Liebe Leser und Leserinnen- wenn ihr noch da draußen seid!
Es hat beinahe 10 Jahre und eine kleine Weltreise benötigt um mich wieder an meine alte Leidenschaft für diese Geschichte zu erinnern. Vor Kurzem habe ich ein sehr nettes Review einer Leserin in New York erhalten, was ich als Schicksalswink verstanden habe, da ich gerade in Amerika lebe. Außerdem habe ich hier eine junge Dame kennengelernt, die ebenfals HDR Fanfictions schreibt. Diese beiden tollen Frauen haben mir dabei geholfen, mich wieder ans Steuer, bzw. an die Tasten zu setzen. Ich bin euch sehr, sehr dankbar!
Viel ist inzwischen passiert bei mir und ich habe versucht, mich so gut wie möglich in meine Charaktere wiedereinzuleben. Wenn euch dennoch ein Logikfehler unterkommt, lasst es mich bitte wissen- es ist, als wäre ich 10 Jahre nicht mehr daheim gewesen. Da vergisst man schon Mal das eine oder andere Detail.
Viel Spaß beim Lesen!
Connatica
Von einem Alleingang
Anyone who's ever had a heart
Wouldn't turn around and break it
and anyone who's ever played a part
Wouldn't turn around and hate it
(Sweet Jane, Cowboy Junkies)
Es war stockdunkel als Oxana vorsichtig die Tür des Wirtshauses hinter sich zuzog und ins Freie trat. Das Gewitter war vorüber, doch noch immer fiel leichter Nieselregen auf die Stadt. Der direkteste Weg zum Hafen führte durch eine enge, gepflasterte Straße, die nur an wenigen Stellen vom Licht, das aus dem Fenster der lokalen Wirtshäuser fiel, erhellt wurde.
Ein Großteil des Unrates, des sich tagsüber auf der Straße angesammelt hatte, war vom heftigen Regen fort, oder zumindest weitergespült worden, sodass ihre Füße zur Abwechslung nicht beinahe knöcheltief in stinkendem Schlamm versanken, als sie sich hastig dem Haus am Hafen näherte. Oxanas Hand hatte sich ohne ihr Zutun fest um den Griff des Elbendolches an ihrer Hüfte geschlungen und hielt sie hielt sich den ganzen Weg lang daran als müsse er ihr Halt geben.
Halt bei was? Halt vor wem? In ihrem Hinterkopf begannen sich die Teile dessen, was sie in ihrer Vision und in Miluis zuhause gesehen hatte mit ihren schlimmsten Befürchtungen zu einem furchtbaren Ganzen zusammenzufügen. Hatte Sarnirs Ego tatsächlich dermaßen unter ihrer Zurückweisung gelitten, dass er gemeinsame Sache mit diesem Scheusal Silaid machte? Etwas in ihr zog sich kurz schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken dabei mitgewirkt zu haben, den Elb in diese Lage zu treiben. Hatte er diese Frau tatsächlich getötet? Und war er dabei gewesen, als Silaid Miluis' Eltern wie Vieh abgeschlachtet hatte? Sie konnte, wollte nicht glauben dass sich ein Charakter so grundlegend verändern konnte, nur wegen verletzten Stolzes. Konnte sie dem, was sie in der Kugel gesehen hatte, tatsächlich Glauben schenken? Auch die Tatsache, dass sie den toten Körper der Frau nicht dort gefunden hatten, wo sie es erwartet hatte, nicht einmal einen einzigen Blutstropfen, ließ ihre Zweifel an der Schuld des Elben wachsen. Sie fürchtete sich vor dem Moment, wenn er ihr das nächste Mal gegenüberstehen würde, da sie nicht wusste, welche Gefühle in ihr aufkommen würden.
Bei dem, was Oxana als nächstes tat, hatte sie jedoch keine Zweifel. Einen tiefen Atemzug nehmend blieb sie vor dem Gebäude, das der Wirt ihr beschrieben hatte stehen und hämmerte dreimal kräftig gegen die hölzerne Tür. Es dauerte einige Sekunden bis sich im Inneren des unscheinbaren grauen Gemäuers etwas zu regen begann. Gelbes Licht strömte durch ein paar Spalten in den verriegelten Holzfensterläden und schließlich näherten sich langsame Schritte der Tür. „Wer da?!", krächzte eine leicht zittrige, verschlafen klingende Frauenstimme.
„Seid Ihr Kamil?", erwiderte Oxana statt einer Antwort.
„Wer will das wissen?"
„Ich bin…die Verlobte des Prinzen des Düsterwaldes" Nach wie vor sträubte sich jede Faser in Oxana, sich einer fremden Person auf diese Weise vorzustellen und ihre Stimme klang fast wie die einer Fremden in ihren eigenen Ohren. „Mein Name ist Oxana."
Es folgte ein langes Schweigen und als Oxana schließlich Zweifel daran bekam, dass die Frau hinter der Tür überhaupt reagieren würde, löste sie seufzend einen kleinen Lederbeutel von ihrem Gürtel und ließ die Münzen darin klirren. „Ich kann bezahlen."
Sie hatte ihren Satz noch nicht beendet, da wurde die Tür aufgerissen und die betagte Kamil, die nichts als ein einfaches weißes Nachthemd trug, gebot ihr Einlass allerdings erst nachdem sie sich mit einem Blick in den Beutel davon versichert hatte, dass Oxana auch die Wahrheit gesprochen hatte.
„Oxana vom Düsterwald, häh?" Die grauhaarige kleine Frau humpelte ein wenig, bemerkte Oxana, als sie ihr in die einfache Stube folgte. Kamil drehte sich plötzlich um, hielt ihre Öllampe höher und ließ ihre dunklen, aufgeweckten Augen prüfend von oben bis unten über Oxans Gestalt gleiten. Ihren Blick als skeptisch zu bezeichnen wäre pure Untertreibung gewesen, doch Oxana hatte sich inzwischen an derartige Blicke gewöhnt und ignorierte ihn geflissentlich. „Oxana vom Düsterwald", bestätigte sie und musste zugeben, dass ihr dieser Titel schon um einiges mehr zusagte als der vorige.
Etwas an ihrer Tonlage musste die alte Dame überzeugt haben, denn diese lächelte plötzlich, ein paar wenige gesunde Zähne und viele Zahnlücken im Schein der Öllampe enthüllend. „Und wann wird die Hochzeit gehalten?" Oxana verzog ihren Mund bemüht zu so etwas wie einem Lächeln. „Wie lange braucht es, ein Kleid anzufertigen?"
Die Tatsache, dass Legolas nur zwei weitere Männer an seiner Seite hatte, um ihr zu folgen, schmeichelte Oxana. Er hätte sich genau so gut eine halbe Armee nehmen können, um seiner Verlobten hinterherzureiten, doch vielleicht hatte er inzwischen mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewonnen. Oder Thranduil war endgültig der Geduldsfaden gerissen und er hatte sich geweigert, einen ernsthaften Trupp für diese Aktion zur Verfügung zu stellen.
Obwohl sich die drei Elben in unauffällige, abgewetzte Mäntel gehüllt und ihre Pferde vermutlich vor den Stadttoren abgestellt hatten, war es für Oxana ein Leichtes, sie von den hektisch herumeilenden Menschen auf der Straße zu unterscheiden. Ihre Bewegungen waren zu leicht, zu fließend und der Kontrast zur brodelnden Geschäftigkeit auf der belebten Straße einfach zu groß.
Dennoch schien überraschenderweise niemand sonst ihre Anwesenheit wahrzunehmen. Fast wie Geister schwebten die drei schmutziggrauen Gestalten zwischen Karren voller Karpfen, Aale und Flusskrebse hindurch, und nicht einmal die aufmerksamen Marktschreier schenkten ihnen mehr als einen flüchtigen Blick.
Oxana schloss leise die Fensterläden, um den Lärm und das Licht auszusperren und der…oder dem… schlafenden Milui noch ein paar friedliche Minuten Schlaf zu ermöglichen. Mitleidig sah sie auf das leise schnarchende Häufchen hinab. Das arme Ding hatte die ganze Nacht wie ein Stein durchgeschlafen, erschöpft und überfordert von dem, was am Tag zuvor passiert war. Sie hingegen hatte kein Auge zugetan, nachdem Kamil an ihr Maß genommen hatte und sie in das Wirtshaus zurückgekehrt war.
Unten wurden Stimmen laut. Oxana band ihre Locken zu einem festen Knoten, atmete noch einmal tief durch und verließ das enge Zimmer. Das, was jetzt kam, würde Legolas ganz und gar nicht gefallen.
Legolas und seine beiden Begleiter hatten den Tresen noch nicht einmal erreicht, als Oxana in die Wirtsstube trat. Als er sie erblickte, musste sie den Impuls unterdrücken laut aufzulachen, da sein Gesicht zugleich Freude, Erleichterung als auch Verwirrung und nicht zuletzt Wut auszudrücken versuchte, was ihm jedoch kläglich misslang. Er wirkte ein wenig wie ein Fisch, der gerade aus dem Wasser katapultiert worden war, fing sich aber schnell wieder. Gleichzeitig freute sie sich, ihn zu sehen und bereute schon jetzt den Streit, den sie heraufbeschwören würde. Aber so wie die Dinge standen, gab es nur diesen einen Weg. Sie musste die Kontrolle in dieser Sache zurückerlangen, koste es, was es wolle. Vielleicht sogar Legolas' Zuneigung.
Kreidinger und zwei frühe Gäste- oder Übriggebliebene vom Vorabend- renkten ihre Köpfe und glotzten neugierig, die aufgeladene Stimmung wahrnehmend.
„Es geht dir gut?"
Oxana nickte. „Ich bin heil und ganz. Es ist gut, dich zu sehen."
Er ignorierte ihren- aus ihrer Sicht- Gefühlsausbruch und seine Stimme war vollkommen tonlos, als er sagte: „Du schuldest mir eine Erklärung".
Oxana setzte an, sich innerlich windend, ihm die Lage näher beizubringen, als am oberen Ende der Treppe eine kleine Gestalt auftauchte. Vorsichtig, eine Stufe nach der anderen nehmend, kletterte Milui nach unten und trippelte an Oxanas Seite. Das Kind war noch immer in seine Decke gewickelt, die es halb hinter sich her schleifte. Verschlafen blinzelte Milui in die Gaststube und zuckte merklich zusammen, als sie die hochgewachsenen Gestalten der Elben erblickte. Augenblicklich schmiegte Milui sich enger an Oxana und krallte die kleinen Hände in deren Umhang.
Legolas starrte einfach nur perplex auf das Kind an der Seite seiner Verlobten. Sie wollte lieber nicht wissen, welche Vermutungen ihm gerade durch den Kopf schossen.
„Ich werde es dir auf dem Weg erklären", lächelte Oxana mit einem Lächeln, das viel zu viele Zähne entblößte. Verdammt, sie sollte aufhören, seine Verwirrung dermaßen zu genießen! Aber sie konnte gerade nicht anders.
„Auf dem Weg wohin?". Legolas schien nun endgültig die Geduld zu verlieren.
„Zur Schneiderin. Mein Hochzeitskleid sollte morgen Abend fertig sein."
Sobald Leriel die Tür hinter sich und dem Kind geschlossen hatte, schien Legolas zu explodieren.
„Eine HOCHZEIT!?" Seine Stimmlage war irgendwo zwischen einem Kreischen und einem Brüllen einzuordnen.
"Du wolltest doch..."- Oxana kam nicht dazu, sich weiter aus der Sache zu winden.
„Das ist dein Plan? Du willst mich hier"- es klang, als speie er das Wort aus und er machte eine entsprechende ausholende Geste mit der Hand, „heiraten? Nur um es diesem Scheusal heimzuzahlen? Hörst du nicht wie verrückt sich das anhört?"
„Ich will ihm nichts heimzahlen", korrigierte ihn Oxana vorsichtig, „ich möchte ihn umbringen. Ich will seine hässliche Fratze ein für alle Male ins Jenseits befördern und ihn für all das zahlen lassen, was er getan hat. Ich will mich nicht mehr länger verkriechen müssen."
Legolas starrte sie einige Sekunden blank an.
„Rache. Darum geht es dir. Darum geht es dir immer, wie mir scheint. Aber was habe ich mir erwartet? Rache und Tod sind dein Handwerk."
Es war kein Vorwurf, es war eine Feststellung, die er da machte. Oxana wusste nicht so recht, wie sie darauf reagieren sollte und stand einige Herzschläge einfach nur etwas hilflos vor ihm. Er klang etwas traurig, und mit traurig wusste sie nie so recht etwas anzufangen. Sie hätte sagen können, dass sie es tat, um in Ruhe ihr Leben mit Legolas genießen zu können. Vielleicht hätte sie einfach lügen sollen, nur, um ihm zu versichern, dass sie alles nur aus Liebe zu ihm getan hatte, doch sie konnte es nicht.
Als Legolas nach langem Schweigen nicht weitersprach sondern ihr stattdessen den Rücken zuwandte und nachdenklich aus dem Fenster sah, sagte sie schließlich etwas, das ihr beinahe die Luftröhre abschnürte während sie sprach:
„Wenn du mich nicht heiraten willst, verstehe ich das. Du weißt…ich weiß, dass ich nie das sein werde, was dein Volk sehen will. Was dein Vater sehen will. Ich verstehe, wenn du…"-
„Halt den Mund!"
Ihre Augen wurden groß. Noch nie hatte er auf diese Art mit ihr gesprochen, und augenblicklich regte sich Widerstand in ihr, doch er ließ sie wieder gar nicht erst zu Wort kommen, was sie schon langsam zu ärgern begann.
„Natürlich will ich dich heiraten. Es ist mir gleich was mein Volk und mein Vater sehen wollen, sie können gern woanders hinsehen, wenn ihnen nicht gefällt was sie sehen. Ich bin kein Kind mehr, das um die Liebe seines Vaters buhlt!" Er wischte ihre Worte mit einer zornigen Geste beinahe verächtlich aus dem Raum, „und du hast Recht: die Welt ist eine bessere ohne Silaid. Doch was du getan hast…" Er rang hilflos mit den Händen in der Luft, „ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll!".
Er atmete tief durch, dann sprach er etwas ruhiger weiter: „Narmî, mein Herz gehört dir. Wäre ich sonst hier und würde mich so zum Narren machen? Ich weiß, auf deine…eigene…Art liebst du mich auch. Darum geht es hier aber nicht." Er hielt kurz inne. „Es ist…ich kann nicht die nächsten Jahrzehnte meines Lebens mit jemandem verbringen, der seine Gedanken und Gefühle nicht teilen kann und der ständig…wankt." Er schien nach einem besseren Wort zu suchen um auszudrücken, was er meinte, doch er fand keines.
Oxana verstand auch so, wusste aber nichts zu erwidern.
„Ich tue mein Bestes", blubberte sie schließlich in Ermangelung einer besseren Idee.
Legolas legte den Kopf zur Seite. „Tust du das?"
Wieder stand sie nur wortlos da und kam sich langsam vor wie ein Kind, das etwas angestellt hatte.
„Ich bin...ich möchte..."- Sie kramte noch etwas länger in ihrem Gefühlsvokabular bevor sie endlich einen vollständigen Satz zustande brachte: "Wie kann ich etwas teilen, das ich selbst nicht ganz verstehe?" Sie pausierte kurz. „Und wie kann ich…nicht wanken, bei all dem was war und was jetzt ist...ich weiß ja nicht einmal wirklich, was ich bin" Ihre Stimme klang heiser.
Legolas zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es auch nicht. Ich wünschte ich könnte, aber ich kann es dir nicht sagen. Das alles musst du selbst herausfinden."
Mit einem langgezogenen Seufzen setzte er sich auf das zerwühlte, nach Stroh riechende Bett, stütze seine Ellbogen auf seine Knie und barg seinen Kopf in seinen Händen, als wäre er ihm auf einmal zu schwer geworden. „Na gut. Ich spiele mit." Er schwieg einen Herzschlag lang, schien intensiv nachzudenken und sagte dann: „aber wenn das alles vorbei ist…falls alles nach Plan läuft, was ich zu bezweifeln wage…und falls wir beide am Ende unseres Hochzeitstages noch am Leben sind-" „könntest du endlich zum Punkt kommen?" "- was ich sagen will ist: etwas muss sich ändern."
Das war sehr vage, vage genug um bei Oxana ein äußerst flaues Gefühl in der Magengegend entstehen zu lassen. Schließlich nickte sie. „Ja. Du hast Recht. Etwas muss sich ändern."
Hmhmhm! Ich bin zwar etwas eingerostet, habe aber ein paar gute Ideen für ein weiteres, etwas actiongeladeneres Kapitel. Ich bitte um und freue mich auf eure Rückmeldungen!
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