Kapitel 16.1: Ein zweiteiliger Angriff

Ron saß beim Weihnachtsball neben seiner Verabredung Hermine Granger. Er mochte den Klang davon: Hermine Granger war seine Verabredung. Er hatte sie in dem Moment fragen wollen, als der Ball verkündet worden war, aber ihre Antwort hatte ihm Sorgen bereitet. Er war sich nicht sicher, ob sie mit ihm gehen wollte und er war besorgt, dass, wenn er sie fragte und sie nein sagte, es ihre Freundschaft belasten könnte. Glücklicherweise war das kein Problem. Sie hatte freudig zugestimmt, mit ihm zu gehen und war nun seine Verabredung. Er fragte sich, ob sie sich amüsierte. Er wünschte, er hätte mehr Interesse gezeigt, als seine Mutter versucht hatte, ihm das Tanzen beizubringen. Zu dem Zeitpunkt schien es eine sinnlose Energieverschwendung gewesen zu sein, aber nun, da er mit Hermine auf dem Ball war, schien es nicht mehr so unwichtig zu sein.

Rons Augen wanderten zur Tanzfläche und zu seiner kleinen Schwester und seinem besten Kumpel. Er konnte nicht glauben, dass Harry gelernt hatte, zu tanzen und dann noch von McGonagall. Das muss merkwürdig gewesen sein. Dennoch: Er hatte gelernt, zu tanzen, und verdammt gut noch dazu. Hermine hatte mehrmals an diesem Abend seine Tanzfähigkeiten angesprochen, und auch wenn er Harrys Können nicht leugnen konnte, bedeutete das nicht, dass sie es andauernd erwähnen musste.

Seine Augen verengten sich etwas bei dem Anblick des Paares. Harry und Ginny tanzten bereits die ganze Nacht und egal, was Harry gesagt haben mochte: sie sahen alles andere als unschuldig aus. Harry hielt Ginny ziemlich nahe an sich und die ganze Nacht über hatten sie sich schon komische Blicke zugeworfen. Er war sich wirklich nicht sicher, was er denken sollte. Was, wenn sie ein Paar werden würden? Was, wenn er sie knutschen sehen würde? Ein Schaudern überlief ihn bei dem Gedanken. Dann wiederum sahen die beiden sehr glücklich aus. Sollte er sich nicht für sie freuen? Sein Blick folgte ihnen, als sie sich von der Tanzfläche entfernten und zu den Türen gingen, die zur Eingangshalle führten. Wo glaubten sie, dass sie hingingen?

Seine Gedanken wurden von seiner Verabredung unterbrochen. Ron seufzte. Er wollte wirklich nicht tanzen, aber er wusste, dass Hermine wollte. Sie hatte ihn schließlich die ganze Nacht über schon gefragt. Er hatte bereits einige Male nachgegeben und hatte gehofft, dass sie das zufriedenstellen würde, aber er hatte nicht so viel Glück. Tief Luft holend wandte er sich an Hermine, die wieder versuchte, ihn auf die Tanzfläche zu locken. „Also gut, Hermine", gab er nach.

Sie lächelte dankbar und führte ihn an der Hand auf die Tanzfläche. Er legte ungelenk eine Hand an ihre Hüfte, die andere hielt Hermine in ihrer eigenen Hand. Er tat sein Bestes, mit ihr mitzuhalten und ihr bei den Vorwärtsbewegungen nicht auf die Zehen zu treten. Er genoss den tatsächlichen Tanzpart nicht besonders und schaute daher auf seine Partnerin, dem Grund warum er auf der Tanzfläche war. Er lächelte; er schätzte, er konnte es erleiden, wenn es sie glücklich machte. Sie erwiderte sein Lächeln und ließ seinen Magen damit Purzelbäume schlagen.

Nun, da seine Augen von seinen Füßen zu Hermine gewandert waren, konnte er den Blick nicht mehr abwenden. Er hatte das Gefühl, dass er etwas sagen sollte, aber er kämpfte damit, etwas zu finden, dass passend war. Er wollte sich zuallererst nicht selbst in Verlegenheit bringen, also versuchte er etwas zu finden, von dem er ein Kompliment machen konnte und dass nicht zuviel wagte. Einen Moment später fand er etwas. „Das ist eine hübsche Kette", sagte er ihr ehrlich. Es war eine silberne Kette mit einem silbernen Anhänger, der einen blauen Stein enthielt. Schmuck war nicht unbedingt seine Stärke, aber die Kette sah wunderschön an ihr aus.

Hermine errötete und stammelte: „D... Danke."

Etwas an ihrer Reaktion ließ Ron stutzen. Sie sah nervös aus und beinahe ... schuldig? Es war ein seltener Anblick an Hermine, da sie selten etwas tat, über dass sie sich schuldig fühlen musste, aber Ron hatte den Ausdruck oft genug bei seinen Geschwistern und anderen Leuten gesehen und erkannte ihn. Er fragte sich, worüber sie sich schuldig fühlen konnte. Es war schließlich nur eine Kette. Seine Neugier gewann die Oberhand: „Ich glaube nicht, dass ich sie schon zuvor gesehen habe. War sie ein Geschenk?"

Sie nickte unbehaglich. „Von deinen Eltern?", nahm er an.

Sie zögerte einen Moment, bevor sie den Kopf schüttelte. „Nein."

Das verwirrte Ron einen Moment. Wenn nicht von ihren Eltern, von wem dann? „Wer hat sie dir gegeben?", fragte er neugierig.

Hermine wand sich unbehaglich unter Rons Fragen und machte ihn damit nur noch neugieriger. Sie antwortete nicht sofort. „Hermine?", fragte Ron zögernd und fragte sich, was ihr so Schwierigkeiten machte.

Sie seufzte. „Es war ein Geschenk von Viktor", erwiderte sie schließlich.

Ron erstarrte und Hermine hatte keine andere Wahl als ebenfalls aufzuhören zu tanzen. Rons Gesicht nahm eine tiefrote Farbe des Ärgers und Verbitterung an. „Vicky schickt dir also Geschenke, mhmm?", spuckte er. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie dieser bulgarische Idiot seine Arme um ihren Hals legte, um die Halskette zu befestigen.

„Die meisten Freunde tun das", war Hermines Antwort und ihr Gesicht rötete sich vor Empörung.

„Oh, ja?", erwiderte Ron und seine Stimme wurde lauter. Er fühlte sich, als stünde sein Gesicht in Flammen, und seine Brust fühlte sich eingeschnürt an. Bilder aus seinem vierten Schuljahr kamen in ihm hoch. Hermine und Krum auf der Tanzfläche. Seine Arme waren an ihre Hüfte gelegt, während sie breit lächelte, als sie ihm in die Augen schaute. Ron schüttelte nachdrücklich seinen Kopf, um die Bilder zu vertreiben. „Und geben alle deine Freunde dir Schmuck?", wollte er wissen. „Ich weiß nicht, warum du überhaupt zugestimmt hast, mich zu begleiten. Du hättest einfach Vicky fragen sollen, mit dir zu kommen. Ich bin sicher, dass er alles stehen und liegen gelassen hätte, um bei dir zu sein."

Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern stürmte von der Tanzfläche und aus der Großen Halle. Ron ging mit langen Schritten durch die Flure. Er achtete nicht darauf, wohin er ging. Er ging mehrere Treppen hoch und mehrere Flure entlang. Er blieb schließlich vor einer Ritterrüstung stehen, drehte sich und schlug mit all seiner Kraft gegen den Brustpanzer. Die Tat tat nichts gegen seinen Ärger. Tatsächlich machte der Schmerz, der in seiner Hand pochte, ihn nur noch wütender und frustrierter.

Wie hatte er jemals denken können, dass er eine Chance bei ihr hatte? Was konnte sie von ihm wollen, insbesondere wenn sie jemanden wie Krum haben konnte? Was konnte er ihr bieten? Er war wütend auf Hermine und zornig auf Krum, aber er war größtenteils nur über sich selbst aufgebracht. Er hätte es besser wissen müssen. Er wusste es besser; er hatte wegen seiner Gefühle für Hermine wider sein besseres Wissen gehandelt. Er wanderte einige Minuten lang vor der Ritterrüstung hin und her, bevor er stehenblieb und sich gegen die Wand gegenüber der Rüstung lehnte. Er ließ sich langsam auf den kalten Steinboden sinken. Er bettete seine rechte Hand auf seinem Schoß und zuckte wegen des Schmerzes zusammen. Er blieb eine Weile dort sitzen, er wusste nicht wie lang, bevor er schließlich aufstand und zurück zum Gryffindorturm trottete.

OoOoOoOoOoOoOoO

Dumbledore sah zu, wie seine Schüler tanzten und lachten und Spaß hatten und lächelte in sich hinein. Der Weihnachtsball war wirklich eine ausgezeichnete Idee gewesen. Er würde daran denken müssen, Minerva für die Idee zu danken. Er hatte sichergestellt, dass er während der Nacht Harry im Auge behielt, um abschätzen zu können, wie er die Dinge handhabte. Er war froh zu sehen, dass der Junge in der Lage war, seine Sorgen zur Seite zu legen und den Abend zu genießen. Tatsächlich schienen er und Miss Weasley eine ziemlich gute Zeit miteinander zu haben.

Er hatte sich gefragt, wo Harry gelernt hatte, so zu tanzen. Seine Verwandten hatten es ihm offensichtlich nicht beigebracht und er hatte während des letzten Balles nicht getanzt. Er nahm an, dass er es nur für diese Nacht gelernt hatte, vielleicht um die junge Miss Weasley zu beeindrucken. Er hatte den ersten Tanz mit Minerva getanzt, als Harry zuerst sein neues Talent zur Schau gestellt hatte und er übersah nicht den stolzen Blick, den seine eigene Tanzpartnerin dem Jungen zuwarf. Er lächelte, glücklich zu sehen, dass Harry sich wohl genug fühlte, um von ihr tanzen zu lernen. Die meisten Schüler hatten vor der Hauslehrerin von Gryffindor Angst und dass nicht ohne Grund. Aber sie war wirklich unter ihrer harten Schale eine weichherzige und freundliche Frau. Nur wenige Schüler sahen jemals hinter diese Fassade und entdeckten die echte Minerva.

Er bemerkte es, als Harry und Miss Weasley die Halle verließen, aber er machte sich keine Sorgen. Die beiden hatten den größten Teil der Nacht getanzt und wollten höchstwahrscheinlich etwas frische Luft schnappen. Sollten sie auch etwas Privatsphäre wollen, würde er sie nicht stören. Tatsächlich dachte er, dass es gut für Harry sein könnte, für sie beide. Jeder konnte in Zeiten wie diesen eine weitere Quelle der Unterstützung brauchen.

Er bemerkte auch enttäuscht den Streit zwischen Mr. Weasley und Miss Granger. Er seufzte. Er wusste wie jeder im Schloss, dass die beiden seit Jahren umeinander herumtanzten. Bildlich gesprochen natürlich. Er lachte leise, als er sich die beiden vorstellte, wie sie wirklich umeinander herumtanzten, während sie stritten. Er hatte gehofft, dass der Ball sie näher bringen würde und hatte geglaubt, dass es funktionierte. Anscheinend hatte er sich geirrt. Sein Blick wanderte durch die Halle und er schaute all die tanzenden Paare an. Er konnte Lächeln und zuneigungsvolle Blicke zwischen Freunden und Verabredungen sehen. Aber vor allem konnte er sehen, wie die meisten seiner Schüler sicher waren vor all den Gefahren des Krieges, welcher außerhalb der Tore Hogwarts tobte.

Er schaute nach oben, als er sah, dass die Schüler ihre Aufmerksamkeit zur Decke richteten und war genauso überrascht wie der Rest der Schlossbewohner, Schüler und Lehrer, als der Nachthimmel, welcher an der Decke der Großen Halle zu sehen war, mit hellen farbigen Feuerwerk erleuchtet wurde. Er erkannte einige sofort als das Werk der Herren Fred und George Weasley. Als er das Spektakel mit ungehemmten Genuss anschaute, fragte er sich, ob die Show ihre eigene Idee oder ein Gefallen für jemand anderen gewesen war. Egal wer es war, er war dankbar dafür. Es ließ den Abend magischer erscheinen.

Als die letzten Lichter verglühten, fühlte er mehr als das er es wusste, dass Professor McGonagall sich näherte. „Guten Abend, Minerva", grüßte er warm, „Hast du das Spektakel genossen?"

„Es war eine unerwartete, aber definitiv freudige Überraschung", meinte sie begeistert. Ihr Tonfall ließ darauf schließen, dass sie annahm, das er derjenige war, der dafür verantwortlich war."

„Das war es. Ich muss mich daran erinnern, den Weasleyzwillingen sowie der Person, wer immer sie auch sein mag, zu danken, die sie dazu gebracht hat, dass zu organisieren", sagte er.

„Du willst sagen, dass du von nichts wusstest?", fragte die Professorin überrascht.

„Ich war genauso überrascht und erfreut wie alle anderen", meinte er.

„Hmm", antwortete sie unverbindlich. Nach einem Moment der Stille sprach sie. „Nun, ich kann die Kandidaten problemlos auf vier reduzieren", überlegte sie laut. „Miss Granger scheint am unwahrscheinlichsten der Urheber zu sein. Sie hatte die Eskapaden der Weasleyzwillinge niemals gemocht, und sie würde zuerst um Erlaubnis fragen. Mr. Weasley scheint mir nicht der Typ dazu zu sein, so etwas vorzubereiten. Außerdem ist er kurz vor dem Beginn wütend hinausgestürmt. Ich denke, wir können ihn bedenkenlos von der Liste streichen."

Sie hielt inne, als sie über die letzten beiden Möglichkeiten nachdachte. „Es ist schwer, zwischen Harry und Miss Weasley den wahrscheinlichsten Urheber herauszufinden." Er überhörte nicht den informellen Verweis auf den Jungen. „Letztes Jahr hätte ich ohne zu Zögern Miss Weasley als die wahrscheinlichste Urheberin gewählt, aber Mr. Potter hat sich sehr angestrengt, um sicherzustellen, dass dieser Abend für ihn und seine Verabredung ein Erfolg wird. Ich bin dazu geneigt zu glauben, dass er das vorbereitet hat."

„Tatsächlich", erwiderte der Schulleiter. „Ich denke, du magst Recht haben. Harry scheint in diesem Semester viel lebenslustiger und fröhlicher zu sein. Was meinst du?", fragte er ehrlich an ihrer Antwort interessiert. Er war sich sicher, dass sie diejenige war, die ihm das Tanzen beigebracht hatte, besonders nachdem er gesehen hatte, wie Harry zu ihr gegangen war und sie auf die Tanzfläche geführt hatte. Er hatte nicht gewusst, dass dies im Gange war und war neugierig, welche Informationen er von seiner getreuen Kollegin und Freundin über den Jungen erfahren konnte, der so wichtig für ihre Sache war.

„Ich stimme zu", erwiderte sie. „Ich muss zugeben, dass ich erwartet habe, dass er den Verlust von Sirius schwer nehmen würde. Ich war darauf vorbereitet, einen depressiven und missmutigen Jungen vorzufinden, der verloren ist. Stattdessen habe ich einen reifen jungen Mann gefunden, der seinem Verlust und seinem Schmerz entgegensteht und in seine Rolle als Erwachsener findet. Ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass ich ein Auge auf ihn hatte. Er hatte seine Momente, in denen die Dinge ihm zusetzten. Er schien insbesondere einige Zeit lang uneins mit Mr. Weasley und Miss Granger gewesen zu sein. Es ist nur natürlich, dass er den Verlust spürte, als die Distanz zwischen ihnen wuchs. Ich fürchte, dass er, indem er erwachsen wird, sich von seinen Freunden wegentwickelt. Normalerweise würde mir das keine Sorgen bereiten, da das oft passiert, aber seine Freunde sind die einzige echte Familie, die er hat", sagte sie und er bemerkte, wie sich ihr Blick bei ihrer letzten Aussage verhärtete. Er hatte gehofft, dass sie eines Tages die Dinge aus seiner Sicht sehen würde, aber es schien, als würde sie ihm niemals wirklich dafür verzeihen können, dass er Harry bei seiner Tante und seinem Onkel gelassen hatte.

Sie fuhr fort: „Aber ich habe auch bemerkt, wie er und Miss Weasley sich näher gekommen sind. Tatsächlich wäre ich nicht überrascht, wenn sie Mr. Weasley und Miss Granger bereits als seine beste Freundin ersetzt hätte. Mr. Longbottom scheint ihm und den anderen ebenfalls viel näher zu stehen."

Dumbledore nickte nachdenklich. Er wusste das alles bereits. Er hatte gehofft, etwas Neues von ihr zu erfahren. Er war ziemlich überrascht, dass sie nichts über die Zeit, die sie mit Harry unter anderen mit den Tanzstunden verbracht hatte, erwähnte. Er würde darüber mit ihr reden müssen, aber er wusste, dass nun weder die Zeit noch der Ort für diese Konversation war.

Sie standen freundschaftlich beieinander und wachten über ihre Schützlinge, während diese tanzten. Es war einige Zeit später, vielleicht noch fünfzehn Minuten bis zum Ende des Balles, als sie laute Geräusche von der Eingangshalle hörten. Die beiden Professoren schauten sich besorgt an, bevor sie gingen, um dem Aufruhr nachzugehen.

OoOoOoOoOoOoOoO

Ginny wurde verrückt vor Sorge. Sie hatte erst einmal zuvor Harry während einer Vision gesehen. Sie hatte damals nicht gewusst, was sie tun sollte, und sie fühlte sich jetzt noch hilfloser. Harry warf sich von einer Seite auf die andere, als versuche er, vor etwas zu fliehen. Eine Hand griff immer wieder an seine Narbe, welche eine leuchtend rote Farbe angenommen hatte, ein starker Kontrast zu seinem momentanen aschfahlen Gesicht. Sie versuchte, sich ihm zu nähern, aber musste zurückweichen, um seinen schlagenden Gliedmaßen auszuweichen. Sie kroch hinter ihn und näherte sich ihm von seiner Kopfseite aus. Sie war in der Lage, nahe genug zu kommen, um seinen Kopf berühren und mit ihren Fingern durch sein Haar fahren zu können. Sie bewegte sich ganz langsam noch ein wenig näher, um es sich ein wenig einfacher zu machen und saß nun direkt neben seinem Kopf. Sie ließ eine Hand in seinen Haaren und legte die andere über seine Narbe.

Sie musste ihren Kopf einziehen, um Harrys Arm auszuweichen, aber sie blieb fest und hielt eine Hand über seine Narbe, während die andere abwechselnd durch sein Haar fuhr und sanft über seine Wange strich. Er begann sich langsam zu beruhigen. Sie hob seinen Kopf vom Boden und rutschte unter ihn, so dass sein Kopf auf ihrem Schoß gebettet war. Sie fuhr mit ihren Handbewegungen fort, während Harry gelegentlich trat oder leicht zuckte. Er warf seinen Kopf von einer Seite zur anderen, aber seine Bewegungen waren gemäßigter und sie war nicht mehr in so großer Gefahr, geschlagen zu werden.

Sie wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war und erschreckte sich beinahe, als Harry sich abrupt aufsetzte. Er kniete mit dem Rücken zu ihr und Ginny hörte wie er begann sich zu übergeben. Sie näherte sich ihm und kniete sich neben ihn hin. Sie fing an, mit ihrer rechten Hand beruhigend über seinen Rücken zu streichen, in der Hoffnung, dass die Geste ihm Trost gab. Sie konnte die Tränen in ihren Augen fühlen, als sie zusah, wie Harry noch lange würgte, obwohl sein Magen bereits leer war.

Sein Magen beruhigte sich schließlich und Harry wandte sich ihr zu. Tränen rannen sein Gesicht herunter und seine normalerweise glänzenden, grünen Augen hatten einen stumpfen und gequälten Ausdruck. Ihre Blicke trafen sich nur für einen Moment, bevor ein Schluchzen seinen Körper schüttelte. Sie breitete die Arme aus und er brach laut schluchzend in ihren Armen zusammen. Ginny merkte, wie die Tränen nun ihre eigenen Wangen hinunterliefen, aber sie ignorierte sie. Mit einer Hand rieb sie über Harrys Rücken, während sie mit der anderen seinen Kopf an ihre Brust hielt, ihre Finger strichen sanft durch sein Haar. Sie wusste nicht, noch interessierte sie es, wie lange sie dort saßen.

Als die Tränen schließlich begannen, zu versiegen und sein Körper begann, sich zu entspannen, bettete sie seinen Kopf in ihren Schoß, wobei sie nicht aufhörte, mit ihren Fingern beruhigend durch sein Haar zu fahren und Worte der Ermutigung zu flüstern. Sie wollte einen Blick auf ihn werfen. Was sie sah, ließ sie sich nicht besser fühlen. Sie hatte Harry erst zweimal so aufgelöst gesehen. Das erste Mal war im Krankenflügel kurz nach Voldemorts Auferstehung gewesen. Das zweite Mal war gewesen, als Sirius gestorben war. Was immer Harry gesehen hatte, es würde offensichtlich Spuren hinterlassen. Nun würde sie sehen müssen, wie sie ihm helfen könnte. Sie wünschte wirklich, sie hätte eine Ahnung, wie sie ihn trösten könnte.

Nicht wissend, was sie noch tun konnte, redete sie weiter sanft zu ihm. Sie versuchte ihm zu sagen, dass er in Sicherheit war, dass alles okay sein würde. Die Worte hörten sich in ihren eigenen Ohren hohl an, aber sie hoffte, dass er etwas Trost in ihnen fand. Während eine Hand weiter durch sein Haar fuhr, suchte die andere seine Hände. Als sie sich trafen, drückte sie sie leicht und das war alles, was er brauchte, um sich an ihr festzuklammern. Er hielt ihre Hand fest, doch nicht so sehr, dass es schmerzte.

Es vergingen mehrere Minuten, bevor sie überhaupt darüber nachdachte, was sie als nächstes tun sollte. Sie konnten nicht die ganze Nacht draußen bleiben. Wären sie im Gemeinschaftsraum gewesen, wäre es kein Problem gewesen, so die ganze Nacht sitzen zu bleiben und ihm allen Trost zu spenden, den sie konnte. Aber Harrys Wärmezauber würden eventuell vergehen und sie wusste, dass die anderen sich Sorgen machen würden, wenn sie nicht zum Gryffindorturm zurückkehren würden.

Sich damit abfindend entschloss sie sich, es zur Sprache zu bringen. „Was sagst du dazu, dass wir zurück zum Turm gehen? Wir können beim Krankenflügel vorbeigehen und einen Traumloszaubertrank holen, wenn du möchtest", bot sie an, wissend, dass er wahrscheinlich Probleme haben würde, ohne Hilfe Schlaf zu finden.

Er nickte stumm. Sie war sich nicht sicher auf welche Frage er antwortete. Er schien es auch nicht eilig zu haben, aufzustehen. Sie seufzte müde und wünschte von ganzem Herzen, dass sie mehr für ihn tun könnte. Das bisschen Energie sammelnd, dass ihr blieb, drehte sie Harry, um ihn zum aufsitzen zu bewegen, so dass sie beginnen konnten, ihren Weg zurück zum Schloss zu machen.

Nach ein paar Minuten hatte sie ihn zum Aufstehen gebracht. Als sie ihren Weg antraten,legte sie einen Arm um seine Hüfte, um ihn zu stabilisieren und zu führen. Er schien seine Umgebung nicht wahrzunehmen. Nach einer Minute nahm sie seinen Arm und legte ihn um ihre Schulter und machte es damit einfacher, ihn aufrecht und auf dem Weg zu halten. Sie trotteten über die Ländereien, zurück zu den Lichtern der Eingangshalle.

Die Leute um sie herum bemerkten sie sofort und begannen, Fragen zu stellen. Sie war nicht in der Stimmung, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und machte sich bereit, ihren Weg freizuhexen, als eine vertraute Stimme sich durch die Menge näherte.

„Was ist hier los? Was soll der ganze Aufruhr?", fragte Hermine Granger, als sie sich ihren Weg durch die Menge kämpfte, die um Harry und Ginny versammelt war. Als sie schließlich das Zentrum erreicht hatte und ihren mitleidserweckenden Zustand sah, wandte sie sich an die Schüler, die um sie herum waren. „Ok, verschwindet alle! Hier gibt es nichts zu sehen!" Als niemand geneigt zu sein schien, Folge zu leisten, fiel sie auf ihre Autorität als Vertrauensschüler zurück. „Verschwindet von hier, bevor ich anfange, Punkte abzuziehen und Nachsitzen zu verteilen!", rief sie lautstark.

Die Menge hörte auf sie. Es kam niemandem in den Sinn, dass sie nicht die nötige Autorität hatte, um ihre Drohung wahrzumachen. Zufrieden wandte sie ihre Aufmerksamkeit ihren beiden Freunden zu. „Was ist passiert?", fragte sie besorgt.

Ginny runzelte die Stirn. „Ich glaube, er hatte eine Vision. Eine schlimme vom Aussehen her. Ich bringe ihn hoch zum Krankenflügel, um ihm einen Traumlosschlaftrank zu holen", sagte sie dem Mädchen und begann wieder weiterzulaufen.

„Oh nein, das tust du nicht", befahl Hermine und trat ihr in den Weg. „Er muss zuerst Dumbledore alles berichten. Was auch immer passiert ist, er muss Bescheid wissen."

Harry schüttelte es, das einzige Anzeichen, dass er hörte, was gesagt wurde. Ginny sah rot und ihre Augen verengten sich gefährlich. „Geh mir aus dem Weg", forderte sie in einer leisen, eisigen Stimme.

„Nein", weigerte sich Hermine. „Er muss Professor Dumbledore berichten, was er gesehen hat. Es könnte wichtig sein."

„Harry wird nicht dazu gezwungen werden, noch einmal das zu durchleben, was er sah", informierte Ginny sie in einer todernsten Stimme. „Nicht von dir, Dumbledore, oder irgendjemand anderes."

„Ich weiß, wie du dich fühlst, aber ...", bestand Hermine mutig und weigerte sich, von ihrem Standpunkt abzuweichen.

Mit ihrer einen freien Hand holte Ginny ihren Zauberstab heraus. „Geh aus dem Weg, Hermine."

Die Augen des Mädchens wurden größer, aber sie hielt ihren Grund. „Du würdest mich nicht verhexen", sagte sie. Es war nicht klar, wen sie versuchte zu überzeugen.

Es war in diesem Moment, das Professor McGonagall und Professor Dumbledore durch die Türen traten, die zur großen Halle führten. Professor McGonagall sprach als erstes. „Miss Weasley, warum haben Sie Ihren Zauberstab auf Miss Granger gerichtet?", fragte sie in einem festen Tonfall. Ihr Tonfall änderte sich zu einem sorgenvollen, als sie hinzufügte: „und was ist mit Mr. Potter?"

Hermine antwortete zuerst: „Harry hatte eine Vision, und ich habe versucht, Ginny zu erklären, dass Harry Professor Dumbledore davon erzählen muss, bevor sie ihn ins Bett bringen und ihm einen Traumloschlaftrank geben kann." Ihr Tonfall ließ Ginny als ein simples Kind dastehen, dass eine Rüge benötigte, was Ginny ihren Griff um ihren Zauberstab festigen und ihre Augen verengen ließ.

McGonagall schien diese Information in sich aufzunehmen und so war es Dumbledore, der als nächstes sprach: „Das erklärt nicht, warum Miss Weasley ihren Zauberstab auf dich gerichtet hat."

„Miss Weasley" erwiderte Ginny vernichtend „wird nicht herumsitzen und zusehen, wie Sie Harry dazu zwingen, diesen Albtraum, den er gerade durchlebt hat, noch einmal erleben zu müssen. Sie wird Harry ins Bett bringen, so dass er sich ausruhen kann. Jeder, der mich aufhalten will, ist willkommen, es zu versuchen." Dies alles sagte sie mit gerechtfertigtem Ärger und begann bereits zu den Treppen zu gehen, die zum Krankenflügel führten. Ihr einziger Gedanke im Moment war Harry und sie hatte keine Geduld für andere.

Als Hermine sich bewegte, um sich ihr wieder in den Weg zu stellen, stoppte Dumbledores Stimme sie; gerade rechtzeitig, um sie vor einem Zauber zu retten, den Ginny gerade aussprechen wollte. „Ich glaube nicht, dass es ratsam wäre, Miss Weasley länger aufzuhalten", meinte er. Hermine blieb abrupt stehen und Ginny ging weiter, ohne ihr Aufmerksamkeit zu schenken.

Sie schaffte es, Harry die Treppen zum Krankenflügel hochzuführen, wo sie Madame Pomfrey davon überzeugte, einen Zaubertrank hervorzuholen. Harrys Weg endete dort, da Madame Pomfrey darauf bestand, dass er über Nacht blieb.

Sie half der Schulheilerin Harry ins Bett zu befördern. Als sie zusah, wie Harry den Kelch, der ihm von Madame Pomfrey hingehalten wurde, austrank, verließ Ginny ihre Energie wie die Luft aus einem aufgestochenen Ballon. Sie ließ sich auf einen Stuhl an seinem Bett fallen und beobachtete, wie Harry der einschläfernden Wirkung des Zaubertrankes erlag.

Nach einem Moment wandte Madame Pomfrey ihre Aufmerksamkeit zu Ginny: „Sie sehen so aus, als würden Sie auch traumlosen Schlaf brauchen können, Miss Weasley."

Ginny schaute die Matrone mit ausdruckslosen Augen an. Sie überlegte, zu widersprechen. Sie war so erschöpft, dass sie bezweifelte, dass ein Trank notwendig war. Auf der anderen Seite war es wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, wie sie bei Harry im Krankenflügel bleiben könnte. Sie wollte niemandem die Möglichkeit geben, ihn mit Fragen zu bestürmen, wenn er aufwachte. Zu einer Entscheidung kommend nickte Ginny zustimmend: „Sie haben wahrscheinlich recht. Haben Sie vielleicht etwas, dass ich anziehen kann? Ich möchte nicht in diesen Roben schlafen."

Madame Pomfrey nickte bestätigend und ging, um einen Pyjama und einen weiteren Kelch mit Zaubertrank zu holen. Als sie wiederkam, nahm Ginny das angebotene Kleidungsstück und verschwand hinter einem Wandschirm, um sich umzuziehen. Kurze Zeit später kam sie in frischer Krankenhauskleidung gekleidet hervor, ihr Kleid über ihren Arm gelegt. Sie kroch in das Bett neben Harry, ohne irgendwelche Zuweisungen erhalten zu haben. Keine zwei Minuten später driftete sie in ihren eigenen trankverursachten Schlaf ab.

OoOoOoOoOoOoOoO

„Da bist du", rief er frustriert aus. „Endlich. Ich habe schon die ganze Zeit versucht, dich zu erreichen." Als sein Patensohn ganz in Erscheinung trat, musterte Sirius ihn genau. Ihm gefiel nicht, was er sah. Harry sah müde und erschöpft aus. Seine Augen waren glanzlos, und er weigerte sich, ihm in die Augen zu schauen. Kein Lächeln war auf seinem Gesicht. „Wie geht es dir, Kleiner", fragte Sirius besorgt.

„Mir geht es gut", murmelte Harry, sein Blick auf Sirius Füße gerichtet.

„Hat dir je jemand gesagt, dass du eine ziemlich verzerrte Ansicht von „gut" hast?", erwiderte Sirius mit einem Hauch Frustration.

Harry schaute ihm endlich in die Augen: „Ja", sagte er leise. „Ein- oder zweimal."

„Gut." Er trat einen Schritt auf Harry zu, unsicher, wie er ihn trösten sollte. Er breitete schließlich nur seine Arme aus und sagte: „Komm her." Er beobachtete Harry beklommen, unsicher, wie dieser reagieren würde. Erleichterung durchflutete seinen Körper, als Harry nach einem Moment zu ihm trat. Sirius legte seine Arme um seinen Patensohn und hielt ihn fest in seinen Armen. Er fühlte, wie Harry sich kurz in der Umarmung versteifte und fragte sich, ob das die Beste Idee gewesen war. Harrys Körper entspannte sich bald darauf und seine Arme schlangen sich um Sirius Rücken.

Sie standen eine Weile so da, bevor Sirius seinen Griff lockerte und die beiden einen Schritt voneinander wegtraten. „Wie geht es dir wirklich?"

Harry zuckte mit den Schultern und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Sirius war überrascht. Er sah jetzt erst, dass Harry es sich abgeschnitten hatte, aber er wusste, dass jetzt nicht der Moment war, um dazu etwas zu sagen. „Ich weiß nicht", antwortete Harry schließlich. Er blickte Sirius direkt in die Augen und dieser wusste, dass Harry ehrlich geantwortet hatte. „Ich ... ich weiß es einfach nicht."

Sirius nickte verständnisvoll. Seine Gedanken überschlugen sich. Ihm fehlte die Erfahrung für solche Momente, und er war sich unsicher, wie er Harry trösten könnte. „Möchtest du darüber reden?" fragte er zögernd.

Harry seufzte schwer. „Nicht wirklich", sagte er und Sirius fühlte, wie seine Hoffnungen zerfielen. Er wollte nicht, dass Harry sich in sich selbst zurückzog und begann darüber zu grübeln, aber er konnte ihn nicht wirklich dazu zwingen, darüber zu reden. Harrys Augen verdunkelten sich, sein Blick wurde leer. Nach einem langen Moment der Stille schüttelte Harry leicht seinen Kopf und sagte: „Es gibt nicht wirklich viel zu sagen, oder?" Er stopfte seine Hände in seine Hosentaschen und trat unruhig von einen Fuß auf den anderen. „Es ist vorbei und es gibt nichts, dass ich nun tun kann."

Sirius nickte geistesabwesend und durchforstete sein Gehirn nach einer Idee, wie er Harry helfen könnte. Nun, die Direktheit war immer schon seine Spezialität gewesen und neigte dazu, mit James zu funktionieren. „Das ist ein Blickwinkel, aber glaube nicht eine Sekunde lang, dass ich dir deine gleichgültige Haltung abkaufe. Bist du okay mit dem, was du gesehen hast?"

Sirius sah, wie Harrys Augen sich weiteten und er seine Zähne zusammenbiss. „Ob ich mit dem okay bin, was ich gesehen habe?", fragte er ungläubig. „Nein, ich bin verdammt nochmal nicht mit dem okay, was ich gesehen habe! Merlin, Sirius", rief er aus und fuhr sich frustriert mit der Hand durch sein Haar. „Sie folterten und brachten ganze Familien, Frauen und Kinder um und sie haben darüber gelacht. Es war ein Spaß für sie. Ich werde niemals okay damit sein."

Nun, wenigstens hatte er eine Reaktion bekommen, überlegte Sirius. Er trat einen Schritt nach vorne und packte Harry fest an seinen Schultern. „Ich glaube, die meisten Menschen wären nicht okay, nachdem sie das gesehen haben und das erwarte ich auch nicht von dir. Aber ich weiß nicht, was ich tun kann, um dir zu helfen." Er schaute tief in Harrys Augen und hoffte, dass sein Patensohn seine Aufrichtigkeit sehen konnte. „Wenn du reden musst, ich bin da. Solange wie ich kann, werde ich hier sein, um dir zuzuhören, und selbst nachdem ich ganz auf die andere Seite gegangen bin, werde ich immer bei dir sein und über dich wachen."

Er sah, wie jegliche Farbe aus Harrys Gesicht verschwand und fühlte ein Stechen in der Brust. „Du wirst nirgendwo hingehen", sagte Harry und der Vorwurf war deutlich in seiner Stimme zu hören. Nach einem Moment der Stille fügte er flehentlich hinzu: „Wirst du?"

Sirius seufzte schwer und drückte Harrys Schultern: „Ich habe noch ein wenig Zeit übrig, denke ich. Aber um die Wahrheit zu sagen, habe ich keine Ahnung, wieviel Zeit ich habe. In letzter Zeit habe ich begonnen, ein Ziehen zu spüren und ... nun, ich weiß es einfach nicht. Ich werde so lange ich kann für dich da sein, das verspreche ich dir."

Harry trat vor und schlang seine Arme um ihn und Sirius erwiderte die Geste sofort und hielt seinen Patensohn fest. Er wünschte, er könnte derjenige sein, der in dieser schweren Zeit für Harry da war, aber das war unmöglich. Es war an der Zeit für jemand anderes, nach Harry zu sehen, er würde nur sicherstellen müssen, dass Harry sie an sich ran ließ, bevor er auf die andere Seite ging.

OoOoOoOoOoOoOoO

Harry umarmte seinen Patenonkel fest. Das erste Mal in einer langen Zeit erkannte er an, dass Sirius tot war und dass er würde verabschieden müssen. Erkennend, dass ihre gemeinsame Zeit dem Ende zuging, beschloss er, dass sie besser das Beste aus ihrer verbliebenen Zeit machten. Er drückte sich von Sirius weg und fragte: „Kannst du mir ein paar Geschichten über meine Eltern und von den Rumtreibern erzählen?"

Sirius lächelte ihn breit an: „Ich denke, das kann ich tun", sagte er selbstsicher. Sie setzten sich zusammen auf ein Sofa und Sirius vertiefte sich in die Aufgabe, Harry Geschichten von den Rumtreibern zu erzählen. Hin und wieder unterbrach Harry mit einer Frage, aber für den größten Teil war er zufrieden damit, sich zurückzulehnen und zuzuhören, wie sein Pate ihm enthusiastisch die Situationen beschrieb, in die er mit James, Remus und Peter geraten war. Er hielt sich nicht mit Geschichten über die vielen fehlgeschlagenen Versuche seines Vaters, ein Date mit der einen Lily Evans, zu ergattern, zurück. Sirius verbrachte den Rest der Nacht damit, Harry Geschichten zu erzählen und versicherte Harry, dass er noch viele weitere auf Lager hatte. Harry lächelte nur glücklich. Die Geschichten seines Patenonkels hatten erfolgreich seine Gedanken von der Vision der Nacht abgelenkt und ließen ihn zufrieden zurück. Er fühlte sich, als würde er endlich seine Eltern kennenlernen, wenn auch nur indirekt.

OoOoOoOoOoOoOoO

Einige Zeit später öffneten sich Harrys Augen einen Augenblick lang, bevor er sie wieder fest gegen die Helligkeit zukniff. Er stöhnte und öffnete zögernd seine Augen. Er kniff sie etwas zusammen, um seinen Augen die Chance zu geben, sich an das Licht zu gewöhnen, bevor er sie vollständig öffnete. Als sein Gehirn registrierte, wo er war, stöhnte er noch einmal auf. Er hatte gedacht, dass er in diesem Jahr vielleicht dem Krankenflügel entgehen könnte. Anscheinend nicht.

Er lag eine Minute da und versuchte, sich daran zu erinnern, was passiert und wie er im Krankenflügel gelandet war. Plötzlich erinnerte er sich an alles: Voldemort ... Todesser ... Familien - Kinder ... Mord, Folter. Er krümmte sich zusammen und presste seine Augen zu, um die Tränen aufzuhalten, die vergossen werden wollten. Er kämpfte einen verzweifelten Kampf mit sich selbst, um die Kontrolle über seine Gefühle zu behalten.

Er begann widerwillig, seinen Kopf freizumachen, so wie er es seit dem Sommer jede Nacht machte. Er stellte sich die Koffer in seinen Kopf vor und beschloss, dass die Zeit für einen neuen gekommen war. Ein Koffer mit Dingen, die er niemals, unter keinen Umständen, jemals wieder sehen wollte. Das, was er tun musste fürchtend, beschloss Harry, sich zuerst um die Erinnerungen des restlichen Abends zu kümmern. Er konnte nur hoffen, dass die Freude des Abends genug sein würde, um das Leid seiner Vision zu bekämpfen.

Leider hatte es nicht ganz den Effekt, den er sich erhofft hatte. Es munterte ihn ein wenig auf. Schließich hatte er eine unglaubliche Zeit mit Ginny gehabt. Die Erinnerungen waren es auf jeden Fall wert, mit den restlichen Patronuserinnerungen einsortiert zu werden. Das Problem war, dass er nicht aufhören konnte, an die Vision zu denken, und dass hing wie eine dunkle Wolke über der Zeit, die er mit Ginny verbracht hatte. Es wurde zum Ende des Abends nur noch schlimmer. Als er zu dem Feuerwerk kam, waren seine Gedanken beinahe vollständig auf das fokussiert, was kommen würde. Und nur zu bald war es an der Zeit für die Vision.

Er merkte nicht, dass ihm Tränen übers Gesicht liefen, während er begann, die Erinnerung in den neuen Koffer zu verschieben. Er wimmerte, was die Aufmerksamkeit der Hexe, die neben seinem Bett saß, weckte. Harry - seine Augen geschlossen und auf andere Dinge konzentriert - hatte nicht bemerkt, dass Ginny zu seinem Bett getreten war. Er fühlte es nicht, als sie über seine Wange strich und sein noch immer kurzes Haar um ihre Finger wickelte. Er wusste nicht, dass sie seine Hand in ihre Hand nahm und leicht drückte und versuchte, ihm jeden kleinen Trost zu schenken, den sie konnte.

Das alles wusste er nicht. Alles, was er wusste, war, dass der Schmerz und die Traurigkeit plötzlich nicht mehr ganz so furchtbar waren. Er war in der Vision verloren gewesen, aber nun war er in der Lage, sich wieder auf die vor ihm liegende Aufgabe zu konzentrieren, und es war nur einen Moment später, dass er den Koffer schließlich zuschließen und seine Gedanken vor dem Schlimmsten der Erinnerung verschließen konnte. Er sackte erleichtert zusammen.

„Oh Harry" schniefte eine weibliche Stimme leise.

Harry öffnete abrupt seine Augen. „Ginny", rief er aus, als er sie sah. Er bemerkte, dass sie ein Krankenhausnachthemd trug. „Hast du die Nacht hier verbracht?", fragte er besorgt. „Ist dir etwas geschehen?"

Ginny nickte langsam. „Ich habe die Nacht hier verbracht, aber mir ist nichts passiert. Ich war nur erschöpft und ... ich wollte dich nicht alleine lassen." Sie wurde immer leiser, aber Harry konnte sie noch immer verstehen.

Er drückte ihre Hand. „Danke", sagte er flüsternd. Dann, lauter: „Ich nehme an, dass du mich hierhergebracht hast?"

Sie nickte: „Du erinnerst dich nicht?"

„Es ist alles ein wenig verschwommen nach ..." Er konnte sich nicht dazu bringen, es auszusprechen.

Ginny drückte seine Hand. „Das ist verständlich. Ich habe dich direkt hierher gebracht und Madame Pomfrey hat dir Traumlosschlaftrank gegeben. Nachdem du eingeschlafen bist, war sie der Meinung, dass ich ebenfalls ein wenig blass aussehe. Sie hat mir den Trank auch angeboten und hat mich hier bleiben lassen. Ich war nicht in der Stimmung, zurück zum Gryffindorturm zu gehen und alle zu sehen."

Harry nickte geistesabwesend. „Danke", sagte er. Er setzte sich im Bett auf und nahm seine Hand aus ihrer. Er schwang seine Beine über die Bettkante und stand auf: „Ich denke, ich werde zum Raum der Wünsche gehen ..."

Ginnys Gesicht verzog sich nachdenklich. „Um zu trainieren?", fragte sie ihn.

Harry zuckte mit den Schultern: „Ich muss etwas tun."

Sie nickte verstehend: „Möchtest du etwas Gesellschaft?"

Harry dachte einen Moment darüber nach. Er hatte wirklich nichts gegen ihre Gesellschaft, aber er musste trainieren und einen Teil seiner Wut und seiner Frustration verarbeiten. Das war nicht die ideale Zeit für einen Besuch: „Ich denke nicht, dass ich besonders gesellig sein werde."

„Das macht mir nichts aus", bestand sie.

Er zuckte mit den Schultern: „Dann komm."

Kurze Zeit später erreichten sie den Flur und Harry lief schnell vor der betreffenden leeren Wand auf und ab. Sobald die Tür erschien, warf er sie auf und trat hinein. Ginny folgte ihm. Sobald sie ein paar Schritte in den Raum hineingegangen war, wandte Harry sich um und mit einer ausgestreckten Hand ließ er die Tür hinter ihr zuknallen. Er bemerkte, wie sie leicht zusammenzuckte.

Er achtete jedoch nicht darauf. Stattdessen wandte er sich zum Zentrum des Raumes, wo ein Dummy vor ihm erschien. Er ging zu ihr hin und sobald er in Reichweite war, schlug er so kräftig zu wie er konnte. Als Harrys Hand sie berührte, schnappte der Kopf des Dummies mit einem reißenden Geräusch zurück und kam nicht mehr in ihre ursprüngliche Haltung zurück. Harry ließ den Dummy dann mit einem Kick zu ihrer Taille wegfliegen.

Er drehte sich um und fand hinter sich zwei weitere Dummies vor. Keine Zeit verlierend begann er den Dummy zu seiner Rechten anzugreifen. Nach drei Schlägen war dieser auseinandergerissen. Sich zum nächsten Dummy wendend stieß er nur seine linke Handfläche in seine Richtung und warf damit einen Feuerball auf den Dummy zu, woraufhin dieser in Flammen aufging. Drei weitere Dummies erschienen hinter Harry, um mehr von seiner Behandlung abzukriegen.

Er fuhr auf diese Weise fort, wobei die Menge der neuen Dummies stetig anwuchs, sobald er welche vernichtete, bis alle zwölf auf einmal erschienen. Er stieß einen Urschrei aus, ließ seine Magie los und sandte damit eine Schockwelle aus, die sie alle auf einmal zu Boden brachten. Er sank sofort erschöpft auf seine Knie. Es erschienen keine neuen Dummies.

OoOoOoOoOoOoOoO

Ginny, die das Ganze mit Bewunderung und Bestürzung beobachtet hatte, ging langsam zu Harrys zusammengefallener Gestalt. Sie näherte sich ihm vorsichtig und verursachte gerade genug Geräusche, um ihn auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen und ihn nicht zu erschrecken. Sie hatte bis zu diesem Augenblick aufgepasst, Abstand zu halten und trotz dieses Sicherheitsabstandes hatte sie die letzte Schockwelle von reiner magischer Energie gespürt. Sie glaubte nicht, dass es klug wäre, ihm Grund zur Panik zu geben, selbst für nur einen Moment. Als sie ihn erreichte, kniete sie sich neben ihn hin und legte ihre Hand tröstend auf seinen Rücken. Sie fuhr langsam bis zu seinem Nacken hoch, wo sie mit ihren Fingern beruhigend durch sein kurzes Haar fuhr.

Mehrere Minuten lang ließ Harry sich nicht anmerken, ob er überhaupt wusste, dass sie da war. Während sie dort kniete und ihr bestes tat, ihn zu trösten, bemerkte sie, dass er ziemlich geschwitzt hatte. Und er lag praktisch auf dem Steinboden. Als sie fühlte, wie er zitterte, beschloss sie, dass sie ihn vom Boden wegbringen müsste. Sie wünschte, sie hätte ein Sofa, auf das sie ihn legen könnte und eins erschien genau vor ihr.

Sie wandte sich wieder Harry zu. „Komm schon, Harry", sagte sie. „Steh vom Boden auf. Gleich da ist ein Sofa. Okay?" Sie legte einen Arm um ihn und zog ihn hoch zum Sofa und er folgte ihr widerwillig. Als sie ihn auf das Sofa manövriert hatte, setzte sie sich neben ihn und legte seinen Kopf auf ihren Schoß. Sie fuhr ihm weiterhin durch die Nackenhaare. Als er wieder zitterte, dachte sie, dass eine Decke praktisch wäre und eine erschien auf der Armlehne des Sofas direkt neben ihr. Sie nahm die Decke, breitete sie aus und warf sie über Harry, wobei sie die Decke bis zu seinen Schultern zurückfaltete, um seinen Kopf freizulegen.

„Danke", murmelte er beinahe unverständlich.

„Gern geschehen, Harry", erwiderte sie. Sie war froh zu wissen, dass er noch immer bei ihr war. Sie war sich nicht sicher gewesen, ob er sich wie in der Nacht zuvor in seinen Erinnerungen verloren hatte. Sie war auch glücklich zu sehen, dass er sich ihren Versuchen, ihn etwas zu trösten, bewusst war und er sie nicht wie früher von sich stieß. Nach ein paar Minuten fragte sie leise: „Möchtest du darüber reden?"

Harry schüttelte seinen Kopf und murmelte: „Nein." Sie entschied, dass es das Beste wäre, ihn nicht zu sehr zu drängen. Wenn er reden wollte, wusste er, dass er es konnte. Sie würde so lange es brauchte mit ihm da sitzen. Es war der zweite Weihnachtsfeiertag; sie musste nirgendwohin und hatte nichts zu tun.

Er war einige Minuten lang still. Er lag auf dem Rücken, mit seinem Kopf zur Seite geneigt und ins Zimmer schauend. Er bewegte sich plötzlich. Er rollte sich auf die Seite und näher zu ihr, seinen Blick auf ihre Roben gerichtet und begann zu reden. Er erzählte ihr, was er gesehen hatte. Er vermied jegliche Details, denn er wollte ihr die Albträume ersparen, welche sie wahrscheinlich auslösen würden. Sie nahm seine Hand in ihre und fuhr ihm mit der anderen weiterhin durchs Haar.

„Das abstoßendste war die Tatsache, dass sie es alle genossen haben", spuckte Harry. „Es ist nicht nur Voldemort. Sie alle genießen es. Die Todesser lachten und spielten. Es war für sie ein Spaß. Sie haben sich nicht um ihre Opfer gekümmert. Sie haben sie behandelt, als wären sie weniger als Tiere, ohne Gedanken oder Gefühle."

Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. „Ich dachte immer, dass es nur Voldemort sei", fuhr Harry nach einem Moment fort. „Ich dachte, er wäre das Böse und der Rest wurde einfach mit hineingezogen und dass die Dinge außer Kontrolle gerieten. Aber so ist es nicht. Sie sind alle böse. Sie genießen es alle, Schmerz zu verursachen und Leben zu ruinieren. Es ist krank."

Sie durchforstete ihr Gehirn, um etwas zu finden, dass sie sagen könnte, irgendetwas, um ihn sich nur das kleinste bisschen besser fühlen zu lassen, aber da war nichts. Wie kann man jemanden aufmuntern, der gerade Zeuge von Mord, Folter und Vergewaltigung geworden war? Wie konnte sie ihn sich jemals besser fühlen lassen über das, was er gesehen hatte? Sie wusste, dass diese Erinnerungen selbst nachdem der Krieg vorbei sein und die Angriffe aufhören würden ihn wahrscheinlich für den Rest seines Lebens begleiten würden. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie sich bisher so hilflos gefühlt und sie hatte sich geschworen, dass sie es niemals wieder geschehen lassen würde, wenn es in ihrer Macht stand, es zu ändern. Leider war es nicht in ihrer Macht.

Also tat sie das bestmöglichste, was sie tun konnte. Sie hielt ihn. Sie würde sein Anker sein und zuhören, aber sie würde nicht so tun, als wären die Dinge okay. Sie würde nicht versuchen, ihn aufzumuntern oder ihm falsche Hoffnungen machen, dass die Dinge in Ordnung sein würden. Sie wusste es besser und Harry würde solch eine Unehrlichkeit hassen. Es wäre vielleicht für ein verängstigtes Kind angemessen, aber die Erwachsenen versuchten noch immer, sie mit solch herablassenden Methoden zu beruhigen und es machte sie immer verrückt. Manchmal gab es nichts, was man tun konnte, um jemanden sich besser fühlen zu lassen und man musste das erkennen und akzeptieren. Ansonsten machte es die Sache nur schlimmer. Ihre Eltern hörten vielleicht nicht zu, aber sie würde von ihren Fehlern lernen.

Sie dachte darüber nach, wie sie die letzten Monate damit verbracht hatte, sich über Klassenarbeiten und Noten Sorgen zu machen. All das schien nun bedeutungslos zu sein. Dann schaute sie Harry an, der den Großteil des Semesters damit verbracht hatte, sich auf den Krieg vorzubereiten. Der Rest des Schlosses konnte so tun als würde außerhalb der Sicherheit der Schlossmauern kein Krieg ausgefochten werden, aber sie konnte das nicht. Nicht mehr.

Ginny verstand, dass der Einsatz sich gerade erhöht hatte. Harry war bereits mitten drin. Ihre Familie würde nicht weit hinter ihm sein. Sie war es leid, hinter der Seitenlinie zu sitzen. Sie weigerte sich, sich zurückzulehnen und zuzuschauen, wie andere diesen Krieg für sie ausfochten. Sie würde nicht untätig danebenstehen während Harry litt, ohne aktiv zu helfen. Sie konnte das Trauma, das er durchlebt hatte, nicht ungeschehen machen, aber sie konnte kämpfen und helfen, den Krieg zu beenden. Sie beschloss, Harrys Beispiel zu folgen. Schule schien nicht mehr so wichtig zu sein. Die Z.A.G.s bedeuteten nichts. Ein Krieg wartete auf sie. Es war für sie die Zeit gekommen, das Training zu beginnen.

OoOoOoOoOoOoOoO

Sie verließen den Raum der Wünsche erst um die Mittagszeit. Ginny bot an, in die Küche zu gehen, wenn er die Große Halle vermeiden wollte, aber er lehnte das Angebot widerwillig ab, wissend, dass er den anderen früher oder später gegenübertreten musste. Harry hatte seine Festroben schließlich ausgezogen und sie durch Extraroben, die er in seinem Koffer verstaut hatte, ausgetauscht. Er hatte eine seiner Schulroben geschrumpft und sie Ginny geliehen, so dass sie sie über ihrem Krankenhausnachthemd tragen konnte. Sie betraten die Große Halle Seite an Seite und gingen zusammen zum Gryffindortisch. Sie setzten sich neben ihre Freunde, die relativ schweigsam zu essen schienen. Ginny setzte sich neben Ron und gegenüber Hermine hin. Neville war gegenüber von Ron. Harry saß neben Ginny, die Plätze ihm gegenüber und neben ihm waren leer. Es war schon beinahe das Ende der Essenszeit und die Halle hatte sich bereits geleert.

„Wo zum Teufel habt ihr beiden gesteckt?", wollte Ron hitzig wissen, sobald die beiden sich auf die Bank gesetzt hatten. „Ihr seid gestern Nacht nicht zum Turm zurückgekommen. Seid die ganze Nacht unterwegs gewesen, mhmm? Oh, natürlich nicht, ihr seid ja nur Freunde. Wenn ich mitkriegen sollte, dass du auch nur einen Finger an meine Schwester ..."

„Ach halt die Klappe, Ronald Weasley", schnitt Hermine ihm das Wort ab. „Ich habe euch beide heute Morgen im Krankenflügel besucht, aber ihr wart bereits verschwunden. Madame Pomfrey war außer sich. Sie sagte, dass ihr gegangen seid, ohne ihr auch nur Bescheid zu sagen, ganz zu schweigen davon, ihre Erlaubnis zu haben. Wo seid ihr gewesen?" Sie schaute die beiden erwartungsvoll an.

„Krankenflügel?", murmelte Ron verwirrt und schaute zwischen Hermine und Harry hin und her.

Harry zuckte mit den Schultern und schaute zu Ginny, so dass diese das Wort ergriff. „Wir mussten einfach von dort verschwinden", sagte sie als Erklärung und begann ihren Teller zu füllen. Als sie bemerkte, dass Harry ihrem Beispiel nicht folgte, füllte sie seinen Teller ebenfalls.

„Das beantwortet meine Frage nicht", antwortete Hermine. „Wo wart ihr beide?"

Harry ignorierte sie und starrte auf sein Essen. Er nahm seine Gabel in die Hand und begann das Essen hin und herzuschieben. Ginny verdrehte die Augen und begann zu essen, wobei sie ebenfalls absichtlich die Frage ignorierte.

„Nun?", fragte Hermine nach. „Ich kann immer noch Punkte abziehen oder euch Nachsitzen geben, weil ihr den Krankenflügel ohne Erlaubnis verlassen habt", drohte sie.

„Das kannst du nicht", ergriff Harry schließlich das Wort.

„Was sollte mich davon abhalten?", schoss Hermine zurück.

„Du übertrittst deine Autorität", erklärte Harry sachlich. Er schaute von seinem Teller hoch, um ihren Blick zu erwidern. „Madame Pomfrey ist mehr als fähig, selber Punkte abzuziehen und Nachsitzen zu verteilen. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit hat sie, da wir zu diesem Zeitpunkt unter ihrer Obhut waren. Außerdem bist du nur Vertrauensschülerin. Du hast nicht die Befugnis, Professoren zu bestrafen noch hast du die Befugnis, Ginny zu bestrafen, da sie bei mir war."

Er wandte sich wieder seinem Essen zu und biss zögernd von seinem Sandwich ab. Er begann gründlicher als nötig zu kauen und Hermine schnaubte empört auf der anderen Seite des Tisches. „Danke Harry", sagte Ginny neben ihm. Seine einzige Antwort war es, sie leicht anzulächeln.

„Also schön, sag uns nicht, wo ihr gewesen seid", gab Hermine mit schriller Stimme nach. „Es ist nicht so, als würdest du uns überhaupt noch was erzählen."

Ein lauter Knall schüttelte den Tisch durch, als Neville seine Hand auf sie schlug. „Würdest du endlich damit aufhören?" fragte er Hermine. „Warum glaubst du, dass Harry jede Einzelheit, die ihm widerfährt, mitteilen muss? Erzählst du ihm jedes persönliche Detail aus deinem Leben? Ich weiß nämlich sicher, dass du das nicht tust. Ich erinnere mich da an ein bestimmtes Geschehnis, in das ich nach dem letzten Weihnachtsball hineingestolpert bin, von dem du mich um Geheimhaltung gebeten hast und mir gesagt hast, dass ich weder mit Harry oder Ron noch mit sonst jemand darüber reden könne. Warum steigst du also nicht von deinem hohen Ross und gibst dem Jungen eine Pause?"

Hermine begann entrüstet zu stottern: „Wie kannst du? Das ... Das ist was ganz anderes."

„Ich sehe den Unterschied nicht", kommentierte Neville kurz angebunden.

„Was ist nach dem Weihnachtsball geschehen?", wollte Ron hitzköpfig wissen.

„Das geht dich nichts an", erwiderte Hermine nervös. Sie fühlte sich offensichtlich über die wechselnde Richtung der Unterhaltung unwohl.

„Ich wette, es hat etwas mit Vicky zu tun", grummelte Ron laut. „Was? Hast du mit ihm geknutscht oder so?"

Hermine öffnete ihren Mund und klappte ihn wieder zu, ohne ein Wort gesagt zu haben.

„Das hast du, nicht wahr?", fuhr Ron fort und stand von seinem Platz auf. „Du hast verdammt noch mal mit deinen Freund Vicky geknutscht. Und die ganze Zeit hast du uns erzählt, er sei nur ein Kumpel, nicht mehr."

Hermine drehte sich zu Neville: „Wie konntest du nur? Du hast es versprochen?"

Neville hielt seine Hände nach oben und zuckte mit den Schultern. „Für jemanden, der solch ein Befürworter für Offenheit und Ehrlichkeit ist, scheinst du furchtbar aufgeregt darüber zu sein, dass die Wahrheit herausgekommen ist", erwiderte er.

Ron währenddessen war noch nicht fertig: „Un-glaublich. Du wolltest wirklich letzte Nacht mit Vicky gehen. Ich weiß nicht, warum du nicht einfach nein gesagt hast, als ich dich zum Ball fragte." Damit stürmte Ron aus der Großen Halle, ohne einen Blick zurück zu werfen.

„Nun, ich hoffe, du bist glücklich", sagte Hermine und schaute Neville vernichtend an.

„Oh, werd' endlich erwachsen", sagte Harry unerwartet. „Wenn du Ron einfach sagen würdest, was du wirklich für ihn empfindest, würdest du dir und uns anderen eine Menge Ärger ersparen."

„Ich weiß nicht, wovon du redest", beharrte Hermine und verschränkte ihre Arme vor der Brust.

„Was auch immer", sagte Harry und winkte ihre Antwort ab. „Entweder du magst Ron oder du magst ihn nicht. Aber wenn du ihn magst, musst du ihn so nehmen wie er ist, Fehler und alles. Du kannst nicht einfach nur das Gute nehmen und das Schlechte ignorieren. Ich weiß, was du versuchst, auf was du wartest. Du möchtest, dass Ron erwachsen wird und seine Gefühle, seine Unsicherheiten und all das erkennt und seine Gefühle für dich gesteht. Aber du bist nicht bereit, dasselbe zu tun. Entweder du magst Ron und nimmst ihn so wie er ist und sagst ihm das oder du hörst auf, ihn hinzuhalten, in der Hoffnung, dass er erwachsen wird und sich in den Mann verwandelt, von dem du möchtest, dass er es ist."

Hermines Kinnlade fiel bis zum Boden hinunter und ihre war nicht die einzige. Neville und Ginny schauten ihn beide ebenso ungläubig an. „Was?", fragte er sie.

Ginny war die Erste, die sich aus ihrer Starre riss: „Nichts. Das war nur sehr einfühlsam, Harry."

„Ja", stimmte Neville zu. „Wenn du die Dinge so darstellst, machen die Argumente und alles viel mehr Sinn."

Hermine sah so aus, als würde sie sich darauf vorbereiten, mit ihm zu argumentieren, aber sie fiel plötzlich auf ihrem Platz zusammen. Sie verbarg ihren Kopf in ihren Händen und stöhnte auf.

„Magst du Ron?", fragte Harry sie. Sie nickte in ihren Händen. „Kannst du ihn als denjenigen akzeptieren, der er ist? Fehler und alles?"

Hermine hob ihren Kopf. „Ich weiß es nicht", rief sie verzweifelt aus. „Das wäre so viel einfacher, wenn er nur erwachsen werden würde."

Harry, Ginny und Neville schauten sich alle an und stimmten stumm darüber überein, dazu nichts zu sagen. „Nun, ich finde, du solltest das herausfinden, bevor ihr beide euch und den Rest von uns verrückt macht", sagte Ginny ihr entnervt.

Hermine war danach in Gedanken versunken und still. Neville beendete sein Mittagessen und entschuldigte sich kurz darauf. Als Neville aus der Halle ging, schaute Harry zu Ginny, deutete mit seinem Kopf zu Neville und sagte lautlos: „Bin gleich zurück." Sie nickte verstehend und drehte sich wieder zu ihrem Essen, als Harry aufstand und Neville folgte. Er holte ihn kurz nach der Eingangshalle ein. „Neville", rief er und stoppte seinen Freund damit.

„Was ist los?", fragte Neville, als er sich umdrehte.

Harry ging schnell zu ihm, so dass sie nur noch einen Meter voneinander trennte. „Ich wollte dir nur danken, dafür, dass du dich gerade für mich eingesetzt hast", sagte er und deutete in die Richtung der Großen Halle.

Neville zuckte mit den Schultern. „Ich habe von deiner Vision gehört", sagte er leise. Harry nickte. „Ich habe keine Ahnung, was du gesehen hast, aber es war offensichtlich schlimm. Hermine meint es gut, aber sie weiß nicht, wann sie sich zurückhalten muss. Und sie hat die schlimme Angewohnheit, zu versuchen, sich in alles einzumischen."

Harry zog eine Augenbraue hoch, von Nevilles Offenheit überrascht.

„Nachdem ich letztes Jahr mit euch in St. Mungos zusammengestoßen bin, hat sie mich in eine Ecke gedrängt und hat versucht, mich dazu zu bringen, über meine Eltern zu reden", beantwortete er Harrys ungestellte Frage. „Sie wollte das Thema nicht fallen lassen, egal wie sehr ich protestierte."

„Wie hast du sie dazu gebracht, aufzuhören?" fragte Harry neugierig.

Neville grinste spitzbübisch. Es war ein fremder, aber nicht unschmeichelhafter Ausdruck an ihm: „Ich habe gedroht, dir und Ron von ihr und Krum zu erzählen."

Harry konnte ein herzliches Lachen nicht unterdrücken. Eine Erinnerung an Neville aus seinem ersten Schuljahr tauchte in seinem Kopf auf und er versuchte, diesen Jungen mit dem Neville, der vor ihm stand, zusammenzuführen. „Du wirst nun neues Erpressungsmaterial finden müssen", kommentierte Harry, nachdem er aufgehört hatte zu lachen.

„Was lässt dich denken, dass ich nicht bereits neues Material habe?", fragte Neville und zog eine Augenbraue hoch.

Harry schüttelte nur seinen Kopf und lachte leise: „Erinnere mich daran, dich nicht zu verärgern."

„Das kann ich tun", meinte Neville.

„Gut, nun, ich werde dann mal zum Mittagessen zurückgehen. Danke nochmal, Neville."

„Bis später, Harry", sagte Neville mit einer verabschiedenden Kopfbewegung.

Harry kehrte in die Große Halle zurück und setzte sich wieder neben Ginny. Hermine war während er weggewesen war verschwunden. Ginny zog fragend eine Augenbraue hoch und er lächelte als Antwort. „Wann ist Neville so verschlagen und spitzbübisch geworden?", fragte er sie und widmete sich wieder seiner Mahlzeit.

„Als niemand von uns geschaut hat", erwiderte sie. „Weißt du, das Hermine das auch vor mir geheim hielt? Ich kann verstehen, warum sie es Ron nicht erzählte und selbst warum sie es nicht dir erzählte, da du Rons bester Freund warst, aber warum hat sie es mir nicht erzählt?"

Harry zuckte mit den Schultern. „Ich habe Hermine nie wirklich verstanden und ich glaube nicht, dass sich das irgendwann in naher Zukunft ändern wird."

OoOoOoOoOoOoOoO

Professor McGonagall trat auf die Treppe und wartete untätig, während diese sich nach oben drehte und sie vor die Bürotür des Schulleiters brachte. Er hatte sie zwar nicht über die Ursache dieses Treffens informiert, sie hatte aber dennoch das Gefühl, dass sie zumindest wusste, um wen es gehen würde. Die Treppe hörte auf, sich zu bewegen, und sie hob denTürklopfer in Greifenform hoch, um leicht anzuklopfen, als sie schon die Stimme des Schulleiters hörte: „Komm herein, Minerva."

Sie ließ den Klopfer los und öffnete die Tür, wobei sie sich ein kleines Lächeln für ihren sehr geschätzten Kollegen erlaubte. Sie wusste, dass er es genoss, zu versuchen, seine Besucher auf diese Weise zu überraschen. Nach all den Jahren, während denen sie mit ihm zusammenarbeitete, war sie selten von seinen Kapriolen überrascht. Dennoch spielte der Mann seine Spielchen ohne Versäumnis weiter. Es war etwas, dass in der Hauslehrerin der Gryffindors abhängig von den Umständen warme Gefühle auslöste oder sie zur Verzweiflung brachte.

Sie betrat das Zimmer und grüßte den Mann freundlich: „Hallo, Albus."

„Guten Abend, Minerva, Zitronenbrausebonbon?", bot er an und hielt ihr eine Dose mit den sauren Süßigkeiten hin.

„Nein, Dankeschön", lehnte sie höflich ab. Sie ignorierte den weichen Sessel vor dem Tisch des Schulleiters und beschwor sich einen Holzstuhl mit gerader Rückenlehne herauf. Sie ignorierte sein Glucksen, setzte sich und wartete aufmerksam darauf, dass er die Unterhaltung begann.

„Es war ein ziemlich interessanter Abend gestern, würdest du das nicht auch sagen?", begann er die Konversation. Das war noch etwas über den Schulleiter: er kam niemals direkt zum Punkt.

„Das war er. Von dem Zwischenfall mit Mr. Potter abgesehen war die Nacht so gut wie wir erwartet haben, vielleicht sogar besser. Das Feuerwerk war ein netter Touch. Wir müssen Harry danken", erwiderte sie und versuchte, die Unterhaltung in die richtige Richtung zu lenken.

„Ah, ja, das müssen wir auf jedenfall. Auch wenn es nett gewesen wäre, vorab über seine Pläne informiert zu werden, war es auf jeden Fall eine angenehme Überraschung", erwiderte Dumbledore.

„Das war es", stimmte Minerva zu.

„Dann wiederum, scheint Mr. Potter in letzter Zeit voller Überraschungen zu stecken", fuhr der Schulleiter fort.

‚Und jetzt kommen wir zum Punkt', dachte sie sich.

„Ich war überrascht zu sehen, wie gut er sich gestern auf der Tanzfläche geschlagen hat", sagte er nebenbei, als sei dies ein willkürliches Beispiel, das ihm gerade erst eingefallen war. „Du weißt nicht zufällig etwas darüber, oder?"

„Oh, um Merlins Willen, Albus. Du weißt sehr wohl, dass ich Harry das Tanzen beigebracht habe", schimpfte sie mit ihm. Manchmal konnten ihr seine Spiele ziemlich auf die Nerven gehen. Sie wusste, dass er etwas von ihr wollte, was Harry betraf. Sie war besorgt und skeptisch, herauszufinden, was das sein könnte.

Der Schulleiter lachte leise. „Direkt, wie immer", kommentierte er voller Wärme. „Ja, ich konnte dich als seine Tanzlehrerin identifizieren. Wenn die stolzen Blicke, die du ihm während des ersten Tanzes zugeworfen hast, noch nicht genügt haben, war die Tatsache, dass Harry dich zum Tanzen aufgefordert hat, ausreichend." Sie nickte kurz als Antwort und hoffte, dass er lieber früher als später zum Punkt kommen würde. „Und wie kam dieser Unterricht zustande?"

„Er hat mich eines Tages nach dem Unterricht gefragt", erwiderte sie ein wenig ungeduldig. Sie war versucht, hier aufzuhören, aber sie wusste, dass der Schulleiter nach mehr der harmlosen Details fragen würde. „Wir haben uns für etwas mehr als einen Monat zweimal wöchentlich getroffen. Danach zu urteilen, wie gut er letzte Nacht tanzte, hat er einen Weg gefunden, weiterhin zu üben, nachdem unser Unterricht zu Ende gewesen war."

„Was du nicht sagst", erwiderte der Schulleiter. „Hat Harry angedeutet, warum er sich dich als Tanzlehrerin ausgesucht hat?"

„Er hatte nicht viele andere Optionen", erwiderte Professor McGonagall knapp. „Er wollte den Unterricht vor Miss Weasley geheim halten, sie kam also offensichtlich nicht in Frage. Die einzige andere Frau, der er nahe steht, wäre Miss Granger, aber die beiden haben sich, soweit ich weiß, in letzter Zeit nicht immer so gut verstanden. Wen sonst hätte er fragen können? Ich war überrascht, als er mich deswegen angesprochen hat, aber als ich dann darüber nachdachte, machte es eine Menge Sinn. Es ist etwas, dass ein Junge von seiner Mutter lernen sollte. Da Harry einen ziemlich armseligen Ersatz hatte, kann ich verstehen, dass sich keiner die Zeit genommen hatte, es ihm beizubringen." Sie hatte dem Mann niemals vergeben, dass er Harry bei den Dursleys gelassen hatte. Sie hatte die Idee entschieden abgelehnt, aber ihre Bitten waren auf taube Ohren gestoßen. Minerva war sonst niemand, der lange einen Groll hegte, und sie hatte gelernt, damit zu leben. Aber sie weigerte sich, ihre Meinung zu ändern: „Ich hoffe nur, dass ich Lily stolz gemacht habe."

„Daran habe ich keinen Zweifel", sagte ihr Dumbledore ehrlich. „Sie wäre letzte Nacht sehr stolz auf ihren Sohn gewesen."

„Mhmmm", stimmte McGonagall zu und schwelgte in Erinnerungen an Lily und James.

Nach einem Moment unterbrach der Schulleiter sie in ihren Gedanken: „Wie würdest du sagen, hat sich Harry in diesem Semester entwickelt?"

Minerva schüttelte sich aus ihren Gedanken und nahm sich einen Moment, um über die Frage nachzudenken: „Sehr gut. Er macht in meinem Unterricht Miss Granger Konkurrenz. Er ist immer unter den ersten, die jeden Zauberspruch beherrschen und seine Ergebnisse bei seinen Aufsätzen und Tests haben sich gegenüber den letzten Jahren außerordentlich verbessert. Alle seine anderen Lehrer haben dasselbe berichtet, Severus ausgenommen. Er besteht darauf, dass die Z.A.G.-Prüfer von Harrys Ruhm beeinflusst wurden."

Wenn überhaupt, so dachte sie, war sein volles Potential noch immer unangetastet. Er war nicht immer der erste, der einen Zauber meisterte, aber schien nicht so zu kämpfen wie seine Klassenkameraden. Tatsächlich schien es ihm keinerlei Mühe zu machen, die Zauber auszuführen. Alle die Bewegungen waren die richtigen, dennoch schien er ruhig zu bleiben und nicht frustriert zu werden, wenn er scheiterte. Es war, als wüsste er, dass er es schaffen könnte. In der Vergangenheit hatte er sich niemals Mühe gegeben. Nun war es, als hätte er bereits die Fähigkeit, die Zauber anzuwenden und er brauchte nur ein paar Versuche, um sie zu perfektionieren. Sie beschloss, ihn in diesem Semester genauer zu beobachten und fragte sich, zu was er alles fähig wäre.

„Er hat seine Studien dieses Jahr also viel ernster genommen?", fragte Dumbledore, ihre Gedanken unterbrechend und ihren Kommentar den Zaubertrankmeister betreffend ignorierend.

„Es scheint so", meinte sie. „Ich habe bemerkt, dass er relativ viel Zeit in seinem Büro verbringt und von dem, was ich gehört habe, verbringt er die meiste seiner Zeit mit lesen." Sie begann sich zu fragen, ob er ein Ziel hatte, das er mit diesen Fragen verfolgte oder ob er nur versuchte, so viel wie möglich über Harry zu lernen. Warum sollte der Schulleiter ein Treffen arrangieren, nur um über Harry zu reden, wenn dieser nicht einmal in Schwierigkeiten war? Irgendetwas stimmte nicht. Der Schulleiter nickte nachdenklich. Er stützte seine Ellbogen auf den Tisch und legte seine Fingerspitzen aneinander, wobei er über seine Fingerspitzen hinweg ins Nichts starrte. Nach einem Augenblick wandte er seinen Blick wieder zu ihr: „Könnte dieser neue Fokus auf seine Studien etwas mit den Problemen zwischen ihm und Mr. Weasley und Miss Granger zu tun haben?"

Sie überdachte die Möglichkeit eine Weile, bevor sie antwortete: „Ich denke, es ist möglich, aber unwahrscheinlich. Wenn das der Fall wäre, wäre er niedergeschlagener. Er ist zu fröhlich, als das das die Ursache sein könnte. Ich kann sehen, dass es ihn belastet, was zwischen den dreien geschieht, aber soweit ich sagen kann, hat es ihm nicht zu sehr die Stimmung verdorben. Außerdem hat er andere Freunde, auf die er sich in diesem Semester stützt. Er und Miss Weasley sind sich näher gekommen, und ich habe auch bemerkt, dass er viel mehr Zeit als in vergangenen Jahren mit Mr. Longbottom verbringt."

„Ja, er und Miss Weasley scheinen sich letzte Nacht sehr gut verstanden zu haben", stimmte Dumbledore zu. „Und Miss Weasleys leidenschaftliches Beschützen von Harry letzte Nacht sollte Beweis genug für ihre Gefühle sein."

Minerva schnaubte: „Sie hat uns praktisch zusammen mit Miss Granger bedroht. Unter allen anderen Umständen hätte sie mindestens bis nächsten Monat Nachsitzen." Um die Wahrheit zu sagen, war sie sehr stolz auf das Mädchen. Es war nicht immer einfach, sich seinen Freunden entgegenzustellen und noch schwerer, sich Autoritätsfiguren gegenüber zu behaupten. Dass sie bereit war, beides wegen Harry zu machen, zeigte Minerva deutlich, wie Ginny über Harry fühlte, und sie hatte schon eine Ahnung, wie Harry über Ginny fühlte, auch wenn sie sich fragte, ob er seine Gefühle bereits erkannt hatte. Wenn nicht, war es nur noch eine Frage der Zeit. Sie lächelte bei dem Gedanken; sie erinnerte sich an James und Lily, als diese schließlich zusammengekommen waren. Wenn jemand dieses Glück verdiente, dann war es Harry. Hoffentlich würde Miss Weasley es ihm geben können.

„So ist es", sagte der Schulleiter und lachte leicht. „Es ist eine Schande, dass Tom es geschafft hat, ihre Nacht zu ruinieren."

„Ist seine Okklumentik noch immer nicht stark genug, um seine Visionen aufzuhalten?", fragte sie neugierig. Sie hatte gedacht, dass Harrys Okklumentikfähigkeiten stärker waren als sie erwartet hatten.

„Ich fürchte, dass Okklumentik nicht die Antwort auf ihre Verbindung ist", gab der Schulleiter zu. Er rieb sich müde seine Augen. „Um die Wahrheit zu sagen, ist Harry ein ziemlich fähiger Okklument und es war größtenteils selbst beigebracht. Aber es hat keine Auswirkungen auf ihre Verbindung. Es hat in der dokumentierten Geschichte noch nie eine Verbindung wie ihre gegeben. Ich hatte gehofft, dass die Okklumentik Harry helfen würde, ihn von der Verbindung zu schützen. Sie schien der Legilimentik ähnlich genug zu sein, dass Okklumentik helfen könnte, aber es scheint, dass ich mich geirrt habe."

„Und was nun?", fragte sie nach. „Es muss andere Optionen geben, um ihrer Verbindung entgegenzuwirken."

Er kniff sich mit seinem Daumen und Zeigefinger in seinen Nasenrücken. „Ich hoffe es ehrlich", sagte er erschöpft. „Ich habe gesucht, habe aber bisher keine Alternative gefunden." Er seufzte müde auf. „Du denkst also, dass Harry sich gut hält?"

„Ja", sagte sie nur. „Von seinem Verhalten und seiner Leistung im Unterricht sowie allem anderen, über das wir während des Tanzunterrichts geredet haben, zu schließen, würde ich sagen, dass er alles bemerkenswert gut handhabt."

„Und über was habt ihr beide während eurem Unterricht geredet?", fragte er scheinbar beiläufig.

Minerva begann der Befragung müde zu werden. Er versuchte offensichtlich, an Informationen über Harry zu kommen und hatte nicht den Anstand, einfach direkt zu fragen. Die Tatsache, dass sie sich nicht sicher war, nach was er suchte, half ihrer Stimmung nicht im Geringsten. „Unterschiedliche Dinge: vom Unterricht, der HA, Sirius, dem Krieg. Lass mich dich was fragen: Warum hast du so sehr darauf gedrängt, dass Harry ein Assistenzprofessor wird?"

Der Schulleiter zog fragend eine Augenbraue hoch: „Ich glaube, ich habe meine Gründe am Anfang des Semesters gegeben."

„Willst du mir sagen, dass es keine anderen Gründe gab, warum du so hart gearbeitet hast, die Idee dem Kollegium schmackhaft zu machen?", fragte sie ernst und mit festem Blick. Als er nicht sofort antwortete, fuhr sie fort: „Es war mehr für Harry als seinen Unterricht, nicht wahr? Du wolltest ihm etwas geben, dass ihn beschäftigt hält."

Der Schulleiter blickte sie durchdringend an, bevor er antwortete: „Es ist etwas Wahres dran. Harry hat immer wieder bewiesen, dass er nicht gewillt ist, an der Seitenlinie zu sitzen, wenn es Probleme gibt. Er hat den Drang, involviert zu sein und wäre ruhelos, wenn er im Schloss eingesperrt wäre, wenn ein Krieg außerhalb Hogwarts' Mauern ausgefochten wird."

„Du warst besorgt, dass er sich in Schwierigkeiten bringen würde", schloss sie für ihn. Seine Sorgen waren berechtigt. Harry hatte ein Talent dafür, sich in problematischen Umständen wiederzufinden, auch wenn sie dachte, dass es normalerweise war, weil die Erwachsenen in seinem Leben ihn nicht ernst nahmen. Wenn sie seine Befürchtungen den Stein der Weisen betreffend ernst genommen hätte, wären Harry und seine Freunde niemals losgegangen, um ihn zu retten. Im vergangenen Jahr war Harry nicht über seine eigene Situation informiert worden, was der Grund war, warum er so einfach zum Zaubereiministerium gelockt worden war. Sie fragte sich, ob sie ihre Fehler wiederholten, indem sie Harry weiterhin wie ein Kind behandelten.

„Ja", gab er zu. „Ich dachte, wenn ich Harry die Position gebe, würde er fühlen, dass er etwas geleistet hat. Ich hatte auch gehofft, dass er den Unterricht ernst nehmen würde. Aber selbst ich war nicht darauf vorbereitet, wie viel Gedanken und Vorbereitungen er hineinsteckt. Er hat den magischen Vertrag selbst konstruiert, hat ihn recherchiert, aufgesetzt und sogar die Zauber selber gezaubert. Er hatte eine Liste mit Themen vorbereitet, die er in jedem Unterricht behandeln möchte. Er hatte seine Klassen sofort unter Kontrolle, und ich könnte nicht stolzer auf seine Arbeit sein."

„Ich stimme dir zu. Du solltest sehen, wie er unterrichtet und wie die Schüler auf ihn reagieren", meinte sie. „Er ist ein Naturtalent."

„Wie viele seiner Unterrichtsstunden hast du besucht?", fragte er.

„Nur jeweils eine, auch wenn ich vorhabe, dieses Semester mehr zu tun. Er hat während einer unserer Tanzstunden einen interessanten Punkt angesprochen. Ihm wurde der Titel eines Assistenzprofessors und seine eigenen Klassen gegeben, wurden dann aber sich selbst überlassen. Niemand hat ihn je überprüft oder sichergestellt, dass er die Dinge angemessen handhabt, und wir haben ihn niemals in etwas mit einbezogen, dass für seine Position innerhalb des Kollegiums relevant sein könnte." Sie zögerte, unsicher, ob sie die nächste Information teilen sollte. „Wir haben es so arrangiert, dass wir uns dieses Semester einmal im Monat treffen, um diese Dinge zu besprechen, und ich habe ebenfalls vor, wenigstens eine seiner Unterrichtsstunden im Monat zu besuchen."

„Hmmm, und Harry war derjenige, der dies angesprochen hat, sagst du?", fragte der Schulleiter nach.

„Ja", antwortete sie. „Etwas, was wir übersehen haben, würde ich sagen."

„So ist es", erwiderte er. „Ich vertraue darauf, dass du mich über die Unterhaltungen mit Mr. Potter auf dem Laufenden hältst?"

Es war als Frage formuliert, aber sie wusste, dass es mehr als Anordnung gemeint war. „Ich werde dich über alles Relevante informieren", sagte sie ihm und wählte ihre Worte mit Bedacht. Sie würde alles, dass für die Schule von Interesse war, teilen, aber sie würde nichts sagen, dass Harry ihr im Vertrauen erzählte. Harry war ihr Schützling, er war ein Schüler in ihrem Haus und sie würde sein Vertrauen nicht verraten. Wenn der Schulleiter mehr von Harry wissen wollte, konnte er ihn selber fragen.

„Ich vertraue darauf."

ENDE 16.1

Danke an HermineFan, curylcuryl und annette-ella für die Reviews!