Obwohl ich noch immer unaufhörlich weinte und schluchzte, rief ich mir ins Gewissen, dass ich mich bereits entschieden hatte, für Stefan.

…und das aus Liebe, aus erst gemeinter Liebe.

Und warum stand ich dann hier und verschüttete Tränen für jemand anderes?

Weil ich diesen Jemand auch liebte!

Und zwar viel inniger, stärker und aufrechter!

Aber das alles nützte nichts.

Ich hatte Stefan wirklich sehr verletzte und ich bereute es zutiefst, seinen Antrag abgelehnt zu haben!

Denn Damon war der Grund dafür.

Meine Liebe zu ihm hatte alles kaputt gemacht und deshalb durfte ich nicht länger auf sie hören oder sie erwidern…

Ich musste lernen, sie zu ignorieren und vor allem, Damon zu ignorieren.

Das alles bekam mir nicht, ganz und gar nicht.

Es machte mich krank!

Es machte mich krank, dass ich zwischen zwei Brüdern hin und her pendelte und sie damit immer wieder verletzte!

Am Liebsten hätte ich mir selbst den Kopfschuss gegeben, doch das war leider auch keine Lösung des Problems, sondern würde es – wie alles andere bisher auch – nur noch schlimmer machen.

Noch immer leise wimmernd wandte ich mich also von dem Eingang zu Damons Zimmer ab und stolperte durch den kurzen Gand, wobei ich an jeder zweiten Wand anstieß, da ich durch den dicken Schleier von Tränen nichts sehen konnte.

Seufzend wischte ich mir die Nässe vom Gesicht und aus den Augen, dann taumelte ich und stürzte aus Unachtsamkeit beinahe die Treppe nach unten, konnte mich aber gerade noch so am Geländer festhalten.

…zu gern hätte ich mich nun von zwei starken Armen auffangen lasse!

Zu gern hätte ich zugegeben, dass ich die Worte an Damons Tür ernst, ja, sogar todernst gemeint hatte!

Aber jegliche meiner Hoffnung wurde enttäuscht.

Es kam niemand, ich hätte noch Ewigkeiten waren können.

Deswegen stieg ich dann wahrscheinlich auch ganz vorsichtig die Treppenstufen bis ganz nach unten, nahm diesmal aber aus Vorsicht jede doppelt, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Ich lief zur Haustür und wollte beinahe nach draußen gehen, um nach Stefan zu suchen, da sah ich ihn schon im Wohnzimmer sitzen.

Ob er mich dort oben gehört hatte…?

Ich schüttelte den Kopf und ging dann zu ihm.

Mit langsamen Schritten kam ich von hinten auf ihn zu: „Stefan?"

Er antwortete nicht, aber ich hatte ja schon erwartet, dass er nicht mit mir sprechen wollte.

Ich konnte nur hoffen, dass er sich wenigstens anhörte, was ich zu sagen hatte und mir dann vielleicht sogar glaubte oder verzieh.

„Stefan, bitte, hör mir wenigstens zu.

…kann ich mich zu dir setzten?"

Ich wartete erneut, aber nichts kam-

Er blieb stocksteif sitzen und rührte keinen Finger.

„Stefan!", fuhr ich ihn an.

Mir reichte es jetzt!

Wütend ging ich um die Couch herum, um ihm ins Gesicht sehen zu können, wenn ich ihn deshalb anpampte.

…doch da sah ich, dass er mich gar nicht hören konnte.

Er hatte doch tatsächlich allen Ernstes Kopfhörer im Ohr?!

Ich fühlte mich wirklich verarscht, stellte mich aber trotzdem direkt vor ihn.

Stefan sah überrascht zu mir auf, nahm sich die Stecker aus den Ohren und setzte schnell eine unbekümmerte Miene auf.

„Setz dich.", murmelte er und ich tat es.

Ich sah zu wie er die Kopfhörer neben sich auf's Sofa pfefferte und das dazugehörige Gerät ausschaltete.

Doch es blieb bei der kurzen Aufforderung und ich bemerkte, dass er darauf zu warten schien, dass ich mit meiner Angelegenheit rausrückte.

Aber so einfach war das leider gar nicht und ohne es zu wollen begann ich, ziemlich peinlich herumzustottern…

„Ähm, du weißt doch, was…wegen…

Und dann…"

Stefan verdrehte die Augen und erlöste mich: „Elena!"

Sofort stoppte ich und sah ihn erschrocken an.

„Was willst du von mir?"

Direkter ging es also nicht, ja?!

Am Liebsten hätte ich das laut gesagt, aber ich verkniff es mir.

Es ärgerte mich nur, weil er doch gesehen hatte, wie schwer das war.

„Es tut mir Leid.", sagte ich plötzlich und er verzog die Augenbrauen.

Doch dann lachte er mit einem Mal.

Nicht besonders laut oder belästigend, aber verdammt unecht.

„Ach ja, tut es das, Elena?", er sah breit grinsend auf seine Uhr: „Kommt reichlich spät, meinst du nicht?

Wenn ich mich nicht recht entsinne, dann erwarte ich so was schon seit einer Woche!"

Ich zuckte bei seinen Anschuldigungen zusammen und mir wurde ganz übel, so schlecht fühlte ich mich deswegen.

Schön, dass er mich das auch so sehr spüren ließ…