Ich und Stefan sahen Damon noch einen Moment lang nach, obwohl dieser schon weg und die Tür längst zu war.
Erst dann wanderten unsere Blicke zum jeweils anderen.
Stefan war noch immer wie erstarrt, als wäre er durch meinen unerwarteten Anblick versteinert worden.
Doch kaum waren meine Augen den seinen begegnet, schlug sein Ausdruck urplötzlich um und wandelte sich in ein breites, sehr freundliches Lächeln.
„Elena!", rief er, als wäre er positiv überrascht, mich zu sehen, aber das kaufte ich ihm natürlich nicht ab.
Schnell kam er auf mich zu, lief binnen weniger Sekunden, die Treppen nach oben und blieb nur knapp vor mir stehen.
Seine Mundwinkel waren noch immer verzogen und mimten einen glücklichen Gesichtsausdruck, aber seine Augen zogen ruhelos umher, unsicher nach einer Antwort darauf suchend, wie viel ich von dem Gespräch mitbekommen hatte und ob überhaupt.
Bevor ich allerdings weiter darüber nachdenken konnte, hatte mich Stefan auch schon in seine Arme gezogen und liebevoll – wenn auch etwas fester als sonst und irgendwie ziemlich versteift – gedrückt.
Sofort begann ich, ihn mit vollem Kraftaufwand von mir zu schieben und zu meiner großen Überraschung funktionierte das auch noch.
Stefan ließ sich von mir zurück drängen, machte dann jedoch plötzlich Anstalten, mich zu küssen.
Erzürnt über seine Dreistigkeit wehrte ich ihn erneut ab.
Aber das schien ihm relativ egal zu sein, er zeigte nicht das geringste bisschen Missfallen.
Trotzdem konnte ich es nicht verhindern, dass seine Hand für einen kurzen Moment über meine Wange strich und mir einen unangenehmen und Übel erregenden Schauer über den Rücken jagte.
Am Liebsten wäre ich auf der Stelle fort gerannt, um mich irgendwo unbemerkt zu übergeben, weil ich mich von jetzt auf gleich richtig unwohl fühlte.
Ich wusste nicht, ob es die Wahrheit war, die mich so leiden ließ und unbedingt auf diesem unwürdigen Weg meinen Körper schnellstmöglich verlassen wollte oder das Wissen, die grobe Ahnung, wo diese Hand von gerade eben Katherine schon überall berührt hatte…
Ich wollte keinen einzigen Gedanken an etwas derart widerliches verschwenden, aber ich konnte es einfach nicht abwenden.
Der Schmerz machte mich schwach und angreifbar und ließ so etwas zu mir durch, ohne dass ich etwas dagegen tun oder mich wehren konnte.
„Elena, wo warst du denn die ganze Zeit?
Hast du dich noch schön von Damon verabschieden können?
Er sagte, du hättest – "
„Halt – die Klappe.", sagte ich plötzlich und unterbrach Stefan damit mitten im Satz, weil ich so wütend war und mir nicht vorstellen konnte, dass auch nur ein weiteres Fünkchen Wahrheit über solch trügerische Lippen kommen würde.
Stefan sah mich daraufhin unverwandt an, die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen und eine fragende Miene aufgesetzt.
„…was?", kam es zögerlich von ihm, doch ich hatte nicht vor, ihn weiterhin zu verschonen und ihm hinterher zu rennen.
Ich wusste nun mehr als heute Morgen, viel mehr.
Und ich würde diesen törichten Fehler nicht noch einmal begehen!
„Ich sagte, halt die Klappe!
Du hast mich schon verstanden, Stefan."
Doch seine verschwommene Miene lichtete sich auch dadurch nicht, was wohl daran lag, dass solche Ausdrucke normaler Weise nicht zu meinem Wortschatz gehörten.
…normaler Weise.
Denn ich war gerade ganz und gar nicht dazu aufgelegt, mich weiterhin zurück zu halten!
Hass begann, tief in meinem Innern aufzusteigen und sich zu sammeln, schon darauf gefasst, sobald wie möglich heraus zu platzen und mich zu übermannen.
„Du brauchst gar nicht erst so tun, ich hab sowieso alles mitgehört.
Jedes einzelne Wort."
Stefan blinzelte.
Einen Moment lang schien er abzuwägen, ob es möglich war, dass ich nicht log und seine Sinne nicht hatten feststellen können, dass ich in Hörreichweite gewesen war, obwohl sie doch eigentlich von äußerster Schärfe waren.
„Wie – was meinst du?", fragte er wieder und war noch immer ziemlich verwirrt davon, dass ich gerade tatsächlich vor ihm stand: „Wie ich Damon verabschiedet habe?
Ich dachte – ich meine, er hatte doch gesagt, du wärst in seinem Zimmer?
Er sagte, du würdest erst noch deine Trauer überwinden müssen?"
Es wunderte mich wirklich, dass er bei Letzterem sogar die Realität zitierte, denn es stimmte, dass Damon so etwas von sich gegeben hatte.
„Verabschiedet?", ich ließ er sarkastisches Lachen erklingen: „Verabschiedet hast du ihn, Stefan?
Tut mir ja leid, aber für mich hat sich das nach was ganz anderem angehört!
Wie schon gesagt, ich hab alles mitgehört.
Und damit meine ich nicht nur deine reizende ‚Verabschiedung', sondern auch den Rest!
Deine Beichte, Stefan, deine Geheimnisse, die du so lange schon vor mir hattest…"
Ich zählte weitere Dinge mit meinen Fingern auf, ohne sie laut vor ihm zu nennen, denn das reichte schon.
Und außerdem gab es dazu auch nichts weiter zu sagen.
Quasi ohne Worte und einzig und allein mit dem schlagenden Argument meiner noch immer ununterbrochen weiter zählenden Hände trieb ich ihm nun die Verzweiflung ins Gesicht, und das war eine mehr als befriedigende Genugtuung!
„Jedes. Einzelne. Wort."
Das wiederholte ich noch mehrmals, wenn auch unbewusst, aber es reichte.
