Um meinen durst zu stillen
Um meiner seele willen
Um nicht im hasse zu verbrennen
Um nicht wie ein weib zu flennen
Um zu vergeben, zu vergessen
Um meine furcht in form zu pressen
Um mir einen sinn zu geben
Nehme ich ein andres leben
Damit sie spüren was ich nicht fühlen kann
Damit sie scheitern, versagen, sterben, dann
Schweigt die stimme sonnig still
Die mein herz zerreissen will
Sie liebte die Wälder, fast genauso sehr wie sie das Meer liebte. Selbst um diese Jahreszeit, wo tagsüber das Wetter feucht und neblig und nachts überaus frostig war, die Bäume sich noch immer nicht ganz von den Strapazen der vergangenen Wintermonate erholt hatten und erst wenige Singvögel aus dem Süden eingetroffen waren, übte der Wald eine besondere Faszination auf sie aus.
Ihre Gedanken schleifen lassend ging Oxana durch den erwachenden Düsterwald. Sie war früh und in aller Heimlichkeit aufgebrochen. Sie bildete sich fest ein, zum ersten Mal sogar Legolas ausgetrickst zu haben, aber innerlich wusste sie, dass sie ihre Fähigkeiten damit überschätzte. Er hatte sehr wohl bemerkt, wie sie aus seinen Armen und aus dem Bett geglitten war, geschmeidig, schnell und lautlos, aber eben nicht lautlos genug für einen Elben- schon gar nicht für einen, der sich stets Sorgen machte. Trotzdem musste er gespürt haben, dass sie allein sein wollte und hatte sich weiter schlafend gestellt.
In einem Anflug von Verfolgungswahn drehte die Blutjägerin sich um, spähte in alle Richtungen und hielt sogar für einen Moment den Atem an, um besser ihrer Umgebung lauschen zu können. Vielleicht war er ihr trotzdem gefolgt und beobachtete sie nun heimlich, um eingreifen zu können, falls ihr irgendetwas zustoßen sollte? Doch was sollte ihr hier schon passieren? Sie war zwar schon ein ganzes Stück gegangen, das Hoheitsgebiet der Elben war jedoch groß und kein Unbefugter schaffte es so leicht, sich hier unbemerkt Zutritt zu verschaffen. Und falls doch...Oxanas Hand schmiegte sich an den Elbendolch an ihrer Hüfte.
Unsinn.
Da war niemand. Bis auf die typischen Geräusche eines Waldes im Morgengrauen war auch nichts Verdächtiges zu hören. Sie ging weiter, bis sie zu einer Gruppe uralter, knorriger Eichen gelangte, deren Geäst sich über ihren Kopf ineinander verschlang, als würden die Bäume einander auf ihre alten Tage stützen.
Oxana betrachtete sie eine Weile gedankenverloren, dann löste sie den wollenen, grauen Umhang von ihren Schultern, breitete ihn vor sich aus und ließ sich auf ihm nieder. Viele Male hatte sie Rawen beten sehen, genau erinnerte sie sich an deren Haltung, an die Art, wie sie die Hände vor dem Gesicht gefaltet hatte, auch an ihre Worte. Doch seltsamer Weise fiel es ihr sehr schwer, ihre einstige Lehrerin nachzuahmen. Es lag wohl daran, dass sie niemals ein besonders spiritueller Mensch gewesen war und in ihrem Innersten ganz und gar nicht davon überzeugt war, dass dieses Ritual etwas bewirken würde.
Trotzdem bemühte sie sich, schloss die Augen und versuchte, sich auf ihren Herzschlag zu konzentrieren und alles andere um sie herum in sich hineinströmen zu lassen.
Wie schnell es schlug...sie erinnerte sich an jene Nacht- es lag eine Ewigkeit zurück, so schien es ihr- als Rawen sie ihren Herzschlag hatte fühlen lassen. Sie dachte an den gestrigen Abend, als sie ihr Ohr auf Legolas' Brust gelegt hatte und dass das gleichmäßige, langsame Schlagen seines Herzens das letzte war, was sie von diesem Tag in Erinnerung hatte.
Und dann, zum ersten Mal überhaupt, bemerkte sie, dass auch der Wald, das Leben darin, pulsierte, langsam, gleichmäßig und beständig.
Ihre Lippen begannen wie von selbst die magischen Worte zu formen, jene Formeln und Anrufe, von denen sie wusste, dass sie nicht nötig waren, damit der Halbgott sie erhörte, die ihr aber ein Gefühl von Sicherheit und Stärke einflößten, das sie vermisst hatte. Sie vertraute sich ihm an, flüsterte ihre Sorgen, Ängste, ihren Zorn in den Wind und bat um Hilfe. Sie wollte Antworten, wollte wissen, ob sie nun sterblich war oder nicht, und ob die Zukunft Glück oder Kummer für sie bereithielt. Ein letztes Mal verschrieb sie sich dem Gott der Jagd, ein letztes Mal nannte sie sich seine getreue Dienerin.
Es war ein Teil von ihr und ließ sich nicht verleugnen.
Ein schrilles, hässliches Kreischen riss sie aus ihrem brütenden Gebet.
Im Geäst über ihr raschelte es, sie hörte dünne Zweige brechen. Im nächsten Moment stürzte etwas Plumpes, Schwarzes direkt vor ihre Füße. Instinktiv sprang Oxana auf und wich einen Schritt zurück.
Es war ein Rabe, dessen Federkleid zersaust und blutverschmiert war. Doch er lebte noch. Sein kleiner, verwundeter Körper zuckte noch einige Male, bevor er mit einem heiseren Krächzen starb. Seine gelben, blanken Augen starrten matt und glanzlos in ihre Richtung.
Oxana lächelte, ging in die Knie und zog ihren Dolch. Nun wusste sie, was sie zu tun hatte. Doch letztlich hatte sie es die ganze Zeit über gewusst, auch wenn sie sich dagegen gewehrt hatte.
Nie im Leben hätte sie sich zugetraut, einen Elb zu überwältigen. Lag wohl daran, dass sie immer mit zu großem Respekt an die Sache rangegangen war. Im Endeffekt waren auch Elben nur Lebewesen, und auch wenn sie schön und unsterblich und ziemlich alt waren, so machten sie hin und wieder kleine Fehler. So wie dieser hier. Auch Elben hatten manchmal ihre liebe Not damit, ihr Gewicht richtig zu verlagern und erzeugten dadurch hin und wieder- ganz selten, aber es kam vor- verdächtige Geräusche.
Oxana strich sich schwer atmend das Haar aus der klebrigen Stirn, prüfte noch einmal den Sitz der Knebel und der Fesseln und wagte erst dann, als sie sicher war das beides perfekt saß und lange genug halten würde, um ihr einen ausreichenden Vorsprung zu gewähren, sich aufzurichten und einen Moment zu rasten.
„Mmmmhmmmmm!!", machte der Gefesselte und sah sie vorwurfsvoll an.
Oxana seufzte. „Tut mir Leid, Leriel. Wirklich. Aber du hast mir keine Wahl gelassen."
Sie nahm seinen Bogen und hing ihn sich um den Oberkörper, ohne vorher seine Spannung zu prüfen, wie sie es sonst immer zu tun pflegte. Diese Elbenbögen befanden sich ohnehin stets in einem perfekten Zustand.
„Wirklich, ich wollte dir nicht wehtun", beteuerte sie, ihr schlechtes Gewissen niederkämpfend, „aber, sieh's doch mal von der positiven Seite: Du bist einer der wenigen, die eine solche Begegnung mit mir überlebt haben!" Sie versuchte zu grinsen, es misslang aber kläglich.
„Wenn ihr mich aber verfolgt, werde ich nicht mehr so sanftmütig sein", sagte sie ernst und ihre Züge verhärteten sich, „natürlich werdet ihr es trotzdem tun- aber ich habe euch vorgewarnt. Diese Sache betrifft nur mich alleine. Ich will nicht, dass noch jemand meinetwegen zu Schaden kommt. Selbst wenn das heißen sollte, dass ich Gewalt anwenden muss, um euch davon abzuhalten, mir zu folgen."
Sie räusperte sich. Die harten Worte hatten ihre Wirkung getan- etwas von ihrem alten Ich schien sich wieder stärker zu fühlen, und der Kampf zuvor hatte sie spüren lassen, dass noch sehr viel von der alten Blutjägerin in ihr steckte. Es glich beinahe einem Rausch, und sie wusste, dass sie dieses Gefühl erhalten musste, um diese Sache durchzuziehen.
Sie machte ein paar Schritte, überlegte es sich dann aber doch noch und wandte sich ein letztes Mal um. „Sag Legolas, dass es mir Leid tut. Aber es gibt keinen anderen Weg für mich."
Dann lief sie los. Die Zeit drängte, und dass sie nicht genau wusste, wohin ihre Flucht sie führte, machte die Sache nicht einfacher. Zuerst musste sie in die nächste Stadt der Menschen, in diesem Falle die alte Hafenstadt. Das Zimmer aus ihrer Version befand sich wohl in irgendeiner alten Spelunke, vielleicht würde sie es wiedererkennen.
Sie lief schnell, hielt nur hin und wieder, um Wasser aus einem Bach zu trinken und sich die Stirn zu kühlen. Stets glitt dabei ihr Blick zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Noch, so war sie sicher, reichte ihr Vorsprung. Wenn sie ihr Tempo beibehielt, würde sie eine ganze Weile vor den Elben in der Stadt angelangen, zumindest hoffte sie, dass es reichen würde, um sich eine Tarnung zu verschaffen und in der Masse unterzutauchen
„Was hast du da bloß für einen Wildfang heimgebracht?", murmelte Thranduil kopfschüttelnd. Legolas schüttelte den Kopf. „Was soll ich bloß mit ihr tun, Vater?", fragte er zerknirscht und sah zu, wie sich die Tür hinter einem sehr demolierten und schwer hinkenden Leriel schloss.
„Es scheint fast, als könne ich sie nicht halten."
Besorgt musterte der König seinen Sohn. So ratlos, so verzweifelt hatte er ihn schon lange nicht mehr gesehen. Diese Frau schien ihn schwach, ja, verwundbar gemacht zu haben.
Es war auch Zeit geworden. Sterblich hin oder her, zumindest hatte Oxana verhindert, dass diese Nîthiel in die Familie eingeheiratet hatte. Dafür verdiente sie seinen Dank und seine Unterstützung.
„Wenn sie nicht bleiben will, dann solltest du versuchen, ihr zu folgen". Er lächelte milde und legte eine Hand auf die Schulter des Prinzen. Legolas konnte sich nicht erinnern, wann er so etwas zum letzten Mal getan hatte. Er seufzte. „Ja. Ich werde ihr folgen, werde sie zurückholen und zu meiner Frau machen. Doch das ist es nicht, was sie will."
„Sie hat ihren eigenen Kopf. Das heißt nicht, dass sie dich nicht liebt. Vielleicht solltest du sie diese Sache erledigen lassen. Du kennst doch dieses Sprichwort der Menschen: Ein Mann tut, was er tun muss. Nun, vielleicht trifft das auch auf ihre Frauen zu."
„Ich frage mich, ob sie das ist…"
„Eine Frau?!"
„Vater!"- Legolas warf dem silberhaarigen Elb einen perplexen Blick zu, „ich meinte ein Mensch!"
Thranduils linke Braue wanderte steil nach oben. „Würde eine Elbin solche Aktionen starten?"
Legolas zuckte resignierend mit den Schultern und drehte seinem Vater wieder den Rücken zu. „Wahrscheinlich hast du Recht. Ich rede mir da wohl bloß etwas ein."
„Nun ja….etwas an ihr irritiert mich, wenn ich ehrlich sein soll"- Thranduil ließ seinen Blick haltlos durch den Raum schleifen, dem seines Sohnes bewusst ausweichend. „Und etwas sagt mir, dass du sie ihren Weg gehen lassen musst. Sie ist unruhig, ein Feuer brennt in ihr. Das ist nichts Schlechtes- solange es sie nicht verbrennt. Sie weiß selbst am besten, wie sie dieses Feuer unter Kontrolle zu halten hat."
Die Bilder, welche die Vision in ihrem Kopf zurückgelassen hatte, waren verschwommen, und je weiter sie sich ihrem Ursprung näherte, desto unklarer wurden sie. Ein heruntergekommenes Zimmer, ein verschmierter Spiegel….ein sperriges Bett, die schmutzigen Laken darauf. Oxana seufzte, sich darüber im Klaren, dass ein solches Zimmer in einer Stadt wie dieser nicht leicht zu finden sein würde.
Schon bevor sie das Tor zur Stadt durchschritten hatte, war ihr der ungute Geruch derselben in die Nase gestiegen, der faulige, abgestandene Geruch eines Stück Landes, das zulange von zu vielen Wesen einer Art bewohnt worden war.
Es roch nach Nässe, Schweiß, Viehmist und Fäkalien, und über allem schwebte dieser für viele Hafenstädte typische Geruch nach Fisch. Bald fiel es ihr leidig schwer, zwischen den einzelnen Gerüchen zu differenzieren, alle Eindrücke vermischten sich zu einem Neuen, Großen, Überwältigenden.
Und genauso wie ihr Geschmackssinn verloren sich auch ihre Augen in dem brodelnden Getümmel in den Straßen der Hafenstadt. Viel zu lange war sie großen Menschenansammlungen fern geblieben- aus gutem Grunde, meistens- und nach wie vor (und wohl auch in Zukunft) beschwor der Anblick so vieler ein verderbliches Gefühl in ihr herauf.
Nur mit Mühe gelang es ihr, sich ständig fortzubewegen, sich nicht andauernd umzusehen und die Leute misstrauisch zu beäugen. Was war ihr Plan? Sie wusste es nicht. Was sie hier tat, hatte nichts mit Überlegung oder Berechnung zu tun. Ein Gefühl gebot ihr plötzlich stehen zu bleiben. Ein Mann führte eine Kuh an ihr vorbei, die einen klapprigen Wagen zog.
Er hatte es eilig, denn es sah ganz nach Regen aus, und in der Ferne grollte bereits verhalten der Donner. Die eisenbeschlagene Räder klirrten so laut über die mit wenigen Steinen notdürftig ausgelegte Straße, dass der Lärm für einen Moment alles andere übertönte.
In diesem Moment stach ihr das Wappen eines Gasthauses ins Gesicht, das- mit ein paar ungeschickten, dicken Pinselstrichen gemalt- ein Fisch mit weit aufgerissenem Maul.
………hier muss es sein…… Ein kalter Schauer jagte über ihren Rücken, als die Erinnerung an diesen Ort mit einem Male in ihr Bewusstsein drang. Schon einmal war sie hiergewesen, vor einem guten Jahr, im Herbst, als das Jahr sich dem Ende und die ihr Leben sich einem neuen Anfang entgegen gewandt hatte. Und nun, jetzt, da der Kreislauf des Lebens erneut von vorne begann….würde ihre Zeit sich nun, umgekehrt, den Ende zuneigen? Sie vertrieb die finsteren Gedanken, ihr Gesicht verdüsterte sich augenblicklich. Sarnirs Vorgehen hatte durchaus Methode.
Und dennoch….es passte nicht zu ihm. Es war zu…grausam, zu durchtrieben und zu überlegt für einen Elben mit gebrochenem Herzen. Sein Wesen konnte sich doch nicht so grundlegend geändert haben, sein Herz doch nicht ihretwegen dermaßen erkaltet….
Oxana betrat die Schenke und sah sich um. Noch war es in der Wirtstube ruhig und die Luft erträglich, doch das würde sich in den nächsten Stunden ändern, wenn der Feierabend einsetzte. Ein paar Männer saßen müde in einer Ecke, eine spärliche Unterhaltung führend, an der Theke stand der Wirt und spielte Karten mit einem seiner Gäste.
Als er Oxana erblickte, glitt sein Blick zuerst gelangweilt von ihr ab, dann aber schien die Erinnerung an sie ihn einzuholen und er grinste ihr entgegen, schon lange bevor sie bei ihm angelangt war.
„Einen schönen Abend, werte Dame!", grüßte er sie überschwänglich und obwohl seine Worte von mehr Respekt zeugten als beim letzten Male, als sie sich gesehen hatten, blieb sein Grinsen schmierig und unverschämt.
Oxana rang sich ein unfreundliches: „Seid gegrüßt, Kreidinger" ab, bevor sie ihn zur Seite winkte, um ungestört mit ihm sprechen zu können.
„Euresgleichen scheint ja Gefallen an meiner bescheidenen Hütte gefunden zu haben", grinste Kreidinger, „doch mir soll's recht sein, das alte Volk hat noch keinem Unheil ins Haus gebracht, soweit ich weiß".
Oxanas Brauen wanderten nach oben. „Ihr erinnert euch an mich?"
Der Wirt lachte. „Ich vergesse selten ein Gesicht, das so gut zahlt."
„Dann erinnert Ihr euch auch sicher noch an meine Begleiter von damals?"
Kreidinger bejahte. „Einer von ihnen hat sich eben erst verabschiedet. Wenn Ihr nach ihm sucht- er wollte zum Hafen hinunter, soweit ich weiß, einen alten Freund besuchen oder so ähnlich. Wenn Ihr ein Zimmer wollt….- HEDA!"
Doch die Tür zur Schenke war bereits wieder hinter Oxana zugefallen und durch ein verschmiertes Fenster erblickte der Wirt noch kurz ihren grauen Mantel, bevor sie ganz aus seinem Blickfeld verschwand.
„Komisches Weib", knurrte der Alte und wandte sich wieder seinem Kartenspiel zu.
