Kapitel 19.1: Verrate mir deine Geheimnisse
Als Ron Harry am nächsten Morgen wieder fragte, wann er seinen neuen Besen ausprobieren würde, war Harry über die Aussicht so begeistert, dass er schnell zustimmte, den Besen nach VgdDK an diesem Nachmittag auszutesten. Das Glück war mit ihnen, denn Ginny würde um diese Uhrzeit ebenfalls mit dem Unterricht fertig sein und sich ihnen mit ihrem neuen Besen anschließen.
Als es an der Zeit war, konnte Harry seine Aufregung kaum noch zurückhalten. Er hatte sich die ganze Woche lang nicht auf das Fliegen und Quidditch freuen können, aber nun konnte er es so, wie er es immer getan hatte, genießen. Als Ginny sie im Gemeinschaftsraum traf, sagte sie ihnen, dass Luna ihnen Gesellschaft leisten würde. Harry hatte nicht gewusst, dass Luna es mochte zu fliegen, aber er erkannte dann, dass es wahrscheinlich viel gab, das er von Luna nicht wusste. Da sie in verschiedenen Jahrgängen und Häusern waren, sah er sie kaum.
Sobald er, Ron, Ginny und Neville alle im Gemeinschaftsraum versammelt waren, wandte Harry sich zu Hermine: „Bist du dir sicher, dass du nicht mitkommen möchtest?", fragte er sie ein letztes Mal. Sie war bereits an einem nahegelegenen Tisch in ihre Unterlagen vertieft und nahm sich die Zeit, den Satz zu beenden, den sie schrieb, bevor sie ihren Federkiel niederlegte und hochschaute.
„Ja, es ist zu kalt, um draußen zu lesen", erwiderte Hermine.
„Du könntest uns auch in der Luft Gesellschaft leisten", meinte Ginny.
Hermine schaute von ihren Büchern hoch und sagte: „Ich weiß, ich mag Fliegen nur einfach nicht. Danke aber für das Angebot."
Harry konnte Ron leise: „Total durchgeknallt", flüstern hören. Aber er war der Meinung, dass es das Beste sei, die Aussage zu ignorieren.
„Wie du möchtest", sagte Neville. „Aber wenn du deine Meinung änderst, weißt du, wo du uns findest."
Ihre einzige Antwort darauf war ein Lächeln. Die vier gingen los und trafen Luna in der Eingangshalle. Harry war überrascht zu sehen, dass Luna einen eigenen Besen mitgebracht hatte. Das bedeutete, dass keiner von ihnen einen Schulbesen verwenden musste, da Ginny Neville ihren alten Besen geliehen hatte.
Es war ziemlich frisch fürs Fliegen, aber Harry konnte nichts egaler sein. Die Tatsache, dass er problemlos Wärmezauber anwenden konnte, unterstützte seine Gleichgültigkeit sicherlich. Er verlor keine Zeit und sprang sobald sie das Spielfeld erreicht hatten auf seinen Besen. Er schnellte in die Höhe und stieß dabei einen Freudenschrei aus. Es war viel zu viel Zeit vergangen, seitdem er das getan hatte- aus reinem Vergnügen zu Fliegen.
Er flog um das Feld herum, machte scharfe Wendungen, beschleunigte schnell und probierte die Grenzen des Besens aus. Wie es ihm versprochen worden war, konnte er die Verbesserungen in der Manövrierfähigkeit und Beschleunigung im Vergleich zum Feuerblitz spüren. Er lehnte sich nach vorne, presste seinen Oberkörper an den Stiel und trieb den Besen an seine Grenzen. Er achtete auf die Luftströmungen um ihn herum und benutzte sie zu seinem Vorteil, als er versuchte, den Besen so schnell werden zu lassen wie es ging.
Es war schon einige Zeit her, seitdem er auf seinem Feuerblitz geflogen war, aber er glaubte nicht, dass es einen großen Unterschied in ihrer Höchstgeschwindigkeit gab. Der neue Nimbus mochte ein wenig schneller sein, aber nicht sehr viel. Harry schenkte dem Gedanken nicht viel Aufmerksamkeit, da er einfach nur begeistert war, wieder in der Luft zu sein. Er sah, dass die anderen sich nun ebenfalls in die Luft erhoben hatten und so flog er zu ihnen. Ron hielt einen Quaffel und warf ihn von einer Hand zur anderen. Als Harry sich ihnen näherte, warf Ron den Ball zu ihm. Harry beschleunigte und fing den Quaffel geschickt auf, um ihn sofort an Ginny weiterzuwerfen.
Sie fing den Ball auf und passte ihn zu Neville. Sie zielte gut und Neville musste sich nicht bewegen, um den Ball zu fangen. Neville hatte sich seit ihrer ersten Flugstunde sehr verbessert, aber er war noch immer kein Naturtalent in der Luft. Er hatte Probleme, den Besen nur mit einer Hand unter Kontrolle zu halten, und ihn dazu zu bringen, den Stiel mit beiden Händen loszulassen, konnte nur Probleme bringen.
Überraschenderweise hatte Luna kaum Probleme, ihren Besen unter Kontrolle zu halten, während sie mit dem Quaffel hantierte. Sie war nicht so geschickt wie die Quidditchspieler, aber Harry war positiv überrascht zu sehen, dass sie sich behauptete. Ihre Pässe dagegen waren nicht immer akkurat, aber Harry merkte, dass er es genoss dem Ball hinterherjagen zu müssen. Außerdem waren seine eigenen Pässe auch nicht immer zielgenau. Neville war der einzige, dem die ungenauen Würfe etwas auszumachen schienen, auch wenn er kein Wort sagte.
Sie warfen den Quaffel eine Weile hin und her, bevor Harry noch einmal eine Runde um das Spielfeld flog und ein paar Sturzflüge hinlegte. Er ließ Ron als nächstes den Besen ausprobieren und spielte währenddessen mit den anderen Fangen. Als jeder seiner Freunde einmal auf dem neuen Besen geflogen war, benutzte Harry ihn wieder. Als der Nachmittag zur Neige ging, verbrachten sie noch ein wenig Zeit in der Luft, bevor sie schließlich hineingingen, um sich vor dem Abendessen noch ein wenig frisch zu machen.
Später am Abend saß Harry lesend im Gemeinschaftsraum, als Hermine sich ihm näherte und ihn fragte, ob er einen Moment Zeit hatte, um zu reden. Als Harry zustimmend antwortete, fragte sie ihn, ob sie einen Spaziergang machen könnten. Sie verhielt sich ein wenig merkwürdig und so stimmte Harry neugierig geworden zu. Er packte schnell seine Sachen zusammen und brachte sie hoch in sein Zimmer. Nachdem Harry die Treppen wieder hinunterkam, begleitete er Hermine hinaus durch das Porträtloch. Er hatte keine bestimmte Richtung im Kopf. Daher ließ er Hermine das Tempo und die Richtung ihres Ausfluges bestimmen.
Nach einer Minute der Stille gewann schließlich Harrys Neugier und er fragte: „Über was wolltest du mit mir reden?"
Hermine schaute kurz zu ihm herüber, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf den Boden vor sich richtete. Sie schien nervös und unsicher zu sein und Harry fragte sich, was mit ihr los war. Er blieb stumm, während sie zu überdenken schien, wie sie das Thema ansprechen sollte - was auch immer das Thema war.
Nach einer weiteren Minute blieb sie stehen und wandte sich ihm zu. Sie zögerte einen Augenblick und schaute ihm in die Augen, bevor ein entschlossener Ausdruck auf ihrem Gesicht zu sehen war und sie fragte: „Hast du alles so gemeint, was du am zweiten Weihnachtsfeiertag zu mir gesagt hast?" Harry durchforstete sein Gehirn, um herauszubekommen, wovon sie redete. Sie musste seine Verwirrung bemerkt haben, denn sie fügte hinzu: „Über Ron."
„Oh", sagte Harry überrascht. Er hatte nicht erwartet, dass sie das noch einmal ansprechen würde. „Ähm - ja, ich habe es so gemeint, was ich gesagt habe", meinte er.
„Du denkst also, ich bin Ron gegenüber unfair", hakte sie nach.
„Wenn es dir hilft: Ich denke, dass Ron sich auch unvernünftig verhält", sagte Harry mit einem schiefen Lächeln.
Ihre Mundwinkel zuckten und bildeten ein Lächeln: „Vielleicht ein klein wenig."
Harry lachte leise über ihr Geständnis. Es dauerte jedoch nicht lange an und es herrschte wieder Stille zwischen ihnen. „Um was geht es also wirklich?", fragte Harry schließlich.
Hermine holte tief Luft und lief dann weiter. Harry passte sich ihrem Tempo an und sie begann zu reden. „Ich habe viel über das, was du über Ron und alles gesagt hast, nachgedacht. Ich mag Ron", gab sie zu. „Ich kann nicht sagen, warum ich ihn mag, aber ich tue es." Sie war kurz still, bevor sie fortfuhr: „Ich glaube, ich möchte der Sache zwischen uns eine Chance geben."
Harry fühlte, wie seine Mundwinkel zuckten: „Du glaubst?" Als sie sich drehte, um ihn anzuschauen, zog er eine Augenbraue hoch und fügte hinzu: „Ich werde dich unterstützen, egal welchen Weg du wählst. Stell nur sicher, dass es das ist, was du möchtest."
Sie nickte: „Ich möchte es. Ich mache mir nur Sorgen, was passieren wird, wenn es funktioniert. Und was passieren wird, wenn es nicht funktioniert."
Harry lachte fast über die Ironie der Situation - Er, Remus und nun auch Hermine teilten alle ähnliche Gedanken, sich fürchtend, eine neue Beziehung zu beginnen. Also gab er ihr denselben Ratschlag, den er Remus gegeben hatte, denselben Ratschlag, den er von Remus und Sirius bekommen hatte. „Wenn du deine Sorgen und Ängste deine Entscheidung bestimmen lässt, wirst du dich vielleicht den Rest deines Lebens fragen, was hätte sein können. Wenn du es wirklich willst, dann tu es."
„Du denkst, ich sollte?", fragte sie ihn unsicher.
„Wenn das einzige, das dich zurückhält, deine Sorge ist, was passiert, wenn eure Beziehung nicht funktioniert, dann ja. Ich denke, du solltest", erwiderte Harry. „Wenn es nicht funktioniert, kannst du dir dann noch immer Gedanken darüber machen."
Sie blieb wieder stehen und schwieg kurz, bevor sie sich ihm zuwandte und sagte: „Danke, Harry." Sie hielt kurz inne und fragte dann voller Wärme: „Wann bist du so gut darin geworden?"
„Remus hat auch einen kleinen Schubs gebraucht", erwiderte Harry mit einem Grinsen.
„Professor Lupin?", fragte sie nach. „Wer?"
Harrys Lächeln wurde breiter: „Tonks."
„Tonks", fragte sie überrascht. „Die beiden scheinen eine merkwürdige Kombination zu sein."
„Vergiss nicht, dass er ein Rumtreiber war", meinte Harry. „Ich denke, wir werden mehr von seiner spitzbübischen Seite sehen, jetzt, wo sie Einfluss auf ihn hat."
„Oh weh", grummelte sie, doch sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
Harry gluckste und ohne darüber zu reden gingen sie beide einvernehmlich zurück zum Gemeinschaftsraum.
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Harry wachte früh am Dienstagmorgen auf, weil seine Narbe schmerzhaft pulsierte. Er hatte gerade zusehen müssen, wie Todesser ein Muggeldorf überfielen. Es war ein brutaler Abend gewesen, mit Schmerz, Folter und Morden gefüllt. Die Muggel waren wehrlos und verängstigt gewesen, was den Genuss der Todesser nur noch steigerte.
Voldemort war da gewesen und hatte Harry damit einen direkten Blick auf die Geschehnisse gegeben. Es war eine furchtbare Erfahrung für Harry gewesen, aber er hatte an diesem Abend etwas ziemlich wichtiges gelernt. Voldemort kontrollierte ihre Verbindung nicht halb so sehr wie er vermutete. Harry war gute zehn bis fünfzehn Minuten in Voldemorts Kopf gewesen, bevor er bemerkt wurde und selbst dann, vermutete Harry, war er nur wegen seiner Reaktion auf die Geschehnisse entdeckt worden. Er konnte sich nicht sicher sein, aber Harry glaubte nun, dass er Voldemorts Aufmerksamkeit vollständig entgehen könnte, wenn er seine emotionalen Reaktionen zu kontrollieren lernen würde.
Da Harry praktisch keine Kontrolle über die Verbindung hatte, konnte er dieses Wissen nicht dazu verwenden, Voldemort auszuspionieren, aber es könnte sich als nützlich erweisen, wenn er wieder in einer Vision gefangen war. Wenn Voldemort nichts von seiner Anwesenheit wusste, könnte er vielleicht Informationen preisgeben, die Harry helfen könnten, zukünftige Angriffe zu verhindern.
Im Moment war diese Information nur ein kleiner Trost dafür, dass er die Vision durchleben musste, aber er klammerte sich an diesen kleinen Lichtblick in der Dunkelheit, die ihn umgab. Er fürchtete sich vor der Erfahrung, wollte es aber nicht vor sich herschieben und so zog Harry sich in seine Gedanken zurück, um die Erinnerungen an die Vision an die angemessenen Orte zu verschieben.
Kurze Zeit später, auch wenn es sich für Harry viel länger angefühlt hatte, hatte er seine Aufgabe beendet. Er wägte seine Optionen ab und zog sich schließlich für sein morgendliches Workout an, bevor er hinunter in den Gemeinschaftsraum ging, um zu lesen; auf diese Weise war er vorbereitet, sobald Ginny erschien. Mehrere Minuten später hatte Harry sich auf einen der gemütlichen Sessel zusammengerollt und vertiefte sich in sein aktuellstes Studienthema: Heilzauber.
Seit er von seinem letzten Kampf mit der Verbrennung zurückgekommen war, hatte Harry seine Studien auf die Heilkunde fokussiert. Er wusste jetzt, dass er wenig hätte tun können, um diese besondere Verletzung zu heilen, aber die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass ein breitgefächertes Wissen über verschiedene Heilmethoden sich als unverzichtbar für ihn herausstellen könnte.
Es war noch immer ziemlich früh am Morgen - lange bevor die Sonne am Horizont aufgehen würde. Es war wenig überraschend, dass, als Harry den Text durchlas, seine Augenlider immer schwerer wurden und sein Kopf immer wieder nach unten sackte, als er wegdämmerte und dann gleich wieder aufwachte. Die Erschöpfung übermannte ihn schließlich und er glitt hinüber in das Land der Träume.
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Ginny ging zum Gemeinschaftsraum hinunter, nachdem sie ihre Trainingskleidung angezogen hatte. Als sie die Treppe hinunterlief, band sie ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Sobald sie den Raum betrat, wusste sie, dass etwas nicht stimmte. Harry glänzte durch seine Abwesenheit. Es war ungewöhnlich, dass sie eher als er im Gemeinschaftsraum war. Sie konnte fühlen, dass jemand anderes anwesend war. Sie konnte die Person nicht sehen, aber sie konnte Bewegungen hören. Sie hoffte, dass sie nicht dabei war, einen privaten Moment zu stören, von dem sie nicht den geringsten Wunsch verspürte, ihn zu unterbrechen.
Sie betrat zögernd den Raum und ging in Richtung des Geräusches. Der Sessel, von dem das Geräusch herrührte, war von ihr abgewendet. Erst als sie an ihn herantrat, konnte sie die Geräuschquelle identifizieren: Harry. Er warf sich im Sessel hin und her, stöhnte und ächzte gelegentlich.
„Harry", sagte sie leise in der Hoffnung, ihn aufzuwecken, ohne ihn zu erschrecken. Er reagierte nicht. Sie versuchte es noch einmal, dieses Mal etwas lauter, aber noch immer ohne Erfolg. Sie versuchte es ein weiteres Mal, aber dieses Mal streckte sie ihren Arm aus, um ihn am Arm zu schütteln. In dem Moment, als sie seinen Arm berührte, reagierte Harry sofort. Seine linke Hand packte sie an ihrem Handgelenk und zog sie ruppig zum Sessel, während er davon wegsprang. Sie wurde herumgedreht, so dass sie ihn anschaute, als sie praktisch ihre Plätze tauschten und sie sah, wie Harry seinen rechten Arm in ihre Richtung streckte. Ihre Augen wurden groß und sie schaute zu Harry hoch.
Seine Hand stoppte abrupt kurz vor ihrem Gesicht und in Harrys Augen konnte man das Wiedererkennen sehen. Ein konzentrierter Blick erschien kurz auf seinem Gesicht und sie sah, wie einen Moment lang ein Licht seine Hand umgab, bevor es langsam immer weniger hell leuchtete und scheinbar in seine Haut zurückkehrte. Das einzige Geräusch im Zimmer war ihr lautes Atmen, als beide mit dem Adrenalin kämpften.
Nach einer kurzen Stille fragte sie: „Was ist gerade passiert?"
„Entschuldige", murmelte Harry, sein Blick nach unten gerichtet.
Ihre Gedanken überschlugen sich förmlich, als sie versuchte, die Geschehnisse zu verstehen. Er musste einen Albtraum oder eine Vision gehabt haben, so viel war offensichtlich. Als sie ihn wachgerüttelt hatte, war er in die Offensive gegangen, als würde er sie angreifen wollen. Wenn sie sich nicht irrte, war er gefährlich nahe daran gewesen, sie zu verhexen. Beinahe gegen ihren Willen fragte sie: „Was für ein Zauber war das?"
Harry murmelte etwas, aber sie konnte es nicht verstehen.
„Harry", sagte sie ein wenig ungeduldig. Mit einem Seufzen schaute er schließlich hoch, um ihren Blick zu erwidern. „Was für ein Zauber war es?"
„Ich weiß es nicht", rief er aus. Er fuhr sich mit seiner Hand durchs Haar, offensichtlich frustriert und aufgeregt. „Als ich erkannte, was passierte, habe ich mich nur darauf konzentriert, es aufzuhalten. Ich habe keine Ahnung, was es war."
Sie kämpfte mit diesem Wissen, oder eher dem fehlenden Wissen. Wenn er sie als eine Bedrohung wahrgenommen hatte, war es naheliegend, dass der Zauber dazu gedacht war, sie außer Gefecht zu setzen, wenn nicht sogar sie tatsächlich zu verletzen. Das nächste Mal würde sie vorsichtiger sein müssen, wenn sie sich ihm näherte. Sie richtete ihren Blick auf Harry und bemerkte das erste Mal den leeren Ausdruck in seinen Augen.
„War es eine Vision?" fragte sie sanft.
„Nein", antwortete er und richtete seinen Blick dann auf ihr Gesicht. „Nun, ich hatte vorher eine. Das ... Das war nur ein böser Traum."
„Nur ein böser Traum?" fragte sie. Als er nur mit den Schultern zuckte, verengten sich ihre Augen kurz zu Schlitzen und sie machte sich bereit, das Wort zu ergreifen.
„Hör zu", unterbrach Harry, bevor sie die Chance hatte, etwas zu sagen. „Ich versuche nicht, dich auszuschließen; ich möchte nur lieber nicht weiter darüber nachdenken. Es war nur Voldemort, der tat, was er tut. Wenn wir jedesmal darüber reden würden, wenn ich einen bösen Traum oder eine Vision hätte, würden wir nie über etwas anderes reden."
Sie fühlte, wie ihre Gesichtszüge weicher wurden. Sie legte ihre Hand an seine Wange und er legte seine über ihre, während er sich in ihre Berührung lehnte. „Du weißt, dass ich immer da bin, wenn du jemanden zum reden brauchst oder nur jemanden, der für dich da ist."
Er lächelte sie etwas zittrig an und es wärmte ihr Herz: „Danke."
Sie streckte sich und gab ihm einen Kuss auf den Mundwinkel: „Immer", flüsterte sie.
Ohne dass sie ein weiteres Wort verloren, verschränkte sie ihre Finger mit seinen und sie gingen hinaus für ihren morgendlichen Lauf.
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Das morgendliche Training half Harry, sich körperlich und geistig zu entspannen. Seine Brust hatte nur kurz seinen Körper behindert, aber es fühlte sich wunderbar an, sich wieder frei bewegen zu können. Es war merkwürdig gewesen, kein morgendliches Training zu haben. Er war sich nicht bewusst gewesen, wie sehr er sich an seinen morgendlichen Lauf und das Workout gewöhnt hatte. Seine Tage fühlten sich ohne sie nicht richtig an.
Und so, während er in seiner raschen Geschwindigkeit um den See joggte, fühlte Harry, wie sein Unwohlsein verschwand. Es wurde langsam anstrengend, aber darin lag auch eine Art Trost. Es war zu diesem Zeitpunkt für ihn normal und es fühlte sich gut an, wieder an seine Grenzen zu gehen, um sich zu verbessern.
Als er die Dusche im Raum der Wünsche verließ, fühlte er sich rundum erfrischt und bereit, den Tag in Angriff zu nehmen. Ginny benötigte nur ein paar Minuten länger als er und er begrüßte sie mit einem Lächeln und einem Kuss. Es machte ihm noch immer unsagbar große Freude, Ginny immer küssen zu können, wenn er Lust darauf hatte und das strahlende Lächeln, dass sie danach immer auf dem Gesicht hatte, machte es in seinen Augen nur noch besser.
Das Frühstück war eine lebhafte Angelegenheit, als Neville, Ron und Hermine Harry und Ginny Gesellschaft leisteten. Die Sechstklässler hatten gleich nach dem Essen einen Test in Verteidigung. Statt sich über die kommende Prüfung Sorgen zu machen oder - in Hermines Fall - sich in einem Schulbuch zu vergraben, um noch ein wenig zu lernen, redeten sie über die Themen, die abgefragt werden würden. Selbst Ginny nahm an der Diskussion teil. Harry hatte viele der Themen in seinem HA-unterricht bereits durchgenommen. Daher hatte sie keine Probleme, mitzuhalten.
Und tatsächlich entpuppte sich der Test als ziemlich einfach für Harry und seine Freunde und sie benötigten nicht die gesamte Schulstunde, um ihn vollständig zu bearbeiten. Es wurde ihnen erlaubt zu gehen, sobald sie fertig waren und das gab ihnen ein wenig zusätzliche Zeit vor der nächsten Schulstunde. Für Ron und Neville erwies sich das als günstig, weil sie als nächstes eine Freistunde hatten. Für Harry und Hermine jedoch war es nicht genug Zeit, um hoch zum Gryffindorturm zu gehen und es noch immer rechtzeitig zu Zaubertränke im Kerker zu schaffen.
Harry ließ Hermine die Unterhaltung lenken, als sie gemächlich in Richtung der Kerker gingen. Sie wollte nach einer Klausur immer die Antworten besprechen. Normalerweise würden er und insbesondere Ron dagegen sein. Wenn der Test vorbei war, wollten sie sich entspannen und ihn aus ihren Gedanken verbannen. Dieses Mal jedoch fühlte Harry nicht die übliche Anspannung wegen seiner Leistung und so machte es ihm nichts aus, seine Antworten mit ihr zu besprechen.
Sie verbrachten so die Zeit, bis der Zaubertrankunterricht begann. Snape war sein übliches furchtbares Selbst. Nach der Konfrontation mit Dumbledore am Anfang des Semesters hatte Harry gehofft, dass der Mann seine Feindseligkeit runterschrauben würde. Leider schien Höflichkeit außerhalb Snapes' Verständnis zu sein. Er versuchte nicht noch einmal seinen Zauberstab zu zücken, aber er war genauso feindselig wie eh und je.
Harry ignorierte den Mann und tat sein bestes, ein Auge auf ihn und die Slytherins zu haben, um zu verhindern, dass sie sich an seinem Zaubertrank zu schaffen machten. Der Unterricht ging schließlich zu Ende und Harry trennte sich von Hermine, die sich auf den Weg zu Alte Runen machte. Er selbst traf sich mit Ginny in seinem Büro.
Als er darüber nachdachte, dass er gleich mit Ginny alleine in seinem Büro sein würde, bedauerte er, dass ihr Treffen einen Grund hatte, aber er wusste, dass ihre Okklumentikstunden wichtiger waren als die anderen Aktivitäten, die er im Kopf hatte. Er begrüßte sie mit einem Kuss und sie begannen kurz darauf.
Sie hatten seit ihrem ersten Unterricht ein paar weitere Stunden gehabt, welche zugegebenermaßen wenig Okklumentikfokussiert geendet hatten. Ginny hatte sich nach den ersten Unterrichtsstunden als ziemlich fähig erwiesen. Es war zwischen den beiden ein ständiger Willenskampf, als Harry seine Legilimentik verbesserte, während Ginny Fortschritte in Okklumentik machte. Harry hatte es noch einige Male geschafft, in Ginnys Gedanken einzudringen, aber niemals so einfach wie beim ersten Mal. Wenn er eindrang, bemerkte Harry, dass Ginny eine viel bessere Kontrolle darüber hatte, ihre wichtigen Erinnerungen für sich zu behalten und er erlangte bald die Kontrolle, selber zu gehen, ohne etwas zu sehen, dass er nicht sehen wollte.
An diesem Tag erzielten sie ähnliche Ergebnisse. Harry konnte zweimal in Ginnys Gedanken einbrechen, aber sah keine weitere von Ginnys Erinnerungen. Außer diese beiden Male konnte Ginny alle seine anderen Angriffe abwehren. Sie verließen sein Büro, um zur Großen Halle fürs Mittagessen zu gehen, beide zufrieden mit den Fortschritten, die sie gemacht hatten. Sie beschlossen während dieser Mahlzeit getrennt voneinander bei ihren jeweiligen Klassenkameraden zu sitzen und betraten zeitversetzt die Große Halle. Sie verbrachten so viel Zeit miteinander, dass es Aufmerksamkeit erregen musste, wenn sie nicht vorsichtig sein würden.
Während er es nicht eilig hatte, es der Schule zu verkünden, machte Harry sich nicht sonderlich Sorgen darüber, dass Neuigkeiten über ihre Beziehung herauskommen könnten. Es waren ihre anderen Aktivitäten, die geheim bleiben mussten. Er würde sein bestes tun, Fragen zu vermeiden, die darauf abzielten, zu erfahren, wo sie waren oder was sie taten. Außerdem hatte er wirklich kein Bedürfnis danach, diese Unterhaltung mit Ron zu führen.
Als die Woche verging, wartete Harry nervös auf ihr erstes Quidditchtraining, das für Donnerstag geplant war. Leider wurde es wegen einem fürchterlichen Sturm auf den folgenden Montag verschoben. Ron war bei dieser Ankündigung besonders niedergeschlagen, aber Harry kämpfte schnell die Enttäuschung nieder. Es waren schließlich nur ein paar Tage, noch immer genügend Zeit vor ihrem nächsten Spiel.
Am nächsten Morgen erhielt Harry in der Morgenpost einen Brief. Als er bemerkte, von wem er war, steckte er schnell den Umschlag ungeöffnet in seine Roben. Als er hochschaute, bemerkte er, wie Hermine ihn neugierig musterte, aber nichts sagte. Als er später die Post las, fand er eine kurze Notiz von seinen Geschäftspartnern, er solle sie am nächsten Abend in der Heulenden Hütte treffen. Das war der Grund, warum er sich am Abend darauf an einer besonders niedrigen Stelle des Tunnels wiederfand, der zu dem Haus führte, in dem es angeblich spukte.
Hinter ihm musste Ginny sich nicht bücken, um die Passage zu durchqueren. Sie war die einzige, der er von dem Brief erzählt hatte. Er mochte den anderen von seinem Vorschlag gegenüber den Zwillingen erzählt haben, aber er war nicht bereit, sie in alles einzubeziehen. Er glaubte auch, dass Hermine dagegen gewesen wäre, wegen einer Demonstration das Schulgelände zu verlassen.
Kurze Zeit später betrat Harry durch die Falltür das verfallene Haus. Er entdeckte die Zwillinge, sobald er seinen Kopf durch das Loch steckte und grüßte sie: „Gred, Forge." Sobald er sich aus dem Loch gewuchtet hatte, langte er hinunter und hielt Ginny helfend seine Hand hin. Er schaute rechtzeitig zur Seite, um zu sehen, wie die beiden Jungs ihre Augenbrauen bis zu ihrem Haaransatz hochzogen, als sie Ginny erkannten.
Als keiner der beiden eine Bewegung machte, fragte Ginny: „Werdet ihr die ganze Zeit über da drüben stehen und wie Idioten dreinschauen oder werdet ihr eure Lieblingsschwester begrüßen?"
Fred war der erste, der sich erholte. Er schüttelte seinen Kopf und sagte: „Du bist unsere einzige Schwester."
„Ein automatischer Sieg ist noch immer ein Sieg", meinte sie hochnäsig. Harry lachte leise über ihr erhabenes Verhalten.
„Nun, mein lieber Harrykins, Gin-Gin, ihr habt uns ein wenig überrascht", meinte George.
„Wir haben natürlich Harry erwartet", fuhr sein Zwillingsbruder fort.
„Und vielleicht Ron und Hermine."
„Wenn sie überzeugt werden kann, mitzumachen."
„Wir haben nicht erwartet, das Vergnügen mit unserer lieben Schwester zu haben."
„Nicht, dass es uns etwas ausmacht."
„Es ist schön, dich zu sehen, Gin-Gin."
„Wir haben uns nur gefragt, ..."
„... ob es vielleicht etwas gibt, dass ihr beide uns mitteilen wollt?"
„Oh, was denn zum Beispiel?", fragte Ginny mit einer hochgezogenen Augenbraue. Harry grinste nur bei dem Schauspiel. Er war sich nicht sicher, was sie ihnen verraten wollte. Sie schaute über die Schulter zu ihm und er zog nur eine Augenbraue hoch und nickte ihr in dem Versuch, ihr zu zeigen, dass es ihre Entscheidung war, zu.
„Zum Beispiel warum Harrykins dich mitgebracht hat."
„Und nicht Ron oder Hermine."
„Ich glaube, ihr wisst genug, um es euch selbst zu erklären", sagte Ginny.
„Weil Ron Harry aus dem Quidditchteam geworfen hat?"
„Und Hermine nicht zugestimmt hätte, mitzukommen?"
„Oder weil ihr beide auf direktem Weg vom Besenschrank, in dem ihr geknutscht habt, hierhergekommen seid?"
„Ihr solltet wissen", begann Ginny hitzig, bevor sie neckend fortfuhr: „dass Harry ein Büro hat, das wir fürs Knutschen vorziehen."
Fred und George schauten sie einen Moment lang mit offenem Mund an, schauten sich dann an, bevor sie sich wieder zu ihr wandten und gleichzeitig in herzhaftes Gelächter ausbrachen. Als sie sich beruhigt hatten, fragten sie: „Ist das wahr?"
„Oder hast du uns nur auf den Arm nehmen wollen?"
Ginny drehte sich um und lächelte ihn frech an. Harry glaubte, dass er eine Ahnung hatte, was sie vorhatte und fühlte, wie ein Grinsen sich auf seinen Lippen ausbreitete. Ginny wandte sich dann wieder zurück zu ihren Brüdern und fragte süß: „Würdet ihr gerne eine Demonstration sehen?" Als sie dies sagte, trat Harry einen Schritt zu Ginny, die sich zu ihm drehte, und legte seine Arme um ihre Hüfte. Sie legte ihre Arme auf seine Schultern, ihre Hände hinter seinen Nacken verschränkt.
Als Harry sich zu ihr beugte, hörte er, wie die Zwillinge riefen: „Nein, nein, wir glauben dir."
„Das müssen wir nicht sehen."
Harry hielt kurz inne, aber Ginny zog seinen Kopf zu sich hinunter und nahm seine Lippen mit ihren gefangen. Es war kein obszöner Kuss, aber als sie sich voneinander lösten, hatten Fred und George ihnen beide ihre Rücken zugewandt. Harry lächelte Ginny an, die zurückgrinste. Noch immer in der Umarmung rief Ginny: „Ihr könnt euch wieder umdrehen."
Sie schauten zuerst über die Schulter, um sicherzugehen, dass es tatsächlich ungefährlich war. Zufrieden drehten sie sich wieder um.
„Wann hat das Ganze dann also begonnen?"
„Vor ein paar Wochen", erwiderte Ginny. Sie ließen einander los und standen nun nebeneinander. Harrys Arm war um ihre Schultern und Ginnys Arm um seine Hüfte gelegt.
„Und wie kommt es, dass wir noch nichts davon gehört haben?"
„Ja, ich nehme an, dass Mum außer sich vor Freude wäre."
„Außerdem hätten wir inzwischen gehört, wie sie eure Hochzeit plant."
Harry verdrehte die Augen und Ginny antwortete: „Wir haben es noch niemandem gesagt - was bedeutet, dass ihr beide ebenfalls euren Mund halten werdet."
Sie schauten einander kurz an, bevor sie beide tief seufzten und ihre Zustimmung gaben. Anscheinend war Ginnys Tonfall ausreichend, um ihnen deutlich zu machen, dass sie die Sache besser nicht weiterverfolgen sollten.
„Nun, da wir das geklärt haben", mischte Harry sich ein „habt ihr beide nicht eine Demonstration für uns?"
„Nun, wir werden nicht zu eurer Erheiterung knutschen, wenn es das ist, was ihr glaubt", erwiderte George hitzig.
Er brauchte eine halbe Sekunde, um den Kommentar zu verarbeiten, aber dann schnaubte Harry lachend auf. Er hörte, wie Ginny neben ihm ebenfalls leise lachte. „Das würde ich lieber nicht sehen, danke", sagte er gleich darauf.
„Ich glaube, mein lieber Zwillingsbruder, dass er diese hier meinte", mischte Fred sich ein und holte eine Tasche hervor.
„Ah, stimmt, wie dumm von mir, es zu vergessen."
„Ihr möchtet euch vielleicht hinsetzen."
„Denn es wird euch gleich von den Socken hauen."
„Und das ist gefährlich, wenn ihr noch immer steht."
Harry hatte genug Zeit in dem Raum verbracht, um zu wissen, dass es nur einen Stuhl gab und dieser war ziemlich mitgenommen. Er griff in seine Roben und beschwor ein Stück Holz herauf, welches eine unheimliche Ähnlichkeit mit seinem Zauberstab hatte. Nach einem Moment der Unentschlossenheit beschwor er einen übergroßen Sessel herauf, auf dem sie beide gemütlich Platz haben würden. Ginny lächelte angesichts seiner Wahl und nahm freudig Platz. Er setzte sich neben sie und legte dabei einen Arm um ihre Schultern.
Harry lächelte sie an und gab ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen, bevor er sich wieder an die Zwillinge wandte.
Diese beobachteten sie beide. „Nun, das ist ein netter Trick", kommentierte Fred.
Harry zog eine Augenbraue hoch, statt die offensichtliche Frage laut zu stellen.
„Der Stuhl", antwortete George.
„Es wird Magie genannt", erklärte Harry,
„Man benutzt sie mit einem Zauberstab", mischte sich Ginny hilfreich ein.
„Nun, der Zauberstab mag nur wie ein Holzstab aussehen, aber tatsächlich ist in ihm ein magischer Kern", fuhr Harry fort.
„Er hilft die Magie zu fokussieren", ließ Ginny sich wieder vernehmen.
„Har har," unterbrach Fred.
„Was wir meinen ist ..."
„Wo hast du gelernt, so etwas heraufzubeschwören?"
Harry verdrehte die Augen. „Ihr wäret überrascht, was ihr lernen könntet, wenn ihr nur aufpassen würdet. "
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass McGonagall niemals so etwas in unserem Unterricht durchgenommen hat", erwiderte George.
„Hättet ihr das Talent dazu gezeigt, vielleicht hätte sie euch zu größeren Dingen angetrieben, " meinte Harry.
„Werdet ihr uns eine Demonstration geben oder seid ihr gekommen, um Unterricht bei Harry zu bekommen?", unterbrach Ginny. „Er ist ziemlich beschäftigt, wisst ihr. Das Leben eines Assistenzprofessors ist kein einfaches. Ihr werdet wahrscheinlich mindestens bis zum Sommer warten müssen, bevor er Zeit für euch finden kann."
„Wenn er nicht so viel Zeit damit verbringen würde, mit unserer Schwester zu knutschen", antwortete Fred prompt.
„Dann hätte er vielleicht ein wenig Zeit für Zusatzunterricht."
„Sorry Leute", war Harrys Antwort. „Die Knutschzeit bleibt."
Sie zuckten synchron mit den Schultern und Fred sagte: „Es war den Versuch wert."
Harry verdrehte die Augen, aber hielt sich davon ab, noch etwas zu sagen.
George griff mit einer Hand in die Tasche und schien etwas herauszuziehen, auch wenn Harry nicht sehen konnte, was. „Nun", sagte er. „Bestaunt dies ..."
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Nach der Demonstration der Zwillinge kehrten sie weit vor Zapfenstreich zum Gemeinschaftsraum zurück. Ron und Hermine brachen gerade zu einem Vertrauensschülertreffen auf, als Harry und Ginny ankamen. Harry wünschte ihnen viel Spaß und Ron stöhnte geplagt auf. Hermine bestand darauf, dass es interessant sein würde, während die beiden durch das Porträtloch traten. Hermine schaute kurz über die Schulter und hatte mit Harry Blickkontakt, bevor das Porträt sich schloss. Er konnte den Blick, den sie ihm zugeworfen hatte, nicht einordnen, aber dachte nicht lange darüber nach.
„He, Neville, wie wär's mit einer Runde Zauberschnippschnapp?", fragte Harry, als er sich auf einen Stuhl gegenüber setzte. Neville legte sein Textbuch weg und nickte zustimmend: „Hört sich gut an. Das Buch hier schläfert mich ein."
Harry lächelte und wandte sich dann zu Ginny, die nur einen Meter weit weg war: „Was ist mit dir, Ginny? Interessiert?"
Sie zögerte eine Sekunde, bevor sie den Kopf schüttelte: „Nein danke, ich glaube, ich gehe rüber und schaue, was bei meinen Zimmerkameraden los ist. Sie sehen so aus, als würden sie etwas aushecken."
„Wie du willst", sagte Harry und drehte sich wieder zu Neville. Sein Blick folgte Ginny, als diese zu ihren Freunden hinüberging.
„Ihr beide verbringt ungemein viel Zeit miteinander", kommentierte Neville nebenbei.
Harrys Blick trennte sich von Ginnys Rückseite und landete auf Neville. Er zuckte mit den Schultern. „Sie ist angenehme Gesellschaft."
Neville lächelte ein wenig teuflisch. „Darauf wette ich", sagte er mit einem anzüglichen Unterton in der Stimme. Dann fuhr er mit normaler Stimme fort: „Willst du zuerst oder soll ich?"
„Fang an", sagte Harry ein wenig verwirrt. Nachdem Neville seine Karte hingelegt hatte, folgte Harry mit einer eigenen. Als Neville seinen nächsten Zug überdachte, fragte Harry: „Hast du irgendwelche Pläne für das nächste Wochenende?"
„Nicht wirklich", antwortete Neville ein wenig geistesabwesend als er seine Karte legte: „Ich-nun, ich, - das heißt-"
„Du würdest den Tag gerne mit Hannah verbringen, aber du hast noch nicht den Mut aufgebracht, sie zu fragen?", fragte Harry, als er eine eigene Karte spielte.
„Ist es so offensichtlich?", fragte Neville ein wenig niedergeschlagen.
„Was für einen anderen Grund sollte es für deine Unentschlossenheit oder Nervosität geben?", fragte Harry nach. „Es ist das einzige, was Sinn macht."
Neville nickte und legte ohne zu antworten eine weitere Karte.
„Du solltest sie einfach fragen, weißt du", meinte Harry.
„Aber was ist, wenn sie nein sagt? Was ist wenn sie lieber nur befreundet wäre?", fragte Neville nervös.
„Du wirst es nie erfahren, wenn du nicht fragst", antwortete Harry. „Wenn du nicht fragst, wirst du unglücklich sein und dir die Frage stellen, was hätte sein können. Wenn du fragst, hast du wenigstens die Chance, glücklich zu sein." Harry grinste, als sein Freund eine weitere Karte hinlegte. Es war witzig, wie ähnlich ihre Situationen waren. Erst Remus und Tonks, dann er und Ginny, er hatte gerade erst Hermine denselben Ratschlag gegeben und nun gab er ihn an Neville weiter. Es ließ Harry sich normal fühlen, und er mochte dieses Gefühl.
„Was ist mit dir?", gab Neville zurück. „Was sind deine Pläne für das nächste Wochenende?"
„Gute Frage", erwiderte Harry nachdenklich. „Ich schätze, ich habe einfach angenommen, dass ich den Tag mit Ginny verbringen würde, aber ich habe sie nie wirklich gefragt. Ich werde sie später heute Abend fragen."
„Was läuft zwischen euch beiden?", fragte Neville. „Es ist klar, dass ihr beide euch mögt, aber ich weiß nicht, ob ihr deswegen etwas unternommen habt. Ihr verhaltet euch wie immer, und dennoch scheint etwas anders zu sein.". Neville war an der Reihe, abzulegen, aber er hielt inne, um Harrys Antwort abzuwarten.
Harry nahm sich einen Moment, um seine Antwort zu formulieren. Er und Ginny hatten nicht wirklich darüber geredet, was sie ihren Freunden erzählen würden. Sie beide machten keine Anstalten, es anderen zu erzählen, Remus, Fred und George ausgenommen und in diesen Fällen hatten sie erst die Erlaubnis des anderen eingeholt. Ginny war dieses Mal nicht da, um gefragt zu werden und er konnte nicht einfach so tun, als hätte er die Frage nicht gehört. Schließlich entschied er, dass Neville eine ehrliche Antwort verdiente. Er würde Ginny später davon erzählen und hoffte, dass sie ihm zustimmte und er würde Neville bitten, es geheim zu halten, bis sie bereit waren, die Beziehung bekanntzugeben.
„Wir sind jetzt ein paar Wochen zusammen", informierte Harry seinen Freund. „Wir wollten bloß keine große Sache daraus machen. Wir werden wahrscheinlich allen irgendwann davon erzählen, aber für den Moment kannst du es für dich behalten?"
Neville grinste ihn an. „Sicher, kein Problem. Ich freue mich, dass ihr beide ein Paar seid. Ihr macht den Eindruck, als würdet ihr einfach zusammengehören. "
Harry lächelte breit. „Ja", stimmte er zu. „Danke." Sie spielten einige Runden ohne zu reden, bevor Harry wieder das Wort ergriff: „Weißt du, ich denke, wenn du fragen würdest, würde sie ja sagen."
Neville hielt inne und schaute zu Harry hoch: „Warum sagst du das?"
„Als wir auf dem Ball zusammen tanzten, " sagte Harry „hat sie es nicht direkt gesagt, aber ich habe den Eindruck bekommen, dass sie interessiert war."
„Wirklich? Denkst du das wirklich?", fragte Neville hoffnungsvoll.
„Ja", sagte Harry. „Versuch es einfach, Kumpel. Vertrau mir, wenn ich sage, dass es das Risiko wert ist."
„Danke, Harry", sagte Neville, nachdem er gespielt hatte. „Ich denke, ich werde sie morgen fragen."
„Das ist klasse", ermutigte Harry und legte seine eigene Karte hinunter. Sobald seine Finger die Karte nicht mehr berührten, explodierte sie. Glücklicherweise war er bereits dabei, sich wieder zurückzulehnen und vermied damit den Großteil der Explosion. „Nun, das Spiel hast du gewonnen. Noch eine Runde?"
„Sicher", erwiderte Neville.
Als sie mitten in ihrem dritten Spiel waren - sie konnten nicht aufhören, wenn es Gleichstand war - kamen Ron und Hermine durch das Porträtloch, beide mit einem breiten Grinsen. Neville war der erste, der sie bemerkte und machte Harry auf sie aufmerksam, da dieser mit dem Rücken zum Ausgang saß. Angesichts der Tatsache, dass er bereits den Valentinstag und den Hogsmeade-Ausflug am übernächsten Wochenende im Kopf hatte, zog Harry schnell die Verbindung zu seiner Unterhaltung mit Hermine am vorigen Wochenende. Wenn er sich nicht irrte, hatte sie endlich den Mut aufgebracht, Ron zu bitten, mit ihr auszugehen.
„Merlin, es ist endlich passiert", murmelte Harry.
„Du glaubst nicht ...", begann Neville. „Nein, es kann nicht sein. Oder?"
„Hermine ist vor einer Woche zu mir gekommen, um über Ron zu reden", erklärte Harry und drehte sich wieder zu Neville. „Ich glaube, sie hat endlich eine Entscheidung gefällt und ihn gefragt."
Nevilles Blick wanderte zwischen dem Paar und Harry hin und her, bevor er seinen Kopf schüttelte. „Ich schätze, ich habe immer angenommen, dass es irgendwann passieren würde", sagte er. „Dennoch habe ich nie erwartet, dass es passiert. Weißt du, was ich meine?"
Harry gluckste: „Ja, ich weiß. Es war unausweichlich, und doch sind beide so sturköpfig, dass es sich so angefühlt hat, als würden sie es nie schaffen."
„Genau", stimmte Neville mit einem Lächeln zu. „Nun, wenn Hermine es kann, dann kann ich es auch."
„Das ist die richtige Haltung", ermutigte Harry ihn.
Sie widmeten sich wieder ihrem Spiel. Neville errang schließlich den entscheidenden Sieg. Auch wenn er so tat, als sei er über die Niederlage enttäuscht, machte es Harry nicht wirklich etwas aus. Er hätte es natürlich vorgezogen, zu gewinnen - es machte keinen Sinn zu spielen, wenn man nicht wenigstens versuchte zu gewinnen - aber er hatte so oder so Spaß gehabt.
Harry schaffte es, Ginny später am Abend wegen dem Hogsmeade-Ausflug zu fragen. Sie sagte ihm, dass sie natürlich den Tag mit ihm verbringen würde und dass er albern sei, gedacht zu haben, fragen zu müssen. Er würde schließlich eine Menge Schmerzen zu erwarten haben, wenn er vorhaben sollte, den Valentinstag mit jemand anderen als ihr zu verbringen.
Sie stimmte auch dem Mittagessen mit Neville und Hannah zu und Harry stellte sicher, seinen Freund davon in Kenntnis zu setzen, als sie ins Bett gingen. Ron kam kurz darauf in den Raum, ein dämliches Grinsen noch immer im Gesicht und informierte sie alle, dass er den Tag in Hogsmeade mit Hermine verbringen würde - allein. Er fragte nicht nach ihren Plänen und weder er noch Neville sprachen von sich aus darüber.
Als Harry sich seine Schlafsachen anzog, fragte er sich, was Rons Reaktion sein würde, wenn er es herausfände. Er fühlte sich ein wenig schlecht, seine Beziehung vor Ron zu verstecken, aber er war noch nicht so weit, sie mit ihm zu teilen. Aber er würde es Ron irgendwann erzählen müssen. Harry hörte auf, darüber nachzudenken, denn er wollte sich keine Sorgen darüber machen, was passieren könnte. Egal was Rons Reaktion sein würde, es würde seine Beziehung zu Ginny nicht beeinflussen, und am Ende war es das, was wirklich zählte.
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Harry hielt die Trainingsdummies an und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er nahm sich einen Moment, um zu Atem zu kommen und schaute zu Ginny hinüber. Sie arbeitete gewissenhaft an ihrer zauberstablosen Magie. Sie lernte nicht ganz so schnell wie er, sie zu beherrschen, aber sie machte Fortschritte. Harry war überzeugt, dass sie das Talent dazu hatte, zauberstablose Magie so mühelos zu verwenden wie er das nun tat, solange sie damit weitermachte. Ginny hatte ihm von dem Feuerzauber erzählt, welchen sie unbewusst angewendet hatte, während er die Todesser bekämpft hatte. Sie hatte eindeutig die Fähigkeit, da dies keine unkontrollierte Spontanmagie gewesen war. Selbst wenn sie den Zauber nicht bewusst geworfen hatte, war sie noch immer in der Lage gewesen, den Zauber zu kontrollieren.
Nun jedoch war sie wieder bei einfachen Zaubern und musste dort um Kontrolle kämpfen. Sie hatte auch einen ziemlich entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht, als sie ihren Arm ausstreckte und einen dicken Wälzer zu sich rief. Das Buch begann sich langsam zu bewegen und begann plötzlich zitternd an Schnelligkeit zu gewinnen. Sie schrie auf und duckte sich, als das Buch seinen Weg fortsetzte und gute zehn bis fünfzehn Meter hinter ihr zu Boden fiel. Sie fluchte laut, als sie sich umdrehte, zu dem Buch ging und es frustriert über den Boden kickte.
„Du solltest wirklich nicht dem Buch die Schuld geben", kommentierte Harry, als er zu ihr ging.
„Warum nicht?" wollte Ginny wissen, als sie herumwirbelte, um ihn anzuschauen.
„Weil es nicht die Schuld des Buches ist. Es war deine Magie, die dich beinahe geköpft hat", antwortete er stoisch.
„Ja, nun", schnaubte Ginny verärgert. „Es ist einfacher, dem Buch die Schuld zu geben," murmelte sie.
„Einfacher, ja", sagte Harry glucksend. „Aber das macht es nicht richtig."
„Ich verstehe nur nicht, wie ich an einem Abend so einen mächtigen Zauber werfen kann und nun mit den einfachen Sachen Probleme habe", brach es frustriert aus ihr heraus.
„Denke von deiner Magie wie von einem Muskel", erklärte Harry. „Dein Muskel hat ein bestimmtes Limit, was er kann, aber mit Training kannst du deinen Muskel stärken, so dass er regelmäßig mehr kann."
„Das verstehe ich", unterbrach Ginny. „aber das ist was ganz anderes ..."
Harry hielt seine Hand in die Höhe, um Ginny zu beschwichtigen. „ Wenn du mich zu Ende reden lassen würdest, würdest du vielleicht sehen, von was ich rede." Er wartete, bis sie nickte, bevor er fortfuhr. „Wenn eine Person unter Zwang ist, kann manchmal ein Adrenalinstoß der Person ermöglichen, außergewöhnliche Taten zu vollbringen, welche sie normalerweise nicht bewerkstelligen könnte."
„Warte, was ist Adrenalin?" fragte Ginny.
Harry wurde von der Frage überrascht. Um die Wahrheit zu sagen wusste er nicht allzu viel über das Thema, aber er glaubte, er könnte es gut genug erklären. „Es ist ein Hormon, welches von deinem Körper produziert wird, wenn du entweder besonders körperlich aktiv bist oder wenn du einen Moment der Panik oder eine Stresssituation erlebst. Es gibt Berichte von Menschen, die dank des Adrenalins, welches ihr Körper in einer Krise produzierte, die unglaublichsten Dinge getan haben wie etwas sehr schweres hochzuheben, um ein Kind oder einen geliebten Menschen zu retten. Normalerweise wären sie nicht stark genug gewesen, es zu tun, aber dank des Adrenalins waren sie es. Wenn sie am nächsten Tag außerhalb dieser außergewöhnlichen Situation zurückkehrten, stellten sie fest, dass sie die gleiche Tat nicht wiederholen konnten."
Harry hielt in seiner Erklärung inne, um festzustellen, wie Ginny es aufnahm. Er hoffte, dass er es ausreichend erklärt hatte und wollte sehen, was sie davon hielt. Sie biss sich auf ihre Unterlippe und ihr Kopf war leicht zu Boden gesenkt, als sie darüber nachdachte und Harry fand diese Tat ziemlich ablenkend. Schließlich schaute sie zu ihm hoch und fasste zögernd zusammen: „Du sagst also, dass Adrenalin durch mich hindurchfloss, weil ich besorgt um dich war und dies erlaubte mir, etwas zu tun, zu dem ich normalerweise nicht in der Lage wäre."
„Ja, das glaube ich", sagte Harry, zufrieden, dass seine Erklärung verständlich gewesen war. Ginny jedoch sah nicht so glücklich aus.
„Du sagst also, dass ich nicht in der Lage sein werde, außerhalb dieser Umstände auf diese Weise Magie zu verwenden?", fragte sie ihn.
„Nein", ruderte Harry zurück. „Nein, was ich sage ist, dass du etwas getan hast, von dem dein Körper im Moment nicht in der Lage ist, es regelmäßig zu schaffen. Es ist etwas, zu dem dein Körper offensichtlich in der Lage ist, da du es schließlich getan hast, aber wenn du es regelmäßig ausführen willst, musst du weiter trainieren, um deinen Magiemuskel oder wie auch immer du es nennen willst zu stärken."
Sie nickte, um ihre Akzeptanz von seiner Erklärung zu zeigen. „Ich schätze, dass ist mein Zeichen, mich wieder an die Arbeit zu machen", sagte sie.
„Eigentlich" erwiderte Harry „möchte ich, dass du eine Weile zu den Dummies gehst." Mehrere Minuten lang beobachtete Harry Ginny nur, bevor er sich von ihr losreißen konnte und sich wieder seinem eigenen Training widmete. Einen Partner zu haben konnte sehr ablenkend sein, insbesondere wenn alles, was er wirklich tun wollte, war, sie zur Seite zu nehmen und sie besinnungslos zu küssen. Aber er weigerte sich, seine Hormone sein Training beeinflussen zu lassen. Es würde später Zeit fürs Knutschen geben.
Nach ihrem Training hatten sie genug Zeit, um schnell eine leichte Mahlzeit zu sich zu nehmen, bevor sie fürs Training zum Quidditchfeld hinausgingen. Trotz seiner begrenzten Interaktion mit seinen Teamkollegen während des Trainings konnte Harry sehen, dass es nicht besonders gut lief. Er konnte hören, wie Rons Stimme sich im Laufe der Zeit immer frustrierter und aufgebrachter anhörte. Als das Training vorüber war, ließ Harry Ginny unauffällig wissen, dass sie nicht auf ihn warten sollte und ließ sich Zeit, als er duschte und sich umzog. Er und Ron hatten es sich im letzten Semester zur Gewohnheit gemacht, nach dem Training zu reden und Harry fand, dass es eine gute Idee wäre, diese Gewohnheit wieder aufzunehmen.
Der Umkleideraum war schließlich bis auf sie beide leer und gleich nachdem die letzte Person gegangen war, fragte Ron ihn: „Also, was denkst du?"
Harry, der gerade seine Schuhe zuband, schaute hoch und sah, wie Ron seine Roben überzog. Er dachte kurz über die Frage nach: „Ich denke, es war okay. Es hätte viel besser sein können, aber hey, es war klar, das alle etwas eingerostet sein würden. Es war schließlich unser erstes Training im Semester. Manche von ihnen waren vielleicht zwei Monate lang nicht auf einem Besen."
„Das ist wahr", gab Ron zu.
„Außerdem haben wir genügend Zeit, um unseren Rhythmus vor unserem ersten Spiel wiederzufinden. Gib ihnen eine Woche oder zwei, bevor du dir darüber Sorgen machst. Wenn du sie deswegen zu früh unter Druck setzt, könnte es sie ein wenig abschrecken," fuhr Harry fort.
„Ich möchte nicht, dass sie es zu locker nehmen", antwortete Ron und schloss die Tür seines Spinds.
„Nun, du musst ihnen nichts vormachen," erwiderte Harry. „Lass sie genau wissen, was du denkst, dass sie etwas eingerostet sind. Wir sagen ihnen, dass wir, auch wenn wir verstehen, dass es unumgänglich ist, erwarten, dass sie in einer Woche wieder in Form sind. Ansonsten werden wir eine härtere Gangart einschlagen."
„Glaubst du, das wird funktionieren?" fragte Ron zweifelnd, als er sich auf die gegenüberliegende Bank sinken ließ.
Harry band seinen Schuh zu, bevor er wieder hochsah und antwortete: „Es geht um die Balance. Sie sollen für dich spielen wollen, du kannst also nicht zu streng sein. Aber sie müssen dich respektieren, deshalb kannst du sie auch nicht einfach machen lassen, was sie wollen."
„Aber wie weißt du, welches der richtige Weg ist, die Situation zu handhaben?" fragte Ron nach. Er hatte seine Ellbogen auf seine Oberschenkel gestützt und Harry konnte sehen, dass er sehr an der Unterhaltung interessiert war. Das war nicht selten der Fall, wenn die Unterhaltung sich um Quidditch drehte, aber dieses Mal ging es nur ansatzweise darum.
„Es ist nicht immer einfach, es zu sagen", erwiderte Harry nachdenklich. In Wahrheit hatte er niemals wirklich darüber nachgedacht. Er neigte dazu, seinen Instinkten zu folgen. „Du musst versuchen, ihre Beweggründe zu verstehen. In diesem Fall war es nicht so, dass sie herumgealbert haben oder versuchten, sich zu drücken. Sie haben es versucht, aber sie waren einfach zu sehr außer Form, um so gut wie sonst zu spielen, und ich bin mir sicher, sie wissen das, ohne dass du es ihnen sagen musst. Wenn du glaubst, dass sie schlecht spielen, weil sie sich nicht konzentrieren oder nur herumalbern oder so, dann ist es an der Zeit, Klartext mit ihnen zu reden."
Ron war eine kurze Weile still und Harry nutzte diese Zeit, um seine Quidditchroben in den Spind zu hängen und die Tür zu schließen.
„Es ist nicht einfach für dich, oder?", durchschnitt Rons Stimme die Stille. Harry drehte sich um, um seinen Freund anzuschauen und fragte sich, wovon dieser redete. „Professor und Schüler zu sein", erläuterte Ron.
„Nein, nicht wirklich", antwortete Harry, von der Frage überrascht. „Es ist normalerweise nicht so schlimm, aber es gibt Momente, da ist es schwer. Es ist nicht einfach, in einem Moment ein Freund zu sein und in einem anderen eine Autorität darzustellen, und ich muss mich immer selbst hinterfragen. Bin ich zu nachgiebig, weil ich ihr Freund bin? Oder bin ich zu streng mit ihnen? Gewöhnlich habe ich nicht genug Zeit, um in diesem Augenblick darüber nachzudenken, aber danach stelle ich mir oft diese Fragen."
„Ich schätze, wir machen es dir nicht immer leicht", gab Ron betreten zu.
„Nicht immer, nein", sagte Harry. Er war ein wenig ratlos. Es sah Ron nicht ähnlich, sich über so etwas Gedanken zu machen. Man konnte glücklich sein, eine dünne Entschuldigung von ihm zu bekommen und danach schien er völlig zu vergessen, dass überhaupt etwas passiert war. Als Ron sich im Unterricht daneben benommen hatte, war er wütend und aufgebracht über Harry gewesen, dass dieser ihn aufgehalten hatte. Er hatte seine Wut irgendwann überwunden und hatte so getan, als sei nie etwas geschehen- und hatte nie überlegt, in welche Lage er Harry gebracht hatte.
Als Harry diese Angelegenheit in seiner Konfrontation mit Ron nach dem Quidditchspiel im Herbst angesprochen hatte, hatte er nicht genau gewusst, was er erwartete, aber er hatte sicherlich nicht erwartet, dass diese Angelegenheit selbst einige Monate später noch immer eine Rolle in Rons Gedanken spielte. Vielleicht hatte er mehr erreicht als er gedacht hatte.
„Ich bin froh, dass du wieder im Team bist", sagte Ron, als er aufstand.
Harry folgte seinem Beispiel und stand ebenfalls auf. „Ich auch Kumpel, ich auch." Es war nicht wirklich eine Entschuldigung, aber er brauchte die Worte nicht zu hören. Schließlich konnte er nicht erwarten, dass Ron sich über Nacht veränderte. Für den Moment war es genug, zu wissen, dass Ron erkannte, in welche schwierige Situation er Harry gebracht hatte.
Ende 19.1
