Von einer geheimen Hochzeit
Vorsichtig ausgedrückt konnte man behaupten, dass die alte Hafenstadt einen eher rustikalen Charme besaß und sich daher die Ausrichtung einer Hochzeit- besonders einer mehr oder weniger königlichen- etwas schwierig gestalten würde. Für ein paar Stunden hatte es sogar tatsächlich den Eindruck gemacht, als würde Oxanas Plan an der Wahl einer Örtlichkeit für das Fest scheitern, doch zu guter Letzt war es Kamil gewesen, die ihnen den Tipp mit der Markthalle am Hafen gegeben hatte.
Oxana stemmte die Hände in die Hüften, ließ ihren Blick durch die- im Moment gestopft volle- Halle gleiten und nickte anerkennend. „Ich sehe Potential für eine königliche Spontanhochzeit".
„Ich sehe Katzen, die sich um Fischköpfe streiten", murmelte Leriel und verzog angewidert das Gesicht, allerdings unfähig, seinen Blick von dem bizarren Katzenkampf hinter einem der Fischstände loszureißen. Daeron, der dritte Elb im Bund, ein sehr ruhiger Geselle, folgte der Szene ebenfalls interessiert.
Legolas setzte an, etwas zu sagen, fand aber keine Worte und brachte letztendlich nur ein langgezogenes: „Mhmm" hervor. Obwohl sie beide wussten, dass diese „Hochzeit" nichts anderes als eine Farce war, um Silaid und vielleicht auch Sarnir in eine Falle zu locken, wusste Oxana, dass Legolas die Zügel nicht vollkommen aus der Hand geben würde was die Planung des Festes betraf.
Sie deutete nach oben. „Schau dir die Kuppel an. Wer hätte gedacht, dass es in dieser Stadt so etwas Schönes gibt?" Oxana und die drei Elben hatten sich endlich ihren Weg zwischen den beidseitig aufgebauten Marktständen ins Zentrum der Halle gebahnt, welches aus einem runden, ordentlich gepflasterten Platz bestand, der von einer kleinen hölzernen Halbkugel überwölbt wurde. Durch vier kreisförmige Öffnungen an den Seiten der Kuppel strömte Tageslicht auf die Köpfe der herumeilenden Menschen und auf eine steinerne Statue in einem kleinen Zierbrunnen im Zentrum des Platzes. Die Gruppe näherte sich der Statue, die Umgebung aufmerksam mit ihren Blicken abtastend.
„Ich werde mir die Sache Mal von oben ansehen", murmelte Leriel und winkte Daeron, ihm zu folgen. Bevor Oxana etwas sagen konnte, waren die beiden schon im Getümmel verschwunden.
„Nun?" Sie versuchte ihrer Stimme einen möglichst zuversichtlichen Klang zu geben.
Legolas musterte die Kuppel, den Platz und wies dann auf die halbzerfallene Statue. Sie stellte einen bärtigen, grimmig dreinschauenden Mann dar, der ein Fischernetz über der rechten Schulter trug. Wasser quoll aus dem weitaufgerissenen Maul eines überdimensionalen Karpfen zu seinen Füßen, der sich dort mit einer ganzen Menge anderem Meeresgetier tümmelte.
„Weißt du, wer das ist?"
Oxana schüttelte den Kopf.
„Ulimo, Herr der Wasser. Er herrscht über das Meer, die Flüsse und alles, was darin lebt. Er ist außerdem bekannt dafür, es nicht lange an einem Ort auszuhalten."
„Willst du damit etwas andeuten?"
„Ich finde diesen Ort gut. Aber seine Anwesenheit hier ist kein gutes Omen für eine Hochzeit. Ich mache mir Sorgen, mein Herz. Ich habe die Befürchtung, dass dieses Schauspiel sich in eine Tragödie wandeln könnte."
Oxana überlegte kurz, dann ergriff sie Legolas' Hand und drückte sie fest, als sie weitersprach. „Du weißt, dass dies auch nicht mein Traum von einer Hochzeit ist. Obwohl ich eigentlich nie davon geträumt habe. Wie auch immer- du weißt, warum ich das hier trotzdem tun muss. Bitte, vertraue mir. Wenn alles vorbei ist haben wir alle Zeit der Welt um eine richtige Feier abzuhalten. Doch dazu wird es nie kommen, wenn wir das hier nicht tun."
Legolas lächelte und seine Augen wurden etwas weicher. „Eine Frau muss tun, was sie tun muss, nehme ich an". Oxana legte den Kopf schief. „So kenne ich dieses Sprichwort nicht, aber na gut."
„Und wenn er gar nicht erst auftaucht? Wenn er merkt, dass alles nur…"
Unvermittelt Oxana musste an die Worte Taurons denken : „Rot macht sich auf Weiß sehr gut." Silaid war hier, das spürte sie, er war in der Nähe und er wusste, dass sie hier war. Auf die Gefahr hin, dass ihr Plan scheitern würde- etwas sagte ihr, dass sie sich auf die Prophezeiung ihres Vaters verlassen konnte.
„Er wird kommen. Er wird der Versuchung nicht widerstehen können."
Legolas nickte schließlich, und nach wenigen Momenten kamen auch Leriel und Daeron, die nun deutlich fröhlicher wirkten als zuvor, von ihrer Erkundungstour zurück.
„Die Fenster sind groß genug und das Dach bietet ausreichend Halt und Deckung. Mit einem Bogenschützen da oben und einem hier unten, sowie Herrn Legolas und einer Assassine sind wir eindeutig im Vorteil." Daeron strahlte geradezu und man merkte nun, dass dieser Elb eindeutig ein Krieger war. Sein zuversichtliches Strahlen verschwand allerdings augenblicklich, als Leriel im einen abmahnenden Blick zuwarf, sobald er das Wort „Assassine" ausgesprochen hatte.
„Wunderbar. Der Fischmarkt schließt an zwei Tagen die Woche…also in drei Tagen. Bis dahin müssen wir dafür sorgen, dass diese Hochzeit gerade so geheim ist, dass es jeder mitkriegt", lächelte Oxana zufrieden. Und sie musste sich noch irgendeinen Grund für diese übereilte Zeremonie überlegen, der nicht vollkommen lächerlich klang.
Sie wandte sich an Legolas. „Wird dein Vater noch mehr Männer schicken?"
„Mein Vater", antwortete Legolas beiläufig als er sich zum Gehen umwandte, „hat wahrscheinlich noch nicht einmal bemerkt, dass ich nicht mehr im Düsterwald bin."
Milui schien den Platz an Oxanas Rockzipfel besonders lieb gewonnen zu haben und verbrachte zu deren Leidwesen die nächsten Tage hauptsächlich an ihrer Seite. Meist war sie vollkommen still (am vorangegangenen Waschtag hatte sich gezeigt, dass Milui ein Mädchen war) und tat, was man ihr auftrug, und so kam es vor, dass Oxana hin und wieder vollständig auf ihre Anwesenheit vergaß.
Auch bei der letzten Anprobe des Hochzeitskleides am Tag vor dem Fest in Kamils Stube war dies der Fall. Oxana war gerade im Begriff, ihren Gürtel abzulegen, als ihre Hand über die des Kindes, das sich daran festklammerte, strich. Sie erschrak beinahe zu Tode.
„Milui!"
Das Mädchen blinzelte verschlafen zu ihr empor. Reste von dem Haferbrei, den sie entweder am Morgen oder zu Mittag gegessen haben musste klebten noch in ihrem blassen Gesicht. Oxana hätte schwören können, die Kleine vorhin bei Kreidingers Frau abgegeben zu haben, die sich in den letzten Tagen mit Hingabe um das schweigsame Kind gekümmert hatte.
„Es ist gut. Sie kann sich auf die Ofenbank legen", rief Kamil, die am anderen Ende des Raumes in einer Kiste kramte und einen Augenblick später triumphierend ein Knäuel gestickter Bänder daraus zu Tage förderte. „Da sind sie ja!", rief sie und eilte, die Bänder entwirrend, zu ihrer Kundin zurück.
Oxana hob Milui auf und platzierte sie wie einen Gegenstand auf der Ofenbank, bevor sie sich daran machte, sich ganz zu entkleiden und in das fast fertiggestellte Kleid zu schlüpfen. Dabei entging ihr allerdings nicht Kamils kritischer Blick. „Hattet Ihr schon jemals mit Kindern zu tun?"
Oxana lachte kurz auf. „Kinder hatten in meinem Leben nie einen Platz. Und das ist gut so, für die Kinder und für mich."
Kamil klemmte sich eine Reihe Stecknadeln zwischen ihre trockenen Lippen, womit sich dieses Gespräch erledigt hatte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit an Herumziehen, Stecken, Schneiden und Auftrennen ließ die Alte endlich wieder von ihrer Kundin ab und betrachtete sie aufs Kritischste, so wie sie es an dem Abend ihrer ersten Begegnung getan hatte. Fasziniert beobachtete Oxana die zahllosen tiefen Falten, die dabei auf der Stirn der Schneiderin entstanden. Endlich nickte diese, wohl ein Zeichen, dass Oxana sich nun im Spiegel betrachten durfte.
Inzwischen war es Nacht geworden und nur ein paar Kerzen und Öllampen hatten ihnen Licht bei der Arbeit gespendet. Der Spiegel, der zur Ausstattung der Hausschneiderei gehörte, war etwa halb so groß wie Oxana und beinahe blind, reichte Oxana aber aus, um sich ein Bild zu machen.
Das feine Leinen des recht einfachen, aber mit schönen Stickereien verzierten Kleides schmiegte sich zwar enger an ihre Rundungen als ihr lieb war, aber sie war mit dem Gesamtergebnis durchaus zufrieden. Kamil hatte gute Arbeit geleistet in dem recht kurzen Zeitraum. Ja, sie sah einer echten Braut täuschend ähnlich.
„Wie werdet Ihr euer Haar tragen?"
Oxana zuckte mit den Schultern. „Gewaschen?"
Kamil lachte leise in sich hinein, kramte in einer Tasche in ihrer Schürze und zog ein mit unregelmäßigen, kleinen Süßwasserperlen besticktes, fingerbreites Band zutage.
„Kommt morgen noch einmal zu mir und ich werde euch damit etwas zurechtmachen. Mehr habe ich leider gerade nicht bei der Hand." Oxana nickte dankbar und begann sich etwas umständlich aus dem Hochzeitskleid zu schälen. Sie ignoriere dabei Kamils verstohlene Blicke, die ganz sicher der nicht geringen Anzahl von Narben auf ihrem Körper galten.
„Habt Ihr mir etwas zu sagen?" Oxana hob ihren Dolch vom Boden auf und beschloss spontan, dessen Glanz und Schärfe im fahlen Kerzenlicht zu überprüfen, anstatt ihn an ihren Gürtel zurückzuhängen. Dies war zwar völlig überflüssig, aber sie hatte einfach Freude daran, Kamils etwas nervösen Gesichtsausdruck zu beobachten, als diese umständlich nach Worten suchte.
„Man hört, dass…also man erzählt sich, dass der Elbenkönig nicht einverstanden mit eurer Verbindung mit dem Prinzen war. Ist das wahr?"
Oxanas Augen blieben auf ihre Waffe geheftet als sie vorgab, einige Sekunden nach den richtigen Worten zu kramen. Innerlich klopfte sie sich selber auf die Schultern. Wunderbar! Ihr Gerücht hatte also die Runde gemacht, und zwar in Rekordzeit. Ein paar etwas zu laute Unterhaltungen in der Gegenwart des Wirtes und seiner Frau hatten also ihre Wirkung getan.
„Selbst wenn dem so wäre ginge euch das nichts an", erwiderte sie schließlich kühl und hob ihren Mantel auf. „Gibt es sonst noch etwas, was man…so hört?"
Man sah Kamil an, dass ihre Neugier und ihre Freude am Klatsch schon längst ihre Vorsicht besiegt hatten. Dennoch klang ihre Stimme etwas zögerlich, als sie endlich fortfuhr- innere Jubelschreibe bei ihrem Gegenüber auslösend- „Man sagt, Ihr seid eine Blutjägerin. Oder zumindest, dass Ihr eine wart. Und dass das der Grund für die Einwände gegen eine Heirat sei…" sie brach ab und starrte sie abwartend an.
Oxana drehte ihr den Rücken zu, um sich daran zu machen, die schlafende Milui von der Ofenbank aufzuheben. „Ich denke, Ihr braucht meine Antwort nicht wirklich, liebe Kamil. Ihr habt genug gesehen, um euch selber ein Bild zu machen. Ich würde es aber schätzen, wenn Ihr das, was Ihr gehört habt, für euch behaltet."
Morgen würde die ganze Stadt Bescheid wissen, wenn dem noch nicht so war.
Sie verließ das Haus wenige Minuten später mit Milui, die ihre Arme wie eine Schraubzwinge um ihren Hals und ihre Beine um ihre Taille geschlungen hatte.
Es war windig und kalt im Freien, daher wickelte Oxana ihren Mantel um sie beide auf dem Weg zurück ins Wirtshaus. Irgendwo am Straßenrand nahm sie einen Schatten war. Einer der Elben war ihr den ganzen Tag auf Anweisung ihres Verlobten auf Schritt und Tritt gefolgt.
„Wirst du ihn morgen töten?", fiepte plötzlich eine Stimme an ihrem Hals. Das Kind hatte seit Tagen kein Wort gesprochen und sie hatte schon beinahe vergessen, wie sie klang. Offenbar hatte Milui dennoch alles um sich herum genauestens mitbekommen. Oxana zollte der Kleinen innerlich Respekt und fragte sich gleichzeitig, was in deren Kopf vorging.
„Ja, das werde ich. Er wird bezahlen für das, was er deiner Familie angetan hat."
Milui nickte, klammerte sich für ein paar Sekunden noch fester um sie, und ließ erst dann locker, als der Schlaf sie wieder einholte.
Später, als Oxana das Kind in Decken gehüllt hatte und sich an Legolas' Seite schmiegte, setzte ihr Herz für einen Schlag aus. Irgendetwas hatte an dem Schatten, den sie zuvor gesehen hatte, nicht gestimmt.
