The Life Unlived
by sshg316
Chapter 6: Back to the Beginning
SUMMARY: SSHG; DH-compliant. Während sie die Besitztümer von Severus Snape durchsieht, macht Hermione eine faszinierende Entdeckung, die ihr Leben für immer verändert.
DISCLAIMER: Alle erkennbaren Charaktere und Handlungsorte sind Eigentum von JKR. Es ist keine Urheberrechtsverletzung beabsichtigt.
BETA READERS: DeeMichelle und Subversa
BRIT PICKER*: LettyBird
TRANSLATION: AleaThoron
Das Ungelebte Leben
Kapitel 6: Zurück am Ausgangspunkt
A/N: Ich stelle gewöhnlich keine Anmerkungen des Autors vor das Kapitel, aber in diesem Fall habe ich entschieden, dass es eine gute Idee wäre. Lest bitte dieses Kapitel sehr sorgfältig, weil alles erklärt wird – allerdings nicht alles auf einmal. Vielen Dank und viel Spaß!
sshg316
Als sie endlich dazu in der Lage war, in vollem Umfang zu begreifen, wo sie sich befand, fühlte sich Hermiones Kopf so an, als ob er im Begriff wäre, zu zerplatzen. Sie schluchzte infolge des Schmerzes, der über sie hinwegspülte, auf. Ihre Hände pressten sich an die Seiten ihres Kopfes und sie kniff ihre Augen fest zusammen.
"Hermione!"
Sie konnte Lunas besorgten Aufschrei hören, doch sie hatte sich in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung verloren. Sie konnte nicht antworten. Alles, woran sie denken konnte, war, dass ihr Leben, wie sie es gekannt hatte, vorbei war. Nein, nicht vorbei … es existierte nicht. Es hatte nie existiert.
Ein weiteres Schluchzen wurde aus ihrer Kehle gerissen, und sie wiegte sich vor und zurück in einem fruchtlosen Versuch, sich selbst Trost zu spenden. Wie durch einen Tunnel hörte sie Lunas verzweifelte Stimme, und dann spürte sie Hände, die sie vorsichtig wieder zurück auf die Couch manövrierten.
"Ein Heiler ist auf dem Weg, Hermione. Bitte, sei in Ordnung."
Hermione hatte keine Vorstellung davon, wie viel Zeit vergangen war, bevor der Heiler eintraf. Sie schenkte ihm keinerlei Aufmerksamkeit, als er etliche Diagnosezauber warf, noch hörte ihr Weinen auf, als er Luna darüber informierte, dass sie physisch in Ordnung zu sein schien, bloß emotional überreizt.
Der Heiler offerierte, Luna zu helfen, Hermione zu Bett zu bringen, während er erklärte, dass sie sich am Morgen hoffentlich besser fühlen würde und – falls nicht – dass sich Luna sofort mit ihm in Verbindung setzen solle. Hermione spürte schemenhaft die Hände, die an ihren Armen zerrten, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Arme schlangen sich um ihre Taille, und sie wurde vom Wohnzimmer den Korridor hinunter bis ins Gästezimmer geführt. Sie bemerkte kaum, als Luna ihre Roben in einen Schlafanzug verwandelte und ihr dann ins Bett half. Eine kühle Glasphiole wurde an ihre Lippen gepresst; sie registrierte flüchtig den Geschmack des Beruhigungstranks auf ihrer Zunge. Sie schluckte und rollte sich dann auf ihrer Seite zusammen, als Luna sie zudeckte.
"Wenn du dazu bereit bist, darüber zu sprechen, was geschehen ist, werde ich bereitstehen, dir zuzuhören", murmelte Luna.
Die Tür schloss sich mit einem leisen Klick, und Hermione war allein.
Der Beruhigungstrank entfaltete schnell seine Wirkung, und verfiel in einen unruhigen Schlaf, wo sie von ihren Träumen mit dem Leben verhöhnt wurde, das sie niemals wirklich gelebt hatte.
Das frühe Sonnenlicht des Morgens sickerte durch die transparenten Vorhänge hindurch und Hermione wechselte allmählich ins Bewusstsein zurück. Sie blinzelte langsam, während ihr schwerfälliger Verstand versuchte, sich zu orientieren. Ihre Augen fühlten sich an wie mit grobem Sand bedeckt und waren angeschwollen. Warum—?
Severus.
Frische Tränen füllten ihre Augen. Sie würde heute die Kinder über das Flohnetz kontaktieren; sie würden bei den Vorbereitungen für die Beisetzung helfen wollen. Es gab so viele Menschen, mit denen sie sich in Verbindung setzen musste, so viele Entscheidungen zu treffen. Ihr Daumen bewegte sich zu ihrem Finger …
Ihr Ehering war verschwunden.
Nahezu augenblicklich wurde ihr Verstand von den Ereignissen des vorangegangenen Abends überschwemmt.
Hermione sauste vom Bett und rannte beinahe zum Klo, wobei sie versäumte, der Leichtigkeit, mit der sie sich bewegte und die sie in Jahrzehnten nicht mehr verspürt hatte, Aufmerksamkeit zu schenken. Sie stand vor dem Waschbecken und starrte auf ihre Reflexion im Spiegel, der darüber hing. Auf sie zurück starrte ihr zweiunddreißigjähriges Selbst.
Es war die Wahrheit. Lieber Merlin. Sie war an den Punkt zurückgekehrt, an dem alles begonnen hatte – zurück am Ausgangspunkt. Wie war dies geschehen?
Und was war ihr dann eigentlich widerfahren? Ein Traum? Eine Phantasie? Ein Blick in die Zukunft?
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Wenn es die Zukunft gewesen war, die sie gesehen hatte, dann bedeutete dies, dass Severus am Leben und wohlauf war, und innerhalb des nächsten Jahres würde er nach Großbritannien zurückkehren … und zu ihr.
Freude, überschwänglich und hemmungslos, erfüllte sie von Kopf bis Fuß, und ihr Körper zitterte vor Erleichterung. So schnell, wie es gekommen war, verflüchtigte sich das Gefühl allerdings auch. Und was, wenn dies gar nicht die Zukunft, sondern irgendetwas anderes gewesen war? Sie rief sich die Erinnerung an die Sphäre ins Gedächtnis zurück, wie diese in ihrer Hand herumgewirbelt war, und an das Gefühl der Magie, die von ihren Fingerspitzen bis zu ihrer Stirn strömte.
Die Zukunft oder eine Phantasie? Was davon war es?
Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden … und sie konnte es nicht ertragen, auch nur noch eine weitere Minute ohne das Wissen um die Wahrheit zu vergeuden.
Ganz leise, um Luna nicht aufzuwecken, glitt sie aus dem Badezimmer und ging den Korridor zum Wohnzimmer hinunter.
Sie verweilte einen Moment in der Türöffnung, bevor sie schlussendlich den Raum betrat. Das Durcheinander aus der vorangegangenen Nacht war beseitigt worden; Luna musste, bevor sie sich zurückgezogen hatte, aufgeräumt haben. Als sie das Zimmer mit den Augen abtastete, fiel ihr Blick auf den kleinen mit dem Namen "Eglantine" beschrifteten Kasten.
Gespannte Erwartung und ehrfürchtige Scheu kämpften im Inneren von Hermiones Brust miteinander, und sie konnte ihr Herz gegen ihren Brustkorb hämmern spüren, als sie sich dem Kasten näherte – davon angezogen wie eine Motte vom Licht. Sie kniete auf dem Fußboden neben dem Kasten nieder und zog den Stapel Briefe heraus. Nach einem Moment des Zögerns griff sie nochmals hinein und entnahm auch noch die hölzerne Kugel.
Sie blieb inaktiv in ihrer Handfläche liegen.
Sie ließ den Atemzug, den sie angehalten hatte, in einem Zischen aus Luft entweichen. Ob sie Erleichterung oder Enttäuschung darüber empfand – sie war sich nicht sicher. Möglicherweise verspürte sie ein wenig von beidem.
Nachdem sie die Sphäre in den Kasten zurückgelegt hatte, wandte Hermione ihre Aufmerksamkeit den Briefen zu. Sorgsam knotete sie das gelbe Stück Schleife auf, das die Pergamente zusammenhielt. Ihre Finger zeichneten den Rand des obersten Briefes nach; sie war nervös und nicht nur ein wenig angsterfüllt hinsichtlich dessen, was sie im Inneren finden könnte. Waren dies einfach nur Briefe an einen Freund … oder würden sie erklären, was mit ihr geschehen war?
"Die Antwort muss hier zu finden sein", wisperte sie laut. Und dann raffte sie ihren Mut zusammen, öffnete den ersten Brief und begann zu lesen."
"Verdammt noch mal. Hier ist absolut nichts."
Hermione seufzte und fuhr sich mit einer müden Hand über ihr Gesicht. Sie blies eine verirrte Haarlocke aus ihren Augen und band dann das gelbe Stück Schleife wieder um den Briefstapel. Es war sonderbar; all die Briefe waren von Severus an Eglantine gewesen. Warum würde er Briefe in seinem Besitz haben, die er selbst verschickt hatte?
Sie hatte keine Antwort auf diese Frage und war im Begriff, den Stapel Briefe in den Kasten zurückzulegen, als sie bemerkte, dass es einen weiteren Brief gab, dieser allerdings – wie es schien – im Inneren eines einfachen braunen Umschlags. Den Briefumschlag aus dem Kasten herausziehend, untersuchte Hermione genau die Außenseite; sie war leer. Ihn umdrehend, stellte sie fest, dass das Siegel gebrochen worden war.
Als sie die Pergamente aus dem Umschlag herauszog, sagte ihr irgendetwas, dass dies hier genau das Etwas war, wonach sie gesucht hatte, und binnen kurzem war sie in den Jahrzehnte alten Brief versunken, der von einem Freund zum anderen gesandt worden war.
Lieber Severus,
Ich habe ein ganz besonderes Geschenk für dich beigefügt. Während ich dies hier schreibe, bin ich mittendrin, einen absolut einzigartigen Zauber zu kreieren – einen Zauber, der ganz speziell dir zugedacht ist. Ich weiß nicht wirklich, warum ich das Bedürfnis verspüre, diesen Brief zu schreiben, der das Geschenk begleiten wird, noch bevor es überhaupt vollendet ist, aber wie du genau weißt, glaube ich, dass es immer das Beste ist, wenn man seinen Instinkten folgt.
Seit wir kleine Kinder waren, bist du unser teuerster Freund gewesen, und wir sind stolz darauf – geehrt, sogar – dazu in der Lage zu sein, dir einen sicheren Rückzugsort zu bieten, wann auch immer dies erforderlich ist. Du weißt, dass Xenophilius und ich mehr als einen Freund in dir sehen … du bist unser Bruder auf jede erdenkliche Art, außer vom Blut her. Und genau aufgrund dessen offeriere ich dir dieses Ungewöhnlichste aller Geschenke.
Du musst wissen, mein lieber Severus, ich kenne die Geheimnisse deines Herzens. Nicht nur aufgrund des Bandes der Freundschaft, das wir teilen, sondern, weil du ziemlich schwatzhaft bist, wenn du sturzbesoffen bist.
Du wirst dich an die Ereignisse des letzten Jahres nicht entsinnen können, also werde ich sie dir in Erinnerung bringen. Es war bei unserem wöchentlichen Abendessen, und dir war ziemlich melancholisch zumute, da es der Jahrestag des Tages war, an dem Lily sich von dir abwandte … von uns allen dreien. Und wag' es nicht, sie zu verteidigen, Severus Snape. Ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, dass du beschlossen hast, die Schuld dafür auf deine Schultern zu laden, aber … also, es ist nicht wirklich relevant, glaube ich. Jedenfalls fühltest du dich ziemlich deprimiert und hattest mehr als üblich getrunken. Und das, mein Freund, war der Moment, in dem ich deinen sehnlichsten Wunsch, dein geheimstes Begehren herausgefunden habe.
Du hast mit solcher Traurigkeit auf Xeno und mich geschaut, mit solch einem Verlangen. Ich habe dich gefragt, was denn um Merlins willen los wäre, und du hast uns erzählt – in einer ziemlich langatmigen wissenschaftlichen Abhandlung – wie sehr du dir wünschen würdest, diese Art von Beziehung haben zu können, die wir haben, wie sehr du dich danach sehnen würdest, auf der Sonnenseite zu stehen und das Leben voll auszukosten.
Ich weiß, wie ungeduldig du bist, und ich bin mir sehr wohl bewusst, dass du momentan mit den Zähnen knirschst und mich anmurrst mit "Komm zur Sache!", also weiter im Text.
Du lebst ein Halb-Leben, Severus. Vielleicht nicht einmal das. Du hast dich hinter so vielen Mauern, so vielen übereinanderliegenden Stoffschichten verborgen, dass es für jedermann außerhalb unseres kleinen Kreises förmlich unmöglich ist, an dich heranzukommen. Du schlägst mit verbalen Angriffen um dich, damit sie dir nicht allzu nahe auf den Pelz rücken … weil, wenn sie in einiger Entfernung verbleiben, werden sie nicht in der Lage sein, dich zu verletzen. Und doch, selbst unter diesen Voraussetzungen, ist es dein größter Wunsch, frei zu leben und dich und dein Leben mit einem anderen zu teilen.
Mögen die Zeiten sein, wie sie sind – mir ist klar, dass, selbst wenn es eine Hexe gäbe, die deine Aufmerksamkeit erregen würde, du dich nicht in der Position befindest, um sie zu umwerben – nicht nur aufgrund der Schuld, die du wegen Lilys Tod immer noch empfindest, sondern, weil wir beide wissen, dass Du-weißt-schon-wer eines Tages zurückkehren wird. Und wir wissen ebenfalls, dass Albus Dumbledore deine Dienste wiederum in Anspruch nehmen wird, und du einmal mehr die Rolle des Spions spielen wirst.
Was dein Verstand weiß, steht in direktem Konflikt dazu, was dein Herz wünscht.
Und das, mein teuerster Freund, ist der Punkt, an dem ich ins Spiel komme. Obwohl du nicht imstande sein könntest, mein Geschenk als das zu akzeptieren, was es ist, musste ich es wenigstens versuchen.
Ich präsentiere dir als Geschenk 'Das Ungelebte Leben'. Benutze es klug.
Eglantine
Hermione unterdrückte ein Schluchzen, als sie das letzte Stück Pergament überflog: Instruktionen für die Verwendung der Verzauberten Sphäre. Durch den Schleier aus Tränen, die an ihren Wimpern hingen, las sie die Worte: "Beschwörungsformel, um den Zauber zu aktivieren" und "… nichts als ein Traum, eine Möglichkeit".
Der Brief glitt aus ihren Fingern und landete auf ihrem Schoß, als sie unter der Erkenntnis zusammenbrach, dass die Lebenszeit, die sie mit Severus geteilt hatte, sich ausschließlich in ihrem Kopf abgespielt hatte. Es war kein Blick in die Zukunft gewesen, sondern lediglich eine Vision dessen, was hätte sein können.
Unfähig, diesen Gedanken zu ertragen, warf Hermione den Brief zurück in den Kasten und flüchtete aus dem Zimmer, ohne die Mühe zu machen zu studieren, auf welche Art der Zauber konzipiert worden war, um zu funktionieren.
Im Grunde genommen – was spielte es noch für eine Rolle? Das Wissen darum würde nichts ändern.
Hermione saß am Fenster in Lunas Gästeschlafzimmer mit bis zu ihrem Kinn hochgezogenen Knien, ihre Arme um ihre Beine geschlungen. Eine Stoffbahn aus schwerem schwarzen Material war über ihren Körper drapiert, und eine bleiche Hand hielt den Saum des Stoffs an ihrer Brust fest umklammert, als sie mit leerem Blick auf den Garten hinunter starrte.
Luna hatte im Verlaufe der letzten zwei Tage verschiedene Male nach ihr gesehen, gewöhnlich mit einem Tablett voller Essen. Hermione hatte jedoch nur ein winziges bisschen an den Mahlzeiten gepickt, doch ihr war nicht wirklich nach Essen zumute. Stattdessen war sie in ihren Gedanken zu sehr gefangen gewesen, während sie versuchte, die Ereignisse der letzten wenigen Tage miteinander in Einklang zu bringen.
Als sie in Lunas Wohnzimmer wach geworden war, war sie eine betagte Witwe gewesen, die den Verlust ihres Ehemannes betrauert hatte … nur, um herauszufinden, dass sie überhaupt keine Witwe war, weil der Mann, um den sie sich grämte, in Wirklichkeit niemals ihr Ehemann gewesen war.
Nichtsdestotrotz, er war tot.
Er war tot, und er hatte niemals ihr gehört und würde niemals ihr gehören. Das Leben, das sie geteilt hatten, war nichts als Schall und Rauch, nur Blendwerk, und nichts – absolut nichts – hätte mehr Schmerzen verursachen können.
Weil – ganz egal, wie real dieses Leben sich angefühlt hatte, es hatte sich nicht ereignet.
Es war nicht real gewesen.
Mehr als ein Traum, doch weniger als die Realität – dies ließ Hermione gefangen zwischen zwei Leben zurück, zwischen zwei Welten, die eine genauso scharf und klar wie die andere.
Der tiefschwarze Stoff duftete stark nach Zaubertrank-Zutaten und Kräutern, und der Geruch füllte ihre Nasenlöcher, als sie tief inhalierte. Sie schloss ihre Augen und aalte sich in dem vertrauten Duft, während in ihren Augen unvergossene Tränen brannten – Tränen, die sie kein Recht hatte, um ihn zu vergießen, weil er ihr niemals gehört hatte, um ihn verlieren zu können.
Sie schnupperte und presste ihre Handflächen gegen ihre Augen, sein Duft noch berauschender, als sie das Material noch näher an ihre Nase heranzog. Sie erhob sich und schob den Wollstoff von ihren Schultern. Behutsam, geradezu ehrfürchtig, faltete sie den Stoff ordentlich, presste ihn an ihr Gesicht und legte ihn danach sacht auf das Bett. Sie würde seine Roben in den Schrankkoffer zurücklegen und dann versuchen, ihr eigenes Leben weiterzuleben.
Sie hatte die Kinder zu berücksichtigen – Kinder, die sich auch jetzt noch durch die Scheidung ihrer Eltern aus der Bahn geworfen fühlten, Kinder, die sie ungeachtet ihres Wunsches, sich in ihrem Kummer zu suhlen, brauchten … Kinder, die an diesem Nachmittag in ihre Arme zurückkehren würden.
Sie hatte keine andere Wahl, als vorwärts zu gehen.
Weil – wenn sie irgendetwas aus ihrem 'anderen Leben' gelernt hatte, dann war es, dass Zeit zu wertvoll war, um sie zu verschwenden.
Luna summte falsch vor sich hin, als sie das Mittagessen vorbereitete, doch Hermione nahm die nicht miteinander harmonierenden Töne kaum zur Kenntnis. Die Kinder kehrten von ihrem Besuch bei ihrem Vater zurück, und sie war nervös. Das letzte Mal, als sie Rose und Hugo gesehen hatte, waren sie Großeltern gewesen; jetzt hingegen waren sie wieder kleine Kinder.
Sie seufzte auf und rief sich selbst in Erinnerung, dass sie noch immer kleine Kinder waren. Sie waren noch nicht ins Erwachsenenalter hineingewachsen, hatten niemals Kinder und ihre eigenen Familien gehabt. Das, woran sie sich erinnerte, war nicht real gewesen, und sie würde gut daran tun, dies nicht zu vergessen.
"Fühlst du dich besser?", fragte Luna, ihren Rücken Hermione zugewandt, als sie einen Laib Brot in dicke, krustige Scheiben aufschnitt.
"Mmm", brummte Hermione unverbindlich, während sie an ihrem Tee nippte.
"Ich habe darüber nachgedacht", fuhr Luna fort, "dass du vielleicht mit einem Schlickschlupf zusammengestoßen bist – weißt du, weil sie dein Gehirn sich wie verwuselt anfühlen lassen, und sie unsichtbar sind, so dass du sie nicht ankommen sehen kannst." Sie legte die Brotscheiben auf einen Servierteller. "Aber das ist nicht sehr wahrscheinlich, oder? Es hat seit Jahren keine Schlickschlupf-Sichtung gegeben."
Hermione konnte sich eines Lächelns über die Wehmut in Lunas Stimme nicht erwehren. "Ich vermute mal, dass es ziemlich schwierig zu erklären sein dürfte, ein unsichtbares Wesen zu sichten."
Luna blickte flüchtig über ihre Schulter und nickte verständnisinnig. "Naja, das erklärt alles, oder nicht?"
Ein Klopfen an der Küchentür hallte in der kleinen Küche wider, und Hermione war augenblicklich auf den Beinen, begierig darauf, ihre Kinder und ihren Freund zu sehen. Trotz der Tatsache, dass sie sich darauf gefasst gemacht hatte, war der Anblick der drei, die im Garten standen, als sie die Tür aufriss, auch jetzt noch emotional überwältigend – sie waren alle so jung.
Auf ihre Knie fallend, öffnete Hermione ihre Arme und hieß ihre Kinder in ihrer Umarmung willkommen. "Hallo, meine Lieblinge! Hattet Ihr einen schönen Besuch bei Daddy?"
"Ja, Mami!", rief Rose glücklich aus und ließ unverzüglich eine sehr ausführliche Schilderung von allem vom Stapel, was sie und ihr Bruder in den letzten drei Tagen getan hatten. Hermione hörte aufmerksam zu, bis Luna schließlich imstande war, das kleine Mädchen mit dem Versprechen auf Mittagessen zum Schweigen zu bringen.
Während Rose weiterhin über ihren Besuch bei ihrem Vater plapperte, hatte sich Hugo an Hermione gekuschelt und war unverzüglich eingeschlafen. Hermione schaute beunruhigt zu Ron hinüber. "Ist er krank?"
"Nein, aber er hat nicht sehr gut geschlafen."
Hermione lächelte. "Naja, du hast schon immer Schwierigkeiten damit gehabt, ihn ins Bett bringen", neckte sie.
Ron legte in verwirrter Überraschung über ihren warmen Ton die Stirn in Falten. "Oh – äh, ja. Ich nehme es an. Er ist bei dir immer besser schlafen gegangen."
"Ich bin überzeugt davon, dass es ihm gut gehen wird, sobald er sein Nickerchen gemacht hat", antwortete Hermione, als sie sich erhob, während sich ihre Arme schützend um Hugos winzigen Körper schlossen. Es schien Ewigkeiten her zu sein, seit sie ihn auf diese Art und Weise zärtlich an sich gedrückt gehalten hatte. Andererseits – sie nahm an, dass es beinahe ein Jahrhundert gewesen sein musste. Den Gedanken abschüttelnd, sagte sie: "Warum bleibst du nicht zum Mittagessen, Ron? Ich bin mir sicher, dass Luna genug für alle gemacht hat, und es wäre nett, uns gegenseitig auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen."
Ron blickte flüchtig zu Luna, wobei seine Augenbrauen beinahe in seinem Haaransatz verschwanden. Dann wandte er seinen misstrauischen Blick erneut Hermione zu. "Ich bin – also, ich bin nicht davon überzeugt, dass das eine gute Idee ist."
'Natürlich', dachte Hermione traurig. 'Ich hatte eine gesamte Lebenszeit, um mich mit der Situation zu arrangieren, aber für Ron sind es nur ein paar Wochen – viel zu früh, um unsere Freundschaft zu erneuern.'
"Vielleicht hast du Recht", sagte sie, wobei ihr Lächeln nicht ganz ihre Augen erreichte. "Vielleicht ein andermal."
Sie brachte ihn zur Tür, während Hugo leise an ihrem Hals schnarchte. Nach einer hölzernen Verabschiedung trug sie Hugo zum Gästezimmer und legte ihn behutsam auf das Bett. Es war eine sehr lange Zeitspanne vergangen, seit sie ihn derartig klein gesehen hatte. Sie strich eine Haarlocke aus seiner Stirn und fragte sich dabei, ob er – wenn er älter würde – genauso ausschauen würde, wie er in ihrer anderen Zeitlinie ausgesehen hatte.
Den Gedanken beiseite schiebend, beugte sie sich herunter und küsste seine Stirn, drehte sich dann herum und verließ den Raum.
Nach einer weiteren Woche zuhause mit den Kindern kehrte Hermione zu ihrem Job im Ministerium zurück. Molly war schnell dazu bereit gewesen, Rose und Hugo gemäß ihrer bisherigen Übereinkunft zu beaufsichtigen, und die Kinder schienen glücklich zu sein, zu ihrem normalen Tagesablauf zurückzukehren.
Nachdem dies geklärt war, begann Hermione damit, nach einem eigenen Haus zu suchen, nach einem Ort, irgendwo, den sie ihr Zuhause nennen konnten. Dankbarerweise war Luna mehr als glücklich, ihnen zu erlauben, weiterhin bei ihr zu wohnen, bis Hermione etwas Passendes finden konnte. In der Zwischenzeit genoss sie mit wahrer Wollust die Gelegenheit, an die Arbeit zurückzukehren, wobei sie darauf hoffte, dass es leichter sein würde, sich mit ihren doppelten Realitäten auseinanderzusetzen, wenn sie ihren Verstand beschäftigt hielt.
"Lasst uns heute Abend das hier spielen, wollen wir?", fragte Hermione die Kinder, als sie die Spielebox auf den Küchentisch stellte. Sie hatte das Spiel auf ihrem Heimweg vom Ministerium erworben und war aufgeregt, es mit den Kindern zu spielen. Nach Aussage des Ladenbesitzers hatte sie Glück gehabt, eines der Spiele ausfindig zu machen. Er hatte ihr erzählt, dass das Spiel gerade erst innerhalb der letzten wenigen Monate und nur in beschränkten Stückzahlen auf den Markt gebracht worden war. Genau genommen hatte sie das Letzte genommen, das er auf Lager gehabt hatte.
"Warten wir nicht auf Tante Luna?", fragte Rose.
"Hab' ich es dir nicht erzählt? Sie hat eine Nachricht geschickt, in der sie uns mitteilte, ohne sie anzufangen."
Rose schmollte, wobei ihre Unterlippe sich mitleiderregend vorwölbte.
"Zieh diese Lippe zurück, bitte", mahnte Hermione leise. "Tante Luna hatte irgendetwas sehr Wichtiges zu erledigen, und sie wird bald zurück sein. In Ordnung?"
Rose antwortete nicht, machte sich jedoch daran, den Inhalt der Spielebox zu untersuchen. "Was ist das für ein Spiel, Mami?"
Hermione hielt einen Augenblick inne, für einen Moment von Roses Frage überrascht, bis sie sich daran erinnerte, dass, genau genommen, ihre Tochter selbst bislang das Spiel noch nicht gespielt hatte – nicht wirklich jedenfalls. "Es wird 'Winkelgasse' genannt. Wir haben es zuvor noch nicht gespielt – es wird Spaß machen! Warum suchst du dir keine Spielfigur aus, hmm?"
Rose wählte rasch den Besen aus und Hermione blieb der Atem weg. War Rose nicht immer das Buch gewesen? Auf ihre Lippe beißend, um sich davon abzuhalten, die Stirn zu runzeln, griff Hermione in den Kasten. Ihre Finger verweilten über dem Miniatur-Zinn-Kessel, bevor sie aufseufzte, den Federkiel ergriff und ihn auf das mit 'Tropfender Kessel' beschriftete Quadrat stellte.
Sie blickte auf, nur um festzustellen, dass Hugo sie mit seinen großen blauen Augen anstarrte, seinen Daumen in seinem Mund. "Würdest du gern die Eule sein, Liebes?"
Er nickte, und Hermione lächelte, während sie seine Spielfigur auf das Brett neben die ihrige stellte. Rose folgte dem Beispiel, und sie begannen zu spielen.
Das Spiel verwandelte sich schnell in ein Chaos. Rose war irritiert und über alle Maßen gelangweilt, während Hermione den Großteil ihrer Zeit damit verbrachte, die überzähligen Spielfiguren aus Hugos Reichweite zu ringen, so dass er damit aufhören würde zu versuchen, sie zu essen.
Sie waren zu jung für das Spiel, wie Hermione begriff. Ihr schossen die Tränen in die Augen, und sie blinzelte sie zurück, da sie die Kinder nicht mit ihren Gefühlsausbrüchen erschrecken wollte. Sie packte das Spiel ein und seufzte. "Vielleicht werden wir das ein andermal nochmals versuchen."
"Warum versuchst du nicht dies hier?", schlug eine Stimme vom anderen Ende des Raumes her vor.
Sie drehte sich herum, um Luna in der Türöffnung stehen zu sehen; diese hielt das Lieblingsspiel der Kinder in ihrer Hand.
"Der Honigtopf!", schrie Rose enthusiastisch, als sie auf ihrem Stuhl auf und ab hüpfte.
Hermione lächelte Luna dankbar zu, und bald rasten sie alle um die Wette das Spielbrett entlang, darauf hoffend, auf der 'Zuckerfeder-Gasse' zu landen, und dem 'Schwarzen Lakritz-Wald' aus dem Weg zu gehen."
So viel Spaß, wie sie dabei auch hatten – Hermiones Gedanken kehrten immer und immer wieder zu dem anderen Spiel zurück … und zu dem kleinen Zinn-Kessel, den sie jetzt in ihrer linken Hand hielt.
Hermione stapfte den Hügel hinauf, ihre Beine von der Anstrengung überanstrengt; sie war erschöpft, sowohl psychisch als auch physisch. Sie hatte sich in ihre Arbeit gestürzt, und zwischen ihrem aktuellen Projekt und den Kindern hatte sie sich selbst ein klein bisschen überfordert. Sie war mehr als bereit, zu Lunas Haus zurückzukehren, ein wenig Zeit mit den Kindern zu verbringen, und dann auf dem Bett zusammenzubrechen … auch wenn sie wusste, dass Schlaf schwer realisierbar sein würde. Doch bevor sie zum Haus zurückgehen konnte, gab es einen Gang, den sie absolvieren musste, einen kurzen Abstecher, um etwas Wichtiges zu erledigen.
Endlich war sie oben auf dem Hügel angekommen und erreichte den kleinen, von einem Zaun umgebenen Friedhof. Es gab ein lautes Knarren, als sie das schmiedeeiserne Tor aufstieß, und dann nach drinnen glitt. Während sie zwischen den ihr nichtssagenden Grabsteinen herumwanderte, suchten ihre Augen nach einem einzigen Namen. Sie fand das, wonach sie suchte, unter einem großen Eichenbaum.
Eglantine Lovegood
Geliebte Frau, Mutter und Freundin
"Hallo. Ich bin Hermione Sn—" Sie hielt inne, und atmete dann tief ein. "Hermione Granger. Ich bin eine Freundin von Luna", sagte sie leise, als sie vor dem Grab stand. "Ich wollte mich nur einfach bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie eine so gute Freundin für—" Sie schluckte und reichte ins Innere ihrer Tasche, bevor sie sich vorbeugte, um ein Gebinde aus Gänseblümchen am Sockel des Grabsteins abzulegen. "Er vermisste Sie so sehr."
Ihre Augen wanderten zum Grabstein neben Eglantines Grab hinüber. Die Auroren hatten seinen Zauberstab gefunden, allerdings keinen Körper – Harry war der Meinung, dass die Todesser ihn gestohlen haben könnten … doch unabhängig davon – ein Grabstein war zum Andenken an den Mann errichtet worden, den viele jetzt als einen Helden erachteten. Soweit Hermione wusste, hatte niemand sich irgendetwas bezüglich dessen Örtlichkeit – neben dem Grab von Lunas Mutter – gedacht.
Der Anblick seines in den Stein gemeißelten Namens sandte eine frische Woge aus Schmerz, die sie überschwemmte.
Severus Snape
Freund, Lehrer, Held
Er kämpfte bis zum letzten Atemzug
Hermione kniete neben dem Grabmal, und obwohl sie wusste, dass sich sein Körper nicht dort befand, begann sie zu sprechen. "Hallo, Severus. Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich dich mit deinem Vornamen anspreche." Ihre Finger spürten den gemeißelten Buchstaben seines Namens nach, und dann zog sie ein weiteres Blumengebinde aus ihrer Tasche heraus. "Ich habe diese für dich mitgebracht – einen Strauß Vergissmeinnicht. Sie erschienen mir angemessen." Sie lächelte ein kleines bisschen, als sie sich seine gequälte Reaktion auf ihre Worte ausmalte; sie konnte ihn sich vorstellen, wie er seine Augen rollte und vor sich hin murmelte, was für eine törichte Hexe sie sei.
Sie legte die Blumen neben dem Stein nieder und setzte sich dann auf die kühle, trockene Erde. Sie begann, zu ihm zu sprechen, ihm von den Kindern und von den Geschehnissen zu erzählen, die sich ereignet hatten, seit sie 'davon zurückgekehrt' war – wie schwierig und verwirrend alles war. "Es ist noch schlimmer als damals, als ich mein Gedächtnis verloren hatte – aber natürlich, das ist ja nie geschehen. Merkst du, wie durcheinander ich bin?", sagte sie mit einem traurigen Lachen.
Das Lächeln verschwand von ihren Lippen, und sie spielte mit dem Saum ihrer Roben. "Du fehlst mir. Ich weiß, es war nicht real, und ich weiß, dass du schon vor sehr langer Zeit gestorben bist, aber …" Sie zuckte mit den Achseln. "Ich kann nicht mehr ohne dich schlafen – auch wenn du immer die Bettdecken geklaut hast. Ich habe damit begonnen, in deinem alten Nachthemd zu schlafen – das Nachthemd, das ich im Schrankkoffer gefunden habe, den du Luna und ihrem Vater hinterlassen hast. Ich weiß, dass ich das nicht machen sollte, aber es hilft, auch wenn es nicht dasselbe ist."
Der leichte Wind frischte auf, und mehrere Blätter wehten über ihren Schoß. Sie erhaschte eines in ihrer Hand und betrachtete es genau, während sie weitersprach. "Einen Großteil der Zeit bin ich extrem durcheinander. Zu versuchen, den Überblick über zwei Leben zu behalten, ist äußerst schwierig. Allerdings passe ich mich langsam an die neuen Bedingungen an. Wirklich, das tue ich. Die Kinder zu sehen, hilft dabei, die Dinge nüchtern zu betrachten. Es ist … es ist hart zu akzeptieren, dass sie dich niemals kennen werden."
Eine Träne rann ihre Wange hinunter, und sie streifte diese schnell ab. "Ich bin überzeugt davon, dass du über mich fürchterlich verärgert sein würdest, wenn du wüsstest, dass ich zufällig Eglantines Geschenk aktiviert habe. Ich verstehe nicht, auf welche Art die Sphäre funktioniert, und ehrlich gesagt, ich lege nicht wirklich Wert darauf, das zu wissen. Zuerst habe ich gedacht, dass es besser sein würde, mit meinem Leben weiterzumachen, so gut ich irgendwie könnte. Wenn ich allerdings ehrlich mit mir selbst bin, habe ich … ich habe Angst, denke ich. Ich habe Angst davor, dass, wenn ich diese Erfahrung allzu pedantisch unter die Lupe nehme, das dazu führt, dass sie auf irgendeine Art abgeschwächt wird oder dass sie noch weniger real gemacht wird, als sie es jetzt ohnehin schon ist. Also, ich tue mein Bestes, meinen Weg weiter vorwärts zu gehen und versuche dabei, meinen Kopf nachdrücklich im Hier und Jetzt zu behalten. Ich mag es zu denken, dass du mit mir übereinstimmen würdest."
Sie erhob sich und streifte die Blätter von der Vorderseite ihrer Roben ab. "Ich bin dankbar für das Leben, das wir geteilt haben. Unabhängig davon, ob es echt war oder nicht, habe ich beschlossen zu glauben, dass ich den wahren Severus Snape kannte. Ich habe mich dafür entschieden zu glauben, dass das, was wir zusammen hatten, etwas Spezielles war, etwas, was niemals reproduziert werden kann. Ich habe mich dafür entschieden, dich zu lieben … ich werde dich immer lieben. Und ich werde niemals vergessen."
Mit einem letzten liebkosenden Streicheln ihrer Finger über seinen Namen drehte sie sich herum und verließ den Friedhof.
Hermione hatte nicht sogleich bemerkt, als die Erinnerungen zu verblassen begannen.
Sie war mit ihrer Arbeit, den Kindern, der Suche nach einem Haus beschäftigt gewesen … beschäftigt mit dem Leben an sich. Mit ihrem solchermaßen in der Gegenwart gefangen genommenen Denken geschah es erst, als sie mit Absicht versucht hatte, sich eine spezielle Erinnerung ins Gedächtnis zurückzurufen, dass sie den nebeligen Dunstschleier bemerkte, der ihr anderes Leben sukzessive zu schlucken schien.
Hermione war in Panik geraten und hatte das Erste gemacht, was ihr eingefallen war: sie hatte sich mit Harry in Verbindung gesetzt.
Jetzt saß sie an Lunas Küchentisch und wartete ungeduldig auf Harrys Antwort. Langsam, unaufhaltsam, wurde das Leben, das sie mit Severus gelebt hatte, systematisch ausgelöscht. Stück für Stück, Erinnerung für Erinnerung, löste es sich in nichts weiter als verschwommene Eindrücke auf. Sie war sich nicht sicher, ob ihr Plan funktionieren würde, doch sie hatte keine Wahl; sie musste es versuchen.
Hermione fühlte sich, als ob sie unter dem Gewicht ihrer Angst erstickte. Die Erinnerungen waren alles, was ihr von Severus geblieben war. Sie musste irgendetwas unternehmen, um deren Verblassen aufzuhalten – sie hatte versprochen, dass sie ihn nicht vergessen würde.
Nur eine Stunde war vergangen, bis das Paket von Harry per Eule ankam. Hermione öffnete im Eiltempo das Küchenfenster, um dem Vogel zu ermöglichen, in die Küche zu fliegen. Ihre Finger zitterten, als sie sich abmühte, den Knoten zu lösen, der das Paket am Bein der Eule sicherte, bis dieser sich schließlich lockerte. Die Paketsendung beiseite legend, gab sie der Eule ein Stück Toast, bedankte sich bei ihr, und schickte sie wieder auf den Weg.
Kaum hatte sie das ziemlich schwere Paket schwungvoll in ihre Arme gehoben, hetzte sie die Treppe zum Gästezimmer hinauf, dankbar dafür, dass die Kinder über das Wochenende ihre Eltern besuchten.
Innerhalb von Minuten kniete sie auf dem Fußboden nieder und platzierte das flache Steinbecken direkt vor sich. Ihre Augen schließend, rief sie sich die klarste Erinnerung an ihr Lebens mit Severus ins Gedächtnis, die sie bewerkstelligen konnte – die Nacht in der Küche ihres kleinen Cottages, als er sie erstmals geküsst hatte. Sie presste ihren Zauberstab an ihre Schläfe, und binnen kurzem begann ein silberfarbener Strang zu entstehen, den sie herauszuziehen versuchte. So ungemein langsam, wie sie ihren Zauberstab auch bewegte – plötzlich schnipste der Strang und zerplatzte in eine Wolke aus funkelndem Silberstaub.
Ihr frustrierter Schrei zerriss die Luft, als ihr Zauberstab aus ihren schlaff gewordenen Fingern fiel und klappernd auf dem Fußboden landete. Das Denkarium war ihre einzige Hoffnung gewesen … und es hatte sich als ein Fiasko erwiesen. Ihre größte Angst war Wirklichkeit worden: die Erinnerungen betrafen Ereignisse, die nie in der Realität stattgefunden hatten, und deshalb konnten sie nicht bewahrt werden. Sie kämpfte gegen den Drang an, ihren Zauberstab aufzuheben und es immer und immer wieder zu versuchen, bis es schließlich funktionierte, doch sie wusste, dass ihre Versuche erfolglos sein würden und nur im frühzeitigen Verlust ihrer Erinnerungen resultieren würden.
Sie ließ ihren Kopf in ihre Hände fallen. Wie viel mehr konnte sie ertragen? Warum machte es den Anschein, als ob ihr alles gewaltsam entrissen würde? Zuerst Ron, dann fünf Jahre, danach Severus … und jetzt eine komplette Lebenszeit. Alles verloren. Ihre Augen wischend, erhob sie sich und rollte sich dann auf dem Bett zusammen, ihre Arme um ihren Rumpf geschlungen, als ob sie ihren Schmerz damit in Schach halten konnte.
Es war grausam genug, dass sie ihr letztes Band zu Severus verlor, doch Hermione hatte nicht erkannt, wie sehr die Erinnerungen aus ihrem anderen Leben dafür verantwortlich waren, dass sie in ihrem echten Leben nicht den Boden unter den Füßen verlor. Es hatte ihr erlaubt, darauf zu hoffen, dass, egal wie jämmerlich die Dinge im Augenblick auch erscheinen mochten, sie eines Tages glücklich und gesund und wieder mit sich im Einklang sein würde. Es hatte eine Art Prüfstein für sie bereitgestellt – das Wissen, dass sie ein neues Leben für sich und ihre Kinder aufbauen konnte.
Mit jedem einzelnen Herzschlag verblasste ein weiterer Teil der verzauberten Vision, und ließ damit langsam die Hoffnung abblättern, auf die sie derartig stark angewiesen war.
Sie hatte bereits eine Zeit lang dort gelegen, als sie von einem plötzlichen Entschluss erfüllt wurde. Sie setzte sich im Bett auf und rubbelte mit dem Ärmel ihrer Roben über ihre nassen Wangen. Vielleicht konnte sie die Erinnerungen nicht daran hindern, in den diffusen Nebel zu verschwinden, der dabei war, ihr Leben mit Severus langsam zu verdrängen, doch sie konnte es sich nicht erlauben, in Selbstmitleid zu ertrinken. Das würde nichts bewirken. Sie konnte hingegen so viel wie möglich über Eglantines Verzauberte Sphäre lernen … und wenn sie Glück hatte – vielleicht könnte sie eine Methode finden, ihre verbliebenen Erinnerungen zu bewahren.
Nach einem kurzen Besuch im Wohnzimmer klopfte Hermione an Lunas Schlafzimmertür. Es war inzwischen sehr spät, doch sie konnte nicht bis zum Morgen warten. Jetzt, wo sie eine Entscheidung getroffen hatte, wollte sie auch so schnell wie möglich entsprechend handeln.
Die Tür quietschte beim Öffnen und verschlafene, graue Augen trafen auf die ihrigen. "Hermione?"
"Es tut mir leid, dass ich dich wecke, aber … ich würde dir jetzt wirklich gern erzählen, was geschehen ist – wenn das in Ordnung ist."
Falls Luna über Hermiones plötzliche Bereitwilligkeit, nach Wochen des Schweigens reden zu wollen, überrascht war, so zeigte sie es nicht. "Natürlich", sagte Luna und schwang die Tür auf, um Hermione zu ermöglichen, nach drinnen zu kommen.
Luna ließ sich oben auf ihr Bett plumpsen, wobei sie ihre Beine unter die Steppdecke gleiten ließ, und ermunterte dann Hermione dazu, dasselbe zu machen. "Ich bin ziemlich begierig darauf gewesen, deine Geschichte zu hören", erklärte sie sehnsüchtig, und Hermione konnte das aufrichtige Interesse und die echte Sorge in den Augen der anderen Hexe sehen.
Als sie hinüber zum Bett ging, fiel ihr ein Objekt auf Lunas Frisiertoilette ins Auge. Sie blickte flüchtig zu Luna hinüber, während sie eine Geste in Richtung des Gegenstandes machte, und fragte: "Darf ich?"
"Nichts dagegen", sagte Luna mit einem kleinen Zucken ihrer Schultern. Sie beobachtete, wie Hermione langsam zur Frisiertoilette hinüberstrebte.
Mit zitterigen Händen nahm Hermione die Schnitzerei hoch, von der sich herausstellt hatte, dass sie die bildliche Darstellung der vier Häuser verkörperte. Sie fuhr mit ihrem Zeigefinger die zusammengerollte Schlange entlang, deren Kopf auf der Tatze des Löwen ruhte. Der Dachs kuschelte sich gegen die Seite des Löwen, dessen Schwanz sich um die Schlange wand. Hinter ihnen, mit ausgebreiteten Flügeln, stand der Rabe. Die Schnitzerei war vertraut, obwohl sie nicht glaubte, dass sie sie zuvor schon einmal gesehen hatte …
Bis auf die Tatsache, dass sie sie zuvor gesehen hatte. Ihr Gedächtnis streckte sich weit, um die Erinnerung zu finden. "Ein Geschenk von Hogwarts?", murmelte sie mehr zu sich selbst als in Richtung von Luna. Eine vage Erinnerung an eine längst vergessene Unterhaltung war alles, was auftauchte, doch es war genug. "Nein. Er hat sie gefertigt. Er hat sie geschnitzt und gab jedem seiner Freunde eine davon. Vier Freunde, vier Häuser." Sie presste die Schnitzerei an ihre Brust, ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken, dass seine Hände den Gegenstand geformt hatten, den sie umklammert hielt, und drehte sich dann herum, um sich einer schockierten Luna gegenüberzusehen. "Severus – Professor Snape hat das gefertigt."
"Woher weißt du das?", fragte Luna auf eigenartige Weise.
Hermione ließ einen zittrigen Atemzug entweichen. "Er hat es mir erzählt. Er war dein Patenonkel."
"Das habe ich dir nie erzählt." Luna legte ihren Kopf schief und starrte mit forschenden Augen auf Hermione. "Ich glaube, dass wir uns jetzt unterhalten sollten."
"Ja", stimmte Hermione zu, sich in Bewegung setzend, um sich auf dem Bettrand niederzulassen, während sie die Schnitzerei in ihren Händen nach wie vor fest umklammerte. In ihrem Geist wirbelten Gedanken und Bilder durcheinander, als sie über die Möglichkeiten nachdachte, die sich vor ihr auftaten, und sie war extrem aufgeregt; manches von dem, was sie in der Vision gesehen hatte, hätte demnach real gewesen sein müssen – die Schnitzerei war Beweis dafür, genau wie ihr Wissen darum, dass Severus Lunas Pate gewesen war. Wie könnte sie Dinge geträumt haben, von denen sie niemals Kenntnis gehabt hatte?
Sie atmete tief ein und sagte dann: "Ich glaube, dass ich am Anfang beginnen sollte."
Und dann begann sie, alles an Informationen mit Luna zu teilen, woran sie sich erinnern konnte.
"… und dann bin ich im Wohnzimmer aufgewacht. Das ist alles, woran ich mich jetzt deutlich erinnern kann – die Erinnerungen verblassen, peu à peu, unaufhörlich die ganze Zeit über. Manche Ereignisse machen auch jetzt noch den Anschein, als ob sie tatsächlich geschehen sind, doch der Rest beginnt sich anzufühlen, als ob es nur ein Traum war – allerdings, Luna, es war mehr als das. Es war alles dermaßen real. Ich habe ein komplettes Leben mit ihm gelebt."
Luna reichte Hermione noch ein weiteres Papiertaschentuch aus der Schachtel, die sie mit einem Aufrufezauber herbeirufen hatte, und Hermione wischte sich die Feuchtigkeit von ihren Wangen. Es war gut gewesen, Luna davon zu erzählen – als ob die verzauberte Vision während des Erzählens mehr Bedeutung, mehr Substanz besaß … auch wenn mit jeder Minute, die verstrich, eine weitere Erinnerung surreal wurde.
"Und du sagst, dass meine Mutter irgendetwas damit zu tun hatte?"
Hermione nickte und griff in ihre Tasche. Sie zog den Brief von Eglantine heraus und reichte ihn Luna. "Lies das."
"Was ist das?", fragte Luna leise, während ihre Finger über die Handschrift ihrer Mutter drifteten.
"Eine partielle Erklärung", antwortete Hermione, und dann ließ sie sich häuslich nieder, um zu warten, während Luna den Brief las.
"Verblüffend", sagte Luna, sobald sie zu Ende gelesen hatte.
Hermione zog ihre Knie zu ihrem Kinn hoch und schlang ihre Arme um ihre Beine. "Das ist es wirklich. Ich kann mir kein wohlüberlegteres, liebevolleres Geschenk für einen Freund vorstellen."
"Oh, nein. Nicht das", erklärte Luna. "Naja, das ist ebenfalls verblüffend, aber ich meine, dass es erstaunlich ist, dass sie im Stande gewesen ist, solch einen komplizierten Zauber zu kreieren. Daddy sagt immer, dass sie bei Zauberkunst-Sachen unglaublich talentiert war, aber ich hatte keine Ahnung, dass sie irgendetwas von dieser Art entwickeln konnte. Es ist eine echte Leistung."
Über den offensichtlichen Stolz von Luna hinsichtlich der Fähigkeiten ihrer Mutter lächelnd, stimmte Hermione zu. "Ja, das ist es wirklich."
"Nun, dann lass uns mal sehen", fuhr Luna fort, während sie das zweite Pergament mit Eglantines Instruktionen für die Verzauberte Sphäre studierte. "Es sieht so aus, als ob alles, was Severus tun musste, war, den Zauber zu aktivieren, indem er die Kugel in der Hand hält und die Beschwörungsformel ausspricht. Es hätte sich für ihn so angefühlt, als würde er eine komplette Lebenszeit im Verlauf von schätzungsweise zehn Minuten leben, was wirklich erstaunlich ist. Diese ganze Zeit in zehn winzige Minuten zusammengepresst. Das entspricht eindeutig dem, was mit dir geschehen ist, Hermione. Und was die Hexe angeht – für sie hätte sich so angefühlt, als ob sie lediglich einen recht angenehmen Traum hätte. Oh, und er hat die Sphäre offensichtlich niemals benutzt, weil Mama sagt, dass die Kugel nur einmal verwendet werden kann." Dann hielt sie inne, und neigte ihren Kopf zur Seite. "Hmm, das hier ist sonderbar."
"Was meinst du?"
"Mama hat eine Lücke im Text belassen, dort, wo der Name der Hexe sein sollte."
Hermione runzelte die Stirn. "Das ist merkwürdig. Ich frage mich, warum sie dies getan haben sollte?"
"Ich habe keine Ahnung", antwortete Luna. "Weißt du, es ist sehr eigenartig, dass der Zauberspruch dich in die Rolle gesteckt hat, die Severus hätte übernehmen sollen. Es muss deshalb gewesen sein, weil du ihn aus Versehen aktiviert hast."
Luna dachte für einen Moment nach und nickte dann. "Ja, ich glaube, als du den Enthülle-Zauberspruch geworfen hast, hast du die Konzeption der Funktionsweise des Zaubers störend beeinflusst – vielleicht die Sequenzierung verwurschtelt. Das könnte auch der Grund dafür sein, warum deine Erinnerungen schwächer werden – oder, ich vermute mal, dass dies auch sein könnte, weil der Zauber niemals für dich bestimmt war."
Hermione überdachte das Konzept für einen Moment. "Das erscheint in der Tat plausibel. Natürlich ist die einzige Möglichkeit, den Grund dafür mit Bestimmtheit zu wissen, den Zauber selbst zu studieren … aber wir haben nicht genug Informationen, um überhaupt damit zu beginnen, Recherchen über dessen Charakteristika anzustellen."
"Doch, haben wir", behauptete Luna, und sie hüpfte vom Bett. "Komm mit. Ich werde es dir zeigen."
Hermione folgte Luna den Korridor hinunter und die Stufen zu einem kleinen Zimmer hinauf, das ihr vorher niemals aufgefallen war. "Was ist das?"
"Das Arbeitszimmer meiner Mutter", antwortete Luna. "Daddy hat alles belassen, wie es an dem Tag war, als sie gestorben ist. Er kommt niemals hier herauf, aber ich tue es manchmal – wenn ich mich ihr nahe fühlen will."
Sie betraten das kleine, runde Zimmer, und Hermione war augenblicklich von dem einladenden Raum hingerissen. "Was für ein fantastisches Zimmer, um darin zu arbeiten", murmelte sie, als sie die eingebauten Bücherregale und den großen Arbeitstisch auf sich wirken ließ.
Luna befand sich bereits auf der anderen Seite des Zimmers, wo sie einen Bereich der Bücherregale durchging, gelegentlich ein Buch herauskippend, um den Titel zu lesen, bevor sie es wieder an seinen Platz stellte und zum nächsten überging. "Ja, Mama hat ihre ganze Arbeit von hier aus erledigt, also wollte sie jederzeit alles zur Hand haben. Ah, hier ist es!"
"Was ist das?", fragte Hermione, und setzte sich dorthin in Bewegung, wo Luna stand.
Mit einem strahlenden Lächeln reichte Luna ihr ein großes, türkisfarbiges Buch. "Das Tagebuch meiner Mutter über ihre Forschungsarbeiten. Mama war akribisch, wenn es um die Niederschrift einer Schritt um Schritt-Beschreibung von ihren Forschungsprojekten ging. Ich bin davon überzeugt, dass ihre Aufzeichnungen über 'Das Ungelebte Leben' auch hier drin sind. Wir sollten in der Lage sein, Antworten auf all unsere Fragen zu finden."
Hermione nahm das Tagebuch entgegen, wobei sie es ergriff, als ob es sich um einen Rettungsanker handelte. "Ich würde gern ihre Notizen durchgehen, wenn es dich nicht stört. Ich muss verstehen, was mit mir geschehen ist, und ich muss wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, das Verblassen meiner Erinnerungen aufzuhalten."
"Natürlich", antwortete Luna ernsthaft. "Genau genommen, wenn es dir recht ist, würde ich gern helfen."
Hermione lächelte und stimmte ohne Weiteres zu. Trotz der späten Stunde besorgten sie sich mehrere Federkiele, Tinte und mehrere Fuß Pergament, und legten alles auf dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers ab.
Als sie sich niederließen, um zu beginnen, hielt Hermione inne und fragte: "Warum, glaubst du, hat er die Sphäre nie benutzt? Warum hätte er sie über all diese Jahre in einem Kasten liegen lassen sollen?"
Luna schaute sie an, ihre Augen sowohl gütig als auch weise. "Oh, Hermione. Ich vermute, dass du die Antwort darauf bereits kennst."
Überraschenderweise war die Antwort klar. Ein Gefühl von hochgradiger Traurigkeit überwältigte Hermione, als sie den Kloß in ihrer Kehle hinunterschluckte und murmelte: "Er dachte nicht, dass er es verdient hätte."
Hermione presste ihre Handflächen gegen ihre müden Augen und gähnte ausgiebig. Es hatte mehrere Tage gebraucht, um überhaupt damit zu beginnen, die komplexe Magie nachzuvollziehen, aus der sich der Zauber zusammensetzte. Jetzt stand sie kurz vor der Entdeckung von … irgendetwas. Sie war sich noch nicht sicher, um was es sich dabei handelte, doch ihre Instinkte sagten ihr, dass sie kurz davor stand, eine Schlüsselkomponente des Zaubers zu ergründen.
Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und streckte sich. Sie hatte seit Stunden in derselben Position gesessen, und ihr Rücken schmerzte. Luna war schon vor einigen Stunden ins Bett gegangen, doch Hermione hatte kontinuierlich weitergearbeitet, hinter dem schwer fassbaren Stückchen Erkenntnis herjagend, das penetrant an ihrem Gehirn nagte.
Hermione stöhnte, als sie flüchtig auf die Uhr blickte. Sie wusste, dass sie ins Bett gehen sollte; sie musste am Morgen im Ministerium zur Arbeit erscheinen. Als ihr erstmals bewusst geworden war, dass Eglantines Aufzeichnungen in Augenschein zu nehmen – ganz zu schweigen davon, sie nachzuvollziehen – längere Zeit in Anspruch nehmen würde, als sie vorausgesehen hatte, hatte sie darüber nachgedacht, einen weiteren kurzen Urlaub zu nehmen. Letzten Endes hatte sie sich dagegen entschieden; sie war gerade von einem verlängerten Urlaub zurückgekehrt, und sie glaubte nicht, einen weiteren zu nehmen, würde von ihren Dienstvorgesetzten mit großem Wohlwollen betrachtet werden.
Luna und Hermione hatten dann damit begonnen, Eglantines Notizen zu studieren, nachdem die Kinder eingeschlafen waren. Die Arbeit war mühsam, da keine der Hexen große Fachkenntnisse über die Theorie der Zauberkunst und die Entwicklung von Zaubern über das hinaus besaß, was sie in Hogwarts gelernt hatten. Der Großteil von Eglantines Aufzeichnungen war derartig kompliziert, dass sie keine Hoffnung darauf hatten, sie jemals vollständig zu verstehen. Allerdings waren die Notizen faszinierend, was die Arbeit schneller von der Hand gehen zu lassen schien.
Aufgrund der in ständig zunehmendem Maße verschwindenden Erinnerungen, empfand Hermione ein Gefühl von Dringlichkeit und blieb häufig bis spät in die Nacht auf, um über Eglantines Notizen zu brüten, selbst nachdem Luna ins Bett gegangen war. Sie hatte bereits akzeptiert, dass sie keine Möglichkeit finden würden, das Verblassen ihrer Erinnerungen aus der Verzauberten Vision aufzuhalten – Eglantines Aufzeichnungen hatten dargelegt, dass sie den Zauber auf die Art konzipiert hatte, dass er, sobald er aktiviert wurde, ohne Interferenz seinen Verlauf nehmen würde. Alles oder nichts, so schien es. Hermione war über diese Entdeckung verzweifelt gewesen, doch sie arbeitete mit halsbrecherischer Geschwindigkeit weiter, von einem inneren Drang dazu genötigt, mit der Arbeit fortzufahren. Ob dies bloß dem Wunsch entsprang zu verstehen oder mehr dahintersteckte, wusste sie nicht.
Sie gähnte abermals und sah dann ihre Anmerkungen durch, die sie aus Eglantines Aufzeichnungen zusammengetragen hatten. In erster Linie – der Zauber war vom Fachlichen her gesehen unvollendet. Auf der letzten Seite der Aufzeichnungen, die Das Ungelebte Leben betrafen, hatte Eglantine geschrieben, dass der Zauber gerade kurz vor der Vollendung stand – sie hatte die Sphäre auf Severus abgestimmt und darauf gewartet, dass er auch nur das kleinste bisschen Interesse an einer Hexe zeigte, so dass sie den Zauber ebenso an die besagte Hexe binden konnte. Sie hatte über ihre Frustration geschrieben, dass er sich in solch einem Ausmaß isoliert hatte, dass es nur wenige Hexen gab, die überhaupt die Gelegenheit gehabt hätten, ihm ins Auge zu fallen. Ihre letzten Notizen hatten verkündet, dass die Sphäre so weit war, um versandt zu werden, genau wie der sie begleitende Brief, sobald der 'Hexe-Sachverhalt' gelöst sei.
Luna glaubte, dass dies erklärte, weshalb Hermione in der Lage gewesen war, den Zauber mit dem Enthülle-Zauberspruch zu aktivieren – der Zauber hatte sie als Lösung für den 'Hexe-Sachverhalt' akzeptiert und sich selbsttätig an sie gebunden. Durch das Verwenden des Enthülle-Zauberspruchs war jedoch auf die Ausrichtung und das Sequentialisieren des Zaubers störend eingewirkt worden, was dazu geführt hatte, dass Hermione, anstatt nur eines angenehmen Traumes, die echte Vision erhalten hatte.
Hermione seufzte. Was für ein Kuddelmuddel.
Sie hatten außerdem erfahren, dass der Zauber partiell eine Art Konglomerat war, das Fragmente von verschiedenen anderen Zaubern in seiner Fundamentierung vereinigte. Luna hatte eine Liste von denjenigen gemacht, für die sie bislang Beweise gefunden hatten. Hermione blickte flüchtig auf die Worte, die in Lunas jetzt vertrauter, geschwungener Schrift geschrieben standen: Denkarium, Schockzauber, Legilimentik, Portrait-Magie, Schildzauber, Ganzkörperklammer, Fidelius.
Hermione nahm ihren Federkiel zur Hand und begann, für jedes einzelne Fragment der Magie Notizen am Rand von Lunas Liste hinsichtlich der Verwendungsmöglichkeiten der Zauber zu vermerken. Die Ganzkörperklammer und der Schockzauber wären die Ursache dafür gewesen, was die Bewusstlosigkeit hervorgerufen und sie reglos verharren lassen hatte, bis die Magie ihr Werk verrichtet hatte. Schildzauber und Fidelius, so vermutete Hermione, könnten Schutz geboten haben, während sie bewusstlos gewesen war.
Ihr Federkiel berührte leicht und kurz die anderen drei Worte: Denkarium, Legilimentik, Portrait-Magie.
Ihren Anmerkungen zufolge setzte sich der überwiegende Großteil von Eglantines Zauber aus der Magie zusammen, die derjenigen ähnelte, die diese drei Zaubersprüche beinhalteten. Hermiones Stirn runzelte sich, während sie die Möglichkeiten erwog. Der Einsatz von Komponenten aus den drei Zaubersprüchen konnte erklären, auf welche Art sie über Severus gewusst hatte, der Pate von Luna zu sein und Kenntnis von der Schnitzerei der vier Häuser hatte. Der Zauber war auf Severus abgestimmt worden, so wären seine Erinnerungen, seine Emotionen und seine Persönlichkeit – ungeachtet seines Todes – intakt gewesen. Möglicherweise wurde üblicherweise sich vergleichbarer Magie bedient, um Portraits Leben einzuhauchen.
Sie schüttelte ihren Kopf. Irgendetwas stimmte nicht. Wenn Severus derjenige gewesen sein sollte, der tatsächlich Das Ungelebte Leben leben sollte, wäre es nicht notwendig gewesen, ihn zu … – in Ermangelung eines besseren Wortes – ihn zu "kopieren", da er der aktive Beteiligte in der Vision gewesen wäre. Es war wegen der namenlosen Hexe, dass die Portrait-Magie notwendig gewesen war, da sie lediglich als Beobachterin der Szenerie hätte fungieren sollen. Daher – wie hatte der Zauber dermaßen viel über ihn gewusst?
Hermione rieb über ihre Schläfen. Das war alles so verdammt verwirrend.
Zu ihrem ursprünglichen Gedankengang zurückkehrend, erinnerte sie sich daran, dass Severus in der Vision immer nach Zaubertrank-Zutaten und Kräutern gerochen hatte. Daran konnte sie sich deutlich zurückerinnern. Jedoch hatte sie eine vage Erinnerung, dass er nicht mit Zaubertränken gearbeitet hatte – vielmehr … ja. Er war Professor für Verteidigung gegen die Dunklen Künste gewesen, nicht Zaubertränke-Professor. Die Magie, derer sich bedient wurde, um Denkarien zu erschaffen, sowie um Legilimentik anzuwenden, könnte erklären, warum er beständig nach Zaubertrank-Zutaten gerochen hatte, auch wenn er nicht mit ihnen gearbeitet hatte. Sie hatte diesen besonderen Geruch mit Severus assoziiert, also hatte der Zauber diese Charakteristik in die verzauberte Vision integriert.
Sie vermutete, dass Legilimentik ebenfalls die Erklärung dafür sein könnte, warum der Zauber eine wiederbelebte Freundschaft mit Ron eingebunden hatte; vielleicht musste sie im Unterbewusstsein immer daran geglaubt haben, dass sie beide irgendwann einmal in der Lage dazu sein würden, diesen Teil ihrer Beziehung zu retten.
Es machte Sinn. Eglantines Zauber erschuf die Vision, indem sie auf Hermiones Psyche und ihre Erinnerungen zugriff, ebenso wie auf Severus' Psyche und Erinnerungen, und zog dann ihrer beider eigenen Mutmaßungen – entweder bewusst oder unbewusst – dazu heran, um die Lücken in jedweden unbekannten Bereichen zu füllen.
"Ebenso wie auf Severus' Psyche und Erinnerungen …", grübelte Hermione, als sich ihre Stirn in Falten legte. Nein, das konnte nicht stimmen. Severus war tot, deshalb musste es die Magie gewesen sein, die mit Zauberer-Portraits in Verbindung stand, die die Erklärung dafür bereit hielt, auf welche Art die Verzauberung Dinge integrierte, die nur ihm bekannt gewesen wären. Doch einmal mehr fragte sie sich, wie der Zauber an diese Information herangekommen sein könnte, wenn er nie aktiviert worden war. Und – erinnerte sie sich selbst noch einmal daran – der Aspekt des Zaubers, der auf der Portrait-Magie basierte, war überhaupt nicht Severus zugedacht gewesen, sondern für die Hexe bestimmt.
Sie runzelte die Stirn. Die Portrait-Magie war der Schlüssel zu dem, was ihr im Hinblick auf das Szenario keine Ruhe ließ. Sie erhob sich und ging zum Fenster, von wo aus sie den dunklen Nachthimmel betrachtete. Da war irgendetwas von großer Wichtigkeit, das sie gedanklich nicht packen konnte, doch sie konnte es einfach nicht einordnen.
Mit einem Seufzer schob sie ihre Hände in ihre Taschen, und die Finger ihrer linken Hand kollidierten mit einem kleinen Gegenstand. Sie lächelte traurig, als sie den kleinen Zinn-Kessel aus dem 'Winkelgasse'-Spiel herauszog. Sie hatte damit begonnen, ihn mit sich in ihrer Tasche herumzutragen, da er sie aus irgendeinem Grund an Severus erinnerte …
Der diffuse Nebel riss für einen Moment kurzzeitig auseinander, als ob ein Sonnenstrahl durch den nebeligen Schleier geschnitten hätte, der ihre Erinnerungen aus der verzauberten Vision umgab.
Ihre Augen weiteten sich, und sie schloss ihre Finger um den Kessel. Wenn sie richtig lag …
Rasch und leise strebte sie zum Wohnzimmer hinüber und fand dort das 'Winkelgasse'-Spiel. Ein gewispertes "Lumos!" versorgte sie mit genügend Licht, um ihren Verdacht zu bestätigen.
Ihre Atmung wurde keuchend und unregelmäßig, und sie fühlte sich, als ob irgendjemand einhundert Feen innerhalb ihres Magens freigesetzt hätte. Das Spiel, das sie an ihren Körper gepresst hielt, fest umklammernd, rannte sie beinahe aus dem Zimmer und den Korridor hinunter. Sich nicht länger darum kümmernd, ob sie das komplette Haus aufwecken würde, hämmerte sie gegen Lunas Tür.
"Luna! Luna, wach auf!"
Es dauerte nur einen Wimpernschlag, bevor sich die Tür öffnete und Hermione den Kasten in Lunas Hände stieß. "In der Vision hat Severus mich und die Kinder gelehrt, wie man dieses Spiel spielt, aber es ist erst seit ein paar Monaten erhältlich."
Luna schien hellwach gewesen zu sein, ihre Augen wachsam und forschend. "Wirklich?"
"Ja. Verstehst du? Der Zauber wusste Dinge über ihn, die er nicht hätte wissen dürfen. Er musste in den Momenten aktuellen Zugang zu seiner Psyche, seinen Erinnerungen, seiner Persönlichkeit, seinen Hoffnungen, seinen Träumen haben. Es hätte ansonsten nicht funktioniert."
Hermione ließ einen zitternden Atemzug in einem vergeblichen Versuch entweichen, ihr rasendes Herz zu beruhigen. "Er ist am Leben, stimmt's?"
A/N: Das Zitat auf Severus' Grabstein stammt aus König Heinrich IV. von William Shakespeare – König Heinrich IV. (Teil 1, Akt I, Szene ii).
Macht Luna nicht zu sehr die Hölle heiß, weil sie es Hermione nicht erzählt hat. Wie wir herausfinden werden, hätte sie es Hermione nicht erzählen können, selbst wenn sie es gewollt hätte.
Außerdem, bevor Ihr fragt, warum Hermione Luna nicht gefragt hat, ob Severus am Leben war, lest ihre Gedanken, nachdem sie Eglantines Brief gelesen hatte. Sie dachte, all das wäre eine Phantasie, die sich in ihrem Kopf abgespielt hätte, also ist ihr nie in den Sinn gekommen, dass die Vorstellung, dass er am Leben ist, auch nur als eine Möglichkeit in Betracht käme.
Vielen Dank für die große Resonanz auf das letzte Kapitel! Ihr seid alle phantastisch, genial und hammermäßig! Einige von Euch haben die Fernseh-Episode erraten. Es war "Das zweite Leben" aus Star Trek: The Next Generation – meine absolute Lieblingsepisode! Ich bin ein ganz klein wenig davon abgewichen, wie Ihr mitbekommen habt, doch die Episode war die Inspiration für diese Geschichte.
A/Ü: Erklärung für den Begriff 'Brit picker': Bezeichnung für eine Person, die aus Großbritannien stammt und eine Fanfiktion-Geschichte durchliest, deren Autor/Autorin nicht-Britisch ist, um auf Akkuratesse hinsichtlich britischer Ausdrücke für die Charaktere und/oder Handlungsorte zu achten und gegebenenfalls diese zu korrigieren.
