Von dem Geschenk
Sarnirs Erscheinung glich der eines Gespenstes.
Er war blass und seine Augen wirkten dunkler und trüber als Oxana sie in Erinnerung hatte. Überhaupt hatte sich seine Erscheinung gewandelt- seine Haltung war schlaffer, seine Haut weniger strahlend und sein Gesichtsausdruck wirkte durchgehend angespannt.
Sie hatte selten einen Elben gesehen, dessen Züge so verhärtet wirkten wie die seinen. Der dunkelhaarige Elb trug dieselben Kleider wie in der Vision, die sie beim Seher gehabt hatte, mit dem einzigen Unterschied, dass die Wachen ihm seinen Gürtel mit dem Dolch und sämtliche andere Waffen abgenommen hatten.
Auch Legolas hatte die Veränderung an seinem alten Freund bemerkt, doch sein Gesichtsausdruck blieb unverändert distanziert- freundlich. Oxana bewunderte ihn für seine Fähigkeit, seine Züge so unter Kontrolle zu halten.
„Alatuya, Sarnir", begrüßte Legolas den Überraschungsgast mit kühler Stimme.
Obwohl er weiter auf Quenya sprach, merkten wohl alle Anwesenden, nicht zuletzt an der angespannten Haltung der beiden anderen Elben, die ihre Augen nicht für den Bruchteil einer Sekunde von Sarnir lösten, dass dies hier nicht zum geplanten Ablauf der Feier gehörte. Auch Oxana verstand kaum etwas von dem, was die beiden Männer sagten, doch ihre Stimmen sprachen Bände.
„Ich bin natürlich nicht mit leeren Händen hier aufgetaucht", sagte Sarnir schließlich, plötzlich wieder in die gemeine Zunge wechselnd, „ich habe ein Geschenk für euch- oder bessergesagt: für eure Braut."
Zum ersten Mal seit er den Saal betreten hatte, richtete Sarnir nun seine Augen für einige Herzschläge auf Oxana. Ihre Blicke trafen sich und zu Oxanas Überraschung war sie es, die zuerst die Augen abwandte. Das, was sie in diesem kurzen Moment sah, gefiel ihr nicht.
Sarnir hatte bei seiner Ankündigung etwas unter seinem Mantel hervorgezogen und erst jetzt bemerkte sie die kunstvoll geschnitzte Kiste aus Kirschholz in seinen Händen, die er nun in ihre Richtung hielt.
Oxana nickte Leriel kurz zu, und dieser nahm die Kiste ohne viele Umstände an sich, wofür er eine hochgezogene Augenbraue Sarnirs kassierte.
Sie merkte, das Legolas die Kiste misstrauisch beäugte und ansetzte, etwas zu sagen, als Leriel sie ihr überreichte, gab ihm aber mit Blicken zu verstehen, dass sie nicht vorhatte, sich von Sarnirs dramatischem Auftritt einschüchtern zu lassen. Es war außerdem doch sehr unwahrscheinlich, dass der Inhalt dieses kleinen Kistchens ihr gefährlich werden konnte.
Oder?
Sie schluckte und öffnete ihr Geschenk ohne weitere Umschweife.
In der Kiste lagen, in feinen weißem Samt gebettet, zwei fingerlange, silberne Haarnadeln. An ihren Enden schimmerte je ein mit blau-grünlichem Perlmutt besetzter Stern aus Elfenbein.
Oxanas Kinnlade klappte nach unten. Nicht ganz unbegründet hatte sie eher mit einem abgetrennten Ohr als mit Schmuck gerechnet.
„Die sind...ähm...wunderschön", krächzte sie und drehte eine der Nadeln bewundernd in ihrer Hand. Laute der Zustimmung drangen aus dem Publikum. Die Sterne funkelten matt im Schein der Fackeln und Kerzen. Neben dem Collier, das Legolas ihr damals umgehängt hatte und welches sie natürlich auch heute trug, war dies eindeutig das schönste Geschenk, das sie je bekommen hatte.
Sie räusperte sich betreten und bedankte sich laut und feierlich, sodass jeder Mann und jede Frau es deutlich vernehmen konnte.
Für einige Momente war sie ernsthaft hin-und hergerissen zwischen Misstrauen gegenüber dem Elben und einer plötzlich einsetzenden, sehr unerwarteten Freude darüber, ihn wiederzusehen. Trotz seinem etwas heruntergekommenen Zustand war er, das musste sie ihm zugestehen, noch immer eine äußerst einnehmende Erscheinung.
Sarnir lächelte kurz. „Ich fand die Farbe passt zur Farbe eurer Augen".
Oxana vermied es tunlichst, in Legolas' Richtung zu schauen. Sie konnte geradezu fühlen, wie sich seine Hand an seiner Seite zu einer Faust ballte.
„Ich danke dir von Herzen. Geselle dich doch später zu uns, wenn wir hier fertig sind!"
Sarnir nickte und machte sich daran, sich umzuwenden, als er noch einmal innehielt und mit gespielter Verwirrung auf die beiden Elben, die ihm noch immer wie Schatten folgten, hinwies. „Ich denke diese drei braucht ihr dringender als ich", scherzte er.
Seine Augen funkelten als er sprach für einen Moment spöttisch auf, und Oxanas emotionaler Aufruhr wandelte sich sogleich wieder in die alte Alarmbereitschaft um. Er wusste, was das hier eigentlich war. Er hatte sie durchschaut und das ließ er sie nun spüren.
Legolas nickte Leriel kaum merklich zu, worauf er und Daeron sich gehorsam zurückzogen. Endlich entspannte sich nun auch die Stimmung im Saal wieder, Musik setzte ein und Legolas und Oxana fuhren etwas geistesabwesender als zuvor fort, die letzten Geschenke entgegenzunehmen.
Oxana fiel ein enormer Stein vom Herzen, als dieser Teil des Festes endlich vorbei war und sie sich gemeinsam mit einer Handvoll Würdenträger an eine reich gedeckte Tafel zum gemeinsamen Festmahl setzten.
„Was hat er vorhin gesagt?", zischte sie Legolas zu, als dieser neben ihr Platz genommen hatte. Sie ärgerte sich über die Tatsache, dass er mit Sarnir Quenya gesprochen hatte. Er wusste nur zu gut, dass sie diese Sprache kaum beherrschte.
„Nichts Wichtiges", antwortete ihr Ehemann (ihr Verstand wollte diese Bezeichnung noch nicht ganz übernehmen) kurzangebunden.
„Dann kannst du es mir ja sagen", konterte Oxana, während sie ein paar Salzheringe und eingelegtes Gemüse auf ihren Teller beförderte.
„Nan Belain!", stieß Legolas überraschend gereizt aus, „er hat uns gratuliert. Sonst nichts."
Das stimmte nicht und er wusste auch, dass sie ihm sehr wohl ansehen konnte, wenn er etwas verschwieg. Deshalb beschloss er wohl genau in diesem Moment, seine Aufmerksamkeit Sarnir zu schenken, der ihnen fast gegenüber saß und daher womöglich ihr Gespräch überhört hatte.
„Wie hast du eigentlich von unserer Hochzeit erfahren, alter Freund?"
Ehemaliger Freund war wohl die passendere Phrase, kommentierte Oxana im Gedanken.
Sarnir setzte nun seinerseits ein steifes Lächeln auf. „Ich war gerade auf der Durchreise, als ich davon hörte. Aber es war fast unmöglich, nichts davon mitzubekommen. Man könnte sagen, die Spatzen haben es von den Dächern gepfiffen. Es scheint schwierig zu sein, in dieser Stadt etwas geheim zu halten."
Oxana gab sich alle Mühe in Sarnirs Mimik und Stimme lesen. Hatte da gerade ein ironischer Unterton in seiner Stimme mitgeschwungen? Sie biss herzhaft in ihren Hering und spülte den penetrant salzigen Geschmack mit einem kräftigen Schluck Wein hinunter.
„Was wird dein Vater wohl zu dieser…Sache sagen, wenn er davon erfährt?", fragte Sarnir wie beiläufig.
Eine ganze Reihe an Augenpaaren heftete sich neugierig auf Legolas, gespannt dessen Reaktion abwartend. Die Leute hier hatten scheinbar tatsächlich nichts Besseres zu tun, als auf neuen Tratsch zu lauern.
Legolas beschloss, der Rolle des aufmüpfigen Sohnes treu zu bleiben und zuckte trotzig mit den Schultern. „Er wird damit leben müssen, dass ich mein eigenen Herr bin und dem Ruf meines Herzens gefolgt bin." Oxana konnte nicht anders, sie musste ihn für einen Moment anschmachten. Das hatte er schön gesagt.
Ein Blick in die Runde, besonders in die verklärten Gesichter der weiblichen Anwesenden zeigte ihr, dass auch andere so dachten. Andererseits machte es sie gleichzeitig etwas stutzig, wie ausgeprägt seine schauspielerischen Fähigkeiten waren.
Sarnir wandte sich ausdruckslos wieder seinem Essen zu, beziehungsweise stocherte lustlos darin herum. Er wirkte unruhig, fahrig, unkonzentriert. Immer wieder schweifte sein Blick ab, irrte durch den Raum und über die Gesichter der Menschen. Es schien ihr fast, als würde er sich beobachtet fühlen.
„Bist du schon lange in der Stadt?", fragte sie ihn.
„Ein, zwei Tage", antwortete Sarnir, den Blick nur kurz von seinem Teller hebend.
„Wo bist du eingekehrt?"
„In einer Gaststätte am Hafen."
„Und du bist dort alleine?"
Oxana bereute ihre Anspielung im selben Moment, als sie sie ausgesprochen hatte. Sanrnirs Blick wirkte mit einem Male wesentlich wacher, fast schon lauernd. Er bejahte, ihrem Blick fest standhaltend. Doch da war etwas in seinen Augen…bildete sie sich das nur ein? Verdammt, was war mit ihren Instinkten geschehen?
„Gefällt dir deine Unterkunft?"
Sarnir zuckte mit den Schultern, und es war ihm anzusehen, dass ihm bereits dämmerte, worauf sie hinauswollte.
Oxana lächelte Sarnir zuckersüß an, Legolas' alarmierten Blick an ihrer Seite ignorierend.
„Die Ratsherren dieser Stadt haben uns ein Quartier im besten Gasthaus der Stadt einrichten lassen. Wir werden die nächsten zwei Tage bis zu unserer Abreise darin zubringen. Du solltest uns dort Gesellschaft leisten. Ich bin mir sicher, es ist noch Platz für dich."
Dabei wandte sie ihren Blick in die Richtung des blau bemäntelten Mannes, der, soweit sie sich entsinnen konnte, zum Stadtrat gehörte. Dieser nickte eifrig und versicherte sogleich, dass sich da gewiss etwas machen ließe.
Sanirs Gesicht war nun eindeutig zu einer Maske erstarrt, doch schließlich nickte er und bedankte sich sogar artig. Welchen Grund sollte es auch geben, ein so großzügiges Angebot abzulehnen? Er hatte ja immerhin nichts zu verbergen.
„Wunderbar!" Oxana hob ihren frisch gefüllten Trinkbecher und die andere Gäste griffen hastig nach den ihren und prosteten ihr freundlich zu. Als sie den Becker etwas zu schnell absetzte, löste sich ein Tropfen Rotwein von ihren Lippen und fiel auf ihren Schoß. Nachdenklich blickte sie auf den unschönen roten Fleck, der schnell vom weißen Leinen ihres Kleides aufgesaugt wurde. Rot auf Weiß….ihr wurde mulmig zumute. Unbemerkt ergriff Legolas unter dem Tisch ihre Hand und zog sie näher zu sich heran.
„Könntest du mich bitte in deine Pläne einweihen? Ich habe nämlich keine Ahnung, was du damit gerade bezwecken wollest."
„Ich denke es ist einfach klug, seine Feinde in seiner Nähe zu behalten", presste Oxana lächelnd zwischen ihren Zähnen hervor.
:D Ich freu mich schon so auf das Finale! Und auf eure Reviews natürlich!
