Mein ruhiger Blick streifte den hellgrauen Himmel und die tiefschwarzen Wolken, die hin und wieder dort oben hingen.
Es hatte schon eine Weile nicht mehr geregnet, die Dürre war unerträglich geworden, nur heute schien eine Ausnahme, gerade heute.
Als hätte man beschlossen, die Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit, wie sie in meinem Innern herrschte, nach außen dringen zu lassen.
Ich betrat gerade den heiligen Boden des Friedhofes, als ein lauter und beängstigender Donner über den Himmel grollte.
Doch, aus welchem Grund auch immer, zuckte ich nicht zusammen, nicht mal ein wenig.
Meine Füße erzeugten ein dumpfes Geräusch beim Laufen auf dem weichen Gras.
Ich blickte mich um, sah jedoch niemand anderen, worüber ich recht froh war.
Es sollte mich niemand stören oder davon abhalten und schon gar nicht zusehen!
Das hier war meine Sache, ganz allein meine.
Und vor allem war es meine Entscheidung.
Ich selbst hatte mich in diese Situation gebracht,, indem ich mich und meine Gefühlte aufs Neue verraten hatte, und ich würde es auch sein, der das wieder zurecht bog.
Es war mir egal, ob das Stefan und Katherine eine außerordentliche Genugtuung verschaffen würde oder nicht.
Sie interessierten mich nicht mehr und es war nicht im Geringsten von Bedeutung für mich, was sie dachten.
Wer wäre ich denn, wenn ich mich nach ihnen richten würde?
Auch nicht mehr als jetzt, vor allem nichts Besseres.
Ich hatte gerade Jennas Grab erreicht und kniete davor nieder.
Lange betrachtete ich einfach nur ihren Namen auf dem steinernen Denkmal, dann entdeckte ich auch die gläserne Vase, die darauf stand.
Tiefrote Rosen waren darin, die alle einen ziemlich frischen Eindruck machten, fast so, als hätte man sie heute Morgen erst hier hin gestellt.
Langsam beugte ich mich vor, bis ich ganz vorsichtig an einer von ihnen riechen konnte.
Der zarte, milde Duft berauschte meine Sinne und plötzlich war ich froh, so kurz vor dem Ende noch einmal den wohltuenden Geruch frischer Rosen genießen zu können.
Euch hat der Himmel geschickt!, dachte ich und stand auf, um auch einen Blick auf Johns Grab zu werfen.
Es lag im Halbdunkel, versteckt hinter einem anderen, das recht groß war, vielleicht ein Familiengrab, und das ich nicht kannte, es musste wohl erst seit kurzem hier stehen, und doch nur wenige Schritte von Jennas entfernt.
Das würde ihr gar nicht gefallen!
Sie hatte John nie wirklich gemocht, dass hatte ja nicht einmal ich getan, aber er war nicht nur der Vampirjäger, der Damon und Stefan einst fast getötet hätte, nein, er war auch mein Vater.
Und auch obwohl er damit seine anfänglichen Schwierigkeiten gehabt hatte, so war er letztendlich doch in seine Vaterrolle hinein gewachsen.
…mehr oder weniger.
Denn einzig und allein dank ihm war ich vor dem endgültigen Tod oder auch dem Vampirsein errettet worden.
Nur, weil er sich für mich geopfert hatte!
Und dafür war ich ihm unendlich dankbar, nicht zuletzt, weil er Damons fehlerhafte Voreiligkeit beglichen hatte, mir Vampirblut zu geben.
Damon…
Wo auch immer er gerade war, hoffentlich ging es ihm gut.
Hoffentlich konnte er mir verzeihen!
Und wenn nicht…ich würde sowieso nicht mehr lange diese Schuldgefühle tragen müssen.
Natürlich, es war schlichtweg würdelos, einfach aufzugeben, nach so kurzer Zeit, und das nur aus dem simplen Grund, dass ich zu schwach war, eine derart große Last zu tragen.
Wer aufgab war ein Feigling, keine Frage.
Weil es viel leichter war, aufzuhören zu atmen, als in dieser dünnen Luft, in der ich mich befand, einen Atemzug nach dem anderen zu machen.
Ich wandte mich seufzend ab und tätigte die wenigen Schritte zurück zu Jennas Grab, die meine letzten sein sollten.
Das alles klang so erbärmlich!
Wer war ich, dass ich so erniedrigend dachte?
Ich verdiente das Leben nicht.
Dang langsam ließ ich meine Hand daraufhin in die Innentasche meiner Jacke wandern, wo diese mit zitternden Fingern nach dem Messer griff.
Zögerlich zog sie es heraus und hielt es vor meinen Körper.
Ich betrachtete es, fragte mich kurz, was ich hier eigentlich tat, dann erst nahm ich den Blick davon.
Ich würde ganz sicher nicht dabei zusehen!
Mit schwerem Atem richtete ich meinen Blick auf Jennas Namen vor mir.
Meine Hände wurden schweißnass und mein Kopf begann zu pochen, so sehr glühte er.
Denn er wusste, was bevor stand und noch immer wollte er es mit aller Macht verhindern.
…aber diese Chance würde ich ihm nicht geben.
Zu lange schon hatte er mich mit seinen Entscheidungen in eine völlig falsche Richtung getrieben und mich mit seinen Vorstellungen terrorisiert.
Er hatte Damon zum Gehen gebracht!
Und ich wollte nichts mehr von ihm hören.
Er sollte verstummen, für immer!
Davon bestärkt richtete ich die Messerspitze auf meinen Körper und fasste den Griff mit beiden Händen.
Doch genau in dem Moment begann es zu regnen, begleitet von einem schneidend hellen Blitz.
Ich lächelte bitter, aber befreit:
Der Himmel weinte mit mir.
