Hallo an alle! Hier bin ich wieder mit dem letzten Kapitel von der französischen FF von Dragonwing4 Changer le passé. Viel Spaß beim Lesen und einen herzlichen Dank an Verliebtindich, meine Betaleserin.
Disclaimer: Alle bekannten Charaktere und Orte gehören zu Mrs. Rowling und die Geschichte und die anderen Charaktere gehören zu Dragonwing4. Ich habe nur übersetzt.
Spoiler: Die ersten fünf Bände.
Anmerkung des Übersetzers: Wie ich es euch schon gesagt habe, diese Geschichte ist von Dragonwing4 leider nie beendet worden. Dennoch hatte sie Kapitel 18 angefangen und darunter eine Zusammenfassung des Endes, so wie sie es sah, geschrieben. Wie in der originalen Geschichte habe ich eine deutliche Unterscheidung zwischen dem Ende des Kapitels und der Zusammenfassung gemacht, damit ihr sie nicht lesen müsst, wenn ihr euch das Ende selber vorstellen möchtet.
Eine zweite Chance
Die Vergangenheit verändern
Harry verbiss sich ein Gähnen, während er die Tür seiner Quartiere schloss, und fuhr mit einer noch schläfrigen Hand über seine Augenlider.
Es war sieben Uhr morgens und sein ganzer Organismus verlangte mit zahlreichen Tränen nach seiner täglichen Koffeindosis. Manchmal, wenn der Tag schon wohl vorgerückt war und wenn seine Neuronen wieder gerne mitarbeiteten, fragte er sich geistesabwesend, ob sich solch eine Angewohnheit eines Tages als nachteilig erweisen könnte. Aber nicht vor seiner ersten Tasse Kaffee. Keinesfalls.
Er ging an den Türen von Thomsons und O'Briens Zimmern vorbei, ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, und schleppte sich im Automatenmodus zur Großen Halle, indem er seine Haare geistesabwesend in seinem Rücken zusammenband. Die wenigen Schüler, die er traf, warfen ihm nur ein höfliches und etwas amüsiertes Lächeln zu, da sie nun die morgendlichen Gewohnheiten des dritten ihrer Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste kannten. Aber natürlich würde es ja immer noch manche geben, die einen an Kaffee mangelnden armen Kerl verspotteten, was?
„Guten Mooooorgen, Professor Daviiies!"
Harry warf einen Blick über das Geländer der Treppe, die er herunterging, und warf Sirius einen düsteren Blick zu, dem es beträchtlich an Intensität mangelte. Der Frechling grüßte ihn mit weiten Handbewegungen aus dem unteren Stock und hatte ein breites freches Lächeln auf den Lippen. Hinter ihm starrte auch James den Auror mit einem seiner Meinung nach etwas zu spöttischen Blick an.
Seit er die außerordentliche Leistung vollbracht hatte, Harry während der GROSSEN SCHNEESCHLACHT – die Buchstaben muss man dafür einfach groß schreiben – des Schuljahreswiederbeginns eine Woche vorher einen Volltreffer zu verpassen, erwies sich James als schnöd frech. Zwei andere Schüler allein hatten es geschafft, ihn auszugleichen: Ein Ravenclaw, der sich als außerordentlich intuitiv erwiesen hatte, und ein Slytherin, dessen List sein Haus ehrte. Die anderen Wurfobjekte, und Merlin wusste, wie viele es davon gegeben hatte, hatten ihn für die wirksameren nur leicht berührt oder waren gegen einen Baum oder einen Busch geprallt für jene, die seine Ausweichfähigkeit nicht vorgesehen hatten.
Er konnte verstehen, dass der junge Mann auf sich selbst stolz war – ehrlich gesagt war auch er auf ihn stolz – aber tja... Ehrlich!
„Guten Morgen", murrte er als Antwort mit deutlicher Unehrlichkeit.
James' Lächeln wurde breiter und Harry runzelte schwach die Augenbrauen zu ihm, bevor er mit einem fast schmollenden Gesicht eine Hand bewegte, die gebieterisch erscheinen wollte. Remus gehorchte und schritt nach vorne, um seine beiden Freunde an der Schulter zu ergreifen und sie zur Großen Halle zu führen, nicht ohne ihrem Lehrer ein Lächeln zuzuwerfen, der höflich erscheinen wollte, aber seine eigene Lust zu lachen nur schwierig verheimlichte. Harry warf einen mürrischen Blick zum letzten Mitglied der teuflischen Gruppe, der vergeblich versuchte, sich sein Lachen zu verbeißen. Peter bemerkte seinen Blick, stieß spielerisch einen leisen Ausruf – der mehr heiter klang als entsetzt – aus und drehte sich eilig um, um seine sich entfernenden Freunde einzuholen.
Mit einem herzzerreißenden Seufzer ging Harry mechanisch weiter herunter.
Einige Minuten später erreichte er die Große Halle und ging mit einem würdigen Ausdruck zu seinem Stuhl, indem er dabei Minerva wie jeden Morgen seit einer Woche ganz schön von oben herab behandelte. Und wie jeden Morgen seit einer Woche blickte die Verwandlungslehrerin mehr amüsiert als empört zu ihm und schenkte wieder ihrem Teller voller Pancakes ihre Aufmerksamkeit. Harry dachte aber nicht lange daran, darüber gekränkt zu sein, denn er war schon über die Kaffeekanne hergefallen und schluckte enthusiastisch die wertvolle Flüssigkeit. Wie jeden Morgen seit einer Woche.
Als sie Albus zehn Minuten später mit seiner Anwesenheit beim Frühstück beehrte, hatte Harrys Gehirn seine nötige Dosis bekommen und arbeitete schon viel enthusiastischer mit, also beantwortete er mit guter Laune den fröhlichen Gruß des Schulleiters von Hogwarts.
Kurz danach kam schließlich die Post und eine Eulenflut, die durch die oberen Fenster der Großen Halle hereinflog, überschwemmte die Schüler. Harry empfing den Vogel, der ihm den Tagespropheten reichte, und dankte ihm mit gerne angenommenen Stücken Speck. Während er den Greifvogel aber nachlässig fütterte, füllte ein erstauntes Gemurmel kurz den Raum.
Überrascht hob Harry den Kopf und warf den Schülern einen neugierigen Blick zu, bevor er einen schiefen Blick zu Albus warf. Er hätte geschworen, dass der alte Mann kurz zu ihm geschaut hatte, aber nun zeigte er ihm gegenüber kein Zeichen von Interesse mehr, während er seine eigene Ausgabe des Tagespropheten faltete. Harry ließ die Eule ein letztes Stück Speck von seinem Teller nehmen, bevor sie abflog, und öffnete schließlich die Zeitung, die er eben bekommen hatte.
Auf der ersten Seite war kein besonders wichtiger Titel sichtbar bis auf eine x-te Auseinandersetzung zwischen den magischen britischen und türkischen Regierungen über mehr oder weniger legal nach Großbritannien eingeführte fliegende Teppiche. Harry fand schließlich das, wonach er suchte, auf Seite 4, unter einer Fülle von Infos erstickt, die vom nächsten Kesselkongress bis zur Vermarktung einer neuen Sorte alkoholfreien Butterbiers gingen. Der Schock war unerwartet und Harry musste sich daran hindern, irgendwas auf seinem Gesicht erscheinen zu lassen.
Er fing an den Artikel zu lesen und versuchte dabei, auf seinem Gesicht einen höflich interessierten Ausdruck zu behalten.
Ein Labor für magische Forschung geplündert!
In dem Labor von Anne Potter, Forscherin für magische Fortschritte, wurde vor kurzem von mehreren unbekannten Zauberern eingebrochen! Das hat vor kurzer Zeit Auror Jonathan Whitney enthüllt, der für die Untersuchung verantwortlich ist und danach jede weitere Bekanntmachung ablehnte. Nichts scheint gestohlen worden zu sein, und Mrs Potter hat dem Zaubereiministerium bestätigt, dass keines ihrer aktuellen Projekte fehlte und dass ihre Notizen nicht gestört worden zu sein schienen. Die höchst fortgeschrittenen magischen Vorrichtungen, die das Labor schützten, sind jedoch sehr wirkungsvoll überschritten worden und man kann vermuten, dass eine Gruppe skrupelloser Zauberer es hätte versuchen können, ein oder mehrere Projekte zu stehlen, um sie auf dem Schwarzmarkt meistbietend weiter zu verkaufen, jedoch unterbrochen worden wäre, bevor sie ihren Plan ausführen konnte.
So lange die Untersuchungen laufen, wird Mrs Potters Labor einem verstärkten Schutz des Zaubereiministeriums unterliegen, um jeden weiteren Diebstahlversuch zu vermeiden.
Harry faltete den Tagespropheten ruhig wieder zusammen und legte ihn neben seinen Teller.
'Diebe... Eine wenig glaubwürdige Geschichte, kein genaues Datum angegeben', fasste er kurz zusammen. 'Das Ministerium steckt dahinter, wenn ich mich nicht sehr irre.'
In normaler Zeit wäre solch eine Geschichte verbreitet worden, sobald die Medien davon gehört hätten. Die Tatsache, dass im Artikel kein Datum angegeben wurde, hieß wahrscheinlich, dass jemand versuchte, die Verspätung zu decken, mit der die Sache der Presse enthüllt worden war.
Harry warf dem Tisch der Gryffindors einen anscheinend gleichgültigen Blick zu und bemerkte den finsteren Ausdruck von James, der aktiv damit beschäftigt war, seiner Zeitung vernichtende Blicke zuzuwerfen. Zahlreiche Schüler im Raum sahen ihn neugierig an, bevor sie sich schnell abwandten, als sie Sirius' düsteren Blick bemerkten, den er als Antwort zu ihnen zurückwarf. Währenddessen versuchte Peter offenbar James dazu zu überreden, dass es ihm nicht viel Produktives bringen würde, die Zeitung zu verbrennen.
Ganz offensichtlich hatte es Anne nicht für nötig gehalten, ihren Sohn vom Zwischenfall zu benachrichtigen, was wahrscheinlich hieß, dass sie überhaupt nicht vorgehabt hatte, die Info bekannt zu machen, und dass es gegen ihren Willen bekannt worden war. Harry zweifelte nicht daran, dass James eben vom Tisch aufstand, um zur Eulerei zu gehen und Erklärungen zu verlangen.
Albus stand auch vom Lehrertisch auf, um wieder zu seinem Büro zu gehen, und Harry bemühte sich darum, nicht besonders offensichtlich auf ihn zu achten. Einige Sekunden später nahm er seine Zeitung mit und ging mit einem nachlässigen Schritt aus der Großen Halle.
Es schien, dass Anne die Entscheidung zu handeln gerade rechtzeitig getroffen hatte.
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James warf den Brief mit einer offenbaren Bewegung schlechter Laune auf den Tisch. Die Eule der Schule reagierte mit einigen entsetzten Flügelschlägen und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, bevor sie wieder den wenigen Eulenkeksen, die der junge Mann für sie gelassen hatte, ihre Aufmerksamkeit schenkte. James ignorierte den Vogel ganz und gar und warf sich nach hinten, um sich mit einem finsteren Gesicht in den Sessel zu setzen.
'„Ich wollte nicht, dass du dir darum Sorgen machst", wer's glaubt, wird selig!'
In das Labor seiner Mutter wurde eingebrochen und er wusste als letzter Bescheid! Wenn Jonathan, der Freund seines Vaters, der versucht hatte, ganz diskret zu untersuchen, einem Journalisten dieses Teilchen Info nicht unabsichtlich gesagt hätte, so hätte er es wahrscheinlich nie erfahren. Und jetzt ging Jonathan das Risiko ein, von den Auroren abgesetzt zu werden, weil er die Sache ohne die Erlaubnis seiner Vorgesetzten untersucht hatte, und James war wütend.
Die genauen Tätigkeiten seiner Mutter waren ihm immer als nebelhaft erschienen, da sie über ihre Forschungen immer diskret blieb, aber in letzter Zeit hatte er umso mehr den Eindruck, dass ihm seine Eltern etwas verheimlichten. Zuerst der Tod von Tom, Annes Assistenten, den er ein oder zwei Male getroffen hatte, dann die plötzliche Notwendigkeit, einen Auror zu Hause zu haben, um sie während der Ferien zu schützen, und jetzt ein Diebstahl! James hatte immer mehr den Verdacht, dass gerade etwas ganz Großes geschah und dass all das vielleicht nicht so harmlos war wie er es zuerst gedacht hatte.
Da er sich immer beunruhigter fühlte, murrte James frustriert und stand mit einem Sprung auf. Die Eule warf ihm einen desinteressierten Blick zu und schenkte ihrem letzten Keks wieder ihre Aufmerksamkeit. Im Kamin des um diese vorgerückte nächtliche Stunde völlig leeren Gemeinschaftsraums fiel ein Holzscheit, was Funken spritzen ließ. James ergriff heftig seinen Mantel und ging mit eiligen Schritten zur Tür, indem er den Brief ergriff, den er in seiner Tasche steckte. Das Gemälde der Fetten Dame schloss sich hinter ihm.
Die Eule aß die letzten Stückchen ihres Essens, versicherte sich, dass sie nichts Essbares übrig gelassen hatte, drehte sich dann linkisch zum Fenster um, flog mit einem leisen Flügelsäuseln vom Tisch ab und durch das offene Fenster heraus, um lautlos in die frische Nachtluft zu gleiten.
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Lily beugte sich vor, um den Schnee mit ihren Handschuhen zu beseitigen, und betrachtete die magere Silhouette von einigen Grasbüscheln, die tapfer versuchten, unter dem relativen Schutz einer entblätterten Birke dem Winter zu überleben.
'Immer noch keine Schneeglöckchen', bemerkte sie etwas verdrießlich.
Was hatte sie denn erwartet? Der Winter hatte kaum angefangen und das war nicht Anfang Januar, dass man den Frühling würde ankommen sehen. Aber Lily hatte den Winter nie wirklich gemocht und sie sehnte sich danach, wieder hinauszugehen, ohne sich in lästigen Kleidungsschichten hüllen zu müssen. Selbst Hogwarts' Gänge zwischen ihren Steinwänden benötigten zumindest eine Cape, wenn man das Risiko eingehen wollte, sie zu betreten.
Lily richtete sich mit einem Schmollmund wieder auf und hüllte sich fester in den Muggelmantel, den sie über ihrem Wollpulli und ihren beiden T-Shirts angezogen hatte.
Natürlich hätte sie auch nachts nicht hinausgehen können, was ihr vermieden hätte, bei -3 Grad draußen im Schnee und im wenig gastfreundlichen Wind zu gehen. Aber Lily fühlte sich an jenem Abend aufgeregt, ohne zu wissen, warum, und sie hatte keine andere Lösung gefunden als ein wenig spazieren zu gehen. Der Park um sie herum war unbeweglich und still, im weißlichen Licht gebadet, das der bucklige Mond auf die verschneite Landschaft ausstrahlte. Wortlos genoss Lily die ruhige Stimmung, die die Nacht diesem Ort gab.
Seit einigen Tagen sah Potter finster aus, dachte sie geistesabwesend. Wie viele Leute hatte sie den Artikel gelesen, der über den Einbruch in Mrs Potters Labor berichtete. Sie hatte sich wegen dieser Nachrichten ein wenig Sorgen gemacht und sie hätte James gerne um Neuigkeiten von seiner Mutter gebeten, sei es nur aus einer rein natürlichen Höflichkeit, aber der junge Mann hatte von dieser ganzen Sache so sehr verdrossen geschienen, dass sie schließlich nie den Mut dazu gefunden hatte.
Da sie sich plötzlich dessen bewusst wurde, wo sie ihre Gedanken hinführten, sperrte Lily die Augen weit auf und schüttelte verärgert heftig den Kopf. Sie war da, um die Ruhe und die Schönheit der Nacht zu genießen, und siehe da, sie konnte sich nicht davon abhalten, an diesen Blödian zu denken! Alles klar, James sah verdrießlich aus, na und? Auch wenn er sich dieses Jahr schließlich als erträglicher erwiesen hatte als in den vorigen Jahren, war es kein Grund, um ihn wie eine verliebte Schülerin in ihre Gedanken eindringen zu lassen! Sie würde ihm diesen Gefallen nicht tun, das würde heißen, dass sie ihre Niederlage annehmen würde, und...
Lily hielt wieder mitten in ihren Gedanken inne und legte ihr Gesicht in die Hände als Zeichen stiller Verzweiflung, indem sie spürte, wie ein schwaches Erröten auf ihren von der beißenden Kälte schon gefärbten Wangen erschien. War die Tatsache, dass sie im gleichen Satz an James und an das Adjektiv 'verliebt' dachte, nicht schon ein Beweis ihrer Niederlage?
Ganz glücklicherweise für sie und für ihren Frauenstolz riss sie ein leises Geräusch aus ihren Gedanken und ließ sie den Kopf heben. Neugierig sah sich Lily um und bemerkte eine dunkle Silhouette, die sich in der Richtung des Schlosses auf dem Schnee unterschied. Wer sie auch war, diese Person ging gerade auf den Verbotenen Wald zu, in dessen Nähe sich Lily eben befand. Die junge Gryffindor schritt diskret beiseite und versteckte sich hinter dem Stamm der Birke, deren unteren Teil sie kurz vorher betrachtet hatte.
Leicht beiseite gebeugt beobachtete sie aufmerksam den Gang der Silhouette und war dazu bereit, ihre Rolle als Vertrauensschülerin wieder zu übernehmen. Gut, ja, stimmt, sie war selbst außerhalb der Ausgangssperre draußen, nun was? Ein Vertrauensschüler darf ja um zwei Uhr morgens eine Inspizierungsrunde machen, oder?... Genau, das war's, eine Inspizierungsrunde. Genau...
Die Überraschung ließ sie ihre Selbstüberzeugungssitzung unterbrechen, als sie ihren unvorsichtigen Mitschüler erkennen konnte. Hm, einverstanden, das war nicht wirklich eine Überraschung, um zwei Uhr morgens Potter direkt auf den Verbotenen Wald zugehen zu sehen. Okay, sie hatte es ja sogar erwartet, aber man würde ihr nicht vorwerfen können, nicht versucht zu haben, objektiv zu bleiben...
Wie auch immer sah Potter wohl dazu entschlossen aus, sie nicht zu bemerken, und ging mit heftigen Schritten zum Rand des Waldes einige Meter von ihr entfernt. Lily tat ihr Bestes, um diskret zu bleiben, und wusste nicht genau, wie sie handeln sollte. Sollte sie ihn aufhalten und ihm befehlen, zurück zum Schlafsaal zu gehen, auch wenn es ganz sicher zu einem Streit führen würde und auch wenn sie sich nicht dazu gelaunt fühlte, James' Spiele mitzuspielen? Oder sollte sie ihn weitergehen und ein wenig von dieser Frustration äußern lassen, die sie während der letzten Tage in ihm gespürt hatte?
Kaum hatte sie diesen Gedanken ausgedrückt, schon tadelte sie sich im Geist. Egal, ob Potter launisch war! Der Verbotene Wald blieb gefährlich und kein Schüler durfte ihn ohne die Erlaubnis eines Lehrers betreten!
Vergessen wir hier die Tatsache, dass sie selbst zwei Jahre zuvor mit Anna eingetreten war und dass sie mit dem größten Schreck ihres Lebens daraus geflohen waren...
James nutzte diesen Moment, um den Waldrand zu erreichen, doch als Lily sich anschickte, sich für einen Eingriff zu entscheiden, hielt er plötzlich nach nur wenigen Metern inne und sah sich schnell um. Da sie sich plötzlich davor fürchtete, entdeckt worden zu sein – sie hing ja an ihrem Überraschungseffekt, das war immer gut, so zu wirken (und vor allem lustig, die Reaktion der anderen zu beobachten) –, versteckte sich Lily aus Reflex hinter dem Baum, der sie schützte. Potter sah mit seiner kurzen Überprüfung zufrieden aus, denn er wurde wieder unbeweglich und schien, sich zu konzentrieren.
Lily hatte keine Zeit, ein weiteres Mal über einen möglichen Eingriff nachzudenken, denn eine Sekunde später traf ihr Kiefer die Entscheidung sich abzusondern und fing an nutzlos herunterzuhängen. Verblüfft konnte sie sich bloß fragen, wie Potter in der Zeit, während der sie geblinzelt hatte, plötzlich von einem jungen Hirsch ersetzt worden sein konnte.
Das stolze Tier schnaubte kurz, als wäre es froh, die frische Nachtluft wieder zu finden.
„P... Potter?", konnte Lily sich nicht hindern, verdutzt zu flüstern.
Der Hirsch drehte sich plötzlich um, stolperte fast auf seinen langen reizvollen Beinen und richtete seine großen von der Überraschung weit aufgesperrten braunen Augen auf sie. Einen Augenblick lang starrten sie sich beide an und waren zu erstaunt, dass sie hätten reagieren können. Dann schien das Bild des Hirsches zu verschwimmen, und einen Augenblick später stand James wieder vor ihr.
„Evans?", rief er aus, indem er anfing, nach hinten zu gehen. „Was machst du..."
Sein Fuß rutschte auf einer eisigen Pfütze aus, während er nach hinten schritt, und bald saß er auf dem Hintern und mit schief sitzender Brille.
„... denn da?...", endete er mit einem verärgerten Murren.
Lily konnte sich ihr Losprusten vor dem Anblick nicht verbeißen, brauchte jedoch nicht lange, um sich wieder zu fassen, und runzelte die Augenbrauen.
„Potter, du bist ein Animagus?", rief sie ungläubig und wütend aus, indem sie sich zu ihm stürzte.
James schluckte mit Schwierigkeit, bevor sie sich zu ihm warf und ihn am Kragen seines Umhangs ergriff.
„Und natürlich ein nicht gemeldeter Animagus, was!? Denn es würde sicher nicht in den Sinn vom Herrn Potter kommen, nur ein einziges Mal in seinem Leben eine Regel zu respektieren, was? Aber diesmal ist es nicht nur eine Regelung der Schule, du Kretin! Das ist ein Gesetz des Ministeriums. Du gehst das Risiko eines Prozesses ein, Potter! Verstehst du, was das heißt!? Ich kann es nicht fassen, dass du so..."
„Ähm... Evans?", fiel er ihr schließlich ins Wort.
Sie schwieg und warf ihm einen wütenden Blick zu, der hieß, er solle besser eine gute Erklärung haben. James warf ihr nur einen matten Blick zu, bevor er die Augen zu seinen eigenen Beinen senkte. Lily folgte seinem Blick und nach einigen verlegenen Augenblicken wurde sie sich schließlich dessen bewusst, dass sie zwischen James' Beinen in einer zweifelhaften Stellung kniete. Sie wurde sofort scharlachrot und ließ seinen Kragen los, um eilig wieder aufzustehen.
James sah sie mit einem kleinen spöttischen Blick handeln und stand selber wieder auf, obwohl etwas langsamer. Er nahm sich Zeit, um seine Brille wieder richtig auf seine Nase zu setzen, wandte sich nachlässig ab und zeigte dabei deutlich seinen Entschluss, Lily völlig zu ignorieren und sich erneut zum Kern des Waldes zu richten.
Diese Beleidigung ließ Lily einige Augenblicke lang vor Unglauben still stehen bleiben. Sie fasste sich aber schließlich wieder und stürzte dem jungen Mann mit großen Schritten nach.
„Potter!", schrie sie zwischen ihren zusammengepressten Zähnen und war jetzt völlig entschlossen, ihn zum Gemeinschaftsraum zurückzubringen, auch wenn sie ihn dafür am Hals ergreifen und hinter sich ziehen musste.
Zu ihrem großen Erstaunen drehte sich James bei ihrem ersten Ruf um. Sie hätte wahrscheinlich davon profitieren sollen, um ihn einzuholen, ihren Zauberstab zu zücken und ihm damit zu drohen oder etwas Ähnliches zu tun. Doch der Blick, den ihr James zuwarf, ließ sie wie angewurzelt dastehen.
Das war weder Ärger noch Wut, was in diesen Augen stand. Das war nicht mal die spöttische Herausforderung, die er ihr wahrscheinlich gezeigt hätte, wenn sie versucht hätte, ihm zu drohen. Das war Zorn. Aber instinktiv wusste Lily, dass dieser Zorn nicht auf sie gerichtet war. James war müde, James hatte es satt und James wollte nur allein draußen in der Kälte, mitten in der Nacht sein.
„Lass mich endlich ein wenig in Ruhe, Evans!"
Und da er sich noch einmal umdrehte, wurde sich Lily dessen bewusst, dass sie sich irgendwie verletzt fühlte. Verletzt, dass sie heute Abend nur „Evans" war und nicht „Lily", verletzt, dass sie nur ein Hindernis auf seiner Suche nach Ruhe war. Nun, da Potter seine Einsamkeit so sehr wollte, dann konnte sie sie ihm ja gönnen, auch wenn er dann später weinend zurückkehren sollte, nachdem er einem der mehr oder weniger freundlichen Tierchen begegnet sein würde, die den Wald bewohnten, oder? Das versuchte sie sich zu sagen, um seinen kalten und gleichgültigen Ton, die nachlässige Art und Weise zu vergessen, wie er sie von sich zurückgewiesen hatte.
Sie wandte schließlich dem sich entfernenden jungen Mann den Rücken zu, zuckte mit den Schultern mit einem Ausdruck, der sich für verachtend halten wollte, und ging einige Schritte in Richtung des Schlosses, das man über den Bäumen erblickte. Und doch konnte sie sich nicht daran halten, diesen schmollenden, fast kindischen Ärger beim Gedanken zu verspüren, dass Potter an jenem Abend ihre Anwesenheit nicht wollte.
'Pah, Wohl bekomm's, diesem Vollidiot, wenn er sich von einer Schimäre versehren lässt..."
Gegen ihren Willen warf sie erneut einen letzten Blick über ihre Schulter und stoppte unentschlossen. Was, wenn er schließlich wirklich versehrt wurde? Oder sogar getötet? Immerhin war es der Verbotene Wald! Gut, einverstanden, Potter war ein Animagus, na und? Er blieb ja Potter! Und das allein war sagte genug...
Bevor sie sich dessen bewusst wurde, was sie tat, hatte sie James schon eingeholt und stoppte keuchend neben ihm. Er hatte sich zu ihr umgedreht, als er sie hatte näher kommen hören, und hatte ihr einen erstaunten Blick zugeworfen, von einem Augenbrauenrunzeln bald ersetzt. Lily gab ihm keine Zeit, den Mund aufzumachen, und ergriff sofort das Wort:
„Das kommt überhaupt nicht in Frage, dass ich dich allein rein lasse, Potter", behauptete mit einem endgültigen Ton, indem sie mit einer Bewegung ihres Arms auf den Wald zeigte. „Es steht dir frei, selbstmörderisch gelaunt zu sein, aber ich bin eine Vertrauensschülerin. Ich habe Verantwortungen, ich darf nicht jeden Gryffindor-Schüler sich in Gefahr begeben lassen, ohne irgendwas zu tun!"
Na! Nimm das, Potter! Als würde sie gestehen, dass sie besorgt war und keine Lust darauf hatte, ihn irgendein Stück seiner wertvollen Anatomie zerreißen zu lassen. Als würde sie nur so etwas denken! Du träumst wohl, Potter!
James starrte sie einige Augenblicke lang an, dann zuckte er nur mit den Schultern und wandte sich wortlos ab. Als er wieder anfing zu gehen, folgte ihm Lily dicht und verspürte ein kurzes triumphierendes Gefühl beim Gedanken, dass er sie nicht von sich zurückgewiesen hatte und also nicht ganz gegen ihre Anwesenheit bei ihm war. Und egal, dass er nicht ausdrücklich angenommen hatte, dass sie ihn begleitete. Immerhin ließ sie ihm keine Wahl.
Und alles, außer denken, dass sie bei der Gewissheit, dass sie Potter sich irgendein Stück seiner wertvollen Anatomie hatte zerreißen lassen, nicht dazu fähig gewesen wäre zu schlafen.
Alles, außer denken, dass sie sich um ihn Sorgen machte.
oOoOoOoOo
Nach dem, was einer Ewigkeit stillen Gehens wohl ähnelte, war Lily nicht mehr ganz so sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Potter ging immer weiter geradeaus, ohne sie je anzuschauen oder ein Zeichen davon geben, dass er sie ansprechen würde, sei es, um sich ganz und gar zu ärgern und um ihr zu befehlen, zurück zur Schule zu gehen, oder um ihr zu danken, dass sie mit ihm gekommen war. Nicht, dass sie von ihm solch ein Höflichkeitszeichen erwartet hätte – Potter, der gestehen würde, dass er ihr dankbar war, dass sie da war, hätte ja gerade noch gefehlt – aber trotzdem... Wäre es zu viel verlangt, dass er den Anstand gehabt hätte, sich nur an ihre Anwesenheit zu erinnern?
Jedoch folgte ihm Lily hartnäckig und musste manchmal laufen, um neben ihm zu bleiben und um sich von seinen langen Schritten nicht abhängen zu lassen. Sie wusste nicht, ob er auch nur eine winzige Ahnung vom Ort hatte, zu dem er hinging, oder ob er nur blind nach vorne ging, aber der Wald um sie herum wurde immer dunkler und Lily, auch wenn sie zu stolz war, dass sie das laut gestanden hätte, fühlte sich immer weniger sicher.
Ein düsteres Krachen erklang, was sie aus ihrem stillen Schmollen herausriss. Sie hatte kaum Zeit, der Wurzel, auf die sie gerade getreten war, einen erschreckten Blick zuzuwerfen, bevor sie unter ihr zusammenbrach und sie mit einem gedämpften Schrei zum unteren Teil der Neigung warf, die sie sich anschickte, herunterzugehen. James hatte sich bei ihrem Ausruf umgedreht und nur seinen scharfen Reflexen verdankte er den Sprung beiseite, der ihm erlaubte, dem Zusammenstoß auszuweichen.
„Hey! ... Alles in Ordnung, Evans?", sprach er unsicher, als er sein Gleichgewicht dank der großzügigen Hilfe einer Buche, gegen die sein Rücken bemerkenswert hart geprallt war, mehr schlecht als recht wieder gefunden hatte.
Zwei Minuten früher hätte Lily beim Gedanken geprahlt, dass ihr Mitschüler es ihr schließlich gegönnt hatte, sie mit einigen Worten anzusprechen. Nun hatte sie aber andere Gedanken, wie es ihr verzogenes Gesicht bewies, als sie sich mit einer Hand auf ihrer misshandelten Wirbelsäule mit Schwierigkeit wieder aufrichtete.
„Auauauauaua..."
Ein beinahe spöttisches Säuseln erklang in ihrem Rücken, was sie nervte, und sie musste der Versuchung widerstehen, sich umzudrehen, um dem Gewächs, das an ihrem Unglück schuld war, einen düsteren Blick zuzuwerfen. Die Hand, die sich auf ihren Arm legte, ließ sie hochschrecken, und sie blickte erstaunt zu Potter, ließ ihn ihr aber helfen, sich zu setzen, ohne zu protestieren, bis sie wegen des Schmerzes plötzlich erstarrte, der von ihrem Bein ausstrahlte, als sie versuchte, aufzustehen.
„Evans?", rief James besorgt aus. „Ist etwas nicht in Ordnung? Hast du dir etwas gebrochen?"
„Ich glaube, dass ich mir das Fußgelenk verrenkt habe", antwortete sie mit einer leicht rauen Stimme und verzog das Gesicht vor Pein.
Diesmal hätte sie es schwören können, der Baum, über den sie gestolpert war, hatte eben spöttisch gelacht. Sie warf ihm einen wütenden Blick über ihre Schulter zu und verbiss mit vielen Schwierigkeiten den plötzlichen Impuls, der sie dazu trieb, ihren Zauberstab zu zücken, um diesen alten blöden Wurzelstock in einem Haufen rauschender Asche zu verwandeln. Auch wenn das Gewächs tatsächlich ein Gewissen besaß, und jetzt zweifelte sie wegen des Ortes, wo sie sich befanden, nicht mehr daran, so würde es bei der aktuellen Lage dennoch nicht helfen, wenn sie die Feindseligkeit des ganzen Verbotenen Waldes wegen einer bloßen Rache auf sich zog.
Neben ihr ließ sie Potter beinahe erneut hochschrecken, als er nach dem, was lange Sekunden innerer Debatte gewesen zu sein schien, schließlich seufzte.
„Na komm", sagte er, indem er einen Arm um ihre Taille legte, um ihr zu helfen, wieder aufzustehen.
„Ähm...", stotterte Lily verlegen, indem sie sich zögernd auf ihn stützte. „Bist du sicher, dass... Aua!"
Nach zahlreichem Schwanken und gedämpften Schmerzensausrufen ließ sich Lily schließlich humpelnd bis zum nächsten Baum führen, an den sie sich schwer lehnte, nicht ohne einen argwöhnischen Blick zum unschuldig aussehenden Stamm zu werfen. Als sie James wieder ihre Aufmerksamkeit schenkte, nachdem sie sich über seinen Willen gewundert hatte – 'Dieser Blödian sollte mich lieber nicht da stehen la...!' –, hatte sie die Überraschung, sich Nase an Nüstern mit zwei großen braunen Augen zu befinden. James-der-Hirsch blinzelte langsam und spöttisch, als er ihren heftigen Rückstoß bemerkte.
„Mach das nicht, du Dummkopf!", zischte sie heftig, indem sie eine Hand fest auf ihren Busen legte, in dem ihr armes kleines Herz versuchte, wieder einen normalen Rhythmus zu finden.
Der Animagus schnaubte spöttisch. Ohne auf ihre Antwort zu warten, bewegte er sich, so dass er ihr seine Seite zeigte, starrte sie drängend an und wartete offensichtlich darauf, dass sie sich bewegte. Still konnte ihm Lily nur einen dummen Blick zuwerfen, ohne es zu wagen, das zu schließen, was nur eine Verirrung ihres Geistes sein konnte. Der Hirsch schnaubte vor Ungeduld, bevor er den Kopf senkte, um ihr einen kleinen Schlag auf die Schulter zu verpassen. Lily schreckte heftig hoch. Sie schluckte und hob schließlich eine unsichere Hand zu den Geweihen, die anfingen, sich auf dem Kopf des Animagus' zu entwickeln.
Da sie als einzige Reaktion nur einen Blick aus dem, was Ungeduld zu sein schien, schloss sie die Faust um den unteren Teil des Geweihs, entfernte sich leicht vom Baum, gegen den sie sich stützte, um die andere Hand auf den Rücken des Hirschs zu legen, und bestieg mehr schlecht als recht den Animagus, um sich auf ihn zu setzen.
Lily fing sofort an, heftig zu erröten.
'Vor allem nicht daran denken, dass ich auf Potters Rücken sitze, nicht daran denken, nicht daran denken, nicht...'
„Hey!", ließ sie vernehmen und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren, als der Hirsch anfing zu schreiten.
Eilig setzte sie sich wieder richtig auf den muskulösen Rücken des Tiers und versuchte dabei, ihr Fußgelenk möglichst wenig zu bewegen. Ohne sich wirklich darum sorgen zu scheinen, ging der Animagus wieder den kaum gezeichneten Weg entlang, dem sie bisher gefolgt waren, und Lily bemerkte mit ein wenig Erleichterung, dass er in der Gegenrichtung ging. Die langen feinen Beine bemühten sich darum, die Wurzel zu überschreiten, die den Fall des Mädchens verursacht hatte, und sie konnte sich nicht davon abhalten, dem fiesen Baum die Zunge herauszustrecken, als es ihr schien, dass sie einen enttäuschten Seufzer vernommen hatte.
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James hielt kurz inne.
Lily warf ihm einen besorgten Blick zu, bevor sie wieder der Umgebung ihre Aufmerksamkeit schenkte. Seit schon einiger Zeit konnte sie sich nicht daran hindern sich zu fragen, ob der Animagus wirklich in der richtigen Richtung ging, um aus dem Wald hinauszugehen. Während sie auf dem Hinweg den deutlichen Eindruck gehabt hatte, dass sie sich allmählich in die finstersten Gegenden des Waldes vertieften, so war sie nun fast sicher, dass der Weg vor ihnen genauso dunkel war wie der, den sie schon entlanggegangen waren. Wo war die Lichtung, die auf ihre Rückkehr zum Park der Schule hinwies?
Außerdem war es nicht möglich zu prüfen, wie spät in der Nacht es war, da der Himmel ihrem Sichtvermögen durch das dichte Laubdach der Bäume versteckt war, und Lily hatte ihre Uhr für das, was sie für einen kurzen Ausgang gehalten hatte, bevor sie schlafen gehen würde, nicht mitgenommen. Aber die Müdigkeit, die sie immer mehr verspürte, brannte sie in den Augen und sie fing an zu fürchten, dass sie nicht nach Hogwarts zurückkehren könnten, bevor sich die Schule mit den ersten Frühaufstehern beleben würde.
James ging weiter und sie erinnerte sich geistesabwesend daran, die Füße leicht zu heben, als er einen stechenden Stein überschritt. Die Bewegung war schmerzhaft für sie, aber der Hirsch war nicht so groß wie ein Pferd und sie ging das Risiko ein, sich das Fußgelenk gegen ein Hindernis zu schlagen, wenn sie nicht darauf achtete. Sie hatte es geschafft, einen Zauber zu wirken, um ihr Fußgelenk richtig zu behalten, bis sie in Hogwarts ankamen, was sie sehr erleichterte, aber sie hatte nicht viele medizinische Kenntnisse, also wagte sie es nicht, das Risiko einzugehen, etwas anderes zu versuchen.
Seufzend beugte sie sich schließlich über das Rückgrat des Animagus'.
„Ehrlich, Potter", rief sie mit einem resignierten Ton und ergriff also zum ersten Mal, seitdem sie umgekehrt waren, das Wort. „Weißt du, wo wir sind?"
Die Ohren des Hirsches bewegten sich schnell mit dem, was Ärger hätte sein können, und James drehte den Kopf zu ihr um, um ihr einen tadelnden Blick zuzuwerfen. Sie konnte sich jedoch nicht daran hindern, etwas wie ein wenig Schuld in den großen kastanienbraunen Augen zu bemerken.
Sie runzelte die Augenbrauen und schickte sich an, etwas hinzuzufügen, als der Animagus unter ihr plötzlich höchst angespannt erstarrte und den Kopf zur Suche nach irgendeinem Ton hob. Lily brauchte mehrere Sekunden, ehe sie sich dessen bewusst wurde, dass alles um sie herum still geworden war.
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!Anmerkung der Autorin!
Hier endet Kapitel 18 und hierunter folgt die versprochene Zusammenfassung. Erinnert euch bitte daran, dass sie größtenteils auf die Schnelle geschrieben wurde und dass der literarische Stil zweifellos zu wünschen übrig lässt – persönlich wage ich es aus Furcht, davon deprimiert zu werden, nicht, sie wieder zu lesen XD. Manche Teile sind sehr zusammengefasst worden, während andere, die in meinem Geist offensichtlich deutlicher waren, es abgelehnt haben, weniger als mehrere Seiten Schrift einzunehmen.
Die Firma verweigert jede Verantwortung für die Verlegenheits- und/oder Enttäuschungsgefühle, die folgen könnten, und zahlt den Einkauf von Antidepressiva nicht zurück. Persönlich wäre es mir lieber, wenn sich die Leser selber vorstellen, wie es weitergeht, aber ich halte es für gerecht, euch meine eigene Fassung davon zu geben, also... könnt ihr nun auf eigener Gefahr lesen. ;)
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In dieser Nacht verstanden Lily und James bald, dass sie es auf irgendeine Weise geschafft hatten, das Gebiet dieser charmanten Tierchen zu betreten, die man „Acromantulas" nennt. Auch wenn sie versuchten zu fliehen, gingen sie nur tiefer ins Netz der Riesenspinnen und sie brauchten nicht lange, bis sie völlig umkreist wurden. Ihre Versuche, sich zu verteidigen und ihr Leben zu retten, verschärften nur die Wut und den Hunger der Geschöpfe und es schien, dass alles für sie verloren war, als eine unverhoffte Rettung ankam: Die Elfen. Seit Aragogs Ankunft und der Vermehrung seiner Kinder hatte das Waldvolk die Acromantulas immer misstrauisch betrachtet, da es sie für eine Anomalie in seinem wertvollen Wald hielt. Eine Gruppe Späher war sich der Gefahr bewusst geworden, die Lily und James eingingen. Sie hatten zum ersten Mal in ihrem Leben beschlossen, Menschen zu helfen, und waren dahin gelaufen, um sie zu warnen – doch leider zu spät, um dem Zusammenstoß ohne Kampf entkommen zu können.
Inzwischen erwachte Hogwarts langsam mit den ersten Tageslichtern und Harry Davies streckte die Hand nach seiner ersten Tasse Kaffee aus. Seine Bewegung wurde von einem plötzlichen Getöse in der Eingangshalle unterbrochen, wo mehrere Schüler plötzlich viel wacher klingend, als sie hätten sein sollen, laut schrien. Bevor irgendjemand am Lehrertisch irgendeine Bewegung machen konnte, erschien die Ursache dieses Durcheinanders durch die Tür der Großen Halle in Form eines keuchenden Elfen, der Harry etwas zuschrie. Der Auror ließ sein wertvolles Getränk sogleich stehen, erblasste und erzählte Dumbledore von der Gefahr, die zwei seiner Schüler eingingen, bevor er dem Späher nachlief. Dumbledore, McGonagall, Thomson und O'Brien hinter sich erreichte er bald den Verbotenen Wald, doch die Worte des Elfen ließen ihn verstehen, dass sie die Acromantulas auf diese Weise nicht würden zurückschlagen können, jedenfalls nicht ohne Verluste.
Ohne zu überlegen bat er also um die Hilfe der ersten Verbündeten, die er finden konnte: Die Schlangen. Die Acromantulas, die von den Basilisken erschreckt waren, empfanden eine gewisse Angst den kriechtierischen Vettern ihrer schlimmsten Feinde gegenüber und hatten also alle Schlangen von ihrem Gebiet verjagt. Viele unter ihnen waren immer noch wegen dieser Jagd auf sie sauer und nahmen ohne Zögern an, ihm zu folgen. Harry führte also sein Heer zum Angriff gegen die Geschöpfe und zwang sie, sich so weit in ihr Loch zurückzuziehen wie er es schaffte. Obwohl James und Lily gerettet waren und ohne Schäden – wenn auch sehr erschüttert – zum Schloss zurückgeführt wurden, kamen die Elfen leider nicht so gut davon. Zwei unter ihnen waren gestorben und ein dritter, der sich als Devon, Harrys Freund, erwies, war so schwer verletzt, dass seine Überlebenschancen beinahe nichtig waren.
Harry kehrte also höchst finster gelaunt nach Hogwarts zurück und die Ereignisse der folgenden Tage brachten ihm gar keinen Grund, getröstet zu sein. Das Gerücht, dass er ein Parselmund war, wurde rasend schnell von der ganzen Schule gehört. Ungläubig betrachteten ihn nun die Schüler so wie die Lehrer mit einer abergläubischen Furcht, zuallererst die Rumtreiber selbst. Es gab keinen Zweifel daran, dass die Schlangensprache für die vier Jungen eine rein unheilbringende Eigenschaft war, und auch wenn sie – und zuallererst Sirius – mehrmals versuchten, für ihren Lieblingslehrer Entschuldigungen zu finden, war es deutlich, dass ihr Vertrauen in ihn sehr erschüttert war.
Wie man das hätte erwarten können, rissen sich die Zauberzeitungen um die Affäre, umso mehr, weil der „Auror Davies" in jedem Haus schon wohl bekannt war. Dumbledore und dem Ministerium wurde vorgeworfen, dass sie einen schwarzen Magier sich unter Hogwarts' Angestellten hatten einschleichen lassen. Harry wurde für ein Gespräch mit seinen Vorgesetzten zur Aurorenzentrale berufen, während dessen er seine Arbeit nur knapp retten konnte, indem er den spielte, der eher unter seinen Mächten litt als davon prahlte – was alles in allem völlig richtig war. Dumbledore, was ihn betraf, schien von der Sache erstaunlich wenig betroffen. Harry hatte jedoch keine Schwierigkeiten, die scharfen Blicke, die er regelmäßig bekam, zu entschlüsseln und es erstaunte ihn nicht besonders, dass er keine weitere Nachricht vom Orden des Phönix bekam. Die wohl natürliche Zurückhaltung, die er bisher beim alten Schulleiter verursacht hatte, war von solch einer Enthüllung verstärkt worden, so dass Dumbledore die Wahl sicher nicht wieder treffen würde, ihm zu vertrauen, bevor er mehr über ihn erfahren würde.
Trotz des Drucks aber, der vom Schulrat ausgeübt wurde, zeigte er kein Zeichen davon, dass er ihn von seiner Stelle absetzen würde, und Harry durfte weiter lehren. Das war ein schwacher Trost für ihn, denn seine Schüler starrten ihn nun mit einer spürbaren Furcht an und seine Unterrichtsstunden vergingen in einer Stimmung, die von all den unausgesprochenen Sachen erschwert wurde. Selbst die Slytherins verhielten sich nun anders mit ihm, indem sie ihn mit einem Misstrauen betrachteten, das mit unheilvoller Neugier gemischt war. Severus selbst wich ihm mehr aus denn je, lehnte es ab, seinen Blick zu treffen, und schien möglichst oft vor ihm zu fliehen. Harry vermutete, dass der junge Mann ihm gegenüber wegen des Geheimnisses, bei dem er sich darum bemüht hatte, es selbst ihm nicht zu enthüllen, umso mehr Feindseligkeit empfand. Wenn er ihm das verheimlichen konnte, dachte er wahrscheinlich, wie viele Dinge verbarg er noch? Mit Severus war es alles oder nichts und die Tatsache, dass ihm Harry nicht sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte, machte ihn offenbar des seinigen unwürdig...
Lily und ihre Freundinnen, was sie betraf, blieben genauso wie vorher Harry gegenüber, obwohl sich Anna natürlich als misstrauischer als ihre Mitschülerinnen erwies. Das einzige etwas positive Ereignis, das während dieser Jahreszeit geschah, war die Annäherung zwischen Lily und James. Die beiden Gryffindors, die von ihrem Ausflug im Wald erschüttert worden waren, schienen nämlich, eine Verständigungsbasis erreicht zu haben, und der junge Potter brauchte nicht lange, ehe er triumphierend die Hand seiner errötenden Geliebten in den Gängen von Hogwarts halten konnte, während ihnen ein heiterer Sirius nachlief.
Obwohl Harry von der Bildung des Paares, die er so sehr erwartet hatte, leicht getröstet wurde, war es nicht genug, um seinen Geist zu erleichtern, und der Monat Januar verging in einer für ihn schweren und erstickenden Stimmung. Die Aussicht von Devons Tod hing über seinem Kopf wie ein Damoklesschwert, das ihn daran hinderte, seine gute Laune und seine gewöhnliche Freundlichkeit wiederzubekommen. Dieser finstere Ausdruck, den er nun trug, verstärkte aber nur die Einsamkeit, die er erlitt, da er ihn in den Augen seiner Schüler und seiner Kollegen bedrohlich aussehen ließ.
Das hätte lange dauern können, wenn er nicht an einem Tag im März diese Nachricht bekommen hätte, die ihm den Tod seines elfischen Freundes beibrachte. Niedergeschlagen schaffte es Harry dennoch, den nötigen Mut zu sammeln, um in den Wald für eine letzte Ehre zu Devon zu gehen. Er fand bei den Elfen einen genauso eisigen Empfang wie bei den Menschen. Laurana, Devons Gefährtin, hielt ihn für völlig verantwortlich für den Tod ihres Geliebten und keiner unter jenen des Waldvolkes hielt ihn nicht für den indirekten Mörder der drei Krieger, die unter ihnen fehlten. Die Elfen, die von dieser Folge ihrer doch ganz jungen Allianz mit den Menschen höchst abgekühlt worden waren, meinten, dass sie ihm jede Unterstützung versagten, die sie ihm vorerst vielleicht hätten verleihen können. Harry kehrte also ärmer an Mittel und an Stimmung denn je zurück.
Am folgenden Tag traf er die Entscheidung, schließlich den Unterricht zu geben, den er seinen Schülern ganz am Anfang des Jahres versprochen hatte: Den über die Dementoren. Dank dem Irrwicht, den er mehrere Monate früher während der Nachsitzenstunden von Zabini & Co gefangen hatte, ließ er vor seiner Klasse einen Dementor erscheinen, um sie die Gefahr verstehen zu lassen, die ein solches Geschöpf darstellte, dann brachte er ihnen den Patronus-Zauber bei. Von einer seltsamen Angst gepackt, die er nicht benennen konnte, lehnte er es ab, seinen Schülern den Zauber vorzuführen. Was, wenn ihn seine jetzige Entmutigung so sehr traf, dass er dazu unfähig wäre, den Zauber zu wirken? Er konnte das Risiko nicht eingehen, die schon gebrechliche Autorität zu verlieren, die er auf seinen Klassen hielt...
Eine Woche nach seinem ersten Unterricht über das Thema erhoben sich die Dementoren gegen das Ministerium, verließen Askaban und befreiten dabei alle Todesser, die bis dahin dort gefangen waren. Wenn Harry wusste, dass es nur ein Zufall war, und sich freute, dass er rechtzeitig gehandelt hatte, so ließ dieser seltsame Zufall die Ehrfurcht, mit der man ihn in den Gängen der Schule anstarrte, nur steigen.
Danach vergingen zwei Monate im Schloss, ohne dass irgendwas Außerordentliches den Rhythmus von Hogwarts störte. Draußen machte die Zauberwelt eine der düstersten Zeiten ihrer Geschichte durch, da Voldemort seit der Befreiung seiner Anhänger seine Angriffe vermehrt hatte. Das Ministerium hatte viele Schwierigkeiten, die ständige paranoide und beängstigte Stimmung einzudämmen, die seine Bürger empfanden, und ihm wurde oft vorgeworfen, wirkungslos zu sein und zu langsam zu handeln. Unter diesen Umständen wusste Harry, dass ihn jeder falsche Schritt seine Stelle kosten würde, denn die Autoritäten würden sich freuen, an ihm ein Exempel zu statuieren, das man den Journalisten als Nahrung vorwerfen könnte.
Die Ausflüge nach Hogsmeade waren völlig ausgefallen, die Eulen ließen jeden Morgen Nachrichten von Toden und Blutbädern auf ihre Köpfe niederstürzen, aber die Unterrichtsstunden vergingen meistens ganz normal und die Siebtklässler erreichten offenbar diese Stufe, als es lebenswichtig wurde, für die kommenden UTZ-Prüfungen zu stressen. Harry hatte große Schwierigkeiten, die Furcht zu ertragen, die ihn mehr umgab denn je, und oft träumte er, er würde auf dem Feld stehen, endlich zu etwas nützlich sein, gegen Wesen aus Fleisch und Blut kämpfen können eher als gegen diese haltenden Gerüchte und diese Geister, die er – so hatte er geglaubt – hinter sich gelassen hatte. Seinem Wort treu hatte er schon mehrere Monate vorher Anne, James' Mutter, alle Details weitergeleitet, an die er sich über die Tafel der zweiten Chance erinnerte. Aber das Fiasko der Acromantulas war gefolgt und er hatte schließlich nie eine Antwort bekommen. Natürlich noch ein weiterer Grund dafür, dass ihm die Wissenschaftlerin misstraute...
Diese spürbare Spannung wurde plötzlich in einer Nacht im Mai gebrochen, während der Vollmond ruhig über der Schule glänzte.
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Die Todesser, die weit genug von Hogsmeade appariert waren, gingen so still wie Schatten gerade auf die Heulende Hütte zu. Remus war natürlich da und wegen des Lernens (denn Lily konnte dabei so hartnäckig sein wie er und hatte offenbar weniger Schwierigkeiten, James von ihrer Sichtweise zu überzeugen, und auch dabei Sirius und Peter – Kollateralschäden, so nannte sie es) war er allein. Der Werwolf spürte die Bedrohung längst, bevor er sie sah, und sein Geheul erklang viel lauter in der Nacht, was die Einwohner von Hogsmeade, die nichts geahnt hatten, dazu trieb, sich zu Hause zu verschließen.
Während ein Teil der maskierten Zauberer versuchte, den Werwolf zu beherrschen, umgingen die anderen Todesser den Kampf und konnten den Geheimgang nach Hogwarts benutzen. Ganz glücklicherweise waren die magischen Sperren, die die Schule schützten, auch diesseits verstärkt worden und ihr Einbruch verursachte einen schrillen Alarmton im Schloss. Die verlegenen und noch schlaftrunkenen Schüler versammelten sich sehr verwirrt in ihren Gemeinschaftsräumen und wandten sich an die Vertrauensschüler, die nicht mehr darüber wussten als sie. Der ganze Lehrkörper der Schule aber wusste, was diese unheilvolle Warnung bedeutete, und bald wurden alle Schüler über den Angriff benachrichtigt. Doch obwohl die Lehrer ihnen befohlen, ruhig zu bleiben und ihre Gemeinschaftsräume nicht zu verlassen, lehnten es zahlreiche Schüler unter den älteren ab, unter Schutz verschlossen zu bleiben und die Erwachsenen kämpfen zu lassen. Trotz der Gewissensbisse der Hauslehrer konnte nichts dagegen getan werden, um die bereits volljährigen jungen Leute daran zu hindern, an der Verteidigung des Schlosses teilzunehmen, also mischten sich James, Sirius, Peter, Lily und Anna unter die Kämpfer.
Während Lily und Anna ungefähr so viel Angst wie Entschlossenheit empfanden, so war für die drei Rumtreiber die Lage noch viel schlimmer: Sie wussten nicht, aus welcher Richtung der Angriff kam, aber sie fürchteten instinktiv um Remus, der außerhalb der Schule ganz sich selbst überlassen war, und sie waren dazu bereit, die erste Gelegenheit zu nutzen, um wegzugehen und um sicher zu gehen, dass er in Sicherheit war.
Auch wenn Hilferufe zum Ministerium und – höchst geheim – zum Orden des Phönix geschickt worden waren, würde die Verstärkung eine Weile brauchen, um anzukommen, so dass sie nur etwa dreißig Leute waren, um das Schloss zu verteidigen, Schüler eingeschlossen. Keinen erstaunte, dass kein Slytherin unter den freiwilligen Schülern war: Es gab Wunder, die auch die Magie Schwierigkeiten hatte zu erfüllen.
Harry hatte nicht wirklich erwartet, dass Severus an ihrer Seite kämpfen würde, vor allem, weil die Lage des jungen Mannes sehr schwierig war, aber er war dennoch enttäuscht, ihn nicht unter den Kämpfern zu erblicken, die sich in der Eingangshalle sammelten. Mitten unter Fremden, die nicht wussten, wer zwischen ihm und den Todessern die größte Bedrohung war, fühlte sich der Auror besonders hilflos... und einsam. Keine Rettung würde von den Elfen kommen, zumindest davon war er sicher. Was die Meermenschen betraf, konnten sie außerhalb vom See nichts tun. Die natürlichen Schutzvorrichtungen des Schlosses waren aktiviert worden, sobald der erste Todesser aus der Peitschenden Weide herausgekommen war, aber sie würden diesen entschlossenen Feinden entgegen nicht reichen. Hagrid hatte so viele aggressive Geschöpfe auf sie frei gelassen wie er gekonnt hatte, bevor er sich den Reihen der Lehrer angeschlossen hatte, als jene schließlich die Doppeltür des Schlosses durchschritten.
Die kleine Miliz verteilte sich auf die Stufen, die zum Eingang der Schule führten, Dumbledore an der Spitze, und alle waren dazu entschlossen, dass kein Todesser Hogwarts würde betreten können, um die jüngeren Schüler zu erreichen. Mit ernstem Gesicht hatte sich Harry neben seine Aurorenkollegen gestellt. Da er auf die kommende Schlacht und auf die Truppe maskierter Menschen konzentriert war, die er aus der Ferne kommen sah, brauchte er eine Weile, um sich dessen bewusst zu werden, dass der Park beinahe so gut beleuchtet war wie am hellen Tag. Von seinen eigenen Problemen bekümmert, hatte er nicht bemerkt, dass der Vollmond aufgegangen war.
Er war sich nicht dessen bewusst geworden, dass Remus nicht unter den Rumtreibern war.
Harry wusste, wo die Todesser herkamen, wo sie es geschafft hatten, ins Schloss einzubrechen. Die scharfe Spitze der Angst durchbohrte sein Herz, er schluckte mit Schwierigkeit und sperrte die Augen weit auf. Würde er auch in dieser Welt Remus verlieren? Nein, nicht, wenn er irgendwas dagegen tun konnte, nicht, wenn er mitentscheiden durfte! Und doch gab es heute so viele ihm teure Leute zu schützen und so viele Feinde zu bekämpfen...
Die Flamme des Lebensdrangs fing plötzlich wieder an, in ihm zu brennen. Vom kleinen blassen Lichtchen, zu dem er sie hatte werden lassen, wurde sie wieder zu einer Glut und schickte sich an, alles zu verbrennen, was in ihrem Weg stand.
Mit einem furchteinflößenden Schrei auf den Lippen und vor Zorn glänzenden Augen war Harry der Erste, der sich zum Angriff stürzte. Und alle folgten.
Zum Glück hatten sich die Todesser nicht die Zeit genommen, sich am Fuß der Peitschenden Weide zu sammeln, da sie es zu eilig hatten zu kämpfen, also mussten sie eine nur ausgeteilte Stärke bekämpfen. Außerdem war Voldemort nicht unter ihnen und die Anwesenheit von Dumbledore flößte in ihren Reihen eine bestimmte Furcht ein. Harry, der wie ein wutentbrannter Löwe kämpfte, sprang pausenlos von einem Gegner zum anderen und schaffte es selber, seine Feinde zu destabilisieren. Professor Kraftbrüh war schon gefallen, von einem Fluch der schwarzen Magie getroffen, von dem sie keiner befreien konnte, und die Lehrerin für Kräuterkunde würde nie wieder aufstehen. Scott kämpfte mit unordentlichen Flüchen, schrie seinen Gegnern Beschimpfungen entgegen, aber zwei Schüler zählten auch zu den Opfern.
James presste die Zähne zusammen, als seine Augen die Leiche von Agnes trafen, der Vertrauensschülerin von Ravenclaw, und er musste kämpfen, um seine Tränen zu verbeißen. Sein Ablenkungsaugenblick wurde ihm beinahe zum Verhängnis, aber er wurde heftig vom Weg des Avada Kedavras geschoben, der ihm zugedacht war. Harry blockierte den nächsten Fluch und machte seinen Gegner durch einen gut gezielten Stuporfluch unschädlich. James richtete sich schon wieder auf, sich wegen der Aura von Macht und Aggressivität, die der Ältere ausstrahlte, unwohl fühlend, aber dennoch bereit, ihm zu danken und weiter zu kämpfen, als er sich dessen bewusst wurde, dass der Auror erstarrt war und zur Peitschenden Weide blickte. Der junge Mann folgte seinem Blick und schluckte tief vor Überraschung.
Aus dem Geheimgang wie ein Heer verdorbener Geister gehend, schwebten die Dementoren auf sie zu. Die Todesser entfernten sich allmählich und ließen ihnen den freien Platz, um ihnen nicht zu nah kommen zu müssen, und kämpften lieber aus der Ferne weiter.
Die Schüler blieben einen Augenblick lang regungslos und zitterten instinktiv in der eisigen Kälte, die von diesen Geschöpfen kam. Doch ein silberner Blitz flog durch die Nacht und Albus Dumbledores Patronus stürzte sich nach vorne und schob mit seinen Phönixflügeln die Wesen der Dunkelheit zurück. Sofort taten es ihm McGonagalls, Thomsons und O'Briens Patroni gleich. Die anderen Lehrer waren hilflos, aber bekämpften trotzdem weiter ihre Feinde aus Fleisch. Was die Schüler betraf, fanden sie wegen der Macht ihres Schulleiters wieder Hoffnung und versuchten mehr oder weniger erfolgreich, das zu wirken, was ihnen Harry beigebracht hatte. Aber James verstand nicht, warum Davies mit finsterem Gesicht die anderen einfach handeln ließ...
Diesen Moment wählten endlich die Auroren und die Mitglieder des Ordens des Phönix, um durch die Gittertüren des Parks herbeizulaufen, wo sie appariert waren, und der laufenden Schlacht eine unschätzbare Unterstützung brachten. Davon erleichtert zu sehen, dass der Kampf ihnen zugunsten verlief, versuchte James, Sirius und Peter zu treffen und mit ihnen Remus zu suchen, als ein schriller Schrei seine Ohren erreichte.
Anna, die von einem Fluch voll im Bauch getroffen worden war, war gerade zu Boden gestürzt. Auch Lily hatte den Schrei ihrer Freundin gehört und sah die Gruppe von Dementoren sehr gut, die sich zu ihr richteten, da sie gierig auf einfache Beute waren. Ohne zu überlegen, stürzte sie sich nach vorne und schrie den Patronuszauber. Die silberne Form, die sich vor ihr verkörperte, war schwach und undeutlich, aber Lily blieb hartnäckig. Über Annas bewusstlosem Körper stehend wiederholte sie wieder und wieder den Zauber und lehnte es ab, vor den Geschöpfen zurückzuschreiten, die sich langsam näherten. Von Angst befallen stürzte sich auch James zu ihnen und sein Patronus war kaum effizienter als der seiner festen Freundin. Sirius versuchte, ihn auf dem Weg zu stoppen, und schrie ihm ins Ohr, dass es viel zu viele gab. James warf ihm einen feurigen Blick zurück. Er sagte nicht viel.
Nur: „Ich würde Voldemort für sie bekämpfen."
Nur einige Schritte weiter erstarrte Harry plötzlich, wie voll ins Herz getroffen. Diese Worte erweckten in ihm Erinnerungen, die in seiner Seele viel zu eingeprägt waren, dass er sie je würde vergessen können: Die Stimme seines Vaters, der verzweifelt versuchte, seine Familie zu retten, jene seiner Mutter, die um sein Leben bat, das grüne Licht eines Avada Kedavras... Er wurde sich kaum dessen bewusst, dass Sirius seinen Freund frei gelassen hatte, dass James erneut zu Lily lief. An der Stelle des Jungen, der die Uniform von Hogwarts trug, sah er den Mann, der er werden würde. Und er schämte sich.
Der Patronus, den James' Schrei an jenem Augenblick hervorrief, war ein Löwe mit entblößten Fängen, und wenn seine Mähne noch etwas verschwommen war, war sein silbernes Licht genug, dass es die Dementoren zögern lassen konnte. James hatte es geschafft, er hatte den Zauber beherrscht. Dennoch erstickte bald der Stolz, der versuchte, in der Brust des jungen Gryffindors zu wachsen. Es gab zu viele, viel zu viele, und schon schloss sich ihr Kreis um die beiden Mädchen, schon wurde der Löwe schwach.
James machte den Mund auf, um zu schreien, aber kein Ton kam aus seinem Hals. Ein helles Licht erschien hinter ihm, fast unerträglich grell. Binnen einiger Sekunden überlief es ihn und rannte mit unglaublicher Geschwindigkeit zum Ring der Dementoren. Der Hirsch griff stürmisch an und senkte sein wunderschönes Geweih gegen die dunklen Geschöpfe, die nichts anderes konnten als völlig besiegt eiligst zu fliehen. Mit offenem Munde wagte es James, einen Blick über seine Schulter zu werfen. Harry bewegte sich nicht, sein Zauberstab war auf das Geschöpf gereicht, das er hervorgerufen hatte, und er nährte es mit der verrückten Hoffnung, die in seinen Augen wuchs.
Der Junge, der lebt, fing an zu fassen, dass, wenn er keinen Glauben mehr hatte, andere reichlich davon hatten.
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Lily und Anna wurden gerettet und vor der Anzahl an hervorgerufenen Patroni hatten die Dementoren keine andere Wahl als zu fliehen. Die Kämpfer freuten sich aber nicht einmal darüber, da sie noch gegen die Todesser kämpften. Jedoch zweifelte keiner mehr an dem Ende des Kampfes und die drei Rumtreiber sammelten sich schließlich, um Remus zur Hilfe zu gehen. Sie waren auf halbem Weg zur Peitschenden Weide und versicherten sich, dass sie von keinem Lehrer bemerkt worden waren, als Harry unerwartet vor ihnen erschien.
Trotz all ihrer Bemühungen, Schreie und Bitten blieb der Auror unerbittlich, zwang sie, sich abzuwenden, und begleitete sie zum Schloss. Zur Überraschung aller unter ihnen war es Peter, der es ablehnte, den Regeln zu folgen, während sich seine beiden Freunde vor Sorge verzehrten. Er nutzte die Tatsache, dass ihm Harry weniger Aufmerksamkeit schenkte als den anderen beiden, und schaffte es, ihn mit einem einfachen Expelliarmus zu überraschen. Harry hatte solch einen Angriff nicht erwartet und wurde nach hinten geworfen, während ihm der Zauberstab aus der Hand flog. Obwohl sie verblüfft waren, sahen James und Sirius dabei die Gelegenheit, ihm zu entkommen, und sie versuchten, den Auror unbeweglich zu machen.
Zur immer wieder erneuerten Überraschung des Älteren erreichten sie beinahe ihr Ziel und er verdankte seine Rettung nur seinen außergewöhnlichen Reflexen und dem Zauber zwergischer Magie, die er aus Verzweiflung wirkte, so dass er die Erde unter ihren Füßen hob und sie zu Boden warf. Der Auror nutzte diese Ruhepause, um sich zu seinem Zauberstab zu stürzen und um die drei jungen Männer zu entwaffnen. Blut floss aus einer Schnittwunde auf seiner Stirn, was ihm die Sicht verdunkelte, und ein stechender Schmerz kam aus seinen Rippen, während er versuchte, wieder zu atmen. Und während er das ernst und bitter dreinblickenden Trio vor sich anstarrte, konnte er sich jedoch nicht davon abhalten zu lächeln und seine Augen drückten allein Stolz und Freude aus.
Er befahl ihnen noch einmal, zurück zur Schlacht in der Nähe der Schule zu gehen, dann gab er ihnen ihre Zauberstäbe zurück, ohne sich um ihre starrsinnigen Ausdrücke zu kümmern. Alles, was er hinzufügte, war:
„Ich werde ihn euch zurückbringen."
Und bevor sie die Zeit hatten, genau zu verstehen, was er meinte, erreichte der Auror den Waldrand nach drei Schritten. Nur hatten die drei Jungen in genau dem Augenblick, als er in der Dunkelheit verschwand, den deutlichen Eindruck, dass er kleiner wurde und dass sich der Wald um einen haarigen Schwanz schloss.
Harry ließ sie ohne Furcht hinter sich, stürzte sich zur Peitschenden Weide und stellte dabei sicher, dass er immer noch unter dem Schutz des Waldrandes blieb. Seine vier Beine hämmerten mit einem schnellen Rhythmus auf dem Boden und trieben ihn durch die Vegetation des Waldes, dann durch das hohe Gras vom Park von Hogwarts voran. Er erreichte die Weide, schlich sich unter den Ästen durch, ohne stehen zu bleiben, und kümmerte sich nicht um den schneidenden Schlag, den ihm seine Unverschämtheit einbrachte. Einige Bluttropfen perlten auf seinem dunklen Fell, aber schon lief er den Weg nach Hogsmeade herunter. Das Kampfgetöse erreichte ihn lange, bevor er zur Heulenden Hütte gelangte, und Harry war nur halb erstaunt, den Werwolf gerade vor sich den Weg herunterrennen zu sehen.
Das hündische Geschöpf floh offensichtlich vor den Todessern, die hinter ihm kamen, war in höchster Not und offensichtlich zu allem bereit, um ihnen zu entkommen, aber es blieb stehen, als es ihn erblickte. Sein Fell war gesträubt, seine Zähne zu einem mörderischen Grinsen gefletscht und seine gelben Augen warfen Wut- und Hassblitze. Während der Werwolf jedoch diesen neuen Gegner anstarrte, wurde seine Haltung weniger drohend und ein Respektblitz kam durch seinen Blick.
Der Wolf, der mit seinem so dunkelbraunen Fell, das es fast schwarz war, und seinen intensiv grünen Augen vor ihm stand, strahlte eine Macht- und Wildheitsaura aus, die das Biest instinktiv als einem Alphawesen gehörend deutete.
Doch der Lärm der Menschen näherte sich und der Werwolf bewegte sich unruhig, da er zögerte, weiter zu laufen. Der schwarze Wolf löste das Problem, indem er sich auf ihn warf und ihm grausam in die Schulter biss, um ihm zu befehlen zu fliehen. Mit einem Schmerzgeheul lief das Biest möglichst schnell weiter zum anderen Ende des Gangs. Hinter ihm schrien nun die Menschen vor Schreck und Schmerz und er wusste, dass der andere seine Flucht schützte. Er stürzte rasend schnell auf das Gras des Parks hinaus, vom Schreck und vom Schmerz halb verrückt gemacht, und drehte sich einen Augenblick um, ohne zu wissen, was er tun sollte. Auch hier gab es menschliche Gerüche und Schreie und Lichtblitze. Der Werwolf fletschte die Zähne, sein tierischer Blick starrte in die Ferne und er war dazu bereit, sein Leben um einen teuren Preis zu verteidigen.
Ein schwerer Körper kollidierte mit seiner verletzten Schulter und er ließ ein neues Schmerzensmurren los. Der andere männliche Wolf ignorierte sein herausforderndes Murren und stieß ihn erneut an, um ihm zu befehlen, ihm zu folgen. Das Biest gehorchte widerwillig, dazu unfähig, dem Einfluss zu entkommen, den der Schwarze instinktiv über ihn besaß. Die beiden Wölfe überquerten das freie Gelände vom Park und erreichten bald die beruhigenden Schatten des Verbotenen Waldes. Sie gingen einige Zeit zwischen den Bäumen weiter, bis der Schwarze sie schließlich anhalten ließ.
Der Werwolf ließ sich erschöpft auf den moosbedeckten Boden rutschen. Der Schwarze blieb einige Augenblicke lang unbeweglich, während sich sein intelligenter Kopf nach links und rechts drehte, um zu prüfen, dass sie nicht mehr gefährdet waren. Dann holte er ihn langsam ein und legte sich neben ihn, um ihm wortlos seinen Schutz zu schenken. Der junge Wolf murrte leicht drohend zu ihm, machte aber keine Bewegung, um sich zu entfernen.
Einige Augenblicke später schlief er tief und das weiße Mal, das auf der Stirn des Schwarzen stand, bewohnte seine Träume mit seiner Blitzform.
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Am nächsten Morgen kam Remus in einem der Betten des Krankenflügels wieder zu Sinnen und seine Freunde waren um ihn versammelt. Wie immer nach einem Vollmond verfügte er nur über verworrene und bruchstückhafte Erinnerungen daran, was in jener Nacht geschehen war, und er war dazu unfähig, ihnen zu erzählen, wie er den Todessern entkommen war. Die anderen drei Rumtreiber hatten aber eine Idee darüber. Wortlos beschlossen sie, nichts zu sagen, aber ihre Haltung Harry gegenüber wurde von nun an weniger steif.
Hogwarts trauerte, da sie ihre Lehrerin für Kräuterkunde und vier ihrer Schüler bei der Schlacht verloren hatte. Die Sechst- und Siebtklässler waren besonders traurig darüber, denn unter ihnen zählte man die Verluste. Was die Lehrerin für Zaubertränke betraf, war sie als Notfall nach St.-Mungo geschickt worden und die bleibenden Lehrer taten ihr bestes, um die leeren Stellen bis zum Ende des Jahres zu decken.
Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen schien Harry von der düsteren Stimmung, die seit dem Angriff auf dem Schloss lastete, nur wenig betroffen. So wie Thomson und O'Brien besaß er den Verlusten gegenüber, die die Schule erlitten hatte, eine gewisse Zurückhaltung und handelte beinahe, als wäre nichts geschehen. Manche Schüler waren sauer, dass er wie vorher unterrichtete, während sogar die strenge McGonagall manchmal innehalten musste, um eine Träne wegzuwischen, wenn sie einen leeren Stuhl in ihrem Klassenzimmer sah. Severus hätte das vielleicht verstehen können, aber Harry war jetzt sicher, dass ihn der junge Mann mied. Das betrübte ihn sehr und erschreckte ihn sogar ein wenig, aber er wusste, wie schnell der Slytherin starrsinnig werden konnte, und wollte ihn nicht zu irgendetwas zwingen, indem er es zum Beispiel versucht hätte, ihn nach dem Unterricht da zu behalten. Er ließ es also dabei bewenden und hoffte, dass sein junger Freund von selbst die Probleme würde lösen können, die ihn niederzudrücken schienen.
Außerdem musste man ja gestehen, dass er andere Probleme hatte. Das Ende des Schuljahrs kam sehr schnell und mit ihm eine ganze Menge Unsicherheiten. Harry war glücklich über das, was er bis jetzt hatte erfüllen können, auch wenn er natürlich dennoch mehr hätte tun wollen. Aber er war ein Auror, bevor er Lehrer war, und seine Rolle in Hogwarts würde bald enden. Ab Juli würde er nach dem Willen des Ministeriums von einem Auftrag zum anderen geschickt, während er sehr wohl wusste, dass das Ministerium nicht unbedingt die vertrauenswürdigste Einrichtung war, vor allem zu jenen Zeiten. War es wirklich das, was er wollte? Würde er unter diesen Umständen wirklich am besten handeln können?
Was konnte er aber sonst tun? Albus vertraute ihm eindeutig nicht genug, dass er ihm von selbst eine Lehrerstelle für das nächste Jahr vorschlagen würde, und was hätte er ja sonst davon getan? Auch Lily, James und die anderen verließen Hogwarts. Und hatte er sich nicht versprochen, vor allem ihr Schicksal zu ändern und zu verbessern? Hatte er genug getan? Vielleicht hatte er Peters Verrat und den frühen Tod der Potters vermieden, aber wäre es wirklich eine gute Sache? Was würde Voldemort in diesem Fall werden?
Harry fing an zu verstehen, dass die Nutzung der Tafel der Zweiten Chance wahrscheinlich ein Fehler gewesen war. Die bloße Existenz dieser Tafel war ein Fehler. Die Vergangenheit hätte da liegen bleiben müssen, wo sie war, die Schlachten mit den Menschen, die sie geführt hatten, beerdigt und die Helden von ihren Sockeln gestoßen werden. In seinem Kampf gegen die ganze Welt hatte Harry nicht rechtzeitig aufzuhören, die Waffen nieder zu legen gewusst. Aber nun war es zu spät und diesen Krieg, auf den seine Anwesenheit einen Unsicherheitsschleier geworfen hatte, musste er bis zum Ende führen.
Als die Zeit der Endjahres-, ZAG- und UTZ-Prüfungen kam, wusste Harry immer noch nicht, was aus ihm werden würde, aber er hatte den festen Eindruck, dass er das bald wissen würde.
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Am Tag nach der letzten Prüfung schien eine seltsame Stimmung das Schloss überwältigt zu haben. Es widerstrebte manchen Schülern, den Schutzkokon der Schule zu verlassen und für die folgenden zwei Monate zurückzugehen, andere aber, die der Angriff im Mai unangenehm überrascht hatte, warteten ungeduldig auf die Abfahrt. Was die Siebtklässler betraf, jene, die weggingen und wussten, dass sie wahrscheinlich nie wieder zurückkehren würden, die sah man in einem Gang oder einem Klassenzimmer, damit beschäftigt, in ihre Gedächtnisse alle Erinnerungen einzuprägen, die sie vor ihrer Abfahrt würden mitnehmen können.
Melancholisch überwachte Harry aus der Ferne seine kleine Gruppe, die sich zum letzten Mal an den Gryffindor-Tisch setzte. Die Lächeln zitterten ein wenig, die Tränen standen ihnen in den Augen und die Kehle war zugeschnürt, aber keiner unter ihnen weinte wirklich. Egal, was geschehen würde, so wusste jeder, dass sie sich weiter sehen würden. James hing an Lily mit dem Eifer eines von der Liebe vernarrten Mannes und nichts würde die Rumtreiber je trennen. Was Anna betraf, überwachte sie ihre Freundin mit einem scharfen Blick und schien wohl dazu entschlossen, so lange wie nötig zu versichern, dass sie James so behandeln würde wie es sich gehört.
Dieser Anblick tröstete den Auror und milderte die Last ein wenig, die seinen beängstigten Geist bedrückte. Er nahm sich endlich Zeit, den Teufelskreis seiner Ängste und seiner Zweifel zu stoppen, und suchte mit dem Blick nach Severus. Da er ihn nirgendwo fand, verfinsterte er sich. Der Slytherin hatte offensichtlich die Entscheidung getroffen, nicht an der Endjahresfeier teilzunehmen, und Harry wurde sich dessen bewusst, dass er keine Idee davon hatte, was ab jetzt aus dem jungen Mann werden würde. Er hätte viel früher versuchen sollen, wieder mit ihm Kontakt aufzunehmen, auch wenn er dafür seinen Zorn und sein Einsamkeitsbedürfnis hätte bekämpfen sollen. Diese lange Stille und dieses seltsame Misstrauen schienen ihm unheilvoll und es schien ihm, dass es nun seine letzte Chance war, wenn er das lösen wollte, was ihn peinigte.
Und daher fing Harry am gleichen Abend an, mit seiner Karte des Rumtreibers in der Hand durch die Gänge von Hogwarts zu gehen und das Pünktchen mit der Etikette „Severus Snape" zu orten, das nicht dort stand, wo es hätte sein sollen – das heißt in seinem Gemeinschaftsraum.
Da er zu sehr mit seiner Recherche beschäftigt war, wurde er sich nicht dessen bewusst, dass er nicht der Einzige war, der an jenem Abend in den Gängen herumging. James, Sirius, Peter und Remus hatten entschlossen, von ihrer letzten Nacht in der Schule zu profitieren, um eines ihrer wertvollsten Güter wiederzuerlangen. Die Karte von Hogwarts, die sie zwei Jahre früher erschaffen hatten, war leider gegen Mitte des Jahres von Filch beschlagnahmt worden, und auch wenn sie die Gelegenheit dafür bisher nicht gehabt hatten, hatten sie wohl vor, sie wiederzuerlangen – sei es nur, um sie der nächsten Generation von Unruhestiftern weiterzugeben. Während sich zwei unter ihnen darum kümmerten, Filch dank einiger Stinkbomben und Ähnlichem abzulenken, schafften es die beiden anderen, ins Büro des Hausmeisters hineinzuschleichen und die Karte wieder zu finden.
Wie erstaunt waren sie, als sie prüfen wollten, dass sie immer noch richtig funktionierte, und dabei ein Pünktchen entdeckten, das stolz „Harry Potter" verkündete...
Als das erste Schock- und Ungläubigkeitsmoment vorbei war, zögerten sie nicht und stürzten spontan dem rätselhaften Fremdling nach.
Was Harry betraf, so hatte Severus' Spur schließlich wieder gefunden... eine Spur, die ihn direkt zu einem Geheimgang führte, dessen Existenz ihm bis daher völlig unbekannt geblieben war. Diese Entdeckung erschien ihm als unheilvoll, also war es mit zugeschnürter Kehle, dass er in den schmalen Gang trat, indem er bedauerte, nicht daran gedacht zu haben, seinen Tarnumhang mitzunehmen. James, Sirius, Remus und Peter erschienen gerade rechtzeitig, um seine undeutliche Silhouette sich in den Gang hineinschleichen und also von der Karte verschwinden zu sehen. Um sicher zu gehen, dass sie der Fremdling nicht erblickt hatte, mussten sie darauf warten, bis sich der Gang wieder schloss, und sie verloren wertvolle Minuten dabei, den Mechanismus zu finden, der die Öffnung bewirkte.
Währenddessen hatte Harry den deutlichen Eindruck, dass er immer weiter unter Hogwarts' Unterbau ging. Eine Art Rutsche führte ihn gerade ins Netz von dem, was wahrscheinlich eine der malvenfarbigen Riesenwürginnen von Professor Dodendron gewesen war, was nun aber nur noch ein Haufen rauchender Asche war. Diese Aussicht erstaunte ihn weniger als sie in ihm einen schrillen Alarmton verursachte, so sehr sie ihm bekannt erschien. Die Not ließ ihn schneller gehen und trieb ihn fast dazu zu laufen, während er von Raum zu Raum, von Prüfung zu Prüfung ging. Da hatte ein hoch mächtiger Zauber eine Zerstörungsspur in die Wände eines Labyrinthes gezeichnet und führte direkt zum Ausgang. Hier lag eine Acromantula auf dem Rücken, ihre chitinösen Beine über ihrem breiten Körper verkrampft. Hier war noch eine Tür unter über zehn anderen aufgemacht, das Rätsel, das sie schützte, mit einer verwirrenden Einfachheit gelöst. Und noch, und noch...
Bis er schließlich den letzten Raum betrat, während sein Herz in seinem Hals wie ein erschrockenes Vögelchen schlug.
Severus, dessen Zauberstab schon auf dem Gegenstand lag, nach dem er gesucht hatte, drehte kaum den Kopf zu ihm um. Mit einem unergründlichen Blick beobachtete er den blassen und ungläubigen Ausdruck des Aurors. Harry, der vom Schock und vom unerbittlichen Biss des Verrats niedergeschmettert war, hatte plötzlich inne gehalten, dazu unfähig, irgendeine weitere Bewegung zu machen. Darum kam der Wutschrei, der erklang, als Severus den Gegenstand, diese Erfindung wirken ließ, deren Geheimnis Anne Potter doch so hartnäckig geschützt hatte, nicht aus seiner Kehle. Eine seltsame Schockwelle verbreitete sich, so tief, dass sie unhörbar war, aber so mächtig, dass sie in den Knochen, im Kopf und im Herzen zu spüren war. James ignorierte sein Unwohlsein und warf sich mit hasserfülltem Blick nach vorne, dazu bereit, Snape zu schlagen, ihn zu erwürgen, ihn zu... Doch der Slytherin war bereits mit einer schnellen und geschickten Bewegung nach hinten geschritten und er wagte es, ihm ein Lächeln voller Schadenfreude zuzuwerfen. Der Portschlüssel, den er in der Hand hielt, aktivierte sich, und er verschwand.
Eine überraschte Stille herrschte plötzlich im Raum. James zitterte vor Wut und ballte die Fäuste so, dass seine Handfläche beinahe geblutet hätte. Harry starrte immer noch den Ort an, wo Severus gestanden hatte, und war offenbar dazu unfähig, davon wegzublicken. Was die letzten drei Rumtreiber betraf, versuchten sie vergeblich, das zu verstehen, was geschehen war, und weder das völlig niedergeschlagene Gesicht des Aurors noch die schreckliche Bitterkeit, die sich auf dem ihres Freundes zeigte, konnte sie glauben lassen, dass es etwas Gutes war.
Nach dem, was im Verbotenen Wald geschehen war, als er letztes Mal mit Lily hineingegangen war, hatte es James schließlich geschafft, die Wahrheit aus dem Mund seiner Mutter zu erfahren. Sie hatte ihm alles über diese rätselhafte Erfindung erzählt, von der sie so sehr fürchtete, dass sie in die falschen Hände geraten könnte. Aus einer seltsamen Inkonsistenz erschaffen, die sich am Anfang des Jahres im Stoff des Universums geschaffen hätte, ohne dass sie den Grund dafür erklären konnte, war dieser Gegenstand mit einer riesigen Menge an nullierender Energie beladen. Wenn ihm jemand die nötige Energie gab, um ihn zu aktivieren, so verbreitete sie sich in einem weiten Kreis um ihn herum und annullierte die Wirkung aller Magiekatalysatoren – also aller Zauberstäbe –, die in ihrer Reichweite standen.
Nach dem, was sie hatte feststellen können, war die Wirkung zeitlich begrenzt, doch sie dauerte schon mehrere Stunden. Das war reichlich genug, damit ein Todesserheer in Hogwarts eindrang und alle Gegner vernichtete.
Harry sagte nichts, als sich die vier jungen Männer zu ihm umdrehten und auf seine nächste Handlung warteten. Er drehte sich nur mit verschlossenem Gesicht und mit einem den Boden anstarrenden Blick um und stürzte sich in der Gegenrichtung durch die Räume, die er eben durchgegangen war.
oOoOoOoOo
Der Angriff war noch plötzlicher als der im Mai.
Die Todesser, die entschlossener waren denn je, überschritten die Mauer der Schule in genau dem Augenblick, als Severus in ihrer Mitte erschienen war. Sie gingen still durch das hohe Gras des Parks, Alptraumsilhouetten, die die Wasserspeier und weitere Geschöpfe nur kaum verlangsamen konnten. Die Schutzvorrichtungen der Schule hatten unter der vorigen Schlacht schon beträchtlich gelitten und es war nur wenig Zeit nötig, bis sie wieder besiegt wurden.
Harry und die Rumtreiber hatten es geschafft, die Bewohner des Schlosses zu warnen, aber es herrschte größte Verwirrung. Man entdeckte, dass die Zauberstäbe nur noch nutzlose Holzstücke waren, man verstand plötzlich, dass es ohne sie unmöglich wurde, sich zu verteidigen. Dumbledore hatte versucht, das Ministerium und den Orden des Phönix verzweifelt um Hilfe zu rufen, und hatte dabei entdeckt, dass es die Todesser geschafft hatten, ihre Kaminverbindungen zu unterbrechen. Eine Eule, die mit einer eiligst geschriebenen Meldung beladen worden war, flog ab, doch der Schulleiter täuschte sich nicht. Wenn die Meldung ihr Ziel erreichen würde, wäre es bereits zu spät.
Man musste Zeit gewinnen, sonst waren alle Bewohner des Schlosses verloren.
Also befahl Albus Dumbledore den Schülern, sich in der Schule zu verstreuen und alles zu tun, um am Leben zu bleiben. Einig sein machte stark, wenn es aber an Verteidigungsmitteln mangelte und wenn jene lächerlich wurden, so konnte man nur darum beten, dass die Monster so wenige Opfer fanden wie möglich. Albus selber ging die Marmortreppe ruhig herunter zur Eingangshalle. Er lehnte es ab, dass seine Kollegen an seiner Seite blieben, befahl ihnen, sich unter die Schüler zu mischen und sich um sie zu kümmern, vor allem um die Jüngeren, die der Schreck beinahe erstarren ließ.
Viele gehorchten ihm nicht. Er wusste es, hörte die Mutigsten unter den jungen Leuten oder den Lehrern, die nicht weiter gingen als zum oberen Teil der Treppe und sich in den Schatten der Rüstungen oder hinter dem Geländer versteckten, um die Szene zu beobachten, dazu bereit, um jedes Moment einzugreifen, auch wenn sie wohl wussten, dass sie nichts würden tun können. Er war nicht auf sie sauer. Das war ihre Entscheidung.
Unter jenen wusste er, dass sich der junge Davies mit einem wahrscheinlich genauso finsteren und unergründlichen Gesicht befand wie, als er ihm kaum einige Minuten früher beigebracht hatte, welche Bedrohung sie erwartete. Er hatte es nie geschafft, diesen jungen Mann zu verstehen, nie geschafft festzustellen, ob er ein Feind war oder ein Verbündeter. Ein lebendes Rätsel, das war er, aber Albus war nicht daran gewöhnt, ein Rätsel ungelöst zu behalten. Dennoch würde es so sein müssen und er streichelte das sanfte Gefieder des Phönix, der auf seiner Schulter saß, als wollte er ihn darum bitten, ihm noch ein wenig von seiner Stärke zu verleihen. Fawkes trillerte beruhigend und ergriff das Nachthemd des alten Zauberers fester, um ihm seine Unterstützung in dieser finsteren Stunde wie in allen anderen zu versichern.
Die großen Türen schlugen auf die Dunkelheit des Parks auf, was bei den Unbesonnenen, die hinter ihm standen, einen gemeinsamen Schreckensruf verursachte. Albus wurde nicht erstaunt. Es hatte eine Zeit gegeben, als Tom ein höflicher und gepflegter junger Mann gewesen war, der die Regel vorne respektierte, um sie hinten besser zu verspotten. Diese Fassade falschen Anstands erschien noch heutzutage, insbesondere, wenn der Dunkle Lord spielen wollte, aber das Bedürfnis zu beeindrucken war ihm wertvoller: Die zischenden Gelächter, die prachtvollen Eintritte, die aufschlagenden Türen und diese ärgernde Manie, nie Hallo zu sagen. Aber natürlich war er darüber erhaben und der einzige Gruß, den er bekam, war das triumphierende Leuchten in diesen Augen, die nicht immer rot gewesen waren.
Allein, den Türen gegenüber hätte der alte Mann in seinem Nachthemd gebrechlich erscheinen können, doch er strahlte immer noch diese Aura ruhiger Macht aus. Voldemorts Zufriedenheit wurde leicht zu Verärgerung.
Trotz aller Bemühungen von Dumbledore war das Gespräch kurz. Voldemort hing daran, seinen Triumph, diesen Augenblick zu genießen, wenn er seinen größten Feind endlich vernichten würde, doch er war ja nicht dumm, dass er das Risiko eingehen würde, seine Chance zu verlieren, indem er ewig dauernde glorreiche Reden gehalten hätte. Der alte Mann versuchte, sein Ende zu verschieben, aber der Moment war gekommen.
In dem Augenblick, als der Dunkle Lord seinen Zauberstab schließlich erhob, erklang jedoch ein schriller Schrei. Der Phönix des alten Narren stürzte sich aus den Schatten, in denen er sich in der Erwartung seiner Stunde versteckt hatte, auf ihn und Lord Voldemort schützte knapp seine Augen vor den fürchterlichen Krallen, die versuchten, sein Gesicht zu zerkratzen. Er schrie vor Wut, schob den teuflischen Vogel heftig von sich und erhob erneut seine Waffe. Bevor einer seiner Anhänger mehr als zwei Schritte nach vorne hätte tun können, flog ein grüner Blitz durch die Luft und traf das Federvieh; in einer Wolke goldener Feder fiel Fawkes das Vögelchen mit einem protestierenden 'Tschirp', während sein federloser Kopf dem schwarzen Magier einen vernichtenden Blick zuwarf.
Ein Fluch knatterte zu Albus' Füßen, doch es hinderte den alten Mann nicht daran, die Treppe ganz schnell weiter hinaufzulaufen und von der Ablenkung der Todesser zu profitieren, um seinen Schafen erneut zu befehlen, sich zu verstreuen. Seine tönende und gebieterische Stimme war genug, damit viele aus ihrer entsetzter Trance kamen und sofort gehorchten, um in die Gänge der Schule zu fliehen, um dort nach einem Schutz zu suchen. James presste Lilys Hand, richtete sie schnell wieder auf und wusste, dass ihnen die drei Rumtreiber und Anna folgen würden, ohne zu zögern.
Neben der Treppe richtete sich auch Harry auf. Doch er floh nicht.
Dumbledore hatte mitten auf den Stufen innegehalten, da seine von den Jahren kaum entschärften Ohren die ersten Silben der Zauberformel, die sein Leben beenden würde, ohne Schwierigkeit vernommen hatten. Dazu entschlossen, mit Würde zu sterben, drehte er sich um und sein so blass blauer Blick traf die roten Pupillen des Dunklen Lords. Die Lippen des schwarzen Magiers bewegten sich, doch er hörte keinen Ton mehr. Er hatte das getan, was er hatte tun können, seine Schüler, seine Kinder mit seiner ganzen übergroßen Kraft geschützt. Nun konnte er nur noch hoffen, dass es reichen würde, hoffen, dass die Meldung rechtzeitig kommen würde, dass Minerva und die anderen überleben und die Schule so pflegen würden wie er sie gepflegt hatte.
„... Kedavra."
Und dann gab es ein intensives grünes Licht und Albus tat sein Bestes, um die Augen nicht zuzumachen, dazu entschlossen, dem Tod im Gesicht zu schauen.
Wenn er der Versuchung nachgegeben hätte, sei es nur einen winzigen Augenblick, wenn er die Augenlider heruntergesenkt hätte, dann hätte er das nicht verstanden, was danach geschah, so schnell war es. Kaum eine aus den Augenwinkeln vernommene Bewegung, eine Silhouette, die sich plötzlich zwischen ihn und den Tod stellte, und ein Wut- und Verzweiflungsschrei, der unter dem hohen Dach der Eingangshalle widerhallte. Im Augenblick, als Harry Davies' Handfläche den Marmor der Treppe traf, drehte und verzog sich der glatte und von der Zeit polierte Stein, dann sprang er nach oben und richtete sich in eine Felsenwand auf, auf die der Todesfluch prallte.
Eine verdutzte Stille herrschte plötzlich.
Die Marmorwand fiel so schnell wie sie sich aufgerichtet hatte und verschmolz in der Treppe, als hätte sie sie nie verlassen, und Harry blickte nicht weg, als Voldemort seinen brennenden Blick auf ihn richtete. Der Dunkle Lord ließ ein bissiges Zischen vernehmen.
„Auror Davies", stieß er schließlich aus und sein Blick wurde berechnend. „Also treffen wir uns. Meine Todesser haben mir viel über Sie erzählt."
„Ich hoffe, sie haben mich böse ausgemalt."
Voldemort ließ ein zischendes Lachen los. Zwei Schritte hinter ihm zitterte Severus, als sich der Blick des Aurors auf ihn richtete und trotz der Maske, die er trug, darauf blieb. In diesem Blick gab es keinen Ärger, keinen Hass, nur ein unergründliches Bedauern und den bitteren Biss des Verrats. Severus empfand Schuld deswegen und nutzte sie, um seinen eigenen Groll zu ernähren. Er war dem Auror nichts schuldig, musste vor ihm keine Rechenschaft ablegen! Er hatte ihn manipuliert, um sich seine Unterstützung zu versichern, und hatte ihn schnell vergessen, sobald er das gehabt hatte, was er wollte. Waren Potter und seine Helfer in Gefahr, erschien er wie der perfekte kleine Wachhund, der er war, aber Severus? Severus war nichts gewesen als ein Instrument und er war naiv gewesen zu glauben, dass jemand, der so ehrwürdig war wie Davies sich die Hände schmutzig hätte machen wollen, indem er sein Freund geworden wäre.
Lucius war ihm während dieser einigen Monate eine wertvolle Hilfe gewesen und dank ihm hatte er seinen Herrn schließlich treffen können. Der Dunkle Lord bot ihm alles, wovon er je geträumt hatte, Macht und Kraft, Kenntnisse und Respekt, die Möglichkeit, sich zu rächen und endlich nützlich zu sein. Er hatte Unrecht gehabt, an ihm zu zweifeln, den Lügen von Dumbledore und von seinem Taschenauror zu glauben. Der Dunkle Lord hatte ihn nicht gezwungen, sich ihm anzuschließen, er hatte ihm ein Angebot gemacht, das er schließlich nicht hatte ablehnen können. Er hatte ihm sogar den Spion enthüllt, den Davies in der Gestalt von Satis, der kleinen Schlange, die er ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, so geschickt in sein Leben eingeschlichen hatte. Der Körper des kleinen Tiers war längst zu Asche geworden und der Schmerz, den er dabei empfunden hatte, hatte nur den Hass vermehrt, den er für den Auror empfand, der ihn verspottet hatte.
Davies durfte ihn nicht so anstarren wie er es nun tat. Wenn jemand in dieser Geschichte verraten worden war, so war er es sicher nicht.
Severus blickte nicht weg und gab jedes Stückchen Hass und Groll in seine kalten Augen hinein. Der Auror fuhr ein scharfes Gespräch mit dem Dunklen Lord fort und beantwortete seine Fragen mit bissigen Erwiderungen, aber seine Augen hatte jene seines ehemaligen Schülers nicht verlassen.
Als er schließlich wegblickte, schien er, zehn Jahre älter geworden zu sein.
Seinerseits fing Voldemort an, sich sehr schnell zu langweilen, obwohl er eine Zeit lang von der Frechheit des jungen Mannes amüsiert worden war. Er hätte gerne gewusst, wie er den Besitz dieser zauberstablos wirkbaren Zauber bekommen hatte, wenn ihm der Auror aber nicht freiwillig diese Auskünfte gab, so würde er sie nur noch von seinem gebrochenen Körper abzapfen müssen. Immerhin konnte keiner ewig dem Cruciatusfluch und einer Veritaserumbehandlung widerstehen, und sobald er den jungen Severus weiter hätte studieren lassen, so würde er ganz bald einen Zaubertränkemeister zur Verfügung haben, und also soviel Wahrheitsserum wie er wollte. Eine wahre Perle, dieser Junge. Das war eine schöne Entdeckung, die ihm der junge Lucius vorgeschlagen hatte, und er würde sie sicher zu seinem Vorteil nutzen können.
Und zwar eigentlich sofort, denn der Blickwechsel zwischen dem Auror und seinem neuen Todesser war ihm nicht entgangen.
Mit einem Grinsen voller Schadenfreude lud er den jungen Mann ein, nach vorne zu schreiten. Severus gehorchte nach einem winzigen Zögern und der schwarze Magier legte eine knochige Hand auf seine Schulter.
„Ich glaube außerdem, dass Sie meinen neuen hier stehenden Freund kennen."
Ein gehässiges Gemurmel erklang vom oberen Teil der Treppe und Severus erkannte die Stimmen von Potter und Black, die ganz ohne Zweifel damit beschäftigt war, seinen Namen durch den Dreck zu ziehen. Wenn diese beiden nicht die Geistesgegenwart zu fliehen gehabt hatten – was übrigens nicht sehr erstaunlich war –, so waren ihre Mithelfer und das Schlammblut zweifellos nicht weit. Der Herr warf einen stechenden Blick in ihre Richtung und Severus zögerte einen Augenblick lang, ob er das Wort ergreifen sollte, um ihm die Identität der Eindringlinge zu geben, doch diesmal war es die Intensität eines sehr blass blauen Blickes, der ihn auf der Stelle unbeweglich machte, während seine plötzlich trockene Zunge an seinem Gaumen klebte. Dieser alte Narr, dieser Dumbledore, hatte sich seit dem Eingriff des Aurors nicht bewegt und starrte ihn nun mit so viel Bedauern an wie seine zweite Geige.
„Heute ist er tadellos wirksam gewesen und ich ahne vor, dass er mir in den kommenden Jahren umso nützlicher sein wird, also denke ich, dass Danksagungen nötig sind...", fuhr der Dunkle Lord fort und Severus hätte ihm zuschreien wollen zu schweigen.
Davies drehte heftig seinen Blick zu Voldemorts Gesicht um und die Intensität in seinen Augen war fast unerträglich. Einen Augenblick lang glaubte der Dunkle Lord sogar, ein bisschen Smaragdgrün sich in das unerbittliche Braun mischen zu sehen.
„Spiele nicht so mit mir, Tom", murrte der junge Mann. „Du würdest entdecken, dass ich unter uns beiden nicht jener wäre, der am meisten darunter leiden würde."
Voldemort erblasste beim Hören eines Namens, den er seit Jahren von sich geworfen hatte, und vor Wut kniff er die Augen zusammen, doch ein unerwartetes Phänomen zog schon seinen Blick auf sich. Der Auror war erstarrt, stand nun fest mit seinen beiden Beinen mitten auf der Marmortreppe und seine geballten Fäuste hingen nutzlos beiderseits seiner Schenkel. Während er ihn aber beobachtete, erschien ein übernatürliches Licht aus Davies' Haut und verbreitete sich um ihn so wie ein Lichthof, Strahlenkranz aus reiner Magie mit schimmernden Farben aus Gold und Schatten, der die verteilten braunen Locken erhob, um auf der Stirn des jungen Mannes eine zornig rote Narbe zu entblößen.
Sehr interessiert schob Voldemort seinen jungen Todesser beiseite und ging einige Schritte nach vorne, indem er die Aura kritisch betrachtete.
„Beeindruckend", musste er gestehen. „Ich vermute, dass es immer noch nicht möglich ist, Sie davon zu überzeugen, sich mir anzuschließen?"
Harry antwortete während langer Sekunden nichts, sondern sah den schwarzen Magier einfach mit seinem starren hasserfüllten Blick an. Die Inkantation, das er zwischen seinen Zähnen auf elfisch vor sich hin sang – zu leise, dass ihn irgendjemand sonst hören könnte als Albus –, mobilisierte seine ganze Aufmerksamkeit, aber er hatte keine andere Wahl als diesen letzten Pokerstreich zu benutzen. Mit etwas Glück sammelten sich die Auroren vielleicht gerade jetzt und er mussten genug Zeit gewinnen, damit sie die Schule erreichten. Er hatte nicht vor, heute jemanden sterben zu lassen, Albus nicht mehr als die anderen, und das war die einzige Lösung, so unwahrscheinlich sie sei. Wenn die Elfen seine Bitte verweigerten, so wie sie es ganz natürlich tun durften, so würde er keine andere Wahl übrig haben als sich darum zu bemühen, selber dank seiner wenigen Kenntnisse in nicht-menschlicher Magie zu kämpfen, und er würde sich viel zu schnell erschöpfen, dass er lange würde widerstehen können.
Schließlich spürte er nach dem, was ihm eine Ewigkeit gewesen zu sein schien, eine Antwort auf seine Bitte. Nicht weit von den Mauern von Hogwarts fing der ganze Verbotene Wald an zu zittern.
Harry nahm gerade rechtzeitig wieder Kontakt mit der Realität auf, um dem Cruciatusfluch auszuweichen, der gegen das Treppengeländer neben seinem Ellbogen prallte. Voldemort hob erneut seinen Zauberstab und sein wütender roter Blick starrte ihn an, da er offensichtlich verstanden hatte, dass er etwas vorbereitete und dass es ihm sicher nicht vorteilhaft sein würde, wenn er ihn das erfüllen lassen würde. Harry wich einem neuen Fluch aus und schrie Albus zu, nach hinten zu schreiten.
„Mein Junge..."
„Um Merlins Willen, Albus, schreiten Sie nach hinten!"
Er drehte sich um und sah dem alten Zauberer kurz in die Augen.
„Dieses eine Mal, nur dieses eine Mal, flehe ich Sie an, vertrauen Sie mir."
Der Schulleiter zögerte noch einen Augenblick lang, dann nickte er ernsthaft und schritt die Treppe mit der Geschwindigkeit eines halb so alten Menschen hinauf.
Harry wich aus und annullierte so gut wie möglich die Flüche, die nun auf ihn regneten, da die Todesser einig nach vorne schritten, um ihn unbeweglich zu machen und ihn ihrem Herrn zu bieten. Harry erschöpfte sehr schnell, da er mit zwergischen oder elfischen Zaubern abwehren musste, die ihn alle unerbittlich austrockneten, aber paradoxerweise hörte die Energie nicht auf, auf ihn zuzukommen. Das Leben selbst des Verbotenen Waldes wurde ihm eingehaucht, von den Elfen übertragen, die ihm eine letzte Chance schenkten, sich für den Tod der Ihrigen zu entschuldigen, und die Magie häufte sich in einer beträchtlichen Menge in seinem Körper an. Er war nur ein Mensch, und auch wenn er immer über ein riesiges magisches Potential verfügt hatte, so war es doch dem gegenüber, was ihm geboten wurde, nichts.
Die wilde Magie schlug gegen seine Schläfen und erfüllte seine Eingeweide, kämpfte gegen seine Schale aus Fleisch und Blut, gierig, aus diesem engen Gefängnis befreit zu werden. Harry lehnte es ab, nachzugeben, hielt so lange aus wie er es konnte, zwang sie, sich auf sich selbst zusammenzuziehen, bis es ihm schien, dass sein Körper beinahe platzen würde, und noch ein bisschen länger.
Und als er schließlich aufhören musste, um Blut auszuspucken, hob er die Augen und richtete sie in die von Voldemort. Er sammelte die letzten Kräfte, die ihm sein sterblicher Körper bat, sprang und rief den elfischen Flugzauber hervor.
Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, dass er ihn perfekt geschafft hatte. Er hätte hier und jetzt abfliegen, wie ein Blitz über die Köpfe der Todesser und durch die große Türe fliegen, in den Park hinaus fliehen und die Schule auf ewig verlassen können. Er hätte verschwinden, die Gegenwart sich alleine aufbauen lassen, sie alle sich mit dem Schmerz und dem Krieg und den Verraten heraushelfen lassen können. Das war nicht seine Welt, sie war es nie gewesen. Doch er war es, der sie geschaffen hatte, er mit seinen linkischen Eingriffen, er mit seiner falschen Überzeugung, dass er immer alles verbessern konnte. Also zum letzten Mal, nur noch dieses einzige Mal würde er sich erlauben zu glauben, dass dem Jungen, der lebt, alles möglich war, dass er alles ändern konnte.
Ein letztes Mal würde er die Vergangenheit verändern, dann würde er sie sich alleine wieder aufbauen lassen.
Er ließ das Stück elfischer Magie in dem Moment los, als es keiner erwartet hätte, und fiel wie ein Stein zu Boden, so dass er gerade vor dem Dunklen Lord landete. Voldemort sperrte die Augen weit auf und versuchte, seinen Zauberstab zu heben, um sich zu verteidigen, doch er war der Erste, der mit einer eisigen und tödlichen Gewissheit wusste, dass es bereits zu spät war.
Harry ergriff ihn an beiden Unterarmen, bevor er die Zeit hatte, den Todesfluch auszusprechen, und vertiefte seinen Blick in die roten Augen. Und lächelte.
„Du und ich, Tom", flüsterte er. „Heute wird sonst keiner sterben."
Und der Auror, über dessen Kinn Blut floss, drehte ein letztes Mal den Blick zu Severus um. Ihre Augen trafen sich.
Harry ließ los.
Eine riesige Energiewelle explodierte in der Eingangshalle, fegte alle weg, die in der Nähe standen, und warf sie zum Boden. Die Stimme des Dunklen Lords stieß einen letzten unmenschlichen Schrei aus, während ein unerträgliches weißes Licht alles erfüllte. Oben auf der Marmortreppe, wegen der Druckwelle der Explosion dicht an der Wand stehend, lehnte es Albus trotz des Schmerzes, der ihn in den Augen stach, hartnäckig ab, wegzublicken. Zu seinen Füßen hatte James Lily dicht zu Boden geworfen und die Augen hermetisch zugeschlossen. Seine andere Hand war in jenen seiner drei Freunde gebrochen und keiner der Rumtreiber hätte loslassen wollen.
Als sich die Magie schließlich verstreute und als das Licht allmählich erträglich wurde, blieb in der Mitte der Eingangshalle im Kern des Kreises der verlegenen Todesser nur noch ein einziger Aschenhaufen.
Als die Auroren schließlich einige Minuten später ankamen, waren die Anhänger des Dunklen Lords alle geflohen.
Voldemort war tot...
Harry Davies auch.
oOoOoOoOo
Zwei Monate später wurde Lily Evans im Laufe einer unvergesslichen Zeremonie zu Lily Potter.
Der Sommer war voll im Gange, die magische Welt feierte ihre Erneuerung und lernte wieder zu leben. Es hatte unzählige Feuerwerke, Tänze und Trinkgelage gegeben. Es hatte unzählige Zeitungsartikel, warme lobende Reden und sogar ein Denkmal gegeben, das im Gedächtnis an den Sieger über Voldemort aufgerichtet worden war, diesen Mann, der von nirgendwoher gekommen war, mit den Elfen und den Schlangen reden konnte und nichts mehr war als ein Held. Der Merlinorden erster Klasse wurde Harry Davies postum verliehen.
Zahlreiche Todesser waren immer noch frei, doch ohne Meister waren sie nichts mehr als ein kopfloses Monster. In Hogwarts hatte sich eine junge Frau namens Pomona Sprout vorgestellt, um die Stelle von Professor Dodendron zu übernehmen, und Professor Kraftbrüh würde den Dienst noch einige Jahre lang erweisen, obwohl sie vorhatte, bald in den Ruhestand zu gehen, um sich zu ihren Kesseln zu widmen, ohne das Risiko vom unerfreulichen Eingriff eines psychopathischen schwarzen Magiers einzugehen.
Albus legte seine Morgenpost beiseite, wie alle anderen Tage enttäuscht, keine Bewerbung um die Stelle als Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste gefunden zu haben. Noch dieses Jahr würden die Dinge schwierig sein. Er hob seinen funkelnden Blick zu den jungen Leuten, die vor seinem Arbeitstisch versammelt waren.
„Ich vermute also, dass Sie Ihre Entscheidung getroffen haben?"
„Ja", antwortete James. „Wenn Voldemort noch irgendwo steckt, wie Sie es denken, so müssen wir für seine Rückkehr bereit sein."
„Er hat schon genug Schäden angerichtet", stimmte ihm Lily zu, die an die Schulter ihres Mannes gelehnt war. „Er muss endgültig aufgehalten werden."
„Und Davies hat sein Leben gegeben, um uns von diesem Schweinehund zu befreien. Da bin ich wütend zu denken, dass er um nichts gestorben sein kann!", murrte Sirius.
Remus und Peter nickten einfach mit ernstem Gesicht und Albus lächelte.
„Sehr gut. Ich werde binnen Kürze mit Ihnen Kontakt aufnehmen, um Ihnen den Ort und das Datum des nächsten Treffens vom Orden des Phönix zu geben."
Sie standen alle fünf auf und lächelten ihm zurück.
„Danke, dass Sie uns vertrauen", sagte Remus. „Sie werden es nicht bereuen."
„Oh, ich bin mir dessen sicher."
„Und Jamesie und Schönlily werden bald Auroren werden", lachte Sirius, der seinem besten Freund einen freundlichen Schubs gab. „Es gibt einen, der der Spur unseres Lieblingshelden folgt!"
„Ich finde, dass der Herr Unsägliche wohl nicht die beste Person ist, die sich solche Kommentare erlauben dürfte."
„Rooh, gekränkt, lieber James?"
„Ihr seid beide ehrlich echte Hanswurste."
Lily kümmerte sich nicht um die Proteste von Sirius und schob die genannten Hanswurste zum Kamin des Büros. Die Hexe machte ein letztes Kopfzeichen zum Schulleiter und ein Lächeln zu den anderen beiden Rumtreibern, dann schob sie die beiden ins Flohpulvernetz. Die drei jungen Leute verschwanden in einem Regen grüner Funken.
„Ähm, tut mir Leid, dass sie so schnell weggegangen sind", entschuldigte sich Remus mit einem traurigen Lächeln. „Lily und James haben einen Termin in St-Mungo und Sirius hat sie unbedingt begleiten wollen..."
„Oh?", meinte Albus, indem er eine besorgte Augenbraue hob. „Nichts Schlimmes, hoffe ich?"
„Oh, nein!", sagte Peter mit einem breiten Lächeln. „Wahrscheinlich nicht. Aber seit einer Woche beklagt Lily, dass es ihr morgens übel ist..."
Die drei Zauberer wechselten einen Kennerblick, dann wandte sich Remus bedauernd ab.
„Auch ich sollte besser weg. Ich habe einen Termin mit einem Verlag bekommen..."
„Also haben Sie wohl beschlossen, Ihr Buch herausgeben zu lassen, Mr Lupin?"
„Nun ja!", gestand er verlegen. „Immerhin muss ich ja meinen Lebensunterhalt verdienen und ein Werwolf kann ja nicht einfach zur Herberge in der Nähe gehen und um Arbeit bitten..."
„Was hat Ihnen die Idee gegeben zu schreiben, wenn ich fragen darf?", erkundigte sich Albus mit ehrlicher Neugier.
Remus senkte den Blick und starrte einen Augenblick lang die Spitze seiner Schuhe nachdenklich an.
„Das ist Professor Davies, der mich daran hat denken lassen. Ich habe nicht wirklich mit irgendjemandem darüber gesprochen", gestand er mit einem entschuldigenden Lächeln als Antwort auf Peters überraschten Ausdruck, „aber kurz nach dem Maiangriff haben wir zusammen ein langes Gespräch gehabt. Ich habe ihm gesagt, dass ich keine Ahnung davon hatte, was ich nach Hogwarts werden würde, und, tja... Er hat mir schließlich gesagt, dass es schade war, dass keiner die Werwölfe wirklich verstand und dass etwas, was den Leuten das, was wir empfinden, genau verstehen lassen könnte, nötig sein könnte."
„Etwas wie Memoiren eines Werwolfs", sagte der alte Mann und nickte. „Das war gut gedacht."
Remus lächelte stolz.
„Auf Wiedersehen, Professor."
„Bis bald, Mr Lupin, und viel Glück für ihr Gespräch."
Remus warf Peter einen fragenden Blick zu, doch der junge Mann lächelte ihm entschuldigend zu und rührte sich nicht. Der Werwolf zuckte mit den Schultern, ging zum Kamin und verschwand auch. Albus richtete seinen Blick wieder auf den letzten Rumtreiber. Es war deutlich, dass der junge Pettigrew mit ihm über etwas reden wollte, doch er schien zu nervös, dass er das Wort ergreifen würde. Albus erleichterte es ihm freundlich.
„Und Sie, Mr Pettigrew? Haben Sie Zukunftspläne?"
Der junge Mann hob den Kopf und traf schließlich seinen Blick. Das ermutigende Leuchten, das er darin sah, war genug, dass er seine Entscheidung traf.
„Ich habe vor, Hochschulkurse in Verteidigung gegen die dunklen Künste anzufangen", behauptete er.
Er profitierte von der Überraschung in den Augen des Schulleiters und fuhr fort.
„Ich hoffte, wenn ich mein Diplom bekommen habe, dass ich... tja... vielleicht... wenn die Stelle immer noch frei ist..."
Albus fand sein Lächeln wieder und warf ihm einen funkelnden Blick zu.
„Sie werden herzlich willkommen sein, um zu versuchen, die Verwünschung zu brechen, Mr Pettigrew."
Peter richtete sich mit vor Stolz glänzendem Blick wieder auf.
„Ich werde mein Bestes tun!"
Albus reichte ihm die Hand und nach einem zögernden Augenblick schüttelte sie Peter. Mit einem letzten Lächeln warf er auch eine Handvoll Flohpulver in den Kamin und verließ das Schloss.
Albus ging wieder zu seinem Arbeitstisch und setzte sich daran, indem er über die Seltsamkeiten des Lebens nachdachte. Ein junger Mann, der von nirgendwoher gekommen war, war genug gewesen, um binnen eines einzigen Jahres zahlreiche Zukünfte zu erschüttern, die für ewig steif zu sein schienen. Mit einem ein wenig bitteren Lächeln öffnete er eine sehr geschützte Schublade und zog daraus einen Brief, den er sich nicht hatte entschließen können zu verbrennen. Zum xten Mal, seitdem er ihn einige Tage nach Voldemorts Verschwinden bekommen hatte, glättete er ihn sorgfältig und vertiefte sich wieder in seine Lektüre.
An Albus Dumbledore,
Schulleiter der Schule für Hexerei und Zauberei Hogwarts.
Albus,
Dieser Brief, der einem Unsäglichen hinterlassen wurde, dem ich völlig vertraue, sollte Ihnen nur dann geschickt werden, wenn ein – vor allem für mich – bedauerliches Ereignis geschehen sollte. Ich denke also, dass ich diesen Brief mit der üblichen Formel anfangen kann: Wenn Sie diese Worte lesen, so heißt es, dass ich gestorben bin.
Ist es nicht seltsam, diese Zeile zu schreiben? Aber zuerst bin ich sicher, dass Sie sich fragen, wer ich bin, oder, wenn es nicht der Fall ist – was mich nicht erstaunen würde, so wie ich Sie kenne –, aus welchem Grund ich diesen Brief an Sie gewendet habe.
Lassen Sie uns zu Beginn anfangen: Ich heiße Harry Potter und ich komme aus der Zukunft...
oOoOoOoOo
Nah vom See stand ein Wolf mit einem so dunklen braunen Fell, das es fast schwarz war, und mit intensiv grünen Augen. Ein seltsames Mal mit der Form eines Blitzes war auf seiner Stirn sichtbar. Ein letztes Mal beobachtete das Tier das Schloss Hogwarts.
Schließlich wandte er ihm den Rücken ab und verschwand ohne einen Blick nach hinten.
ENDE
