Wir schreiben das Jahr 50 vor der Schlacht von Yavin. Frix ist Oberster Kanzler und Murkhana, Felucia und sechs weitere Planeten sind vor zwei Jahren auf Betreiben der Handelsföderation der Republik beigetreten.
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Die insgesamt zehn Twi'lek-Mädchen saßen dicht zusammengedrängt auf einem riesigen Plüschsofa im Vorzimmer des Holo-Studios und tuschelten. Jede der sechzehn bis achtzehn Jahre alten Mädchen rechnete sich eine Chance darauf aus, erwählt zu werden.
„Du siehst viel zu untypisch für eine Twi'lek aus!", sagte ein grünes Mädchen auf dem Sofa und strich sich bei diesen Worten gefällig über die Spitzen seiner beiden steißlangen grünen Lekkus, welche ein gelbliches Muster zierte.
Die schwarzen Augen des angesprochenen roten Mädchens verengten sich. „Woher willst du denn wissen, was genau für ein Typ jetzt gefragt ist?", parierte sie die Herausforderung.
„Das weiß man doch!", erwiderte die Grüne hochnäsig. „So, wie sich Menschen eine Twi'lek eben vorstellen – mit zwei Lekkus!"
„Du musst es ja wissen", fiel ein anderes Mädchen schnippisch in das Wortgefecht ein. „Ich habe vier Lekkus und ich habe damit die Miss-Wahl dieses Jahres in der Provinz Leyta gewonnen!", prahlte die gelbe junge Frau.
Die Tür ging auf und der menschliche Holograf kam heraus. Sein Blick wanderte über die Twi'lek-Mädchenschar auf dem Sofa, deren Streit urplötzlich verebbt war, kaum, dass er die Tür geöffnet hatte. Alle Mädchen wussten, dass die Würfel gefallen waren. Jede von ihnen hatte zuvor für mindestens fünf Standardminuten im provisorisch eingerichteten Aufnahmestudio hinter der Tür auf Kommando hin gepost, gelächelt oder ernst geschaut, von den langwierigen planetenweiten, Vorauswahlverfahren gar nicht zu reden. Und genau jetzt würde die Entscheidung fallen, welche der Zehn am morgigen Tag das Cover des Allsports Magazine zieren würde.
Zumeist waren Menschenfrauen auf der Titelseite des galaxisweit bekannten Sport-Magazins abgebildet, aber dann und wann gab es Ausnahmen von dieser Regel. Ausnahmen, die dafür sorgen sollten, dass sich die Zeitschrift auch auf solchen Planeten gut verkaufte, die menschennahe humanoide Spezies als Einwohner hatten. Ausnahmen, die einem Mädchen auch aus einfachen Verhältnissen die Chance auf Reichtum und viele Reisen boten – auf Erfolg und vielleicht auch auf ein glückliches Leben.
Und jede der zehn Mädchen brannte darauf, diese einmalige Chance zu nutzen. Die Gelbe zog wie beiläufig ihre beiden hinteren Lekkus nach vorne, damit der Holograf sie auch ja alle vier wahrnehmen würde. Die beidhändige Bewegung hatte Erfolg; der Blick seiner braunen Augen verweilte kurz auf ihrem ebenmäßigen Gesicht, um dann an ihrer schlanken knospenden Figur nach unten zu wandern. In dem Gesicht der gelben Twi'lek machte sich ein erwartungsfrohes Lächeln breit.
Dann war der Moment auch schon wieder vorbei.
„Du darfst reinkommen", sagte der Holograf zu der Roten.
Die grüne Herausforderin schenkte der Auserwählten einen giftigen Blick, dann labte sie sich an der Enttäuschung, die sich der Gesichter ihrer Mitbewerberinnen bemächtigte. Aber dieses geteilte Leid hielt nicht lange vor. Unwillkürlich schwang ihr Kopf herum und ihre Augen schauten der roten Twi'lek hinterher. Jetzt erst, wo sie sie von hinten sah, konnte sie ihre Lekkus zählen … vier fünf sechs, sieben … da war noch einer nach vorne über die Schulter gelegt … es waren acht Stück! Da konnte selbst die Gelbe nicht mithalten.
„Herzlichen Glückwunsch, Shanida", sagte der Holograf freundlich, nachdem er die Tür hinter sich und ihr geschlossen hatte. „Du hast es geschafft! Wir werden sofort deinen Namen auf das Ticket für Coruscant durchgeben", versprach er. „Die Einwilligung deiner Eltern hast du doch dabei, oder?"
Shanida schaute kurz nach unten, bevor sie den Holografen wieder ansah. „Es sollte eine Überraschung für meine Mutter sein. Sie wird sich unheimlich freuen!"
„Welche Mutter täte das wohl nicht", meinte der Holograf und betätigte sein Komlink. „Jetzt brauche ich nur noch ihre Komlink-Nummer."
Der Holograf, die Auserwählte und zwei Assistenten hielten inne, als von der anderen Seite der Tür ein erregtes Stimmengewirr zu hören war.
„Nehmen Sie sie mit! Nehmen Sie sie mit!", hörten die Vier eines der Mädchen trällern.
„Wo ist sie?", fragte eine energische Frauenstimme.
Die Tür ging erneut auf. Eine zornige rote Twi'lek stürmte ins Aufnahmestudio und wandte sich sofort an ihre Tochter: „Shanida, was machst du hier?"
„Ich … also du … wir können den Vertrag mit Allsports unterzeichnen", sagte Shanida lächelnd.
„Wie bitte?", kam es lauernd von der Tür zurück.
Der Holograf setzte sein strahlendstes Lächeln auf und hielt seine Hand zur Begrüßung hin. „Sie sind also …"
„Miss Twaye, Shanidas Mutter!", stellte sie klar, seine ausgestreckte Hand ignorierend.
„Nun, dann kann Ihnen Ihre Tochter die freudige Nachricht ja jetzt mitteilen, falls Sie es im Vorzimmer nicht bereits erfahren haben", sagte der Holograf erwartungsvoll.
„Mom, ich habe die Auswahl zum Titelmädchen des Allsports Magazine für diesen Standardmonat geschafft! Es gibt ein Ticket nach Coruscant und wir werden ganz viele Events besuchen! Sie darf doch mit, oder?", wandte sich Shanida etwas unsicher an den Holografen.
„Selbstverständlich", beruhigte dieser sie. „Für alle Veranstaltungen, wo du gebucht bist, bekommt deine Mutter eine Einladung und eine Eintrittskarte … dein Vater selbstverständlich auch", setzte er nach einem Zögern hinzu.
„Das wird nicht nötig sein!", erwiderte Shanidas Mutter hart.
„Er mag solche Mode- und Sportveranstaltungen wohl nicht besonders", sondierte der Holograf.
„Er ist tot!", sagte die Mutter kühl.
„Oh, das tut mir leid", sagte er in eher beiläufiger Anteilnahme, dann kam er zum Geschäftlichen. „Hier ist der Vertrag und Sie müssen als Elternteil einer Minderjährigen dann noch hier, hier und hier unterschreiben."
„Ich werde gar nichts unterschreiben!"
Dem Holografen klappte der Unterkiefer nach unten. „Wie bitte? Wollen Sie mehr Credits? Also dreitausend Credits für einen Standardmonat sind mehr als großzügig in dieser Branche! Und der Vertrag geht immerhin über ein ganzes Jahr!", entrüstete er sich.
„Sie missverstehen mich, mein Herr. Ich werde nicht unterschreiben", wiederholte die Mutter mit Nachdruck.
„Aber … Mom!", stieß Shanida fassungslos hervor und ihre schwarzen Augen wurden feucht.
„Zeigen Sie mir die Fotos!", forderte die Mutter.
Sofort ging der Holograf zu seiner Holocam und rief nacheinander alle Bilder auf, die er von Shanida Twaye geschossen hatte.
„Jetzt sieh einer an! Was soll das?", fragte die Mutter eisig, als der Holograf ein Foto aufgerufen hatte, auf welchem Shanida mit halbgeschlossenen verträumten Augen und einem ebenso halb geöffneten Mund in einem Zweiteiler für den Badestrand auf einem Basthocker posierte - mit geöffneten Beinen, deren obere Enden immerhin von einem Ball bedeckt wurden, welcher den farbenfrohen Badetanga nur zu einem Drittel bedeckte – genau dem Drittel, welches die Aufnahme gerade noch schicklich machte – nun ja, vielleicht für Zensoren der lokalen Jugendschutzbehörde …
„Mit Verlaub, mein Herr, aber das sind Posen, die für eine Sechzehnjährige wie meine Tochter nicht angemessen sind!", rügte die Mutter den Holografen, der sich daraufhin verlegen durch sein schulterlanges blondes Haar fuhr.
„Ma'am, ich kann ihnen versichern, dass dies das äußerste ist, was überhaupt in ihrer Arbeit vorkommen wird", versicherte er der aufgebrachten Mutter, aber die war noch nicht fertig.
„Und hier! … Da liegt sie so lasziv auf dem Badetuch! Das ist nicht meine Tochter!"
„Bitte beruhigen Sie sich", sagte der Holograf beinahe bettelnd. „Ihre Tochter hat ungeheures Potential!"
„Natürlich hat sie das!", gab die Mutter selbstgefällig zurück. „Und ich werde nicht zulassen, dass ihr Potential an Leute wie Sie vergeudet wird!"
„Nun …", der Fotograf rang die Hände, unschlüssig, was er noch tun könnte, um die aufgebrachte Mutter zu besänftigen.
„Löschen Sie die Fotos!", forderte die Mutter.
„Ich könnte Sie Ihnen überlassen, für alle Fälle, falls sie es sich noch einmal überlegen wollen."
Die Mutter erkannte, dass es dem Holografen schwerfiel, sein eigenes Werk zu zerstören. Also griff sie nach der Holo-Cam des Holografen. Sofort entzog er das teure Gerät ihren roten zupackenden Händen.
„Ich lösche es ja auch schon", lenkte er ein.
Zufrieden sah die Mutter dabei zu, wie der Holograf ein Holobild nach dem anderen von ihrer jungen Tochter löschte, während Shanidas Kopf immer tiefer nach unten sank und ihre Figur schlaff wurde vor Hoffnungslosigkeit.
„Ich hoffe, Sie bereuen das nicht irgendwann. Andere Mütter würden sich alle zehn Finger nach solch einer Chance lecken."
„Nun, ich bin aber nicht wie andere Mütter und meine Tochter ist auch nicht wie andere Töchter", erwiderte die rote Twi'lek, nahm die immer noch schmollende Shanida an der Hand und zog sie aus dem Aufnahmeraum.
Konsterniert sahen der Holograf und seine beiden Assistenten dabei zu, wie zehn rote Lekkus aus dem Raum hinauswogten.
Als Shanida mit ihrer Mutter wieder in den Vorraum kam, bemerkte sie die großen Augen der anderen Mädchen – ihr Getuschel. Sie konnte förmlich riechen, wie sich ihre vormaligen Konkurrentinnen jetzt bessere Chancen auf ein Cover in Allsports ausmalten. Sie gönnte es ihnen nicht. Enttäuscht und beschämt ließ sich Shanida von ihrer Mutter aus dem Gebäude führen.
Sie kamen nach Hause.
„Wie hast du davon erfahren?", fragte Shanida ihre Mutter.
„Deine Freundin hat es mir erzählt, als ich sie auf der Straße getroffen hatte. Offenbar wussten es alle außer mir."
„Ich wollte dir eine Freude bereiten", beteuerte Shanida und legte alle Arglosigkeit, die sie aufbieten konnte, in diesen Blick ihrer schwarzen Augen.
„Nun, wohl eher dir und du dachtest, dass ich da mitspiele. Aber damit wirst du dir nur dein Leben ruinieren", prophezeite die Mutter.
„Aber wieso denn? Andere Mädchen machen das doch auch und sie leben noch", verteidigte Shanida ihr kurzlebiges Model-Abenteuer.
„Und sie werden über kurz oder lang ausgenutzt!", erklärte die Mutter. „Diese Fotos suggerieren den Leuten nämlich, dass du zu haben bist. Aber ein Mädchen wie du ist nicht zu haben! Zumindest nicht so!"
Shanida senkte ihren Blick. „Aber ich weiß nicht, was ich nach der Schule machen soll. Ich habe einfach zu nichts anderem Lust", erklärte sie trotzig ihrer Mutter.
„Man kann allen Tätigkeiten Spaß abgewinnen, wenn man sich intensiv mit ihnen befasst, denn alle sind nützlich und auf ihre Weise erfüllend", mahnte die Mutter ihre Tochter. „Und genau deshalb habe ich eine Lehre für dich auf Kamino organisiert … Als Taucherin für Meeresschätze und Artefakte."
„Nur weil ich Kiemen habe, heißt das noch nicht, dass ich damit auch arbeiten gehen muss!", schmollte Shanida.
„Das ist aber ein seriöser Beruf und die Kaminoaner sind ein anständiges Volk, welches für sich bleibt und uns unsere Ruhe lässt. Sie brauchen Fremdarbeiter, weil sie zwar früher im Meer gelebt haben, diese Lebensweise jedoch völlig verlernt haben und deshalb haben sich ihre Kiemen zurückentwickelt. Und weil Kamino so abgelegen ist, befinden sich dort noch viele Schätze auf dem Meeresgrund, die gerade jetzt nach und nach entdeckt werden. Und wir können daran unseren Anteil haben."
„Und warum machen die Kaminoaner das dann nicht selbst, wenn es angeblich so einträglich ist? Es gibt doch Taucheranzüge", argwöhnte Shanida.
„Sie gehen anderen Tätigkeiten nach und das Tauchen überlassen sie lieber amphibischen Spezies, weil sie dann an Ausrüstung sparen können. Außerdem sind Twi'leks sehr beliebt in der Galaxis und werden deshalb gerne als Touristenführer angestellt. Und du mit deinen Kiemen bis dort wirklich eine Idealbesetzung!"
„Und wenn ich einen Schatz finde, wem gehört er dann?", fragte Shanida.
„Achtzig Prozent gehen an die kaminoanische Regierung; der Rest wird an den Finder ausgezahlt, zusätzlich zu einem regulären Monatsgehalt des Kulturministeriums von Kamino", lockte die Mutter sie.
Shanidas Gedanken schweiften in die Vergangenheit zurück. Sie erinnerte sich noch gut an ihren letzten Urlaub auf Glee Anselm. Das Wasser war warm und einladend gewesen. Sie war zusammen mit den Nautolanerkindern im seichteren Meer nach seltenen Muscheln getaucht. Hin und wieder hatte eines der Kinder einen blauen oder grünen halbdurchsichtigen Glitzerstein gefunden. Ja, das war schön gewesen! Sie wollte das wiederholen. Und wenn sie gar damit Credits verdienen konnte, umso besser.
„Na gut, dann komme ich wenigstens auf andere Gedanken", meinte Shanida unwirsch.
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Nach zwei Standardwochen war der Ausbildungsvertrag perfekt. Shanidas Mutter hatte ihre Stelle als Sekretärin gekündigt. Um die fehlenden Einnahmen zu ersetzen, hatte sie das Apartment für das Jahr, welches Shanidas Ausbildung dauern sollte, relativ teuer an einen Ingenieur untervermietet, der für genau dieses Jahr auf Ryloth arbeitete.
Während das Gleitertaxi mit Mutter und Tochter und den vielen Koffern vom Haus der kleinen Familie zum Raumhafen von Lessu flog, spürte Shanida, wie ihr viele sehnsuchtsvolle Gedanken und Gefühle nacheilten. Es waren die Gedanken und Gefühle all jener Jungen, die in ihrem Viertel lebten und ihr dann und wann verstohlen hinterhergeschaut hatten, ohne dass sich das junge Mädchen jemals darum geschert hätte. Viel lieber hatte sie die Schauspieler in den Holo-Novelas angehimmelt – echte Kerle eben.
Als sie am Raumhafen angekommen waren, wurden sie sogleich von einigen Leuten umkreist, die ihre Dienste als Gepäckträger anboten.
„Das machen wir selbst!", erklärte ihnen die Mutter, während Shanida und der Fahrer des Gleiters die Koffer auf einen Gepäcktrolley wuchteten.
Endlich war alles verladen und der Gleitertaxifahrer bezahlt.
„Was schleppst du denn für viele Sachen mit!", ächzte die Mutter, während sie den Trolley schob.
„Lass mich dir helfen, Mom", sagte Shanida statt einer Antwort und schob mit.
„Nicht so schnell, das ist viel zu auffällig. Außerdem komme ich ja gar nicht hinterher", japste die Mutter, als Shanida den Trolley mit einer Schnelligkeit durch die Gänge und Hallen des Raumhafens fuhr, dass sie Angst hatte, sie würden jemanden aus Versehen rammen.
„Keine Sorge", sagte Shanida, „ich habe alles im Griff!"
Ein Gossam war im Begriff, die Fahrbahn des mannshoch beladenen Trolleys zu kreuzen. Er hatte die Geschwindigkeit unterschätzt, mit welcher der Trolley von links kommend auf ihn zugerast kam. Gerade als er realisierte, dass es zu spät war, um auszuweichen, traf ihn aus dem Nichts ein Stoß von der Seite. Der gehörnte Mann fiel auf den Permabetonboden des Ganges, der zur Startrampe des nächsten Fluges nach Kamino führte.
„Was war denn das?", ächzte der Gossam in die Gegend, ohne zu wissen, an wem er seinen Unmut über seinen unbeabsichtigten Ausweich-Fall auslassen konnte.
„Nun, da hat die Macht Ihnen wohl einen Schutzengel geschickt", meinte Shanida mit einem Lächeln.
„Hören Sie mir bloß auf mit diesem Jedikram!", schimpfte der sich erhebende Gossam und lief fluchtartig vor Mutter und Tochter davon.
„Ich hatte dir doch gesagt, du sollst langsamer fahren!", zischte die Mutter Shanida an. „Was, wenn doch jemand herausfindet, was du getan hast?!"
„Ach, der doch nicht!", meinte Shanida abfällig.
Dann wandte sie sich dem Zeitschriftenkiosk zu, der an die Wartehalle angrenzte.
„Was willst du denn kaufen?", fragte die Mutter.
„Die neueste Ausgabe von Allsports."
„Aber du interessierst dich doch gar nicht für Sport", wunderte sich die Mutter. „Du willst doch nur wissen, wer an deiner statt auf das Cover gekommen ist, habe ich nicht recht?"
„Vielleicht", erwiderte Shanida ertappt.
„Nein, ich will nicht, dass du noch weiter diesen Gedanken nachhängst. Vor allem nicht jetzt!", entschied die Mutter.
„Na gut, dann hole ich uns etwas zu trinken", schlug Shanida vor.
„Nein, du passt auf das Gepäck auf und ich hole uns etwas zu trinken", erwiderte die Mutter.
„Dann eben so", sagte die Tochter mit einem Schmollmund.
Während die Mutter in einen Kiosk ging, um Getränke zu kaufen, holte Shanida eine weiße Flimsiplast-Tüte aus ihrer Tasche hervor. Niemand im Wartesaal beachtete die scheinbar ziellos im Wind schaukelnde Flimsiplast-Tüte, die langsam aber stetig auf den Zeitungskiosk zuschwebte. Eine halbe Standardminute später fiel im Inneren des Zeitungskiosks ein Zeitschriftenheft von seinem Ständer. Da in jenem Ständer noch weitere Exemplare dieses Heftes auf Käufer warteten, fiel das Herunterfallen eines Exemplars nicht sogleich auf. Das Heft blieb für eine Weile auf dem Boden liegen, bis sich die weiße Flimsiplast-Tüte nahe genug heranbewegt hatte. Eine kurze Weile verstrich, um Außenstehenden nicht das Gefühl zu vermitteln, dass die Tüte und das heruntergefallene Heft etwas miteinander zu tun hätten … dann schnappte die weiße Falle zu.
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Endlich hatten Shanida und ihre Mutter ihr Gepäck wohl und sicher im Raumschiff verstaut. Entspannt gingen die zwei Frauen mit ihrem Handgepäck zu den für sie reservierten Sitzen in der Sitzreihe 7B. Es handelte sich dabei um eine von diesen Dreierreihen, wo immer noch jemand saß, mit dem man eigentlich nicht unbedingt zusammensitzen wollte. In diesem Fall handelte es sich um einen ziemlich fetten Menschen mit Halbglatze und schwarzem Dreitagebart, der Mutter und Tochter neugierig musterte. Sofort setzte sich Shanidas Mutter zwischen ihn und ihre Tochter. Ein säuerlicher Körpergeruch schlug ihr von der linken Seite entgegen, auf welcher der dicke Mensch saß. Sie fragte sich, wieso die Kaminoaner solche stinkenden Fremden überhaupt auf ihren Planeten ließen.
Das Mittagessen wurde serviert. Während die Mutter und Shanida noch an ihrer Portion kauten, hatte ihr menschlicher Sitznachbar bereits die zweite georderte Portion halb aufgegessen. Ein lautes Schmatzen und Rülpsen begleiteten sein üppiges Mahl. Shanidas Mutter atmete erleichtert auf, als das Essen vorbei war. Jetzt allerdings holte der Mann eine große Zeitung hervor, die halb über ihren Sitzplatz ragte.
„Sie können die Zeitung ruhig auch auf eine Seite zusammenfalten", rügte Shanidas Mutter den lesenden Menschen, um ihren Platz voll und ganz wieder zurückzuerobern.
„Nun, weil Sie es sind", erwiderte der Mensch in einer tiefen Bassstimme und schlug umständlich und knisternd die beiden Hälften der Zeitung zusammen, so dass nur die Seite offen vor ihm stand, die er gerade las. „Ihre Tochter mit ihrem handlichen Magazin hat es da einfacher", meinte er.
Die Mutter schaute nach rechts zu ihrer Tochter. Ihre rechte Braue hob sich in spontan aufwallender, noch zurückgehaltener Empörung. Auf dem Klapptischchen vor Shanida lag ein Exemplar der neuesten Ausgabe von Allsports. Aufgeschlagen hatte ihre Tochter den Artikel, in welchem eine schlanke gelbe Twi'lek mit vier Lekkus vor einem Strand posierte, von welchem Shanidas Mutter wusste, dass er lediglich eine Kulisse des provisorischen Holo-Studios war, in welchem sie vor zwei Wochen ihre umtriebige Tochter aufgegriffen hatte. Und jetzt hatte Shanida trotz ihres ausdrücklichen Wunsches ...
„Also ich finde ja, dass eigentlich Ihre Tochter auf dem Titelbild sein sollte und nicht die Gelbe da", brach der Mensch in ihre sich überschlagenden Gedanken ein. „Dann würde die Gelbe jetzt hier sitzen und lesen, während Ihre Tochter ganz groß rausgekommen wäre", streute er noch Salz in ihre Wunde.
„Dann müsste ich mir wenigstens nicht Ihr Gequatsche anhören!", erwiderte die Mutter böse.
„Verzeihung, ich wollte Ihrer Tochter ja nur ein Kompliment machen", sagte der Mensch entschuldigend. „Und wer weiß, wofür es gut ist, dass es so gekommen ist und nicht andersherum."
Shanida sah von ihrer hart erkämpften Illustrierten auf. Als sie den Mann ansah, der ihr jenes missglückte Kompliment gemacht hatte, gewahrte sie, wie dessen trübe blaue Augen anerkennend über ihren jungen straffen Körper glitten. Sie wusste, dass es relativ egal war, ob sie sich nun eher freizügig kleidete oder nicht. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass ihr die Männer sogar ungezwungenere Avancen machten, wenn sie sich eher gedeckt kleidete. Aber im Beisein ihrer Mutter? Mit derartigen Blicken? Das ging entschieden zu weit!
„Das will ich auch hoffen", blaffte Shanida ihn an, „Denn Sie sind ganz bestimmt nicht der Grund unserer Reise nach Kamino!"
Der Mensch öffnete seinen Mund, um etwas zu antworten, aber sein Mund schnappte wieder zu, ohne dass ihm auch nur ein Laut entwichen war. Der Blick in Shanidas schwarzen Augen, die sie von ihrer Mutter ererbt haben musste, hielt ihn davon ab. Im Blick der jungen Frau lagen Hass, Überlegenheit und eine abgrundtiefe Verachtung, die er bei einer so jungen Person niemals für möglich gehalten hatte.
Der Rest des Fluges verlief für den Menschen in der Sitzreihe 7B weitgehend schweigend, während die anderen Fluggäste fröhlich und entspannt ihre Schwätzchen hielten.
Note der Autorin: Shanida Twaye und ihre Mutter sind OCs von mir.
Zu der Stelle, wo sich Shanidas Mutter über die Art der Fotos beschwert: Vielleicht erinnern sich einige von euch noch an Victoria Beckham alias Posh Spice, welche während der vierten Staffel von GNTM (2009) die sechzehnjährige Sarina Nowak wegen ihrer aufreizenden Fotos tadelte.
Die Szene, wo Shanidas Mutter ihrer Tochter sagt, dass sie aber nicht zu haben sei und also auch keine solchen Fotos von sich machen lassen sollte, stammt aus einem Gespräch der jungen Jacqueline Bouvier mit ihrem sich um ihr Image sorgenden Vater im Film „Jacqueline Bouvier Kennedy" (1981).
