XXXIII.


Vader hatte sie schon erwartet oder ihre Ankunft einfach gefühlt. Jedenfalls stand er in seiner klassischen Pose vor dem Fenster, als sie hereinkamen, die Hände auf dem Rücken verschränkt, ein Scherenschnitt, ein Schattenriss vor den grandiosen wirbelnden Lichtspiralen des Hyperraums.

Obwohl er Zivilkleidung trug, hatte er sich ausgerechnet heute wieder mal von Kopf bis Fuß in Schwarz geworfen, was nun nicht gerade von übertriebenem Feingefühl zeugte, wie sein Sohn fand. Aber immerhin hatte er darauf verzichtet, sich hinter seiner üblichen Kluft zu verstecken, was angesichts der Umstände eine weise Entscheidung war.

Doch über seiner dunklen Silhouette leuchtete sein helles Haar wie eine Aureole und als er sich umdrehte, blieb Leia abrupt stehen und sog mit einem scharfen zischenden Geräusch den Atem zwischen ihren Zähnen ein.

Ihr Bruder hatte bereits erwähnt, dass Vaders physische Erscheinung allem widersprach, was sie vermutet hatte, aber er hatte sich geweigert, sich näher dazu zu äußern. Er hatte nur mit diesem aufreizenden kleinen Grinsen, das er in letzter Zeit immer an den Tag legte, gesagt, dass sie sich einfach überraschen lassen sollte.

Und so kam es, dass Leia jetzt unwillkürlich nach Luft schnappte bei diesem unerwarteten Anblick. Luke, der neben ihr stehengeblieben war, zwinkerte ihr zu und sie unterdrückte nur mit Mühe den Impuls, ihm mit einem kräftigen Rippenstoß zu zeigen, was sie von dieser Überraschung hielt.

Doch nach einem Moment der Verblüffung klickte sofort ihr langjähriges Diplomaten-Training ein. Was auch immer sie bei Vaders Anblick empfinden mochte – und sie war sich selbst nicht ganz sicher, was sie eigentlich empfand, wollte es aber auf gar keinen Fall jetzt näher analysieren! –, es verschwand sofort hinter der perfekten glatten Fassade der absolut souveränen Prinzessin.

Sie neigte ihren Kopf zu einer bestenfalls angedeuteten Begrüßung (Höflichkeit konnte auch eine Waffe sein, wenn man sie nur richtig einsetzte!) und sagte so frostig, dass es rein theoretisch zu einer Manifestation von Eisblumen an dieser absurden Fensterfront hätte führen müssen: „Guten Abend ... Lord Vader."

Und damit war zumindest diese Frontlinie schon mal abgesteckt, wie Leia mit einer gewissen Genugtuung feststellte, denn natürlich würde eher die Hölle zufrieren, als dass sie diese Kreatur … diesen … diesen Mann … mit Vater ansprach!

Sie starrte ihn herausfordernd an und wartete auf seine eigene Kriegserklärung, nachdem sie ihm sozusagen gerade den Fehdehandschuh vor die Füße geworfen hatte.

Vader zögerte drei oder vier Herzschläge lang, selbst leicht überwältigt von der Bedeutung dieser Begegnung und auch von diesem brodelnden Pool aus lodernder Empörung und eisiger Verachtung, der ihm gerade in der Macht entgegen strudelte und das mit der vernichtenden Kraft eines Wasserfalls.

Er fragte sich ernsthaft, wie er dieses Bündel roher Energie übersehen haben konnte, wie er überhaupt jemals auf die Idee gekommen war, Leia Organa von Alderaan für ein ganz normales Mädchen zu halten. Ein sehr ärgerliches und lästiges Mädchen zugegebenermaßen, aber immerhin normal im Sinne von gewöhnlichen Sterblichen, das heißt unauffällig in der Macht und damit automatisch unbedeutend für jemanden wie ihn. Natürlich war sie niemals die typische verwöhnte kleine Prinzessin gewesen – niemand, der seine fünf Sinne beieinander hatte, hätte sie je dafür halten können! –, aber das hier war nun wirklich etwas ganz anderes, eine ganz neue Ebene.

Er wunderte sich wirklich über seine eigene Kurzsichtigkeit. Oder hatte Obi-Wan ihre latenten Fähigkeiten in der Macht irgendwie abgeschirmt, um sie vor Vader zu verstecken, sie zu beschützen, wie der alte Narr es zweifellos ausgedrückt hätte? Hatte nur die Zeit oder der enge Kontakt mit ihrem begabten Bruder etwas in Leia wachgerufen, was jahrelang in ihr geschlummert hatte, unerkannt, ungenutzt? Möglicherweise hatte sie genauso viel Potenzial wie Luke …

Der Gedanke war faszinierend und eröffnete darüber hinaus völlig neue Perspektiven. Bisher hatte Vader in dieser Tochter, die so plötzlich und ohne jede Vorwarnung praktisch vom Himmel gefallen war, eher einen Ballast gesehen, hochinteressant natürlich und auf jeden Fall eine Bereicherung (irgendwie jedenfalls!), aber nichtsdestotrotz eine Belastung, weil sie auch eine Gefahr darstellte, einen unkalkulierbaren Risikofaktor, auf den er gut hätte verzichten können. Aber jetzt …

Er sah sie an, wie sie da so vor ihm stand, dieses aufmüpfige kleine Ding, das ihm schon so viele Scherereien gemacht hatte und ihm zweifellos noch sehr viel mehr machen würde, wenn er es zuließ. Stocksteif stand sie da – als hätte sie einen Besenstiel verschluckt – , streckte ihren Hals und reckte hochmütig ihr Kinn in die Luft in dem Versuch ihn anzusehen, ohne dabei so auszusehen, als müsste sie zu ihm aufsehen. (Es gab immer wieder Augenblicke in Vaders Leben, in denen er seine Körperlänge von ganzem Herzen genoss. Dies war so ein Augenblick!)

Aber sie hatte die Haltung und das Selbstvertrauen einer Königin und sie hatte den Mut einer Kriegerin und Vader fühlte trotz allem eine Welle von besitzergreifendem Stolz über sich hinweg schwappen. Sie war es eindeutig wert, seine Tochter zu sein – auch wenn ihr im Moment offenbar nicht das Geringste daran lag.

Er beschloss, den Fehdehandschuh aufzuheben.

„Leia …" Er dehnte die zwei Silben aus, kostete ihren Klang aus. „Es ist lange her."

„Nicht lange genug!", sagte Leia kalt, aber innerlich kochte sie fast über. Der Nerv, den dieser … Mann hatte! Sie einfach so bei ihrem Vornamen zu nennen, so ganz selbstverständlich, als hätte er jedes Recht dazu … Als hätte er irgendwelche Rechte … Unverschämtheit!

„Im Übrigen würde ich es vorziehen, wenn Sie mich bei meinem Titel nennen, Mylord, oder wenigstens Sie zu mir sagen – so wie immer!"

„Nein", antwortete Vader schlicht.

Leia überging das vorläufig – was konnte man letzten Endes schon erwarten von diesem arroganten, überheblichen, unausstehlichen

Sie sah sich demonstrativ suchend in dem Raum um, der geradezu grotesk war in seinen überdimensionalen Ausmaßen (typisch imperialer Größenwahn eben!) und erstaunlich leer, wenn man von den paar viel zu groß geratenen Möbeln absah (imperial und geschmacklos!), dann startete sie ihre nächste Attacke.

„Wo ist Han Solo … und Chewbacca?" fügte sie schnell hinzu, damit es nicht so aussah, als hätte sie den Wookie vergessen. (Sie war schließlich keine Rassistin, sie nicht!)

„Genau da, wo er hingehört – wo sie beide hingehören! Was wir hier zu besprechen haben, geht nur die Familie etwas an", erwiderte Vader kühl.

„Aber Han gehört zur Familie. Jedenfalls zu meiner – was nicht für alle hier Anwesenden gilt", verkündete Leia mit dieser giftgeschwängerten Süße, die schon eine Vielzahl von schlagfertigen Senatoren und hartgesottenen Generälen zum Schwitzen oder zumindest zum Erröten gebracht hatte.

Vader tat weder das eine noch das andere. (Also wirklich! Hatte dieser Mann eigentlich so etwas wie Blut in den Adern?!) Er blickte einfach auf sie herab (was er außergewöhnlich gut beherrschte!) und sagte fest: „Und ich würde es vorziehen, die Erörterung dieses Themas auf eine andere Gelegenheit zu verschieben. Wir haben auch so genug zu bereden."

„Ich weiß wirklich nicht, worüber wir noch zu reden haben", behauptete Leia, obwohl sie es natürlich ganz genau wusste. Aber das war Verhandlungstaktik – und außerdem wollte sie es ihm so schwer machen wie nur möglich.

Luke verdrehte die Augen und war schon im Begriff einzugreifen, aber Vader gab ihm mit einer abwehrenden Handbewegung zu verstehen, dass er sich nicht einmischen sollte – noch nicht!

„Ich schlage vor, dass wir diese Unterhaltung nebenan fortsetzen. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Abendessen die Situation etwas entspannt", sagte er milde.

Leia gab ein spitzes kleines Lachen von sich, das ungefähr so viel Heiterkeit enthielt wie ein Hieb mit einem Vibromesser.

„Oh, ganz bestimmt – wenn nicht wieder Horden von Kopfgeldjägern hinter der Tür lauern!"

Es dauerte einen Moment, bis Luke diese Anspielung verstand, obwohl er die Bespin-Episode inzwischen aus den farbenfrohen (und umständlichen!) Schilderungen von insgesamt vier Augenzeugen kannte (wobei Chewies Version der Ereignisse durch Hans lückenhafte Übersetzung eindeutig viel von ihrer dramatischen Wirkung eingebüßt hatte). Aber er war trotzdem der Ansicht, dass der inzwischen verblichene Boba Fett es ungeachtet seines furchterregenden Rufes nicht ganz verdient hatte, als Horde bezeichnet zu werden.

„Da dieses Mal glücklicherweise keine kriminellen Schmuggler anwesend sind, können wir auf solche Sicherheitsmaßnahmen ruhig verzichten", konterte Vader.

Leia spielte schon mit dem Gedanken, diese Beleidigung zurückzugeben, indem sie erklärte, dass sie lieber tot umfallen würde, als sich mit den anwesenden Kriegsverbrechern an einen Tisch zu setzen, zumal ihr diese kriminelle Gesellschaft ohnehin den Appetit verdarb. Aber unglücklicherweise gab ihr vernachlässigtes Innenleben genau in diesem Augenblick ein unüberhörbares Grummeln von sich, was Vader sofort dazu veranlasste, mit einem sardonischen Lächeln eine einladende Geste in Richtung Tür zu machen.

Dieser Punkt ging eindeutig an den Sith, also verzichtete Leia auf eine entsprechende Replik. Sie warf einfach nur den Kopf in den Nacken und rauschte hoheitsvoll an ihm vorbei – so hoheitsvoll wie man in einer schlabberigen Uniform und gleichfalls allzu locker sitzenden Armeestiefeln eben rauschen konnte.

Wie sich gleich darauf herausstellte, lauerten hinter der fraglichen Tür keine Kopfgeldjäger und auch keine Sturmtruppensoldaten, aber dafür eine festlich gedeckte Tafel und ein umfangreiches Büfett.

Luke, der seiner Schwester auf dem Fuß gefolgt war, war so beeindruckt wie immer von der zur Schau gestellten Üppigkeit, aber Leia machte ein Gesicht als hätte man ihr gerade den eher fragwürdig bestückten Suppentopf einer Armenküche präsentiert. (Nach den unzähligen luxuriösen Dinnereinladungen eines Aristokratenlebens war es natürlich fast unmöglich, sie mit kulinarischen Glanzstücken zu beeindrucken.)

Sie betrachtete die Anrichte, rümpfte ihre zarte Nase und nahm sich so viel Zeit für die erste Auswahl, dass ihr Bruder und Vader schon längst mit ihren Portionen Platz genommen hatten und mit zunehmender Ungeduld warteten, bis sie sich endlich dazu herablassen konnte, ein winziges Pastetchen und genau drei olivfarbene Salatblätter auf den kleinsten verfügbaren Teller zu häufen und sich zu ihnen zu gesellen.

„Ein Schlückchen Wein?" fragte Luke und goss sofort aus einer Karaffe einen grüngoldenen und sanft vor sich hin perlenden Rebensaft in ihr Glas, ohne ihre Zustimmung abzuwarten.

„Vielen, vielen Dank! Zu liebenswürdig", säuselte Leia und warf ihm gleichzeitig einen scharfen Blick zu, der besagte, dass Luke bald eine Überraschung erleben würde, wenn er hoffte, ihr einen Schwips zu verpassen und sie damit friedlich zu stimmen oder sogar mundtot zu machen, was im Prinzip auf dasselbe hinauskam.

„Jederzeit wieder", murmelte Luke und füllte auch sein eigenes Glas gleich bis zum Rand, obwohl er eigentlich ein sehr mäßiger Trinker war. Aber er hatte den Verdacht, dass heute Abend jedes Hilfsmittel recht war, das angeblich einen Zustand der Entspannung hervorrufen konnte.

Wie angespannt die Atmosphäre tatsächlich war, zeigte sich schon, als Leia eine dreizinkige Gabel mit so viel aggressivem Schwung in ihre Miniaturpastete hineinrammte, dass es ein wahres Wunder war, dass die fluffige und ziemlich leichtgewichtige Delikatesse nicht gleich quer über den Tisch flog.

Vader zog eine Augenbraue hoch, verkniff sich aber einen bissigen Kommentar zu den nicht gerade königlichen Tischmanieren – noch. Stattdessen sagte er in bewusst neutralem Tonfall: „Ich kann wohl davon ausgehen, dass Luke dir schon klar gemacht hat, dass meine … Prioritäten sich inzwischen geändert haben. Sehr geändert."

Leia fixierte ihre Salatblätter, die unter dieser kritischen Begutachtung bemerkenswerterweise nicht sofort verwelkten wie unter einem Plasmastrahl, und erwiderte: „Er hat es zumindest versucht. Aber ich würde nicht behaupten, dass er mich überzeugt hat." Jetzt sah sie Vader wieder direkt an und fuhr mit schneidender Stimme fort: „Denn ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum wir einen Verräter unterstützen sollten, der offensichtlich jedem in den Rücken fällt, der dumm genug ist, sich mit ihm einzulassen … Einen skrupellosen Opportunisten, der grundsätzlich nur seine eigenen Interessen im Sinn hat und dafür jedes Mal buchstäblich über Leichen geht. Über ziemlich viele Leichen!"

„Leia!", zischte Luke. Doch er wurde ignoriert – von beiden Parteien.

„Ist das alles, was du mir zu sagen hast?" sagte Vader ausdruckslos.

„Keineswegs!"

Leia säbelte einen winzigen Bissen von ihrer Pastete ab, beförderte ihn in ihren Mund, kaute eine gefühlte Ewigkeit lang darauf herum, bis er sich mit Sicherheit in mikroskopisch kleine Partikel aufgelöst hatte, schluckte, nahm eine Serviette auf und tupfte mit graziösen Bewegungen sorgfältig und sehr, sehr langsam ihre Lippen ab. Ein Schauspiel, das mindestens so anmutig war wie eine hapanische Teezeremonie – und ungefähr ebenso zeitaufwändig.

Sie faltete die Serviette mit der Hingabe einer Floristin, die ein kompliziertes Blumenbukett zusammenstellte, legte sie wieder auf den Tisch, ihre Gabel in einem exakten rechten Winkel daneben, und sagte: „Außerdem sehe ich nicht ein, warum wir einen Tyrannen durch einen anderen ersetzen sollten. Was haben wir davon? Was haben die Völker der Galaxis davon?"

„Bist du jetzt fertig?" fragte Vader trocken.

„Noch lange nicht!" schnappte Leia.

„Dann sollte ich das hier wohl ein bisschen abkürzen, bevor wir uns wegen Kleinigkeiten in die Haare bekommen."

„Also wenn Sie das Kleinigkeiten nennen..."

Doch Vader ließ sich von niemandem unterbrechen, schon gar nicht von diesem zu kurz geratenen Fratz, der nur rein zufällig ebenfalls seinen Lenden entsprungen war, sozusagen als Nebenprodukt oder Nachgedanke oder sowas in der Art …

„Es ist ganz einfach", sagte er und er sagte es ziemlich laut und energisch, um gleich mal klarzustellen, wie einfach es war. „Wir werden den Imperator aus dem Weg räumen, wir alle gemeinsam oder Luke und ich alleine – so oder so!

Ich besteige den Thron, Luke wird mein offizieller Nachfolger und du kannst dich als Wohltäterin oder soziales Gewissen oder sonst was austoben, wo und wie und so lange du willst.

Wir führen ein paar nette publikumswirksame Reformen durch und die Völker der Galaxis werden so zufrieden oder so unzufrieden mit uns sein, wie sie es mit jeder Regierung sind, denn so sind die Leute nun einmal. Niemand kann Trillionen von Schwachköpfen jemals wirklich zufriedenstellen – nicht einmal du, das wirst du dann schon merken, wenn du einmal wirklich die Zügel in der Hand hältst, statt nur schöne Reden zu schwingen. Ich freue mich jetzt schon darauf ..."

„Vater!", mahnte Luke, doch wieder schenkte ihm niemand Beachtung.

„Trillionen von Schwachköpfen?!" Leia sah ihren Bruder anklagend an, ganz nach dem Motto: Und das da willst du auf einen Thron setzen? Ernsthaft?!

Luke nippte nervös an seinem Glas (zum wiederholten Male in den letzten paar Minuten!) und sagte vorsichtshalber gar nichts zu der allgemeinen und sehr imperialen Einstellung des Siths gegenüber seinen künftigen Untertanen.

„Nun ja, sie sind nicht alle schwachsinnig. Ein paar davon sind ganz clever – mehr oder weniger", sagte Vader achselzuckend. „Aber das ist der Plan – so weit er steht. Du kannst uns dabei helfen oder nicht, Leia, das ist deine Entscheidung. Aber steh uns dabei nicht im Weg – oder ich muss mir etwas einfallen lassen, womit du ganz bestimmt unzufrieden sein wirst. Sehr unzufrieden!"

Er legte seine eigene Gabel mit einem kleinen Knall auf dem Tisch ab – es war nicht ganz klar, ob er nur seine Drohung damit unterstreichen wollte oder ob sein Temperament jetzt doch allmählich mit ihm durchging oder beides zugleich. Aber es war eine beunruhigende Geste (so oder so!) und Leia wurde unwillkürlich um eine Schattierung blasser.

Trotzdem sagte sie schroff: „Sie können mir drohen so viel Sie wollen. Ich habe keine Angst mehr vor Ihnen. Nie wieder!"

„Neeein", schnurrte Vader. „Aber du hast Angst um deinen Corellianer. Große Angst."

Leias Stimme wurde ebenfalls sehr viel lauter und vor allem sehr viel schriller (sie kletterte mühelos um mindestens zwei Oktaven hoch!), als sie sich jetzt selbst auf Drohungen verlegte, indem sie die einzige Karte ausspielte, die sie im Ärmel hatte.

„Wenn Han irgendetwas zustoßen sollte … oder Chewie! … dann werde ich dem Imperator bei unserer allerersten Begegnung auf die Nase binden, dass Sie ihn umbringen wollen. Dann wird er Sie aus dem Weg räumen! Und ich werde dabei zusehen – und ich freue mich jetzt schon darauf!"

„Das wäre sehr, sehr dumm von dir", sagte Vader gefährlich sanft. „Es wäre absolut schwachsinnig – sogar für deine Verhältnisse!"

Leia sprang so heftig auf, dass ihr Stuhl mit einem durchdringenden Quietschen über die Fliesen zurückrutschte, und auch der Sith erhob sich von seinem Sitzplatz, imposant und finster wie die trichterförmige Säule eines Tornados. Sie starrten einander über die Länge des Tischs hinweg an und das mit einer so alarmierenden Intensität, dass die Luft zwischen ihnen zu vibrieren schien wie eine gespannte Bogensehne, jederzeit bereit zum Abschuss eines tödlichen Pfeils.

Luke setzte hastig sein Glas ab (das inzwischen leer war, was er mit Bedauern zur Kenntnis nahm!) und sagte in seinem besten Friedensstifter-Modus: „Hallo? Wie wäre es, wenn wir uns jetzt alle ein klein wenig beruhigen?"

„HALT DEN MUND!" fauchten Vader und Leia selber wie aus einem Mund, ein zorniges Duett, dessen Gleichklang ihnen im Moment der Erregung gar nicht auffiel, dem angesprochenen Jedi aber sehr wohl.

„Wie schön, dass ihr euch wenigstens in diesem Punkt einig seid", sagte Luke ironisch und griff nach der Weinkaraffe, um sein Glas wieder aufzufüllen. (Sogar ein friedensstiftender Jedi brauchte ab und zu eine kleine Stärkung!)

Vaders funkelnde Augen hefteten sich auf Leias vor Zorn blitzende wie hungrige Mynocks an eine vielversprechende Energiekupplung.

„Also? Machst du mit oder nicht?"

„Warum sollte ich Ihnen helfen?"

„Ich will es mal so sagen – hast du eine andere Wahl?"

Bevor sie dazu kam, ein „JA!" herauszuschreien, sagte Luke: „Wir müssen Palpatine ausschalten oder das alles wird in einer Katastrophe enden. Es ist nicht auszudenken, was er noch alles anstellen wird, wenn wir ihn nicht aufhalten."

Und genau so war es auch und Leia war sich dessen sehr wohl bewusst.

Jetzt, da die Allianz erledigt war, würde nichts mehr Palpatine bremsen. Sein Imperium war bereits aus dem Stoff gewebt, aus dem die Alpträume waren, und dieser Alptraum würde niemals enden, würde sich zu einer ewigen Nacht ausdehnen und alles Licht verschlingen und in eine unbeschreibliche Dunkelheit hüllen, wenn nicht endlich jemand kam, der genau das verhinderte. Und doch …

„Was für Reformen?", sagte sie schließlich, nur um irgendetwas zu sagen.

Luke stöhnte auf und bedeckte theatralisch seine Augen mit der Hand und Vader sagte ungeduldig: „Großer Sith! Darüber kannst du dann mit mir streiten, wenn wir den glücklichen Tag je erleben sollten, an dem das unsere einzige Sorge sein wird, aber ganz bestimmt nicht hier und heute. Ich will eine Antwort von dir, Leia – jetzt gleich!"

„Was ist mit dem Todesstern? Was wird aus diesem Monstrum, wenn wir es tatsächlich schaffen sollten, das andere Monstrum zu erledigen? Wenigstens das muss ich wissen, bevor ich mich entscheide – jetzt gleich!"

„Den werden wir natürlich einfach entsorgen, wenn es so weit ist", sagte Vader so gelassen als ginge es darum, einen abgetakelten Sternzerstörer zu verschrotten oder ein x-beliebiges Stück Altmetall zu recyceln.

„Leia, bitte...", sagte Luke beschwörend.

Sie senkte den Kopf und gab jede weitere Vorspiegelung von Widerstand auf. Sie hatte wirklich keine andere Wahl.

„Na schön. Ich mache mit", sagte sie leise.

„Gut", sagte Vader schlicht. Und nachdem er sich sichtlich einen Ruck gegeben hatte und mit entsprechender Überwindung: „Du wirst es nicht bereuen, Leia."

„Ich bereue es jetzt schon! Und eines sage ich Ihnen gleich: Wenn Sie uns hintergehen und sich am Ende herausstellt, dass Sie gar nichts verändern wollen, sondern einfach nur so weiter machen wie bisher – sozusagen als Palpatine Nummer Zwei –, dann bringe ich Sie um!" fauchte Leia.

Vader lächelte zum ersten Mal irgendwo hinter diesem absurd elegant zurechtgestutzten Dickicht von einem Bart. „Du kannst es gerne versuchen, Tochter."

Leia hatte mit allen möglichen Reaktionen auf ihr Ultimatum gerechnet, aber nicht damit. Sie wusste nicht recht, wie sie damit umgehen sollte, also setzte sich sich wieder und griff erneut nach ihrer Gabel, um Zeit zu gewinnen.

Sie spießte das nächste Stück Pastete auf, zielte damit auf Vader, der sich inzwischen ebenfalls wieder niedergelassen hatte, und erklärte resolut: „Und das mit diesem ganzen Tochter-Kram lassen Sie gefälligst bleiben. Das macht mich einfach krank."

„Ganz wie du willst … Leia."

Und mit diesem Teilsieg musste sie sich wohl fürs Erste zufrieden geben. Oder doch nicht? Sie beschloss, ihre Grenzen auszutesten.

„Außerdem will ich Han zurück haben. Und Chewie. Sofort!"

„Morgen!", sagte Vader ebenso kategorisch.

Sie setzte schon zum Prostest an, als er mit Nachdruck wiederholte: „Morgen. Wenn wir auf Coruscant landen. Und nicht eine Minute früher." Er wartete, aber als sie ihn keiner Antwort würdigte, sondern nur lustlos in den Überresten ihres Abendessens herumstocherte, mit noch mehr Nachdruck: „Abgemacht?"

Luke legte die Hand auf Leias Arm und wisperte ihr zu: „Jetzt komm schon! Was ist ein einziger weiterer Tag? Das sitzen Han und Chewie doch mit links ab. Die beiden sind zäh."

„Das sind sie in der Tat", sagte Vader und bedachte den weiblichen Teil seiner Sprösslinge mit einem weiteren Lächeln, das aus irgendeinem Grund doppelt so viele Zähne zu enthalten schien wie vorher, ein Raubtierlächeln. „Zäh wie Leder."

Leia wurde sofort misstrauisch. „Was wollen Sie damit sagen?"

„Gar nichts", sagte Vader ausweichend und griff nach seinem eigenen Weinglas, das Luke inzwischen ebenfalls befüllt hatte, weil er nun schon mal dabei war.

Leia bemerkte, dass ihr der Appetit endgültig vergangen war. „Also gut, abgemacht", sagte sie widerwillig. „Ich muss sagen, ich habe genug für heute Abend. Gibt es sonst noch etwas, das unbedingt jetzt besprochen werden muss?"

„Nicht wirklich", sagte Vader, der ebenfalls genug hatte.

„Dann würde ich mich jetzt gerne zurückziehen – falls es Ihnen Recht ist, Lord Vader", sagte Leia so honigsüß, dass kein Zweifel daran bestand, wie wenig Vaders Meinung ihrer Meinung nach zählte.

„Geh ruhig", antwortete Vader mit so viel Grandezza, dass kein Zweifel daran bestand, wer hier seiner Meinung nach das Sagen hatte.

„Ich bringe dich ins Lazarett zurück."

Luke war zusammen mit seiner Schwester aufgestanden, aber Vader winkte ab.

„Das wird nicht nötig sein, Junge." Und an Leia gewandt. „Es gibt eine Gästesuite gleich nebenan. Du kannst sie benutzen... wenn du willst."

Leia wollte schon ablehnen, aber Lukes bittender Blick und die verlockende Aussicht auf etwas mehr Privatsphäre (die sie in den letzten Tagen schmerzlich entbehrt hatte!) trugen den Sieg davon. Charakterstärke war gut, aber manchmal doch etwas unbequem.

Sie nickte gnädig um anzudeuten, dass sie das Angebot annahm, erntete dafür einen zweiten welpenäugigen Blick ihres Bruders und rang sich nur deshalb zu einem einsilbigen „Danke!" durch.

Vader entließ sie ebenso gnädig nach einem kurzen rein technischen Austausch mit seinem Sohn und atmete hörbar auf, sobald die schwierigste Tochter aller Zeiten sich entfernt hatte.

Als Luke eine Dreiviertelstunde später zurückkehrte – Leia hatte darauf bestanden, ihre neuen Räumlichkeiten mit ihm zu besichtigen und sich zugleich wortreich über den schwierigsten Erzeuger aller Zeiten auszulassen –, fand er seinen Vater in leicht moroser Stimmung über seinem Dessert und neben einer zweiten Weinkaraffe, die bereits bis zur Neige geleert war.

Er machte sich über seine eigenen vernachlässigten Leckerbissen her – bis jetzt war er kaum zum Essen gekommen – und sagte leichthin: „Wieso kriegt sie eigentlich eine ganze Gästesuite für sich alleine? Weil sie eine Prinzessin ist?"

„Du kannst gerne bei ihr einziehen und heute Nacht schon mal in deine eigene royale Zukunft hineinschnuppern, mein kleiner Prinz", sagte Vader sarkastisch. „Da drüben ist garantiert genug Platz für zwei Hoheiten. Sogar für ein halbes Dutzend, wenn es sein muss."

„Schon gut. Das war nur ein Scherz", sagte Luke rasch. "Ich bleibe hier bei dir. Gerne!"

Vader seufzte nur und rührte weiter in seiner Nachspeise herum, was die inzwischen ziemlich zerlaufene Kombination aus Eiscreme und irgendeinem zermatschten Früchtecocktail nicht unbedingt besser aussehen ließ.

Luke beobachtete ihn eine Weile und kam irgendwann zu dem Schluss, dass eine kleine Aufmunterung angebracht war. „Also ich finde, es hätte schlimmer sein können."

„Es ist schlimmer!"

„Also jetzt mach aber mal einen Punkt! Was hast du denn erwartet? Dass Leia dir gleich um den Hals fällt?"

„Nicht wirklich ..."

„Na also. Das wäre ja auch ein bisschen … na ja … extrem, findest du nicht auch?"

„Du hast ja so Recht", sagte Vader mit einer Mischung aus Ironie und Melancholie.

„Es wird schon werden."

„Meinst du?"

„Ganz bestimmt", versicherte Luke. „Sie wird dich nicht ewig hassen", fuhr er ermutigend fort. „Du wirst schon sehen. Das … das ist einfach nicht in ihr."

„Das glaubst auch nur du!"

Luke wurde spontan von dem seltsamen Gefühl übermannt, diese Szene oder zumindest eine ganz ähnliche schon einmal erlebt zu haben und das erst vor kurzem. Aber wann und wo? In einem Traum vielleicht? In einer Machtvision? Er kam einfach nicht darauf.

„Aber nein! Leia ist nicht der nachtragende Typ", behauptete er wider besseres Wissen. (Han hätte zweifellos schallend gelacht, wenn er das gehört hätte, und seinen künftigen Schwager sofort daran erinnert, dass Leia das lange, lange Gedächtnis eines rachsüchtigen Banthabullen hatte und nie davor zurückscheute, jedermann jede jemals begangene Missetat unter die Nase zu reiben, sobald sich die passende Gelegenheit dazu ergab, und das mit der bissigen Rhetorik eines erzürnten Staatsanwalts in seinem Schlussplädoyer.)

„Sie ist sehr vernünftig und kooperativ und solidarisch und all das … So im Großen und Ganzen … Meistens jedenfalls", fügte er hinzu als sein Vater ihn nur skeptisch ansah. „Du wirst schon sehen!" wiederholte er.

„Ja, das werde ich zweifellos", brummte Vader vor sich hin.

Und damit ließen sie die Sache auf sich beruhen. Vorläufig ...