Hallo an alle! Hier bin ich wieder mit dem dritten Kapitel von der französischen FF von Dragonwing4 Changer le passé. Viel Spaß beim Lesen und einen herzlichen Dank an LadyAdamas, meine Betaleserin.

Disclaimer: Alle bekannten Charaktere und Orte gehören zu Mrs. Rowling und die Geschichte und die anderen Charaktere gehören zu Dragonwing4. Ich habe nur übersetzt.

Spoiler: Die ersten fünf Bände.

Eine zweite Chance

Die Vergangenheit verändern

Kapitel 3: Wo bewiesen wird, dass die Welt jenen gehört, die früh aufstehen:

Bist du wirklich sicher, dass du es tun willst, Remus?"

Der Werwolf drehte sich zu Harry um und lächelte mit seinem eigentümlichen müden Lächeln.

Wenn es eine Chance gibt, dass Wurmschwanz dort ist, muss ich hin, Harry."

Du weißt sehr wohl, dass es eine Falle sein könnte! Wenn ich dich nur begleiten dürfte..."

Na denn, Harry, du musst deinen Kurs weiter besuchen, sonst wirst du nie ein Auror."

Ich weiß, aber..."

Harry, Ron wird mit mir sein. Wir werden uns gegenseitig schützen, wenn etwas passiert, oder?"

Du weißt sehr wohl, dass er sich seit Hermines Tod geändert hat. Er mochte sie so sehr..."

Und auch du, Harry, auch wenn nicht auf die gleiche Weise. Aber wir werden das Voldemort hundertmal büßen lassen, oder?"

Harry blieb einen Augenblick lang still, dann lächelte er traurig.

Du hast es noch ein Mal geschafft, das Gespräch abzulenken, was? Ich fühle mich unwohl dabei, dich allein mit Ron weggehen zu lassen, wenn er in diesem Zustand ist."

Harry..."

Remus nahm das Gesicht vom Sohn seines besten Freundes in seine Hände und drehte es zu sich.

Wir können nichts dafür. Es ist Krieg. Was dich betrifft, wirst du deine Ausbildung weiter machen und du wirst stärker werden, um jene besser zu schützen, um die du dir Sorgen machst. Ich bin froh, dass du mich darunter zählst, aber auch ich will gegen die Todesser etwas Nützliches unternehmen. Du verstehst es, nicht wahr?"

Harry nickte langsam, aber es tat ihm so weh, dass er beinahe geschrien hätte. Er wusste, dass etwas schief gehen würde. Er sah mit Augen voller Verzweiflung, wie Remus wegging, ohne sich umzudrehen...

... Vier Stunden später stand er auf dem Schlachtfeld. Fünf Todesserleichen lagen auf dem Boden, darunter die von Wurmschwanz, dessen silberne Hand seinen Zauberstab immer noch fest umklammerte. Harry reagierte nicht, als Heiler Ron aufhoben, um ihn auf eine Trage zu legen. Er starrte die Leiche von Remus an, der friedlich neben seinem ehemaligen Freund lag, den er wahrscheinlich eigenhändig getötet und die Augen auf ewig geschlossen hatte. Das Gesicht des Werwolfs, das im Frieden des Jenseits vertieft war, brannte sich sofort als blutiges Bild hinter seine Lider, als er die Augen schloss. Das war das Ende der Rumtreiber...

... Von nun an schien es Ron immer schlechter zu gehen. Der Tod der Frau, die er liebte und derdes Mannes, den er respektierte und den er selber im Kampf hatte fallen sehen, schienen ihn in eine Art Apathie zu ziehen, aus der er nur während der Kämpfe kam. In jenen Momenten dagegen konnte man sehen, wie er sich mitten in jede Schlacht warf, ohne sich um seine eigene Sicherheit zu kümmern. Harry konnte nichts tun, um seine selbstzerstörerischen Krisen zu verhindern und bald suchte Ron nach allen Gelegenheiten zu kämpfen, als wollte er schnellstmöglich sterben.

Harry fand ihn neben Nevilles Leiche nach dem dritten Angriff gegen das Ministerium. Zitternd zwang er sich zu knien und Rons Kopf auf seine Kniezu legen. Sein bester Freund machte die Augen mit Schwierigkeiten auf.

Da bist du, Kumpel. Wir haben sie besiegt, was?"

Ja, Ron. Sie sind weg."

Gut. Umso besser."

Er schloss die Augen einen Augenblick lang und verzog das Gesicht vor Schmerz. Harry wollte ihm raten sich nicht mehr zu bewegen, als er die Augen wieder aufmachte.

Ich werde sie wiedersehen, nicht wahr?"

...Ja, Ron. Sie wartet bestimmt auf dich."

Jo."

Ron machte die Augen wieder zu und lächelte dabei.

Sie wird mir noch mal sagen, dass ich mich verspätet habe..."

Er machte sie wieder auf.

Du wirst Voldi für mich endgültig fertig machen, was?"

Harrys Gurgel war von den Tränen zugestopft,aber er brachte dennoch erstickt hervor:

Ich verspreche es dir."

Gut... Dann... tschüss... Kumpel."

Rons Augen wurden langsam glasig und dann schlossen sie sich sanft. Sein Kopf fiel wieder auf Harrys Knie. Der Junge, der lebt, beugte sich unter dem Schmerz, der seine Brust plötzlich durchbohrte. Nach langen Minuten kam aus seiner Kehle ein langer, unkontrollierbarer Schluchzer und zwei Tränen, die ersten seit Monaten, seit Jahren, rollten auf seinen Wangen hinab. Diesmal war er wirklich einsam...

Mit schmerzverzerrtem Gesicht legte er Rons Kopf mit seinen beiden zitternden Händen auf den Boden. Versuchte trotz seiner nachlassenden Kraft aufzustehen, dann ließ er sich gebeugt wieder runter fallen und schluchzte wie ein Kind, während Tränen über sein Gesicht flossen.

Einsam...

Harry fuhr aus dem Schlaf hoch. Er war in seinen schweißgebadeten Bettlaken eingewickelt und sein Gesicht war tränennass. Sein Hals tat ihm weh und er realisierte, dass er geschrien haben musste. Ein winziger Teil seines Geistes bedankte sich dafür, dass er daran gedacht hatte, einen Schalldämpfungszauber in seinem Quartier einzusetzen, bevor er schlafen gegangen war, aber er schenkte dem keine weitere Aufmerksamkeit. Er war nämlich damit beschäftigt das unkontrollierbare Zittern, das ihn schüttelte und den Kloß zu beseitigen, der ihn offenbar davon abhalten wollte zu atmen.

Er hatte solche Träume nicht wieder gehabt, seitdem er die Tafel benutzt hatte, aber er hätte daran denken sollen, dass es nicht lange dauern würde. Als er sich etwas beruhigt hatte, schwor er, dass er zum Krankenflügel gehen und dort um einen Schlaftrunk für traumlosen Schlaf bitten würde. Erschöpft setzte er sich an den Rand seines Bettes und ließ sein Gesicht in die Hände fallen. Es war bestimmt etwa drei Uhr morgens und es würde sicherlich noch eine ganze Weile dauern, ehe das Schloss erwachen würde. Aber er musste wirklich gehen, als könnte es ihm helfen vor diesen Erinnerungen zu fliehen, die ihn stets angriffen und die er nicht loswerden konnte.

Er stand langsam auf, ergriff eine saubere Hose und ein sauberes Hemd, zog sie schnell an und schnappte sich noch seinen Reiseumhang. Wie immer an den Tagen, die seinen schlechten Nächten folgten, hatte sich Harry völlig in schwarz gekleidet. Für ihn wäre es irgendwie respektlos gewesen anderes zu tun. Er ging still aus seinem Quartier und ging an Thomsons und O'Briens vorbei, um zur Großen Eingangshalle zu gehen. Dort machte er die Tür langsam auf und betrat die eisige Luft des Parks.

Obwohl er sich warm angezogen hatte, war er dafür dankbar, dass die Nacht frisch war, denn das erlaubte ihm, für einige Zeit die Sorgen seines Geistes, den viel weniger peinlichen Sorgen seines Körpers zugunsten zu vergessen. Als die Wirkung anfing zu verschwinden, fing er an ziellos umher zu gehen, nur um seine Beine ermüden und seine Glieder erstarren zu fühlen.

Er ging so etwa eine Stunde lang einfach nur herum. Schließlich lief er bis an den Rand des Sees weiter bis zum Rand des Verbotenen Waldes und zurück. Als sein Körper anfing um Gnade zu bitten, zog er seinen Reiseumhang fester um die Schultern, setzte sich ans Ufer und starrte die ruhige Fläche des Wassers an, die von Zeit zu Zeit durch einen Wirbel getrübt war, der wahrscheinlich vom jagenden Riesenkalmar oder träge dahinschwimmenden Sirenen verursacht wurde. Ein leises Geräusch informierte ihn, dass jemand die gleiche Idee gehabt hatte, wie er selbst, und zurücktreten wollte, als er ihn gesehen hatte. Aber Harry kannte die Wirkung unruhiger Nächte nur zu gut.

„Lassen Sie sich nicht von mir abhalten", sagte er, ohne sich umzudrehen. „Sie können hier sitzen, wenn Sie es wollen."

Die diskreten Schritte hörten auf.

„Werden Sie mir keinen Punkt abziehen, weil ich so früh draußen bin?", fragte eine misstrauische Stimme.

Harry drehte sich zum Jugendlichen, dessen Gesicht in der Dunkelheit verborgen war. Dennoch hätte er diese Haltung unter tausenden Leuten wieder erkannt: Jener, der vor ihm stand, war Severus Snape, ein siebzehnjähriger Severus Snape.

„Ich glaube, dass ich die letzte Person bin, die Sie tadeln könnte, glauben Sie nicht?"

„Sie sind ein Auror", erwiderte Severus.

„Selbst Auroren haben Alpträume. Wenn es nicht der Fall wäre, säße ich um so eine frühe Stunde am Morgen nicht hier."

Der Slytherin starrte ihn einen Augenblick lang unentschlossen an, aber Harry schenkte ihm keine Aufmerksamkeit mehr und seine Augen starrten wieder den See vor ihm an. Severus zögerte noch ein bisschen und setzte sich dann wortlos einige Meter von ihm entfernt.

Die Stille herrschte einige Augenblicke lang.

Harry wusste sehr wohl, dass es nichts nützte, jetzt ins Schloss zurückzukehren. Er hatte es nie geschafft danach wieder einzuschlafen und es würde sich heute nicht ändern. Da er es satt hatte den See anzustarren, ließ er sich nach hinten fallen, legte sich auf das kühle Gras und seufzte dabei unwillkürlich, als er spürte, wie er vor Kälte zitterte. Unbewusst suchten seine Augen den Himmel nach Mars.

„Sie müssen..."

Er drehte die Augen zu Severus, da er überrascht war, dass er das Wort ergriff.

„Sie müssen wirklich schreckliche Träume haben, oder?"

„Nicht schrecklicher als Ihre."

Severus drehte den Kopf zu ihm, denn die Antwort überraschte ihn.

„Um ehrlich zu sein, denke ich, dass mir Ihre Alpträume meinen gegenüber als lächerlich erscheinen würden."

„Aber dann...", sagte der Slytherin und runzelte die Augenbrauen.

„Lassen Sie mich aussprechen", unterbrach ihn Harry. „Die Art und Weise, wie ich an Ihrer Stelle reagieren würde, zählt nicht. Was wichtig ist, ist, dass das, was Sie empfunden haben, als Sie heute erwacht sind, sehr wahrscheinlich nah an dem war, was ich empfunden habe. Verstehen Sie?"

Severus sah ihn einen Augenblick lang an.

„Sie meinen, dass das, was ich in meinem Traum gesehen habe, der Angst gegenüber, die ich davon gehabt habe, nur wenig wichtig ist?"

„Genau."

„Aber diese Angst wurde trotzdem vom Traum verursacht..."

Harry setzte sich wieder auf. Er hatte in der letzten Zeit so viele seltsame Dinge erlebt, dass es ihm nicht wirklich fehl am Platze erschien, mitten in der Nacht mit Severus Snape, einem Mann, den er damals verabscheut hatte und der jetzt dreizehn Jahre jünger war als am Tag ihrer ersten Begegnung, ein philosophisches Gespräch zu führen.

„Lassen Sie mich es Ihnen erklären. Heute Nacht haben Sie wahrscheinlich von einer der Sachen geträumt, die bei Ihnen am meisten Furcht erregen. Stimmt das?"

Severus nickte.

„Aber denken Sie, dass Sie sich in zehn Jahren immer noch vor den gleichen Sachen fürchten werden?"

Verdutzt runzelte Severus die Augenbrauen.

„Ich weiß nicht..."

„Es ist wohl möglich, dass, je mehr Lebenserfahrung Sie bekommen, desto mehr Sie sich dessen bewusst werden, dass das, was Sie sich heute Nacht vorgestellt haben, eigentlich nur eine der zahlreichen Sachen ist, die Sie am meisten befürchten sollten."

„Ich denke, dass ich schon reichlich genug 'Lebenserfahrung' habe...", murrte der Slytherin düster.

„Zweifellos", erwiderte Harry sanft, „und ich vermute, dass Sie schon viel gelitten haben. Aber es gibt immer noch etwas Neues, was man über die Welt erfahren kann..."

„Selbst für Sie?", fragte Severus spöttisch.

„Natürlich, selbst für mich. Und selbst für den Professor Dumbledore, davon bin ich mir sicher."

Severus starrte ihn ungläubig an.

„Kein Mensch kann allwissend sein, das sollten Sie ein für alle Mal begreifen. Man kann es versuchen, sich am meisten davon anzunähern, aber schließlich bringt Wissen nicht unbedingt Glück. Alles kommt darauf an, wie viel Wahrheit man ertragen kann..."

„Sie stellen die Wahrheit wie etwas Schlechtes dar."

„Denken Sie, dass sie etwas Gutes ist?"

Erstaunt blieb Severus still.

„Ich denke, dass sie weder gut noch schlecht ist", fuhr Harry fort. „Alles kommt auf die Person, die diese Wahrheit empfängt und auf die Art und Weise, wie sie darauf reagiert, an. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass Sie einem Freund ein Geschenk überreichen und jener sagt Ihnen, dass er es überhaupt nicht mag..."

„Das wäre unhöflich!"

„Das wäre aber die Wahrheit. Wie würden Sie Ihrer Meinung nach reagieren?"

„Ich wäre natürlich verletzt."

„Aber was würden Sie tun?"

Nachdenkend runzelte Severus die Augenbrauen.

„Ich denke, dass ich ihm ein anderes Geschenk an der Stelle geben würde."

„Das ist eine der möglichen Reaktionen", nickte Harry. „Und das würde bedeuten, dass Sie diese Wahrheit akzeptieren würden. Aber jemand anders hätte sie nicht akzeptieren können und hätte sich über seinen Freund ärgern können. Verstehen Sie?"

Severus blickte zu ihm.

„Sie versuchen, mich verstehen zu lassen, dass jede Person eine Art 'Toleranzstufe' der Wahrheit hat?"

„So kann man das nennen. Aber ich persönlich bin davon überzeugt, dass niemand, kein Mensch die ganze Wahrheit über die Welt kennen kann, ohne verrückt zu werden und sich selbst von innen zu zerstören."

Severus blieb einen Augenblick lang still.

„Und doch versuchen wir alle, die Welt, die wir kennen, besser zu verstehen..."

„Ja, weil es einem hilft, besser zu leben. Zumindest bis man das erreicht hat, was Sie 'Toleranzstufe' nennen."

„Albus Dumbledore..."

„... ist meiner Meinung nach sehr nahe daran, diese Stufe zu erreichen. Und jetzt nützt er all dieses Wissen, das er gesammelt hat, um den Anderen um sich herum zu helfen besser zu leben, anstatt eine Wahrheit weiter zu suchen, die ihn schließlich zerstören würde."

Eine nachdenkliche Stille breitete sich zwischen ihnen aus und Harry profitierte davon, um Mars schließlich zu orten, irgendwo über dem Rand des Verbotenen Waldes. Er dachte kurz an die Zentauren und an ihre Gewohnheit, die Wahrheit in den Sternen zu suchen, ohne je zu versuchen sie irgendwie zu benutzen. Sie bestanden so hartnäckig darauf, dass ihre eigene 'Toleranzstufe' wahrscheinlich höher lag als die der meisten Menschen... Severus unterbrach seine Überlegungen.

„Und Sie?"

Von der Ehrlichkeit der Frage erstaunt, drehte sich Harry zu ihm um. Seine Augen trübten sich leicht, als er verstand, was für eine Antwort er geben musste.

„Ich glaube, dass ich bei vielen Dingen wirklich zu nah daran bin, meine Toleranzstufe zu erreichen."

Severus starrte ihn an.

„Wenn wir zu unserem ersten Thema zurückkehren", fügte Harry zur Ablenkung hinzu, „sind also meine schlimmsten Alpträume eine Erinnerung an die Wahrheit, die ich nicht schaffe zu akzeptieren, und es ist genauso für Sie und für alle Menschen. Bei manchen ist diese Wahrheit nur etwas deutlicher als bei anderen, aber sie verursacht in uns immer die gleiche panische Angst. Je mehr Sie über die Welt wissen werden, desto mehr werden Sie erfahren, das zu akzeptieren, was Ihnen vorher als unerträglich erschien. Aber neue Elemente werden dann die Stelle von dem einnehmen, was Ihnen zur Zeit als das Schlimmste erscheint..."

Harry musterte seinen Gesprächspartner, der nun den See anstarrte und nicht sprach, genau. Er erriet, dass er ihm nur wenig glaubte.

„Wie heißen Sie?", fragte er leise.

„Severus Snape", antwortete der andere, ohne sich umzudrehen.

„Nun, Mr. Snape, Sie werden erfahren, dass es schlimmeres gibt als die physischen Qualen oder der Tod."

Die physischen Qualen oder der Tod... Die Unverzeihlichen Flüche. Severus, der von der Genauigkeit seiner Bemerkung überrascht war, richtete sich wieder auf und starrte den Auror an.

„Und was könnte schlimmer sein?", fragte er und fürchtete sich gleichzeitig ein bisschen vor der Antwort.

„... Vielleicht nichts mehr zu haben, für das man lebt und doch nicht sterben können..."

Das Ende dieses Satzes war nur noch ein Geflüster und Harry blickte plötzlich weg. Er spürte, wie ihn Severus anstarrte.

„Haben Sie etwas, für das Sie leben, Mr. Snape?", fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu.

Der Slytherin bewegte sich leicht hinter ihm, aber antwortete nicht.

„Ich denke, dass die Antwort ‚Ja' lautet", fuhr Harry selber fort. „Schützen Sie das, für das Sie leben und fürchten Sie sich nicht davor zu sterben. Das ist nicht das Schlimmste, was Ihnen zustoßen kann."

Die Stille herrschte einen weiteren Augenblick lang.

„Sie sollten zu Ihrem Schlafsaal zurückkehren", schloss er mit leisem Ton. „Sie werden Schwierigkeiten bekommen, wenn Sie draußen erwischt werden."

„... Und Sie?", fragte Severus mit zögernder Stimme.

Harry wurde sich dessen bewusst, dass es das erste Mal war, dass er diesen Ton in der Stimme jenes Menschen hörte, der damals sein Lehrer für Zaubertränke gewesen war.

„Ich bin ein Auror", antwortete er einfach, ohne sich umzudrehen.

Severus bewegte sich leicht und schien sich anzuschicken, etwas hinzuzufügen, aber offenbar besann er sich anders und bald hörte Harry wie das Gras raschelte, während er sich widerwillig entfernte. Er wartete darauf, bis das Geräusch nicht mehr zu ihm kam, ehe er den Arm hob und die Tränen wegwischte, die jetzt wieder unerschöpflich über sein Gesicht rannen.

Eine Weile verging, bis ihn ein Hüsteln in seinem Rücken aufspringen ließ. Er drehte sich schnell um und sah Albus Dumbledore überrascht an.

„Darf ich mich setzen?", fragte der alte Mann, indem er auf das Gras neben ihm zeigte.

„Bitte schön", schaffte es Harry zu sagen, ohne zu stottern.

Der Schulleiter machte es sich bequem und starrte ihn dann ernst an.

„Sie sehen schrecklich aus, mein Junge."

Harry wurde sich dessen bewusst, dass er nicht besonders passabel aussah, wenn man seine roten Augen und die Ringe darunter betrachtete.

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort", antwortete er lächelnd.

Er tauchte eine Hand in den See, fuhr sie über seine Augen und genoss dabei das Gefühl frischen Wassers auf seinen brennenden Augenlidern, dann wischte er es mit dem Ärmel seines Hemds. Er wartete darauf, dass ihn der alte Mann fragte, was ihn in solch einen Zustand geraten ließ, aber er tat es nicht und Harry war ihm dafür dankbar.

„Ich bin einem unserer Schüler, Mr Snape, begegnet, als ich nach draußen gegangen bin", sagte Albus beiläufig. „Er sah nachdenklich aus..."

„Wirklich?", fragte Harry ebenso beiläufig. „Die Schüler sollen aber normalerweise nicht so früh am Morgen außerhalb ihrer Schlafsäle sein, oder?"

„Ja... aber ich frage mich vor allem, woran er überhaupt dachte. Es schien ihn so sehr zu beschäftigen, dass er mich nicht mal erblickt hat..."

Harry wusste, dass der Schulleiter solche Spiele sehr mochte, aber darin war er selber auch nicht schlecht. Tatsächlich wussten sie beide, was Severus draußen machte und warum – oder ungefähr warum, was den Schulleiter betraf – er in solch einem Geisteszustand zurückgekehrt war. Albus versuchte nur zu sehen, ob er dieses „ungefähr" in ein „definitiv" umwandeln konnte. Aber Harry hatte überhaupt nicht vor, es geschehen zu lassen.

„Ich hoffe, Sie haben ihm Punkte abgezogen? So funktionieren hier die Strafen, oder?"

Albus antwortete nicht, sondern starrte ihn nur mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen an. Nach einem Augenblick lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung.

„So wie ich gehört habe, kommen Sie aus Australien?"

„Das stimmt."

„Ein schönes Land, nicht wahr? Sehr sonnig... Komisch, dass ich in Ihrem Englisch keinen besonderen Akzent bemerkt habe..."

Harry wusste, dass Albus versuchte, einen Fehler in seiner Geschichte zu finden, um eine mögliche Lüge zu entdecken. Unglücklicherweise für ihn, hatten Eddings und er so etwas vorhergesehen und die Details perfekt ausgearbeitet.

„Ich bin in England geboren", antwortete er lächelnd. „Als meine Tante und mein Onkel, beide Muggel, nach Australien umgezogen sind, war ich neun Jahre alt."

„Ja, man hat mir gesagt, dass sie Sie bei sich aufnahmen, als Ihre Eltern von ehemaligen Anhängern Grindelwalds ermordet wurden, die sicher waren, sie könnten ihren Meister wieder zum Leben erwecken, wenn sie sein Werk weiter führten."

Die Ursprungsgeschichte war richtig. Eine Gruppe von etwa zehn düsteren Zauberern, die Grindelwald untertan waren, hatten zwölf Jahre nach dem Fall des schwarzen Magiers, den Dumbledore selber getötet hatte, für Unruhe gesorgt. Mehrere Familien waren vernichtet worden, bevor die Auroren es schafften, sie wieder zu finden und sie zu beherrschen. Und ein junges Paar namens Davies zählte darunter. In Wahrheit hatten sie aber kein Kind bekommen.

„Das ist dennoch seltsam, dass Sie nicht das gleiche Schicksal erlitten haben wie sie..."

„Meine Mutter hatte mich in einem versteckten Zimmer des Hauses in Sicherheit gebracht. Sie haben mich nicht gefunden."

„Ja, ja, natürlich...", murmelte der alte Zauberer.

Das Gespräch lief eine Weile über Harrys Familie weiter, bis der junge Mann es schaffte, es auf die Schule zurück zu lenken. Wie er es im Laufe der Jahre hatte entdecken können, mochte der alte Mann Hogwarts von tiefem Herzen, also freute er sich darüber, die generellen Regeln zu erzählen, die über das Schloss und dessen Bewohner herrschten. Harry wusste natürlich die Mehrheit dieser Dinge, aber er erfuhr aus diesem Gespräch viele neue Elemente.

Zum Beispiel erfuhr er, dass der aktuelle Lehrer für Wahrsagen, Sybille Trelawneys Vorgänger, ein alter, sich einfach ärgernder Mann war, der sich darüber freute, seine Schüler dank plötzlichen mysteriösen Erscheinungen oder bösen Vorhersagen in Schrecken zu versetzen. Adam Scott, so hieß er, benutzte laut Albus vor allem die zahlreichen Geheimgänge Hogwarts und seine unbegrenzte Vorstellungskraft, was schlimme Schicksale betraf, aber es wirkte gut: Die Schüler mieden ihn wie die Pest und stürzten sich in den allerersten Gang, sobald sie ihn kommen sahen. Snapes geistiger Vater, schloss Harry für sich selbst.

Terry Kraftbrüh, die Zaubertrankmeisterin, war eine Hexe, die nur in ihrer Welt zu leben schien, die aus Alraunenwurzeln und Drachenschuppen bestand, und kam nur da raus, wenn es nötig war. Also lehrte sie mit einem teilweise weit entfernten Geist, gab Anweisungen und zog Punkte mit einer völlig tonlosen Stimme ab und dachte dabei schon an den Absud, den sie am Abend beenden musste, um ihn dem Krankenflügel zu liefern... Dabei musste Madam Pomfrey aber selber zum Kerker herunterlaufen, um danach zu fragen, was sie bei ihr bestellt hatte.

Die einzigen Momente, in denen man sie ein wenig aufbeleben sah, waren die Quidditchspiele und die Endjahresfeier, wenn der Hauspokal übergegeben wurde, denn sie war als Hauslehrerin von Slytherin eine leidenschaftliche Anhängerin ihres Hauses. Wenn Slytherin gewann, vergaß sie ihre Kessel für etwa einen Tag lang und warf allen Schülern anderer Häuser triumphierende Blicke zu, während sie auf die Schulter der anderen, mit einem großen Lächeln, klopfte – darum hielt sie die ganze Schule für eine Schizophrene. Wenn Slytherin dagegen verlor, verschloss sie sich in ihrem Arbeitszimmer und kam, den Gerüchten nach, vor dem nächsten Schuljahresbeginn nicht mehr raus.

Die Lehrerin für Kräuterkunde, Veronika Dodendron, von ihren Busenfreunden Vero genannt, war eine große energische Frau, die nur auf die Pflanzen schwor. Ihre Versuche, eine malvenfarbige Riesenwürgerin – eine fleischfressende Pflanze aus Südamerika, die ihre maßlos große Höhe erreicht hatte, als sie entdeckte, dass ein Mensch von Zeit zu Zeit ihrer Verdauung half – in den Gewächshäusern der Schule zu züchten, würde für ewig in den Annalen Hogwarts' bleiben. Erstaunlicherweise war sie mit Hagrid gut befreundet...

Danach kam das Gespräch zu den Ereignissen draußen. Albus vertraute also Harry an, dass schon etwa zwanzig Schüler eine geliebte Person wegen Voldemort oder einen seiner Anhänger verloren hatten und dass die Leute oft besorgt hochsahen, wenn die Briefe kamen, aus Furcht einen schwarzen Brief vor sich landen zu sehen. Zu dieser Zeit war es üblich, Briefumschläge jener Farbe zu senden, damit der Empfänger sich isolieren konnte, bevor er den Inhalt las, aber oft brachen die Schüler dort, wo sie saßen, in Tränen aus, ehe sie von der Großen Halle wegliefen.

Die Titel der Tageszeitungen waren auch viel beobachtet, weil die Abonnenten nach jedem Bericht von neuen Angriffen oder den letzteren Maßnahmen der Regierung suchten. Wenn die Jüngeren die Gründe einer solchen Haltung noch nicht völlig verstanden, wurden sie dennoch von der Anspannung bei den Älteren allmählich infiziert.

Kurz und gut wäre die Atmosphäre wirklich düster gewesen, wenn eine Gruppe von Schülern sich nicht dazu entschlossen hätte sie so oft zu entspannen wie sie es konnte. Als er diese Worte sprach, ließ Albus ein schelmisches Lächeln auf seinen Lippen erscheinen und sein Blick funkelte. Harry verstand sofort, dass er auf das Unruhe stiftende Verhältnis der Rumtreiber anspielte und plötzlich war er sehr stolz auf seinen Vater und seine Freunde.

Schließlich erwähnte der Schulleiter die Ereignisse des vorigen Tags.

„Sie haben einen großen Eindruck gemacht, als Sie die Thestrale Hogwarts' benutzt haben, jedoch schien Mr Pettigrew die Reise, die Sie ihn machen ließen, wenig genossen zu haben. Außerdem sind Ihre beiden Kollegen ziemlich berühmt und, das muss man ja zugeben, werfen ihren Schatten auf Sie. Die Schüler misstrauen Ihnen und beneiden die Jüngeren. Sie gehen das Risiko ein, einige Probleme zu haben sich durchzusetzen...", sagte er ihm Bescheid.

„Vor solchen Problemen fürchte ich mich nicht", bagatellisierte Harry.

„Vielleicht, dennoch könnte es der Arbeitsstimmung etwas nachteilig sein", fuhr der alte Mann fort.

Harry drehte sich fragend zu ihm um.

„Was schlagen Sie vor?"

„Landen Sie einen Coup", antwortete er. „Finden Sie ein Mittel, um gleichzeitig ihren Respekt und ihr Vertrauen zu gewinnen. Je früher Sie handeln, desto besser wirkt es. Zurzeit ist ihre Beliebtheit nicht sehr hoch, muss ich sagen..."

Harry starrte ihn einen Augenblick lang an, dann drehte er sich nachdenklich zum See. Ein Mittel, um ihren Respekt zu gewinnen...

„Nun", sagte Albus nach einer Weile, „glaube ich, dass ich Sie allein überlegen lasse. Ich muss mich mit einer Menge Papierkram beschäftigen und es wird Zeit, dass ich endlich aufhöre, sie auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben, sonst wird das Ministerium schließlich die Geduld verlieren. Wir sehen uns beim Frühstück wieder."

„Vielleicht...", antwortete Harry nachdenklich.

Der Schulleiter, der gerade aufstehen wollte, blieb still.

„Gut, gut", sagte er schließlich lächelnd. „Ich sehe, dass Sie nicht vorhaben lange zu warten."

Harry lächelte zurück und in seinem Blick war ein schelmisches Licht.

„Ich denke, dass der Tag nämlich sehr wirkungsvoll sein wird, Herr Schulleiter."

„Oh, nennen Sie mich bitte Albus. Versuchen Sie dennoch, nicht zu spät zu Ihrem ersten Unterricht zu kommen", fügte der alte Mann beiläufig hinzu und fing an sich zu entfernen.

„Machen Sie sich keine Sorge darum, ich habe es nicht vor."

Der Schulleiter entfernte sich lächelnd und Harry sah ihm nach bis zu den Toren des Schlosses.

'Bis dahin muss ich aber viel unternehmen', endete er für sich selbst. 'Schließlich waren heute diese Alpträume keine schlechte Sache.'

Er stand vorsichtig auf und hüllte sich in seinen Reiseumhang, um seinen Körper vor der Frische des Morgengrauens zu schützen. Ein Glück, dass die Nächte Septembers noch etwas vom Ende des Sommers hatten, sonst hätte er in den nächsten Tagen zum Krankenflügel gehen müssen, wie es ein Teil seines Geistes bemerkte. Harry schenkte dem keine weitere Aufmerksamkeit, drehte sich zum Verbotenen Wald um, lächelte und schritt zum Rand.

Er bemerkte nicht, dass zwei stechend blaue Augen, von den ein wenig geöffneten Doppeltoren der großen Eingangshalle her, ihm neugierig nachsahen, wie er zwischen den ersten Bäumen verschwand. Albus schob den Türflügel sanft zurück und ging nachdenklich zu seinem Arbeitszimmer. Er war sicher, dass dieser ihm kurzfristig auferlegte Rekrut sehr viele Überraschungen auf Lager hatte und zumindest genauso viele Geheimnisse vor ihm versteckte. Von einem war er aber noch überzeugter: Er hatte sich nie auf etwas so sehr gefreut, wie auf das, was sich dieser Davies wohl ausdenken würde...

oOoOoOoOo

Harry ging seit schon einer guten halben Stunde, als er endlich hörte, was er erwartet hatte: Hufgeräusche. Er blieb geduldig still und wartete darauf, dass ihn der Zentaur einholte. Das kastanienbraunes Fell und das strenge, von schwarzen Haaren gerahmte Gesicht erschienen im Licht der Sterne und des ersten Mondviertels.

'Hervorragend', dachte Harry. 'Um so viel hatte ich nicht gebeten.'

„Was machen Sie hier, Mensch?"

„Eigentlich suchte ich nach Ihnen, Magorian."

Der Zentaur blinzelte und Harry lächelte. Magorian schien die Fassung wieder zu finden und sein Gesicht traf einen seltsamen Ausdruck.

„Sie sind der Mensch, der den Lauf des Gestirns gestört hat, oder?"

„Ich kenne die Geheimnisse des Gestirns nicht gut genug um festzulegen, ob ich es gestört habe oder nicht, aber das wäre tatsächlich möglich."

„Unser Volk sieht zum ersten Mal ein solches Phänomen", drängte Magorian und runzelte die Augenbrauen. „Das Himmelgewölbe ist völlig gestört, wir können nichts mehr darin lesen."

„Weil die Zukunft nicht mehr existiert", sagte Harry sanft. „Das heißt nur, dass sie wieder aufgebaut werden muss."

Magorian stellte sich nervös auf beide Hinterbeine und fiel wieder auf seinen vier Hufen.

„Wieder aufbauen... Sind Sie dazu da?", flüsterte er bestürzt.

„Ja. Aber ich weiß nicht, ob ich es allein schaffe."

Der Ausdruck des Zentauren wurde wieder hochnäsig.

„Wenn Sie um unsere Hilfe bitten wollen..."

„Ich bitte Sie um nichts", unterbrach ihn Harry. „Sie müssen diese Entscheidung treffen. Ich habe den Lauf des Gestirns gestört, ich bin dazu entschlossen, ihn wieder stabil zu machen, auch wenn ich das alleine tun muss. Denken Sie nur daran, dass ich scheitern könnte und dann werden andere meine Stelle übernehmen und die Himmelskarte wird davon der gegenüber, die Sie bisher kannten, umso mehr geändert werden."

„Sie haben unsere Kenntnis verfälscht", fuhr der Zentaur beinahe schmollend fort. „Wir verabscheuen es, uns selber so unwissend zu fühlen..."

Harry starrte ihn einen Augenblick lang nachdenklich an.

„Ich will Ihr Volk nicht beleidigen, Magorian, aber vielleicht sind die Zentauren zu lange davon überzeugt gewesen, dass das Wissen immer zu greifen sei. Glauben Sie nicht, dass es für Sie die Zeit wäre zu handeln, um immer noch frei zu diesem Wissen zu gelangen?"

Magorian machte einen neuen Seitensprung, ohne von Harry ab wegzublicken, so war er von seinen Worten überrascht. Eine lange Stille betonte Harrys letzte Worte.

„Ich werde meinem Volk Ihre Worte weitersagen", sagte er und zwang sich, seine Stimme, in der dennoch ein wenig Zweifel hörbar war, so fest wie möglich zu halten. „Sind Sie mit dem einzigen Ziel hergekommen, dieses Gespräch zu halten?"

„Eigentlich nicht", gestand Harry lächelnd. „Ich hoffte, dass Sie, der Sie diesen Wald so gut kennen, mich mit manchen seiner Bewohner Kontakt könnten aufnehmen lassen."

Magorian runzelte die Augenbrauen.

„Und mit welchen jener Bewohner, von denen Sie reden, möchten Sie sich treffen?"

Harrys Lächeln wurde breiter.

oOoOoOoOo

„Sirius!"

Der Jugendliche murrte kaum, als er den Schrei seines besten Freundes hörte. Aus Verzweiflung drehte sich Letzterer zu Remus um, der aus dem Badezimmer kam.

„Das ist nicht zu fassen, er wird schlimmer als Peter!"

„Hey!", protestierte der Betroffene mit schwacher Stimme.

Wurmschwanz saß auf seinem Bett mit zerzaustem Haar und blickte ins Leere. James schenkte ihm keine Aufmerksamkeit und krempelte sich mit einem entschlossenen Ausdruck die Ärmel hoch. Da er erkannte, was er tun wollte, legte Remus seine Sachen auf sein Bett und näherte sich ihm mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

„Möchtest du Hilfe?", schlug er vor.

„Gerne."

„Was tut ihr?", fragte Peter neugierig.

„Was getan werden muss, muss getan werden", antwortete James und legte die Finger in den Zwischenraum von Matratze und Bettkopf.

Remus handelte auf der anderen Seite gleich und nach einem Kopfzeichen hoben sie gleichzeitig den Bettrand, so dass sein Besitzer gleich danach mit der Matratze über seinem Körper auf dem Boden lag.

„Ihr spinnt wohl!", rief Sirius aus, der jetzt vollkommen wach war.

Er warf James und Remus, die nach ihrer bösen Tat wie Peter in lautes Gelächter ausgebrochen waren, vernichtende Blicke zu, ergriff wütend seine Uniform und richtete sich zum Badezimmer, während er zu sich selbst murrte:

„Total übergeschnappt, die da... Nicht zu fassen!"

Eine Viertelstunde und ein wieder zurechtgemachtes Bett später schafften es die Rumtreiber schließlich, zum Gemeinschaftsraum herunter zu laufen, wo sie sich in die Sessel fallen ließen.

„Na, Wurmschwanz?" fragte Sirius. „Erzähl mal, wie war die Reise mit Davies?"

Fünftklässler, die nah von ihnen saßen, spitzten die Ohren, um zuzuhören, aber Peter schien sich dessen nicht bewusst zu sein, denn er zitterte heftig.

„Schrecklich. Aber zugleich", fügte er wie für sich selbst hinzu, „war's so schön..."

Überrascht sahen die anderen drei Rumtreiber einander an.

„Wie kann es zugleich schrecklich und schön sein, Peter?", fragte James perplex und runzelte die Augenbrauen.

„Ich... eigentlich war es wirklich erschreckend, dieses unsichtbare Ding zu besteigen", stotterte Peter. „Als wir abgeflogen sind, habe ich geglaubt, ich würde vor Schreck sterben. Als ich aber die Augen aufgemacht habe, war es einfach... ich weiß nicht, wie ich es sagen kann... tja, eigentlich magisch..."

Da er sah, dass die anderen die Augenbrauen noch mehr runzelten, sprach er weiter:

„Seht ihr, wir waren hoch über dem Boden und am Anfang hatte ich Angst. Aber nach einer Weile war es, als würde ich allein fliegen... ich meine, ich sah das Geschöpf nicht, das mich trug, ich sah nur, was darunter lag... und das war wirklich schön. Ich glaube, ich habe die ganze Reise lang gedacht, dass ich träume und ich bin erst dann erwacht, als wir gelandet sind."

James, Sirius und Remus beobachteten die Augen ihres Freundes, die voller Bewunderung leuchteten und sahen wieder einander an.

„Peter", fasste James zusammen, „du meinst, dass du die ganze Reise von London bis hier her, in ich weiß nicht wie vielen Meter Höhe, auf einem Geschöpf, das du sogar nicht sehen konntest, geschafft hast, ohne ein einziges Mal Schwindel zu spüren? Du, der von einem aus festen Steinen bestehenden Turm nicht zu Hogwarts' Boden herunter schauen kann, ohne dass dir übel wird?"

Peter erblasste plötzlich und setzte sich tiefer in seinem Sessel.

„Wenn du es so sagst, würde ich mich beinahe übergeben... Aber", fügte er hinzu, während sein Blick sich in die Leere vertiefte und seine Wangen wieder Farben gewannen, „es war echt wunderschön."

Seine Freunde sahen zum dritten Mal einander an und plötzlich saß Sirius dann wieder gerade auf seinem Sessel mit einem breiten Lächeln.

„Ich hatte euch ja gesagt, dass er genial ist!"

oOoOoOoOo

Die Rumtreiber erreichten die Große Halle und die Aufregung, die dort beim ersten Unterrichtstag immer herrschte. Sirius warf sofort einen Blick zum Lehrertisch hin und die anderen drei taten es ihm nach.

„Davies ist nicht da", bemerkte Tatze und runzelte die Augenbrauen.

„Man könnte sich ja fragen, ob dieser Kerl je isst", sagte James.

„Ich bin weg", sagte Remus an. „Ich muss die Stundenpläne ausgeben."

Der junge Werwolf richtete sich zur großen Silhouette von McGonagall, die auf der anderen Seite der Halle stand und bald darauf von Lily Evans eingeholt wurde, die mit ihrer Freundin Anna gerade angekommen war. James betrachtete das Mädchen einen Augenblick lang, bevor Sirius ihn in die Realität zurückholte.

„Mein lieber Freund, könntest du dein liebestolles Herz vergessen, während wir uns um unsere Magen kümmern?"

James drehte sich zu seinem lächelnden besten Freund und folgte ihm zum Gryffindor-Tisch. Er setzte sich neben ihn und Peter gegenüber und Sirius stichelte ihn weiter.

„Ehrlich, James, was findest du bei diesem Mädchen? Während die Hälfte der Schule zu deinen Füßen liegen könnte, wenn du nur eine Geste machen würdest?"

„Da stimme ich nicht zu, Sirius: Zudeinen Füßen liegt die Hälfte der Schule."

Tatze lächelte ihm breit zu, ohne sich zu den Mädchen umzudrehen, die von überall in der Großen Halle zu ihm blickten, seitdem er eingetreten war.

„Na, Kumpel, das nennt man Anmut... Aber alles in allem bist du ja der beliebteste Quidditchspieler in der ganzen Schule!"

„Nicht für alle", sagte James und drehte sich wieder zu Lily, die das eine Ende des Tischs erreichte und anfing, die Pergamente auszuteilen.

Am anderen Tischende tat Remus es ihr gleich und bald ließ er vor sie vier Pergamentstücke fallen, unter denen sein eigenes. Die anderen drei ergriffen neugierig die Pergamentstücke und lasen die Kolumnen schnell durch.

„Kräuterkunde zuerst", murrte James. „Wir müssen die Sechstklässler darum bitten, am Ende des Unterrichts unsere Leichen mitzunehmen, ich möchte wirklich begraben werden."

Neben ihm prustete Sirius los, ohne von der Tabelle aufzuschauen.

„Oh nein!", rief er mit einem leidenden Ausdruck. „Wir haben Verteidigung gegen die dunklen Künste erst morgen. Das ist ungerecht!"

„Wir sollten herausfinden, wer Davies zuerst hat, um mehr zu erfahren", bemerkte Remus, als er mit leeren Händen wieder zu ihnen kam.

„Die Siebtklässler von Ravenclaw und Hufflepuff", ließ Anderson, die neben Peter saß, nachlässig vernehmen, während sich Lily neben sie setzte.

Die vier Rumtreiber drehten sich zu den genannten Tischen um und sahen, wie die Älteren besorgte Mienen machten.

„Pah!", schnaubte Sirius hochnäsig. „Sie wissen nicht, wie glücklich sie sich schätzen können."

„Ich frage mich, was Davies wohl treibt", murmelte James mit einem nachdenklichen Ausdruck, indem er sich zum einzigen leeren Platz am Lehrertisch drehte.

Die anderen Schüler hatten es erst jetzt bemerkt und die besorgten Blicke verwandelten sich zu erstaunten und unsicheren Ausdrücken. Bevor aber die Schüler Theorien entwickeln konnten, ließ ein dumpfes Geräusch jene wissen, die nah bei der großen Eingangshalle saßen, dass die Doppeltüren der Eingangshalle gerade aufgemacht worden waren. Die Gespräche verstummten plötzlich, als Davies an den Türen gedankenlos vorbeiging, die auf die Eingangshalle gaben. Sirius stieß einen gedämpften Schrei aus.

Ihr Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste war damit beschäftigt, kleine Zweige und dürre Blätter aus seinen langen Haaren zu zupfen, während er ging. Sein Gesicht war mit Schnitten bedeckt. Der Zustand seiner Kleidung war auch nicht sehr gut. Als er sich dessen bewusst wurde, dass die ganze Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war, drehte Harry den Kopf und lächelte. Die Schüler folgten seinem Blick und sahen, dass ein gleiches, von einem schelmischen Licht in den Augen begleitetes Lächeln auf dem Gesicht des Schulleiters lag.

Davies verschwand zur Treppe, ehe irgendjemand reagieren konnte.

„Er ist doch nicht etwa... in den Verbotenen Wald gegangen, oder?", fragte Remus mit weit offenen Augen.

„Kennst du einen anderen Ort in Hogwarts' Nähe, wo er in solch einem Zustand rausgekommen wäre?", erwiderte James, ohne von der Großen Eingangshallentür zu blicken.

Schließlich fingen in ihrer Nähe die Gespräche wieder an.

„Noch ein Bekloppter an dieser Stelle", sagte Anna Anderson ruhig. „Es ist nicht das erste Mal und wird sicher nicht das letzte Mal sein."

„Anna!", tadelte sie Lily, die die Augenbrauen runzelte. „Gestern sah er sympathisch aus."

Anna zuckte nur mit den Schultern und schenkte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Baconteller.

„Zumindest werden uns July und Eloise Bescheid sagen können", fügte Lily hinzu, indem sie sich zu den beiden Ravenclaws drehte, die beinahe so aussahen, als hätte man sie gerade zum Tode verurteilt. „Ich hoffe, es wird ihnen gut gehen..."

Harry war zu seinen Quartieren zurückgekehrt, um sich umzuziehen und sich das Gesicht kurz zu waschen. Der Gang durch den Verbotenen Wald war nie ein Spaziergang, selbst wenn ein Zentaur, der den Wald perfekt kannte, einen führte. Und jene, die er gesucht hatte, wohnten mitten im Wald. Der Vorteil war, dass man jetzt mehr auf seine mehrfachen Wunden aufmerksam war als auf seine roten Augen mit den dunklen Ringen darunter...

Jetzt stand er geduldig an die Wand neben seinem Klassenzimmer gelehnt und wartete darauf, dass seine ersten Schüler ankamen. Einige Schüler von Ravenclaw, unter denen er July Backson und Eloise McDonald, zwei von Lilys Freundinnen, wieder erkannte, erreichten schließlich den Gang. Bald kamen ihre anderen Mitschüler dazu und sie sammelten sich neben ihm, während in Hogwarts der Gong zum Unterrichtsanfang erklang.

„Warum treten wir nicht ein?", fragte ein Ravenclaw misstrauisch.

„Weil der Unterricht draußen stattfindet", sagte Harry.

Die Schüler fingen an unruhig zu werden und sahen einander besorgt an.

„Fürchten Sie sich nicht", fügte er lächelnd hinzu. „Wir werden nicht in den Verbotenen Wald gehen. Kommen Sie mit."

Er wies sie an, ihm nachzulaufen und richtete sich zur Großen Eingangshalle. Die Jugendlichen folgten ihm widerwillig. Als sie draußen waren, ging Harry direkt auf den Waldrand zu.

„Sie hatten gesagt, dass wir nicht dort eintreten würden!", rief ein Hufflepuff mit einer leicht furchtsamen Stimme.

„Und ich habe nicht gelogen", sagte Harry über seine Schulter hin. „Fürchten Sie sich nicht, wir werden am Rand stoppen. Sie gehen kein Risiko ein."

Dann folgten ihm die Siebtklässler wieder. Als sie die Schatten der Bäume erreichten, stoppten mehrere plötzlich und lehnten es ab, weiter zu gehen. Harry aber stoppte auch und drehte sich zu ihnen um.

„Sie dürfen sich setzen", sagte er und machte eine Bewegung mit seinem Zauberstab.

Das vom Tau durchnässte Gras um sie herum wurde trocken und die Schüler setzten sich zögernd. Harry blieb vor ihnen stehen.

„Sie sind sich alle", fing er an, „der schlimmen Ereignisse bewusst, die zur Zeit in der Zaubererwelt geschehen."

Einige Schüler bewegten sich unruhig.

„Aber ich will Ihnen eine Frage stellen: Glauben Sie, dass nur die Zauberer bedroht sind?"

Ein oder zwei Hände erhoben sich schüchtern.

„Ja... Sie heißen?"

„Marc Abbot", antwortete der junge Hufflepuff mit den braunen Haaren. „Die Muggel auch, oder?"

Harry vermutete kurz, dass der junge Mann Hannahs Vater sein müsste.

„Das stimmt, Mr Abbot, auch die Muggel. Aber nicht nur sie. Suchen Sie weiter."

Die Schüler sahen einander perplex an.

„Nun, Sie wissen schon, dass der Dunkle Lord die Muggel und jene verabscheut, die er 'Schlammblüter' nennt..."

Harry verzog das Gesicht, als er hörte, wie dieses Wort auf seiner Zunge klang.

„Aber wissen Sie auch, dass er andere Völker den sogenannten 'Reinblütern' für unterlegen hält?"

Eine andere Hand wurde gehoben.

„Ja, Miss McDonald?", lächelte Harry.

„Sie meinen, alle nicht-menschlichen Geschöpfe?", antwortete das Mädchen zögernd.

„Genau. Fünf Punkte für Ravenclaw."

Harry verzog beinahe wieder das Gesicht, da diese Worte über seine Lippen kamen. Dies war noch seltsamer als seinen Patenonkel beim Nachnamen zu nennen.

„Wie es Miss McDonald gerade gesagt hat, hält Voldemort-"

Alle zitterten.

'Mensch, der ist mir entkommen. Tja, und wozu nicht?', dachte Harry irritiert.

„-hält Voldemort", sprach er weiter und sah die Schüler fast bedrohend an, „alle Nicht-Menschlichen, egal ob intelligent oder nicht, für uns unterlegen und kaum mehr wert als Tiere. Wer kann intelligente Nicht-Menschliche Völker nennen?"

Diesmal wurden mehrere Hände gehoben. Harry befragte eine junge Ravenclaw.

„Die Zentauren", sagte jene mit einem misstrauischen Blick zum Verbotenen Wald, „und die Hauselfen. Und auch die Riesen."

Die anderen Jugendlichen brachen in lautes Gelächter aus.

„Es gibt da nichts Lustiges!", fuhr Harry dazwischen. „Selbst, wenn es Ihnen dumm erscheint, können die Riesen unter anderem reden und werden also für ein intelligentes Volk gehalten. Ihr Gehirn ist nur etwas weniger entwickelt als unseres."

Stille folgte diesen Worten.

„Ein anderes intelligentes Volk? Mr Abbot?"

„Die Kobolde, Sir", antwortete der junge Mann.

„Natürlich, ja, die Kobolde. Kennen Sie noch weitere?"

Die Jugendlichen bewegten sich unruhig auf dem Gras.

„Sir", griff ein Ravenclaw mit einem schüchternen Ausdruck ein, „die anderen Völker sind Legenden, die man den Kindern erzählt..."

„Wirklich?", sagte Harry lächelnd. „Legenden haben aber immer einen wahren Grund, oder? Sagen Sie mir denn, woran Sie denken?"

Der Ravenclaw warf seinen Mitschülern einen nervösen Blick zu, schien, sich anzuschicken, etwas zu sagen, dann änderte er seine Meinung und sagte etwas anderes.

„Die Zwerge?"

Spöttisches Lächeln huschte über die Lippen einiger Ravenclaws.

„Die Zwerge existieren wirklich."

Die Lächeln wurden zu ungläubigen Blicken.

„Das kann ich Ihnen versichern", fügte Harry lächelnd hinzu. „Ich bin selber welchen begegnet. Aber es schien, dass Sie sich anschickten, etwas anders zu sagen, oder?", fragte er den Ravenclaw und ignorierte dabei die Schüler, die angefangen hatten, miteinander zu reden.

Der Ravenclaw sah niedergeschlagen aus.

„Hm... ich..."

„Nun, zögern Sie nicht", riet Harry sanft. „Woran dachten Sie?"

Der Ravenclaw fing an zu erröten und sich unruhig zu bewegen. Schließlich flüsterte er:

„Die Waldelfen."

Sofort lagen alle anderen Schüler gebeugt auf dem Boden und waren in lautes Gelächter ausgebrochen. Das Gesicht des Ravenclaw sah jetzt wie eine zu reife Tomate aus.

„Genug!"

Die Stimme ihres jungen Lehrers klang wie Donner und die Schüler saßen plötzlich erstaunt aufrecht, während der junge Ravenclaw die Augen wieder erhob.

„Wie ich es Ihnen soeben gesagt habe, gibt es keinen Grund zu lachen."

Alle Jugendlichen sahen ihn an, als wäre er verrückt. Allmählich hörte man Geflüster wie 'Er glaubt es doch nicht wirklich?' und 'Er will es uns nicht glauben lassen?' Harry schenkte dem keine Aufmerksamkeit. Nach einem letzten strengen Blick drehte er sich zum Rand des Waldes. Die Jugendlichen sahen, wie sein Blick leer wurde und hörten ihn in einer unbekannten Sprache sagen:

~Devon, seid ihr da?~

Die Schüler sprangen auf, als eine Antwort, die von einer harmonischen und singenden Stimme gesprochen war, aus den Waldschatten kam.

~Ja, Harry. Wir kommen zu dir.~

Man hörte kaum ein Blättersausen und gleich darauf kamen zwei in grün gekleidete Silhouetten, die fast so aussahen wie schlanke Menschen, von der Walddeckung her. Einer der Ankömmlinge, der mit ihrem Lehrer gesprochen hatte, hatte langes blondes Haar und große grüne Augen, während die andere, eine Frau, kurz geschnittenes braunes Haar und graue Augen hatte. Sie hatten beide große Bögen mit Köchern voller Pfeile dabei. Die Schüler verstummten, als sie die mandelförmigen Augen und die spitzen Ohren sahen.

„Nun", sagte Harry und durchbrach die völlige Stille, die jetzt über ihnen herrschte, „ich glaube, dass wir den Unterricht jetzt beginnen können, oder?"