39. Kapitel
V o r w o r t:
Also, jemand hat mir geschrieben, Oxana sei für seinen Geschmack zu "weich" geworden! empörtbin ! Diese Charakterveränderung war durchaus beabsichtigt, immerhin verliebt sich die Gute ja zum ersten Mal so richtig. Aber, na ja, ich muss zugeben, ich kann verweichlichte, gefühlsdusselige weibliche Hauptcharaks genauso wenig leiden wie ihr....vielleicht hab ich an manchen Stellen wirklich übertrieben, wenn ja, dann tuts mir leid. Aber Fräulein Grünblatt hat nicht alles Raue und Böse abgestreift, wie ihr im nächsten Kappi bemerken werdet.....
Neugierig? Da dann, lest weiter! werbung werbung
Ach ja, apropos Werbung: Hier eine Anti-Werbung. (Psychologischer Trick? Wer weiß...)
Ich hab da ne neue (eigentlich ne alte) FF online gestellt ( „Ellens Weiher"). Falls jemand schon einen Blick drauf geworfen hat, den möchte ich bitten, nicht allzu schockiert über die Oberflächlich- und Geschmacklosigkeiten darin zu sein- aber genau das war mein Ziel. Im Gegensatz zu anderen Autoren hab ich versucht, mit langen, tiefsinnigen Geschichten anzufangen und geh jetzt schon langsam zum typischem geistlosen Mary-Sue-Style über. Ich wollt einfach mal sehen, wie es ist, so eine Geschichte zu schreiben. Wie man sich so fühlt, wenn man seine Charaktere geistig verstümmelt und die Handlung soviel Logik hat wie Bush's Aussagen zu seinen Lieblings- Kinderbüchern. (wer „Bowling for Colombine" gesehen hat, weiß, was ich meine). „Ellens Weiher" ist mein Versuch, möglichst viel Stoff mit möglichst wenig Worten auszudrücken und durch Weglassen mehr zu sagen als durch Hinschreiben. Klingt seltsam, is es auch. Kurz: Wer Respekt vor mir hat- bitte nicht lesen. Und: „ Versucht nie, euch in mein krankes Hirn zu versetzen. Ihr würdet den Verstand verlieren." (zitat ende)
Von Tauron, dem Jäger
Sie hatte Sarnir niedergeschlagen. Er war ihr wieder gefolgt- sogar jetzt, am frühsten Morgen, wo die anderen übrigen Gäste der großen Feier sich ausschliefen oder damit beschäftigt waren, den Restalkohol zu beseitigen.
In dem Moment, als sie den gesattelten Dollaur losbinden hatte wollen, war er plötzlich wie aus dem Nichts hinter ihr gestanden und hatte ihr den gewaltigsten Schreck ihres Lebens eingejagt.
Es was nicht Böswilligkeit, sondern einem antrainierten Reflex zuzuschreiben, dass der Elb sich jetzt stöhnend, die Hände gegen seine Nase gepresst, im Stroh wälzte. „Aranno nin! Verzeih mir!", entschuldigte sich Oxana und versuchte ungeschickt, Sarnir irgendwie zu helfen, in dem sie nach seiner Nase griff. Sarnir zuckte gerade noch rechtzeitig zurück und keuchte: „Law! mae mathon! Nein, mir geht's gut!"
Natürlich stimmte das nicht. Ein wenig beleidigt zog Oxana die Hand zurück, stand wieder auf und löste Dollaurs Zügel von dem Balken, an dem sie befestigt waren.
„Du willst ihm alleine nachstellen, nicht wahr? Das passt zu dir."
Oxana zuckte gleichgültig mit den Schultern und drehte sich um, um den Hengst ins Freie zu führen. Als Sarnir sich ihr in den Weg stellte, bedachte sie ihn bloß mit einem zweifelnden Blick. „Was soll das? Du weißt, dass du mich nicht davon abhalten kannst- so gut müsstest du mich inzwischen schon kennen!"
„Du wirst nicht gehen", setzte der Elb energisch fest, „ich werde nicht zulassen, dass du in dein Verderben rennst!" Während er sprach hielt er sich mit einer Hand die noch immer blutende Nase zu, wodurch seine Stimme ein wenig nasal klang und seine Worte noch lächerlicher klingen ließ, als sie ohnehin schon waren.
Oxana lächelte milde und schob ihn gleichzeitig mit etwas mehr als sanfter Gewalt zur Seite. Schweigend ging sie zum Stalltor, doch bevor sie das stickige Innere der Stallungen verlassen konnte, hielt der Elb sie abermals an der Schulter zurück.
„Ich möchte dir nicht wehtun", sagte Sarnir plötzlich bedrohlich leise, „aber ich werde es tun müssen, wenn du mir keine andere Wahl lässt. Du bist seine Verlobte und ich habe ihm Treue geschworen. Ich KANN es einfach nicht zulassen."
Die Starrköpfigkeit des Elben begann ihr auf die Nerven zu gehen. Sie drehte sich um und musterte ihn abschätzig.
„Und du bist dir sicher, dass du dich damit nicht selbst belügst? Wir beide kennen den wahren Grund, aus dem du hier bist. Warum du mir nachschleichst, in scheinbar edler Absicht. Warum deine Augen dunkel werden, wenn ich SEINE Hände berühre. Trotz der Weisheit und der Ruhe, die alle aus deinem Volk besitzen, kannst du dich diesen niederen Gefühlen nicht entziehen, nicht wahr? Neid, Eifersucht, Hass- die schlimmsten aller menschlichen Eigenschaften. Aber sie sind auch dir nicht ganz fremd- habe ich Recht?"
Die Worte taten ihr bereits Leid, bevor sie sie ausgesprochen hatte.
Nur eine Sekunde lang flackerte Erschrecken und Scham in Sarnirs Augen auf, bevor sein Blick merklich abkühlte. Dennoch spürte Oxana sofort, wie sehr sie ihn gerade verletzt hatte. Sie dachte an die Nacht im Zelt, an den Traum der vergangenen Nacht und fragte sich, ob sie denn überhaupt das Recht hatte, dem Elben solche Vorwürfe zu machen- denn auch sie war nie ganz ehrlich mit sich gewesen, was ihn betraf.
„Warum ich hier bin, trägt nichts zur Sache bei", sagte Sarnir ruhig, „ich werde dich nicht gehen lassen, das ist alles, was zählt. Du kannst nicht mehr einfach so tun und lassen, was dir gefällt- du bist seine Verlobte, du wirst bald seine..."- es machte ihm merklich Mühe, das Wort auszusprechen, „....Frau sein. Dein Tod wäre sein Ende, mit deinem unbedachten Handeln setzt du gleich zwei Leben aufs Spiel!"
„Dann werde ich eben nicht sterben", konterte Oxana ungeduldig.
„Du wirst gar nicht erst kämpfen", entgegnete Sarnir leise.
Oxana seufzte resignierend und schwieg für eine Weile. Was hatte es für einen Sinn, sich auf Diskussionen mit ihm einzulassen? Er lag zweifellos richtig- ihr Handeln war unverantwortlich, einer zukünftigen Königin nicht würdig.
Im Gedanken schimpfte sie sich eine Närrin, ihn nicht ordentlich niedergeschlagen zu haben- nun war er auf einen Angriff gefasst und es war unmöglich, einem Elben etwas anzuhaben, wenn dieser darauf vorbereitet war.
Sie stöhnte. Dann reichte sie Sarnir mit einer widerwilligen Geste die Zügel und sah dabei zu, wie er Dollaur wieder an seinen Platz zurückführte.
Ohne ein weiteres Wort verließen sie die Stallungen und beschritten den steilen Weg zur Festung.
Kurz bevor sie in die Lichtkegel der vor den Toren angebrachten Laternen traten, seufzte Oxana: „Ich verstehe dich nur zu gut. Aber du musst auch versuchen, mich zu verstehen."
Und damit zog sie blitzschnell ihren Dolch, drehte ihn und rammte das stumpfe Ende gegen die rechte Schläfe des Elben.
Dieser hatte zwar mit Ähnlichem gerechnet, wurde aber von der Schnelligkeit der Blutjägerin völlig überrumpelt.
Kurz bevor er endgültig das Bewusstsein verlor und lautlos in ihren Armen zusammensackte, schoss ihm noch ein letzter Gedanke durch den Kopf: „Kein Mensch kann sich auf solche Weise bewegen..."
Sie zerrte ihn sogleich von der Straße herunter und lehnte ihn gegen die Rückwand einer Spelunke, aus der betrunkenes Gegröle und gedämpftes Licht drangen. Man würde ihn für einen Betrunkenen halten, der seinen Rausch ausschlief und ihn in Ruhe lassen. Bis er wach wurde, würde noch mindestens eine Stunde vergehen. Bis dahin hatte sie zumindest die Stadt verlassen- ein kleiner, aber immerhin- ein Vorsprung. Es würde sicher eine weitere Weile dauern, bis sich Théodens' Mannschaft vollständig versammelt und auf einen Ritt vorbereitet hatte, Zeit, die sie nutzen würde.
Darauf, Sarnir zu fesseln und zu knebeln, verzichtete sie vorsorglich, auch wenn es ihr mehr Zeit verschafft hätte.
Sie hatte ihn an diesem so jungen Tag bereits genug gedemütigt.
Es gab genau zwei Orte, die sie mit Silaid in Verbindung brachte. Da war zum einem der Fangorn, das beste Versteck für Verbrecher, das man sich nur wünschen konnte- denn er war groß, dunkel und ließ viele vor Angst erbleichen, noch bevor sie auch nur einen Fuß in sein düsteres Inneres gesetzt hatten.
Zum anderen war da noch dieser Weiher unweit der Stadt, an dem man den Torso seines letzten Opfers gefunden hatte.
Ein Gefühl- und vor allem das Bedürfnis, sich nicht länger als nötig in Edoras' Nähe aufzuhalten- trieb sie nach Nordwest, zu den schwarzen Wäldern hin.
Wenn er dort war, würde sie ihn finden. Wenn nicht, dann würde er ihr wohl dorthin folgen. Sie musste auf das Schicksal und ihre Intuition vertrauen.
Drei Tage.
Sie hatte nicht viel Verpflegung mitgenommen, so wie in früheren Zeiten- eine Satteltasche mit dem nötigsten Essen und einer Decke. Daneben hing ein Kurzbogen. Neben dem Dolch waren der Bogen und ein Dutzend Pfeile ihre einzigen Waffen.
Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr bedauerte sie es, nicht auch noch ihr Schwert aus der Feste geschmuggelt zu haben. Nun lag es unberührt in der Truhe neben ihrem Bett, aus dem sie es sich, aus Angst, Lärm zu verursachen, nicht holen getraut hatte.
Einen Moment lang wanderten ihre Gedanken wieder zu Legolas. Wie er wohl reagiert hatte?
Ob er sie nun dafür hasste, ihm solche Sorgen zu bereiten?
Hastig zwang sie ihre Gedanken in andere Bahnen und spornte Dollaur, der in den letzten beiden Tagen deutlich nachgelassen hatte- er war nicht mehr der Jüngste- rücksichtslos an.
Es war nicht gut, zu viele Gedanken an das, was hinter ihr lag, zu vergeuden.
Sie musste sich stattdessen auf das konzentrieren, was ihr bevorstand.
Sie wusste, dass Théodens Leute ihr auf den Fersen waren. Zwar waren außer bräunlich-grünen Hügeln und grauen Felsbrocken so weit das Auge reichte nichts zu sehen, und dennoch....sie spürte es einfach und darum hielt sie auch nie an, um zu schlafen, sondern legte bloß immer wieder kurze Pausen für sich und Dollaur ein.
Die Sonne hatte ihren Zenit bereits vor über drei Stunden verlassen. Ein lauwarmer Wind wehte vom Süden her, sicher kam er vom Meer, dachte Oxana sehnsüchtig und sog die Luft genüsslich ein. Doch sie roch gewöhnlich, nicht nach Salz und Meertang, jene charakteristische Mischung die sie so sehr liebte. Natürlich, das Meer lag ja auch weit hinter diesen hässlichen, kalten Bergen.
Während sie in Gedanken versunken war, hatte Dollaur den letzten Hügel überwunden, der ihr die Sicht auf den Fangornwald verwehrte.
Sie ließ ihn kurz halten, das Pferd schnaubte dankbar.
Er war beindruckend.
Egal, wie oft sie ihn bereits gesehen hatte- das Gefühl, welches sie bei seinem Anblick empfand, würde wohl immer dasselbe bleiben: Erstaunen, gefolgt von einer tiefen Erfurcht und einem kalten Schauder, der ihr die Nackenhaare kräuselte und ihren Herzschlag hart und sonderbar langsam werden ließ.
Sie schluckte, drehte sich um und sah dann wieder zum Wald hin. Früher hatte sie geglaubt, es sich bloß einzubilden- inzwischen wusste sie, dass es stimmte: Egal, wie niedrig oder hoch die Sonne über Rohan- oder Calenardhon - schien, dort unten, wo der Wald begann, herrschte weder Tag noch Nacht.
Sie wusste, dass es unter den Kronen der Baumriesen nie richtig hell wurde, genauso wenig wie es je richtig dunkel wurde.
Dieser Wald war verzaubert und es kostete sie immer eine gehörige Portion Selbstüberwindung, sich ihm auch nur zu nähern.
„Los, lauf!", grunzte sie unwillig und presste die Schenkel fest gegen Dollaurs Flanken. „Na los!" Das Tier zögerte, schnaubte unwillig und scharrte mit den Vorderhufen im feuchten Gras.
„LAUF- HORTHO!", schrie Oxana und zwar in einer Tonlage, bei der sich selbst Sauron gesputet hätte.
Und Dollaur gehorchte selbstverständlich auch.
Was tat sie hier eigentlich? Dieser Wald war gewaltig, erstreckte sich über Hunderte von Meilen bis zu den östlichen Ausläufern des Nebelgebirges hin und allein in dem winzigen Bereich, den sie überschauen konnte, existierten genug gute Versteckmöglichkeiten, um eine kleine Armee unterzubringen!
Wo hatte sie eigentlich ihr Hirn gelassen, als sie sich diesen Plan ausgedacht hatte?!
Die Nacht war gerade hereingebrochen- zumindest vermutete Oxana das, sie konnte es nicht mit Sicherheit sagen, denn ihr Zeitgefühl begann sich in den Tiefen des Waldes zu verlieren.
Genauso wie sie selbst.
Sie war sich schon längst nicht mehr sicher, dass sie den Weg hinaus wieder finden würde. Zwar hatte sie unauffällige, unterschiedliche Markierungen hinterlassen, etwas, das ihr Rawen einst beigebracht hatte. Ein Kratzer an einer Baumrinde hier, ein umgedrehter Stein oder ein gebrochener Ast dort. Dennoch- ein Gefühl sagte ihr, dass diese Zeichen nachher wohl auf wunderbare Weise verschwunden sein würden.
Gesetze der Zeit galten hier drinnen nicht und wer die seltsamen Eigenheiten dieser Wälder mit Logik und Vernunft besiegen wollte, kämpfte auf verlorenem Posten.
Als sie den Wald betreten hatte, war ihr irgendetwas (abgesehen von unheimlichen Lauten, leisem Gelächter in der Ferne und völliger Windstille zwischen den Baumstämmen- die übliche Geräuschkulisse des Waldes) aufgefallen.
Doch erst jetzt begriff sie, was es war: Die Bäume waren belaubt. Und das war, soweit sie das beurteilen konnte, recht ungewöhnlich für diese Jahreszeit, wo in Rohan ansonsten alle Bäume noch kahl waren oder gerade erst begannen, Blätter zu bilden.
In riesigen, verwachsenen Kuppeln wölbten sich die Äste über ihrem Kopf, wie übergroße knorrige Hände, die das Sonnenlicht aufsaugten und dafür sorgten, dass im Wald dieses ständige graue Zwielicht herrschte.
Je länger Oxana mit Dollaur an den Zügeln in die Tiefen der Wälder vordrang, desto schwerer fiel es ihr, Hintergrundgeräusche und mögliche andere Laute voneinander zu trennen. Inzwischen fürchtete sie bereits, Silaid nicht einmal dann zu bemerken, wenn er über ihr auf einem Baum saß und Flöte spielte- zu vielfältig war die Geräuschkulisse.
Schließlich und sehr plötzlich übermannte sie ihre Erschöpfung. Sie ließ die Zügel los und sank an einem Baumstamm zu Boden. Sollte Dollaur weglaufen wenn er mochte- sie war zu müde, um sich darum zu kümmern.
Das Pferd blieb- was Oxana als sehr nette Geste von ihm empfand.
Mit einem Gefühl der völligen Gleichgültigkeit, das in ihrer Situation ziemlich unpassend war, nickte sie ein.
Es war der seltsamste Traum, den sie je gehabt hatte. Der Baum, an dem sie lehnte, hatte laut gebrummt und war plötzlich davongelaufen. Nun ja, LAUFEN war wohl übertrieben, er war viel eher devongetrottet, unendlich langsam und begleitet von einem schauerlichen Knarren und Knirschen.
Sie hatte ihm im Traum nachgesehen, bis er in der Dunkelheit des Waldes verschwunden war und sich gefragt, seit wann sie Träume hatte, in denen ihr kalt war und sich die Feuchtigkeit durch ihre Kleider fraß.
Aber in all ihrer Müdigkeit hatte sie nicht länger darüber nachgedacht, sondern alles gleichgültig hingenommen, so wie ein Kind sich keine großen Gedanken darüber machte, ob denn das Fleisch auf seinem Teller einmal ein Tier gewesen sein könnte.
Bereits im nächsten Moment war sie wieder eingeschlafen und träumte von einem gigantischen, knusprig-braunen Braten.
Ein leises Knacken neben ihrem Ohr ließ sie nun wirklich aufschrecken.
Ihr Dolch lag bereits in ihrer Hand, bevor sie auch nur einen bewussten Gedanken auf ihn verschwenden hatte können. Da war niemand. Zumindest niemand, den sie sehen konnte. Dollaur war verschwunden. Der Baum auch.
Eine geschlagene Minute lang starrte Oxana auf das große Loch umgeben von aufgewühltem Erdreich und abgerissenen Wurzeln, in dem vorhin noch ganz sicher eine uralte knorrige Eiche gestanden hatte.
„Le suilon, Oxana. No nan îdh , ú-moe gostach Ich grüße dich, Oxana. Ganz ruhig , du brauchst keine Angst zu haben".
„Häh?!"
Wie vom Blitz gerührt sprang Oxana auf, fuchtelte mit dem Dolch durch die Luft und drehte sich ein paar Mal im Kreis.
„Man…. i eneth lîn Wer bist du!?", fragte sie stockend.
Sindarin zu sprechen an sich war bereits kompliziert genug. Doch sie war gerade aufgewacht und hatte herausgefunden, dass dieser Wald offenbar weitaus agiler war als die, die sie bisher kennen gelernt hatte- folglich hatte sie kleine Schwierigkeiten, sich die richtigen Worte ins Gedächtnis zu rufen.
„Aranno nin, ú-thellin gruithad gen – Verzeih mir, ich hatte nicht vor, dich zu erschrecken" , sagte die Stimme.
Oxana schüttelte den Kopf. Offenbar war der Schlaf noch nicht völlig von ihr gewichen- denn sie konnte einfach nicht sagen, ob es eine Frau oder ein Mann war. Um ehrlich zu sein- sie konnte nicht einmal genau sagen, aus welcher Richtung die Stimme kam.
„Komm und zeig dich!", rief sie aufgebracht auf Westron, erinnerte sich aber gerade noch rechtzeitig daran, dass die Unterhaltung bisher auf Sindarin geführt worden war. „Ähm...TOLO! Komm!", wiederholte sie ihre Worte.
Die Stimme lachte leise. „Aníron pedet. Ich möchte reden."
" Beth nara tûlon chîn Wie ist dein Name?", verlangte Oxana erneut zu wissen. Erst jetzt konnte sie mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es sich bei der Stimme um die eines Mannes handelte.
War es Einbildung oder hatte sich das Licht im Wald verändert? Waren es ihre angespannten Nerven, die ihr einen Streich spielten oder...bewegten sich die Blätter über ihrem Kopf nun in einem anderen Rhythmus als zuvor? Sie schluckte, ein banges Gefühl in sich niederkämpfend.
„Tauron i eneth nîn Ich heiße Tauron", antwortete die unheimliche Stimme. Sie war laut, sodass Oxana das Gefühl hatte, dass man sie im ganzen Wald hören musste. Und doch war sie gleichzeitig sanft wie eine warme Sommerbrise, und melodisch wie ein Lied der Elben.
Ihr schauderte.
„Tauron…wo bist du?". Ihre Stimme klang heiser und dünn. Ihre Handflächen waren feucht, sodass der Dolch keinen sicheren Halt mehr darin hatte.
Ein tiefes Grollen erklang, und ein Beben ging durch den Waldboden. Kleines Getier wurde aus den Baumkronen geschüttelt und regnete auf sie herunter, Staub und Rinde rieselten zu Boden. Oxana schrie erschrocken auf, ließ den Dolch fallen und klopfte angewidert das Ungetier aus ihrer Kleidung und den Haaren. Gleichzeitig versuchte sie, sich die Ohren zuzuhalten, so furchtbar schrecklich und fremd war der Ton.
Ihr Herz klopfte zum Zerreißen schnell. Alles in ihr schrie danach, wegzulaufen, und gleichzeitig wusste sie, dass es keinen Sinn hatte, sich in diesem Wald vor Tauron zu verstecken.
Denn Tauron WAR der Wald. Was für ein absurder Gedanke. Sie vertrieb ihn.
Ein leises Wiehern ließ sie herumfahren. Verdattert sah sie sich Dollaur gegenüber, der geräuschvoll seine Nüstern blähte, als er sie sah. Ansonsten schien es ihm gut zu gehen und er wirkte äußerst gelassen.
„Er ist zwar nicht mehr der Prachtkerl, der er einmal war, aber er ist nach wie vor beeindruckendes Pferd", sagte jemand hinter ihr.
Oxana stieß einen unterdrückten Schrei aus und wirbelte wieder herum. Für einen Moment lagen ihre Nerven völlig blank. „Macht das nie wieder!", zischte sie.
Im nächsten Augenblick vergaß sie alle scharfen Worte, die ihr auf der Zunge lagen.
Baff starrte sie in ein Paar leuchtend blauer Augen.
Er war auffallend groß, auch wenn Oxana sich beinahe auf gleicher Augenhöhe mit ihm befand.
Es war seine Ausstrahlung, die ihn um ein Vielfaches größer- und Oxana gleichzeitig um einiges kleiner- wirken ließ. Er war schlank, auffallend durchtrainiert.
Die graue Tunika, die er trug, ließ seine muskulösen Schultern frei, denen kräftige, etwas sehnige Oberarme folgten.
Ferner trug er dünne, eng anliegende Hosen und leichtes Schuhwerk- genau jene Art von Kleidung, die auch Oxana bevorzugte, weil man sich darin schnell und unbehindert bewegen konnte. Auch sie waren in den Farben des Waldes gehalten. An seinem Gürtel baumelte ein prächtiges Horn. Er war wohl auf der Jagd.
Ein grüner Mantel, braune Lederhandschuhe, von braun-goldenen Armschienen gehalten und ein dünner, etwas unpassend wirkender, ebenfalls goldener Haarreif bildeten den Abschluss seiner Aufmachung.
Bis auf einen Kurzbogen und einem mit rotgefiederten Pfeilen gefüllten Köcher hatte er keine Waffen bei sich. Aber sah auch nicht aus, als hätte er welche nötig.
Er grinste breit, eine Reihe blendend weißer Zähne enthüllend, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
Die Vorstellung gefiel Oxana ganz und gar nicht, ihre Miene verfinsterte sich. Schnell bückte sie sich nach ihrem Dolch und hob ihn auf.
Das unheimliche Gefühl, das von ihr Besitz ergriffen hatte, verflüchtigte sich, sobald die Stimme einen dazugehörigen Körper hatte. Trotzdem fühlte sie sich immer noch nicht wohl in Gegenwart des Fremden.
„Was seid Ihr? Ein Mensch seid Ihr auf jeden Fall nicht, auch wenn Ihr so ausseht".
Tauron nickte. „Da hast du ganz Recht."
Oxana wartete vergeblich auf eine Antwort. Sie hob den Dolch. Nicht weit genug, um ihn wie eine Drohung wirken zu lassen, aber immerhin war es eindeutig, dass sie sich nicht davor scheute, ihn gegebenenfalls zu benutzen.
„Ein Elb bin ich nicht und auch kein Zwerg. Aber das hast du vermutlich schon selbst bemerkt." Der Dolch schien ihm nichts auszumachen. Im Gegenteil, er schien sich prächtigst über ihn zu amüsieren.
„Woher wusstet Ihr meinen Namen?"
„Willst du wirklich deine Zeit mit Nebensächlichkeiten vergeuden, anstatt mich zu fragen, was ich hier tue? Das sieht dir gar nicht ähnlich. Außerdem bleibt uns nicht viel Zeit- deine Freunde kommen näher."
Oxana drehte sich reflexartig um, sah aber nichts außer Bäume und dazwischen Dunkelheit. Auch hörte sie nichts. Entweder er sah mehr als sie, oder er trieb ein Spiel mit ihr, das sie nicht verstand.
„Nun gut- warum seid Ihr hier?", fragte sie widerstrebend.
Tauron lächelte. „Um dir eine Frage zu beantworten. Sagen wir ich weiß...eine Menge über deine Vergangenheit, aber auch über deine Zukunft. Stell eine einzige Frage, egal welche- ich verspreche, ich werde sie zu deiner Zufriedenheit beantworten."
„Also gut: Wer zum Teufel...?"-
„Schhhttt!"- Tauron hob den Zeigefinger an seine Lippen. „Ich weiß ALLES. Du solltest dir deine Frage gut überlegen."
Oxana spürte, dass dies ein wichtiger Moment sein sollte für sie. Sie wusste, dass Tauron mehr war als ein verrückter Jäger oder ein Halbelb, der sich für allwissend hielt und der zufällig in der Nähe gewesen war und von einem Erdbeben aus den Baumkronen geschüttelt worden war. Und da war etwas an seinem Namen, das sie kannte, aber es WOLLTE ihr einfach nicht in den Sinn kommen....
Im Nachhinein fragte sie sich ernsthaft, was in diesem Moment, in dem ihr ein solch unermessliches Geschenk gemacht worden war, in sie gefahren war. Sie hätte herausfinden können, wo die Silmarilli lagen. Hätte nach unterirdischen Schätzen oder uralten, verschollenen Schriften fragen können, für deren Auffindung sie von den Zauberern Mittelerdes mit Gold überhäuft worden wäre.
Aber ebenso wusste sie später auch, dass sie in diesem Moment keine bessere Frage hätte stellen können.
Sie räusperte sich. „Gut. Dann sag mir bitte: Wann habe ich mit einem Angriff Silaids zu rechnen? Denn ich habe es satt, wie ein verängstigtes Reh von einem Versteck zum nächsten zu hasten."
Tauron blinzelte irritiert. Dann begann er schallend zu lachen. „Ich würde gerne sagen, das ist mein Blut, das durch deine Adern fließt- aber diese vorlaute Art hast du eindeutig von deinen sterblichen Eltern!"
Oxana verstand natürlich nicht, wovon Tauron sprach. Sie wurde bloß ungeduldig, denn plötzlich hörte sie Hufschlag in der Ferne.
„Nun?", drängte sie, „wo ist sie, eure Allwissenheit, Herr Tauron?"
Endlich beruhigte sich der Jäger. Er rieb sich die Lachtränen aus den Augen und schüttelte den Kopf. „Das muss ich Vána erzählen..." Er grinste noch immer, schien sich erst nach einigen Sekunden bewusst zu werden, dass Oxana nach wie vor auf eine Antwort wartete.
„Oh, entschuldige. Also, um deine Frage zu beantworten: Du solltest bei deiner Hochzeit auf der Hut sein. Silaid hat eine Schwäche fürs Dramatische, wie du ja weißt. Und Rot macht sich auf Weiß sehr gut. Hör auf meinen Rat, Kleines: Eine Gürtelschnalle ist nicht immer das, was sie zu sein scheint. Und in einem kräftigen Haarschopf lässt sich eine Menge verstecken."
Und damit drehte er sich um und verschwand im Wald.
Oxana hob es sich auf später auf, sich den Kopf über die Worte des Fremden zu zerbrechen und nahm stattdessen Pfeil und Bogen von ihrem Sattel.
Sie nahm hinter einem Baum Deckung und wartete ruhig, aber alles andere als konzentriert auf einen bevorstehenden, ziemlich ungleichen und sehr, sehr harten Kampf.
Doch es waren bloß Legolas, Sarnir und eine Handvoll Rohirrim, die plötzlich auf ihren Pferden aus dem Wald brachen. Oxana entspannte sich und trat lächelnd hinter dem Baum hervor.
Allerdings wurde sie mit weniger freundlichen Blicken als erwartet empfangen....
