Mein Herz erstarrte, hielt kurz an und schlug dann mit dreifacher Geschwindigkeit weiter, sodass ich das Gefühl hatte, meine Brust würde mir jeden Augenblick zerspringen.
Es tat so weh, dass ich für einen Moment nicht atmen konnte und es mir die Tränen in die Augen trieb.
Und das alles nur, weil unter Damons Augen seicht die Adern hervor traten und er Stefan so abscheulich ansah, als würde er dien gleich anspringen und vernichten.
Einerseits glaubte ich, ihm das nie wieder verzeihen zu können, aber andererseits – egal wie schlecht Stefan dastand oder eben auch nicht – wollte ich ihn dabei gleich noch anfeuern, dafür, dass Stefan es gewagt hatte, Damon anzugreifen und das wegen einem einfachen Missverständnis.
Er konnte von Glück reden, dass er ihm nichts Schlimmeres getan hatte, sonst-
„Ich bin nicht der, der ihr hinterher rennt, aber du!", unterbrach mich Damon lautstark, aber beherrscht, in meinem Gedankengang und es war auch besser so: „Glaubst du, ich bin völlig bescheuert?
Glaubst du, ich habe in der ganzen Zeit nicht mitbekommen – als ich noch hier war und sogar jetzt, keine zwei Tage sein seitdem vergangen – dass du sie triffst?
Immer, wenn Elena gerade arbeitet!
Glaubst du, ich bekomme nicht mit, wie du sie durch und durch vögelst, bis du keinen klaren Gedanken mehr fassen kannst?"
Ich musste mich kurz auf den Fußboden zurück sinken lassen und verschwand nun gänzlich hinter der Wand, in meiner Ecke.
Ich hob die Hände und vergrub mein Gesicht in ihnen und fragte mich, womit ich das alles hier eigentlich verdient hatte.
Ob das wirklich stimmte`
Ob Stefan mich die ganze Zeit über betrogen hatte und das…das auch noch mit Katherine?
Mit meiner einzigen und wahrhaftigen Doppelgängerin?
Ich wusste es nicht, aber mit war klar, dass ich Damon vertraute und dass ich ihm glaubte.
Aber diese Behauptung war einfach… - nein, sie war unglaublich.
Damon, dessen Wut scheinbar teilweise verraucht war, fuhr nun fort: „Nur, dass ihr einmal fast von Elena erwischt worden wärt!
Ja, da kam sie früher nach Hause!
Und?
Du standest nur mit einem Handtuch bekleidet im Flur und warst völlig durcheinander, weil du nicht mit ihr gerechnet hast!
Und ich bin sicher, sie könnte sich noch ganz genau daran erinnern, wenn ich sie fragen würde."
Schnell schlug ich mir beide Hände vor den Mund, damit bloß kein Laut des Geschreis in meinem Innern nach außen dringen konnte.
Aber dafür musste ich mich wirklich extrem zusammen reißen!
Denn ich kannte diese Situation nur zu gut und ich konnte mich an alle Einzelheiten erinnern:
- Flashback –
Zufrieden stieg ich aus Carolines Wagen, verabschiedete mich kurz von ihr und wünschte ihr ein schönes Wochenende.
Dann schlug ich die Autotür zu und machte mich auf den Weg zum Anwesen.
Insgeheim freute ich mich, denn so konnte ich Stefan mal überraschen und es würde mich wirklich interessieren, was er den ganzen Tag über so anstellte, wenn er allein war.
Einmal hatte er mich davon überzeugen wollen, dass es schon immer sein Traum gewesen wäre, Schriftsteller zu werden.
Allerdings fragte ich mich, warum er dazu unbedingt allein sein musste und ob das, was er so schrieb, wirklich so schlimm war, dass ich nicht mal einen kleinen Absatz als ‚Probe' lesen durfte.
Aber natürlich akzeptierte ich seine Zurückgezogenheit und deshalb machte ich mir auch ziemlich selten Gedanken darüber.
Mit einem seichten Lächeln auf den Lippen suchte ich den Hausschlüssel aus meiner Handtasche, steckte ihn ins Schloss und drehte ihn bis zum Klick herum, dann schob ich die Tür auf.
Drinnen war es verwirrend still und wenn ich nicht noch genau wissen würde, dass ich selbst heute Morgen hier gewesen war und dass ich auch hier geschlafen hatte, würde ich glauben, dieses Haus wäre unbewohnt.
Wahrscheinlich schallte es hier sogar, aber mir war gerade ganz und gar nicht danach, das auszuprobieren.
Ich verzog leicht die Lippen, weil es wirklich ungewöhnlich war, dass es hier so ruhig war.
Ich kannte es nicht, ich war es gewohnt, dass hier immer etwas los war und passierte.
Entweder hatte man irgendwelche Gäste eingeladen der es lief laute Musik, was bedeutete, dass Stefan Sport trieb oder dass Damon sich mit ein paar Huren vergnügte.
Bei dem Gedanken, dass Letzteres nie mehr statt finden würde, müsste ich mich eigentlich freuen, denn genau das war es, was ich immer abgrundtief gehasst hatte, aber Damon war nun schon so lange weg gewesen, dass ich mich immer freuen würde, ihn zu sehen.
Er fehlte mir, es war unbestreitbar, dass er ein fester Teil meines Lebens geworden war.
Und das alles nur wegen einem Kuss, einer so kurzen Annäherung…die alles verändert hatte.
Ich schüttelte den Kopf, um jegliche Form dieser Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen, denn es tat mir nicht gut.
Ich wusste ja, dass es sowieso nichts bringen würde, also durfte ich meine Kraft auch nicht dafür verschwenden.
Was blieb, war, meine Gefühle zu verdrängen und die Vergangenheit endlich hinter mir zu lassen.
Ich bog seitlich ins Wohnzimmer ab, wo ich meinen Haustürschlüssel auf den Tisch warf und meine Tasche langsam aufs Sofa gleiten ließ.
Dann ging ich wieder raus auf den Flur, von wo aus ich ins obere Stockwerk gehen wollte, um nach Stefan zu sehen.
Doch als ich meinen Kopf in Richtung Treppe wandte, kam Stefan plötzlich keuchend herunter gestolpert.
Er erblickte mich, blieb stehen und ich bemerkte, dass er nur ein sehr, sehr locker um die Hüften geschlungenes Handtuch trug und dass er ganz verschwitzt war.
Seine Augen waren erschrocken geweitet und ich hatte ein ganz dumpfes Gefühl dabei, wie heftig sich seine Brust in dem Augenblick hebte und senkte.
Doch unser Blickkontakt wurde mir einem Mal unterbrochen, als ein lautstarkes Klirren aus der oberen Etage ertönte.
„Stefan, war ist da?", fragte ich, aber er war noch immer erstarrt und rührte keinen Finger.
Ich setzte mich in Bewegung, doch er tat das Gleiche und so trafen wir uns in der Mitte, am Treppenabsatz.
Allerdings hatte ich nicht vor, stehen zu bleiben und wollte mich an ihm vorbei drängeln, um nachzusehen, ob da oben jemand war, wenn ich Glück hatte…sogar…sogar Damon?!
„Nicht, Elena.", sagte Stefan mit schwacher und heißerer Stimme.
Aber ich konterte sofort: „Warum nicht? Was ist da oben?"
Stefan hielt mich mit dem bloßen Arm auf, ich hatte keine Chance.
„Da oben…ich…hab alle Fenster aufgemacht, das ist der…der Durchzug, Elena."
Warum log er mir einfach ins Gesicht und vor allem, warum bekam ich das mit?
Ich schaltete schnell, machte ein entsetztes Gesicht und starrte in die Richtung, der Stefan den Rücken zugedreht hatte, um entsetzt ‚Da!' u flüstern und ins Nichts zu zeigen.
Stefan wirbelte herum, ich rannte los, die Treppe nach oben, aber ich wurde nicht mehr von ihm aufgehalten, er blieb einfach stehen.
Voller Vorfreude, dass ich vielleicht gleich auf Damon treffen könnte, stürmte ich in Stefans Zimmer und – fand tatsächlich ein sperrangelweit offenes Fenster vor.
…und den abartigen Gestank von rotzteurem Parfüm.
- Flashback Ende –
Nie im Leben hätte ich gedacht, dass es sich bei dem Gestank um Katherines Parfüm gehandelt hatte, obwohl es geradezu perfekt zu ihr gepasst hätte: Dieses verruchte, bittersüße, beinahe etwas zu übertrieben feminine…
Plötzlich passte alles zusammen.
Aber woher wusste er das?
Er konnte unmöglich dabei gewesen sein?!
„Weil sie gezweifelt hat, weil sie mitbekommen hat, dass was passiert sein muss und weil du geschwiegen und geleugnet hast!
Aber sie ist nicht blöd, Stefan, sie bekommt es mit, da bin ich mir sicher, und irgendwann wird diese Bombe platzen, das verspreche ich dir!
Und dann werde ich lachen, das kannst du aber wissen!", knurrte Damon und wenn man ihn so hörte, konnte man sich eigentlich nicht vorstellen, dass er lachte, aber er tat es.
…ich hatte mir ein Herz gefasst und wieder einen Blick auf den Geschehen geworfen.
Meinen Schock überwunden hatte ich allerdings noch lange nicht und das würde auch noch eine ganze Weile dauern.
Das Wissen, von Anfang an betrogen worden zu sein, machte mich fertig, denn es sandte in regelmäßigen Abständen Stromschläge durch meinen Körper und brachte ihn immer mehr zum Schmerzen, es ließ mir keine Ruhe.
Aber damit sollte noch längst nicht Schluss sein: „Ist ja nicht das erste Mal gewesen, dass ich ein Geheimnis für dich bewahren musste und es wird auch nicht das letzte Mal sein, oder kannst du mir das versprechen?
Aber jetzt ist Schluss!
Ich hab die Schnauze gestrichen voll!
Und mir ist egal, ob du dann wieder mit deiner bekloppten Hexenfreundin kommst, um mich dafür zu bestrafen oder mich irgendwelche Schwüre leisten zu lassen, die ich nicht brechen kann, denn wie du siehst, funktioniert es nicht!
Nicht vor Elena, Stefan, und deshalb werde ich gehen.
Für meinen Bruder, wenn er noch irgendwo in diesem verwahrlosten Körper ist…ich vermisse ihn wirklich.
Aber egal, ich schalt einfach meine Gefühle ab, so mach ich's ja immer, darin bin ich doch inzwischen besonders gut, nicht, Stefan?
Ist es nicht so?
Ich als gefühlskalter, kranker Vampir?"
