Vom Ende

Sie konnte die Zeit nicht mehr fühlen. Manchmal hatte sie das Gefühl, noch immer auf dem kalten Steinboden des Zimmers zu liegen.

Dann wieder kam es ihr vor, als wären Jahre vergangen, seit sie die Nadel in Silaids Seite gerammt hatte. Immer wieder durchlebte sie diesen einen Moment, spürte das Gefühl süßen Triumphes, vermischt mit dem süßlich-bitteren Geschmack ihres eigenen Blutes.

Meere von Blut, auch davon träumte sie, und rote Flecken, die sich rasend schnell auf einem Bett, auf dem Boden ausbreiteten und alles verschlangen. Die Blutlachen wurden zu saugenden Löchern, verschlangen ihren schweren, wehrlosen Körper.

Sie träumte von finsteren Orten, einem dunklen Verließ, Ketten, die sie an eine nasse Wand fesselten, fauligem Wasser, dessen Geruch ihr den Atem nahm. Schmutzige Hände legten sich auf ihren Körper und sie schmeckte Blut. Es fühlte sich alles so real an, dass sie für einige Momente sicher war, dass dies keine Träume, sondern etwas anderes waren.

"Tulkas lasto, i alagos têg nîn bith!", hörte sie Rawens Stimme in der Entfernung rufen, doch sie verstand nicht, was sie meinte.

Dann zwang jemand sie, einen süßlichen Trank zu schlucken. Sie wehrte sich, denn sie wusste, dass es Blut war, das man ihr einzuflößen versuche, doch ihr Widerstand war zwecklos.

Manchmal fühlte sie warme Hände auf ihrem Körper, hörte sanfte Stimmen und Lieder, viele Lieder in einer Sprache, die ihr bekannt vorkam, doch sie konnte sie nicht mehr verstehen. Sie spürte aber, wie die Lieder zu ihr vordrangen, sich warm auf ihren Geist legten und sie sicher hielten.

Dazwischen kamen aber immer wieder dieser schreckliche Schmerz und das Gefühl, dass etwas Schweres, Unförmiges auf ihrer Brust lag und sie langsam erdrückte. Wenn sie zwischen ihren fiebrigen Träumen für Augenblicke das Bewusstsein erlangte, war jeder Atemzug eine Qual, jede Bewegung eine reine Tortur.

Manchmal träumte sie davon, zu schwimmen, zu schweben und alles war Licht, und dann riss sie wieder etwas zurück in die schwere, dunkle, schmerzvolle Wirklichkeit. Doch meist schlief sie nur, schwer und tief und traumlos.

Ceven dhaer, anno vellas lín enin 'raw hen

Suil Annui, erio thûl lín i faer hen

Echuio! Echuio! *

Sie öffnete ihre Augen und schrie, doch kein Laut drang aus ihrem Mund.

Panisch schlug sie ihre Hände gegen ihren schmerzenden Hals, der in Schichten weichen Verbandes gewickelt war und richtete sich im Bett auf. Zwei Paar starker Hände pressten sie augenblicklich mit gnadenloser Kraft wieder in ihr Kissen zurück. Ihr Körper, der sich weich wie Butter anfühlte, war nicht imstande, auch nur den geringsten Widerstand dagegen zu leisten.

Zwei fremde Gesichter sahen auf sie herab, schöne, glatte, weibliche Gesichter, die vor Güte strahlten.

Ihre Stimmen waren weich und warm und seltsam vertraut. Sie sprachen beruhigend auf sie ein.

„Ihr solltet noch nicht sprechen", lächelte die eine blonde Elbin, „die Wunde an eurem Hals braucht noch Zeit, sie würde sonst wieder aufbrechen." Oxana nickte, nach wie vor orientierungslos und verwirrt, aber die Stimme der Frau beruhigte sie auf fast magische Weise. Gehorsam trank sie das Wasser, das man ihr hinhielt. Schon nach dem ersten Schluck explodierte ein roter Schmerz in ihrem Hals und Tränen stiegen in ihre Augen.

„Ihr macht das gut. Euer Körper braucht Flüssigkeit." Tapfer leerte Oxana die hölzerne Schale. Als sie den Kopf wieder in ihr Kissen zurücksinken ließ, packte die Müdigkeit sie mit einer unglaublichen Wucht und riss sie innerhalb von Sekunden zurück in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Vielleicht war es doch kein Wasser gewesen, das man ihr da eingeflößt hatte.


„Ihr wisst, dass sie tot sein müsste."

„Was willst du damit sagen?"

„Ich habe in vielen Schlachten gekämpft, hîr nín. Ich habe viele sterben sehen, Elben, Menschen, Orks. Die Wunde war tief, und dann all das…Blut. Und das ist nicht das erste Mal. Ein Zauber liegt auf ihr, der sie schützt."

„Wenn dem so ist…sollten wir dankbar dafür sein. "


Als sie das nächste Mal aus der Dunkelheit auftauchte wusste Oxana, dass es überstanden war.

Ihre Hand tastete über den einen frischen, etwas dünneren Verband an ihrem Hals. Sie erinnerte sich an den Schmerz, der ihr das Sprechen beim letzten Mal bereitet hatte und beschloss, vorerst lieber vorsichtshalber zu schweigen.

Eine kleine Hand legte sich leicht auf die ihre und als sie sich zur Seite drehte, blickte sie direkt in Miluis' strahlendes Kindergesicht. „Sie ist wach!", rief die Kleine erfreut, und Oxana war erstaunt über die Lautstärke des sonst so stillen Mädchens.

Erst jetzt registrierte sie Legolas, der auf der anderen Seite des Bettes in einem Stuhl gesessen hatte und nun aufstand. Er nahm ihre Hand küsste sie. „Na vedui! [endlich!]". Seine Stimme zitterte ein wenig, als er sprach. Er klang unglaublich erschöpft.

Als wären seine Worte ein Kommando gewesen, tauchten nun weitere Leute an ihrem Krankenbett auf: Leriel, zwei hochgewachsene Elbinnen, deren Gesichtszüge ihr seltsam vertraut vorkamen, und schließlich Thranduil höchstpersönlich.

Lyria! Oxana erinnerte sich plötzlich wieder an das Gesicht der blonden Elbin, die ihr vor einer gefühlten Ewigkeit in der Küche des Palastes begegnet war. Als Lyria ihr eine Schale gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit hinhielt, zögerte Oxana einen Moment, nahm sie dann aber gehorsam entgegen. Es war nur Wasser, und sie leerte gleich zwei weitere Schalen, so durstig war sie.

„Kannst du sprechen?" Legolas blickte sie abwartend an. Oxana schüttelte den Kopf, beschloss aber dann, es dennoch zu versuchen. Tatsächlich brachte sie ein Krächzen hervor, das ein wenig wie ein „Nein", klang.

Sie hatte ihn selten so erleichtert gesehen. Er murmelte etwas auf Sindarin und küsste ihre Hand erneut. „Es ist ein Wunder", flüsterte er, „ich dachte…ich glaubte…" er verstummte und lächelte. „Es hat lange gedauert."

„Silaid?", presste Oxana mühsam hervor.

Legolas lächelte müde. „Du musst dir keine Sorgen mehr machen. Auch nicht um Sarnir. Es ist vorbei."

Sie erwiderte sein Lächeln nicht weniger erschöpft und fühlte aber gleichzeitig, wie sich ein riesiger Stein von ihrem Herzen löste. Es war vorbei. Erst jetzt merkte sie, wie hell das Zimmer, in dem sie sich befand, war und wie frisch und warm die Luft darin. Sie sah sich zum ersten Mal genauer um, und es dauerte nicht lange bis sie begriff, wo sie war- Einrichtung des Raumes sprach für sich selbst. Sie war wieder im Düsterwald, wohlh in einem der wenigen Räume des Palastes, die oberirdisch lagen.

„Wir haben dich vor zwei Wochen hierher gebracht", lächelte Legolas, „die Tage sind inzwischen länger geworden, und der Frühling ist bald vorbei, mein Herz. Es war eine schwierige Entscheidung…doch du wolltest einfach nicht aufwachen, obwohl dein Körper heilte. Du hast lange geschlafen."

„Ich habe viel geträumt", meinte Oxana nachdenklich.

Legolas nickte. Er hatte viele Tage und Nächte an ihrer Seite gewacht, hatte ihren Schmerz gefühlt wie seinen eigenen. Es war mehr gewesen als nur diese Verletzung. In ihren Träumen hatte sie stimmlos geschrien, sich gewunden wie unter Qualen.

Nun verlangte aber wieder Milui nach ihrer Aufmerksamkeit, erzählte ihr von der Reise hierher- der ersten Reise zu Pferd, die das Kind je mitgemacht hatte- von ihren Beobachtungen auf dem Weg, und schließlich von den Elben und was sie von ihnen hielt. Thranduil und die anderen Anwesenden lächelten amüsiert über die unbekümmerten Bemerkungen Miluis zu den spitzen Ohren ihres Volkes, ihrer Sprache, ihren Liedern und Sitten. Auch Oxana konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

"Kreidinger hat angeboten, sie bei sich aufzunehmen. Doch sie ließ sich nicht davon abhalten, mit uns mitzukommen", bemerkte Legolas abschließend.

Oxana strich dem Kind nachdenklich über den Kopf. Auch wenn Milui jetzt unbekümmert zu sein schien, wussten doch alle im Raum, dass sie es nicht leicht haben würde. Sie fühlte mit dem Mädchen und hoffte, dass sie über das Geschehene hinwegkommen konnte.

Nach einigen weiteren Minuten verließen schließlich auf Anweisung der beiden Heilerinnen hin alle den Raum.

Die dunkelhaarige Elbin brachte eine Schale mit einer wohlriechenden Salbe darin, während Lyria behutsam den Verband abnahm.

„Ihr habt gutes Heilfleisch", lächelte Lyria und strich etwas von der Salbe auf ihre Narbe, „und einen starken Lebenswillen. Stärker, als ich es in langer Zeit gesehen habe".

Oxana sah sie fragend an.

„Ihr habt viel Blut verloren, doch das war nicht die größte Hürde. Euer Geist war geschwächt, ausgesaugt." Die Elbe hob ihre Hand und strich Oxana eine rote Strähne aus der Stirn. War das Mitleid in ihrer Stimme? „Ein mächtiger Zauber lag auf euch. Er war stark und er war weder gut noch schlecht. Er schützte euch vor eurer Vergangenheit. Doch nun ist er verwirkt, und Ihr musstet den Kampf um euer Leben alleine beschreiten."

Was sollte das bedeuten? Ihre Vergangenheit?

Ihre großen grünen Augen sahen starr auf sie herab und Oxana war unfähig, ihren Blick von ihnen zu lösen. Irgendwo in ihrem Hinterkopf schien in diesem Moment ein Band zu reißen. Etwas, das lange wie eine Fessel um ihre Erinnerungen geschlungen gewesen war, löste sich und mit einem Male kamen die Bilder aus ihrem Traum zurück.

Ein dunkles Verlies, gierige Hände und Münder und furchtbare, tief greifende Wut.

Sie schluckte mühevoll. Erst nach Sekunden begriff sie, dass sie weinte.

Überrascht tastete sie über ihr eigenes Gesicht.

Wann hatte sie zum letzten Mal ihre eigenen Tränen berührt?

„Es ist gut", tröstete Lyria sie und ergriff sie bei der Hand.

„Es tut weh", keuchte Oxana, noch immer erschrocken über den Klang ihrer eigenen Stimmer.

Die Elbin nickte. „Ich weiß. Es wird noch lange wehtun. Doch euch steht ein langes Leben bevor. Es mag seltsam in euren Ohren klingen- doch glaubt mir, denn ich spreche aus Erfahrung: die Zeit heilt tatsächlich alle Wunden."

Oxana ließ sich in ihre Kissen zurücksinken und drehte sich müde zur Seite. Die beiden Elbinnen sahen einander kurz an und verließen dann lautlos das Zimmer. Sie starrte auf die schön verzierte Holzkommode an der Wand ihr gegenüber, auf die samtenen weißen Vorhänge vor dem Fenster, die gerade von einer sanften Frühlingsprise aufgebläht wurden. Vogelgesang und Waldgeruch drangen von draußen in den hohen, hellen Raum.

Was war mit ihr geschehen? Sie fühlte sich leer an, aber auf eine gute Weise. Sie fühlte sich…leichter. Freier. Und gleichzeitig hatten sie Angst, so viel Angst wie selten zuvor in ihrem Leben.

ENDE


* Mächtige Erde, mögest du diesem Körper Kraft schenken

Winde des Westens, möge euer Atem diesen Geist erwecken.

Wach auf! Wach auf!


Nachwort:

Liebe Leserinnen und Leser!

Ich kann es nicht glauben. Es ist vorbei. Mir geht es ein bisschen wie Oxana- ich fühle mich ein wenig leer, aber glüchlich. Ich bin so froh, diese Geschichte abgeschlossen zu haben, und gleichzeitig vermissse ich sie schon. Ich hoffe, ihr hattet eine schöne, spannende, lustige Zeit beim Lesen! Ich danke euch für eure Rückmeldungen- sie waren mein Motor, meine Motivation, meine Energiequelle.

All das hier war eine wahnsinnig schöne Erfahrung für mich und ich hoffe, bald ein neues Projekt starten zu können, das mir ebenso viel Freude bereitet. Ich wünsche euch alles Gute und vermisse euch jetzt schon!

Na lû e-govaned vîn!