Es war einmal vor langer, langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis …

Im Jahre 48 vor der Schlacht von Yavin nehmen die Gegensätze zwischen dem Kern und den in die Republik drängenden Planeten des Äußeren Randes der Galaxis langsam Gestalt an. Gewinner dieser Entwicklung sind einige galaxisweit operierende Unternehmen wie der Intergalaktische Bankenclan und die ebenfalls auf dem schönen Planeten Muunilinst ansässige Investmentfirma Damask Holdings, deren derzeitiger Chef, der Muun Hego Damask, in der Republik als Strippenzieher und Intrigant bereits wohl bekannt ist, während er in vielen Gebieten des Äußeren Randes als mutiger Investor, Neuerer und Bringer von Fortschritt und Wohlstand gilt. Niemand ahnt, dass der Muun hinter seiner biederen und redlichen Fassade etliche dunkle Geheimnisse verbirgt.

Davon ahnen auch die beiden Jedi nichts, welche vom Rat der Jedi auf den Planeten Kamino entsandt werden, um dort Sith-Artefakte zu bergen und in den Jedi-Tempel zu bringen. Trotzdem es noch keinerlei offene Anzeichen für die Rückkehr der als ausgestorben geltenden Sith gibt, setzt der Orden der Jedi alles daran, auf dass sich das Gedankengut der Dunklen Seite der Macht nie wieder in der Galaxis ausbreiten möge.

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Jedi-Meister Ni-Cada und sein ehemaliger Padawan Lo Bukk saßen in ihrem kleinen Raumschiff, welches sie auf den Planeten Kamino bringen sollte.

„Wir sind jetzt im Tempel offenbar zu Spezialisten für das Finden und Bergen von Sith-Artefakten avanciert", meinte der Cereaner Ni-Cada amüsiert.

„Warum auch nicht", pflichtete ihm sein Padawan bei. „Nach unserem Erfolg auf Dathomir vor neun Jahren hat sich Meister Yoda eben wieder an uns erinnert. Ich frage mich allerdings, wieso diese Artefakte ausgerechnet auf Kamino gelandet sind? Auf dem Planeten gibt es nichts als Regen und seltsame geklonte Wesen mit langen Hälsen und großen Augen, die absolut machtunsensitiv sind."

Ni-Cada hob eine Braue. „Mein lieber Lo, nur weil es im Tempel keine Kaminoaner gibt, heißt das noch lange nicht, dass diese Spezies absolut machtunsensitiv ist. Wir kennen sie einfach noch zu wenig."

„Eben", meinte Lo Bukk unerschüttert. „Also wer versteckt denn dort schon Sith-Artefakte, wenn noch nicht einmal wir als Jedi diese Welt kennen?", wunderte sich der Zabrak und schüttelte ungläubig seinen rosafarbenen Kopf mit der eindrucksvollen Hörnerkrone.

„Jemand, der nicht wollte, dass sie gefunden werden", mutmaßte sein ehemaliger Meister und wiegte bedächtig sein hohes kegelförmiges Haupt mit dem kleinen weißen Pferdeschwanz, der von der oberen Hälfte seines Kopfes nach hinten herunterhing. „Immerhin hat man in Derem-City auf diesem Planeten bereits das Jedi-Holocron von Jedi-Meister Qalsneek dem Bullen gefunden. Was, wenn sich um die Zeit des Sith-Krieges vor 4000 Jahren auch ein aquatischer Sith hierher verirrt hat?"

Diese Begründung leuchtete Lo Bukk ein.

Das Schiff trat über der blauen Kugel von Kamino aus dem Hyperraum aus. Die für sie reservierte weiße Landeplattform wurde größer, die wie die anderen Plattformen dieser Art, wie die gesamte Stadt Tipoca City auf Pfählen ruhte. Ein roter Punkt wurde auf der Landeplattform sichtbar. Der Punkt wurde zu einer Säule.

Das Raumschiff setzte sanft auf der Landeplattform auf.

„Willkommen auf Kamino", wurden sie auf der Landeplattform von einer rothäutigen, freundlichen, sehr jungen Nautolanerin begrüßt, welche für ihre Spezies ziemlich wenige Lekkus hatte.

Acht zählte Lo Bukk. Genauso viele Hörner zierten seine Krone. Die junge Frau trug ein strahlendweißes Kleid, welches bis über ihre Knie ging und ihre Figur hervorragend betonte.

„Wir freuen uns, dass Sie den Tempel über ihren Fund informiert haben", spann Ni-Cada die Konversation weiter.

„Aber das ist doch selbstverständlich, wo doch die Jedi so viel Gutes in der Galaxis tun", erwiderte die rote Frau zuvorkommend.

„Ich bin Jedi-Meister Ni-Cada, das ist Jedi-Ritter Lo Bukk und Sie müssen Shanida Twaye sein."

„Genau die", bestätigte die rote junge Frau den Jedi-Meister. „Habt Ihr Atemmasken dabei?", fragte sie und sah dabei fragend den Jüngeren der beiden Jedi an.

„Aber das ist doch selbstverständlich", entgegnete Lo Bukk mit einem Lächeln und präsentierte ihr stolz sein Atemgerät.

Shanidas schwarze Augen weiteten sich, als sie das kleine dreigliedrige Gerät in der Hand drehte und betastete. „So klein? Und ohne Kopfkapsel?", wunderte sie sich.

„Ein A99-Aqua-Atemgerät", erklärte Lo Bukk mit sich vor Stolz überschlagender Stimme. „Es wird nur von Jedi verwendet; deswegen kennen Sie es wohl nicht."

„Nun, Ihr seid die ersten Jedi, die ich treffe", erwiderte Shanida unschuldig.

„Man braucht das weiße Mittelstück einfach nur in den Mund zu stecken", erklärte er und strahlte die rote Nautolanerin an. „Die beiden schwarzen Kolben an den Seiten sind Regulatoren. Dort sind Presslufttanks eingebaut, womit wir bis zu zwei Stunden unter Wasser bleiben und atmen können wie die Fische – oder wie Givins im luftleeren All."

„Givins atmen im All nicht. Sie halten dann einfach die Luft an", stellte Ni-Cada richtig, aber das tat dem Strahlen des jüngeren Jedi keinen Abbruch.

Shanida erwiderte sein überschäumendes Lächeln schwach. Genug, um die Worte weiter aus ihm heraussprudeln zu lassen.

„Am Ende der zwei Regulatoren befinden sich Atmosphärensensoren, welche die Bedingungen unter Wasser analysieren und das Atemgerät bei unterschiedlichem Luftdruck im Wasser oder im Vakuum optimieren."

Lo Bukk hörte seine letzten, vor dieser Reise auswendig gelernten Worte gar nicht mehr. Vielmehr hatte er in diesen Augenblicken das Gefühl, als wenn ein plötzliches Feuer seine beiden Herzen versengen würde. Ein schwarzes Feuer, welches aus den Augen dieser jungen Frau kam. Shanidas Augen waren so schwarz wie die Nacht – wie bei so vielen Nautolanern. Er konnte sein Spiegelbild darin sehen. Allerdings waren Shanidas Augen im Gegensatz zu denen der anderen Exemplare ihrer Spezies nicht rund, sondern mandelförmig so wie bei Zabraks oder Menschen. Wie bei diesen Spezies hatten ihre Augen rechts und links Augenweiß, in dessen Mitte eine große, runde, schwarze Iris lag. Vielleicht ist sie ein Mischling – deshalb die ungewöhnlich geringe Anzahl von Lekkus, schoss es ihm durch den Kopf.

Lo Bukk hatte den Eindruck, dass ihn ihre Augen regelrecht anfunkelten. Bestimmt funkelten seine orangenen Augen jetzt auch zurück. Ob sie ihn wohl etwas mochte? Er wurde rot bei diesem Gedanken, dann überlief ihn ein kalter Schauer. Er schaute vorsichtig nach rechts, wo sein Meister stand, sah dessen rechte hochgezogene Braue.

Unhörbar seufzte er auf. Ni-Cada hatte es also registriert. Trotzdem musste er sich zwingen, den Blick von Shanida abzuwenden; genauso, wie es schicklich war – zumindest für einen Jedi.

Nachdem die beiden Jedi ihr Raumschiff auf der Plattform verstaut hatten, geleitete Shanida sie zu dem Lift, welcher sie zu dem U-Boot bringen sollte. Das U-Boot wartete an der Wasseroberfläche auf sie, knapp zweihundert Meter unter ihnen, um sie in die im Meer versunkene ehemalige kaminoanische Hauptstadt zu bringen. Schnell und geräuschlos schloss sich die Tür des Lifts hinter ihnen und er sauste an einem der riesigen Tragepfeiler in die Tiefe. Das auf dem Wasser ruhende U-Bot kam in bessere Sichtweite. Es war zwanzig Meter lang, sechs Meter breit und schimmerte bläulich.

„Wie ein zu großer Aiwha ohne Flossen", sagte Lo Bukk zu seinem Meister.

Ni-Cada erwiderte seinen Blick, antwortete aber nichts.

Die ovale auf der Oberseite des U-Bootes befindliche Einstiegsluke öffnete sich nach oben hin und die Drei kletterten hindurch ins Innere des Unterwassergefährts. Ein enger Gang führte in den Hauptraum, der vielleicht sechsmal sechs Meter groß war und durch welchen man zu beiden Seiten hinaus in den Ozean schauen konnte. Das blaue Wasser füllte die runden Bullaugen gerademal bis zur Hälfte, als sich die Einstiegsluke schloss. Dann tauchte das U-Boot ab.

„Wenn wir alle Drei hier sind, wer steuert dann das Schiff?", fragte der Zabrak.

Die Tür zum Hauptraum des U-Bootes, in welchem sich die beiden Jedi und ihre weibliche Begleitung befanden, öffnete sich mit einem Zischen. Eine Kaminoanerin trat ein, mindestens zwei Meter groß mit dem obligatorisch dünnen Körper, einem langen Hals, auf welchem ein kleiner Kopf thronte, den zwei große silbergraue Augen zierten.

„Darf ich vorstellen? Nia Bo, Leiterin des archäologischen Instituts von Derem-City. Sie wird dem Ministerium über diesen Fund Bericht erstatten. Das Schiff hingegen wird von einem Autopiloten gesteuert, während wir die Mission ausführen", beantwortete Shanida fröhlich Lo Bukks Frage, dann stellte sie der Kaminoanerin die beiden Jedi vor.

„Ihr seid alle überpünktlich. Dann können wir uns ja jetzt auf die Reise machen", erklärte Nia Bo mit sanfter melodischer Stimme.

Das U-Boot tauchte tiefer in den Ozean Kaminos ein. Aus den runden Bullaugen heraus konnte Lo Bukk sehen, dass das Wasser eine dunkelblaue Farbe angenommen hatte – so dunkelblau, dass es fast schon schwarz war. Der Schatten eines Aiwhas zog an ihnen vorüber. Der Zabrak verfolgte seine majestätischen Flossenschläge. So ruhig und reibungslos, wie dieses drei Meter lange Tier seine Bahn durch den dunklen Ozean pflügte, war bislang auch diese Mission verlaufen. Ob sie die Sith-Amulette wohl schnell finden würden?

Lo Bukk spürte, wie die Geschwindigkeit des Schiffes gedrosselt wurde. Die gezackte, von einem gelblichen Glanz umhüllte Silhouette von Derem City kam in Sicht der Scheinwerfer des U-Bootes. Während sich das U-Boot seinem ihm eingegebenen Bestimmungsort näherte, erhaschten die Vier Eindrücke von der versunkenen Stadt mit ihren Sonnentürmen, welche das Licht der Sonne Kaminos verstärkten und damit die Stadt noch mehr erleuchtet und erwärmt hatten, als es dem Stern selbst durch die dicke Wolkendecke Kaminos möglich gewesen war. Die Stadt sah aus, als seien die Bewohner von der vor 19 000 Standardjahren stattgefundenen Überschwemmung überrascht worden. Zweihundert Jahre währte die Schmelze von Gletschern auf Kamino, welche die Stadt schlussendlich unter Wasser getaucht hatte. Alles lag oder stand herum, als würde es gleich wieder benutzt oder gebraucht werden. Diesen Eindruck konnten auch die Wasserpflanzen und Kleintiere nicht mildern, welche sich die versunkene Stadt mittlerweile zu Eigen gemacht hatten.

„Wieso ist das alles nicht verrostet?", wunderte sich Lo Bukk.

„Da die Überschwemmung langsam einsetzte, stieg man zunächst auf wasserresistente Materialien um, die bis heute halten", erklärte Nia Bo.

Lo Bukk und Ni-Cada sahen sich um. Speeder standen am Straßenrand und warteten darauf, dass jemand sie bestieg. Cantinas warben mit Blink-Anzeigen für Preisermäßigung auf Speis und Trank während bestimmter Zeiten.

Schließlich waren die Vier an einem ziemlich unscheinbaren Haus angelangt. Sie setzten ihre Helme mit der integrierten Sprech- und Kommunikationsfunktion auf und bereiteten sich auf das Verlassen des U-Bootes vor. Nia Bo seufzte unhörbar, während sie ihren Helm aufsetzte. Als Spezies, die ursprünglich im Meer zu Hause gewesen war, konnten sich Kaminoaner vor langer Zeit untereinander auch unter Wasser ohne irgendwelche technischen Hilfsmittel verständigen. So wie Nautolaner das noch heute konnten. Das war sogar noch zu der Zeit möglich gewesen, in welcher Derem-City geflutet worden war. Aber nach zehntausend Jahren waren die Kaminoaner des Wassers überdrüssig geworden. Und genau deshalb brauchte sie nun genauso einen Helm wie diese Landratten von Zabrak und Cereaner.

Shanida öffnete mühelos die Tür des Hauses, die nicht besonders verriegelt gewesen zu sein schien. Ni-Cada stutzte, als sie an der Diele vorbei in die Küche gingen. Es schien ihm, als wäre die Küche erst vor kurzem benutzt worden. Es lagen Brocken von Algenbrot herum, welches erst vor kurzem geschnitten worden sein musste.

„Lebt hier jemand?", fragte der Cereaner Shanida, die ihn auf diese Frage hin überrascht durch ihren Helm ansah.

„Nicht, dass ich wüsste", erwiderte sie, während ihre Augen irritiert schauten ob der seltsamen Stimme, die sie plötzlich ob ihres Helmes und der künstlichen Kommunikationsmittel darin verpasst bekommen hatte. Sie hasste diese fremde Stimme. Auch wenn sie sie schon so oft gehört hatte. „Aber ich habe neulich etwas Algenbrot mitgenommen, damit ich während meiner Erkundigungen nicht verhungere. Rohe Fische mag ich nicht so", erklärte sie mit einem Augenaufschlag zu Lo Bukk hin. „Und außerdem sind die Sith-Amulette im Keller, nicht in der Küche", sagte sie jetzt gespielt vorwurfsvoll in Richtung Ni-Cada, der sofort auf dem Absatz kehrt machte.

Auf Shanidas Information hin gingen die Vier die Treppe in den Keller hinunter. Lo Bukk schaute Shanida, die voranging, auf den Po. Was für einen schönen, runden, wohlgeformten Po sie doch im Verhältnis zu ihrer schlanken Taille hatte. Ein knallroter Po unter einem unschuldig-weißen Kleid verborgen, welches bei jedem ihrer Schritte lockend hin und her schwang … Kaum hatte er das gedacht, spürte er, wie ihm Ni-Cada von hinten in die Rippen boxte. Er fühlte sich ertappt, wurde wieder rot. Dann wich seine Scham einem anderen Gefühl. Der Zabrak nahm wahr, wie sich eine Dunkelheit ausbreitete – eine Dunkelheit, die er kannte. Er wandte sich seinem Meister zu:

„Könnt Ihr Euch noch an unsere Mission auf Abraxin von vor neunzehn Jahren erinnern?"

„Genau daran habe ich auch gerade gedacht", murmelte der Cereaner zurück.

„Dann spürt Ihr es also auch."

„Welcher Jedi könnte das auch vergessen", meinte Ni-Cada, während sie weiter die Treppe zum Keller hinabstiegen. „Aber ja, ich kann mich noch genau erinnern. Allerdings bin ich mir im Nachhinein nicht mehr so sicher, was ich an diesem Tag unheimlicher fand. Diesen perversen Nautolaner oder jenen Muun, der uns kurz vor unserem Einsatz am Rande des Sumpfes angesprochen hatte, wo sich dieser gesuchte Verbrecher versteckt hielt."

„Ich weiß, ihr mochtet ihn nicht sonderlich", erwiderte der Zabrak, während Shanida die Kellertür öffnete.

„Für einen Jedi stellt sich nicht die Frage nach Mögen oder Nichtmögen", wies Ni-Cada seinen ehemaligen Padawan zurecht, „ sondern ich hatte das Gefühl, dass er uns etwas verschwiegen hat. Mikrokredite auf einem Provinzplaneten wie Abraxin – das sind für gewöhnlich nicht die Geschäfte, mit denen sich ein Muun abgeben würde. Und dann noch sein Abschiedsspruch ‚Genießt Eure Drinks, Bürger!' … Als wenn wir als Jedi gewöhnliche Bürger wären! Es klang beinahe … herablassend", fand Ni-Cada das richtige Wort.

„Und wenn schon, Meister. Ihr habt den Nautolaner getötet und damit die Dunkle Bedrohung auf Abraxin vernichtet. Das ist es doch, was zählt. Wozu jetzt noch an diesen Muun denken, der vielleicht auch nur von seinen Auftraggebern dorthin geschickt wurde so wie wir", wiegelte Lo Bukk ab.

„Genau das ist es ja – so wie wir", sinnierte Ni-Cada weiter. „Ich habe damals dem Rat der Jedi meine Vermutung mitgeteilt, dass dieser Muun auch wegen diesem Nautolaner nach Abraxin gekommen war. Auch nachdem ich Naat Lare getötet hatte, war da noch so eine Dunkelheit, die ich beunruhigend fand. Aber Meister Yoda und Meister Tyvokka haben mir nicht geglaubt und meine Vermutung abgewiesen. Und danach hat kein anderes Mitglied des Rates der Jedi noch etwas gesagt. Dabei habe ich diesen Muun erst neulich im Senat gesehen – zusammen mit Meister Dooku!", ereiferte sich der cereanische Jedi-Meister.

„Ach wirklich?", mischte sich nun Nia Bo mit ihrer sanften freundlich dahinplätschernden Stimme ein, während Shanida einen Glühstab entzündet hatte und ihnen durch die verwinkelten Gänge voranschritt.

„Ja, es handelt sich um Hego Damask, einen bedeutenden galaxisweit tätigen Investment-Banker", erklärte Ni-Cada.

„Nun, jeder hat mal klein angefangen", warf Lo Bukk ein. „Und außerdem: Was sollte ein aufstrebender und kultivierter Muun wie Hego Damask schon von einem blutrünstigen Nautolaner wie Naat Lare gewollt haben?", setzte er spöttisch hinzu.

Nia Bo war angesichts dieser Enthüllungen in tiefes Nachdenken geraten. Sie wusste, dass besagter Hego Damask erst kürzlich auf Kamino gewesen war, um dort mit Ko Sai, einer bekannten Klon-Forscherin, zu reden. Das hatte sie während des Stimkaff-Klatsches in der Cantina des Ministeriums erfahren, wo sie häufig war. Sie hatte allerdings nichts über den Zweck seines Besuches in Erfahrung bringen können. Kaminoaner waren verschwiegen – auch untereinander.

Mittlerweile waren sie in den Kellergewölben an einer Eisentür angelangt. Sie war aufgebrochen worden und die Aufbruchstelle schien noch recht frisch zu sein. Ni-Cada wusste noch nicht, ob das gut oder schlecht war. Einerseits könnte das bedeuten, dass die Sith-Amulette bereits von jemand anderem gestohlen worden waren. Andererseits gab es nun einen Fluchtweg für alle Eventualitäten, denn die Eisentür konnte nicht mehr von außen verriegelt werden – von wem auch immer. Er zündete sein Lichtschwert, um etwas mehr Licht zu machen.

Lo Bukk nahm wahr, wie Nia Bo beim Geräusch des aktivierten Lichtschwertes zusammenzuckte. Dann sah er, dass Shanida sich neben ihn stellte. „Da fühle ich mich gleich viel sicherer", hörte er sie mit einem Lächeln sagen.

Auch wenn ihre Stimme durch die Kommunikationseinheit verzerrt klang, war sie für ihn das Schönste, was man hier unten überhaupt zu hören bekommen konnte. Lo Bukk lächelte selig zurück. Er wehrte sich auch nicht dagegen, dass sie sich bei ihm unterhakte, um ihn zu führen.

„Es ist da hinten", erklärte sie beschwingt und zog ihn mit sich, während Ni-Cada das Pärchen ansah, aber nichts sagte.

Schon bald wäre diese Angelegenheit auf diesem Regenplaneten erledigt und dann wären sie alle wieder auf ihren Heimatplaneten. Lo Bukk würde diese Shanida niemals wiedersehen. Zufrieden und in Erwartung des brisanten Fundes machte der Cereaner an jeder Biegung, die Shanida vorgab, ein Kreuzchen an die Wand, um sicherzugehen, dass der Rückweg jederzeit zu finden war.

Sie erreichten das Ende des Kellerganges. Eine sich nach oben hin verjüngende trapezförmige Tür ließ sich nur mit etwas Druck öffnen, aber Mrs. Twaye schaffte das alleine. Ein niedriger Raum tat sich vor ihnen auf. Es stand nichts in diesem Raum außer einer quaderförmigen Truhe mit einem nach oben hin gerundeten Deckel.

Die schwere Truhe aus einem dunklen Metall sah alt aus – sehr alt. Shanida und Lo Bukk blieben in etwa zwei Meter Entfernung von ihr stehen, um dem Jedi-Meister den Vortritt zu lassen.

„Ich habe alles so gelassen, wie es ist", sagte Shanida stolz.

„Ich werde jetzt mal den zweiten Glühstab anzünden, damit Euer Meister auch beide Hände für die Truhe freihat", erklärte Shanida und holte einen weiteren Glühstab hervor, der das gelbliche Licht des ersten Glühstabes noch verstärkte. Die kleine Kammer erstrahlte in einem hellen Licht beinahe wie bei Tage.

„Unsere jüngste Mitarbeiterin ist ja so eifrig – und dabei so gewissenhaft", lobte Nia Bo sie.

Ni-Cada deaktivierte seine grüne Klinge.

Lo Bukk fand, dass die melodische, sanft klingende Stimme der Kaminoanerin auch durch die in den Helm integrierte Kom-Einheit nur unwesentlich verzerrt wurde – ganz im Gegensatz zu seiner eigenen Stimme, die er derart entstellt nicht leiden mochte. Er schaute zu Ni-Cada, der sich an dem Deckel der Truhe zu schaffen machte. Gleich würde sein Meister ihm zeigen, was er bereits von der Truhe zu sich herüberwabern fühlte. Zurück im Raumschiff würden sie sich die Artefakte dann noch einmal gemeinsam anschauen - ohne lästige unwissende, machtunsensitive Zuschauer wie hier auf Kamino. Sie würden die Amulette oder gar Gewichtigeres befühlen, betasten, über ihre verborgenen Kräfte sinnieren.

Ni-Cada spürte die Dunkelheit, die in der Truhe vor ihm eingesperrt war. Gleich würde er sie bergen und an einen Ort bringen, wo sie keinerlei Schaden mehr anrichten würde – in den Jeditempel. Er versuchte den Deckel der Truhe anzuheben. Ja, der Deckel ließ sich auch unter Wasser recht leicht öffnen. Da hatte er schon anderes erlebt.

Er öffnete den Deckel, bis dessen Rand auf seiner Kopfhöhe war. Dann begutachtete er den Truheninhalt – und erstaunte. Das dunkle, undefinierbare Dickicht in der Truhe ergab in seinen Augen überhaupt keinen Sinn. Auch die beiden Glühstäbe hinter ihm brachten für den Moment keine Klarheit, obwohl das Licht in der Kammer so hell war, wie man es sich nur wünschen konnte.

War es zu hell?

Es blieb ihm keine Zeit mehr, sich darüber weiter Gedanken zu machen. Obwohl oder gerade, weil die Zeit auf einmal stehenblieb.

Das lungernde, schlummernde Dunkel in der Truhe erwachte jäh zu einem grellen Lichterteppich – noch heller als die beiden Glühstäbe hinter ihm. Etwas Spitzes, Glänzendes schnellte ihm entgegen. Der gestandene Jedi-Meister spürte, wie sich zwei Pfeile in seine Brust bohrten – einer direkt ins Herz … der andere traf seine Lunge.

Seine überraschten, weit aufgerissenen blauen Augen bohrten sich in das Innere der Truhe vor ihm. Er sah, dass diese Pfeile an dünnen Drähten befestigt waren, die zu einem Geflecht ähnlicher Drähte gehörten, welches das gesamte Innere der Truhe ausfüllte.

Ni-Cada durchschoss der Gedanke, dass es eventuell unmöglich sein würde, die aus der Truhe emporsteigende Dunkelheit zu kontrollieren, sie gar an einen sicheren Ort zu bringen, wie er ursprünglich geplant, wie es der Rat beschlossen hatte. Waren die Jedi …?

Es war nicht nur die unerträgliche Dunkelheit, die er soeben entfesselt hatte und die sich nun auf ihn stürzte. Der Jedi-Meister wurde von einer unglaublich heftigen Stromladung getroffen, welche ihm von der Truhe aus entgegenquoll. Es knisterte und summte um ihn herum. Er starrte in die Truhe und erkannte diese Art von Schaltkreisen. Irgendjemand musste dieses Vibronetz von außen in dem Moment aktiviert haben, nachdem er die Truhe geöffnet hatte. Oder hatte er es gar selbst durch das Öffnen aktiviert?

Die Pfeile in Ni-Cadas Brust schmerzten nun, wo sie den Strom in seinen Körper leiteten, umso mehr. Der Schmerz wurde vervielfacht, als der Strom durch das leitfähige Metall des Truhendeckels auch durch des Cereaners Hände in seinen Körper einfuhr. Ni-Cadas Hände hatten ebenjenen Deckel wohl nach oben gestemmt, jedoch noch nicht vollständig nach hinten klappen lassen können, so dass die Truhe permanent geöffnet gewesen wäre und er seine beiden Hände freigehabt hätte, um sich zu retten. Nun klebten seine Hände an dem Deckel - wie drei Lichtschwertklingen im Energieverschluss – das war das einzige Beispiel, was ihm dazu einfiel. Gesehen hatte er so etwas schon oft, aber gefühlt?

Die ihm aus der Truhe entgegenbrandende Dunkelheit im Verbund mit der auf hoher Stufe eingestellten Elektrizität des Vibronetzes ließ Ni-Cada auf eine äußerst peinigende Art und Weise Teil einer schauerlichen Ganzheit werden, die er so noch nie erlebt hatte – die er sich bislang noch nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen vorgestellt hatte.

Paralysiert von den schmerzhaften, nicht enden wollenden Stromschlägen blieb ihm nichts, als weiter in die Truhe zu starren.

Und endlich sah er es.

Mitten in diesem Geflecht von Drähten lag eine Vibro-Klinge. Nicht irgendeine Vibroklinge. Dieses Exemplar hier vor ihm steckte damals vor neunzehn Jahren in jenem Ledergürtel, in dessen Holster sie auch jetzt ruhte. Genau dieser Ledergürtel hatte damals den massigen rechten Oberschenkel des Nautolaners Naat Lare umspannt, um dieser Vibroklinge dort einen Halt zu geben, bevor der Nautolaner sie kampfbereit Ni-Cada entgegengestreckt hatte, bevor Lo Bukk ...

Lo Bukk! Warum tat er jetzt nichts? Jetzt, wo es wirklich nötig war!

Die bislang unbekannten Schmerzen wurden unerträglich. Ni-Cada war immer noch unfähig, irgendetwas zu tun. Der Strom hatte seinen Körper paralysiert. Er fühlte, wie ihm die rastlose, unbarmherzige Energie mehr und mehr seiner Kräfte – seiner Lebenskräfte beraubte. Er realisierte in diesem Moment, dass er seine vier Frauen und seine fünf Kinder niemals wiedersehen würde. Genauso hatten vor eintausend Jahren die Sith ihre Opfer getötet – mit Machtblitzen! - schoss es ihm durch den hohen kegelförmigen Kopf, bevor sein Denken aussetzte.

Seine Hände waren taub geworden - unfähig den Deckel der Truhe weiter geöffnet zu halten. Des Cereaners fahlblaue Augen schauten noch einmal fassungslos und völlig ungeschützt in das grelle Licht der gleißenden Drähte vor ihm, dann schlossen sie sich für immer und er fiel kopfüber in die Truhe, deren Deckel hart und schwer auf seinen Rücken krachte. Das letzte, was Jedi-Meister Ni-Cada hörte, war das entfernte Aufheulen einer Alarmsirene.

Was würde Lo Bukk …?'

Bevor er Eins mit der Macht wurde, wünschte sich Ni-Cada, dass es eine Rettung für seinen früheren Padawan geben möge.

Lo Bukk stand völlig fassungslos vor seinem von der Truhe halb begrabenen Meister. Es hatte zwei Sekunden gedauert, bis er realisiert hatte, was geschehen war. Zwei Sekunden zu lange. Jetzt war es bereits zu spät. War es zu spät? Er drängte zur Truhe, aber die rote Frau an seiner Seite ließ ihn nicht. Er wunderte sich über die Kraft, die sie aufbringen konnte. Wie war das mög…?

„Wir müssen Hilfe holen!", rief Shanida, während sie Lo Bukk hinter sich herzog – weg von der Truhe, die zum Grab seines Meisters geworden war.

„Ich werde meinen Meister nicht zurücklassen!", rief Lo Bukk.

„Die Risiken, sich länger in diesem Kellergewölbe aufzuhalten, sind für alle Anwesenden unkalkulierbar und untragbar! Ich weise hiermit alle, auch den Jedi, an, sich unverzüglich zum Ausgang zu begeben!", hörten die Beiden Nia Bos nachdrückliche, nun nicht mehr ganz so melodische Stimme befehlen.

Jetzt gehorchte Lo Bukk. Ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er sich nur als Gast auf Kamino befand. Die Leiterin des Archäologischen Instituts hatte immer die Oberhoheit über die Mission gehabt. Das hatte er zwar von seinem Meister gesagt bekommen, realisieren jedoch tat er es erst jetzt. Jegliches Aufbegehren war ohnehin zwecklos geworden. Er fühlte, wie sein Meister starb, wie Ni-Cadas Präsenz in der Macht immer schwächer wurde. Ni-Cada hätte gewollt, dass er in Sicherheit kam. Darum hatte er sich, seit der dreizehnjährige Zabrak sein Padawan geworden war, immer gesorgt. Damals auf Abraxin … aber jetzt wäre es an ihm gewesen, seinem Meister zu helfen. Warum hatte er es nicht kommen sehen?


Note der Autorin: Der Cereaner Ni-Cada und sein Zabrak-Padawan Lo Bukk sind Figuren aus dem Roman „Darth Plagueis" von James Luceno. Sie tauchen zeitlich vor dieser meiner Geschichte außerdem in meinen beiden Geschichten „Naat Lare – die Geschichte eines Sith-Schülers" sowie zeitlich danach in „Ein nicht sonderlich willkommenes Geschenk" auf. In letzterer Geschichte ist es das gesamte zweite Kapitel, welches man auch separat lesen kann.