Niedergeschlagen, aber zutiefst berührt davon, ließ ich die Tränen zu, mit denen ich schon seit geraumer Zeit kämpfte.
Vielleicht würden sie den Schmerz betäuben können, auch wenn ich keinesfalls daran glaubte.
Außerdem hatte ich den Schmerz verdient und nichts auf der Welt sollte mich daran hindern, ihn mit Leib und Seele zu spüren, nichts!
Gestärkt rückte ich das Messer näher an meinen Unterleib, bis ich dessen Spitze ganz deutlich durch meine Kleidung spüren konnte.
Ich fühlte seine Macht, Leben zu nehmen und ich bat es, sie auszuspielen.
Ich bat es, zu übernehmen, falls ich selbst zu schwach war, es zu tun und ich glaubte sogar, leichten Druck, als Antwort, an meinem Bauch zu spüren.
Ich nickte und nahm meine gesamte Kraft zusammen, um sie auf meine Hände zu konzentrieren.
Furchtlos schob ich es immer weiter voran, ich glaubte nicht, dass ich erst ausholen brauchte, doch je mehr ich drückte, desto stärker wich ich zurück und die Angst stieg von Sekunde zu Sekunde.
Warum konnte ich nicht?
Was gab es denn noch, das mich behinderte?
Mein Selbstmitleid oder doch die Furcht vor dem Ende, die zu groß war?
Natürlich, ich hatte Respekt vor dem Tod, aber genauso viel Respekt hatte ich auch vor dem Leben.
Beides war…in gewisser Hinsicht…schwer.
Denn wer gab sich schon freiwillig auf?
Und wer konnte den Tod, das Sterben, mit offenen Armen willkommen heißen, obwohl es eigentlich noch viel zu früh war?
Ich wollte das Leben nicht mehr führen, nicht so, aber ich war auch nicht in der Lage, mich einfach so aufzuschlitzen.
Doch was war so schwer daran?
Schnaubend holte ich aus, ließ das Messer auf mich zuschnellen, meine Augen weiteten sich kurz davor, reglos die Kälte, die Taubheit und die Gedankenlosigkeit erwartend.
Oh, wie sehr ich es wünschte!
…aber wieder brach ich ab, wenn ich auch nur knapp gescheitert war.
Du bist nicht bereit dazu., dachte ich niedergeschlagen: Was hast du denn auch erwartet?
Ich konnte nichts erwarten.
Keine Sterbehilfe, nicht von meinen…Freunden, keine Hand, die mich ganz sanft packte, die mich in Geborgenheit hüllte, um mich aufzuhalten, weil dies nur Damon könnte und weil er fort war.
Aber das sollte nicht mehr zählen.
Entschieden nahm ich das Messer in eine Hand, die scharfe Schneide direkt auf meinen Unterarm gerichtet, den ich herausfordernd gen Himmel gerichtet hatte.
Würde ich mir die Pulsadern aufschneiden, würde ich in Windeseile verbluten, es gab also keine Chance mehr auf eine Rettung oder einen Rückzug.
Außerdem war es leichter, nur über die Oberseite meines Armes zu schneiden, als mir tief in die Magengrube zu stechen.
…dachte ich.
Ich richtete meinen Blick wieder nach oben, noch immer zählte ich fest entschlossen darauf, es würde mir so leichter fallen.
Ich setzte an und…
Stopp!
Was, wenn du dich geirrt hast?
Damon liebt dich, das weißt du!
„E-er hat das aber sehr…sehr lang nicht mehr g-gesagt.
Woher soll ich w-wissen, dass er…mich aufrichtig liebt?
Aufrichtiger als Stefan?"
Jeder andere liebt aufrichtiger als Stefan!
Warum zweifelst du?
Du warst dir so sicher, dass Damon dich liebt!
Er hat dich nicht belogen, er war so einfühlsam zu dir, er hat dich geküsst…
Und du hast es geliebt!
„Was bringt das, wenn ich ihn liebe und er mich nicht?"
Er liebt dich!
Er hat es dir so oft bewiesen!
„Ja und?
Wenn er mich wirklich liebt, wo zur Hölle ist er dann?", schrie ich aus vollem Hals und wild schluchzend, man verstand mich kaum, so sehr weinte ich: „Ich weiß, ich hab ihn verraten, meine Gefühle zu ihm, und das hätte ich nicht tun dürfen, aber wo ist er denn?
Warum kommt er nicht einfach zurück, sodass wir wie zwei erwachsene…Menschen darüber reden können?
Oder hab ich was verpasst und es gibt nichts mehr zu reden…?
Er ist doch gegangen!
Ich kann ihm nicht folgen, ihn nicht suchen, weil ich nicht weiß, wohin ich gehen soll!
Er müsste zurückkommen, um das zu beenden!
Aber wo ist er dann?
Siehst du ihn hier irgendwo?
Ich nicht.
Ich nicht!"
Atemlos lauschte ich vor mich hin, aber darauf hatte mein Schicksal wohl keine Antwort mehr.
Zufrieden konzentrierte ich mich wieder auf das Wesentliche.
Doch plötzlich schoss ein Gedanke durch meinen Kopf:
Was, wenn er mich wirklich liebte und nur auf einen Beweis von meiner Seite wartete?
Was, wenn –
Aber es war zu spät.
Mir entfuhr ein spitzer, mörderisch wehklagender Schrei und ich starrte entsetzt auf meinen Arm herunter.
Blut, Blut, überall war Blut!
Ich hatte es tatsächlich getan, ich hatte meine Pulsader, ohne Rücksicht auf Verluste, vom Handgelenkt bis zum Ellenbogen aufgeschnitten!
Jetzt waren sämtliche Gewissensbisse und Überlegungen allerdings hinfällig, denn, egal ob sie stimmten oder nicht, es war zu spät.
Mein Arm stand offen Blut floss, spritzte regelrecht und noch immer durchfuhr mich wein blitzartiger, durch und durch brennender Schmerz.
Ich würde verbluten.
Aber wenn, dann schnell., sagte ich mir selbst und schnitt mir ohne zu zögern auch die zweite Pulsader auf.
