen.

"Eure Freundin scheint bereits sehr gut gelaunt zu sein", grinste Keart und prostete ihnen zu. Legolas runzelte vielsagend die Stirn in ihre Richtung, sprach das Thema aber nicht an. Stattdessen machte er dem Rohir den freundlichen Vorschlag, sich die Nachtwache mit ihm zu teilen. Er glaubte offensichtlich fest daran, dass ihnen ein Angriff bevorstand. Warum er bloß immer so verspannt war, wunderte sich Oxana.

Oxana wurde nachdenklich. Da war doch irgendetwas, was sie ihren Leuten hatte sagen wollen.....ach ja, Osgiliath!

Mit bedeutungsvoller Stimme rief sie: "Legolas, Sarnir, Obhart, könntet ihr mir bitte kurz eure Aufmerksamkeit schenken?" Irgendwie fand sie es witzig, sich so gewählt auszudrücken.

Umständlich richtete sie sich auf und stellte sich vor die drei Männer.

"Nun, was willst du uns sagen?", grinste Sarnir.

Sie machte ein ernstes Gesicht.

"Ich werde morgen nach Osgiliath weiter reiten. Alleine. Ich habe dort noch einige Dinge zu erledigen, die sich nicht aufschieben lassen. Es war schön mit euch, und ich danke euch für eure Gastfreundschaft und eure..."- Sie beugte sich zu Nîthiel und zwinkerte ihr zu, "Freundlichkeit."

"Das ist aber schade", meinte Obhart schließlich ehrlich bedauernd, "ich hatte mich bereits auf einen amüsanten Tag eingestellt."

Oxana ließ sich auf die Knie fallen und umarmte die drei Männer nacheinander, was sonst nicht ihre Art war. Sie wusste nicht so recht, was in sie gefahren war. Sie begann fast zu heulen. Offensichtlich hatte das gemeinsam Erlebte eine Bindung zwischen ihnen entstehen lassen, von der sie bisher nichts gemerkt hatte. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur zuviel getrunken.

"Danke. Durch dich weiß ich endlich, welche Pilze ich essen darf und welche nicht", flüsterte sie in Sarnirs Ohr. Der Elb grinste und strich ihr freundschaftlich über den Rücken. "Besuch uns bei Gelegenheit wieder. Und immer erst kauen, dann schlucken!" Sie verzog das Gesicht schmerzhaft. "Richte Leriel einen schönen Gruß von mir aus."

"Danke für das Schwert", sagte sie zu Obhart. Der Mann begann zu protestieren: "Aber ich..."- "Ich weiß es wirklich zu schätzen und werde es stets in Ehre halten". Obhart zuckte kapitulierend mit den Schultern.

Legolas hatte seinen Becher sinken gelassen. An seinem Gesicht konnte sie keine deutliche Regung ablesen. Aber irgendwie wirkte er abwesend.

Sie beugte sich nach vor und umarmte ihn.

"Und dir wünsche ich, dass dir endlich die Augen aufgehen", hauchte sie an sein Ohr.

Nîthiel nickte sie bloß zu , murmelte ein Formloses: "Man sieht sich" und ging wieder an ihren Platz zurück, wo bereits ein gefüllter Becher auf sie wartete.

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Sie wusste nicht, wie lange sie in dieser Nacht dagesessen und gefeiert hatten.

Man hatte provisorische Zelte für die unerwarteten Gäste errichtet, Zeltplanen, die teils zwischen den Wagen, teils an langen Stangen aufgespannt waren. Auch ein Teil der Händler und ihrer Familien verbrachten die Nacht in solchen Zelten, denn auf den Fuhrwerken gab es nicht genug Platz für alle.

Nach und nach begaben sich die Leute in ihre Zelte, bis schließlich nur noch wenige übrig blieben, unter ihnen Colen, Sarnir, Legolas und die beiden jungen Mädchen, die immer noch etwas abseits saßen, ihren Unterhaltungen folgend, aber selbst nicht daran teilnehmend.

Oxana hatte beschlossen, sie zu ignorieren.

Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie viel sie bereits getrunken hatte. Es war ihr inzwischen auch schon egal. Sogar das Pfeiffenkraut begann ihr im Laufe des Abends zu schmecken und bald schon lobte sie in höchsten Tönen die Leute aus Gondor, welche dieses herrliche Kraut für sie geerntet hatten.

Rawen, Silaid, Nîthiel und alles andere was ihr Sorgen bereitete, waren an diesem Abend weit weg- Rawen und Silaid vermutlich einige Tagesreisen entfernt und Nîthiel in ihrem Zelt.

Oxana grinste. Nîthiel schlief in dieser Nacht endlich einmal tief und fest wie ein Mensch. Obhart war es gelungen, ihren Becher unbemerkt immer wieder anzufüllen, wofür Oxana ihn von jetzt an liebte.

Vielleicht würde die Elbe morgen einen entsprechenden Kater haben- sie wünschte es ihr jedenfalls.

Das Feuer verschwamm kurz vor ihren Augen. Sie schüttelte den Kopf und rieb sich über die Augen.

"Mir ist übel", murmelte sie und presste eine Hand gegen den Mund, "Sarnir, könntest du..?"

Der Elb nickte sogleich, stellte schnell seinen Becher ab und half ihr auf die Beine.

Er führte sie rasch aus dem Schein des Feuers, an den Zelten vorbei in die Dunkelheit hinaus.

"Setz dich hin und atme tief durch", riet er ihr.

Oxana gehorchte, ließ sich auf den feuchten, kalten Boden sinken und genoss die kühle Nachtluft.

Es half nichts: Ihr Magen krampfte sich plötzlich zusammen, sie krümmte sich und übergab sich würgend.

Sarnir stand ihr schweigend bei und hielt ihr die Haare aus dem Gesicht. Als sie fertig war, führte er sie in das kleine Zelt, das man für sie aufgebaut hatte. Er goss ihr eine Schale mit klaren, frischen Wasser ein und reichte sie ihr.

Während sie trank richtete er fürsorglich ihr Lager, half ihr, die schmutzigen Sachen abzulegen und verlor die ganze Zeit über kein Wort. Umständlich schlüpfte Oxana in das Nachtgewand, das man ihr ins Zelt gelegt hatte und zog ihre Stiefel aus.

Sarnir sah gesittet weg und zündete die Öllampe an, welche die Händler in jedes der fünf kleinen Zelte gestellt hatten und half ihr, sich hinzulegen.

"Geht es wieder?", fragte er und stellte die hell leuchtende Lampe neben sich. Oxana starrte ihn an. Sie fühlte sich seltsam, einerseits hundeelend, andererseits fremdartig leicht und beschwingt. Der Rausch war noch immer nicht vergangen.

"Ich denke schon. Ich danke dir", lächelte sie, "es ist mir so unangenehm....ich hoffe, du verzeihst mir."

"Für einen Freund tut man so etwas", entgegnete der Elb.

Sie starrte ihn an. Im gelben Licht der Lampe wirkten seine Gesichtszüge fast fremd. Aber auf sonderbare Weise anziehend. Augenblicklich musste sie an das Gasthaus "zum singenden Fisch" zurückdenken, als sie den Elb beim Anziehen beobachtet hatte.

"Ist das alles, was ich für dich bin...ein Freund?" Ihre Stimme klang weicher, melodiöser als sonst. Sie richtete sich auf, bis sich ihre Gesichter beinahe berührten.

Gebannt sah sie in seine Augen, die waldgrün waren, nicht so stechend wie die Nîthiels, sondern warm und freundlich.

"Könnte ich denn nicht..."- sie hauchte ihm einen Kuss auf die Nase, dann auf die Wange, "..mehr für dich sein?"

Vorsichtig presste sie ihre Lippen auf die seinen, lächelte, als sein Mund sich zögernd öffnete und ihrer Zunge Einlass gewährte. Auf den ersten, stockenden Kuss folgte ein weiterer, heftigerer. Sie schloss die Augen, genoss das angenehm warme Gefühl, das sie durchströmte und zog ihn näher an ihn heran.

Mit einer Hand strich sie ihm durch das Haar, ließ sie seinen Rücken hinab gleiten, während sie mit der anderen an der Schnalle seines Gürtels zu rütteln begann.

Plötzlich packte er erst die eine, dann die andere Hand und schob sie sanft von sich fort, während er seinen Mund mühsam von ihrem löste.

Noch ein paar Mal versuchte sie ihn an sich heranzuziehen, doch er wandte sich von ihr ab.

Verwirrt starrte sie ihn an. Dann senkte sie beschämt den Blick. "Verzeih. Ich dachte ich würde dir gefallen."

Er sah sie bestürzt an und schüttelte hastig den Kopf.

"Das ist es nicht", behauptete er, "du bist wunderschön, verstehe mich nicht falsch. Aber du bist noch immer betrunken und nicht du selbst. Morgen könntest du es bereuen und ich würde mich schlecht fühlen, dich so ausgenutzt zu haben."

Oxana schüttelte den Kopf. "Nein, das würde ich nicht!", versprach sie und versuchte, sein Gesicht zu berühren.

Doch der Elb stand hastig auf und wich ein Stück zurück. "Gute Nacht", sagte er und verließ das Zelt, so schnell, dass sie nichts mehr zu ihm sagen konnte.

Verwirrt nahm sie die Lampe, stand auf und stolperte ihm hinterher nach draußen, doch er war bereits verschwunden, vermutlich in seinem Zelt.

Das Feuer im Lager war beinahe heruntergebrannt, und alle waren Schlafen gegangen.

Oxana wollte eben wieder ins Zelt schlüpfen, als sie ein leises Rascheln hörte. Alarmiert griff sie nach dem Schwert an ihrem Gürtel, aber den Gürtel mit Dolch und Schwert hatte sie ihm Zelt abgelegt.

Hinter einer der Zeltplanen am gegenüberliegenden Ende des Lagers bewegte sich etwas. Hastig löschte Oxana die Lampe und duckte sich hinter einem der Wagen.

Im Mondlicht erkannte sie zwei schlanke, weiß gewandete Gestalten mit langen, blonden Zöpfen.. Es war zwei Frauen.

Sie sahen sich einige Male in alle Richtungen um, dann schlangen sie sich Mäntel um die Schultern und schlichen am Lagerfeuer vorbei direkt auf Oxana zu. Vor einem der fünf kleinen Zelte blieben sie stehen, warfen einen kurzen Blick hinein und schlichen danach weiter.

Es war Legolas' Zelt. Wenn es leer war, dann hielt er wohl wirklich Wache irgendwo in der Dunkelheit draußen.

Die Gestalten blieb kurz stehen, um eine kleine Lampe anzumachen, die sie bei sich trugen. Es waren die beiden Mädchen, die am Feuer gesessen hatten.

Oxana wartete eine Sekunde, dann schlich sie ihnen lautlos nach. Bei dem äußersten der Planenwagen blieb sie stehen und beobachtete, was weiter geschah.

Die Rohir- Mädchen gingen an den Pferden, die friedlich vor sich hinstanden, vorbei und blieb plötzlich stehen. Eine Gestalt tauchte wie aus dem Nichts im Lichtschein ihrer Lampe auf. Legolas. Die drei begannen sich leise miteinander zu unterhalten. Dann plötzlich beugte sich eines der Mädchen nach vor, umschlang den Elben und küsste ihn. Die andere versuchte es ihr gleichzutun. Oxana wurde übel. Sie riss sich hastig von dem Anblick los und kauerte sich an das Wagenrad. Gleich zwei! Sie versuchte, den Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen, doch ganz gelang es ihr nicht. Dieser Elb war...abstoßend, ein anderer Ausdruck fiel ihr dazu einfach nicht ein.

Mit klopfendem Herzen wartete sie eine halbe Ewigkeit, bis das Geräusch leiser Schritte sie aufsehen ließ. Kaum waren die Mädchen wieder in ihrem Zelt verschwunden, sprang Oxana auf und lief dorthin, von wo die beiden gekommen waren.

Sie sah kaum etwas, darum schrie sie auch erschrocken auf, als Legolas dunkle Gestalt plötzlich vor ihr stand.

"Was hast du hier zu suchen?", fuhr er sie an. Er schien nicht minder überrascht zu sein, sie zu sehen.

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, sie schnaubte hörbar und rief: "Das sollte ich DICH fragen!"

Sein Gesicht verdüsterte sich. "Ich halte Nachtwache, denn mir ist es nicht egal, ob diesen Leuten etwas zustößt oder nicht!", entgegnete er scharf, "aber wieso schleichst du dich aus dem Lager? Wolltest du uns etwa heimlich verlassen?"

"Natürlich, in meinem Nachtgewand und barfüßig!" Sie lachte bissig.

"Dann nenne mir einen besseren Grund!"

Sie fuchtelte zum Lager hin. "Ich nenne dir gleich zwei!" Legolas Augenbrauen wanderten nach oben.

"Ich hoffe, die beiden haben dir gefallen. Wann habt ihr euch abgesprochen? Bevor oder nachdem sie betrunken waren?? Oh, vermutlich nachdem. Denn in nüchternem Zustand hätten sie noch Hemmungen gehabt, weil sie ja noch zu jung sind für so was! Wie war es, hm? Wie habt ihr es getan- zu dritt muss das doch ein Kunststück gewesen sein! Habt ihr..."

Er verpasste ihr eine schallende Ohrfeige.

"Du bist noch immer betrunken", sagte er leise, "geh ins Lager zurück."

Fassungslos rieb Oxana ihre glühende Wange. In ihren Ohren klingelte es. Wie konnte er es wagen..... Ihre Stimme bebte vor unterdrücktem Zorn, als sie zischte: "Tu das noch einmal und ich schwöre, ich werde dich töten."

Eisiges Schweigen trat zwischen ihnen ein. Sie konnte ihren Herzschlag hören. Irgendetwas geschah. Sie konnte es in seinem Gesicht lesen.

"Wolltest du das nicht von Anfang an?"

Sie starrte ihn an. Plötzlich fühlte sie sich einfach nur leer. Ihre Wut war verraucht, so wie jedes andere Gefühl für einen Augenblick wie weggefegt war. Sie fühlte sich unendlich klein und verlassen.

Sie hatte gewusst, dass er es wusste- warum war sie bloß so überrascht, als sie es aus seinem Mund gehört hatte?

"Wann hast du es gemerkt? Wie habe ich mich verraten?"

Legolas griff unter seinen Mantel und förderte einen kleinen, länglichen Gegenstand zutage.

"Du hast in der Scheune deinen Mantel über uns gebreitet. Dabei ist das hier herausgefallen." Es war das Giftröhrchen.

Oxana ballte die Fäuste. Sie hatte völlig darauf vergessen. Selbst ein blutiger Anfänger wusste, dass man zuerst alle Beweise vernichten musste, wenn man seine Schuld verbergen wollte!

Dann hatte er sie also schon seit Tagen an der Nase herumgeführt. "Und die anderen? Wissen sie es?"

Legolas schüttelte den Kopf. "Nîthiel ahnt etwas. Aber nur ich kenne die Wahrheit." Sie fühlte sich ein wenig erleichterter.

"Warum hast du mich am Leben gelassen?" Ihre Stimme klang dünn und zitterte wie die eines verängstigten Weibes. Er musste sie für ein schwaches, verängstigtes Kind halten! Wütend richtete sie ihren Blick auf den Boden.

"Warum hätte ich dich töten sollen? Du hast mir nichts getan", antwortete Legolas sanft.

Sie starrte ihn lange an. "Ich habe dich in der Hafenstadt beinahe umgebracht! Ist das denn nichts?"

Legolas lachte leise und hob das leere Giftröhrchen.

"Mit schwarzem Feuerdorn? Ich befürchte, jemand hat dich gewaltig übers Ohr gehauen. Meine Mutter hat mir früher ein paar Tropfen Feuerdornsaft in den Saft gemischt und zum Trinken gegeben, damit ich besser schlafen kann. Einem Menschen mag dieses Zeug schaden- bei uns Elben kann es höchstens zu üblen Bauchkrämpfen führen." Er warf das Röhrchen achtlos zur Seite.

"Ich verstehe dich nicht", murmelte sie, "du weißt genau, wer ich bin und was ich verbrochen habe. Warum hast du mich solange im Ungewissen gelassen? Willst du mich quälen? Bereitet es dir Vergnügen, deine Beute zu peinigen, bevor du sie erlegst?"

Sie hatte schon wieder angefangen zu schreien.

Legolas unterbrach sie ruhig: "Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich es ganz einfach nur gut mit dir meine?"

Sie schüttelte den Kopf und lachte leise. "Nein, das kann ich nicht.", antwortete sie schlicht.

Er streckte eine Hand nach ihrem Gesicht aus und strich vorsichtig eine Träne von ihrer Wange.

"Du weinst. Das wollte ich nicht."

Er hatte Recht. Fassungslos strich sie über ihre Augen und starrte auf ihre nassglänzenden Finger. Sie weinte. Nach all den Jahren. Sie weinte wirklich.

Die Pferde wieherten unruhig. Draußen in der Dunkelheit geschah etwas, sie spürten es. Legolas senkte seinen Arm und spähte angestrengt in die Nacht hinaus.

"Jemand kommt." Er nahm seinen Bogen und zog sie unsanft am Oberarm mit sich.

"Blutjäger. Sie reiten auf Pferden. Wir müssen die anderen aufwecken!"

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