Damon hatte keine Angst, nein.
Er tat es auch nicht aus verletztem Stolz, wie Stefan es sicher gemacht hätte oder aus Wut.
Nicht einmal aus Hass!
Sondern einfach aus tiefster, reinster und innigster Liebe.
Und selbst, wenn wir gerade stritten und er abweisend und kalt war, so wusste ich doch, dass er es aus Liebe tat.
Vielleicht auch, um es für sich selbst leichter zu machen…
Und wenn schon?!
Ich hatte ihn durchschaut.
Auch, wenn ich eine ganze Weile dafür gebraucht hatte…
Damon jedoch schien nicht deuten zu können, was gerade in mir vorging, sonst hätte er nicht wieder von neuem angefangen: „Aber weißt du, was ich nicht verstehe?
Dass du dazwischen gegangen bist.
Warum, Elena, mh?
So wäre doch alles perfekt gelaufen, genauso, wie du es wolltest!"
Fassungslos starrte ich in seine angriffslustig blitzenden Augen.
Noch immer konnte ich nicht glauben wie sehr er mich liebte.
Natürlich, ich wusste schon eine ganze Weile, dass er es tat, aber so?
Es überrumpelte mich vollkommen, dass jemand wie er, ein Vampir, überhaupt in der Lage war, mehr zu empfinden als ich, ein Mensch, für Stefan.
Ja, ich hatte ihn geliebt so sehr man jemanden lieben konnte und doch schien es mir so wenig, Damons Liebe gegenüber.
Hatte ich mir alles nur eingebildet?
Nein, ich liebte Stefan noch immer.
Und Damon?
Ich liebte auch ihn.
„Oh…", kam es dann plötzlich von Damon und meine Gedanken waren verflogen.
Sofort sah ich auf und nun lag ein Ausdruck auf seinem Gesicht, wie ich ihn definitiv noch nie gesehen hatte:
Sein Mund war komisch verzogen und seine Stirn hatte sich tief in Falten gelegt.
Sein Blick war noch immer auf mich gerichtet, strotzte jetzt aber nur so vor Schmerz und dem krampfhaften im Zaum halten sämtlicher Gefühle.
…was jetzt wohl kam?
„Natürlich bist du dazwischen gegangen…", murmelte er, als würde er mir sich selbst reden: „Du konntest schließlich nicht riskieren, dass dem lieben, wundervollen, ach so tollen Stefan was passiert, nicht?!
Ist es nicht so?
Na komm schon, Elena!
Sag endlich, dass du mich hasst!
Sag, dass ich dir egal bin!
Immerhin hab ich ja keine Gefühle, oder?
Ich bin ein verdammter Vampir, ein Monster, ein Killer!
Für dich bin ich ein Nichts, so ist es doch, oder?
Hautsache Stefan!
Stefan, es ist Stefan, immer ist er es!
Was zum Teufel hat er, was ich nicht habe?
War ist er denn schon?
Er ist ein dummer, nichtsnutziger Bruder, sag ich dir!
Aber scheinbar ist es genau das, was bei Frauen zieht…
Oder sieht er für dich besser aus?
Sag es mir, Elena!
Na los, ich will es hören!"
Ich konnte weder atmen, noch irgendetwas anderes tun, so durcheinander und gleichzeitig bis ins Mark getroffen war ich.
Mir war egal, ob er getrunken hatte oder nicht (obwohl ich mir gut vorstellen konnte, dass es so war).
Es zählte einzig und allein das, was er gesagt hatte.
Und ich war einfach nur entsetzt, wie viel auf ihm lastete, wie schlecht er sich fühlte, wie er über sich dachte und wie es für ihn war, immer im Schatten seines jüngeren Bruders zu stehen, zumindest bei vielem.
Das alles versteckte er tagtäglich, jede Minute, jede Sekunde, hinter seiner Maske?
Das war unmöglich und doch stimmte es, denn davon wusste bisher mit Sicherheit noch keiner!
Und ich hätte es bestimmt auch nicht erfahren sollen…
Aber das hatte ich jetzt und es war grausam.
Vor allem, weil ich ihn liebte und er davon überhaupt keine Ahnung hatte!
Er hätte die Wahrheit mehr als verdient!
Und ich fühlte mich noch schlimmer als zuvor, nicht nur verlogen, sondern auch hinterhältig und einfach nur falsch.
„Damon-", setzte ich an, doch er unterbrach mich laut und schroff: „Nun mach schon!"
Das war geschrieen und dabei hatte er etwas gegen die Wand geworfen, von dem ich nicht mal gewusst hatte, dass es sich in seiner Hand befunden hatte.
Ich erschrak fürchterlich, als das ohrenbetäubende Knallen und Klirren erklang und erst da merkte ich, dass er Tränen in den Augen hatte, die es genau in dem Moment schafften, die Barriere zu überwinden und sich einen Weg über seine Wange zu bahnen.
Er weinte, Damon Salvatore weinte!
Sein Verhalten wurde immer sonderbarer und vor allem…menschlicher.
„Aber wie ich sehe, bist du genauso feige wie alle andern.
Du bist keinen Deut besser, Elena!", sagte er dann trotzig und schien sich leicht abgeregt zu haben: „Hat denn keiner hier den Arsch in der Hode, um mir einfach mal die Wahrheit zu sagen?!
Ist das denn so schwer?
Ab ich dich auch immer nur angelogen, Elena?
Nein, hab ich nicht!
Warum tust du es dann?
Warum bringst nicht einmal du es fertig, mir zu sagen was Sache ist?
Ich dachte, wir könnten uns vertrauen!
Ich dachte…ich würde dir etwas bedeuten…"
Der letzte Satz erklang so verzweifelt, dass ich zurück stolperte und mich an der Wand festhalten musste, um nicht umzukippen.
Damon legte mir hier gerade sein Herz zu Füßen und ließ mich richtig spüren, wie oft ich schon darauf herumgetreten war.
