AM NÄCHSTEN MORGEN


Elenas PoV

Schon seit einer halben Ewigkeit las ich nun hier und starrte an die Decke.

Nicht eine einzige Stunde Schlaf hatte ich bekommen, aber das war mir egal.

Denn so konnte ich lange nachdenken, was ich tun sollte.

Nicht, dass ich inzwischen zu einer Lösung des Problems gekommen wäre!

Aber dafür hatte ich alle Möglichkeiten durchgespielt.

Es war immer auf dasselbe hinaus gelaufen:

Am Ende überwog meine Liebe zu Stefan.

Ja, ich hatte mir inzwischen eingestanden, dass ich Damon auch liebte, mehr sogar, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Aber trotz allem war es einfach nicht genug.

Klar, vielleicht war das auch nur die halbe Wahrheit, immerhin spielte unser Kuss noch eine ziemlich große Rolle für mich.

Es war der erste richtige gewesen und es war mir nicht möglich, zu leugnen, dass er wunderschön gewesen war.

Ich hatte mich für diesen kurzen Moment komplett und einfach nur richtig gefühlt und doch war es nicht genug.

Ich hatte entschieden, dass es nie genug sein würde.

Selbst das Wissen, dass Damon gehen wollte und würde, konnte daran nichts ändern.

Jedoch hatte ich Angst, ich würde sterben, wenn er dann wirklich gegangen war.

Ich glaubte nicht ernsthaft daran, aber mein Körper verzehrte sich nach dem wohligen Gefühl, welches mich während des Kusses mit ihm durchströmt hatte.

Das konnte ich allerdings nicht ändern und so blieb ungewiss, ob ich ihm widerstehen könnte, würde ich ihn heute sehen.

Und das würde passieren, spätestens, wenn er seinen Koffer zur Tür brachte.

Ob er sich richtig verabschieden würde?

Ob er mich zum Abschied umarmen oder sogar wieder küssen würde?

Bei dem Gedanken machte mein Herz einen riesigen Hüpfer!

Seine Lippen auf meinen, vereint, für immer…

Stopp!, rief eine Stimme lauthals in meinem Kopf und bereitete mir damit beinahe Kopfschmerzen.

Es war klar, dass es niemals so besonders sein würde, Stefan zu küssen, aber ich musste mich doch beherrschen, oder?

Ich wollte nicht wie Katherine sein und zwischen den beiden Brüdern stehen!

…auch wenn es längst so war.

Ich wollte ihre Herzen nicht noch einmal brechen, obwohl ich schon mitten dabei war.

Aber wenn, dann sollte es wenigstens der richtige sein, der litt…

„Das reicht jetzt!", sagte ich zu mir selbst und stand auf.

Dann zog ich mich an und fand mich schließlich im Bad des Gästezimmers wieder.

Nachdem ich meine Zähne geputzt hatte, machte ich mich daran, die dunklen Augenringe wegzuschminken.

Aber so einfach wie ich mir das vorgestellt hatte, war das leider nicht, weshalb ich es dann auch sein ließ.

Auch, wenn es jeder sehen und mich bestimmt danach fragen würde…vielleicht wussten sie dann, wie viel Kraft und Zeit es mich gekostet hatte, eine Entscheidung zu treffen!

Schließlich tuschte ich kurz meine Wimpern und fand dann, dass es genug war, immerhin war ich auf keine Feier oder etwas Ähnliches eingeladen worden.

Ohne weiter zu trödeln verließ ich mein Zimmer und ging zur Treppe.

Doch dort blieb ich stehen.

Ob er schon wach war?

Vielleicht hatte er gehört, was ich gesagt hatte?

Mir wurde ganz heiß, aber ich konnte diese Vermutung weitestgehend aus meinen Gedanken verbannen, bevor sie irgendetwas Schlimmes hätte anrichten können.

Allerdings konnte ich es mir nicht verkneifen, zurück zu Damons Tür zu gehen und zu lauschen, ob er schon aufgestanden war.

Ich hielt mein Ohr dicht an das massive Holz, doch im Raum dahinter war es totenstill und ich fragte mich, ob ein Vampir überhaupt irgendwelche Geräusche beim Schlafen oder auch sonst machte. (Mal davon abgesehen, ob er wusste, dass jemand an seiner Tür lauschte oder nicht.)

Was, wenn er es also wusste?

Was, wenn er wie ich an der anderen Seite der Tür stand und ebenfalls auf ein Geräusch wartete?

Wenn alles, was uns noch trennte, diese eine Tür war?

Ich erschrak furchtbar und trat einen Schritt zurück.

Mein Herz pochte wild und mein Atem rasselte.

Ich konnte nicht einen klaren Gedanken fassen, als ich mich wieder auf die Tür zu bewegte und meinen Kopf daran lehnte.

Meine Augen schlossen sich wie von selbst und ich legte eine Hand neben meinen Kopf.

Es war verrückt, aber ich glaubte, ihn spüren, ja, ihn direkt fühlen zu können!

Seine Wärme, seine Liebe, einfach nur ihn, wie er war, wie ich ihn kannte…

Meinen Damon…

„Es tut mir so Leid.", flüsterte ich kaum hörbar: „Ich liebe dich doch…"

Unaufhaltsam flossen Tränen über meine Wangen und ein stechender, tödlicher Schmerz betäubte meinen schwachen Körper.