„Sieh an, sieh an…", kam es von Stefan: „Da ist ja mein allerliebstes Bruderherz!"

Warum hatten diese Worte einen so abfälligen Unterton?

Wo war seine sanfte, nette Stimme hin, mit der er mich immer ansprach?

Ich konnte sie nicht darin erkennen, nein, nicht einmal ein klein wenig.

„Na?

Möchtest du dich jetzt doch noch von mir verabschieden?

So…mit Umarmung und Bussi und allem drum und dran?""

Stefan lachte, aber Damon sah ihn nur unverwandt an und ich fand, dass sein Blick unheimlich prüfend war.

Worauf wartete er?

Gab es denn auch bei Stefan den ‚richtigen Moment'?

Aber wenn ich ehrlich war, glaubte ich nicht daran.

Stefan tätschelte Damon die Schulter und sofort wandelte sich dessen Sprachlosigkeit in ein warnendes Knurren.

„Ach komm schon!

Im Grunde deines Herzens…willst du es doch auch.", grinste Stefan.

Er ließ erneut ein schallendes Lachen ertönen, nahm seine Hand dann aber doch wieder zurück, scheinbar mit der vagen Vorahnung, dass er sie vielleicht verlieren könnte, würde er Damon weiter provozieren.

„Das einzige, was ich will, ist die Wahrheit."

Es war die erste Äußerung seitens Damon gewesen, seitdem dieses Gespräch begonnen hatte und doch war sie so direkt wie sie nur hätte sein können.

Aber so würde er mit Sicherheit gar nichts aus Stefan heraus bekommen.

Wenn das hier wirklich sein Plan war, na dann gute Nacht!

…und Stefan schien das genauso zu sehen, denn er lachte schon wieder, diesmal noch unverschämter als vorher.

Dann versuchte er, es sich zu verdrücken und fragte ganz scheinheilig: „Welche Wahrheit?"

Damon schnaubte belustigt, aber sein Ausdruck blieb unbelebt und regelrecht kalt.

So unberührt hatte ich ihn selten gesehen, aber es entsprach in etwa meiner Vorstellung eines Vampirs bei der Jagd.

…bei der Jagd nach Menschen.

Damons Augen wanderten zu Boden und erst nach einigen Sekunden wieder hoch zu Stefans Gesicht, auf welchem sie dann verharrten.

Es musste verdammt schwer sein, einem so rasiermesserscharfen Blick stand zu halten, aber Stefan versuchte es trotzdem…um nur einen Moment später kläglich daran zu scheitern.

Damon lachte leise und bitter, verstummte aber schnell wieder und fuhr endlich fort, welche Wahrheit er sich von ihm erhoffte: „Seit wann trinkst du wieder Blut?

Menschenblut, meine ich."

WIE BITTE?

Das war also Damons streng geheimer Plan?!

Ich hatte ihm doch schon gesagt, dass mir das egal war und dass das so oder so nichts an meiner Entscheidung ändern würde!

Hörte er mir denn nie zu?

War es ihm egal?

War das ganze lange Gespräch von eben schon wieder vergessen, zum einen Ohr hinein, zum anderen wieder hinaus?

War es völlig umsonst gewesen?

Es schien beinahe so.

Und eigentlich hatte ich keine Lust, noch länger hier in der Ecke zu hocken und einem sinnlosen Gespräch zuzuhören.

Das war eindeutig unter meinem Niveau, wenn ich das so ausdrücken konnte, und ich hätte gedacht, dass es auch unter Damons sein würde, aber da hatte ich mich scheinbar geirrt.

„Ich, ähm…", kam es von Stefan und ich konnte nicht leugnen, dass es schuldbewusst klang: „Ich glaube nicht, dass dich das was angeht."

Der Meinung war ich allerdings auch!

Trotzdem war es mir irgendwie unmöglich, jetzt einfach zu gehen.

Damon hatte mir versprochen, dass ich etwas zu hören bekommen würde, was meine Meinung änderte.

Und ich wollte ihn wirklich nicht enttäuschen…nicht mehr.

Das hatte er nicht verdient.

„Ach nein?

Tut es nicht?

…aber jetzt, da ich wieder gehe und Elena somit sowieso nichts mehr erzählen kann, wer es doch nur fair?"

Stefan sah ziemlich misstrauisch drein und sagte nichts.

Damon schmunzelte, dann setzte er eine ernste Miene auf: „Es interessiert mich eben!

Also…wie lange schon?

Ein paar Wochen, ein Jahr, die ganze Zeit, in der ich weg war oder vielleicht auch schon viel früher?!"

Stefan biss sich auf die Lippe und senkte den Blick.

Er wich Damons konfrontierendem Ausdruck einfach aus und ich fand, dass das ziemlich verdächtig wirkte, obwohl ich von so was nun wirklich keine Ahnung hatte, nicht die geringste.

„Schon früher, okay!", kam es dann plötzlich gereizt von Stefan: „Aber du warst ja zu blöd, um es zu merken!

…und Elena auch."

Er grinste zweigeteilt.

„War's das dann?"

Damon schüttelte den Kopf: „Nicht ganz."

Was kam denn jetzt noch?

Ging es überhaupt noch einfältiger?

Aber Damon zeigte kein bisschen Angst, keine Zweifel, ganz im Gegenteil.

Er fixierte seinen Bruder, gab ihn nicht mehr frei und sah ganz und gar nicht so aus, als würde er vorhaben, aufzugeben.

„Wann hast du Katherine zum letzten Mal gesehen?"