AN: Vielen Dank an annette-ella und JuLLiia für die Reviews

Kapitel 17.2 Mit dem Feuer spielen

Harry wachte am nächsten Morgen früh auf. Die Sonne tauchte gerade erst am Horizont auf und kreierte ein überwältigendes Farbenspektrum am Himmel. Er saß für einige Zeit am Fenster in seinem Schlafsaal, schaute hinaus und dachte nach. Es gab einiges, über was er nachdenken musste. Auf der einen Seite war er begeistert von dem, was mit Ginny passierte. Er konnte es nicht erwarten, sie an diesem Morgen zu sehen. Auf der anderen Seite jedoch war er am Boden zerstört bei dem Gedanken, Sirius noch einmal zu verlieren. Er hatte nicht gewusst, dass es möglich war, so hocherfreut zu sein und sich gleichzeitig so unglücklich zu fühlen. Es war ein furchtbares Gefühl, nicht zu wissen, ob er Sirius in dieser Nacht noch einmal sehen würde. Alles, was er tun konnte, war, auf eine weitere Nacht mit seinem Paten zu hoffen und wenn er sie bekam, würde er einfach sicherstellen, dass er das Beste daraus machen würde.

Als die Sonne langsam höher wanderte, zog er seine Trainingsklamotten an und stieg die Treppe zum Gemeinschaftsraum hinunter, um auf Ginny zu warten. Fünf Minuten später hörte er Schritte auf der Treppe.

Ginny trottete langsam die Treppe hinunter. Sie trug eines ihrer weiten Oberteile und ihr Haar war in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie rieb sich noch immer den Schlaf aus den Augen, als sie den Raum betrat. „Ich verstehe noch immer nicht, warum wir jeden Morgen so früh aufstehen müssen", grummelte sie müde.

Harry konnte nicht anders als sie anzulächeln. Er traf sie am Fußende der Treppe, beugte sich zu ihr und gab ihr einen schnellen Kuss auf den Mund: „Du bist süß, wenn du morgens grummlig bist."

Ginny hörte auf, müde ihre Stirn zu runzeln und ein Lächeln spielte auf ihren Lippen. „Dann muss ich jeden Morgen süß aussehen", neckte sie.

Harrys Lächeln wurde breiter. „Das tust du. Jetzt komm", sagte er und packte sie bei der Hand, um sie zum Porträtloch zu ziehen.

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Ginny saß mit ihrem Rücken gegen die Armlehne gelehnt und ihre Knie hochgezogen auf dem Sofa in Harrys Büro. Auf ihren Knien lag ein aufgeschlagenes Buch, dass ihre Aufmerksamkeit nicht halten konnte. Stattdessen starrte sie über das Buch hinweg zu Harry. Er saß auf der gegenüberliegenden Seite des Sofas und starrte ins Nichts - und er tat dies seitdem er sich hingesetzt hatte. Sie fühlte, wie ihr Herz sich zusammenzog, als sie ihn beobachtete. Den ganzen Tag über war er so in sich gekehrt gewesen und sie konnte nicht herausfinden, was los war. Sie war aufgewacht und hatte sich so gut gefühlt und hatte sich auf den Tag und darauf Harry wieder zu sehen gefreut - darauf, Harry wieder zu küssen. Sie wusste nicht genau, was sie von Harry erwartete, aber sie dachte, er würde wenigstens glücklich sein. Stattdessen sah er furchtbar aus und er schien es zu vermeiden, auch nur in die Nähe des Themas zu kommen, das ihn belastete.

Schließlich beschloss sie, dass sie genug von ihrem Ratespiel hatte. „Harry, was ist los?", fragte Ginny, ihre Stimme sanft und tröstend.

Harry seufzte. Er hörte sich müde und in sich gekehrt an, als er antwortete: „Nichts."

„Nicht nichts", bestand Ginny. „Du hast nicht ...", sie atmete tief aus. „Du hast dir das zwischen uns nicht anders überlegt, oder?" Da, sie hatte es gesagt - der Gedanke, der den ganzen Tag in ihrem Kopf herumgegeistert war. Sie hatte furchtbare Angst, dass er sie abweisen könnte. Es war wie ein wahrgewordener Traum gewesen, herauszufinden, dass er genauso wie sie fühlte. Es wäre grausam, ihr dies nur nach einem Tag wieder zu entreißen.

Harry drehte seinen Kopf zu ihr, seine Augen weit aufgerissen und schaute sie vielleicht zum ersten Mal an diesem Tag an: „Was? Nein! Wie kannst du sowas denken?"

„Nun, was soll ich denken?", fragte Ginny und kämpfte damit, ihre Stimme ruhig und fest zu halten.

„Es hat nichts mit dir zu tun, ich bin glücklich über uns, glücklicher als ich jemals gewesen bin", sagte Harry ihr. Er streckte seinen Arm aus, nahm ihre Hand und drückte sie beruhigend.

„Du siehst nicht glücklich aus", bestand sie und schmollte ein klein wenig.

Harry lächelte sie an und lehnte sich nach vorne, um ihre Lippen in einem Kuss zu fangen. „Vertrau mir", flüsterte er, ihre Lippen nur einen Zentimeter voneinander entfernt und seine Worte ließen ihre Lippen sich leicht berühren, als er sprach. Sie seufzte erleichtert auf, ihre Ängste zerstreut. Sie machte sich noch immer Sorgen über Harry, aber zumindest wusste sie, dass er es sich nicht anders überlegt hatte. Er lehnte sich zurück und hielt für einen Moment inne: „Du erinnerst dich, was ich gesagt habe? Dass es eine Menge gibt, dass ich dir noch nicht sagen kann?"

„Das ist eines davon", erwiderte Ginny missmutig.

„Ich möchte es dir sagen", sagte Harry. „Ich kann es nur nicht - noch nicht."

„Es ist okay, Harry", sagte Ginny und lehnte sich nach vorne, um Harrys Hand zu nehmen und seine mit ihren Fingern zu verschränken. Sie brachte ihre Hände zu ihren Lippen und küsste Harrys Handrücken.

„Ist es nicht", sagte Harry nach einem Moment. „Aber danke fürs Lügen."

Ginny lächelte ihn an. „Jederzeit", neckte sie. Sie hielt seinen Handrücken gegen ihre Wange und schaute ihm tief in die Augen. „Ich weiß, dass es Dinge gibt, die du vor mir geheim halten musst, aber es ist okay, wenn du mich dir helfen lässt. Ich hasse es, dich so zu sehen, Harry. Und ich hasse es, mich von dir getrennt zu fühlen."

„Es tut mir leid", sagte er und sie konnte die Ehrlichkeit in seiner Stimme hören. „Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst oder dich ausgeschlossen fühlst, aber ich weiß nicht, was ich machen soll."

Ginny klappte das Buch zu und legte es auf den Boden, während sie einen Fuß auf den Boden stellte und das andere Bein auf dem Sofa ausstreckte. „Komm her", sagte sie sanft und klopfte auf das Kissen vor ihr. Sein Blick traf auf ihren, bevor er folgte. Er setzte sich vor sie, mit seinem Rücken zum Rücken des Sofas. Ginny seufzte und packte ihn dann an seinen Schultern, um ihn so zu drehen, dass sein Rücken zu ihr zeigte. Sie schlang ihre Arme um seine Mitte und zog ihn zu sich. Sein Kopf kam in ihrer Halsbeuge zu liegen und sie schaute hinunter auf sein Gesicht; seine Augen schauten zu ihr hoch. Sie strich mit einer Hand sanft über seine Wange. „Besser?", fragte sie.

Er lächelte dann - ein echtes, aufrichtiges Lächeln - und es wärmte ihr Herz. Er holte tief Luft, bevor er antwortete: „Viel besser." Sie waren für einen Moment still. Ginnys Hand glitt zu seinem Oberkörper hinunter, während ihre andere Hand Harrys' hielt. Nach ein paar Minuten drückte Harry sanft ihre Hand und sagte: „Ginny?"

„Hmm?", fragte sie und schaute hinunter auf sein Gesicht.

„Ich - danke", sagte er mit belegter Stimme.

Sie lächelte zu ihm hinunter: „Gern geschehen, Harry."

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Sirius fühlte, wie sein Herz einen Moment lang aussetzte. Harry war gerade von ihm getrennt worden und das konnte nur eines bedeuten. Was die Sache schlimmer machte, war, dass er Harry gerade erst gesagt hatte, dass er sich ziemlich sicher war, dass dies ihre letzte gemeinsame Nacht war. Als ob Voldemort Harry noch nicht genug angetan hätte, hatte er nun ihre Chance gestohlen, sich zu verabschieden und ihre letzten gemeinsamen Momente für eine hoffentlich lange Zeit zusammen zu verbringen.

Nun war Sirius alleine und fragte sich, was er mit seiner letzten Nacht machen sollte, in der er mit der Welt der Lebenden verbunden war. Er machte sich natürlich Sorgen um Harry, aber er wusste, dass es nichts gab, dass er machen konnte, um für ihn da zu sein. Er vertraute darauf, dass Ginny sich um Harry kümmern würde.

Die Entscheidung zu fällen Harry zu sehen, war keine besonders schwere gewesen. Es war klar gewesen, dass Harry ihn brauchte, und nachdem er nicht für Harry da gewesen war, während dieser aufwuchs, hatte Sirius nicht vor, Harry ein weiteres Mal im Stich zu lassen - nicht, wenn er etwas dagegen tun konnte.

Harry war jedoch nicht die einzige Person, bei der er mit dem Gedanken gespielt hatte, sie zu besuchen. Es gab eine andere Person, an die er oft gedacht hatte, aber er hatte sich niemals dazu bringen können, es durchzuziehen. Er fürchtete, dass es mehr schaden als nutzen würde, es nur schwerer machen würde, seinen Tod zu überwinden. Aber die Chance, sich zu verabschieden, nicht zu ergreifen, war viel verlangt - zu viel.

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Ginny wurde von ihrem Wecker geweckt und rollte müde aus dem Bett. Sie zog sich ihre Trainingssachen an, band sich ihre Haare zusammen und ging verschlafen die Treppe zum Gemeinschaftsraum hinunter. Als sie von der letzten Treppenstufe hinuntertrat, ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Es war selten, dass Harry nicht bereits auf sie wartete. Tatsache war, dass es erst einmal zuvor passiert war, dass er sie nicht begrüßt hatte, als sie den Raum betrat.

Sie schaute noch einmal durch den Raum, dieses Mal wacher und sie bemerkte eine bewegungslose Gestalt am Fenster zu ihrer Linken sitzen. Sie ging hinüber und stellte sich leicht hinter sie neben den Stuhl. Sie streckte ihre Hand aus und legte sie auf seine Schulter. Harry drehte seinen Kopf so, dass er ihre Hand sehen konnte und dann bewegte sich sein Blick ihren Arm hoch, bis er ihr in die Augen schauen konnte.

Was sie in seinen Augen sehen konnte, beruhigte sie nicht im Geringsten. Sie waren voller Schmerz und Verlust und Leere, sie wurde von der Intensität beinahe überwältigt. Nach einem langen Moment schaute Harry weg und neigte seinen Kopf, um seine Wange in ihre Hand zu lehnen. Das er tatsächlich Trost bei ihr suchte war kein gutes Zeichen, auch wenn sie gegen die aufkommende Welle der Freude, dass er Trost bei ihr suchte, nicht ankämpfen konnte.

„Was ist los, Harry?", fragte sie.

Er antwortete ihr nicht, sondern hob wieder seinen Kopf, um aus dem Fenster zu starren. Sie setzte sich auf die Stuhllehne und strich ihm über die Wange. Er lehnte sich in ihre Berührung, aber sein Blick blieb auf die Landschaft hinter dem Fenster gerichtet - sein Mund geschlossen.

Ginny ließ ihre Hand von seiner Wange zu seinem Haar wandern, wo sie begann, mit ihren Fingern hindurchzufahren, während sie überlegte, was sie tun sollte.

Eine Vision schien die wahrscheinlichste Ursache für sein Verhalten zu sein. Es musste eine schlimme gewesen sein, da die Letzte keine nennenswerten Auswirkungen auf ihn gehabt hatte.

Kurzentschlossen und beherzt glitt sie von der Armlehne auf Harrys Schoss. Seine Hände wanderten sofort zu ihrer Hüfte und seine Aufmerksamkeit löste sich vom Fenster. Sie schaute in sein Gesicht hoch und sagte: „Hi."

„Hi", erwiderte er, seine Augen fest auf sie gerichtet.

Ginny lächelte ihn sanft an, während ihre Hand wieder ihre vorherige Tätigkeit aufnahm und ihm durch die Haare fuhr.

Nach einer Minute fragte Harry: „Was machst du?"

„Ich spiele mit deinem Haar", erwiderte Ginny geradeheraus. Sie lächelte Harry frech an. Sie forderte ihn heraus, zu reagieren, sie auf ihre Taten anzusprechen -irgendwas zu tun. Solange es ihn aus seinen finsteren Gedanken riss, wäre sie zufrieden.

„Und sitzt auf meinem Schoß", fügte Harry hinzu.

„Und sitze auf deinem Schoß", stimmte sie mit fröhlicher Stimme zu.

„Warum?" Seine Stimme hörte sich sachlich an, als sei er nur neugierig, zu erfahren, was ihre Beweggründe waren.

„Sah gemütlich aus", sagte sie nur. Harrys Lippen formten ein „Oh", was Ginnys Lächeln breiter werden ließ.

„Ist es gemütlich?"

„Sehr", flüsterte sie mit seidenweicher Stimme. Ihr Blick wanderte weiter nach unten, als sie sah, wie Harrys Adamsapfel sich bewegte. Sie aalte sich in dem Effekt, den sie auf ihn hatte, als seine Wangen begannen, einen leichten Rottton anzunehmen. „Hast du es gemütlich?", fragte sie süß und schaute unter ihren Wimpern hervor zu ihm hoch.

Sie sah, wie er schwer schluckte. Seine Augen schauten kurz in ihre, aber er konnte ihren Blick nicht erwidern. Er begnügte sich damit, ihr auf den Kopf zu schauen, als er antwortete: „Äh - ja."

„Das freut mich", erwiderte sie lächelnd. „Ich bleibe dann einfach hier sitzen - wo es doch für uns beide so gemütlich ist."

„St... stimmt", war Harrys eloquente Antwort.

Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und gab ihm einen Kuss auf die pulsierende Vene an seinem Hals. Sie lächelte zu sich selbst, als sie hörte und fühlte, wie Harry zischend einatmete. Seine Hände hatten ebenfalls leicht gezuckt. Sie lehnte ihre Stirn gegen seinen Nacken und fühlte, wie Harrys Hände ihre Hüften verließen und er sie um ihre Taille legte. Sie schloss ihre Augen, als sie die Nähe, die sie in diesem Moment zu Harry fühlte, genoss.

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Harry schaute auf das schlafende Mädchen auf seinem Schoß hinunter und fragte sich, wie er in diese Situation geraten war - nicht, das er sich beschwerte. Unter anderen Umständen würde die Tatsache, dass er Ginny auf seinem Schoß hatte, eine stärkere Auswirkung auf ihn haben, aber im Moment fühlte er sich ziemlich wohl. Er war zufrieden damit, nur mit ihr dazusitzen, selbst wenn sie schlief. Einfach ihre warme Präsenz da zu haben tröstete ihn auf eine Weise, die er nicht einmal annähernd verstand, ganz zu schweigen davon, sie erklären zu können.

Aber sie waren im Gryffindor-Gemeinschaftsraum für alle sichtbar. Es war noch immer früh, aber er wollte niemandem die Möglichkeit geben, sie beide in dieser Position zu erwischen. Er schaffte es, seinen Kopf zu drehen, bis er die Treppen sehen konnte und bewegte seine rechte Hand in deren Richtung. Es wäre mit seiner linken Hand einfacher gewesen, aber Ginny benutzte im Moment seine linke Schulter als Kissen.

Er legte einen leichten Privatsphärenschutzzauber auf beide Treppen, der ihn warnen würde, wenn sich jemand näherte. Er legte einen weiteren auf das Porträtloch. Zufrieden lehnte er sich im Stuhl zurück. Seine linke Hand lag an Ginnys Taille und er ließ seine rechte Hand auf ihr Knie fallen. Er schaute nach unten, um ihr einen Kuss auf den Kopf zu geben.

Er wusste, dass er Glück hatte, Ginny in seinem Leben zu haben. Sie war genau das, was er brauchte und er hatte es nie gewusst. Ohne sie wäre er vollkommen am Ende, stattdessen sah er sich als sehr glücklich an. Er hatte nicht erwartet, jemanden zu haben, mit dem er in diesem Semester seine Geheimnisse teilen konnte - jemanden, an den er sich wenden konnte, wenn er Trost brauchte. Er hatte erwartet, ziemlich allein zu sein - in einem Schloss voller Schüler. Die Entscheidung zu fällen, Ron und Hermine nichts über sein Training zu erzählen, war einfach gewesen. So schwer es für ihn war, tatenlos danebenzusitzen und zu sehen, wie die beiden sich immer weiter von ihm entfernten, wusste er, dass er nur das getan hatte, was notwendig war.

Es war ihm niemals auch nur in den Sinn gekommen, es Ginny zu erzählen. Selbst wenn es der Fall gewesen wäre, hätte er nicht zweimal darüber nachgedacht. Er hatte Ginny damals nicht besonders gut gekannt. Erst vor kurzem hatte er hinter ihre Rolle als Rons kleine Schwester gesehen und sie als die Person gesehen, die sie war und ihre Freundschaft war noch immer ziemlich neu und zögerlich gewesen.

Und nun saß er hier mit einer schlafenden Ginny auf seinem Schoß - er hatte wirklich Glück. Er wusste, dass sie sich Sorgen um ihn machte, er machte sich auch Sorgen. Sirius war die eine Konstante in Harrys Leben gewesen, seit sein Training im Sommer begonnen hatte, aber Sirius war nun für immer weg. Das nur zuzugeben verursachte Harry schon Bauchschmerzen. Er war sich nicht sicher, wie er damit umgehen sollte. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, wusste er, dass viel von der Frau, die auf seinem Schoß schlief, abhing.

Das war eine andere Sache. Sie wusste, dass ihm etwas wirklich zu schaffen machte und es war nicht fair, sie nicht einzuweihen. Außerdem: Wie konnte er erwarten, dass sie ihm half, wenn sie nicht einmal wusste, was los war? Wenn er darüber nachdachte, erkannte er, das es nichts war, was wirklich geheim gehalten werden musste. Die Anderen könnten seine Zurechnungsfähigkeit in Frage stellen, aber es würde nichts sein, was seine Pläne in Gefahr bringen würde, wenn andere davon erfahren würden. Ginny kannte bereits viel gefährlichere Informationen.

Er schaute wieder zu ihr hinunter und küsste sie auf den Kopf. Er würde es ihr später sagen. Jetzt würde er sie schlafen lassen.

Später war schnell genug da. Ginny wachte nach etwa einer halben Stunde auf - noch immer eine gute Stunde, bevor es Frühstück geben würde. Er fühlte, wie ihre Wimpern gegen die Haut an seinem Nacken strichen und konnte das Schaudern, das ihm über den Rücken lief, nicht unterdrücken. Ginny wimmerte müde, als sie versuchte, sich weiter in ihn hineinzubohren. Harry lachte leise.

Ginny grummelte: „H'lt die Klappe."

„Dir ebenfalls einen guten Morgen, Ginny" grüßte Harry.

„Mmm", ächzte Ginny. „Bin ich eingeschlafen?"

„Ja, du bist eingeschlafen", gluckste Harry.

„Für wie lange?"

Harry machte eine Pause, als er darüber nachdachte: „Vielleicht eine Dreiviertel Stunde."

„Wieso hast du mich nicht geweckt?", fragte sie in seinen Nacken.

„Es sah gemütlich aus", erwiderte er frech.

„Das war es - ist es", gab Ginny zu. „Du hättest mich dennoch wecken sollen."

Harry bewegte sich ein wenig hin und her - so viel er konnte, ohne Ginny fallen zu lassen. „Ich habe es irgendwie gemocht", gab er zu. „Es war schön, dich einfach hier bei mir zu haben, selbst schlafend." Er küsste sie noch einmal auf den Kopf und verdiente sich damit einen Kuss auf seinen Nacken. „Und außerdem", fügte er etwas verspätet hinzu, „warst du viel zu süß, um dich aufzuwecken."

„Blödmann", sagte sie mürrisch, auch wenn es nicht wirklich glaubhaft war, da er fühlen und hören konnte, wie sie lächelte, auch wenn er es nicht sehen konnte.

„Komm, Schlafmütze", sagte Harry nach einem Moment. „Lass uns runter zu meinem Büro gehen. Ich möchte dir etwas erzählen."

Ginny sprang förmlich von seinem Schoß bei dieser Aussage. Harry schüttelte seinen Kopf über sie, als er aufstand. Ginny packte ihn bei der Hand und zog ihn zum Porträtloch. „Langsam", schimpfte er leicht.

Sie lächelte nur und fuhr fort, ihn hinter sich herzuziehen. Harry stellte sich stur und ging gemütlich weiter, nur um sie zu ärgern. Sie drehte sich um und funkelte ihn an. „Beweg dich, Potter", forderte sie.

Harry zog seine Augenbraue hoch und schaute sie erwartungsvoll an. Er genoss ihr kleines Spiel.

„Ich trage dich nicht, wenn es das ist, was du willst", sagte sie frech.

Harry lachte, gab schließlich nach und begann in einer normalen Geschwindigkeit zu gehen. Es dauerte nicht lange, bis sie zusammen auf dem Sofa in seinem Büro saßen, Harrys Arm um Ginnys Schulter. Harry atmete aus, als er überlegte, wie er das Thema anschneiden sollte.

„Was ist es, das du mir sagen wolltest?", fragte Ginny, alle Anzeichen ihrer vorigen Verspieltheit verschwunden.

Er schluckte schwer, als er all seinen Mut zusammennahm, um darüber zu reden. „Hast du dich jemals gefragt, wie ich letzten Sommer über Sirius Tod hinweggekommen bin?", fragte er. Er konnte fühlen, wie Ginny sich umdrehte, um ihm ins Gesicht schauen zu können, aber er schaute weiterhin stur geradeaus.

„Ich habe mich das gefragt", gab sie zu. „Aber das wie ist nicht so wichtig wie die Tatsache, dass du okay warst und sogar glücklich."

Harry nickte. „Ja." Er hielt inne. „Ich weiß, das wird sich merkwürdig anhören, aber ich habe seinen Tod nie ganz akzeptiert - das musste ich nicht."

„Was meinst du?", fragte Ginny, ihre Stimme voller Sorge und Neugier.

„So, wie Sirius starb", versuchte Harry zu erklären und kämpfte damit, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. „war anders als ein normaler Tod. Der Bogen ist ein Tor zum Leben nach dem Tod. Sobald eine Seele durch den Bogen hindurchgeht, kann sie niemals zurückkommen, aber es ist kein richtiger Tod. Sirius Körper war noch immer intakt, noch immer am Leben. Er war noch immer ein wenig an diese Welt gebunden."

„Ich verstehe nicht."

„Sirius hat mich in meinen Träumen besucht", brach es schließlich aus Harry heraus. Er wagte es nicht, zu Ginny hinunterzuschauen, unsicher, was ihre Reaktion sein würde. Würde sie denken, dass er verrückt war?

Er fühlte, wie eine Hand über seine Wange strich und beugte schließlich seinen Kopf, um Ginnys Blick zu erwidern. In ihren Augen war keine Anklage zu sehen, nur Mitgefühl. „Du bist sicher ...?", begann sie zu fragen.

„Ja", antwortete Harry bittend, dass sie ihm glauben würde. „Ich bin sicher, dass er es war. „Er hat mir den Animaguszaubertrank und die Verwandlung beigebracht und er hat mich gelehrt, zu apparieren. Er hat über den Sommer jede Nacht mit mir trainiert."

„Ich hatte mich gewundert ..." Ginny beendete den Satz nicht. „Deine Geschichte, wie Sirius letztes Weihnachten begonnen hatte, dir die Animagusverwandlung beizubringen, hat nie wirklich ganz gepasst, und ich hatte mich immer gewundert, wo du gelernt hast, zu apparieren."

„Wir haben erst im Sommer mit dem Animagustraining begonnen. Das Apparieren begann ich, nachdem ich Erfolg mit der zauberstablosen Magie hatte" erklärte er. Seine Augen musterten ihr Gesicht, um herauszufinden, was sie dachte.

„Und das erklärt, wie du so viel in so kurzer Zeit bewerkstelligen konntest", fuhr Ginny fort. „Du hattest jede Nacht mehrere Extrastunden, um zu trainieren."

„Ja", sagte Harry traurig. „Und ich habe die Chance bekommen, Sirius wirklich kennenzulernen. Wir haben von da an beinahe jede Nacht gemeinsam verbracht. Vor ein paar Monaten haben wir aufgehört, jede Nacht zu trainieren, weil ich zu gut für ihn geworden bin. Er war erst seit ein paar Jahren aus Hogwarts, als er nach Askaban geschickt wurde. Daher war er nicht so fortgeschritten, wie man von jemanden in seinem Alter erwarten würde."

Ginny nickte verstehend und war für einen Moment still. Harry beobachtete ihr Gesicht, als sie alles verarbeitete. Er konnte sehen, als sie verstand, was los war und warum er so in sich gekehrt war: „Er ist nun fort?", fragte sie ihn leise und zögerlich.

Harry konnte nur nicken, nicht in der Lage, etwas zu sagen. Er kniff seine Augen zusammen, als er fühlen konnte, wie sich Tränen in seinen Augenwinkeln sammelten.

„Es tut mir so leid, Harry", sagte Ginny zu ihm und er konnte die Emotionen in ihrer Stimme fühlen.

Er zog sie näher an sich und sie schlang ihre Arme um seine Mitte. Sie strich tröstend mit ihren Händen an seinen Seiten entlang. Sie saßen so einige Minuten lang da, bevor Harry wieder sprach: „Ich weiß, dass ich dankbar für die Zeit sein sollte, die wir gemeinsam verbringen konnten und das bin ich. Aber es ist trotzdem schwer zu akzeptieren, dass er wirklich weg ist."

„Es ist okay, ihn zu vermissen, Harry", sagte Ginny beruhigend. „Es ist normal und gesund. Es wäre ungesund, ihn nicht zu betrauern."

„Aber er ist seit Juni tot", bestand Harry und Schmerz und Frustration begleiteten jedes seiner Worte. „Ich wusste die ganze Zeit, dass er tot ist. Ich fühle mich so dumm, es nicht früher akzeptiert zu haben, dass ich so getan habe, als sei nichts passiert."

„Es ist nicht dumm", tröstete Ginny und drückte ihn leicht. „Wie sollst du jemanden gehen lassen, den du jede Nacht siehst? Wissen und Akzeptanz sind zwei verschiedene Dinge. Es war unmöglich, zu akzeptieren, dass Sirius für immer von uns gegangen ist, wenn du Sirius jede Nacht siehst, da er noch nicht gegangen war - zumindest noch nicht ganz.

Es wäre, als würde jemand, den du kennst, eine Krankheit haben, von der du weißt, dass sie innerhalb von sechs Monaten tödlich endet", fuhr Ginny fort. „Du würdest die sechs Monate in dem Wissen verbringen, dass der Freund bald sterben würde, aber das heißt nicht, dass es nicht schmerzt, wenn er schließlich von uns geht."

Harry nickte, auch wenn sie es nicht sehen konnte. „So habe ich das noch nie gesehen."

„Nun, du warst ein wenig beschäftigt", erwiderte sie, als sollte das offensichtlich sein. „Es ist verständlich. Darum hilft es, darüber zu reden. Es kann helfen, einen neuen Blickwinkel zu bekommen."

„Ich sollte also öfters mit dir über solche Dinge reden. Willst du mir das damit sagen?", fragte er und lockerte endlich seinen Griff an ihr etwas.

Ihre Hände verschwanden von seinem Rücken, als sie sich zurücklehnte, um ihm ins Gesicht zu schauen. Eine ihrer Hände suchte seine, während sie die andere hob, um ein paar vereinzelte Tränen, die an seiner Wange waren, wegzuwischen. Ein sanftes Lächeln war auf ihren Lippen, als sie antwortete: „So etwas in der Art, ja."

„Guter Ratschlag", gab er mit einem kleinen Lächeln zu. Er drehte seinen Kopf, um ihre Hand zu küssen.

„Das dachte ich auch", erwiderte sie frech.

OoOoOoOoOoOoOoO

Am Donnerstagabend war wieder Vollmond. Harry und Ginny schlichen sich ein weiteres Mal aus dem Schloss - Harry in seiner Eulenform und Ginny unter seinem Tarnumhang. Harry war ein wenig nervös, als er vor Ginny ging. Er und Ginny hatten anfang der Woche über ihre Rumtreibernamen geredet, wissend, dass Remus sie wieder danach fragen würde. Die Wahrheit war, dass keinem von ihnen ein guter Name einfiel, noch waren sie dazu geneigt, weiterhin zu suchen. So sehr Harry sich auch seinen Eltern und Sirius nahe fühlen wollte: Tief in sich drin wusste er, dass dies nicht der Weg dafür war.

Er war zu anders, sein Leben war zu anders. Bei den Rumtreibern drehte sich alles um Spaß haben und Streiche spielen, und während Harry den gelegentlichen Streich ebenfalls genoss, war sein Fokus ein gänzlich anderer: der Krieg. Er verbrachte den größten Teil seiner Zeit trainierend und hatte nicht die Zeit, um mehr als nur den gelegentlichen gewitzten und raffinierten Streich auszuführen. Nun, da Ginny ebenfalls für den Krieg trainierte, hatte sie ebenfalls nicht viel Freizeit.

Auf eine Weise war Harry ziemlich froh, dass er die Neuigkeiten nicht Sirius mitteilen musste. Nun gab es nur einen, dem er es sagen musste. Realistisch betrachtet wusste Harry, dass Remus es verstehen würde, aber er konnte das Gefühl dennoch nicht abschütteln, dass er Remus - zusammen mit seinem Dad und Sirius - enttäuschte.

Sie kamen an der Falltür an, die zur Heulenden Hütte führte und - wirklich - wurden sie nicht lange danach nach ihren Rumtreibernamen gefragt. Tief Luft holend begann Harry mit Ginny an seiner Seite, die hier und da ihre Unterstützung deutlich machte, ihre Entscheidung zu erklären. Remus blieb während seiner Rede stumm und Harry fragte sich, was der Mann dachte.

Es war eine lange Zeit still im Raum, nachdem Harry seine Erklärung beendet hatte, bevor Remus schließlich den Mund öffnete, um zu antworten: „Ich hatte mich gefragt, ob du zu diesem Schluss kommen würdest", sagte er mit einem kleinen Lächeln. „So glücklich es mich machen würde, zu sehen, wie ihr in unsere Fußstapfen tretet, müsst ihr ihr selbst sein. So ein toller Rumtreiber du auch sein würdest, Harry - und du auch, Ginny -", sagte er und schaute sie beide an. „würdet ihr nur versuchen, etwas zu sein, dass ihr nicht seid. Ehrlich, ich bin stolz, dass ihr diese Entscheidung getroffen habt. Es zeigt mir, wie reif ihr seid. Viel zu erwachsen, um wahre Rumtreiber zu sein, fürchte ich", neckte er sie mit einem Grinsen.

Harry schnaubte und atmete tief aus. Er war sich nicht einmal bewusst gewesen, dass er den Atem angehalten hatte. Er hörte Ginny neben sich lachen und schaute zu ihr hinüber, als er fühlte, wie sie leicht seine Hand drückte.

„Nun schau mal einer an, was ist das?", fragte Remus ausgelassen und sah auf ihre verschränkten Hände. „Gibt es noch etwas, das ihr beide mir sagen möchtet?"

Harry folgte Remus Blick zu ihren Händen, ließ seine Augen Ginnys Arm hoch zu ihrem Gesicht wandern und fragte stumm nach ihrer Erlaubnis. Sie nickte leicht und Harry drückte ihre Hand, während er sich wieder Remus zuwandte und mit einem breiten Lächeln sagte: „Lass mich einfach sagen, dass ich meinem eigenen Ratschlag gefolgt bin."

Remus strahlte förmlich, als er die beiden umarmte: „Ich freue mich so sehr für euch." Er ließ die beiden nach einem Moment los und während er zurücktrat, fragte er: „Wie lang geht das zwischen euch beiden schon?"

„Seit Samstag", erwiderte Ginny, bevor Harry die Chance dazu hatte.

„Da hast du dir Zeit gelassen, deinem eigenem Ratschlag zu folgen, mhmm?", meinte Remus mit einer hochgezogenen Augenbraue zu Harry.

Harry kniff seine Augen zusammen: „Du musst reden. Wie lange hast du gebraucht, um Tonks zu sagen, wie du fühlst? Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass du mich gebraucht hast, um dir einen Schubs in die richtige Richtung zu geben."

„Touché."

Nach einem Moment sprach Harry wieder: „Wir haben es sozusagen noch nicht wirklich der Welt verkündet."

„Oder irgendjemandem gesagt", unterbrach Ginny hilfreich.

„Wir würden es also schätzen, wenn du diese Neuigkeit für den Moment für dich behältst", beendete Harry nahtlos.

„Bitte sagt mir nicht, dass ihr beide euch in eine weitere Ausgabe von Fred und George verwandelt", japste Remus.

Harry und Ginny schauten sich an, dann wieder zu Remus, bevor alle drei in Gelächter ausbrachen. Als sie sich wieder beruhigt hatten, starrte Remus kurz in die Luft, bevor er sie wieder anschaute. „Es ist Zeit", informierte er sie. „Ihr beide verwandelt euch besser."

Der Rest der Nacht verging für das Tiertrio wie gewöhnlich mit ein paar Raufereien, bevor sie sich zum Schlafen hinlegten. Remus weckte sie früh am Morgen und sie konnten sich ohne Aufhebens zurück ins Schloss schleichen. Statt zu riskieren, in ihren Betten im Gryffindorturm zu schlafen, gingen Harry und Ginny bei ihrer Rückkehr in Harrys Büro. Harry führte Ginny in seinen Koffer und bei dieser Gelegenheit fügte er sie zum Koffer hinzu. Er führte sie kurz herum, bevor er Ginny mit einem Gutenachtkuss in das Schlafzimmer führte. Er zog sich auf das Sofa zurück und fiel schnell in einen leichten Schlaf.

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Sie kamen rechtzeitig zum Frühstück und niemand ahnte etwas von ihren nächtlichen Aktivitäten. Der Tag verging wie gewöhnlich und ging nahtlos ins Wochenende über. Samstagabend genoss Harry seine Rindfleisch-Nieren-Pastete beim Abendessen und sein Blick wanderte durch die Große Halle. Er saß bei Ginny und ihren Freundinnen, die alle über ziemlich mädchenhafte Dinge redeten, was er schnell relativ langweilig fand. Also ließ er seine Aufmerksamkeit wandern. Er schaute den Gryffindortisch hinunter und konnte sehen, wie Ron und Hermine hitzig über irgendetwas diskutierten. Neville drehte in diesem Moment seinen Kopf und sah Harry. Neville rollte mit den Augen über ihre beiden Freunde, worauf Harry mit einem Lächeln und einem Schulterzucken antwortete.

Er ließ seinen Blick weiter durch die Halle wandern. Beim Lehrertisch bemerkte er, dass ein Sitz verdächtig leer blieb. Seine eigene Hauslehrerin, Professor McGonagall, war nicht anwesend. Bei den meisten Professoren kam es selten vor, dass sie eine Mahlzeit verpassten - solche wie Professor Trelawney oder Professor Binns ausgenommen -, aber das Professor McGonagall eine Mahlzeit verpassste, war beinahe unvorstellbar. Er fragte sich, was die stellvertretende Schulleiterin wohl vom Essen fernhalten konnte.

Ein leises Geräusch zog seine Aufmerksamkeit zur Decke der Großen Halle, wo er eine einzelne Schleiereule langsam in einer spiralförmigen Bewegung heruntersegeln sehen konnte. Die Eule, welche Harry als eine Schuleule identifizierte, flog zur Mitte des Lehrertisches. Es war merkwürdig, dass eine Eule während des Abendessens auftauchte. Die Eulenpost wurde morgens ausgetragen. Außerdem war es besonders merkwürdig, zu sehen, dass eine Schuleule dem Schulleiter Post brachte.

Er starrte den Schulleiter an, als der Mann die Eule von ihrer Last befreite und ihr etwas von seinem Fleisch auf seinem Teller anbot. Der Schulleiter schlitzte den Umschlag dann mit seinem Messer auf und las den Inhalt der Post.

Hätte er gehofft, Informationen über den Inhalt von Dumbledores Gesichtszügen ablesen zu können, wäre er enttäuscht worden. Harry erwartete jedoch nicht, auf diesem Wege Informationen zu erhalten. Stattdessen wandte er seine Aufmerksamkeit der Eule zu, die sich vor dem Schulleiter putzte.

„Hallo", rief Harry die Eule mental an.

Die Eule drehte ihren Kopf herum, um Harry zu finden. Ihr Blick fand ihn: „Grüße."

„Es ist ein seltener Anblick, eine Eule zu sehen, die Post während des Abendessens austrägt", kommentierte Harry leichthin.

„Es war sehr besondere Post", erwiderte die Eule selbstzufrieden.

„Der Schulleiter muss großes Vertrauen in dich haben, um dir so etwas wichtiges anzuvertrauen", pries Harry. „Du musst eine besondere Eule sein."

Harry konnte den Stolz und das selbstzufriedene Lächeln der Eule förmlich fühlen.

„Ich habe mich gefragt, ob du mir einen Gefallen tun könntest", bat Harry vorsichtig.

Die Eule antwortete nicht, aber Harry wusste, dass er ihre Aufmerksamkeit hatte.

„Kennst du den Inhalt der Post, die du ausgetragen hast?"

Der Blick der Eule war wieder auf ihn gerichtet und Harry hatte den Eindruck, dass die Eule versuchte, seine Absichten durch seine Augen zu erkennen. Er schaute offen zurück. Er blinzelte nicht und zauderte nicht.

„Ich möchte dem Schulleiter helfen, doch er würde es nicht erlauben, daher muss ich es im Geheimen tun", erklärte Harry. „Wenn es etwas mit den Todessern oder Voldemort zu tun hat, könnte ich eine große Hilfe für den Schulleiter und den Orden sein."

„Du schätzt diese Information sehr", meinte die Eule.

„Ja", erwiderte Harry.

„Was wärst du bereit, dafür zu geben?", fragte die Eule.

Harry wurde von der Frage ein wenig aus der Fassung gebracht, aber nach was konnte eine Eule schon fragen? Leckerli? „Verlange alles von mir", antwortete er.

„Deine Vertraute Hedwig ist eine wunderschöne Eule", sagte die Eule ehrfürchtig.

„Nein", unterbrach Harry. „Ich habe nicht das Recht, sie dir zu geben."

„Aber du besitzt sie, oder nicht?", bestand die Eule.

„Technisch gesehen", gab Harry zu. „Aber ich würde sie niemals gegen ihren Willen festhalten, noch würde ich so etwas von ihr verlangen. Sie ist frei, zu tun, was sie möchte."

„Sehr gut", erwiderte die Eule. „Ich werde dir helfen."

Die Eule begann Harry alles zu erzählen, was sie über die Situation wusste. Professor McGonagall hatte im Büro des Schulleiters auf einen Flohanruf gewartet. Das Gespräch war vor kurzem zustande gekommen und sie hatte eilig den Brief geschrieben, welchen die Eule gerade dem Schulleiter gegeben hatte. Professor Snape hatte berichtet, dass eine kleine Gruppe Todesser an diesem Abend beauftragt war, das Haus von Amelia Bones anzugreifen. Sie war die hochrangigste Ministeriumsmitarbeiterin, die tatsächlich Rückgrat und einen angeborenen Gerechtigkeitssinn hatte. Sie war das größte Hindernis für Fudges' Korruption und Inkompetenz.

Der Überfall sollte aus fünf Todessern bestehen, alle Teil von Voldemorts Innerem Zirkel. Laut der Eule hatte Harry etwa anderthalb Stunden Zeit, bevor der Überfall beginnen sollte, was ihm nicht viel Zeit ließ, den Standort ihres Hauses herauszufinden.

Das Essen endete etwa zu dieser Zeit. Harry dankte der Eule für ihre Hilfe und wandte seine Aufmerksamkeit wieder seiner Umgebung zu. Die Mädchen plauderten noch immer miteinander, Ginny ausgenommen. Sie beobachtete ihn; die Neugier war ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Er lächelte ihr zu und formte lautlos mit den Lippen das Wort „Büro". Sie nickte, um ihr Verstehen anzuzeigen und die beiden verließen schnell die Große Halle, nachdem Ginny sich von ihren Freundinnen verabschiedet hatte. Harry winkte ebenfalls zum Abschied und die beiden verschwanden.

Sie redeten auf dem Weg nicht miteinander. Harry verbrachte die Zeit damit, zu überlegen, wie er Amelia Bones Haus finden könnte, bevor der Angriff begann und was er Ginny sagen sollte. Er war sich der Blicke, die Ginny ihm immer wieder während ihres Weges zuwarf, bewusst, aber erst als die Bürotür sich hinter ihm schloß, drehte Ginny sich zu ihm und fragte: „Was ist los?"

„Heute Abend wird es einen Angriff geben", sagte Harry ruhig.

„Woher weißt du das?", fragte Ginny scharf.

„Ich habe es beim Abendessen mitbekommen."

„Wie? Und warum hast du den Schulleiter solange angestarrt?", wollte Ginny wissen.

„Ich habe den Schulleiter nicht angestarrt", erwiderte Harry.

„Ich habe dich beobachtet, Harry", antwortete Ginny ungeduldig. „Du hast ihn mehrere Minuten lang angestarrt. Es war, als wärst du in Gedanken versunken."

„Tatsächlich habe ich nicht ihn, sondern jemand anderen angestarrt", erklärte Harry nicht besonders hilfreich.

„Wenn nicht ihn, wen hast du dann angestarrt?", fragte Ginny.

„Die Eule, die die Post ausgetragen hat", antwortete Harry mit ruhiger Stimme.

„Welche Post? Während des Abendessens wird keine Post ausgetragen."

„Normalerweise nicht", gab Harry zu. „Aber das war ein sehr wichtiger Brief."

„Woher weißt du das?", fragte Ginny wieder.

„Die Eule hat es mir gesagt."

„Ha Ha", sagte Ginny und der Sarkasmus tropfte förmlich von ihrer Stimme.

„Ich kann mit Eulen reden", bestand Harry. „Ich habe es über den Sommer gelernt, nachdem ich die Verwandlung gemeistert hatte. Ich habe mit Hedwig geredet."

Sie schaute ihn scharf an, ihre Augen bohrten sich förmlich in seine. „Du meinst das ernst."

„Ja", sagte er nur. „Ich habe schließlich gelernt, auch in meiner menschlichen Gestalt mit ihnen zu reden. Ich konnte die Eule davon überzeugen, den Inhalt des Briefes mit mir zu teilen."

„Was hat sie gesagt?"

„Im Grunde, dass heute Abend ein Todesserangriff auf Amelia Bones Heim stattfinden wird", erklärte Harry. „Ich habe weniger als eine Stunde, um herauszufinden, wo sie wohnt."

„Du gehst", sagte Ginny voller Furcht.

„Ja", erwiderte Harry sanft.

Ihre Angst und Sorge waren kurz auf ihrem Gesicht zu sehen, bevor sie akzeptierend nickte, auch wenn es klar war, dass sie über die Situation nicht glücklich war. „Sei vorsichtig."

„Das werde ich", sagte Harry sanft, während er seine Hand ausstreckte, um ihre Wange zu berühren. „Ich werde zu dir zurückkommen."

„Versprochen?"

„Ich verspreche es", sagte Harry. Er lehnte sich nach vorne und legte seine Lippen auf ihre. Sie warf ihre Arme um ihn und öffnete verlangend ihren Mund. Ihre Lippen bewegten sich zusammen. Ihre Hände strichen über seinen Rücken und sie zog seinen Körper an ihren, während seine Arme sich reflexartig um sie schlangen. Eine Hand grub er in ihre Haare, währhend die andere Linien auf ihrem Rücken zeichnete. Harry hatte niemals in seinem Leben zuvor die Leidenschaft gefühlt, welche Ginny in diesen einen Kuss legte. Es war überwältigend und berauschend. Er verlor sich in diesem Moment. Als sich ihre Lippen schließlich trennten, legte er seine Stirn gegen ihre und holte tief und stoßweise Luft, als er damit kämpfte, sich wieder zu fassen.

„Wow", flüsterte er und sein Blick traf auf ihren.

„Wo das herkommt, gibt es noch viel mehr", flüsterte Ginny mit einer rauen Stimme. „Solange du dein Versprechen hältst."

Als er seinen Kopf zurücklegte, um ihr Gesicht besser sehen zu können, konnte Harry nur zustimmend nicken, nicht in der Lage, Wörter zu finden, die eine gute Antwort bildeten.

Ginny trat einen Schritt von ihm weg und ihre Hände lösten sich von seinem Rücken. Er hasste es, sie gehen zu lassen, aber er ließ seine Arme ebenfalls an seine Seiten fallen. Sie ordnete einen Moment lang ihre Roben und Harry schaute ihr einfach nur zu. Als sie endlich zufrieden war, schaute sie wieder zu ihm und fragte: „Wie hast du also vor, herauszufinden, wo sie wohnt?"

Harry schüttelte seinen Kopf, um ihn frei zu kriegen und wieder nachdenken zu können. „Ich bin mir nicht sicher", antwortete er nach einem Moment. „Gibt es ein Adressbuch für die Zaubererwelt? Gäbe es so etwas in der Bücherei?"

„Ich habe noch nie von so etwas gehört", erwiderte Ginny und schüttelte den Kopf. „Sie haben so etwas möglicherweise im Ministerium, aber ..."

„Mist", rief Harry aus. „Ich hatte darauf gezählt." Er begann, hin- und herzugehen, während er sein Gehirn nach einer anderen Lösung durchforstete.

„Nun, du könntest Susan fragen", schlug Ginny vor, als sie sich auf die Sofalehne setzte. „Ich glaube, Amelia Bones ist ihre Tante. Sie sollte wissen, wo ihre Tante lebt."

Harry hörte auf, hin- und herzugehen und drehte sich um, um sie anzuschauen. „Wenn ich es vermeiden kann, würde ich lieber niemanden sonst sagen, was ich weiß", sagte er. „Aber wenn es hart auf hart kommt, dann wird das wahrscheinlich funktionieren." Dann hatte er eine Idee: „Ich habe es!"

„Was?", fragte Ginny.

„Meine Eulengestalt!"

„Was?", wiederholte Ginny verwirrt und stand wieder auf.

Harry drehte sich zu ihr und sah die Verwirrung deutlich auf ihrem Gesicht geschrieben, genauso wie er es in ihrer Stimme hörte und er erkannte, dass er diese Information noch nicht mit ihr geteilt hatte. „Du weißt, dass Eulen spüren können, wo die Menschen sind, wenn sie einen Brief austragen?"

Sie nickte.

„Nun, wenn ich mich in eine Eule verwandele, kann ich das ebenfalls", erklärte er. „Ich habe es das erste Mal bemerkt, als ich dein Geburtstagsgeschenk ausgetragen habe. Ich habe es auch verwendet, als ich deiner Mutter den Brief gegeben habe."

„Oh", sagte sie und ihr Mund blieb für einige Sekunden offen. „Warte, sie lebt wahrscheinlich in England. Wirst du den ganzen Weg durch Schottland fliegen?"

„Guter Punkt", gab Harry zu. „Ich werde einfach nach England apparieren und hoffen, dass ich nicht zu weit weg bin."

„Das hört sich gut an", stimmte sie zu.

„Was bedeutet, dass ich wahrscheinlich sofort hier losgehen sollte", meinte Harry.

„Ja", nickte sie, ihren Blick auf den Boden gerichtet.

Eine lähmende Stille breitete sich zwischen den beiden aus, da sie beide wussten, dass es Zeit war, sich zu verabschieden. Harry war sich nicht sicher, was er sagen sollte. Welchen Trost konnte er ihr geben? Was konnte er ihr sagen, um ihre Sorgen zu besänftigen?

„Du solltest besser losgehen", sagte Ginny ihm leise.

„Ja", erwiderte Harry mit belegter Stimme.

Sie ging langsam zu ihm: „Sei vorsichtig da draußen."

Harry öffnete seine Arme und sie trat in seine Umarmung. Er schloss seine Arme um sie und hielt sie fest an sich, ihr Kopf war an seine Schulter gelegt. Er holte tief Luft und nahm den Duft ihres Haares in sich auf. Nach einem langen Moment lockerte er seinen Griff etwas und lehnte sich zurück, um sie anschauen zu können. Ihre Augen glänzten. Eine einzelne Träne lief ihre Wange hinunter. Harry nahm seine rechte Hand von ihrem Rücken, legte sie an ihre Wange und wischte die Träne mit seinem Daumen weg.

Sie lehnte sich in seine Berührung und drehte ihren Kopf, um seine Handinnenfläche zu küssen. Harry fragte sich, wie so eine einfache Geste solch einen Effekt auf ihn haben konnte. Er drehte ihren Kopf zu sich zurück und lehnte sich zu ihr, um ihre Lippen mit seinen zu berühren. Der Kuss war bedächtig und ganz anders als der hungrige, leidenschaftliche Kuss, den sie vorher geteilt hatten, und dennoch waren genauso viele Emotionen darin. Das war nicht leidenschaftlich oder hungrig; das war etwas mehr - etwas viel besseres.

Sie löste nach einem langen Moment den Kuss und legte ihren Kopf an seine Brust. Sie sagten kein Wort. Sie standen für einen Moment nur da in ihrer Umarmung. Schließlich hob Ginny ihren Kopf: „Du solltest gehen."

Harry nickte und drückte sie ein letztes Mal, bevor er sie losließ. „Danke, Ginny."

Sie nickte, sagte aber nichts. Harry lächelte sie traurig an, drehte sich um und ging zur Tür. „Du solltest zuerst gehen. Ich werde dir unter meinem Tarnumhang folgen", sagte er.

Sie nickte wieder. Harry holte den Umhang hervor und zog ihn über. Er sah zu, wie Ginny ihre Gesichtszüge unter Kontrolle brachte und aus der Tür trat. Er folgte ihr dicht auf und trat dann zur Seite, so dass sie die Tür schließen konnte. Er stand da und beobachtete, wie sie zurück in Richtung des Gemeinschaftsraumes ging, bis sie um die Ecke bog und nicht mehr zu sehen war.

Er schlich sich ungesehen hoch zur Eulerei. Als er dort ankam, verwandelte er sich in eine Eule und flog aus dem Fenster. Er flog zu seiner üblichen Stelle außerhalb Hogsmeades. Als er landete, verwandelte er sich zurück in seine menschliche Gestalt. Er legte seinen Tarnumhang und seine Roben in seinen Koffer. Seine Hose hatte bereits eine dunkle Farbe. Er zog sein Hemd aus und wählte stattdessen ein enganliegendes schwarzes T-Shirt. Es war ein wenig kalt dafür, aber ein einfacher Wärmezauber behob dieses Problem. Als er seine Kontaktlinsen heraussuchte, hatte er bereits seine Haarfarbe und deren Länge verändert und seine Narbe versteckt. Er setzte seine braunen Kontaktlinsen ein und verstaute dann seinen Koffer wieder in seiner Hosentasche.

Er apparierte zuerst zur Winkelgasse und verschwand in einer Gasse, um sich in eine Eule zu verwandeln. Er wusste sofort, dass Madame Bones weit weg war. Er verwandelte sich wieder zurück und apparierte zum Bahnhof King's Cross - immer noch zu weit. Er durchforstete sein Gehirn für andere Optionen, bevor er zum äußersten Winkel des Fuchsbaugeländes apparierte, an das er sich erinnerte. Wieder enttäuscht wählte er einen Ort, von dem er sich versprochen hatte, dass er dorthin niemals zurückkehren würde. Einen Moment später tauchte er in seinem Zimmer im Ligusterweg Nr. 4 auf. Sie war von dort aus am nächsten von allen anderen Orten. Harry gingen die Ideen aus und so entschied er, von dort aus zu starten.

Er hielt sich nicht länger auf, sondern flog aus dem Fenster. Er begann Richtung Westen zu fliegen und schwebte hoch über den identischen Häusern seiner ehemaligen Nachbarschaft. Mit etwas Glück würde er niemals mehr dorthin zurückkehren müssen.

Als er seinem Eulensinn folgte, begann Harry, sich Strategien zu überlegen. Sollte er die Ordensmitglieder kontaktieren und hoffen, dass sie seine Hilfe akzeptierten? Würden sie ihm vertrauen? Er war sich ziemlich sicher, dass er Kingsley und Minerva dazu bringen könnte, seine Hilfe anzunehmen, wenn sie da waren, aber die anderen hatten ihn noch nie in dieser Gestalt gesehen. Würden sie überhaupt von ihm gehört haben? Würden sie wissen, dass er auf ihrer Seite war?

Er könnte warten, bis der Kampf begann, bevor er sich einmischte und ihnen die Wahl aus der Hand nehmen. Aber die Möglichkeit bestand, dass sie zuerst angreifen und dann Fragen stellen würden. Wenn er diesen Weg wählte, musste er schnell beweisen, dass er auf ihrer Seite stand.

Er fragte sich, was die beste Option wäre, aber als er sich seinem Ziel näherte, sah Harry, dass es nicht an ihm war, diese Entscheidung zu fällen. Die Todesser waren früh dran und sie hatten Freunde mitgebracht. Von seinem Aussichtspunkt sah es so aus, als umzingelten etwa 20 Todesser das Gebäude. Die Ordensmitglieder waren um das Haus herum verteilt und versteckten sich, aber Harry konnte gelegentlich Teile ihrer Roben sehen. Er nahm an, dass es insgesamt nur etwa fünf oder sechs Ordensmitglieder waren.

Harry kreiste einmal ums Haus, um einen besseren Überblick zu bekommen. Remus und Tonks waren hinter dem Haus. Zwischen ihnen lagen gute 10 oder 15 Meter. Dädalus Diggel war in den Büschen auf der einen Seite des Hauses, Hestia Jones auf der anderen. Vor dem Haus waren zwei Zauberer, die Harry nicht erkannte.

Tonks und Remus waren die beiden einzigen, die er wirklich kannte. Bei ihnen wäre es am einfachsten, sie zu überzeugen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Zuerst würde er ihnen seinen guten Willen zeigen. Er flog hinter die Angreifer. Sie waren alle auf einem kleinen Hügel mit mehreren großen Steinen als Deckung positioniert. Keine der Zauber, welche Remus oder Tonks auf sie warfen, hatte eine Chance gegen sie.

Auf der anderen Seite fanden sich Remus und Tonks in einer prekären Situation. Es waren acht Todesser, die ihre Zauberstäbe auf sie zwei gerichtet hatten, und die beiden hatten nicht die Deckung, welche ihre Gegner hatten. Ihre Angreifer außer Gefecht zu setzen könnte schwer werden. Sie standen weit genug auseinander, dass er höchstens zwei von ihnen besiegen könnte, bevor die anderen auf seine Anwesenheit aufmerksam werden würden. Das ließ sechs Todesser übrig, die erledigt werden mussten. Es waren mehr als ihm lieb waren, aber er hatte Schlimmeres überstanden.

Er kreiste ein weiteres Mal über den Todessern und entschied sich für die besten Ziele für seinen ersten Angriff. Er konnte basierend auf ihre Taten nicht ihre Fähigkeiten einschätzen. Es gab keinen eindeutigen Anführer oder Ranghöheren unter ihnen. Es gab zwei verhüllte Gestalten, die relativ nah nebeneinander standen, was es einfacher machen würde, die beiden auf einmal außer Gefecht zu setzen.

Sich für dieses Vorgehen entscheidend landete Harry so leise wie er konnte weit hinter den Todessern. Er wartete einen Moment, um sicherzugehen, dass sie seine Anwesenheit nicht bemerkt hatten. Als sie keine Reaktion zeigten, verwandelte er sich in seine menschliche Gestalt zurück und rief sofort seinen falschen Zauberstab in seine Hand. Da er nicht dabei gesehen werden wollte, beschloss er, nach Möglichkeit zu vermeiden, seine zweite Hand zu verwenden.

Er sandte sehr schnell mit seiner rechten Hand zwei lautlose Everberos aus. Die beiden anvisierten Todesser fielen, aber nicht ohne ausreichend Geräusche dabei zu verursachen, um ihre Kameraden auf ihn aufmerksam zu machen. Harry war gerade dabei, sein nächstes Ziel anzugreifen, als er etwas fühlte. Er duckte sich instinktiv und rollte aus dem Weg. Ein grüner Zauber flog an der Stelle durch die Luft, wo er gerade noch gestanden war. Harrys Augen scannten die Umgebung hinter sich, aber er sah nichts.

Seine Aufmerksamkeit wurde auf zwei Todesser gezogen, die versuchten, ihn von zwei Seiten in die Zange zu nehmen. Er drehte sich und warf einen Schockzauber auf eine der Personen, aber bevor er einen zweiten Zauber werfen konnte, hatte er dasselbe Gefühl wie zuvor und Harry rollte sich weg. Ein weiterer Zauber flog dort vorbei, wo er gerade gewesen war - wieder von hinter ihm. Dort war jemand. Sie waren entweder desillusioniert und standen ganz still da oder sie waren unter einem Tarnumhang. Was es auch war: Das waren keine guten Neuigkeiten für Harry.

Wissend, dass er an seinem aktuellen Standort in Gefahr war, beschloss Harry, dass es das beste Vorgehen sei, in Bewegung zu bleiben. Wenn er still stand, würde er seinen sichtbaren und unsichtbaren Angreifern die Chance geben, ihn zu treffen. Er wusste auch, dass sein unsichtbarer Angreifer es schwierig finden würde, sich schnell zu bewegen, ohne seine Position zu verraten.

Als Harry aus seiner Rolle hochsprang, sprintete er nach rechts. Diese Aktion überraschte den Todesser auf dieser Seite und der Mann war nicht auf den Explosionszauber, den Harry in seine Richtung schoss, vorbereitet. Er wurde vom Boden und mehrere Meter durch die Luft geschleudert. Harry blickte hinüber, als der Todesser wieder auf dem Boden aufkam und sah, dass der Mann sich nicht rührte. Ein weiterer Todesser außer Gefecht gesetzt.

Er traf auf einen weiteren Todesser, der Flüche auf Remus geschossen hatte und den Werwolf damit bewegungsunfähig machte. Harry hatte jedoch zu viel Lärm gemacht und die verhüllte Gestalt stand auf und warf einen Fluch in Harrys Richtung. Harry warf sich nach vorne und mit Hilfe eines Purzelbaums unter dem Zauber durch. Er sprang keinen Meter vor dem Todesser auf und ließ seinen falschen Zauberstab fallen, als er den Mann mit einem Kinnhaken traf. Harry fühlte einen Magiestoß durch seinen Arm fließen, gerade als seine Faust auftraf. Der Todesser wurde einen Meter nach hinten geschleudert und kam mit dem Gesicht nach unten auf. Er bewegte sich nicht mehr, aber Harry achtete nicht auf ihn, als er hinter den nahen Stein hechtete, welchen der gerade besiegte Todesser als Deckung genutzt hatte.

Drei grüne Lichtstrahlen schoßen an ihm vorbei und Harry wusste, dass er etwas machen musste, um seine Chancen zu verbessern. Er hatte bisher Glück gehabt. Er hätte bereits mehr als einmal getötet werden können. Er hatte angegriffen und seine eigenen Fähigkeiten über- und die Fähigkeiten seiner Gegner unterschätzt. Er musste einen Weg finden, um seinen unsichtbaren Gegner zuerst auszuschalten. Er erinnerte sich an seinen HA-Unterricht, als Snape versucht hatte, sich unentdeckt einzuschleichen. Ein einfacher Accio hatte da gereicht. Könnte es vielleicht diesmal wieder funktionieren?

Harry beschwor einen weiteren falschen Zauberstab hervor und konzentrierte sich auf das silbrige Material seines eigenen Tarnumhangs. Er stellte sich den Umhang an einer Person, die in Todesserkleidung gekleidet war, vor. Als er das Bild in seinem Kopf fixiert hatte, warf er einen kurzen Blick über den Stein und mit einer Bewegung seiner zauberstabhaltenden Hand zauberte er in seinen Gedanken Accio.

Er hörte, wie eine Stimme etwas rief und sah seine Zielperson. Die Person hielt den Tarnumhang fest, um ihn daran zu hindern, gerufen zu werden, aber während er damit kämpfte, war ein Teil seines Körpers sichtbar. Harry sprang über den Stein und griff den Mann an. Mit der linken Hand warf er ein weiteres Mal den Aufrufezauber, während er mit der rechten Hand drei Schockzauber auf seinen Gegner feuerte.

Der Mann fluchte, gab den Versuch auf, den Umhang festzuhalten und errichtete schnell ein Schild. Er konnte das Schild gerade rechtzeitig auffrichten. Harry fluchte innerlich, aber zumindest war seine Zielperson nicht mehr länger versteckt. Der Tarnumhang flog zu Harry und er fing ihn mit seiner linken Hand. Er dachte schnell nach, wandte einen Verscheuchezauber an ihm an und sandte den Umhang damit zu Remus. Er hoffte, er erreichte seinen Freund und dass er ihn gut nutzen würde.

„Du wirst mir den Umhang zurückgeben, wenn du weißt, was gut für dich ist!" Die schroffe Stimme des Mannes schnitt durch die kalte Nachtluft.

Harry sah keinen Grund, Worte mit einem Todesser auszutauschen, und da er keine Zeit verlieren wollte, ignorierte Harry die lahme Drohung und bereitete sich auf das bevorstehende Duell vor. Er sah zwei Todesser, die versuchten, sich ihm von seiner rechten Seite aus zu nähern. Harry wägte einen Moment seine Möglichkeiten ab. Er mochte nicht, wie offen er im Moment stand. Er hatte seinen unsichtbaren Feind enttarnt, aber es könnte noch mehr geben. Er musste seinen Gegner schnell außer Gefecht setzen, so dass er seine Guerilla-Taktik wieder anwenden konnte.

Harry wollte zuerst seinen ehemaligen unsichtbaren Gegner ausschalten. Der Mann hatte sich bereits als fähig erwiesen und hatte mit einem schnellerrichteten Schild Harrys drei Schockzauber abgewehrt. Und es war wahrscheinlich, dass der beste Todesser das Privileg haben würde, den Tarnumhang zu haben. Harry ließ seine zwei anderen Feinde weiter auf ihn zuschleichen, da sie so mehr Abstand zwischen sich und ihren anderen Kameraden brachten.

Nach einem Moment trat Harry in Aktion und sprintete auf seinen einzelnen Gegner los. Der Mann begann, Flüche auf Harry zu werfen, welchen dieser geschickt auswich. Den einzigen Fluch, den er aus der Masse identifizieren konnte, war Lacerus, der Schneidezauber. Er dachte, er erkannte die lilane Farbe eines der Zauber, aber er konnte ihn nicht einordnen, noch hatte er die Zeit, darüber nachzudenken.

Er überwand schnell die Distanz zwischen ihnen, bis sie nur noch wenige Meter voneinander entfernt waren. Er warf zweimal Stupor und Fragosus, den Sprengzauber, als er sich zur Seite warf, um dem grünen Licht des Todesfluchs auszuweichen. Der Mann war schnell mit seinen Schilden und hatte wieder kein Problem, die drei Zauber abzuwehren. Aus dem Augenwinkel konnte Harry die anderen zwei Todesser sehen, die begannen, zu ihnen zu laufen und er wusste, dass er - wenn er seinen Vorteil nutzen wollte - schnell handeln musste.

Er warf einen Verbrennungszauber auf den Umhangsaum des Mannes und entflammte damit den Stoff. Bevor er eine Chance hatte, etwas zu tun, war Harry aufgesprungen und schoß schnell geringfügige Zauber auf den Mann, um dessen Aufmerksamkeit auf sich zu halten und ihn daran zu hindern, das Feuer zu löschen. Der Mann tanzte herum, als die Hitze des Feuers begann, seine Beine zu verbrennen. Er versuchte, das Feuer auszutreten, während er das Schild aufrechterhielt, aber das Feuer verbreitete sich zu schnell auf seinem Umhang.

Harry ging um den Mann herum, um ihn zwischen sich und seinen anderen beiden Feinden zu bringen. Nicht in der Lage, die Hitze länger zu ertragen, ließ der Mann das Schild fallen, um die Flammen zu löschen. Harry setzte ihn schnell mit einem Everbero außer Gefecht. Harry trat über die liegende Gestalt des Mannes, um seinen anderen beiden Feinden gegenüberzutreten. Er errichtete ein Schild, um einen Schockzauber zu blockieren, der von einem der Männer gesandt wurde und wich einem ihm unbekannten Fluch aus, der von dem anderen kam.

Ein weiteres Gefühl überkam Harry und er rollte sich instinktiv zur Seite und drehte sich dabei. Ein grünes Licht flog durch die Stelle, wo er gerade noch gestanden hatte und traf einen der beiden Todesser, gegen die er gekämpft hatte. Der Mann brach tot zusammen. Unglücklicherweise war Harry direkt in die Bahn eines anderen Fluchs gerollt. Dieser war tiefrot mit einer ungesunden orangenen Färbung. Nicht in der Lage, rechtzeitig auszuweichen, errichtete er das stärkste Schild, das er hinbekam und hoffte, es würde genug sein.

Der Zauber traf ihn an der Brust, gerade als er fühlte, wie das Schild sich über seinen Körper ausbreitete. Das Schild konnte die Auswirkungen des Fluches verringern, aber der Fluch war zu mächtig, um abgewehrt zu werden. Harry fühlte, wie ihm die Luft wegblieb und sein Oberkörper von versengendem Schmerz brannte. Er schaute an sich hinunter und sah, dass sein Oberteil von dem Fluch zerrissen war und dass die Haut darunter wund aussah. Schlimmer als der Anblick seines Oberkörpers war der Gestank von verbranntem Fleisch, der in seine Nase stieg. Nicht in der Lage, im Moment etwas dagegen zu tun, vervollständigte Harry seine Rolle und sprang wieder auf die Füße, wobei er wegen dem Schmerz zusammenzuckte.

Als er aufstand, warf er einen Explosionszauber auf seinen anderen Gegner, der - da er zu seinem gefallenen Kameraden gegangen war - nicht auf den Zauber vorbereitet war. Harry drehte sich in die Richtung, aus der der Zauber gekommen war, der ihn in den Oberkörper getroffen hatte und suchte das Gebiet nach Angreifern ab. Da er niemanden sehen konnte, versuchte Harry wieder den Aufrufezauber in der Hoffnung, dass es wieder funktionieren würde. Nichts passierte.

Harry drehte sich langsam um sich selbst, um seine Umgebung in sich aufzunehmen. Als er die Drehung vervollständigt hatte, bemerkte er zwei Zauber, die auf ihn zuflogen. Er ließ sich auf den Boden fallen, um die beiden Zauber über seinen Kopf fliegen zu lassen und zuckte bei dem Schmerz, als die offene Wunde die kalte, harte Erde berührte, zusammen. Er konnte seine Angreifer noch immer nicht sehen, aber nun wusste er, dass es zwei waren, beide wahrscheinlich unsichtbar.

Eine Idee nahm in seinen Gedanken Gestalt an. Das Gras war dort, wo er lag, etwas länger, er warf den Desillusionierungszauber auf sich selbst und kreierte direkt vor sich eine Illusion von sich selber. Er zählte auf die Dunkelheit, um ihm zu helfen. Am hellichten Tag hätten die Todesser die Illusion wahrscheinlich direkt durchschaut, aber da es so dunkel war, könnten sie vielleicht sogar auf den Trick hereinfallen. Er wies die Illusion an, aufzustehen, während er selber auf dem Boden liegenblieb. Er ließ die Illusion den Angreifern ihren Rücken zuwenden und mehrere Schritte weglaufen. Er grinste, als zwei, dann vier Zauber auf die Illusion zuflogen.

Er ließ die Illusion sich hinter einen Stein verstecken, bevor er ihren Kopf drüberschauen ließ, um die Aufmerksamkeit seiner unsichtbaren Feinde aufrecht zu erhalten. Nun, da er den ungefähren Aufenthaltsort jeder seiner Angreifer kannte, musste er sich einen Plan überlegen, um sich ihrer zu entledigen. Er musste schnell handeln, bevor sie die Chance hatten, ihren Standort zu wechseln.

Nicht in der Lage, sich einen besseren Plan auszudenken, sprang Harry hoch, sprintete auf die ihm am nächsten stehende Person zu und warf dabei Flüche. Er zielte gut und sein Gegner war gezwungen, ein Schild zu errichten, um die Zauber abzuwehren. Harry konnte die Zauber nicht so schnell werfen, wie er es gerne hätte, da er gleichzeitig so schnell er konnte rannte. Das gab seiner Zielperson die Chance, selber ein paar Zauber zu werfen.

Harry war durch diese Zauber und die des anderen unsichtbaren Feindes gezwungen, ausweichende Manöver zu absolvieren. Als Harry nah genug war, positionierte er sich so, dass es für den zweiten Angreifer schwer war, einen Zauber zu werfen, ohne den anderen Todesser zu treffen. Er und seine Zielperson tauschten ein paar Meter weiter Zauber aus. Jedesmal, wenn sich der zweite Angreifer bewegte, um Harry besser treffen zu können, bewegte sich Harry ebenfalls, um die Zielperson zwischen sich und den zweiten Angreifer zu bringen.

Harry wurde schnell klar, dass er dieses Duell nicht gewinnen würde, wenn er direkt angreifen würde. Egal wieviel Kraft er hinter die Zauber legte; sie waren nicht in der Lage, das Schild seines Gegners zu durchbrechen. Währenddessen begann er müde zu werden und der Schmerz an seinem Oberkörper machte seine Bewegungen langsamer. Egal wie er seinen Körper bewegte, alles schien die offene Wunde zu dehnen und ließ sie dadurch schmerzhaft brennen. Der Schmerz machte es Harry schwer, Luft zu holen.

Harry beäugte einen faustgroßen Stein auf dem Boden, der ein wenig hinter seiner Zielperson lag. Er machte eine Show daraus, wie er mehrere, schnelle, nicht besonders mächtige Zauber auf seine Zielperson warf, um dessen Aufmerksamkeit auf sich zu behalten, während er den Stein mit seiner linken Hand schweben ließ und ihn dorthin schleuderte, von wo er dachte, dass der Kopf des Mannes war. Der Stein schien den Hinterkopf des Mannes nur zu berühren, aber es war genug, um ihn abzulenken und Harry die Zeit zu geben, ihn mit einem Everbero zu treffen.

Er duckte sich gerade noch rechtzeitig, um einem tiefroten Fluch auszuweichen, der dem Zauber verdächtig ähnlich sah, von dem er vorher getroffen worden war. Er drehte sich um, um den zweiten Angreifer zu finden, als er ein Licht sah, dass aus dem Nichts vor seinen Augen explodierte. Harry musste seine instinktive Reaktion unterdrücken, da der Zauber nicht auf ihn gerichtet war, sondern auf eine Stelle 15 Meter weit weg. Er sah, wie der Zauber etwas Unsichtbares traf und hörte den dumpfen Aufprall, als der Körper auf den Boden fiel.

Remus' Kopf tauchte plötzlich bei der Quelle des Lichtes auf. „Ich bin ein Freund", rief er Harry zu.

Harry nickte Remus zu und ging zu seinem besiegten Gegner, um den Tarnumhang des Mannes an sich zu nehmen. Als er sich umwandte, hatte Remus bereits den anderen Todesser enthüllt und den Tarnumhang des Mannes eingesteckt. „Danke", sagte Harry in einer kratzigen Stimme, darauf bedacht, seine Stimme genug zu verändern, so dass Remus sie nicht erkennen würde. Er wusste, dass er vorsichtig sein musste, wie er mit Remus umging. Harry durfte nicht zeigen, dass er ihn kannte oder etwas von ihm oder dem Orden wusste.

„Es gibt keinen Grund, mir zu danken. Ich sollte dir danken", erwiderte Remus in einem freundlichen Flüsterton. Seine Nase zuckte leicht, als er sich Harry näherte.

Nun, da es einen ruhigen Moment gab, schien der Schmerz in seinem Oberkörper ihn einen Moment lang zu überwältigen. Harry fiel auf ein Knie und holte tief und zitternd Luft.

„Alles in Ordnung?", fragte Remus besorgt.

„Ich ... Es wird alles gut", antwortete Harry.

Remus kniete sich neben ihn hin. „Dein Oberkörper sieht ziemlich schlimm aus", kommentierte er. „Weißt du, welcher Zauber es war?"

Harry schüttelte den Kopf: „Nein." Er versuchte, tief Luft zu holen, konnte es aber nicht und zuckte zusammen. „Nein, ich habe ihn kaum gesehen. Er war tiefrot mit einer orangenen Färbung."

„Mhmm", überlegte der Mann. „Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, das es Teufelsfeuer war, aber es sieht nicht schlimm genug aus."

„Ich konnte ein Schild errichten ... bevor er mich getroffen hat", gab Harry an.

„Ah", sagte Remus. „Dann hast du Glück gehabt. Wenn der Fluch dich voll getroffen hätte, würden wir jetzt wahrscheinlich nicht miteinander sprechen."

„Was ist mit den anderen?", fragte Harry und versuchte, den Schmerz auszublenden.

„Ich weiß nicht", sagte Remus. „Meine Partnerin und ich haben den Aufruhr gesehen, den du auf dem Hügel verursacht hast, aber konnten unsere Position nicht verlassen, um dir zu helfen. Das war so, bis ein Tarnumhang direkt in meinem Schoß gelandet ist. Du wirst nicht zufällig etwas davon wissen?"

Harry lächelte, das er aber schnell verlor, als er versuchte, aufzustehen.

„Vorsichtig", sagte Remus und sprang auf seine Füße, um Harry hochzuhelfen. „Ich habe einen Portschlüssel, der dich zum Krankenhaus bringen kann."

„Portschlüssel!", rief Harry aus. „das habe ich beinahe vergessen. Accio Portschlüssel", intonierte er und hielt seinen falschen Zauberstab aus. Harry schaute auf den Körper vor ihm, aber nichts passierte. „Das ist merkwürdig", sagte Harry. Er wandte sich zu der Gestalt, die Remus ausgeschaltet hatte, wobei er dabei zusammenzuckte und versuchte, den Zauber ein weiteres mal anzuwenden. Es passierte wieder nichts.

„Wir sollten wirklich schauen, dass jemand nach deinem Oberkörper guckt", sagte Remus.

„Mir geht es gut", bestand Harry. „Wir können gehen, sobald wir nach den anderen geschaut haben."

Remus schien das für einen Moment zu überdenken: „Also gut. Dann komm."

„Zieh deine Kapuze hoch", sagte Harry ihm. "Horch nach mir und bleib nah bei mir. Lass uns uns nicht verraten, bis wir müssen."

Remus nickte, bevor er die Kapuze wieder über seinen Kopf zog. Harry begann langsam zurück zum Haus zu schleichen. Nach mehreren Schritten flüsterte er: „Bist du noch immer da?"

„Ja", flüsterte Remus zurück. „Ich habe ein gutes Gehör. Ich kann dich ohne Probleme atmen hören."

Harry wollte fast grinsen. Natürlich hatte Remus ein paar nützliche Talente von seiner monatlichen Verwandlung bekommen, auch wenn sie bei Weitem die Nachteile nicht aufwogen. Harry ging langsam weiter, bis er zu der Hügelkuppe kam, wo er zuerst aufgetaucht war.

Tonks saß noch immer beim Haus fest. Zu ihrer linken standen zwei Todesser relativ nahe beieinander und zu ihrer Rechten ein einzelner Todesser. Sie alle feuerten Flüche auf Tonks und hielten sie damit davon ab, sich irgendwie aus ihrer Situation zu befreien.

„Du übernimmst den rechts", flüsterte Harry, „Ich kümmere mich um die beiden links."

„Nein", flüsterte Remus entschlossen. „Du bist verletzt. Nimm den einen rechts, ich kann die beiden links übernehmen."

Harry verdrehte seine Augen unter seinem Umhang, wollte aber nicht hier stehen und mit dem Mann streiten. „Schön. Wir treffen uns bei deiner Freundin."

„Okay", erwiderte Remus.

Die beiden teilten sich auf. Harry machte einen kleinen Bogen, um hinter seinen Gegner zu gelangen. Er wusste, er war unsichtbar, aber wollte es nicht riskieren, zu früh entdeckt zu werden. Als er sich dem Mann näherte, konzentrierte er sich darauf, unnötige Geräusche zu vermeiden. Als er nur noch knapp 5 Meter weit weg war, betäubte er den Mann. Er erinnerte sich an eine seiner ersten Regeln - und verfluchte sich dafür, es bei seinen anderen Gegnern vergessen zu haben -, rief den Zauberstab des Mannes zu sich und brach ihn entzwei.

Das getan drehte er sich zurück zum Haus. Er sah zwei Lichter auf einem Hügel aufblitzen und dann nichts. Er nahm an, dass Remus seine Aufgabe beendet hatte und begann zu Tonks zu gehen. Remus kam zuerst an, sein körperloser Kopf schien in der Luft zu schweben. Die beiden umarmten sich kurz, dann wandte sich Remus erwartungsvoll zu Harry.

Als Harry noch etwa 15 Meter weit weg war, schlug er die Kapuze des Umhangs zurück und ließ die beiden seinen Kopf sehen.

„Wer ist das?", fragte Tonks.

„Er ist derjenige, der unsere Hintern gerettet hat", erwiderte Remus. „Und dabei einen gemeinen Fluch abbekommen hat."

„Freut mich", sagte Harry ein wenig sarkastisch.

„Wie auch immer", fuhr Remus fort. „Er ist ein Freund, oder zumindest ein Verbündeter."

„Wir haben im Moment nicht die Zeit für Freundlichkeiten", sagte Harry. „Als ich ankam, habe ich etwa 20 Todesser um das Haus herum verteilt gesehen. Ich habe auch mitbekommen, dass einige Todesser in Tarnumhängen unterwegs sind. Ich habe 7 der ursprünglichen 20, die ich sah, außer Gefecht gesetzt." Er wandte sich an Remus: „Hast du noch jemanden erwischt außer den beiden, die du gerade besiegt hast?"

„Nur einen", erwiderte Remus. „Und den einen unter dem Tarnumhang."

Harry nickte: „Okay, das sind 10 der 20, die ich gesehen habe. Aber es könnten noch mehr geben, die ich nicht gesehen habe. Und wir haben insgesamt 3 unsichtbare Todesser überwältigt." Harry überdachte die Situation einen Moment. „Es sollen angeblich fünf Mitglieder des Inneren Zirkels da sein. Ich nehme an, dass sie diejenigen unter den Umhängen sind, was zwei weitere Unsichtbare plus mindestens 10 weitere Todesser übrig lassen würde."

Tonks schaute ihn mit großen Augen an, als er seine Statistik des bisherigen Kampfes verkündete. „Du hast alleine neun Todesser außer Gefecht gesetzt?", fragte sie.

Harry schaute sie mit einem durchdringenden Blick an, antwortete aber nicht.

„Wer bist du?", wollte sie wissen.

„Ein Freund", sagte Harry nur.

Als Tonks so aussah, als wollte sie nachfragen, streckte Remus eine Hand aus und drückte ihre Schulter. Als sie sich umwandte, schüttelte Remus den Kopf. „Nicht jetzt", sagte der Mann. „Ich vertraue ihm und außerdem brauchen wir seine Hilfe."

Ihre Schultern sackten in sich zusammen, aber sie schien nicht glücklich über die Situation zu sein.

„Wenn ihr dann fertig seid", sagte Harry, „müssen wir uns einen Plan überlegen, bevor eure Freunde überwältigt werden.

Hast du den dritten Umhang?", fragte Harry Remus.

Der Mann nickte und förderte den Umhang aus seinen Roben hervor.

„Gut, gib ihn dann der Lady hier", wies Harry an. „Ich denke, wir sollten uns aufteilen und versuchen, so viele wie möglich auszuschalten, ohne entdeckt zu werden. Die beiden unsichtbaren Todesser sind noch immer da draußen, seid also auf der Hut. Wenn wir genug von ihnen schnell außer Gefecht setzen, sollten eure Freunde genug Freiraum haben, um uns zu helfen."

Tonks schüttelte nachdrücklich ihren Kopf: „Ich glaube, wir sollten zusammenbleiben. Das ist das erste, das sie uns im Aurorentraining beibringen: in einer unbekannten Situation bei seinem Team zu bleiben. In der Gruppe ist man stärker."

„Wir können mehr erreichen, wenn wir uns aufteilen", bestand Harry und schüttelte seinen Kopf. „Wenn wir zusammenbleiben, würden wir wahrscheinlich nach dem ersten besiegten Todesser unsere Position verraten." Er hielt inne und holte zitternd Luft. „Wenn wir uns aufteilen, werden wir mehr Verwirrung verursachen und können in kurzer Zeit mehr bewirken."

„Oder wir werden einer nach dem anderen ausgeschaltet" unterbrach Tonks.

„Er hat Recht, Tonks", sagte Remus beruhigend. „Mit unseren Tarnumhängen haben wir einen Vorteil. Diesen Vorteil würden wir verschwenden, wenn wir zusammenbleiben. Drei kleine unsichtbare Zielpersonen werden effektiver sein als ein großes unsichtbares Ziel."

„Schön", zischte Tonks. Sie nahm den Umhang aus Remus Hand und warf ihn sich über die Schulter. „Aber wenn du zu Schaden kommst, alter Mann ..."

Remus zog Tonks in eine kurze Umarmung und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. Harry drehte sich weg, da er fühlte, als würde er einen sehr privaten Moment beobachten, den er nicht sehen sollte. Nach einem Moment räusperte sich Remus und Harry drehte sich ihnen wieder zu.

„Bereit?", fragte Remus.

Harry nickte. „Ich werde dort herum gehen", sagte Harry und deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Ihr beide geht anders herum. Sucht euch unterschiedliche Zielpersonen aus und bleibt nicht zu nahe beieinander."

„Aber du bist ..."

„Mir geht es gut", unterbrach Harry. „Es ist nur eine kleine Verbrennung. Es ist nichts. Jetzt geht." Er zog sich die Kapuze wieder über seinen Kopf und begann seinen Weg um das Haus. Er fühlte sich schlecht, so kalt mit ihnen umzuspringen, aber er musste die Fassade aufrecht erhalten. Sie waren Fremde. Er hatte keinen Grund, sich Mühe zu geben, nett zu ihnen zu sein. Und außerdem war das kaum die Zeit, um Nettigkeiten auszutauschen.

Als er die Hausecke erreichte, wurde er langsamer und war darauf bedacht, nicht zu viele Geräusche zu verursachen. Es gab weder an der Seite noch vor dem Haus Hügel, die die Todesser zu ihrem Vorteil nutzen konnten, doch es gab vereinzelte Bäume und Steine, die sie als Deckung nutzen konnten. Der Todesser, der ihm am Nächsten war, war noch immer 30 oder 40 Meter von seiner Position entfernt. Harry wusste nicht, was mit Diggel passiert war, der bei seiner Ankunft auf dieser Seite des Hauses gewesen war. Er hoffte, dass der Mann sich vor dem Haus mit seinen Kameraden zusammengefunden hatte, da diese Hausseite leer war.

Harry ging schnell über den Rasen und brachte etwas Abstand zwischen sich und dem Haus, um sich die Möglichkeit zu geben, sich seiner Zielperson von hinten zu nähern.

Um nicht zu viele Geräusche zu verursachen, schlich Harry sich vorsichtig hinter seine erste Zielperson und blieb wenige Meter entfernt stehen. Als er einen Schockzauber auf den Todesser warf, drehte und duckte er sich zur gleichen Zeit. Er drehte sich einmal im Kreis, um nach Reaktionen auf seinen Zauber, den er gerade geworfen hatte, zu schauen, konnte aber nichts sehen. Er wandte sich wieder seiner Zielperson zu, überprüfte ihn erfolglos nach Portschlüsseln und zerstörte dann den Zauberstab des Todessers.

Er näherte sich vorsichtig seiner nächsten Zielperson. Er betäubte den Mann und duckte sich wieder sofort, während er die Umgebung absuchte. Wieder gab es keine Reaktion. Er begann sich ein wenig Sorgen zu machen. Er schaute auf die andere Seite des Vorgartens und sah, wie einer der Todesser von hinten getroffen wurde. Dort gab es ebenfalls keine Reaktion. Harry hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Wenn Snape über die fünf Todesser aus dem Inneren Zirkel Recht hatte, wofür es keine Garantie gab, wenn man in Betracht zog, womit er schon Unrecht gehabt hatte, dann waren noch zwei höchstwahrscheinlich unsichtbare Feinde unterwegs.

Er schaute sich wachsam um, als er seinen Weg über den Rasen fortsetzte und dabei zwei weitere Todesser außer Gefecht setzte. Als er zu seiner nächsten Zielperson schaute, sah er, dass einer der anderen schneller als er gewesen war. Es war nun unmöglich, dass die beiden unsichtbaren Gegner nichts von ihrer Anwesenheit wussten. Sie mussten etwas vorhaben, aber er war sich nicht sicher, was.

Remus Kopf erschien 15 Meter von der Haustür entfernt, Tonks folgte kurz darauf seinem Beispiel. Die anderen Ordensmitglieder kamen alle zu ihnen, um sie zu treffen. Harry trug weiterhin den Tarnumhang, als er sich der Gruppe vorsichtig näherte. Von weitem konnte er sehen, dass jemand unter ihnen fehlte und stellte schließlich fest, dass Diggel nicht unter ihnen war.

Harry ging langsam auf die Gruppe Ordensmitglieder zu, als er sah, dass anscheinend eine Diskussion zwischen ihnen ausgebrochen war. Remus stritt hitzig mit den zwei Männern, die vor dem Haus positioniert gewesen waren. Harry konnte nicht hören, was gesagt wurde, bis es schließlich aus Remus ausbrach: „Dann soll es eure Verantwortung sein."

Die beiden schauten sich an, bevor sie sich gleichzeitig zum Haus wandten und ihre Zauberstäbe in komplizierten mustern bewegten. Harry konnte die Magie über sich streichen fühlen, als die Schutzzauber aufgelöst wurden.

Keinen Moment später sprang die Haustür auf und Amelia Bones stürmte schimpfend heraus: „Ich möchte sofort wissen, was los ist. Warum habt ihr mich in meinem Haus eingesperrt? Warum ..."

Und dann verstand Harry, warum die beiden unsichtbaren Todesser sich bisher noch nicht gezeigt hatten. Seine Hände waren bereits erhoben, als er sah, wie zwei grüne Lichtblitze von zwei Seiten auf die Frau zuschossen. Ohne bewusst darüber nachzudenken sandte Harry einen Magiestoß zu Amelia und warf sie damit zurück ins Haus. Mit seiner linken Hand warf er einen Explosionszauber zur Quelle von einem der Zauber.

Er sandte gleich einen Schockzauber hinterher, um sicherzustellen, dass der Mann außer Gefecht gesetzt war. Er hörte, wie Remus etwas rief, aber er konnte die Worte nicht verstehen. Als er sah, wie seine ersten Zauber gegen eine unsichtbare Barriere trafen, wandte er seine Aufmerksamkeit dorthin, wo der zweite Todesfluch hergekommen war. Er sah, wie ein roter Zauber den Todesser traf und sah, wie dieser fiel und dadurch der Tarnumhang teilweise von seinem Körper rutschte.

„Scheiße", schrie Harry frustriert auf und zog die Kapuze von seinem Kopf, während er sich den Ordensmitgliedern zuwandte.

Drei Zauberstäbe waren auf ihn gerichtet, bevor Remus sich vor sie stellte. „Er ist ein Freund", sagte Remus.

Die drei warfen ihm zweifelnde Blicke zu, senkten aber gehorsam ihre Zauberstäbe.

„Was zum Teufel habt ihr euch gedacht?", schrie Harry, als er an Remus vorbeitrat und bei dem Schmerz in seiner Brust zusammenzuckte, als er dies tat. „Warum habt ihr die Schutzzauber aufgelöst? Ihr habt nichtmal die Umgebung überprüft."

Die beiden Männer, die die Schutzschilde aufgelöst hatten, tauschten einen Blick aus, bevor einer von ihnen mit ruhiger Stimme antwortete: „Es griffen keine Todesser mehr an. Wir nahmen also an, ..."

„Eure Annahme hat sie beinahe umgebracht!", unterbrach Harry und gestikulierte in Richtung der offenen Tür, wo Amelia Bones ein weiteres Mal im Begriff war, herauszutreten, diesmal jedoch vorsichtiger. „Wie inkompetent seid ihr eigentlich?"

„Ruhig", sagte Remus in einer besonnenen Stimme von seiner Seite. „Sie haben einen Fehler gemacht und wir werden später darüber reden." Er funkelte in ihre Richtung, als er dies mit harter Stimme sagte, bevor er sich wieder zu Harry wandte und mit sanfter Stimme fortfuhr: „Vielen Dank noch einmal für deine Hilfe. Ohne dich wären wir vielleicht alle tot."

Harrys Zorn verflog, als er sich zu Remus wandte. „Gern geschehen", sagte er. Er drehte sich um und schaute nach Anzeichen der besiegten Todesser, aber sie waren alle verschwunden. Er zog den Tarnumhang aus und knüllte ihn in seinen Händen zusammen, als er zu dem Ort lief, wo der letzte Todesser gewesen war, den er außer Gefecht gesetzt hatte. Nach nur wenigen Schritten war er gezwungen, stehenzubleiben, als der Schmerz in seinem Oberkörper sich verstärkte.

„Mach langsam", sagte Remus und näherte sich ihm von hinten. „Wo willst du hin?"

„Sie sind verschwunden", sagte Harry und schaute über seine Schulter zurück zu Remus. „Sie alle." Er drehte sich wieder um und ging langsamer weiter. Wie er vermutet hatte, gab es weit und breit mit der Ausnahme des zerbrochenen Zauberstabes ein paar Meter weiter keine Hinweise auf einen Todesser. „Ich habe sie alle nach Portschlüsseln untersucht. Wie sind sie ...?" Er beendete den Satz nicht und starrte nur auf das niedergedrückte Gras, wo der Todesser gelegen hatte.

„Ich weiß nicht", sagte Remus neben ihm.

„Worüber redet ihr beiden?", fragte Tonks, als sie sich ihnen näherte.

„Die Todesser sind alle verschwunden", erwiderte Remus und drehte sich um, um sie anzuschauen.

Harry drehte sich ebenfalls um und sah ihren enttäuschten Gesichtsausdruck: „Alle?"

Die beiden Männer nickten.

„Verdammt."

„Nun, ich danke euch für den wundervollen Abend", sagte Harry, auch wenn in seiner Stimme der Humor nicht zu hören war, mit dem die Aussage gemeint war. „Aber ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich gehe."

„Warte", sagte Remus. „Was ist mit deinem Oberkörper?"

Harry zuckte bei dem Gedanken zusammen und noch ein zweites Mal, als er sich Ginnys Reaktion vorstellte. „Ich werd wieder", sagte er.

„Unsinn", bestand Remus. „Die Verletzung muss versorgt werden - umso früher, umso besser. Du hast uns allen das Leben gerettet. Das mindeste, was wir tun können, ist, dir zu helfen, dich zu heilen."

So sehr Harry die Hilfe, die sie ihm geben konnten, wollte, bedeutete das auch, mit ihnen zu gehen und möglicherweise auf Dumbledore zu treffen. Er konnte dieses Risiko einfach nicht eingehen. Remus hatte ihm eine Ahnung davon gegeben, was der Fluch sein könnte, von dem er getroffen worden war. Er würde ihn nur nachschlagen und nach Salben suchen müssen, die ihm helfen könnten.

„Danke für das Angebot", sagte Harry ehrlich. „Aber ich fürchte, ich muss ablehnen."

„Entschuldigt", war eine autoritäre Stimme einige Meter entfernt zu hören. Madame Bones schritt zu ihnen. „Auror Tonks, Remus", grüßte sie. "und ...", sie ließ den Satz erwartungsvoll unbeendet stehen.

Harrys Gehirn suchte schnell nach einem Namen, um zu antworten. „Sie können mich Jim nennen." Er hätte sich selbst eine Ohrfeige geben können, dass er einen Namen gewählt hatte, der dem seines Vaters so ähnlich war.

Die Frau zog eine Augenbraue hoch, nickte aber mit ihrem Kopf, um ihre Akzeptanz zu zeigen. „Nun gut. Mir wurde gesagt, dass ich dir für mein gerettetes Leben zu danken habe. Also: Dankeschön."

Harry nickte, als er antwortete: „Gern geschehen."

„Nun, mir wurde gesagt, dass du das Seniormitglied deiner Gruppe bist", fuhr sie an Remus gewandt fort. „Und ich glaube, ich verdiene eine Erklärung."

„Ja, das tust du", stimmte Remus zu.

„Nun, das ist mein Zeichen, zu gehen", sagte Harry. An Remus und Tonks gewandt fuhr er fort: „Ich nehme an, wir werden uns irgendwann wiedersehen." Er drehte sich um und nickte grüßend: „Madame Bones."

Damit apparierte Harry zu seinem üblichen Platz außerhalb Hogwarts und kehrte widerwillig zum Schloss zurück. Ginny würde ihn bei lebendigem Leib das Fell abziehen, sobald sie seinen Oberkörper zu sehen bekam.

OoOoOoOoOoOoOoO

Nach dem langen und anstrengenden Abend war Remus erschöpft. Er hatte herausgefunden, dass der verletzte Diggel seinen Notfallportschlüssel benutzt hatte, um dem Kampf zu entkommen, aber kurz nach seiner Ankunft verstorben war. Der Verlust traf ihn hart, auch wenn er wusste, dass sie Glück gehabt hatten, nur ein Opfer beklagen zu müssen. Er saß mit Tonks an seiner Seite am Küchentisch im Grimmauldplatznr. 12. Seine linke Hand war mit ihrer rechten Hand verschränkt und lag auf ihrem Knie. Sie hörten zu, wie Snape seinen Bericht beendete und behauptete, dass nur die fünf Mitglieder des Inneren Zirkels für den Angriff erwähnt worden waren. Er hatte nicht gewusst, dass sie noch andere mitnehmen würden.

Nachdem Snape sich gesetzt hatte, schaute Dumbledore den Tisch hinunter und bat Remus um dessen Bericht. Zu müde um aufzustehen entschied er, sitzen zu bleiben, während er sprach. Er erzählte von den Ereignissen des Abends und begann mit ihrer Ankunft. Sie hatten die Schutzzauber um Amelias Heim gelegt und sie damit ein- und alle anderen ausgesperrt. Sie hatten kaum Zeit gehabt, die Schutzzauber zu beenden und ihre Positionen um das Haus herum zu beziehen, als die Todesser schon auftauchten. Sie waren vollständig umzingelt und nicht in der Lage gewesen, irgendwelche Fortschritte gegen die höhere Zahl und bessere Position ihrer Feinde zu machen.

Nachdem der Kampf bereits mehrere Minuten angehalten hatte, hatte er gesehen, wie zwei der Todesser, die ihn angriffen, von hinten getroffen wurden. Er hatte nicht viel sehen können, aber er hatte gewusst, dass der Kampf gleich hinter dem Hügel stattfand. Ein paar Todesser hatten ihn auf seiner Position festgehalten und ihn so davon abgehalten, nachzuschauen oder zu helfen. Er erzählte, wie der Tarnumhang in seinem Schoß gelandet war und wie er gegangen war, um ihrem geheimnisvollen Verbündeten zu helfen.

Er kam dann zu den restlichen Geschehnissen des Abends, auch das Rätsel der Portschlüssel, und wie einige übereilte Entscheidungen beinahe Amelia ihr Leben gekostet hatten. Als er seinen Bericht beendete, ließ er sich in seinem Stuhl zurückfalllen und schloss die Augen. Tonks drückte mitfühlend seine Hand. Er drehte seinen Kopf, öffnete seine Augen und sah, wie sie ihn besorgt musterte. Er lächelte sie müde an.

„Du sagst, er war allein?", fragte Dumbledore ihn.

Remus wandte seine Aufmerksamkeit seinem ehemaligen Schulleiter zu: „Ja."

„Gab es irgendwelche Hinweise, dass er jemanden in der Nähe dabei hatte?"

Remus dachte eine Minute darüber nach, bevor er den Kopf schüttelte. „Nein, ich glaube nicht ... außer ..." Er ließ den Satz unbeendet, als ihm ein Gedanke kam.

„Ja?", fragte Dumbledore eifrig nach.

„Nun, es schien, als hätte er es sehr eilig, zu gehen, nachdem der Kampf vorbei war und hat mehrmals mein Angebot abgelehnt, zu helfen, die Verbrennung auf seiner Brust zu behandeln. Er schien sich über etwas Sorgen zu machen. Ich schätze, es wäre möglich, dass er anfangs einen Freund dabei hatte. Ich glaube, er war von den unsichtbaren Todessern überrascht. Der Freund könnte früh verletzt worden sein, was erklären würde, warum er es so eilig hatte, zu gehen."

Dumbledore stützte seine Ellbogen auf den Tisch und hatte seine Fingerspitzen unter seinem Kinn zusammengelegt, als er über die Situation nachdachte. „Das ist einleuchtend", sagte er schließlich. „Haben wir irgendwelche Fortschritte damit gemacht, ihre Identität herauszufinden?", fragte er an Minerva gewandt.

„Nein", sagte sie und schüttelte den Kopf. „Wir haben keine Aufzeichnungen über jemanden im Alter zwischen 17 bis 30 gefunden, der zu der Beschreibung passt."

Dumbledore nickte langsam mit seinem Kopf. „Lass uns noch einmal durchgehen, was wir über sie wissen. Minerva, wenn du so freundlich wärst."

Remus' frühere Hausleiterin nickte und stand auf, um die Informationen mitzuteilen. Sie begann mit einer körperlichen Beschreibung des jungen Mannes, den sie gesehen hatte. Sie bat diejenigen um Zustimmung, die ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten und sie stimmten alle zu. Sie nickte akzeptierend ihren Kopf, bevor sie fortfuhr: „Wir glauben, dass es wahrscheinlich ist, dass er mit jemannd anderen zusammenarbeitet, auch wenn wir noch keinen Beweis dafür haben. Es besteht auch die Möglichkeit, dass wir es mit identischen Zwillingen zu tun haben."

Ein Keuchen war mehrere Sitze weiter unten am Tisch zu hören und Remus sah, wie Mrs. Weasley eine Hand über ihren Mund geschlagen hatte.

„Ich glaube, dass es unwahrscheinlich ist, dass es die Herren Fred und George sind", sagte Dumbledore ihr beruhigend. „Ihr Verhalten ist ganz anders, und wenn sie tatsächlich maskiert handeln würden, wäre es unwahrscheinlich, dass sie dies als identische Zwillinge tun."

„Ich stimme zu", ließ Remus verlauten. „Ich habe deine Jungs nur ein Jahr lang unterrichtet, aber der Mann, den ich heute traf, war viel zu ernst, um Fred oder George zu sein. Und außerdem hatte er einen völlig falschen Körperbau."

Sie schien zumindest für den Moment beruhigt zu sein und so fuhr Minerva fort: „Wir glauben, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es derselbe junge Mann ist, der uns beim Angriff auf Hogsmeade geholfen hat und im Sommer für Miss Weasleys Rettung in der Winkelgasse verantwortlich war. Die Beschreibungen passen mit Ausnahme von seinem Haar, welches Miss Weasley als die gleiche Farbe, aber als viel länger beschrieb. Angenommen, dass er ein und derselbe ist, ist er ein Animagus mit der Gestalt eines schwarzen Panthers."

Remus fühlte, wie sein Herz einen Moment lang stehenblieb. Ein schwarzer Panther? Warum musste es ein schwarzer Panther sein? Konnte es ein Zufall sein? Er ging im Kopf noch einmal seinen Austausch mit dem jungen Mann von früher am Abend durch und suchte nach irgendeinem Hinweis - irgendetwas, das auf Harry hinwies.

Sie waren von ähnlicher Größe und Gestalt. Die größten Unterschiede waren das Haar, die Augen und die fehlende Narbe, aber mit geeigneten Kosmetikzaubern war es eindeutig möglich. Er hatte sich nicht wie Harry verhalten. Der Harry, den er kannte, war ruhig, zurückhaltend und respektvoll. Der junge Mann war energisch, beinahe unverschämt gewesen. Er hatte Befehle gegeben und erwartet, dass sie befolgt wurden und hatte die Ordensmitglieder für ihren beinahe fatalen Fehler gescholten.

Aber die Panther-Animagusgestalt konnte nicht ignoriert werden. Es gab nicht viele bekannte Animagi im Land. Die Chance, dass zwei Menschen mit identischen Gestalten so nahe beieinander waren, war sehr klein. Es war sogar mehr als unwahrscheinlich. Aber Harry war noch immer minderjährig und der junge Mann, den er heute getroffen hatte, hatte viel Magie verwendet. Außer, Harry hatte es geschafft, sich einen neuen Zauberstab zu beschaffen ...

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als eine Hand die seine drückte. Er drehte seinen Kopf und sah Tonks, die ihn mit besorgter Neugierde betrachtete. Er schüttelte den Kopf, um Fragen abzuhalten. Er musste ausführlich darüber nachdenken. Es stand viel auf dem Spiel: Harrys Vertrauen in ihn zusammen mit seiner Sorge um Harrys Sicherheit waren am Wichtigsten.

Seine Gedanken wanderten zu dem Traum, den er vor genau einer Woche gehabt hatte. Er war merkwürdig realistisch gewesen und war auch nach dem Aufwachen noch deutlich in seinem Kopf verankert. Es passierte nicht jede Nacht, das man im Traum von seinem verstorbenen besten Freund besucht wurde, aber was Remus wirklich traf, war, was Sirius ihm gesagt hatte.

„Hallo Moony", grüßte ihn eine ihm vertraute Stimme.

„Tatze?", fragte Remus ungläubig. „Bist du das?"

Sirius verwandelte sich innerhalb weniger Sekunden in seine Animagusgestalt und zurück. „Was glaubst du?", fragte er, als würde er mit einem besonders dämlichen Kind reden.

Statt zu antworten trat Remus zu ihm, um seinen Freund zu umarmen.

„Es ist schön, dich zu sehen, Remus", sagte Sirius, als er die Umarmung erwiderte. Er löste die Umarmung wenig später und strich über seine Roben, als wären sie voller Falten. „Ich wollte dich eher besuchen, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden."

„Was meinst du?", fragte Remus.

„Das ist eine lange Geschichte", erwiderte Sirius. „Es reicht, wenn ich sage, dass ich seit meinem Tod letzten Juni mit dieser Welt verbunden bin. Unglücklicherweise ist meine Zeit hier nun vorbei."

„Ich verstehe nicht", protestierte Remus verwirrt.

„Es ist okay. Es ist nicht wichtig", erwiderte Sirius und wischte Remus' Sorgen beiseite. „Ich bin gekommmen, um über Harry zu reden."

„Harry?", fragte Remus verwirrt.

„Ja, Harry", antwortete Sirius und verdrehte die Augen. „Du weißt schon: Schwarzes Haar, grüne Augen, hat eine Brille getragen."

„Ich weiß, wer Harry ist", sagte er. „Ich verstehe nur nicht, was du meinst."

„Das ist so, weil ich noch nicht erklärt habe, was ich meine", sagte Sirius langsam und betonte dabei jede Silbe außerordentlich deutlich.

Remus blieb stumm und schaute ihn erwartungsvoll an.

„Besser", sagte Sirius. „Ich kann dir nicht viel sagen, sonst würde Harry mich dafür hassen", meinte er. „Harry trainiert seit Juni. Er trainiert sehr hart, Remus. Er ist unglaublich. Ich habe noch nie gesehen, wie jemand so viel in einer solch kurzen Zeitspanne erreicht hat. Seine Tatkraft und seine Entschlossenheit sind unglaublich und bei Merlin, er ist mächtig.

Wenn die Zeit kommt, musst du ihm Vertrauen, Remus", fuhr Sirius fort. „Ich weiß, er ist noch immer jung, aber lass seine Jugend nicht deine Sicht trüben, so wie es Dumbledore und so viele andere getan haben. Er wird Teil dieses Krieges sein, ob du es magst oder nicht, und zu versuchen, ihn davor zu bewahren, wird nur dazu führen, dass du dich von seinem Leben entfernst. Du darfst das nicht geschehen lassen. Vertraue ihm, Remus ..."

Er schüttelte seinen Kopf, um die Erinnerung abzuschütteln. Konnte das wahr sein? Konnte es Harry sein?

Ende Kapitel