Hallo an alle! Hier bin ich wieder mit dem sechsten Kapitel von der französischen FF von Dragonwing4 Changer le passé. Viel Spaß beim Lesen und einen herzlichen Dank an Verliebtindich, meine Betaleserin.

Disclaimer: Alle bekannten Charaktere und Orte gehören zu Mrs. Rowling und die Geschichte und die anderen Charaktere gehören zu Dragonwing4. Ich habe nur übersetzt.

Spoiler: Die ersten fünf Bände.

Anmerkung des Übersetzers: Ich weiß, dass es in den deutschen Ausgaben anders ist, aber Severus Snape siezt immer ausnahmslos all seine Schüler in den französischen Büchern. Dass er hier Harry plötzlich duzt, ist also unerwartet und sehr bedeutend.

Eine zweite Chance

Die Vergangenheit verändern

Kapitel 6: Wo man überzeugt wird, dass nicht alle Slytherins Todesser sind:

Harry erwachte mitten in der Nacht. Er hatte keinen Alptraum gehabt und eigentlich hatte er ja seinen Schlaftrunk für traumlosen Schlaf eingenommen, bevor er sich ins Bett gelegt hatte. Seine Narbe brannte auch nicht. Er war einfach wach geworden. Ratlos setzte er sich in seinem Bett auf und suchte, was ihn hatte stören können, aber er fand nichts. Keinen besonderen Lärm, keinen Schmerz, nichts. Warum war er also aufgewacht? Und vor allem, warum kam ihm diese Szene so bekannt vor?

Ein fürchterlicher Angstgefühl bemächtigte sich plötzlich seiner, so dass er mit einem Sprung aufstand und sich eilig anzog. Er konnte immer noch nicht wissen was los war, aber etwas stimmte nicht. Er ergriff dabei seinen Tarnumhang und die Karte des Rumtreibers und lief schnell hinaus. Erst, als er zur Großen Halle rannte, wurde ihm klar, wann er solch eine Panik empfunden hatte, nachdem er um eine so frühe Stunde aufgewacht war: An dem Tag, an dem Severus gestorben war.

Er stoppte plötzlich mitten im Gang und ließ seine Erinnerungen wieder auftauchen.

oOoOoOoOo

Von einem unkontrollierbaren Zittern geschüttelt, eilte Harry zum Schloss, vor dessen Gittertoren er eben appariert war. Er lief an den Auroren vorbei, die Hogwarts schützten, ohne ihrem fragenden Blick Aufmerksamkeit zu schenken, und stürzte sich zu Albus' Büro. Der alte Mann war aufgestanden, auch wenn er nur ein Nachthemd trug, und er versuchte sofort, ihm zu erklären, was er empfand. Albus hörte ihm aufmerksam zu. Als der Gryffindor damit fertig war, sah sein ehemaliger Schulleiter ernster denn je aus.

Harry", sagte er sanft, „Severus ist eben herbeigerufen worden. Er hat es mir fünf Minuten vor deiner Ankunft gesagt."

Harry erstarrte.

Er... er ist hin?", fragte er mit rauer Stimme.

Albus nickte langsam. Harry wollte eben den Mund wieder aufmachen, um wieder zu reden, als sich eine plötzliche Schadenfreude seiner bemächtigte. Voldemorts Freude. Er krümmte sich entzwei in seinem Sitz zusammen, um die Verbindung wieder zu beherrschen, und hörte undeutlich, wie Albus aufstand und ihn fragte, was geschah, doch ehe er antworten konnte, überflutete Schmerz seinen Körper von der Narbe hinunter. Voldemort hatte getötet.

Bei Morgengrauen war Severus' fürchterlich versehrte und nur schwer erkennbare Leiche vor den Gittertoren der Schule wieder aufgefunden worden. Harry hatte nicht geweint. Er hatte keine Tränen mehr.

Nach den Toden von Hermine, Remus, Ron, Hagrid und so vielen anderen gehörte Severus zu den wenigen Personen, an denen er noch hing. Seit dem Ende seiner Schulzeit in Hogwarts hatten sein ehemaliger Lehrer für Zaubertränke und er eine seltsame Beziehung aus gegenseitigem Respekt und den bissigen Bemerkungen, die sie jedes Mal wechselten, wenn sie sich trafen.

Severus hatte in seinem Leben viel gelitten, das hatte Harry bald verstanden. Diese Gemeinsamkeit hatte bei ihrer Annäherung eine große Rolle gespielt und dass sie die Schmerzen des Anderen verstanden hatten, hatte jedem erlaubt jemanden zu finden, mit dem er seine Pein teilen konnte, selbst wenn beide abgelehnt hätten, es irgendjemandem zu gestehen, der sie gefragt hätte.

Aber Harry hatte auch etwas anderes über seinen ehemaligen Lehrer gelernt: Er war ein sehr mutiger Mensch. Als er von Voldemort beordert wurde, obwohl kein Treffen vorgesehen war, hatte er sich natürlich Sorgen gemacht und Albus auch. Doch das Phänomen war in dieser Zeit des Krieges zu üblich, dass es ihn zögern ließ und er war noch einmal das Risiko eingegangen, bereit es zu büßen, wenn ihn Voldemort entdeckt hätte. Das war einmal zu viel gewesen.

Albus' Theorie zu Harrys seltsamer Reaktion war gewesen, dass er gegenüber den Gefahren, die den Leuten drohten, an denen er hing, wegen seiner schmerzhaften Erlebnisse höchst empfindlich geworden war. Er hatte dieses Phänomen mit Severus entwickelt, weil er nämlich eine der letzten Personen war, an deren Tod er nicht nur mit Traurigkeit, sondern sogar mit Furcht dachte.

Noch einmal hatte Albus Recht gehabt. Als die größte Schlacht zwischen den Stärken des Ministeriums – und dessen nicht-menschlichen Alliierten – und den Todessern stattfand, verspürte er das gleiche Entsetzen in sich aufsteigen, kaum hatte er sein Ziel, den Dunklen Lord selbst, aufgefunden. Doch er durfte nicht jetzt aufgeben, da er nun so nah am Ziel stand. Er hatte seine Tränen heruntergeschluckt so gut er konnte und hatte das Duell angefangen.

Später hatten die Heiler, die die Verwundeten wieder auffinden und die Toten aufzählen sollten, Albus in seinem eigenen Blut liegend aufgefunden. Um ihn herum hatten ihn etwa zwanzig Todesser in den Tod begleitet. Man hatte es ihm gesagt, als Harry aufgewacht war, doch er hatte nicht reagiert. Er wusste es schon vor ihnen.

oOoOoOoOo

Harry kam wieder zu Sinnen, als er hinter sich ein bekanntes Gackern hörte. Er drehte sich rechtzeitig um und sah, wie ein Geist aus der Wand herauskam und dabei sein gewöhnliches böses Lächeln aufgesetzt hatte.

„Peeves!", rief er, immer noch halb in seine Erinnerungen vertieft. „Was treibst du denn da?"

„Oh, das ist aber der grrrrroße Professor Davies", rief der Poltergeist, indem er ihm den Rücken zuwendete, um ihn zwischen seinen gespreizten Beinen anzustarren. „Du willst Ordnung schaffen, Mr Auror, Sir? Das stimmt, dass heute Abend eine Menge Leute in den Gängen herumspazieren..."

„Was?", rief Harry sofort aus. „Wer ist in den Gängen? Peeves!"

Doch der kleine Mann verschwand schon auf der anderen Seite des Ganges und lachte dabei böse, offenbar stolz auf seinen Streich. Harry hätte über dieses Stückchen Auskunft wütend sein können, doch er kannte zumindest einen Teil der Antwort. Er hatte diese spezielle Verbindung nur für zwei Leute entwickelt: Albus und Severus. Albus war ein höchst mächtiger Magier und nur eine ganze Menge Feinde oder Voldemort selbst konnten ihn beunruhigen. Außerdem hätte er dafür außerhalb von Hogwarts sein müssen und welchen Grund hätte er gehabt, es mitten in der Nacht zu tun? Und Peeves hätte ja nie daran gedacht, den Schulleiter in sein Bett zurückschicken zu lassen...

Blieb Severus übrig, ein siebzehnjähriger Jugendlicher, der daher unter seiner Verantwortung stand und wie jeder Schüler Dutzend Gründe haben konnte, sich in der Nacht außerhalb seines Schlafsaals zu befinden... Was konnte aber einen Schüler von Hogwarts in den Gängen des Schlosses selbst gefährden?

Da sein Herz sich mit jedem Augenblick aus seiner Brust herausreißen zu wollen schien, zog Harry die Karte des Rumtreibers eilig heraus und prüfte sie auf jedem Stock genau. Die Aufgabe war einfach, weil die meisten Punkte in ihrem Schlafsaal beziehungsweise Schlafzimmer unbeweglich lagen, aber der Auror fand schließlich eine Versammlung sehr wacher Leute in einem unbenutzten Raum im dritten Stock. Severus gehörte dazu.

Harry lief zur Treppe und stürzte hinauf. Er kam atemlos im Gang des südlichen Flügels an, stoppte, um sich wieder zu fassen und versteckte sich vorsichtshalber unter seinem Tarnumhang. Gedämpfte Geräusche kamen aus dem Raum, doch nichts, was deutlich genug wäre, dass er es hätte verstehen können. Frustriert mobilisierte er all seine Kräfte, um eine Lösung zu finden.

Er zückte seinen Zauberstab und suchte mit dem Blick nach etwas, was passen könnte. Seine Augen trafen die hervorstehenden Augen von Mrs Norris, was ihn kaum aufspringen ließ, und gerade neben ihr ein Gemälde, dessen Bewohner weg war und das an der Wand gelehnt stand. Offenbar wartete das Porträt darauf, restauriert zu werden, wenn man nach dem schlechten Zustand des Leinens schätzen konnte.

Harry zielte sofort mit seinem Zauberstab darauf und murmelte die Formel des Schwebezaubers, so dass es gerade über den Boden schwebte, bevor er es wieder fallen ließ. Wegen des Schocks erklang ein ganz leichtes Geräusch und Mrs Norris blickte langsam zu ihm hinauf, als der Rahmen mit einem dumpfen Lärm, der zwischen den Steinwänden widerhallte, flach auf den Boden fiel.

Sofort hörten die Geräusche im Raum auf, die Tür wurde geöffnet und ein misstrauisch aussehender Kopf erschien in der Öffnung, senkte dann ein bisschen den Blick und sah, wie sich die Katze des Hausmeisters den Gang entlang entfernte, zweifellos um ihren Herrn davon zu benachrichtigen, dass Gemälde im Gang des dritten Stocks im südlichen Flügel von alleine fielen.

Harry zweifelte daran, dass sich Filch deswegen hierhin aufmachen würde, vor allem, wenn Peeves die Entscheidung getroffen hatte, sich in jener Nacht ein bisschen zu amüsieren, so wie er es dachte. Der Slytherin, der die Tür aufgemacht hatte, wartete still, bis der Schwanz der Katze um die Ecke des Ganges verschwunden war, dann beugte er sich nach hinten.

„Da ist nichts", sagte er zu Leuten, die Harry nicht sehen konnte. „Nur diese verfluchte Mrs Norris. Sie ist fort, sie hat uns wahrscheinlich nicht gehört."

Harry profitierte davon, dass der Junge noch sprach, schlich sich durch die Öffnung vorsichtig in den Raum, ohne den Jugendlichen zu berühren und zog den letzten Zipfel seines Tarnumhangs gerade in dem Augenblick weg, in dem er die Tür zumachte.

Schließlich erlaubte er sich, sich umzublicken. Einige schiefe Tische waren gegen die Wände zurückgeschoben und etwa fünfzehn Schüler, die meisten davon Slytherins und fast nur Sechst- und Siebtklässler, lehnten sich daran oder blieben in der Mitte des Raums stehen. Jener, der sich in der Nähe der Tür befand, ging wieder zu den anderen und stellte sich einem Siebtklässler gegenüber, den Harry als Adrian Zabini wiedererkannte.

„Gut", sprach jener. „Wie ich euch sagte, werden wir den Geheimgang nach Hogsmeade entlanggehen und dort werden wir einen Portschlüssel bekommen, damit wir dann den Lord treffen können."

„Aber warum heute Abend?", fragte ein Sechstklässler von Ravenclaw. „Und warum haben wir nicht früher Bescheid gewusst?"

Zabini warf ihm einen bösen Blick zu, antwortete jedoch scharf:

„Das ist ein sehr wichtiges Treffen, es durfte am besten von keinem Petzer gefährdet werden. Zumindest sind wir sicher, falls es einen Verräter geben würde, dass er keine Zeit gehabt hätte es auszuplaudern. Und muss ich euch daran erinnern, dass wir für Ihn immer bereit sein müssen?"

Der Ravenclaw senkte beschämt den Kopf unter den missbilligenden Blicken der anderen. Doch eine weitere Stimme griff ein:

„Du hast die erste Frage nicht beantwortet. Warum heute Abend? Warum nicht während des Wochenendes, wenn keiner mehr so streng auf uns achtet?"

Harry erblickte mit Erleichterung Severus, der nah an der Wand am anderen Ende des Raums stand und dessen Gesicht widerspiegelte, wie gleichgültig ihm die Blicke der anderen waren. Zabini sah noch einmal verärgert aus, aber er antwortete:

„Heute Abend ist die einzige Möglichkeit. Thomson hielt Wache und er hat eben einen schwarzen Brief bekommen", fügte er mit einem bösen Lächeln hinzu. „Zu dieser Zeit ist er bestimmt auf dem Weg zum Ministerium."

Harry war von Kummer erfüllt, dass sein Kollege eine geliebte Person verloren hatte. Er kannte die Lage zu sehr. Doch es verhinderte nicht, dass der Auror unter solchen Umständen einen von ihnen hätte aufwecken und ihn darum bitten müssen, seine Stelle für die Nachtwache zu übernehmen, die sie der Reihe nach geplant hatten, um Filchs Streifen zu vervollständigen.

„Reicht es jetzt? Oder wollt ihr euch noch mehr verspäten? Ihr wisst ja, dass er das nicht mag..."

Wegen Zabinis Drohung bewegten sich einige unwohl, aber alle folgten, als er zur Tür ging. Alle bis auf Severus. Das Warnsignal in Harrys Kopf wurde drängender und er sah beängstigt, wie sich Severus' Augenbrauen runzelten, als vertiefte er sich in eine Überlegung. Das Adrenalin machte den Geist des jungen Aurors leistungsfähiger als je, so dass er sich ohne Schwierigkeiten vorstellte, was im Kopf des jungen Slytherins geschah.

Nach dem, was Harry von ihm wusste, hing Severus an wenigen Dingen mehr als an seiner Freiheit. Während seiner ganzen Jugend hatte er den Befehlen seines Vaters folgen müssen und nun wollte jener diese Verantwortung dem Dunklen Lord übergeben. Für ihn war das Ergebnis das Gleiche: Er war gefesselt.

Der Severus, den er kennen gelernt hatte, hatte aus Furcht davor gehorcht, was ihm geschehen könnte, wenn er ablehnte. Als ihm später deutlich wurde, dass dies unwichtig war, wenn er betrachtete, dass er wegen seiner Befehle grässliche Taten begehen musste, hatte er einen Moment lang seinen Herrn öffentlich leugnen wollen und mit dieser letzten freien Tat sterben. Doch er hatte verstanden, dass es ihn zwar arrangieren, jedoch keineswegs andere vor dem gleichen Schicksal schützen würde. Deswegen war er Dumbledores Spion geworden.

Der Severus aber, der nun ihm gegenüber stand, war nicht genau der, den er kennen gelernt hatte, denn Letzterer hatte dieses Gespräch mit ihm, Harry Davies, am Ufer des Sees am Morgen des ersten Unterrichtstags nicht gehabt. Erst später hatte er das verstanden, was Harry den Jugendlichen sofort hatte verstehen lassen: Wenn er an der Freiheit hing, war es unwichtig, dass er starb, wenn er sie schützen wollte.

Doch er war eben noch ein Jugendlicher und er konnte sich noch nicht vorstellen, sein Leben lang eine doppelte Rolle zu spielen, indem er seine Taten ständig verheimlichte und sein Leben jeden Tag aufs Spiel setzte. Trotz seiner Erfahrung war Severus noch zu jung dafür. Und daher wollte er von nun an Voldemort verleugnen.

Harry sah mit Entsetzen, wie der Slytherin die gleiche Schlussfolgerung erreichte wie er und den Kopf im Moment erhob, als ihn Zabini fragte:

„Na, Snape, kommst du?"

Severus machte den Mund auf, um nein zu sagen. Blitzschnell stürzte Harry zu ihm. Der Jugendliche erstarrte, als er den Luftzug fühlte, den seine Bewegung verursacht hatte und schreckte auf, als er ihm ins Ohr so leise zuflüsterte wie er es konnte:

„Folge ihm, Severus."

In seiner Eile hatte Harry kaum bemerkt, dass er ihn wieder geduzt und bei seinem Vornamen genannt hatte. Er wartete beängstigt auf die Reaktion seines Schülers.

Nach einer Zeit, die unendlich erschien, wurde Zabini ungeduldig und flüsterte wieder wütend:

„Snape, verdammt, kommst du, ja oder nein?"

Severus schien, aus einer Trance aufzuwachen und flüsterte mit rauer Stimme zurück:

„Ja, ja, ich komme schon."

Harry seufzte so leise wie möglich vor Erleichterung, als Severus zur Tür ging. Der Slytherin blickte flüchtig hinter seine Schulter, bevor er an Zabini vorbeiging, der den Raum leise wieder schloss. Harry blieb einige Augenblicke lang in der Dunkelheit und in der Stille stehen, damit sie die Zeit hatten, sich zu entfernen, dann eilte er hinaus.

Severus war zur Zeit zu verwirrt, dass ein Gespräch mit Voldemort genau das wäre, was er brauchen würde. Übrigens war die gedämpfte Ängstlichkeit, die sich seiner bemächtigt hatte, immer noch da, was bewies, dass er noch nicht gerettet war.

Harry zog also die Karte des Rumtreibers eilig wieder heraus, schaute sie an und stürzte in die Richtung, wo sich der kleine Punkt mit der Etikette namens Argus Filch bewegte. Nach seinen Wanderungen zu richten, so war der Hausmeister damit beschäftigt, die Schäden von Peeves' letztem Streich wieder gut zu machen. Die Karte zeigte leider nicht die Geister, aber der Poltergeist sollte nicht weit weg sein. Harry stürzte in mehrere Geheimgänge, die seinen Weg erheblich verkürzten, und er befand sich bald im vierten Stock.

Gemurrte Verwünschungen und der Lärm bewegter Rüstungen benachrichtigten ihn über Filchs nahe Anwesenheit, der wahrscheinlich damit beschäftigt war, die Stücke der letzten Rüstung aufzusammeln, die Peeves zerstückelt hatte. Wo war aber der Poltergeist? Im gleichen Augenblick, da er sich diese Frage stellte, kam der kleine durchsichtige Kerl böse lachend aus dem Boden und schwebte zur nächsten Rüstung. Harry zog seinen Umhang sofort aus.

„Peeves!", rief er mit einem drängenden Geflüster. „Weißt du, dass ich Filch warnen könnte?"

Der Poltergeist drehte sich zu ihm um, oder eher gesagt tat dies der obere Teil seines Körpers, denn seine Beine blieben in ihrer ersten Richtung stehen.

„Sieh mal einer an! Der junge Harry ist wieder da!"

„Ich rufe Filch", sagte Harry und tat, als würde er sich umdrehen, um seine Worte in die Tat umzusetzen.

Sofort stürzte Peeves gackernd zum Boden und fing an, darin zu versinken. Harry lächelte triumphierend. Er erhob seinen Zauberstab und murmelte schnell eine Zauberformel. Peeves' Beine stoppten plötzlich, dann fingen sie an, sich mit Wut zu drehen. Der Kopf des Poltergeists erschien wütend gackernd wieder auf der Höhe des Bodens und Harry versuchte nicht mal, sich den Winkel vorzustellen, der den übrigen Teil des Körpers in der unteren Etage zeigen sollte.

„Was hast du mir angetan?", rief Peeves mit wütender Stimme.

Harry näherte sich ihm mit einem schadenfreudigen Lächeln, das er gelernt hatte, für solche Lagen auf sein Gesicht aufzusetzen und zwang sich, ruhig zu bleiben und die Dinge nicht zu übereilen. Er kniete genau außerhalb der Reichweite des Poltergeistes.

„Siehst du, Peeves, während meiner Ausbildung als Auror habe ich Unterrichtsstunden in Austreibung bekommen. Ich habe das Dumbledore nicht gesagt, aber ich könnte es ja wohl sagen und dann würde er mich vielleicht darum bitten, dich von der Schule auszutreiben. Natürlich könnte ich nicht ablehnen."

Der Poltergeist starrte ihn einen Augenblick lang mit zusammengekniffenen Augen an.

„Was willst du?", gackerte er schließlich.

„Oh, nicht viel. Es gibt eine Gruppe von Schülern..."

Harry blickte wieder auf seine Karte und wurde sich bewusst, dass die Zeit drängte.

„... eben auf diesem Stock, die sich dem Spiegel im südlichen Gang nähert. Du müsstest einfach Filch in diese Richtung locken und dort ein bisschen Durcheinander bringen, dass er den größten Teil der Nacht in diesem Ort verbringt. Wenn du es richtig tust, so könnte es sein, dass ich es 'vergesse', Dumbledore von meinen Austreibungsfähigkeiten zu informieren."

Peeves beobachtete ihn noch einige Sekunden, aber er hatte nicht wirklich die Wahl. Wenn er es versuchte so zu tun wie er es wollte und Harrys Befehlen nicht gehorchte, so würde der Auror ja den Schulleiter darauf hinweisen können.

„Versprichst du es?", fragte er schließlich.

„Auf meinem Aurordiplom", antwortete Harry mit gehobener Hand.

Peeves setzte plötzlich sein gewöhnliches böses Lächeln wieder auf.

„Das könnte ich schaffen", gackerte er mit Schadenfreude.

Harry lächelte und machte die Wirkung des Zaubers rückgängig, der Peeves' substanzlosen Körper in seinem Steingefängnis behalten hatte. Sofort eilte der Poltergeist zur Rüstung, die er versuchte zu erreichen, als er angekommen war und er stürzte mit einem Höllenlärm hinein. Filchs Flüche stoppten plötzlich, dann fingen sie viel lauter wieder an.

„Peeves!"

Harry hatte kaum die Zeit, sich wieder unter den Tarnumhang zu verstecken, bevor Filch in den Gang hereinstürzte und dem Poltergeist, der mit seinem gewöhnlichen bösen Lachen weiter durch die Rüstungen flog, kurzatmig nachlief. Harry sah sie erleichtert beide verschwinden und folgte dann der Szene auf der Karte, die er immer noch in seiner geballten Faust hielt.

Die Gruppe auszubildender Todesser stoppte plötzlich, als die Jugendlichen das Getöse wahrnahmen, das zu ihnen kam und sie traten schnell in einen Geheimgang etwa zehn Meter vor dem Spiegel zurück, hinter dem ein Geheimgang nach Hogsmeade versteckt war, jener, der wie es Harry wusste während des Winters 1992 zusammengebrochen war, ein Jahr, bevor ihm die Weasley-Zwillinge die Karte anvertraut hatten.

Ein noch lauterer Lärm als alle anderen erklang nun in diesem glücklicherweise leeren Teil des Schlosses und benachrichtigte Harry davon, dass Peeves seinen Anweisungen buchstäblich gefolgt war und Filch an diesem Ort genug Arbeit für mindestens drei Tage geschenkt hatte. Er lächelte vergnügt und sah, wie sich die Schüler einen Moment lang unruhig verhielten, bevor sie den Geheimgang, in dem sie standen, zu seinem anderen Ende entlanggingen. Jetzt müsste er sich schnell etwas anderes einfallen lassen, falls sie den zweiten Gang kannten, der von der einäugigen Hexe zum Honigtopf führte.

Als sie aber den zweiten Stock erreichten, blieben die Jugendlichen einen Moment lang dort stehen, waren offenbar in eine lebhafte Debatte vertieft und zerstreuten sich dann. Harry seufzte langsam und laut und lehnte sich erleichtert an die Wand. Die Slytherins kehrten alle gemeinsam zu ihrem Schlafsaal zurück und Severus mit ihnen. Harry wusste, dass sie während der Nacht nicht mehr ausgehen würden und wahrscheinlich auch nicht während der folgenden Nächte, da es für sie eine einzigartige Gelegenheit war, die sich sicher nicht wiederholen würde.

Der Schreck, den er verspürte, hatte sich gestillt. Harry gähnte und entschloss, dass er besser wieder ins Bett gehen sollte, wenn er für seine morgendlichen Unterrichtsstunden munter sein wollte.

oOoOoOoOo

„Mr Pettigrew, sind Sie sicher, dass Sie sich wirklich konzentrieren?"

„Ja, Professor!"

„Erklären Sie mir dann, warum ich vom Gegenteil überzeugt bin."

Der Rumtreiber senkte den Blick und war offensichtlich den Tränen nahe. Harry hinderte sich daran zu seufzen und den Kopf zu schütteln. Die Siebtklässler von Gryffindor und Slytherin übten immer weiter den Expelliarmus und die meisten unter ihnen hatten schon genügend große Fortschritte gemacht, dass Harry hoffte, bald den Schildzauber zu lehren, doch Peter war nicht mal ein wenig fortgeschritten. Harry hatte lange nachgedacht, um zu verstehen, warum und er dachte, dass er das Problem eben gefunden hatte.

„Mr Pettigrew, haben Sie Fantasie?"

Die Schüler hoben ungläubig die Augenbrauen und Peter hob überrascht den Kopf.

„Hm... ja, Sir..."

„Viel?"

Peter bewegte sich unwohl.

„Eine gewisse Menge, denke ich..."

„Sehr gut."

Harry ergriff seinen Schüler an die Schulter und drehte ihn um 90 Grad.

„Sehen Sie Ihren Partner, Mr Pettigrew?"

„Hm... ja..."

„Wer ist es?"

„Aber, das ist Remus...", antwortete Peter mit weit geöffneten Augen.

Wie alle anderen starrte der junge Werwolf den jungen Auror an und wartete darauf, seine neue Erfindung zu entdecken.

„Na klar! Das ist das Problem mit Ihnen, Mr Pettigrew", sagte Harry, indem er mit den Schultern zuckte.

„W... wie bitte?", fragte Peter völlig verdutzt.

„Das Problem", erklärte Harry, „ist, dass Sie in Ihrem Geist Mr Lupin als einen Freund bezeichnet haben. Nicht wahr? Also wagen Sie es nicht wirklich, den Zauber zu wirken."

Peter sah ihn starr an und der Lehrer hielt es für eine Zustimmung.

„Ich will, Mr Pettigrew", sagte er langsam und deutlich, „dass Sie sich vorstellen, Sie würden Mr Regulus Black gegenüberstehen."

Alle Jugendlichen sahen ihn verdutzt an, aber Peters bleiches Gesicht bekam wieder Farbe, als er verstand, was er meinte.

„Einverstanden", nickte er.

Harry entfernte sich, um ihn aufzuforden anzufangen und Wurmschwanz schloss einen Augenblick lang die Augen, wobei er den Zauberstab erhob. Remus spannte sich automatisch an, um sich auf seinen Griff auf seiner eigenen Waffe zu konzentrieren. Als Peter mit einem ungewöhnlich ernsten Ausdruck die Augen wieder aufmachte, machte er eine ganz leichte Bewegung mit dem Handgelenk und sprach die Formel mit einer ruhigen und drohenden Stimme, ganz weit von der kleinen schrillen Stimme, die er gewöhnlich nutzte.

Zur großen Überraschung aller flog Remus' Zauberstab aus seiner Hand und zur Hand seines Freundes, während der Jugendliche selber zwei oder drei Meter auf die Matratzen, die den Boden bedeckten, nach hinten zurückgeschoben wurde.

Peter starrte ungläubig nacheinander den zweiten Zauberstab an, den er in der Hand hielt, dann seinen Freund, der vorsichtig wieder aufstand. Harry schlug ihm freundlich auf die Schulter, was ihn aufschrecken ließ, und lächelte ihm fröhlich zu.

„Sehr gut, Mr Pettigrew! Nun werden Sie wissen, was Sie tun sollen, um sich wirklich auf Ihre Angriffszauber zu konzentrieren!"

Das Ende des Unterrichts und der Anfang der Mittagspause läutete in jenem Augenblick in den Gängen und Harry lud sie wie gewöhnlich ein hinauszugehen und erinnerte sie dabei an die Aufgabe über die Vetteln, die er ihnen während des vorigen Unterrichts gegeben hatte. Die Rumtreiber räumten ihre Sachen eilig ein und umgaben Peter, bevor sie alle zusammen hinausgingen. Harry lächelte, als er hörte, wie Sirius mit geschwungener Faust ausrief:

„Das war genial, Peter! Du hast ja wohl Recht, immerhin ist mein Bruder nichts als ein Blödian, was!"

Harry sammelte die Notizblätter ein, die auf seinem Arbeitstisch lagen, und hob den Kopf. Severus stand immer noch da, seinen Schulrucksack in der Hand, und sah unwohl aus. Der junge Auror lächelte, als er dies sah. Er hatte ja gedacht, dass der Slytherin mit ihm darüber würde reden wollen, was in der vorigen Nacht geschehen war, aber er wusste nicht, wie er anfangen sollte und fragte sich wahrscheinlich, ob er nicht einfach das Opfer einer Täuschung gewesen war.

„Ich werde Sie schon nicht fressen, Mr Snape", sagte er mit einem herzlichen Lächeln.

Severus hob den Kopf wieder und öffnete den Mund zögernd. Harry ergriff die Initiative.

„Kommen Sie in meine Quartiere", schlug er vor. „Dort werden wir bequemer sitzen, um darüber zu reden."

Severus starrte ihn an. Harry hatte eben angedeutet gestanden, dass er tatsächlich darin verwickelt worden war, was einige Stunden vorher geschehen war, und er wusste, dass Severus es verstehen würde. Und tatsächlich ging der Slytherin still hinter ihm hinaus und folgte ihm bis zur Tür neben den Quartieren von O'Brien und Thomson.

Letzterer war übrigens seit dem vorigen Tag nicht mehr erschienen, sondern hatte dem Schulleiter eine Eule geschickt, um ihm seine zeitweilige Unfähigkeit dazu mitzuteilen, seine Aufgabe zu erfüllen. Albus hatte völlig verstanden.

Harry machte auf und ließ Severus eintreten, dann schloss er die Tür hinter ihm. Sie setzten sich beide auf die Sessel, die neben dem Kamin standen, und Harry ließ ihn anfangen.

„Sie waren da, nicht wahr?"

Und trotz des Tons verstand Harry, dass es eher eine Feststellung als eine Frage war.

„Ja. Oder zumindest war ich während des größten Teils des Gesprächs da."

Severus runzelte die Augenbrauen.

„Mrs Norris, das waren Sie, oder?"

Harry nickte lächelnd.

„Ich musste ja eintreten, nicht wahr?"

„Aber woher wussten Sie? Und wie konnten Sie...?"

Severus beendete seinen Satz nicht, aber Harry verstand, dass er meinte: „... in einem Raum voller auszubildender Todesser bleiben, ohne bemerkt zu werden?" Er stand auf und ging kurz in sein Zimmer, aus dem er mit dem Umhang zurückkehrte, den er von seinem Vater geerbt hatte. Er reichte ihn dem Slytherin.

„Hier ist die Antwort auf Ihre zweite Frage."

Bewundernd ließ Severus den glatten und schillernden Stoff zwischen seinen Fingern fließen.

„Ein Tarnumhang", murmelte er. „Aber was meine erste Frage betrifft?", fügte er hinzu, hob den Kopf wieder und runzelte die Augenbrauen.

Harry lächelte. Nach zehn Jahren, während deren er mit ihm verkehrt hatte, hatte er Zeit gehabt zu bemerken, dass Severus selten aus der Fassung kam.

„Tut mir Leid", antwortete er fröhlich. „Ich darf Ihnen nichts sagen."

Severus starrte ihn lange an.

„Es gibt viele Dinge, die Sie nicht sagen dürfen, oder?"

Harry prustete los.

„Mein Gott! Sie sagen mir das, während Sie nicht das Hundertstel davon kennen!"

Severus hob eine Augenbraue, dann senkte er den Blick wieder zum Umhang, den er respektvoll auf den niedrigen Tisch zwischen ihnen legte.

„Warum haben Sie uns nicht erwischt? Sie hätten uns bestrafen sollen."

Harry beobachtete ihn lange, ehe er antwortete.

„Wenn ich das getan hätte, dann hätten Sie nicht einfach nachsitzen müssen, Mr Snape. Wegen der aktuellen Ereignisse hätte Lewis Druck auf Albus ausgeübt, damit Sie alle verwiesen werden, selbst Sie. Ich hätte nichts dagegen tun können."

„Warum hätten Sie eingreifen wollen? Wir hatten uns versammelt, um Du-Weißt-Schon-Wem zu dienen!"

Severus sprach laut, saß steif in seinem Sessel und seine Fäuste waren auf den Armstützen geballt. Offenbar hatte er vor allem von ihm einen Tadel erwartet. Harry beugte sich plötzlich mit gerunzelter Stirn zu ihm.

„Ja, Sie dienten Voldemort und Sie hätten sich beinahe auf die dümmste Art und Weise töten lassen, damit es nicht mehr der Fall bleiben sollte! Irre ich mich?"

Seine Stimme war nun so hart, dass Severus einen Augenblick lang verdutzt blieb.

„Sie hatten mir gesagt..."

„Ich habe Ihnen gesagt, das zu verteidigen, was Ihnen am teuersten ist, nicht durch alle Mittel zu versuchen, das zu bekommen, was Sie wollen und keine Minute mehr dann leben, um es zu genießen! Überlegen Sie ein wenig, Mr Snape. Ich weiß, dass Sie ziemlich einsam sind, aber Sie ertragen es doch nicht, andere Leute in der gleichen Lage zu sehen wie Sie, nicht wahr? Nicht Ihre Freiheit suchen Sie, sondern wohl jene aller, die unter den gleichen Zwängen gelebt haben wie Sie. Das stellt einen deutlichen Unterschied dar und nur Ihrer Freiheit hätten Sie gedient, wenn Sie sich während der letzten Nacht dummerweise hätten töten lassen."

Severus sah ihn regungslos mit runden Augen an.

„Woher wussten Sie, dass... dass es die Freiheit war, die ich..."

Harry richtete sich in seinem Sessel mit einem kleinen spöttischen Lächeln auf den Lippen wieder auf. Bevor er den Mund aufmachte, erriet Severus durch den schelmischen Funken in seinen Augen, was er sagen würde.

„Sie dürfen es mir nicht sagen!", rief er spöttisch aus. „Natürlich. Woran dachte ich nur?"

Harry brach in lautes Gelächter aus. Severus wartete darauf, bis er ruhiger wurde und fragte:

„Immerhin habe ich keine Möglichkeit, daran zu arbeiten, so lange ich selber an Händen und Füßen gefesselt bin, oder?"

„Sie sind nicht so sehr um jede Möglichkeit gebracht wie Sie es glauben, Mr Snape", antwortete Harry sanft.

„Ach wirklich?", erwiderte Severus sarkastisch. „Ich muss den Befehlen eines schwarzen Magiers gehorchen, der von der Zerstörung der Muggel und der Schlammblüter besessen ist und ich darf kein einziges Treffen verpassen, sonst bin ich sicher, dass mir alle Todesser, mein Vater und die Hälfte der Slytherins nachlaufen werden! Wo sehen Sie dabei Möglichkeiten?"

„Waren Sie jemals dem Imperiusfluch unterworfen, Mr Snape?"

„Was? Nein."

Severus sah verwirrt aus.

„Der Imperiusfluch ist meiner Meinung nach die allerschlimmste Form der Freiheitsberaubung und wohl aus diesem Grund gehört er zu den Unverzeihlichen. Sehen Sie, wer ihn erleidet, hat während der ganzen Dauer des Fluchs nicht mal mehr die Möglichkeit, von selbst zu denken, es sei denn, er schafft es, ihm zu widerstehen. Können Sie von selbst denken, Mr Snape?"

Severus nickte langsam.

„Also können Sie ja nicht sagen, dass Sie um jede Freiheit gebracht sind, nicht wahr? Übrigens würden Sie nicht hier sitzen und mit mir reden, wenn es der Fall wäre. Sie gehen auf einem Faden, der über einer Schlucht gespannt wurde, das stimmt, aber die gelenkigsten Menschen können unter diesen Umständen zahlreiche akrobatischen Figuren ausführen, wissen Sie? Ihnen fehlt nur ein wenig Erfahrung."

„Und was für 'akrobatische Figuren' könnte ich auf meinem Faden ausführen?", fragte Severus mit einer immer noch zweifelnden Stimme.

„Das ist Voldemort, der Ihnen diese Freiheit beraubt, die Sie lieben, oder?"

Harry bemerkte, dass Severus kaum zitterte, als er den Namen hörte und er war davon begeistert.

„Also sollen Sie versuchen, gegen Voldemort zu handeln."

Der Slytherin sah ihn ungläubig mit weit geöffneten Augen an.

„Das ist wohl ein Scherz? Ich würde sterben, bevor ich ein Wort hätte sprechen können!"

„Kennen Sie die Geschichte von Mr Black nicht, Mr Snape?"

Severus wurde finster.

„Black ist ein Gryffindor, er teilt seinen Schlafsaal nicht mit fünf auszubildenden Todessern und er hat sich bei den Potters versteckt, sobald sich die Lage bei ihm zu Hause verschlechtert hat."

„Mr Snape, binnen einem Jahr werden Sie nicht nur Ihre Schulzeit beendet haben, sondern Sie werden auch dazu fähig sein, sich zu verteidigen und Sie werden erwachsen sein, was heißt, dass Sie keinem Befehl mehr werden gehorchen müssen, nicht mal jenen Ihres Vaters."

„Es bleiben aber immer noch die Todesser! Wenn ich es ablehne, ihnen zu folgen..."

„Dafür, Mr Snape, existieren zwei Lösungen: Entweder Sie verleugnen Voldemort nicht öffentlich und Sie folgen ihm anscheinend, während Sie seinen Gegnern Auskünfte geben. Kurz und gut dienen Sie als Spion in seinen Reihen. Auskunft ist gegen solche Feinde ein sehr wertvolles Gut, das wissen Sie. Doch es könnte höchst gefährlich sein und Ihr Schicksal, wenn Sie entdeckt werden, wird..."

Harry musste schlucken, bevor er diese letzten Worte flüstern konnte:

„...wirklich fürchterlich sein."

Unter dem forschenden Blick des Slytherins blickte er weg.

„Und die zweite Möglichkeit?", fragte Severus nach einem Augenblick schwerer Stille.

„Stellen Sie sich unter dem Schutz von Dumbledore", sagte Harry mit einer wieder ruhig gewordenen Stimme.

„Was?", rief Severus aus. „Das nennen Sie eine Lösung? Sobald er wissen wird, dass ich mit Todessern Kontakte habe, wird er dem Ministerium Bescheid sagen. Das haben Sie selber gesagt, Sie könnten nichts dagegen tun!"

Harry lächelte.

„Sie kennen unseren Schulleiter wohl schlecht, Mr Snape. Albus betrachtet vor allem die Entscheidungen einer Person, nicht ihre vergangenen Taten. Wenn Sie die Wahl treffen, Voldemort zu verleugnen, so wird er Ihnen helfen das zu tun und er wird nicht mal die Zeit betrachten, die Sie vorher verbracht haben, seinen Befehlen zu gehorchen. Egal, was Sie getan haben, so wird er Sie schützen und Sie Ihre Schuld so vergelten lassen wie Sie es wünschen."

Severus runzelte zweifelnd die Augenbrauen.

„Auch wenn Sie Recht hätten, wie könnte er mich Lewis gegenüber verteidigen? Auch wenn er einen großen Einfluss hat, so denke ich dennoch nicht, dass er gegen das Ministerium so handeln kann wie er will..."

„Er würde es nicht brauchen, Mr Snape. Keiner außer ihm würde zu wissen brauchen, was Ihr Vater an Ihrer Stelle bestimmt hatte, vor allem, wenn es dafür keinen Beweis gibt."

Indem er sprach, starrte Harry unbewusst den Unterarm des Slytherins an der Stelle an, wo das Dunkle Mal tätowiert werden sollte. Als Todesseraspirant sollte es Severus erst bekommen, wenn er volljährig werden sollte, denn Voldemort hatte wenig vor, einen Überfluss von Knaben zu haben, die „die Wichtigkeit dessen, was er erfüllen wollte" schlecht verstehen würden und sich verraten könnten, was andere wertvollere Todesser mit ihnen würde fallen lassen.

Die Jugendlichen wussten also nur über die wenigsten wichtigen Aufträgen Bescheid und gewöhnlich nur über jene, die mit ihnen eine Beziehung hatten. Man brachte ihnen bei, Voldemort mit Ehrfurcht zu lieben und mit Ungeduld darauf zu warten, ihm so dienen zu dürfen wie es andere – Brüder, Väter, Freunde – schon taten und das Treffen, das in der vorigen Nacht stattfinden sollte, hatte zweifellos das einzige Ziel, ihnen zu versichern, dass der Dunkle Lord an sie dachte und sie nicht vergaß.

Es konnte auch sein, dass man ihnen einen Auftrag hätte anvertrauen wollen, den sie alleine als Schüler in Hogwarts erfüllen konnten und dieser Gedanke beunruhigte Harry plötzlich. Natürlich hatte Voldemort Anhänger in der Schule selbst und es konnte sein, dass er sie benutzen würde, wenn er die Entscheidung treffen sollte, Hogwarts anzugreifen. Hatte Zabini übrigens nicht hinzugefügt, dass das Treffen wichtig sein sollte?

In seine Gedanken vertieft bemerkte Harry nicht, dass Severus die Hand auf seinen Arm gelegt hatte und den Auror aufmerksam anstarrte und sich offensichtlich fragte, woran er wohl denken konnte. Harry riss sich erst aus seinen Gedanken, um ihn mit gerunzelten Augenbrauen zu fragen:

„Haben Sie keine Idee vom Grund des Treffens, das heute Nacht stattfinden sollte, Mr Snape?"

Severus schüttelte den Kopf, ohne von ihm abzublicken.

„Nein, das sagt man uns nie vorher. Aber es wird sowieso sicher bald ein neues geben", fügte er hinzu, als er ihn finsterer werden sah.

Harry hob erstaunt den Kopf:

„Ich glaubte, dass es für Sie eine einzigartige Gelegenheit war, die Schule zu verlassen?"

„Oh! Ja, so früh im Schuljahr war das einzigartig und vor allem, das vor der Nase der Kerle vom Ministerium zu machen... ich will Sie ja nicht kränken", fügte er gleich darauf hinzu, aber Harry lächelte ihm zu und winkte ihn, weiter zu sprechen. „Aber beim nächsten Ausflug in Hogsmeade zum Beispiel werden sie ein Mittel finden, uns zu versammeln, davon können Sie sicher sein."

„Vor der Nase der Kerle vom Ministerium?", wiederholte Harry amüsiert.

Severus hob eine Augenbraue, da er nicht verstand, was er damit meinte.

„Sie können sich ja vorstellen, dass wir als Schützer von Hogwarts bei solch einem Ereignis da sein sollen wie die Ausflüge nach Hogsmeade", sagte er nachlässig. „Das sollte ihnen die Sache schwieriger machen, oder?"

Severus lächelte.

„Vielleicht", gestand er. „Aber", fügte er hinzu, indem er wieder finster wurde, „sie werden immer einen Weg finden, wie sie uns alle versammeln önnen."

„Ja, das ist wohl wahrscheinlich."

Harry starrte Severus an und wartete darauf, dass er ihm sagte, was das Problem war. Der Slytherin gab mit gerunzelten Augenbrauen nach.

„Sie haben mir zwei Ideen für das gegeben, was nach meinem Volljährigkeitsalter geschehen würde, aber bis dahin? Ich muss noch ein Jahr unter der Verantwortung meines Vaters durchhalten und also unter den Befehlen von Du-Weißt-Schon-Wem!"

„Glauben Sie nicht, dass Sie so tun könnten, als würden Sie gehorchen, Mr Snape?"

„Natürlich könnte ich es versuchen, aber es wird eine Zeit kommen, wenn man verstehen wird, dass ich nicht ehrlich bin. Übrigens würde ich dabei niemandem helfen..."

„Sie würden sich selber helfen, Mr Snape", antwortete Harry, indem er sanft lächelte.

Da er sah, dass sein junger Schüler mit seiner Antwort unzufrieden schien, fügte er hinzu:

„Wenn Sie so sehr daran hängen, so sollten Sie einfach den Rat folgen, den ich Ihnen gegeben habe: Auskünfte geben, den Spion spielen. Und was Ihre Tarnungsfähigkeit betrifft, glaube ich, dass Sie sich unterschätzen."

„Die Todesseraspiranten wissen aber fast nichts! Ich würde Ihnen oft nutzlose Auskünfte geben!", rief Severus aus.

„Nicht so sehr wie Sie es denken, Mr Snape. Hören Sie zu, es kann sein, dass Voldemort Sie um Hilfe bittet, um die Schutzvorrichtungen zu überqueren, wenn er einen Angriff gegen Hogwarts plant. In diesem Fall wäre es für uns viel einfacher zu widerstehen, wenn wir das wüssten, was Sie erfüllen sollen. Übrigens wäre jede Auskunft, auch die winzigste, für uns eine große Hilfe."

Severus sah skeptisch aus, traf aber die Entscheidung ihm zu glauben.

„Und an wen würde ich diese Auskünfte weitergeben? An Sie?"

„Zum Beispiel, aber ich denke, dass es effizienter wäre, wenn Sie sie direkt an Professor Dumbledore weitergeben, glauben Sie es nicht?"

„Und Sie denken, dass er mir glauben wird?"

„Ich habe es Ihnen schon gesagt, Mr Snape, ich bin davon überzeugt."

Severus starrte ihn zögernd an, ohne zu blinzeln.

„Sie sollen Ihre eigene Entscheidung treffen, Mr Snape. Sie haben mir Ihre Probleme dargestellt, ich habe Ihnen Lösungen vorgeschlagen. Nun entscheiden Sie", schloss Harry sanft.

Es gab eine lange Stille, während Severus mit gerunzelten Augenbrauen den Boden anstarrte und Harry, dessen Augen ins Leere blickten, nirgendwo besonders hinschaute. Seine Augen trafen schließlich seine Uhr und er hob erstaunt eine Augenbraue. Er war sich nicht bewusst gewesen, dass die Zeit so schnell verlief.

„Ich denke, dass Sie gehen sollten, Mr Snape, sonst werden Sie mit leerem Magen den Unterricht besuchen müssen."

Severus, der von seinen Gedanken plötzlich ausgerissen wurde, blickte zu ihm.

„Ja, Sie haben Recht", murmelte er, indem er seinen Rucksack am Fuß seines Sessels wieder ergriff und aufstand.

Er stand schon an der Tür, als er sich zum Auror umdrehte, der aufgestanden war. Zum zweiten Mal am Tag sah er besonders zögernd aus. Harry glaubte sogar, dass er verlegen klang, als er wieder anfing zu reden:

„Hm... Professor?"

Harry hob eine Augenbraue, um ihn aufzufordern, weiter zu sprechen und versteckte dabei seine Fröhlichkeit mehr schlecht als recht.

„Ich... tja, heute Nacht... haben Sie mich bei meinem Vornamen genannt, nicht wahr?"

Harry richtete sich wieder auf. War es das, was ihn störte?

„Tatsächlich, Mr Snape und ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Sie gekränkt habe..."

„Nein, nein", unterbrach ihn Severus. „Nicht das meinte ich, das ist nur, hm... tja... wenn es Sie nicht stört, möchte ich sehr, dass Sie weiter so machen... natürlich nur, wenn wir beide zusammen sind."

Harry sah ungläubig, wie er seine Füße hartnäckig anstarrte. Er wusste längst, dass Severus bei Weitem nicht sehr an öffentlichen Beziehungen hing und immerhin kannten sie sich erst seit ein bisschen mehr als einem Monat. Er vertraute ihm also genug, dass er ihn darum bat, seinen Vornamen zu benutzen?

Mit dem anderen Severus hatte er Jahre gebraucht, bis er diesen Schritt erreichte. Er erinnerte sich übrigens an seine Reaktion, als Severus, da Harry Albus und dem Orden des Phönix die neuesten Auskünfte gebracht hatte und in Hogwarts zum Frühstück geblieben war, weil er die ganze Nacht lang keine Pause gemacht hatte, plötzlich mitten in einer Erwiderung gesagt hatte:

„Nenne mich Severus."

Der Satz war mit einem so platten und nichtssagenden Ton und in einem so unerwarteten Moment gesprochen worden, dass Harry mehrere Sekunden gebraucht hatte zu verstehen, was er bedeutete. Eben diese Bedeutung so wie die Tatsache, dass ihn Severus zum ersten Mal seit fast neun Jahren, seit denen sie sich kannten, gleichzeitig geduzt und bei seinem Vornamen genannt hatte, was ihm erlaubte, das Gleiche zu tun, hatten ihn sich an seinem Kaffee verschlucken lassen. Die einzige Reaktion, die der Zaubertränkemeister von Hogwarts auf seinen plötzlichen Hustenanfall gehabt hatte, war ein Stirnrunzeln und ein Schulterzucken.

„Man sieht wohl, dass du immer noch ein Gryffindor bist. Hast immer noch eine so lange Leitung."

Was eine neue lange Reihe bissiger Bemerkungen unter dem übersättigten Blick der Lehrer und dem überraschten Blick der Schüler verursacht hatte.

Harry riss sich mit Bedauern und Pein von der Vergangenheit los und kehrte zu seinem siebzehnjährigen Severus zurück, der immer noch ängstlich auf seine Antwort wartete. Diese Sicht ließ ihn lächeln und er antwortete schelmisch:

„Sehr gut, aber nur, wenn Sie mich Harry nennen und mich duzen."

Höchst überrascht hob Severus sofort den Kopf.

„Aber... Sie sind ein Lehrer und..."

„Und ich bin nur vier Jahre älter als Sie", erwiderte Harry. „Nun hoffe ich, dass wir Freunde sein dürfen, wenn Sie Hogwarts verlassen haben."

Severus betrachtete ihn einen Augenblick lang still. Indem er mit einem jungen Schüler, den er selber erst seit kaum einem Monat kannte, über Freundschaft sprach, hatte Harry ungesagt angedeutet, dass er sein Vertrauen annahm und ihm seinerseits völlig vertraute. Der Slytherin lächelte ihm schüchtern zu.

„Einverstanden."

Harrys Lächeln wurde strahlend.

„Perfekt! In diesem Fall sollst du dich beeilen, Severus, sonst wirst du wirklich bis zum Abendessen warten müssen!"

Der Slytherin nickte und war offensichtlich erstaunt zu sehen, wie einfach er seinen Vornamen benutzte.

„Auf Wiedersehen,... Harry."

Severus ging hinaus und Harry sah ihn mit nachdenklichem Ausdruck schnell zur Großen Halle gehen. Eigentlich war Harry begeistert, dass ihn der Jugendliche darum gebeten hatte, denn er hätte noch einen Irrtum begehen können, wenn sich eine so gefährliche Lage wiederholt hätte oder wenn er zerstreut gewesen wäre.

Nun würde er zumindest zu seinen Gewohnheiten zurückkehren können und sich nicht mehr stets ermahnen müssen, zumindest, wenn sie nur beide zusammen sein würden. Er dachte übrigens daran, als er die Tür wieder zu machte, dass er daran denken sollte, dieses Problem auch mit Sirius und Remus zu lösen... und dann Minerva; und Poppy; und dann...

oOoOoOoOo

„Herzlichen Glückwunsch."

Harry hob den Kopf von seiner Zeitung, die er mit einem trüben und sehr gelangweilten Blick durchlas, während er seine Tasse Kaffee in seiner Hand kälter werden ließ – die Wachnächte wirkten fast immer so auf ihn –, blickte zum Schulleiter, der hinter ihm angekommen war und bemühte sich darum, ein bisschen mehr zu erwachen, um zu verstehen, wovon er sprach.

„Ich bitte Sie um Verzeihung?"

„Mr Snape ist gestern Abend zu mir gekommen", erklärte Albus, dessen Augen wie gewöhnlich vor Freude glänzte. „Er hat mir gesagt, dass Sie es waren, der ihm geraten hat, zu mir zu kommen..."

„Oh...", ließ Harry vernehmen, indem sich sein noch nebelhafter Geist darum bemühte, sich den letzten Schweifen des Schlafs zu entziehen, um alle Folgen dieser Auskunft zu verstehen, die ihm der Schulleiter gerade gegeben hatte.

Seit drei Tagen hatten Harry und Severus nicht mehr privat zusammen gesprochen und da der Slytherin ein sehr guter Schüler war, brauchte er ihm nicht einen Rat oder einen Tadel während des Unterrichts zu geben. Also hatte er bisher keine Gelegenheit gehabt, die Wirkung seiner Worte auf ihn zu schätzen und – sein Gehirn reagierte endlich auf diese letzte Beobachtung – es erwies sich, dass er ihn überzeugt hatte.

Er blickte wieder zum Schulleiter, der immer noch eine strukturiertere Antwort erwartete und offensichtlich von seinem morgendlichen Mangel an Kampfgeist amüsiert war. Harry lächelte:

„Ich bin erfreut, dass er es angenommen hat, Ihnen zu vertrauen."

„Und ich bin erfreut, dass Sie ihn davon überzeugt haben, mir zu vertrauen."

Harry bewegte die Hand als Zeichen, dass es wirklich nichts war, versorgte sich wieder mit Kaffe bei der Kanne, die ihm am nächsten stand, und schluckte eine Tasse Kaffee nach der anderen herunter. Albus prustete los und ließ ihn seine lebenswichtige Quantität morgendlichen Koffeins einnehmen, während er sich an seinen Sitz am Frühstückstisch etwas weiter setzte. Als die Kaffeekanne wieder zum fünften Mal auf den Tisch gestellt wurde, erlaubte sich Harry einen etwas erwachteren Blick durch die Große Halle und starrte einen Schüler am Slytherin-Tisch an.

Severus hob sofort wieder den Kopf und lächelte mit dem Mundwinkel, worauf Harry ihm genauso diskret zulächelte, bevor er Minerva um Hilfe rief, damit sie ihm eine andere Kaffeekanne reichte, da die vorige leer war...