Stefan zitterte.
Sein Blick, undurchsichtig und unlesbar, war unwiderruflich auf Damon gerichtet.
Er wirkte bedrückt, regelrecht eingeschüchtert, und doch zeichnete sich ein kleines Lächeln auf seinen Lippen ab.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es jetzt noch etwas zu lachen gab, aber er überzeugte mich gerade glatt vom Gegenteil.
War es die Belustigung über die Tatsache, dass er glaubte, Damon würde das hier alles nur für sich tun?
Darüber, dass es bald keine Möglichkeit mehr für mich geben würde, von seinen Machenschaften zu erfahren?
Das war wirklich erbärmlich.
Nie hatte ich etwas derartig abartiges erlebt!
Es kam mir wirklich so vor, als würde Stefan glauben, er wäre von so auftrumpfender Unumstößlichkeit wie einer der Urvampire um Klaus.
Ich hasste es, in deren Gegenwart zu sein, aber für ihn war das bestimmt eine regelrechte Wohltat.
Nun wartete ich nur noch auf eine Antwort, um meiner geglaubten ‚großen Liebe' persönlich einen Tritt in den Allerwertesten zu geben!
Trotzdem vermochte ich nicht darüber nachzudenken, warum ich so schlimm gegen Stefan war und warum es mir gerecht vorkam, dass er eine Strafe bekommen würde, selbst wenn es nur die Einsamkeit war.
Das klang ganz und gar nicht nach mir und die in mir aufsteigende Wut fühlte sich so fremd an, als würde sie nicht einmal mir gehören.
Der Zorn eines Fremden in meinem Körper, geradezu dazu aufgelegt heraus zu brechen und alle im näheren Umkreis rücksichtslos zu vernichten, in den Boden zu stampfen, einfach zu tun und nicht zu fühlen.
Aber das durfte nicht passieren, ich würde meinem Körper diese Freiheit nicht gewähren, selbst wenn er danach verlangen würde.
„Warum sollte ich, hm?
Willst du es unbedingt noch einmal hören?", kam es nun belustigt von Stefan.
Damon hingegen schien das gar nicht wahrzunehmen, er schien ganz darauf konzentriert zu sein, einen einzigen Satz zu hören, um dann endlich von hier zu verschwinden.
Und das mit Erfolg: „Aber na gut, wenn es dir so wichtig ist…
JA, ICH HATTE DIE GANZE ZEIT ÜBER WAS MIT IHR!
UND ICH BEREUE ES AUCH NICHT, KEINE SEKUNDE!"
Es tat weh.
Es tat so unglaublich stark weh, als würde mein Körper in jegliche Einzelteile zerrissen, dass ich nicht anders konnte, als laut zu schreien.
…innerlich.
Aber in Wirklichkeit würde ich keinen Ton heraus bekommen.
Mein Hals fühlte sich so trocken und wund an und ich war sicher, dass nichts einmal dann etwas, wenn auch nur ein Seufzen, über meine Lippen kommen würde, wenn ich es wirklich probieren würde.
Langsam wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit nichts anderes für Stefan gewesen war als die zweite Wahl, denn er hatte nebenbei auch noch eine Affäre mit Katherine gehabt.
Und wenn ich mir überlegte, dass sie auch davon gewusst und es noch lustig gefunden hatte…
Mir wurde einfach nur schlecht und ich fühlte mich zum sterben elend.
Nie hätte ich geglaubt, einmal Katherine, meinem absoluten Ebenbild, meiner Erzfeindin, so gegenüber zu stehen wie jetzt.
Nie, wirklich nie, hätte ich gedacht, sie als Konkurrentin betrachten zu müssen.
Und schon gar nicht wegen Stefan!
Damon hatte sie gewollt, ich hatte sie ihm zurückholen wollen, aber will sie so eine verlogene Schlampe war, war auch das misslungen und hatte Damon noch unglücklicher gemacht, obwohl es das Gegenteil bedeuten sollte.
Aber er hatte dann ebenfalls erkannt wie sie war, dass sie ihn – wie alle anderen – nur benutzt hatte und sich schließlich von ihr abgewandt, ich war mir sicher, dass er sie jetzt mehr als nur hasste.
…dasselbe hatte ich jedoch auch von Stefan gedacht.
Doch ich hatte mich schon wieder geirrt.
In Wahrheit liebte er sie, noch immer, hatte nie damit aufgehört.
Mich hingegen schien er nur als Abwechslung nebenbei gebraucht zu haben und es war mir selbst jetzt noch unbegreiflich wie er so eiskalt, mir gegenüber, hatte sein können.
Irgendwann hatte ich ihm doch mal etwas bedeutet, oder?
Warum hätte er sonst mit mir zusammen sein sollen?
„Bist du jetzt zufrieden?", fragte Stefan mir amüsiertem Unterton und ich spürte förmlich Damons Willen, sich nach mir umzudrehen, was er dann zum Glück aber doch nicht tat.
Und ich wusste, dass jetzt die Zeit gekommen war, sich zu offenbaren und dieses Versteckspiel zu beenden.
Ich hatte Angst, aber mit dem Wissen, dass Damon da war, ging es mir gleich besser und ich fühlte mich stärker.
Schließlich fasste ich mir ein Herz und atmete tief durch.
„Allerdings.", sagte ich und kam aus meinem Versteck.
Stefans Kopf fuhr hoch zu mir und er starrte mich entrüstet an.
Sein Blick glitt zu Damon und dann wieder zu mir.
Auf Damons Gesicht erschien ein Grinsen, es war bitter, doch es machte mir noch mehr Mut.
Auch er sah zu mir und ich blickte ihm dankbar entgegen, hoffte, dass er bemerkte, wie viel Vertrauen und Liebe darin lag und seiner Erwiderung nach zu urteilen, tat er das.
Er antwortete mit einem Kurzen Zucken der Mundwinkel und ich bildete mir ein, dass das soviel hieß wie: Bis gleich!
Dann drehte er sich jedoch zurück zu Stefan.
„Ich mach mich auf den Weg, Schleimbeutel.
Viel Spaß noch in deiner auch so heilen Welt, ich wünsch dir Glück, weil es dir eh nichts mehr bringt.
Es hat sich ausgespielt.", mit diesen Worten kehrte Damon uns den Rücken zu und verließ das Haus mit schnellen Schritten.
Ein Lächeln glitt auf meine Lippen und ich freute mich schon, bei dem Gedanken, wie ich gleich zu Damon nach draußen stürmen würde, um in seine schützenden Arme zu fallen, in seine ehrlichen, wunderschönen Augen zu blicken und ihn zu küssen.
Zum ersten Mal…
