Kapitel 42

VOM ANFANG VOM ENDE

Someone finds salvation in everyone
And another only fame
Someone tries to hide himself
Down inside their selfish brain
Someone swears his true love
Until the end of time
Another runs away
Separate or united?
Healthy or insane?

(Audioslave, To be yourself)

And even when you've paid enough, been pulled apart or been held up
With every single memory of the good or bad faces of luck
don't lose any sleep tonight
I'm sure everything will end up alright

You may win or lose

But to be yourself is all that you can do
To be yourself is all that you can do

Eine gute Woche ritten sie durch das im Frühling erwachende Land gen Norden, der Pfad, den sie einschlugen, wies kaum merklich, aber doch beständig nach Osten hin und am dritten Tag ihrer Reise, nachdem sie die grünenden Hügel Rohans und die Raurosfälle hinter sich gelassen hatten, erreichten sie den südlichsten Teil des Düsterwaldes.

Dort, hinter Meilen von bewaldeten, im Frühling von einem nicht ganz so schweren, dennoch düsteren Nebel verhangenen Hügeln, lag Dol Guldur. Nicht zum ersten Mal in diesen Tagen erinnerten sich Oxana und Legolas an die Zeit ihres gemeinsamen Abenteuers, die sie hier verbracht hatten, zurück. „Sarnir verband dich dort zum ersten Mal mit Pallurien- Blättern…."- Legolas wog nachdenklich den Kopf und sah seine Verlobte von der Seite an. „Erinnerst du dich noch daran, als sie die Wunde an deinem Fuß heilten, wie sie es sonst nur bei Elben tun?"

„Mhm".

Oh ja, das tat sie.

Und sie erinnerte sich an das tote Land, die verbrannte Erde, aus der die Feste des Bösen herausragte wie ein dunkles Geschwür, an Schatten, die hinter Felsen und Bäumen lauerten und immer gerade dann verschwanden, wenn man sich nach ihnen umdrehte…Oxanas Blick wurde düster.

Sie dachte an die dunkle Magie, die diesen Ort umgeben hatte wie ein ekelhafter Gestank sich um den verwesenden Kadaver eines Orks legte. Und als sie zu den Bäumen blickte, überkam sie ein Schauer und ein ungutes Gefühl. Eine Vorahnung ergriff von ihr Besitz…..etwas Böses lauerte dort in diesen Schatten, etwas, das noch nicht hier - oder zumindest noch nicht so stark gewesen war, als sie diesem unheimlichen Ort den Rücken gekehrt hatten. Sie starrte auf ihr Handgelenk, auf die Tätowierung- ein Dolch, der einen Ring durchschnitt- und das Zeichen rief eine Erinnerung an ein längst vergessen geglaubtes Märchen in ihr wach, etwas, das sie vor langer Zeit auf einem Markt bei einem Geschichtenerzähler aufgeschnappt hatte….eine Legende, die etwas mit einem Ring zu tun hatte, einem Zauberring, der geheime Kräfte in sich barg…..

Woran sie wohl dachte?

Legolas musterte verstohlen Oxanas edles Profil, die blasse, ebenmäßige Haut, ihr scharfgeschnittenes Kinn und die Schatten unter ihren Wangenknochen, die ihrem Gesicht etwas Exotisches, für Menschen Untypisches verliehen. Vielleicht aber täuschte er sich auch, möglicherweise spielte ihm das schwindende Licht der versinkenden Sonne einen Streich.

Vielleicht war es auch sein Herz, das seine sonst so scharfen elbischen Augen trübte.

Ein Wunsch, eine tiefgreifende Hoffnung, so wurde ihm in diesem Moment klar, war in den letzten Monaten in ihm herangereift: Sie möge doch eine Elbe sein. Oder zumindest ein Teil von ihr. Nur ein einziger in ihrem Stammbaum genügte, nur ein Unsterblicher, der ihr einige Tropfen seines Blutes vererbt hatte, und- wer wusste? – vielleicht genügte gerade diese Menge, um sie zu eine der Ihren zu machen.

Und folglich für immer zu der Seinen.

Oxana erwiderte nichts auf seine ohnehin nicht besonders laut gestellte Frage, schien sie überhört zu haben und er war fast froh darüber.

Denn wann immer er ein Gespräch in diese Richtung zu lenken versuchte, wurde sie unruhig, fing sich an zu winden und zu drehen wie ein Wurm, wich ihm aus oder wurde sogar aggressiv. Sie sagte, der Gedanke eines ewigen Lebens erschrecke sie, und sie wolle keine Mutmaßungen anstellen, wo doch kein Anlass dazu bestünde, etwas derartiges bei ihr anzunehmen. Sie hatte gutes Heilfleisch, na und? Sie war eine gute Schützin- immerhin hatte sie bei einer Elbe gelernt. Sie bewegte sich flink und hatte ein feines Gehör- nun, so etwas konnte man sich bis zu einem gewissen Grad anlernen.

Und dennoch- seit jenem Tag, da er sie im Fangorn gefunden hatte- verwirrt, seltsam schweigsam und teilnahmslos seinen ersten richtigen Wutanfall, der aus grenzenloser Sorge geboren war, hinnehmend, schien sie das Thema noch mehr zu meiden als zuvor.

Wenn sie sich ihm doch bloß öffnen würde, ihn in ihr Innerstes sehen ließe. Aber solche Momente waren rar und kurz und auch wenn er sich ihrer Liebe sicher war (auch wenn die Liebe einer Menschenfrau neu für ihn war) so fragte er sich oft, ob sie ihm denn noch immer nicht vertraute. Es war wohl Teil ihres Wesens, diese Verschlossenheit, dieses In-sich-gekehrt-Sein. Mit der Zeit würde sie ihn sicher näher an sich lassen. Vielleicht war es einfach etwas, das sie langsam lernen musste, wie ein Kind, das sich zum ersten Mal im Sprechen versucht. Bloß manchmal fürchtete er aber, dass dieser Wesenszug eine Eigenheit der Menschen war. Dass diese vielleicht gar nicht fähig waren zu tieferen Gefühlen. Dass sie gar nicht merkte, wie sehr seine Seele nach der ihren hungerte, ganz einfach weil sie es nicht KONNTE.

Nein. Er WUSSTE, dass es in ihrem Herzen noch viel zu entdecken gab. Er spürte es.

„Tauron", sagte Oxana plötzlich, unvermittelt.

Legolas zog eine Braue hoch, sah sie an, schwieg aber. Hin und wieder tat sie so etwas: In tiefes Grübeln versinken, um dann aufzuschrecken und, meist zu sich selbst, irgendetwas zu murmeln, das für niemand anderes einen Sinn ergab.

Meist antwortete sie auf eine entsprechend gestellte Frage bloß mit einem: „Ach, nichts. Nichts nichts nichts…" und winkte ab. Also fragte er lieber erst gar nicht, sondern wartete bloß.

Als er schon glaubte, es käme nichts mehr, richtete sich Oxana gerade in ihrem Sattel auf, sah ihm fest in die Augen und fragte: „Tauron- wer ist er? Was weißt du von ihm?"

Legolas überlegte kurz. „Der Herr der Wälder, der große Jäger mit dem flammenden Haar und dem glühenden Blick. Aber das ist nur eine der Gestalten, in denen er auf Mittelerde wandert. Er liebt die Bäume, überhaupt, die Natur, auch die Tiere. Es heißt, er nimmt manchmal die Gestalt eines Menschen an und lebt unter ihnen, als Waldläufer oder Jäger. Bekannter ist er ja unter seinem alten Namen, Orome".

Der Name schien ihr etwas zu sagen, für einen Moment glaubte er so etwas wie Schrecken in ihren Augen aufblitzen zu sehen, aber es war zu kurz, zu flüchtig, um sich sicher sein zu können.

„Kann er auch….ich meine: wäre es möglich, dass dieser Orome die Gestalt eines…ich weiß nicht…eines lebenden Menschen annimmt?"

Legolas zuckte mit den Schultern, schüttelte dann aber den Kopf. „Ich hätte noch nie davon gehört. Aber sicher, es ist möglich. Warum?"

Sie blickte auf, setzte zu einer Antwort an, doch die Worte blieben in ihrem Hals stecken. Sie schluckte. Nein. Das war nicht möglich. Dieser Gedanke was so was von abwegig, absurd, lächerlich…..UND darüber hinaus anmaßend! Ein Gott als ihr direkter Vorfahre? Ein Gott, der in die Gestalt ihres Vaters geschlüpft war und bei ihrer Mutter gelegen hatte? WARUM hätte Orome so etwas tun sollen?

„Ähm….nein. Es ist….ooooh, vergiss es. Bloß ein verrückter Gedanke".

„Du solltest dir das abgewöhnen".

Sie blinzelte. „Was?"

Legolas schnaubte. „Dieses Mich-neugierig-Machen und Dann- doch nichts- Sagen", knurrte er. „Wäre ich nicht über zwei Jahrhunderte in allen möglichen Formen der geistliche Übung ausgebildet worden, könnte es mich wirklich zur Weißglut treiben."

„Geistige Übung?".

Legolas nickte. „Ruhe, Ausgeglichenheit…zum Teil angeborene, aber auch angelernte Eigenschaften unseres Volkes."

Oxana gluckste vergnügt. Bilder kamen ihr in den Sinn, von einem Legolas der sie gegen einen Baum drückte und leidenschaftlich küsste, von einem vor Wut brodelnden Elben, vor dem Théodens halber Hof mit eingezogenem Kopf flüchtete, von einem Legolas, der seine Hände in ihrem Haar vergrub und ihr knurrend in die Schulter biss, wenn ihn die Leidenschaft übermahnte…

Ihr Verlobter sah sie verwundert an. Er sah sich um, ob ihn denn auch keiner seiner Begleiter hörte, und beugte sich dann zu ihr rüber. „Erscheine ich dir etwa nicht…na ja, ausgeglichen? Ruhig?" Er räusperte sich und senkte die Stimme noch ein wenig. „Bin ich nicht…souverän?"

Oxanas Mundwinkel zuckten verräterisch.

Ein eindeutiger Fall typisch männlicher Selbstfehleinschätzung lag hier offenbar vor. Sie versuchte es mit einer vorsichtigen Erklärung: „Nun…weißt du…..manchmal- nur hin und wieder- scheint mir deine Selbstbeherrschung- vielleicht geht's ja nur mir so, wer weiß? – na ja – wie soll ich sagen? Naja, sie- löst sich eben öfter in Luft auf."

Er grinste, beugte sich vor und küsste sie auf den Mund. „Das liegt dann wohl daran, dass ich in den letzten zweihundert Jahren kein einziges Mal einer so…" Er verzog den Mund und schien nachzudenken, „hm, wie soll ich sagen? Naja- außergewöhnlichen- Persönlichkeit wie dir begegnet bin."

Sie grinste schief und wollte etwas erwidern, da ertönte plötzlich ein Warnruf und die Gruppe blieb stehen.

Legolas richtete sich auf, trieb sein Pferd vor und ließ es neben dem von Galeien, einem der Rohirrim, halten.

„Was ist los?"

Galeien deutete nach vor. Aus dem dichten Unterholz am Waldrand kamen soeben zwei Reiter auf anmutigen, grauen Pferden und gesellten sich zu zwei hochgewachsenen, schlanken Gestalten, die bereits vor ihnen den Wald verlassen hatten. Sie trugen Kleider in den Farben des Waldes und die typischen Waffen der Grauelben.

Legolas grinste bloß und schien kein bisschen überrascht zu sein.

„Leriel! Andelyne! Ihr habt lange gebraucht!"

„Ihr kennt sie, Herr?"

Legolas wandte sich an die Truppe. „Lasst eure Schwerter wo sie sind und macht euch auf einen herzlichen Empfang im Reich der Grauelben gefasst! Dies sind die Boten meines Vaters- sie haben uns bereits im Morgengrauen erspäht und sind uns die ganze Zeit über unauffällig gefolgt."

Einige der Männer wechselten überraschte oder etwas misstrauische Blicke untereinander.

Dieser Empfang schien ihnen reichlich merkwürdig, die starren Gesichter der Elben schienen alles andere als einladend zu sein, und überhaupt, warum waren die Grauelben ihnen so lange nachgeschlichen, um sie zu beobachten? Kannten sie denn ihren eigenen Prinzen nicht?

Legolas bemerkte dies und sagte ein wenig leiser und eindringlich: „So ist es nun einmal Sitte, macht euch keine Sorgen und zieht daraus keine falschen Schlüsse auf unsere Gastfreundlichkeit. Kommt, folgen wir ihnen. Unsere Pfade sind kürzer als die, die euch Menschen bekannt sind."

Er sprengte ohne langes Abwarten los und Oxana und die Männer folgten ihm, wenn auch etwas verwirrt.

Die Sterne waren bereits aufgegangen und ein dicker Mond baumelte träge am Himmel, als sie endlich jenen Ort erreichten, von dem aus diese Reise ihren Anfang genommen hatte:

Thranduils Palast.

Eine Gruppe von Elben empfing sie aufs Freundlichste, führte die erschöpften Pferde in gerichtete Ställe und wies den Reitern ihre Unterkünfte im Palast zu.

Eine zierliche Elbe in schlichten Kleidern trat vor Legolas und Oxana. „Euer Vater befahl uns euch sogleich zu ihm zu führen", piepste die junge Dienerin verlegten.

„Es ist gut, Mandaéla, du kannst gehen, ich werde mich um unseren Prinzen und diese reizende Dame hier annehmen."

Oxana legte den Kopf schräg. Die Stimme kannte sie doch! Aber das war doch unmöglich,…..

„Leriel!" Legolas lachte und umarmte Sarnirs Bruder freundschaftlich.

Ach ja…Leriel…seine Stimme war der seines Bruders zum Verwechseln ähnlich…Oxana atmete innerlich erleichtert auf. Sie hatte tatsächlich für einen Moment gedacht…

„Ich grüße euch, mein Prinz!", sagte Leriel nun in einem unpassend förmlichen Ton, „es ist schön euch heil und gesund wieder zu sehen. Wenn ich auch zugeben muss, dass wir bereits seit mehreren Tagen von eurer Reise hierher wussten."

„Woher denn?", wollte Oxana wissen.

Leriel grinste und wandte sich nun endlich ihr zu. „Schön, euch wieder zu sehen, Oxana. Oder sollte ich sagen: meine zukünftige Herrin?"

Oxana blieb für einen Moment die Luft weg. Woher, zum Teufel…?

„Ähm, ja, von mir aus bleiben wir bei Oxana."

Leriel lachte leise und machte eine Geste zum Palast hin. „Der König erwartet euch bereits ungeduldig. Er hat viele Fragen an euch, denn selbst unserem Volk sind nicht alle Antworten zugänglich."

„Ach". Oxana hob ironisch eine Augenbraue und folgte Leriel, Legolas' Hand in der ihren.

„Darf man fragen, woher euer Volk dennoch über unsere Verlobung bescheid weiß? Sprecht ihr mit dem Wind? Oder benutzt ihr Magie, um an solche Informationen zu kommen?"

„Für gewöhnlich, ja", antwortete Leriel grinsend, „aber manchmal ist es auch ganz nützlich den Waschweibern in den Städten der Menschen genauer zuzuhören."

Sie durchquerten spärlich erhellte Gänge, dann, endlich, erreichten sie den Thronsaal, traten ein und….

Oxana erstarrte.

Auf dem Thron saß ein junges Paar, ein Mann mit mondlichtfarbenem Haar, daneben, die blasse Hand in der seinen, eine Frau mit flammendem Haar. Ihre Kleider waren weiß wie Schnee, ihre Gesichter hell, aber seltsam verschwommen, sie konnte ihr Antlitz nicht erkennen. Im Saal war es dunkel, bis auf ein seltsames goldenes Leuchten, das die beiden Liebenden einhüllte und seinen Ursprung in der Hand der Frau hatte. Oxana versuchte zu erkennen, was es war, das die Fremde da hielt, dann erkannte sie, dass es aus ihrem Arm zu fließen schien, aus ihrem Handgelenk. Oxana sah an sich selbst hinab, drehte ihre Hand und sah, dass ihre Tätowierung angefangen hatte zu glühen.

Legolas presste ihre Hand so fest, dass der Schmerz sie wieder in die Gegenwart zurückriss.

Oxana blinzelte. Thranduil legte lächelnd den Kopf schräg. „Ich grüße dich, mein Kind".

Sie beugte den Kopf, eine abgehackte, unnatürliche Bewegung. Was zum Teufel war das gewesen?

„Mae govannen, Thranduil", erwiderte Oxana und spürte Legolas' fragende Blicke auf ihrem Gesicht. Später.

„Ist euch nicht gut?"

Oxana lächelte gequält. „Die Reise hat mich offenbar mehr mitgenommen als ich geglaubt habe, mein Herr".

Thranduil nickte verständnisvoll. „Schon gut. Ich werde mich, wenn ihr wollt, noch bis morgen mit meinen Fragen gedulden. Es wäre eine Zumutung, euch in diesem Zustand noch länger mit meiner Neugier zu plagen."

Oxana wusste nichts zu erwidern und lächelte bloß matt. Ihr Kopf dröhnte, die Vision hielt sie noch immer gefangen, vermischte sich mit der Wirklichkeit und ließ alles unwirklich und gedämpft erscheinen. Legolas lege besorgt seine Hand auf ihren Oberarm.

Er wechselte noch einige Sätze in Sindarin mit seinem Vater, aber davon bekam Oxana nicht allzu viel mit. Ihr Blick klebte am rechten Thron.

Eine blutgetränkte Krone lag darauf.