Ich musste die Worte herunter schlucken, die bei ihrer Antwort auf meine Beichte in mir aufkamen, weil sie einfach grausam ehrlich und falsch gewesen wären, aber etwas anderes kam mir in den Sinn.
Sollte das heißen, sie vergab es ihm einfach so?
Sollte das heißen, es war ihr sogar egal?
…und dass es überhaupt nichts änderte
Ich wandte den Kopf von ihr ab und fragte mich, ob dieses ganze Gespräch hier gerade eben überhaupt einen Sinn gehabt hatte.
Aber scheinbar nicht.
Ich hätte mir nicht die Mühe machen müssen, das alles heraus zu würgen, ich hätte einfach schweigen sollen.
War also alles, was Stefan in den letzten zwei Jahren getan hatte nur halb so schlimm gewesen?
War er mit allem ganz leicht davon gekommen?
Es fiel mir wie Schuppen von den Augen:
Stefan, eingenommen vom Menschenblut und dem rasenden Durst und sich seiner Liebe zu Elena und deren Liebe zu ihm sicherer denn ja.
Doch dass er damit ihre Beziehung störte, wenn nicht sogar zerstörte, bemerkte er nicht einmal.
Und wenn, dann war ihm völlig egal wie Elena darunter litt, denn sie liebte ihn ja.
Elena, wehrlos, schutzlos, alleingelassen und völlig blind vor Liebe, dass sie überhaupt nicht mitbekam, dass sie unerwidert und vorgelogen war und ihre Beziehung zu Stefan nur aus einem riesigen Lügenkonstrukt bestand, genauso wie er selbst.
Und ich, ahnungslos und zu schwach, um Stefan im offenen Kampf besiegen zu können, stand zwischen all dem und war eigentlich nur ein Störfaktor, den Stefan ganz beliebig aus dem Weg schaffen konnte, wenn er wollte.
Ich hätte nie gedacht, dass diese ganze Situation hier so verfahren sein könnte!
Elena fasste zaghaft nach meinem Kinn und drehte mich zu sich herum.
Sie lächelte matt und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es einen berechtigten und guten Grund dafür gab.
„Damon, glaub mir, ich bin dir wirklich sehr dankbar, dass wenigstens du ehrlich zu mir bist und mir davon erzählst.
…aber das ändert nichts.
Ich kann es ihm nicht vorwerfen, weißt du?
Er ist ein Vampir, genauso wie du, und er bracht Blut.
Dass er dafür Menschen tötet…
Ich weiß auch, das muss nicht sein, aber er ist nun mal so.
Dass er ein Ripper war, macht ihn gefährlich, schon klar-"
„Vor allem für dich!
Was, wenn er dir wehtut?
Egal, ob er es will oder nicht?", unterbrach ich sie und brachte sie dazu, kurz inne zu halten und darüber nachzudenken.
Aber wie erwartet ließ sie es nicht an sich ran: „Und wenn schon!
Damon, genau das ist der Punkt!
Das geht dich nichts an und du solltest wirklich aufhören, unsere Beziehung kaputt zu machen, indem du dich irgendwie einmischst!
Das muss endlich aufhören!
Klar, es wird schwer für dich sein, aber ich bitte dich, zu akzeptieren und dich da raus zu halten.
Ich will nicht, dass du dich dadurch unnötig in Gefahr bringst, Damon, weil du mir wichtig bist, sehr sogar.
Vielleicht…solltest du einfach wieder zurück nach New York gehen."
Sie beugte sich zu mir und küsste sanft meine Wange, dann stand sie auf.
Die Stelle, an der ihre zarten Lippen meine Hand berührt hatten, brannte und schmerzte vor Liebe, doch noch mehr schmerzte es, sie gehen zu sehen.
Vielleicht hatte sie Recht und ich sollte besser gehen, aber nicht, bevor ich das hier getan hatte:
Meine Hand griff nach ihrer und drehte sie im Gehen zu mir herum.
Ich erhob mich noch in derselben Bewegung und zog sie zu mir.
Bevor sie protestieren konnte, presste ich meinen Mund fest, beinahe gewalttätig auf ihren und verschloss ihn damit, um sämtliche Gegenwehr abzuwürgen.
Elena erwiderte den kurzen Kuss nicht, aber sie wehre ihn auch nicht ab (nicht, dass sie das könnte).
Trotzdem war ich derjenige, der nachgab und trennte mich schnell wieder von ihr, um nicht doch noch einmal in Versuchung zu kommen.
Dann ließ ich sie stehen.
…das gerade war ein Abschiedskuss gewesen.
