Hallo an alle, diese Geschichte ist die Übersetzung einer FF von Dragonwing4: Une Seconde Chance: 1ère Partie: Changer le Passé.

Disclaimer: Die Figuren, die bekannt sind, gehören zu J.K Rowling, die anderen Figuren und die Geschichte sind von Dragonwing4, und die Übersetzung ist von mir.

Spoiler: Diese FF enthält viele Spoiler von Harry Potter und dem Orden des Phönix.

Anmerkungen der Autorin: Dieses Kapitel dient vor allem dazu, den Rahmen aufzustellen, so wird es vielleicht etwas langatmig sein, außer vielleicht die letzte Szene. Gewisse erfunden Namen werden euch zweifellos bekannt erscheinen: Wegen eines Mangels an Phantasie, was die Namen betrifft, habe ich nämlich den Familiennamen eines bekannten oder von mir geliebten Autors oder Buchcharakters gewählt. Werdet ihr sie entdecken können?

Und jetzt, genießt und reviewt. Vielen Dank an LadyAdamas für ihre Korrekturen.

Eine Zweite Chance

Die Vergangenheit verändern

Kapitel 1: Wo ein Eindringling die Entscheidung trifft, der Zeit Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Harry kam allmählich zu den Klängen von scheinbar sehr weit entferntem Geflüster wieder zu Sinnen. Wie er es schon gewöhnt war, blieb er völlig regungslos, während er dieselbe ruhige Atmung beibehielt und sich darum bemühte, keinen einzigen Muskel anzuspannen. Sein Geist wurde allmählich klarer und seine erste Sorge galt sich davon zu überzeugen, dass er jeden Teil seines Körpers normal fühlen konnte. Diese mentale Überprüfung stellte klar, dass nur sein Rücken leicht schmerzte. Nach einer weiteren Überlegung war es nicht wirklich unlogisch, denn er war auf einer ziemlich harten Fläche gelegen, was er fühlen konnte.

Das Geflüster, das ihn aufgeweckt hatte, war zu leise, als dass er es verstehen konnte, aber die Stimmen waren zweifellos menschlich. Sie besaßen weder diese näselnde Betonung, die die Kobolde kennzeichnete, noch die angenehme Tiefe der Zentauren, die sklavische Betonung der Hauselfen, den rauen Ernst der Zwerge oder den musikalischen Klang der Waldelfen. Was das Brausen, der Apokalypse gleich, betraf, das aus dem Mund eines Riesen kam... na ja, wer hatte je einen Riesen flüstern hören?

So lag er auf einer harten Fläche – wahrscheinlich dem Boden – und nahe bei einer Gruppe von Menschen. Was nicht viel bedeutete.

Da er wusste, dass er nichts anders tun konnte, begann Harry, die Augen zu öffnen. Die Leute schienen einige Meter entfernt zu stehen und wenn er ein bisschen Glück hatte, würden sie nicht in seine Richtung schauen. Seine Lider waren kaum ein wenig geöffnet, als er schon wusste, wo er lag. Das sich immer verändernde Licht, ähnlich wie Diamantensplitter, konnte nicht mit irgendeinem anderen verwechselt werden, wie er es schon kaum eine Stunde vorher gedacht hatte.

Er war noch im Raum der Zeit.

Diese Feststellung ließ ihn die Augen völlig öffnen. Ungläubig starrte er alles an, was sich in seinem Sehfeld befand, ohne irgendeinen anderen Muskel zu bewegen. Kein Zweifel, das war wohl derselbe Raum. War es möglich, dass die Tafel nicht funktioniert hatte? Doch diese Kraftwelle... Und während er darüber nachdachte, wo stand denn die Tafel?

Entschieden, den wahren Sachverhalt der Geschichte zu entdecken, ließ er die Leuten herum dank einem leisen Murren und einer undeutlichen Bewegung wissen, dass er wieder zu Sinnen kam. Harry schloss ein wenig die Augen und drehte langsam den Kopf auf die andere Seite. Er war überrascht, fünf aufgerichteten Zauberstäben gegenüber zu liegen.

„Wer sind Sie? Und wie sind Sie hier angekommen?"

Harry nahm sich die Zeit, seine Gesprächspartner zu untersuchen. Sie trugen alle die Uniform der Unsäglichen – einen grauen schmucklosen Umhang –, dennoch kannte er aber keinen unter ihnen. Er runzelte die Augenbrauen. Als Auror hatte er oft mit den Zustellern der Mysteriumsabteilung zu tun, also kannte er eine gewisse Zahl unter ihnen persönlich und die Mehrheit nur vom Sehen. Dennoch erinnerten ihn diese an niemanden. Außer vielleicht dieser junge Mann mit hervorragenden Augenbrauen und mit einem braunen unordentlichen Wuschelkopf. Aber nein, das konnte nicht Geoffroy Simons sein! Der Mann war gut vierzig Jahre alt!

„Falls Sie nicht antworten, werden wir Sie den Auroren anvertrauen müssen!"

Harry, der plötzlich zur Realität zurückgeführt wurde, lenkte seinen Blick auf den vordersten Zauberer der Gruppe. Er schien dazu bereit, seine Drohung wahr zu machen. Harry machte sich aber deswegen keine Sorgen, denn er war ja selber ein Auror und wusste, dass keiner seiner Kollegen auf die Idee kommen würde ihn zu verhaften. Und außerdem würden ihn die Unsäglichen ja aufklären müssen, wenn er wissen wollte, was mit der Benutzung der Tafel schief gelaufen war.

Das war dennoch seltsam, dass sie ihn nicht auf den ersten Blick erkannt hatten, in Anbetracht der Zahl von Zeitungen und Zeitschriften, die schon sein Foto auf die Titelseite gestellt hatten...

„Ich heiße Harry Potter."

Er hörte auf, ihre Reaktion zu betrachten. Der Zauberer, der mit ihm sprach, runzelte nur die Augenbrauen.

„Sind Sie mit George Potter verwandt?"

Harry war verwirrt. Was, das war alles? Wussten sie denn nicht, dass er der Junge, der lebt, war? Außerdem war es wohl das erste Mal, dass ihm jemand über seine Verwandtschaft Fragen stellte. Harry hatte von seinem Aurorstudium profitiert, um einen Blick auf seinen Stammbaum im Ministerium zu werfen, so wusste er, dass sein Großvater väterlicherseits George geheißen hatte.

„Hm... Ja", antwortete er also.

„Ich habe noch nie von einem Harry unter den Potters gehört", sagte der andere, der die Augenbrauen mehr runzelte. „Sie müssen aus einem weiteren Zweig kommen..."

Harry starrte ihn ungläubig an. Er wollte etwas erwidern, als der Unsägliche weiter sprach:

„Das ist aber unwichtig, dies sagt uns nicht, was Sie hier tun und wie Sie hergekommen sind."

Harry erlag fast der Versuchung „Durch die Tür" zu erwidern, um ein bisschen Zeit zur Ordnung seiner Gedanken zu gewinnen, – was, alles in Allem, richtig war–, als er seinen Blick wieder auf den jungen Zauberer lenkte, der Simons so ähnelte. Bevor er sich kontrollieren konnte, hatte ihn seine Verwirrung die Frage stellen lassen:

„Entschuldigen Sie, aber wer sind Sie?"

Der junge Zauberer schien so erstaunt wie sein Vorgesetzter – Harry schlussfolgerte, dass der Typ mit den gerunzelten Augenbrauen eben dieser war. Mit einem Blick suchte er sein Einverständnis, das ihm der Andere, dessen Augenbrauenbogen niedriger war als je zuvor, gab.

„Hm... Ich heiße Geoffroy Simons."

Harrys Gedanken tobten, dann drehten sie sich wieder in einem immer verworreneren Sturm. Harry, der den Kopfschmerz kommen fühlte, fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.

‚Er ist wirklich Simons', dachte er, indem er versuchte, ruhig nachzudenken. ‚Aber jünger als woher ich komme. Dies würde bedeuten, dass...'

„Werden Sie endlich..." begann Simons' Vorgesetzter, aber Harry ließ ihn nicht weiter sprechen.

„Bitte", sagte er, indem er den Kopf wieder hob. „Bitte... Könnten Sie mir sagen, den wievielten wir heute haben?"

Diesmal waren die Augenbrauen im tiefsten Abgrund und der Zauberer schien verärgerter denn je.

„Den 14. August, aber ich verstehe nicht, was dies..."

„Welches Jahr?", schnitt er ihm noch einmal das Wort ab.

„Was?"

„Den 14. August welchen Jahres?"

Der alte Zauberer, der ganz offensichtlich dachte, dass man ihn auf den Arm nahm, richtete sich auf und war bereit, etwas zu dröhnen. Aber Simons-der-Jüngere schien von dem seriösen Blick des Fremden beeindruckt zu sein.

„1978", antwortete er.

Der Typ drehte sich zu Simons, der anfing, Entschuldigungen zu stottern. Harry aber hörte sie schon nicht mehr. Der 14. August 1978. Genau dreiundzwanzig Jahre bevor er zum zweiten Mal in den Raum der Zeit mit dem Willen eintreten würde, die Welt zu verändern.

So war's das? Die Vergangenheit verändern, um die Zukunft wieder aufzubauen?

‚Aber wie könnte ich die Vergangenheit verändern, wenn ich doch keine Ahnung davon habe, wie sie genau war?', fragte er sich. ‚Warte!'

Ein Gedanke war gerade wie ein Blitz in seinen Geist geschossen. Es gab etwas, was er ungefähr in dieser Zeit kannte! Und er wollte es sicher verändern. Er versuchte, sich an die Geburtsdaten seiner Eltern zu erinnern, die er im selben Stammbaum gefunden hatte, der Großvater George behandelte. 1961! Aber so waren seine Eltern in der heutigen Zeit siebzehn Jahre alt!

Verstört wurde er sich dessen bewusst, was das bedeutete. Er konnte die Sache verändern. Die Ratte aufhalten, seine Eltern zu verraten, was mit anderen Worten hieß, ihren Tod, Sirius' Verhaftung und Remus' Einsamkeit zu verhindern... Das war schon groß genug, aber er hatte noch die Möglichkeit, einen Krieg zu verhindern! Das Leben von Tausenden von Leuten zu retten... Diese Vorstellung war so riesig, dass er einen Schwindelanfall hatte und er glaubte, dass er in Ohnmacht fallen würde. Wäre es möglich, dass er den Lauf des Lebens all dieser Menschen verändern konnte, die er liebte und die ihm genommen worden waren?

Schließlich kehrte er mittels des praktischen Sinns, den er sich im Laufe all seiner harten Prüfungen und in Verbindung mit all den weisen Menschen angeeignet hatte, mit denen er verkehrt hatte, auf den Boden der Tatsachen zurück. Er konnte doch nicht jedermann mitteilen, was er tun sollte, um seinen Tod oder ein erbärmliches Schicksal zu verhindern. Einerseits würde es wahrscheinlich soviel verändern, dass schlechte Ereignisse dennoch unvermeidbar geschehen würden und diesmal könnte er sie nicht mehr verhindern. Er glaubte nicht wirklich daran, die Tafel wieder zu finden, um ein drittes Mal Glück zu haben... Und auf jeden Fall war es ziemlich zweifelhaft, zu denken, dass all diese Leute jemandem, den sie zum ersten Mal sahen und der ihnen mitteilen würde, dass er ihre Zukunft kenne, gerne glauben würden.

Und andererseits auch: Hier kannten ihn all diese Leute, die er liebte, gar nicht...

Als er endlich auf den Boden der Tatsachen zurückkehrte, wurde Harry sich dessen bewusst, dass ihn all die Zauberer, die im Raum anwesend waren, noch anstarrten, außer Simons Junior und Herr Ich-runzele-die-Augenbrauen.

‚Tatsächlich sind es nicht nur die Leute, die ich liebe...', dachte er nachdenklich bei sich. ‚Niemand kennt mich. Und ich würde viele Schwierigkeiten haben, in der Zauberwelt zu verkehren, ohne jemand zu haben, vorzugsweise jemand einflussreiches, der über mich Bescheid weiß – wenn ich nur aus dem Ministerium kommen könnte. Zum Schluss muss ich jemandem davon erzählen.'

Als er bis hierher gekommen war, bemerkte er, dass der alte Zauberer begann, sich zur Tür zu wenden – wahrscheinlich, um Auroren herbeirufen zu lassen.

„Ich komme aus der Zukunft."

Der Zauberer stoppte plötzlich, dann drehte er sich um.

„Wie bitte?"

„Aus dem Jahr 2001, genauer gesagt", sprach er unbeirrt weiter. „George Potter, über den Sie soeben gesprochen haben, ist mein Großvater."

Die Unsäglichen waren alle stehen geblieben.

„Sie glauben wohl, dass Sie mir etwas vormachen können?"

„Nein."

Harry traf seinen Blick und sah ihn lange an.

„Ich bin darauf angewiesen, dass Sie mir glauben."

Zehn Minuten später saß Harry im Büro seines Gesprächspartners, der nach dem Schild auf der Eingangstür Anthony Eddings hieß. Die vier anderen Unsäglichen waren mit dem Befehl entlassen worden, mit niemanden darüber zu sprechen. Eddings selbst schien in sehr tiefen Gedanken versunken zu sein.

Harry hatte ihm nur gesagt, wie er hier – oder besser gesagt, „jetzt" – angekommen war, aber hatte es abgelehnt, ihm die Gründe zu offenbaren, welche die Leute seiner Zeit dazu gebracht hatten, sich zur Benutzung der Tafel zu entschließen. Er hatte nur hinzugefügt, dass er hier war, um die Zukunft zu verändern und dass er wirklich beabsichtigte, dies zu tun, weil es auf jeden Fall keine mögliche Rückkehr gab, denn die Tafel des Zweiten Glücks existierte wahrscheinlich sogar nicht und war natürlich noch nicht gefunden worden. Jetzt wartete er geduldig auf Antworten.

Endlich hob der Unsägliche den Kopf wieder.

„So erwarten Sie von mir, dass ich für Sie bürge, wenn jemand Ihnen störende Fragen stellt?"

„Genau."

Eddings runzelte noch einmal die Augenbrauen.

„Sehr gut, aber dafür sollte ich Ihnen schon vertrauen. Wer sagt mir, dass Sie kein Todesser sind?"

Er machte eine Pause, dann sprach er vorsichtig weiter:

„Ich nehme an, dass Sie wissen, was ein Todesser ist?"

Harrys Züge verfinsterten sich.

„Ja, leider weiß ich es viel zu gut", murrte er. „Hören Sie zu, ich kann Ihnen keinen absoluten Beweis dafür bringen, dass ich mit Voldemort nichts zu tun habe, und dass ich mit ihm nichts zu tun haben möchte..."

Eddings, der sich wegen des Namens des Dunklen Lords nicht wohl fühlte, rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. In dieser Zeit schien die Furcht über dieses bloße Wort am kleinsten, aber die Samen der Angst waren schon gepflanzt. Harry tat, als hätte er nichts bemerkt und sprach weiter:

„…Aber ich kann Ihnen zumindest sagen, dass ich in meinem Zeitalter… Auror bin ... war."

„Auror?", rief der andere aus. „Sie sind sehr jung."

„Ich hatte meine Ausbildung gerade beendet und hatte die Prüfung seit erst zwei Monaten bestanden, als ich weggereist bin."

„Hm..."

Eddings verfiel wieder in Gedanken.

„Ich denke, dass Sie es nicht annehmen würden, unter Veritaserum gefragt zu werden..."

„Dafür sollte ich Ihnen vertrauen. Die Auskünfte, die ich besitze, könnten riesige Schäden verursachen, wenn sie schlecht benutzt würden."

„Ja, ich nehme es an."

Er seufzte leise.

„Können Sie denn nicht an einen Menschen denken, dem Sie voll vertrauen würden, und der in diesem Zeitalter schon Erwachsener wäre? Ein Mensch, der diese Aufgabe erledigen könnte, wenn wir mit ihm darüber sprächen?"

„Es gäbe wohl einen", antwortete Harry nachdenklich, „Leider darf dieser Mann nicht Bescheid wissen, denn ich will versuchen, auch sein eigenes Schicksal zu verändern."

„Dürfte ich den Namen dieses Mannes erfahren, nur aus bloßer Neugier?"

Harry starrte ihn nachdenklich an.

„Albus Dumbledore", sprach Harry schließlich.

„Hogwarts' Schulleiter!"

„Genau."

Eddings starrte ihn an, während er versuchte zu erkennen, ob er die Wahrheit sagte.

„Das ist ein sehr renommierter Name, den Sie jetzt zitieren. Kennen Sie ihn so richtig gut?"

Harry lächelte leicht.

„Ja, sehr gut. Er war so etwas wie mein Mentor."

Sein Lächeln verschwand und er zuckte traurig mit den Schultern.

„Der Albus dieser Epoche könnte mich aber sowieso nicht mal erkennen."

Dass Harry den sehr renommierten Schulleiter Hogwarts' bei seinem Vornamen genannt hatte, schien den Unsäglichen sehr berührt zu haben.

„Na denn, ich denke, dass wir uns Ihrer Loyalität auf jeden Fall nicht werden versichern können, wenn wir Sie hier eingeschlossen festhalten", sagte er nach einem Augenblick. „Ich schlage Ihnen dies vor: Ich werde dem Ministerium vorschlagen, Sie als Auror einzusetzen. Amtlich kommen Sie aus einem weiten Land – Australien, zum Beispiel –, wo Sie schon die nötigen Bildungsjahre gehabt haben. Wir könnten Ihnen all die Formulare beschaffen, die Sie brauchen könnten."

„Und halbamtlich?"

„Halbamtlich werde ich meine Vorgesetzten davon benachrichtigen, dass die Angelegenheit, die Sie betrifft, ganz einfach zu wichtig ist, aus unserer Abteilung zu entwischen – immerhin dient sie ja dazu, nicht wahr? Nachrichten vor der öffentlichen Kenntnis geschützt zu halten –, denn meine Vorgesetzten werden gewiss unsere Machenschaften durchschauen, und wir werden auf jeden Fall ihre Hilfe brauchen."

Harry wusste, dass er ihm nicht alles gesagt hatte. Eddings konnte sich nicht erlauben ihn einfach so unbehelligt, ohne jegliche Aufsicht, herumspazieren zu lassen, nur weil er behauptete, dass er einer großen Figur der Zauberwelt sehr nah gewesen war und er seriös und ehrlich zu sein schien. Wenn Harry es schaffte, die Aurorenprüfung zu bestehen, würde er zuerst bestimmt nur wenig wichtige Aufgaben bekommen, damit es keine schlimme Folge für das Ministerium gab, wenn er schließlich entscheiden sollte umzuschwenken. Seine neuen Kollegen würden ihn auch sicher beobachten, und es konnte sein, dass man ihm Fallen stellen würde, um über ihn Bescheid zu wissen.

Dies gefiel ihm nicht und es würde ihm in der Aufgabe, die er sich aufgebürdet hatte, sicher stören, aber er hatte nicht wirklich die Wahl. Wenn er es ablehnte, ging er das Risiko ein, dass die Unsäglichen die Geduld verlören und ihn zwangen, Veritaserum zu trinken oder ihn sogar einfach verhaften ließen, um kein Risiko einzugehen. Das war noch die bessere Alternative.

Harry seufzte.

„Sehr gut", gab er auf, „Ich nehme an."

Die Diskussion dauerte noch eine gute halbe Stunde. Für die Formalitäten, die Harry erlauben würden, an der Aurorprüfung legal teilzunehmen, brauchte man Zeit und außerdem konnte sich Harry unter seiner wirklichen Identität natürlich nicht melden. Die Familie Potter war in der Zauberwelt zu bekannt, um ein zusätzliches Mitglied plötzlich erscheinen zu lassen, ohne bemerkt zu werden.

„Denken Sie während der nächsten Tage darüber nach.", riet Eddings. „Auf jeden Fall werden wir das Verfahren nicht sofort beginnen können. Wir werden Sie davon benachrichtigen, sobald es möglich sein wird."

„Das bedeutet also, dass ich aus dem Ministerium heraus darf?", erriet Harry.

„Ja. Immerhin können wir Sie hier nicht festhalten, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Aber natürlich werden unsere Agenten Sie bewachen."

Harry nickte zustimmend. Er hatte nichts anderes erwartet und war sogar ziemlich erstaunt, dass man ihn darüber informierte. Das konnte bedeuten, dass Eddings, auch wenn er von Berufswegen her den Leuten misstrauen sollte, geneigt war, an seine Geschichte und an seine Ehrlichkeit zu glauben. Gut zu wissen.

„Wo wollen Sie wohnen?", fragte der Vorgesetzte der Unsäglichen.

„Wahrscheinlich im Tropfenden Kessel, auf der Winkelgasse", antwortete er.

„Haben Sie Geld?"

„Ja, kein Problem. Ich habe mitgebracht, was ich brauche."

Er tätschelte die Umhängetasche, die während seiner Zeitreise an seiner Seite geblieben war und die jetzt an seinem Stuhl hing.

‚Glücklicherweise habe ich diesen Reflex im Augenblick des Abgangs gehabt', dachte er mit Erleichterung bei sich.

Er hätte nicht betteln mögen… und es wäre ihm peinlich gewesen, all diese wertvollen Sachen hinter sich zu lassen, mit dem Wissen dass er sie nie mehr gesehen hätte.

„Sehr gut", schloss endlich Eddings. „Ich denke, dass wir für heute fertig sind. Wissen Sie, wie Sie aus dem Ministerium kommen?"

„Wenn es sich in dreißig Jahren nicht fundamental geändert hat, denke ich, dass es mir gelingen könnte, mich zurechtzufinden."

„Dann, in diesem Fall, auf Wiedersehen."

Harry stand auf und sie schüttelten einander die Hand. Als sich der ehemalige-und-zukünftige-Auror zur Tür richtete, rief ihn Eddings zurück:

„Oh! Und, Mr. Potter!"

Harry drehte sich um.

„Erinnern Sie sich bitte daran, dass Sie hier noch nicht apparieren dürfen."

Harry verzog das Gesicht.

„Das stimmt. Danke für den Hinweis."

„Bitte. Ich würde große Probleme kriegen, wenn Sie erwischt worden wären."

Harry lächelte, dann öffnete er die Tür und ging hinaus. Der lange Gang, den sie beim Hinweg gegangen waren, führte ihn wieder zum Raum der Zeit. Nach einem letzten Blick ging Harry zum Ausgang und erreichte den breiten Zirkelraum, den er in seinen Augen schon zu viele Male gesehen hatte. Wie gewöhnlich war die Tür kaum zugemacht worden, dass die Wände und all die Ein- und Ausgänge, die sie trugen, begannen, sich mit einer wahnsinnigen Schnelligkeit um ihn herum zu drehen. Harry schloss lieber die Augen, um zu vermeiden, durch die bläulichen Kerzen, die um ihn herum wild tanzten, geblendet zu werden.

Als endlich jede Bewegung stoppte, öffnete Harry die Augen wieder und er schaute sich um. Hinter einer dieser Türen war jener Raum mit dem Schleier. Oder existierte er noch nicht? Harry war vom Gegenteil überzeugt. Er zwang sich, aus seinen Erinnerungen aufzutauchen.

‚Sirius ist noch nicht gestorben. Ich kann ihn noch retten. Es wird mir aber nichts nützen, hier zu bleiben.'

„Der Ausgang, bitte", sprach er laut aus.

Eine Tür zu seiner rechten Seite öffnete sich allein nach dem langen Gang, der zu den Aufzügen des Zaubereiministeriums führte. Harry ging an einer kleinen Treppe in der Wand vorbei und erinnerte sich sehnsüchtig an die Eile, mit der er und Mr. Weasley sie am Tag seines Ausschusses genommen hatten… Hier aber hatten sie sie noch nicht herabgestürzt… Davon verärgert, sich immer zur Ordnung rufen zu müssen, rief er den Aufzug mit viel Energie und er hörte dem Maschinenklirren zu, als er sich näherte. Sobald sich die Gittertore öffneten, strömte er in die Kabine. Zwei Hexen, die in einer Ecke diskutierten, warfen ihm einen erstaunten Blick zu, bevor sie ihr Gespräch weiter führten. Drei oder vier Memos flogen hin und her vor der Lampe vorbei, die an der Decke hing.

Harry lehnte sich gegen die Wand und wartete geduldig auf den Anstieg.

„Atrium", gab die Frauenstimme an, die sogar dreißig Jahre später unverändert bleiben würde.

Die goldenen Gittertore öffneten sich und Harry musste sich daran erinnern, dass er hier ausstieg und nicht im zweiten Stock, wo sich sein Büro zuvor befunden hatte. Die Ein- und Ausgangshalle des Ministeriums war fast menschenleer. Von einer Uhr erfuhr Harry, dass es elf Uhr morgens war. Der große Strom des Tagesanfangs war also vorbei.

Fast automatisch ging Harry zu den großen Kaminen an der linken Seite des Raums, wo eine kleine Gruppe von Leuten mit Flohpulver herauskam, Gott weiß woher. Eine kleine mentale Ohrfeige danach verfluchte er seine Achtlosigkeit und er richtete sich zum Ende des Atriums und zum Besuchereingang. Nur die Angestellten des Ministeriums durften Flohpulver nutzen, um hier anzukommen und er war keiner mehr.

‚Oder soll ich noch nicht sagen?', fragte er sich.

Da er das Kopfweh stark zurückkommen fühlte, warf Harry kaum einen einzigen Blick zum massiven Springbrunnen, der in der Mitte des Raums stand. Er hatte vergessen, dass dieses alte blöde Ding vom Kampf zwischen Dumbledore und Voldemort am Ende seines fünften Jahres noch nicht zerstört worden war.

In der Tat gab es Vieles, was er vergessen hatte und dies verdross ihn wirklich.

‚Ich werde aufmerksamer sein müssen oder ich werde kein Veritaserum brauchen, mich zu verraten…'

Er erreichte schnell den Besucherausgang und bald fand er sich in der gewöhnlichen alten eingeschlagenen Telefonzelle wieder. Ein Blick machte ihm klar, dass sich in dieser Straße auch nicht viel geändert hatte, außer vielleicht, dass es weniger Graffitis an der Wand gab, die nah an der Telefonzelle stand, und dass die Schrift besser zu erkennen war. Außer diesem kleinen Unterschied schien sie immer noch so menschenleer.

‚Perfekt.', dachte er bei sich.

Er hob seinen Zauberstab in einer weit ausholenden Bewegung. In einem Geknatter kam ein riesiger dreistöckiger Bus neben ihm an und nur seine Reflexe erlaubten ihm, rechtzeitig aus dem Weg zu springen. Der Fahrende Ritter bremste plötzlich und stoppte eher schlecht als recht. Die Tür wurde sofort geöffnet und ein schon älterer Mann sprang heraus:

„Seien Sie herzlich willkommen im Fahrende Ritter, Notbeförderung für…"

„Danke, danke, ich weiß das", schnitt ihm Harry das Wort ab. „Wie viel für den Tropfenden Kessel?"

„Fünf Sickel, aber mit zwei Sickeln mehr dürfen Sie ein selbst gewähltes Sandwich haben und…"

„Danke, es ist aber noch ein wenig zu früh zum Essen", sagte Harry, indem er ihm die gesagte Summe in die Hand gab.

„Sehr gut, wie Sie wollen", nickte der Zauberer, ohne gekränkt zu sein. „Hierher!"

Er ließ ihn zum zweiten Stock hinaufsteigen, denn der erste war schon voll. Als er vorbeiging, warf Harry einen Blick auf den Fahrer und er erkannte Ernie Prang, der an dieser Stelle noch dreißig Jahren später arbeiten würde.

‚Na denn', dachte er resigniert, ‚wenigstens weiß ich, was ich erwarten soll…'

Der Kontrolleur zeigte ihm einen freien Stuhl am Ende des zweiten Stocks.

„Hier! Oh, was ist Ihr Name? Ich heiße John Einbahnstrass!"

Harry fragte sich vage, ob all die Kontrolleure des Fahrenden Ritters aus demselben Modell gewählt waren, viel zu begeistert und redselig, oder ob John mit Stan Shunpike, dem Kontrolleur seiner Epoche, verwandt war.

Dann suchte er nach einem Namen, den er tragen könnte. Er hatte gedacht, darüber später nachzudenken, aber natürlich hatte er nicht mehr wirklich die Wahl, vor allem, wenn er noch einmal den Fahrenden Ritter nehmen sollte. Sein Geist wendete sich ins Nichts einen Augenblick lang, bevor er wählte. Er musste einen allgemeinen Name wählen, damit keiner auf die Idee kam nachzuforschen und er nicht gezwungen war, seine ganze Familie zu kennen…

„Harry Davies", antwortete er.

Harry klammerte sich während der Fahrt an einen der Griffe an der Wand, um zu vermeiden, wie viele Hexen neben ihm wegen jedes unverzüglichen Sprunges des Zauberbusses stürzen zu müssen. Überdies war der Weg glücklicherweise nicht sehr lang, denn das Ministerium und der Tropfende Kessel lagen beide in London.

Harry fand sich so bald vor der alten heruntergekommenen Kneipe wieder, die als Eingang der Winkelgasse diente.

„Auf Wiedersehen, Mr. Davies!", schrie John, bevor er die Tür aufmachte, „Wir hoffen, dass Sie wieder kommen werden!"

‚Nur wenn ich keine Wahl habe', sprach er bei sich, während er auf das Zeichen des Kontrolleurs antwortete.

Sobald der violette Bus in einem anderen unvergesslichen „Peng" verschwunden war, drehte sich Harry um und trat in die Kneipe ein. Tom, der alte Geschäftsleiter, hatte sich in dreißig Jahren nicht viel verändert, es sei denn, dass er einige Falten mehr bekommen hatte. Harry reservierte ein Zimmer unter dem Namen Davies, fragte nach dem Schlüssel und stieg hinauf, um seine Sachen auszupacken. Er traf die Entscheidung, seine Umhängetasche nicht zu entleeren, die Sachen enthielt, die ein bisschen zu verschieden von dem waren, woran man hier gewöhnt war – wie zum Beispiel sein alter Feuerblitz, auf den er einen Verkleinerungszauber gewirkt hatte. Zu seiner Zeit waren mehrere bessere Besen auf den Markt gestellt worden, aber diesen Besen hatte Harry mitnehmen wollen, weil er ein Geschenk seines Patenonkels war.

So legte er die Umhängtasche neben das Bett und ließ die Hand davon, er ergriff seinen Geldbeutel, ging raus und schloss hinter sich zu. Er musste noch mehrere Tage warten, bis sich Eddings bei ihm meldete, so wollte er ein bisschen einkaufen. Da er nur das Minimum mitgenommen hatte, würde er sich mit ein bisschen mehr versorgen müssen.

Im Gang zur Treppe erblickte Harry sich in einem Spiegel. Ein Gedanke schoss durch seinen Geist wie ein Blitz, welcher all seine anderen Sorgen vertrieb. Das ging nicht! Man hatte ihm immer gesagt, dass er seinen Eltern zu viel ähnelte. Wenn er nun ihr Schicksal ändern wollte, würde er sich ihnen und ihrer Umgebung nähern müssen. Ihre Ähnlichkeit würde sofort bemerkt werden!

Harry untersuchte sich kritisch im Spiegel. Seine Haare waren seit seiner Schulzeit viel gewachsen. In einem hoffnungslosen Versuch, seine Narbe zu verstecken – und auch, man sollte das zugeben, sie zu bändigen –, hatte sie Harry seine Schultern erreichen lassen. Das zerzauste Aussehen, das die Potters auszeichnete, war deswegen ein bisschen vermindert worden und wenn er nur den Effekt hervorheben konnte, könnte es gehen. Dagegen waren seine Augen noch so grün wie diese seiner Mutter. Er dachte einige Augenblicke lang darüber nach und dann traf er die Entscheidung, dass gefärbte Muggelkontaktlinsen das Richtige wären. Außerdem würden sie sein Sehvermögen verbessern und ihm erlauben, keine Brille mehr zu tragen, ein anderes bemerkenswertes Charakteristikum der Potter.

So fügte er mental auf seiner Liste der notwendigen Sachen die Linsen und eine Flasche von Wachs'Haar hinzu. Dann ging er aus der Kneipe und geriet in die Winkelgasse.

Das Zauberhandlungszentrum von London hatte sich in dreißig Jahren sehr wenig geändert. Einige Geschäfte waren geschlossen worden, andere hatten sie ersetzt, aber die Mehrheit der Sachen war noch dort, wo er dachte, sie zu finden. Zuallererst kaufte sich Harry die zwei notwendigen Objekte für seine physische Verwandlung. Es gelang ihm sogar, Linsen bei „Wirk'elegant, Geschäft der Zauberästhetik" zu finden, die auch die Augenfarbe änderten. Der Vorteil der verzauberten Linsen war, dass sie keine Änderung forderten: Sobald sie angebracht waren, musste man sich nicht mehr darum sorgen. Außerdem waren sie praktischer einzusetzen als diejenigen, die man in der Muggelwelt fand.

So verwandelte sich Harry Potter in Harry Davies, braune Augen und längere Haare. Da dieses letzte Charakteristikum leicht störend in den Bewegungen war, suchte er nach irgendetwas, was sie von seinen Augen fernhalten könnte.

Als seine notwendigen Käufe erledigt waren, erlaubte sich Harry ein spätes Essen im Tropfenden Kessel. Dann traf er die Entscheidung, dass er den Rest des Tages und wahrscheinlich auch die nächsten Tage, damit verbringen würde, sich über die heutige Lage zu informieren. Vielleicht hätte er besser damit begonnen, für die Aurorprüfung den Stoff zu wiederholen, aber auf jeden Fall hatte er sie das erste Mal relativ einfach bestanden. Und außerdem war sie nicht so lange her…

Eddings Zettel war in Wirklichkeit viel früher angekommen als von ihm vorgesehen, was ihn daran gehindert hatte, seine Pläne völlig auszuführen. Sein neues Abonnement beim Tagespropheten und anderen Tageszeitungen hatten ihn nur Einiges erfahren lassen und seine Diskussionen mit Tom hatten ihm nur zu verstehen gegeben, dass Voldemorts Tätigkeiten schon von allen gefürchtet waren, auch wenn er noch nicht am Höhepunkt seiner Stärke war…

Mit diesem Eindruck kam Harry von neuem ins Ministerium und er trat in Eddings Büro ein. Der Unsägliche gab ihm die notwendigen Papiere für seine neue Identität, sowie seine Aufforderung zur nächsten Aurorprüfung. Zum Glück – wenigstens für ihn – hatte sich ein neuer Angriff des dunklen Lords störend auf die Prüfung in Juni ausgewirkt und eine Wiederholungsprüfung war zwei Monate später organisiert worden, für diejenigen, die auf der Beerdigung ihrer Verwandten hatten sein müssen und die hatten trauern müssen.

Harry begann wieder, die Angst vor den Prüfungen zu empfinden – er hatte sich doch für geheilt gehalten! –, zumal war er sich dessen bewusst, dass ihm in dieser Zeit, die er sehr wenig kannte, alle Türen geschlossen bleiben würden, wenn er diese nicht bestand… So studierte er wieder die Begriffe, die nach zwei Monaten schon begonnen hatten, sich aus seinem Gedächtnis zu löschen. Als er dies tat, bemerkte er, dass je mehr er sein Zimmer mit Büchern über verschiedene Themen füllte, desto leichter wurde sein Geldbeutel. Ein wenig mehr Geld wäre nicht zu viel gewesen, auch wenn er Geld für ungefähr zwei Monate genommen hatte. Wenn er versagte, war es wirklich das Ende…

Glücklicherweise bestand er seine Sache summa cum laude und mit dem Eindruck, dass er sich zu viele Sorgen um nichts gemacht hatte… was ihn nicht verstehen ließ, wie er die Zukunft ändern könnte, die er kannte.

Dennoch hatte er offensichtlich viel Glück.

Harry musste mehrmals lesen, um den ersten Dienstbefehl zu verstehen, der ihm geschickt wurde. Das war unmöglich! Es musste irgendwo einen Fehler geben…

Sein ganz neuer Vorgesetzter befahl ihm, dass er mit zwei anderen Kollegen die sehr berühmte Schule für Hexerei und Zauberei Großbritanniens schützen musste: Hogwarts.

Wo er zwischen den Zeilen lesen konnte, verstand Harry, dass die Sorge der Zauberbevölkerung für die Sicherheit ihrer Kinder gegenüber der Machtsteigerung Voldemorts das Ministerium dazu geführt hatte, eine Maßnahme zu treffen, um die Sorge des Volkes zu beruhigen – und auch um ihm ein wenig Vertrauen an seine Herrschenden wieder zu geben. Deswegen hatte der Minister in dieser Zeit, Philip Lewis, Albus Dumbledore drei Auroren vorgeschlagen, die die Schule schützen sollten.

Zunächst vorbehaltlich hatte Dumbledore, der ganz klar das Manöver des Ministers verstand – drei Auroren, die ungefähr zwei hundert Schüler schützen sollten, das war sehr knapp – einen Kompromiss gefunden: Er akzeptierte die drei Wächter, aber er durfte eine Kandidatur ablehnen, wenn sie ihm nicht gefiel, was eine Diskussion mit jedem Auror bedeutete. Da die Schule noch keinen Professor in Verteidigung gegen die Dunklen Künste zur Verfügung hatte, hatte er außerdem gewünscht, dass diese drei Auroren neben ihrer Funktion als Wächter, auch die Verantwortung für diese Stelle übernahmen und diese unter sich nach Ihrem Belieben aufteilten.

Lewis hatte angenommen, aber er schien widerwillig gewesen zu sein. Laut dem, was Harry erraten konnte, hatte sich das Ministerium zuerst von dieser Aufgabe befreien wollen, indem es drei unerfahrene und daher sehr wenig nützliche Auroren beauftragen wollte, um die Effizienteren für Voldemorts nächste Angriffe noch zur Hand zu haben, doch Dumbledore hatte das sicherlich nicht geschehen lassen. Die Sache war abgemacht und der Schulleiter hatte seine drei Auroren, als einer von ihnen in einem besonders gefährlichen Angriff starb, ungefähr eine Woche vor Harrys Ankommen. Lewis hatte die Möglichkeit aufgegriffen und hatte Dumbledore gegenüber behauptet, er könne niemand anders beauftragen, weil er jeden in dieser schwierigen Zeit brauche.

Hogwarts hätte sich so mit nur zwei Auroren begnügt, was noch lächerlicher und unwirksamer gewesen wäre als drei, falls Harry nicht angekommen wäre. Natürlich, und wie er es erwartete, kam er den Vorgesetzten wie eine Bombe vor, über die man wenig wusste und die deswegen möglicherweise gefährlich war. Lewis war sehr froh gewesen, seinem guten Freund Dumbledore das mysteriöse Paket aufzuschwindeln, indem er vorschob, die zweite Prüfung habe einen viel versprechenden Rekrut gebracht. Natürlich waren Harrys Ergebnisse höher als der Durchschnitt, er blieb aber immer ein Anfänger. Dumbledore hätte ihn wie die zwei anderen vielleicht vorher zu treffen gewünscht, aber Lewis hatte alles vorgesehen: Seiner Meinung nach habe der Auror Davies nur wenig Zeit, sich zum Lehren vorzubereiten und er dürfte davon nichts verlieren.

Dumbledore hatte keine Wahl.

Harry biss die Zähne aus Wut zusammen, bis sie knirschten. Das war Wahnsinn! Immer schon war Hogwarts einer der wichtigsten Orte des Zauberenglands gewesen. Diese Tatsache in solch einer Zeit zu leugnen, war selbstmörderisch! Wenn die Schule Voldemort gegenüber fallen würde, wäre der psychologische Schock für die ganze Zauberbevölkerung furchtbar… Und der Minister leitete ein Element, das sich als gefährlich erweisen konnte, genau in diesen präzisen Ort ein! Harry hätte nie geglaubt, dass ein dümmerer Minister existieren könnte als Fudge, aber doch stand er jetzt vor einem unwiderlegbaren Beweis, dass er geirrt hatte. Fudge selber hätte diesen Fehler nicht begangen!

Immer noch unvergleichlich wütend warf Harry einen letzten Blick zum Dienstbefehl, den er noch in seiner geschlossenen Faust zerknittert hielt, dann ließ er ihn los. Das Papier flog einen Moment und dann, als es den Boden berührte, brannte es ohne ein Geräusch. Die Befehle der Auroren waren so konstruiert, dass sie spurlos verschwanden, sobald ihr Empfänger ihren Inhalt zur Kenntnis genommen und das Pergamentstück losgelassen hatte.

Harry hievte sich plötzlich aus dem Bett, auf dem er saß, und ging zu seinem Arbeitstisch. Der Befehl sagte, dass er die Unterrichtsstunden der Fünft-, Sechst- und Siebtklässer übernehmen sollte, während sich seine neuen Kollegen die anderen aufteilten. Zweifellos dachten sie, dass es besser wäre, dass sich der Neuling um ihre Wächteraufgabe so wenig wie möglich kümmerte…

Harry aber war damit nicht einverstanden. Er hatte keine Lust, sich alles gefallen zu lassen und seine zwei Kollegen würden wirklich verstehen müssen, mit wem sie es zu tun hatten… Aber zuerst gab es Unterrichte vorzubereiten und auch dies wollte er gewissenhaft tun. Zumal – Harry zitterte vor Aufregung bei dieser Idee –gab es große Chancen, dass seine eigenen Eltern unter seinen Schülern sein würden…

‚Ans Werk!', sagte er zu sich, als er sich voller Entschlossenheit hinsetzte.

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Zum ungefähr sechsten Mal in zehn Tagen kam Harry aus Flourish & Blotts mit einem mit Büchern vollbeladenen Rucksack. Wer an seiner Stelle hätte lehren sollen, hatte die Bücher schon gewählt, die notwendig sein würden und Harry musste sie also benutzen, weil sie zur Liste der Schüler hinzugefügt worden waren, was ihn nicht hinderte, sein Programm mit einigen anderen Erwerbungen zu vervollständigen. Natürlich kannte er als Auror und vor allem als Junge, der lebt, schon die Mehrheit davon, was diese Bücher lehrten, aber das half ihm sehr, seine Gedanken zu strukturieren.

So ging er durch die Winkelgasse, von den Gedanken an die Unterrichtspläne so sehr abgelenkt, dass er den Menschen, die ihm auf seinem Weg begegneten, keine Beachtung schenkte. Harry hatte sich gerade mehrere Aurorumhänge bei Madam Malkins gekauft und da er sich in dieser Uniform immer gut gefühlt hatte, hatte er sich dazu entschieden, sie wenigstens bis zu Hogwarts' Schuljahresbeginn zu tragen. Allerdings fiel er mit seinem purpurnen Stoff und dem silbernen Symbol eines mit einem Schwert gekreuzten Zauberstabs darauf in der Menschenmenge extrem auf…

Seit mehreren Tagen hatte Harry eine steigende Zahl von Jugendlichen bemerkt, die hier waren, um ihren notwendigen Schulbedarf zu kaufen. Dennoch war ihm noch kein bekanntes Gesicht ins Auge gefallen und er wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht. Die Idee, seinen Eltern und ihren siebzehnjährigen Freunden zu begegnen, ließ ihn Aufregung und Furcht gleichzeitig empfinden… Das Schicksal schien ihn aber mit keinem Wort mitreden zu lassen.

Als er an Florean Fortescues Eissalon vorbeiging, rannte ein Jugendlicher neben ihm wie ein Blitz vorbei. Erstaunt schaute er dessen lange braune Haare an und er sah, wie er sich schnell in einer Nische zwischen zwei Geschäften versteckte. Verwirrt wollte er weitergehen, als es ihm plötzlich schien, in der Menge die Stimme einer Frau zu hören.

„Wohin ist er noch gegangen, der Verräter? Dieser Abschaum, dieser… Er kann nicht verschwunden sein!"

Harry erstarrte, als er diese hohe Stimme hörte, deren wütende Betonungen ihm in den Ohren wehtaten. Er war sich sicher, dass er sie kannte, aber woher…? Er schaute sich um und sein Blick fiel auf eine Frau mittleren Alters mit einem ungefähr vierzehnjährigen Jungen.

„Mutter, warum verlieren wir Zeit für ihn?", fragte der Jugendliche mit einer gelangweilten Stimme.

„Warum? Sei nicht dumm, Regulus! Dein Bruder muss erfahren, was man bekommt, wenn man das Haus der Black verrät!", tobte die Frau.

Black! Der Name erklang in Harrys Geist wie ein verzweifelter Schrei. Natürlich! Jetzt erinnerte er sich daran… Diese Stimme hatte er in der Eingangshalle des Grimmauld Platzes Nummer 12 toben hören: Das war die Stimme von Sirius' Mutter, seines Patenonkels und dieser Junge war niemand anderes als sein Bruder, Regulus Black. Dann war der Jugendliche zuvor…

Harry schreckte hoch als er mit Angst Mrs. Black, die er Vorschläge von immer schrecklicheren Strafen murren hörte, und ihren zweiten Sohn sah, die gemeinsam zu dem Ort gingen, wo sich Sirius versteckt hatte. In einigen Augenblicken würden sie ihn sehen. Eine sehr leichte Bewegung im Schatten der Nische ließ ihn verstehen, dass er nicht der einzige war, der dies bemerkt hatte. Er musste etwas tun und zwar schnell…

Harry ging mit großen Schritten weiter, ging an den zwei Blacks vorbei und bezog genau zwischen der Nische und ihnen Stellung. Hier stoppte er plötzlich und tat, als schaue er sich um, als suche er nach seinem Weg. Der alte Drachen, der seinem zukünftigen Patenonkel die Mutter ersetzte, kam plötzlich an seine Seite. Beunruhigt drehte sich Harry zu ihr um und er sah nur, wie sie seine Uniform betrachtete. Sofort wurde Mrs. Black die Unschuld selber und sie begann das Gespräch:

„Entschuldigen Sie mich, Sie zu stören, Herr Auror, aber als Vertreter unseres sehr gerechten Ministeriums werden Sie es sich sicherlich nicht nehmen lassen, einer guten Bürgerin wie mir zu helfen", sagte sie und ihre Stimme triefte vor Honig.

Harry unterdrückte ein Grinsen voller Abscheu und antwortete mit demselben Ton, ohne jedoch den Ironieanstrich aus seiner Stimme wegzulassen:

„Ich wäre entzückt, sehr geehrte Frau. Was kann ich denn für Sie tun?"

„Ich frage mich", sagte Mrs. Black, die den ironischen Ton nicht bemerkt zu haben schien, „ob Sie meinen Sohn haben vorbeilaufen sehen?"

„Ist denn dieser Junge neben Ihnen nicht Ihr Sohn?", tat Harry, als wäre er überrascht.

„Doch! Und Regulus ist ein sehr guter Sohn!" fügte sie mit einem Lächeln des Stolzes hinzu.

Der Junge richtete sich auf wie ein eitler Pfau. Hinter sich hörte Harry ein sehr leises Schnauben der Verachtung. Er verkniff sich knapp ein Lächeln. Mrs Black sprach mit verzogenem Gesicht weiter:

„Leider ist es unmöglich, dies über den Älteren zu sagen. Dieser Taugenichts hört nie zu, was man ihm sagt! In Wirklichkeit ist er ausgerissen, verstehen Sie, aber wir haben ihn gerade erblickt und ich fragte mich, ob Sie die Richtung nicht gesehen hätten, die er genommen hat? Er ist ungefähr siebzehn, ist ein bisschen größer als Regulus und hat braune Haare, die er sich stur weigert abzuschneiden…"

Die Frau machte ein hoffnungsvolles Gesicht, obwohl ihre vor Bosheit zusammengekniffenen Augen völlig aus dem Rahmen fielen. Harry, der so getan hatte, als litte er mit, antwortete mit einer frohen Stimme:

„Ach Ja! Ich habe ihn tatsächlich vor kurzer Zeit gesehen…"

Ein leises Geräusch machte ihm klar, dass sich Sirius bei diesen Worten verkrampft hatte.

„Er ging zur Nokturngasse", sprach er beiläufig weiter.

„Wirklich?"

Mrs. Black versuchte vorzugeben, als wäre sie ihm unendlich dankbar, aber die jetzt lesbare Gier in ihren Augen verfälschte völlig ihren Versuch.

„Danke sehr, mein Herr. Das Land sollte mehr ehrbare Leute wie Sie haben."

„Gern geschehen, sehr geehrte Frau", spielte Harry mit einer Geste breit lächelnd herunter. „Das war mir eine reine Freude."

Sie entfernte sich nach einem letzten Dank, indem sie ihren Sohn mitnahm. Während er ihnen nachschaute, hatte Harry die Zeit, sie zu studieren, wie sie sich zu ihrem Sohn umdrehte und ihm einige Wörter zuflüsterte, die er auf ihren Lippen lesen konnte:

„Wie naiv sie sind, diese Typen des Ministeriums!"

„Ich könnte dasselbe über dich sagen, du alte Xanthippe", erwiderte er mit zusammengepressten Zähnen.

Ein gedämpftes Lachen machte ihm klar, dass dieser Satz nicht von jedem überhört worden war. Er drehte sich um und sah seinen Patenonkel, der sich unter seinem Blick versteifte und der dann die Hand von seinem Mund nahm, die ihm dazu gedient hatte, um das laute Prusten zu verhindern.

„Sie wussten, dass ich dort stand", murmelte er vorsichtig.

Harry starrte ihn einen Moment an, ohne zu antworten, während er die Seltsamkeit der Lage voll einschätzte. Er stand seinem noch minderjährigen Patenonkel gegenüber, der für ihn schon seit fünf Jahren tot war, während er, Harry Potter, noch nicht einmal geboren war. Die Absurdität des Ganzen übermannte ihn und er antwortete nur mit einem Lächeln auf den Lippen:

„Ihre Mutter ist eine sehr unangenehme Frau, Mr Black. Ich bewundere Sie, sie bis zu Ihrem Ausreißen ertragen zu haben."

Die Bezeichnung „Mr Black" und das Siezen schienen ihm seltsam auf seiner Zunge, aber Sirius richtete sich auf und lächelte:

„Das stimmt. Manchmal frage ich mich selber, wie ich es ausgehalten habe."

Sie lächelten sich zu und blieben einen Moment stehen. Dann rief jemand „Sirius!", und der Betroffene drehte sich um.

„Ach!", sagte er, „Ich muss weg. Noch einmal danke, Sir. Ich hoffe, wir werden uns wieder sehen!"

„Gern geschehen, Mr Black. Schönen Nachmittag."

Harry schaute ihm nach, wie er zu einem Jugendlichen mit ungeordneten schwarzen Haaren ging, den man wegen der Entfernung schlecht sehen konnte. Sein Herz tat einen Salto und er sagte leise bei sich:

„Wir werden uns früher wieder sehen, als du glaubst."