Von Milui
Lean out your window, golden hair
I heard you singing in the midnight air
My book is closed, I read no more
Watching the fire dance on the floor
I've left my book, I've left my room
For I heard you singing
Through the gloom
Singing and singing, a merry air
Lean out the window, golden hair…
"Golden Hair", Pink Floyd
Ein Sturm hatte eingesetzt, der in seiner Heftigkeit und Ungezügeltheit alles übertraf, was Oxana bisher erlebt hatte. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht und brannte auf ihrer Haut wie abertausende eiskalte Nadeln. Wie dicke, graue Samtvorhänge wölbten sich die Wolken über ihrem verhüllten Kopf und hingen so schwer hernieder, als wollten sie jeden Moment aufbrechen und ihren Inhalt mit aller Schwere auf die kleine Stadt ergießen.
Donner und Blitz folgten einander bereits in so kurzen Abständen, dass es nur eine Frage von Minuten sein würde, bis das Unwetter sich direkt über dem Hafen befand.
Für einen Moment nur hielt sie inne, denn dieses Unwetter war es wert: Die Landschaft hatte sich binnen kürzester Zeit in ein Bild wie aus einem Albtraum entnommen verwandelt.
Das wenige Licht, das neben den Blitzen den Tag erhellte, war unwirklich und kränklich, als würde es jeden Moment ganz absterben. Neben den Geräuschen der tobenden Natur, den Blitzen, dem Donner und dem Tosen des aufgewühlten Flusses im Hintergrund, war nichts zu hören.
Die Straßen waren schon längst wie ausgestorben, nicht einmal die Bettler hielten sich bei diesem Wetter im Freien auf.
Ein krächzendes Husten ließ sie aufschrecken. Der Bogen lag plötzlich in ihrer Hand, ohne dass sie bewusst etwas dazu beigetragen hatte, und ihre steifen Finger schlossen sich um einen Pfeil in dem Köcher an ihrem Rücken. Sie glaubte nicht an Zufälle oder dass sich doch jemand in diesem Unwetter auf die Straße gewagt hatte. Nicht hier. Nicht jetzt.
Mit wenigen schnellen, weit ausgreifenden Schritten war sie bei der Mauer des Hauses. Irgendwo hier in der Nähe musste sich der Verursacher des Geräusches befinden. Sie legte den Pfeil auf den Bogen, spannte ihn aber noch nicht.
„Wer da?!", rief sie, nach einigen Sekunden der Überwindung. Keine Antwort kam. Dafür aber erklang erneut das selbe, heisere Krächzen wie zuvor. Nun war sie sich sicher, es drang aus dem Haus. Sie bog um die Ecke, sah sich rasch um, dann drückte sie probehalber gegen die vor Nässe schwarze Holztür. Zu ihrer Überraschung gab sie nach.
Drinnen war es muffig und finster, als hätten sich zu viele Menschen zu lange hier aufgehalten. Ihre Augen gewöhnten sich innerhalb von Sekunden an die Dunkelheit und sie trat ein. Der Raum war, bis auf ein paar einfache Möbelstücke und einen zerbrochenen Wasserkrug am Boden, leer.
Oxana hatte Mühe, das Hämmern ihres eigenen Herzens zu ignorieren und sich darauf zu konzentrieren, was ihre Sinne ihr sagten.
Dann lächelte sie plötzlich, ließ ihre Waffe sinken und ging zu dem Tisch in der linken hinteren Ecke des Raumes.
Blitzschnell fasste sie darunter und zog ein kleines, zusammengekauertes Bündel dahinter hervor. Das Kind kreischte vor Schreck und wehrte sich mit erstaunlicher Kraft gegen ihren festen Griff. „Beruhige dich", knurrte Oxana, „ich tu dir nichts!".
Als das hysterische Schreien nach einigen Sekunden noch immer kein Ende nahm, packte Oxana das Kind grob an den Schultern, schüttelte es und zwang es, ihr ins Gesicht zu sehen. „Hörst du?! Ich will dir nichts tun! Ich will dir helfen!"
Das Gör dachte nicht dran, stillzuhalten. Es brüllte weiter, heiser und hysterisch. Was auch immer hier geschehen war, es musste das Kind aufs Äußerste verstört haben.
Oxana gab auf, sie hatte weder Geduld noch Lust sich näher mit dem Balg herumzuschlagen und Kinder waren ohnehin nicht ihre Stärke. Aus irgendeinem Grund mochte sie kleine Menschen nicht und auch umgekehrt wurde ihr nicht besonders viel Liebe entgegengebracht.
Sie ließ das Mädchen- sie vermutete, dass es ein Mädchen war, weil es ein Kleid trug- auf einen Sessel fallen und sah sich stumm im Raum um.
Der zerbrochene Krug, ein umgeworfener Stuhl, ein Schürhaken, den jemand hastig aus der noch warmen Asche gerissen und dabei- inzwischen erkaltete- Kohle im Raum verstreut hatte, die sich in den Holzboden in Form schwarzer Löcher eingefressen hatte- dies waren wenige, aber eindeutige Hinweise auf einen Kampf, der hier- vor einigen Stunden- stattgefunden haben musste.
Das Kind hatte nicht aufgehört zu schreien, war aber inzwischen so heiser, dass man es kaum mehr hörte. Es war vom Stuhl geklettert und wieder an seinen ursprünglichen Platz unter dem Tisch zurückgekrochen.
Nun schlich sich doch etwas Mitleid in Oxanas Herz. Immerhin konnte das Kind ja nichts dafür, was möglicherweise seiner Familie zugestoßen war und es hatte vielleicht einiges mit ansehen müssen.
Diesmal ging sie in die Knie und versuchte sich somit auf die Ebene des Kindes zu begeben. Vielleicht brachte das ja irgendwas.
„Hast du dich jetzt beruhigt?", fragte sie und versuchte die Ungeduld aus ihrer Stimme zu verbannen. Die Augen des Kindes glänzten im Dunklen, sie merkte, dass es den Bogen in ihrer Hand fixiert hatte.
„Ich tu dir nichts damit. Ehrlich. Ich brauche das nur um mich zu verteidigen."
Das Kind schwieg. Sie hörte, dass sein Atem rasend schnell ging, wie der eines Hundes.
Vorsichtig legte sie den Bogen zur Seite und zeigte ihm ihre leeren Hände. „Wenn du mir sagst, was dir und deiner Familie passiert ist, kann ich dir vielleicht helfen, sie wiederzufinden".
„Er war in der Werkstätte", piepste das Kind. Oxana sah sich um. Außer der Eingangstür befanden sich in dem Raum noch zwei weitere- eine führte nach oben, eine stand halboffen und führte wohl in die angrenzende Schmiede.
„Wer?"
„Der schwarze Hund."
Oxana ahnte nichts Gutes. „Hat dein Vater ihn überrascht?"
Das Kind schüttelte den Kopf. „Nein. Er kam herein. Er sagte, er wolle das Schwert ausprobieren. Und dann…"
Oxana folgte ihrem Blick. Da waren Blutspuren auf der Treppe und weitere Spuren eines Kampfes. Sie stand auf, ging zur Treppe und hatte den Fuß bereits auf die unterste Stufe gesetzt, als das Kind wieder krächzte: „Nein, bleib da!"
Oxanas Hand glitt zu dem Dolch an ihrem Gürtel. „Ist er etwa noch da? Der Hund?"
„Nein".
„Was…?"
Es war ein kleines Stückchen hinter dem Tisch hervorgekrochen. „Bleib da", wiederholte es.
Es stand auf und sah sie aus glänzenden Augen an. „Bitte".
„Was ist los mit ihnen?! Das ist ein kleines, hilfloses Kind, verdammter Schweinhund!"
Die Tür wurde zugeknallt und Oxana hatte somit ihre Antwort.
Das war jetzt schon das vierte Haus, wo man sie nicht einmal einließ, geschweige denn ihr Anliegen vollständig vortragen ließ. Das Kind an ihrer Hand starrte sie groß an. Verdammt, sie hatte doch nicht ewig Zeit, einen Platz für dieses…ja, war es denn jetzt ein Mädchen?
Sie blinzelte das Kind argwöhnisch an. Sein Gesicht war rußverschmiert, das einzige was sauber war, waren seine blitzblauen Augen und überraschenderweise seine Zähne. Sogar sein Haar- blond oder rot oder irgendetwas dazwischen- war strubbelig und schmutzig und jetzt, nass durch den Regen, ähnelte es eher dem Fell eines Straßenköters.
„Du wäschst dich nicht gerne, oder?" , murmelte Oxana mehr zu sich selbst.
Das Kind schüttelte den Kopf.
Na herrlich. Sie sollte auf dem Weg zum Hafen sein und ihr eigenes Leben endlich mit ein, zwei Pfeilen in Ordnung bringen. Stattdessen rannte sie im strömenden Regen herum und versuchte irgendjemanden dieses Kind anzuhängen, damit sie wieder beide Hände frei hatte. Und natürlich nahm keiner gern ein so schmutziges, verängstigtes Gör aus der Hand einer völlig durchnässten, bewaffneten, unfreundlichen Frau, noch dazu bei einem Unwetter. Die Menschen hatten sie angesehen wie Sauron höchstpersönlich.
Jetzt erst bemerkte Oxana, dass das Kind keine Schuhe trug. Fluchend nahm sie es auf den Arm, hatte dabei ihre liebe Not, denn auch Bogen und Köcher wollten getragen werden.
„Hast du auch einen Namen?"
„Milui".
War das jetzt ein Mädchen- oder ein Jungenname?
„Und dein Vater?"
Die Kleine schniefte stark, ihre Augen wurden wieder wässrig. „Ist nicht so wichtig. Hast du eine Mutter?"
Milui schüttelte verängstigt den Kopf.
„Eine Tante?"
Wieder schüttelte sie den Kopf.
„Onkel? Opa? Oma? Große Schwester oder Bruder? IRGENDJEMANDEN?"
„Willi", stotterte die Kleine. Oxana seufzte auf. „Gut. Sehr gut. Wo wohnt Willi denn?"
„In unserem Stall", antwortete Milui. Sie zitterte am ganzen Körper. Übrigens war sie sehr leicht, bemerkte Oxana. Sie kannte sich nicht so gut aus bei Kindern- aber sehr alt was Milui nicht. Vielleicht sechs, sieben? Sie konnte so ein kleines Ding doch nicht irgendwo abstellen wie einen Besen. Und wo auch? Wieder zu ihrem toten Vater an den Ort, der für das Kind nunmehr nichts als Schrecken beinhaltete? Aber sie hatte auch keine Zeit sich um das Mädchen zu kümmern. Und Mitnehmen ging auch nicht. Es war zum Heulen!
„Mir ist kalt", presste Milui zwischen klappernden Zähnen hervor.
„Weißt du…ich möchte gern den Mörder deines Vaters verfolgen, aber…"- Oxana brach ab. Egal was sie sagte, es schien die Lage nur noch zu verschlimmern. Es schluchzte schon wieder. Der Himmel hing tief über ihnen, das Gewitter hatte seinen Höhepunkt erreicht und Oxana dachte einen Moment mit fast sehnsüchtigem Bedauern daran, was sie jetzt mit ihrem Bogen und dem Dolch anstellen könnte, wäre da nicht…dieses Kind da.
Es fiel ihr sehr, sehr, sehr, sehr schwer ihre Pläne zu ändern. Aber so sehr sie es auch wollte…sie konnte Milui nicht einfach in eine Ecke stellen und weiterlaufen. Das Kind hatte ohnehin schon einen Schaden fürs Leben.
„Na gut. Wir warten bis der Regen vorbei ist." Sie machte kehrt und nach wenigen Minuten standen sie wieder beim singenden Fisch.
Der Wirt würdigte sie nur eines kurzen Blickes, als sie eintrat. Die Stube war nur halbvoll, die meisten hatten sich bloß vorm Regen geflüchtet und alibihalber ein Bier bestellt, an dem sie lustlos herumnuckelten. Ein Grüppchen stand beim Fenster und beobachtete halbinteressiert das Unwetter draußen.
Natürlich hatte sie daran gedacht, das Kind an Kreidinger zu übergeben. Aber nur der Gedanke an sein schmieriges, zahnloses Gesicht hatte gereicht, um diese Idee wieder zu verwerfen.
„Ein Zimmer für eine Nacht", sagte sie und warf ein paar Münzen auf den Tresen. Wortlos warf der Wirt einen rostigen Schlüssel dazu und widmete sich weiter seiner Flasche Schnaps.
„So. Zieh die nassen Sachen aus und gib sie mir". Die Kleine gehorchte widerspruchslos und Oxana bemerkte, dass dem Kind bereits die Augen zufielen. Kein Wunder, nach all dem was geschehen war. Als sie die Sachen provisorisch auf den Kasten gehängt hatte und sich umdrehte, war Milui bereits eingeschlafen. Ein Lächeln schlich sich in Oxanas Gesicht. Sie wickelte das Mädchen in die alte Decke ein, die sie im Kasten gefunden hatte und trat ans Fenster.
Vielleicht war es gut so, dacht sie, vielleicht sollte sie die Zeit nützen. Silaid hatte lange Zeit gehabt sich über ihr Ableben Gedanken zu machen. Es war nicht klug, einfach so drauf los zu kämpfen und aufs Beste zu hoffen. Früher hatte Rawen immer die Pläne ausgearbeitet. Silaid und sie hatten immer darauf vertraut, dass nichts passierte. Nun war es an der Zeit, sich selbst Gedanken zu machen, wenn sie nicht alles verlieren wollte, was sie in den letzten Monaten geschenkt bekommen hatte.
Doch wie sollte sie es mit der Verschlagenheit eines Halborks- Halbirgendetwas aufnehmen?
Gab es etwas, wovor sich dieses Scheusal fürchtete? Gab es irgendetwas, was er verabscheute, mied? Etwas, was ihn dazu treiben könnte, einen Fehler zu begehen?
Oxana seufzte und rieb sich die Oberarme.
Das einzige, was dieser Beschreibung entsprach, war wohl sie selbst.
Und dann, plötzlich, erschien alles ganz einfach. Sie musste nur noch an den Details feilen...
