Nicht nur ich, auch Damon war erschrocken.
Wahrscheinlich sagte er deshalb die ersten Sekunden, sogar Minuten, gar nichts.
Das dumpfe Gefühl, dass ihn das nicht gerade unverdächtig machte, ließ sich nicht aus meinem Magen vertreiben.
Aber Damon wäre nicht Damon, wenn er nicht auch dazu irgendeinen Kommentar machen könnte, selbst wenn er noch so blöd war: „Die ist oben wahrscheinlich heult sie sich grade die Augen aus, weil ich schon wieder gehe."
Nicht wirklich, oder?
Das war so typisch!
Am Liebsten wäre ich jetzt aus meinem Versteck gekommen und hätte ihn dafür geohrfeigt, dass er in solchen Momenten immer irgendwelche dummen, sarkastischen Sprüche fallen lassen musste!
Aber im Gegensatz zu ihm war ich fähig, mich mal am Riemen zu reißen und meine Entrüstung im Zaum zu halten.
So biss ich hartnäckig die Zähne zusammen und schob verbittert mein Kinn ein Stück nach vorne.
Aber als das Gespräch dann weiter ging, konnte ich es mir nicht verbieten, meine vorherige Haltung wieder einzunehmen und vorsichtig um die Ecke zu linsen.
„SICHER!", rief Stefan lauthals amüsiert aus: „Für dich würde sie keine Träne geben, hörst du, keine Einzige!"
Das war hart, aber es war eine Lüge und ich war froh, dass Damon darum wusste, sonst hätte er niemals das darauf folgende gesagt: „ACH JA?
DAS DENKST ABER AUCH NUR DU!"
„JA, DAS DENKE ICH!
UND JETZT SAG MIR ENDLICH, WAS SIE SCHON WIEDER MACHT!", schrie Stefan zurück und ich zuckte in meinem Versteck zusammen, wodurch mir noch mal so richtig klar wurde, wie viel Glück ich hatte, in dem Moment hier oben zu sein und nicht näher am Geschehen dran.
Das konnte und würde mit Sicherheit noch ziemlich ungemütlich werden!
„KEINE AHNUNG!"
Damons Stimme war noch lauter und dröhnender geworden, obwohl ich eine Steigerung dessen schon gar nicht mehr für möglich gehalten hätte, aber so konnte man sich irren…
Mein Blick fiel auf Damons geballte Fäuste und seinen durch und durch wütenden, stählernen Ausdruck.
Er war gerade am ausrasten und das nur, weil Stefan seinen wunden Punkt getroffen hatte: Mich.
Ich hoffte, er würde sich beherrschen und das hier ruhig fortsetzen, für mich, um mir die Wahrheit über Stefan zu zeigen!
…und tatsächlich.
Als hätte er meinen leisen Wunsch gehört, sagte er in normaler Lautstärke: „Ich hab sie – verdammt, noch mal – da oben stehen gelassen, okay?
Und wie du siehst, ist sie nicht hier, also muss sie ja wohl oder übel noch oben in meinem Zimmer sein!
Es sei denn, du kannst eins und eins nicht zusammen zählen."
Stefan biss sich auf die Lippe, sagte dann aber doch nichts dazu, obwohl mir klar war, dass er das (vor allem den letzten Satz) als Beleidigung betrachtete.
Aber selbst für mich war es schwer, eine recht ordentliche Antwort – ohne Beleidigungen, versteht sich – darauf zu finden.
Wahrscheinlich hätte ich es ihm gleich getan, einfach, weil mir nun wirklich nichts einfiel.
Damon hingegen schien angekratzt und genervt, dass er keine antwort bekam.
Gerade deswegen war er es vielleicht auch, der zuerst wieder etwas sagte, obwohl ich mir beinahe sicher war, dass sich Stefan dadurch noch mehr zurück nahm: „Und jetzt rück endlich die Wahrheit raus, was ist mir Katherine?"
Aber entgegen meiner Erwartungen reagierte Stefan auf diese Aufforderung:
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich in eine Richtung, von der ich nie geglaubt hätte, dass er sie jetzt einschlagen würde.
Er zog die Augen zusammen, sodass sie beinahe Schlitzen glichen und setzte eine nachdenkliche Miene auf.
Nachdem er ein paar Mal kurz mit seiner Hand etwas gestikuliert hatte, schlussfolgerte er mit ernstem Ausdruck: „Willst du zu ihr zurückkehren, jetzt, wo du weißt, dass du Elena verloren hast, oder was?"
„NEIN, VERDAMMT!", kam es daraufhin sofort von Damon und Stefan, der die ganze Zeit nichts anderes erwartet hatte, wenn er das sagen würde, grinste hämisch.
Er hatte gewusst, dass Damon darauf anspringen würde und er hatte es auch genau aus diesem Grund getan.
Einfach, um sich zu belustigen und Damon dann schlussendlich auf die Palme zu bringen oder zu etwas Dummem zu verleiten.
Ich spürte Abneigung in mir aufflammen und begann mich zu fragen, welch lachhaft unschuldiges und makelloses Trugbild ich von Stefan die ganze Zeit gehabt hatte und wie ich darauf gekommen war, wenn eigentlich das sein wahres Gesicht war (und das, obwohl mir Damon noch gar kein Geheimnis von ihm offenbart hatte)!
Jetzt war ich nicht nur von Stefan, sonder auch von mir selbst, unendlich enttäuscht…
„Ach nein?
Aber sonst bist du ihr doch auch immer wie ein kreuzdummer Hund hinterher gelaufen, also!", lachte Stefan.
Damon knurrte warnen und ich wusste, jetzt war er abgrundtief wütend.
