Nach mehreren Sekunden in denen ich einfach nur dagestanden und den Atem angehalten hatte, weil ich an allem Schuld war, schaffte ich es, mich aus meiner Trance zu befreien.
Prompt hechtete ich wie von einer Tarantel gestochen durch den Raum und auf die Beiden zu.
Hätten meine Beine nicht rechtzeitig reagiert und abgebremst, wäre ich wahrscheinlich mit voller Geschwindigkeit gegen die Wand gelaufen und hätte mir dabei den Schädel gebrochen.
Aber ich hatte Glück und fand mich dann hechelnd neben Damon und Stefan wieder, die sich jetzt richtig bekriegten:
Damon presste Stefan gegen die schon leicht beschädigte Wand, während er ihn durch seine blutunterlaufenen Augen hasserfüllt anstarrte und ihm – ich schämte mich, dass ich nicht vorher bemerkt hatte, dass er so etwas mit sich trug – rücksichtslos und ohne zu zögern einen Pfahl in den Bauch rammte (vom dem ich mir sicher war, dass er das nächste Mal sein Herz treffen würde) und hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich geglaubt, er würde ihn währenddessen auch noch jederzeit durch den festen Beton drücken und in den Raum dahinter befördern.
(Ich erwischte mich dabei, wie ich mich fragte, welcher Raum es wohl sein könnte…)
Und Stefan wehrte sich natürlich hart, schien aber komischer Weise weit unterlegen (was wahrscheinlich nicht zuletzt an Damons unmenschlichem, wildem und ungezügeltem Zorn lag), obwohl ich mir gut vorstellen konnte, dass er in den letzten Tagen eine ganze Stadt hätte ausrotten können.
Kurzum, keiner hatte vor aufzugeben, natürlich nicht!
Ich würde es immerhin auch nicht tun und das mochte schon was heißen!
Aber trotzdem musste ich das hier beenden, sofort!
„Hört auf!", sagte ich wütend, wurde aber ganz gekonnt von beiden ignoriert.
Daraufhin lösten sich gleich mehrere Knoten bei mir und nun schrie ich wutentbrannt durch den ganzen Raum (und mit Sicherheit auch durch das halbe, wenn nicht sogar ganze Haus): „STOP!"
Damon und Stefan wandten mir augenblicklich ihre Köpfe zu, die Augen weit aufgerissen und mit entgleisten Gesichtszügen.
„Hört sofort auf, alle beide!"
Noch einen Moment lang zögerten sie, warfen sich abartig gefährliche und angriffslustige Blicke zu, dann ließen sie aber doch von sich ab und entfernten sich ein Stück voneinander, allerdings nicht ohne sich immer noch anzustarren, jedoch ohne dass sich die Adern unter ihren Augen noch einmal zeigten, weshalb ich sehr froh war.
„Du", ich zeigte auf Stefan: „bringst Damons Koffer nach draußen in den Wagen und du", ich zeigte auf Damon: „kommst jetzt mit nach oben.
Wir haben was zu klären."
Ich warf jedem noch einen stechenden Blick zu, dann drehte ich mich um und wollte mit Damon hoch gehen, blieb jedoch nach ein paar Metern wieder stehen und sah mich nach ihm um.
Tatsächlich stand er Stefan noch immer mit dem Holzpfahl in der Hand gegenüber und schien sich auch nicht weg bewegen zu wollen.
Genervt stapfte ich zurück, griff nach seinem Arm und zog ihn mit mir die Treppen nach oben (währenddessen merkte ich, wie er den Pflock auf den Boden fallen ließ, worüber ich kurz lächeln musste, denn ich war stolz auf ihn).
Mir war egal, ob er vielleicht stolperte und auf die Stufen klatschte, ich sah mich nicht nach ihm um, denn eigentlich war ich noch immer wütend, er hätte uns fast verraten!
Schließlich zerrte ich ihn in sein Zimmer und beförderte die Tür mit einem harten Tritt ins Schloss.
Mit neu gewonnenem Selbstvertrauen von der Aktion gerade eben und einer Menge Wut im Bauch stellte ich mich vor ihm auf, die Arme in die Seiten gestützt.
Kurz sahen wir uns beide einfach nur an und beinahe hätte ich bei deinen atemberaubenden, tiefgründigen Blicken wieder vergessen, was ich überhaupt hatte sagen wollen, konnte es aber gerade so noch verhindern und mich erneut konzentrieren.
„Was sollte das?", kam es dann plötzlich von uns beiden wie aus einem Mund und ich spürte peinlich berührt wie mein Kopf daraufhin ganz rot anlief.
Trotzdem hoffte ich inständig, er würde es nicht bemerken.
Doch dann erschien dieses typische Damon-Grinsen auf seinem Gesicht und ich wusste, ich war aufgeflogen.
Er zog den einen Mundwinkel höher als den anderen und eigentlich war das auch ziemlich sexy, aber in dem Moment machte es mich einfach noch viel wütender, geradezu rasend.
Wusste er denn nicht, was er eben beinahe verraten hätte?
„Das ist nicht lustig, Damon!
Du hättest die gerade fast verplappert!
Weißt du, was das bedeutet hätte?!"
Ich war auf ihn zugekommen, hatte aber vorsorglicher Weise leise gesprochen.
Damon verzog die Brauen: „Was das bedeutet hätte?
Das hätte gar nichts bedeutet!
Ich hätte ihn rasend gemacht!
Er hätte mich angegriffen!
Ist das nicht das, was du wolltest?"
Mir klappte der Mund auf, so schockiert war ich.
Mit einem Mal war die Wut verflogen und hatte ein anderes Gefühl auf den Plan gerufen.
Welches es war, darüber vermochte ich nicht nachzudenken…
„Was?", stammelte ich: „Was redest du für einen Unsinn?
Ich hätte nie-"
Doch da fiel es mir wie Schuppen von den Augen:
Er hatte nie vorgehabt zu gehen.
Vermutlich waren in dem Koffer nicht mal Klamotten!
Aber jetzt, wo ich die Sache genauer durchdachte, wurde mir klar, was das wirklich bedeutete.
Damon wollte nie gehen, er wollte Stefan herausfordern.
Er wollte hier bleiben, für immer und um jeden Preis, wenn auch tot!
Und er würde auch dafür sterben, nicht aus Trotz, sondern weil er es als einzigen Weg sah, bei mir zu bleiben.
