Harrys Augen weiteten sich vor Schock. „Remus", begann er, seine Stimme nur ein Flüstern, als ein lautes Krachen durch das ganze Krankenhaus zu hören war. Tonks und Ben eilten sofort wieder zurück in den Korridor.
„Es hat sich angehört, als käme es von oben", sagte Ben kurz.
Harry nickte zustimmend. „Kommt. Lasst uns gehen." Er schaute kurz zu Remus, der ihm leicht zunickte, als ob er sagen wollte: „Ich behalte es für den Moment für mich, aber wir werden das später besprechen."
Harry folgte wieder den beiden Auroren, als diese zur Treppe gingen. Er lief neben Remus, aber schob die Tatsache seiner aufgeflogenen Identität zur Seite. Später würde es noch genug Zeit geben, um sich darüber Sorgen zu machen. Für den Moment mussten sie sich auf die aktuelle Situation konzentrieren. Harry folgte Tonks, als sie die Treppe hochgingen. Es war nicht die Haupttreppe, die Harry vorher genommen hatte, sondern eine andere, die vom Korridor durch eine Tür getrennt war.
Als sie die Tür erreichten, steckte Ben seinen Kopf durch die Tür und schaute in beide Richtungen. Als er sich wieder zurückzog, sagte er: „Nichts, lass uns die nächste Etage probieren."
Harry hatte sich so positioniert, dass er dieses Mal der Erste auf der Treppe war. Er lief die Treppe hoch, wobei er zwei Stufen auf einmal nahm und stoppte, als er die Tür erreichte. Er blickte kurz zurück, um sicherzugehen, dass alle bereit waren, öffnete sie und schaute sich um. Er flüsterte: „Es hört sich so an, als ob etwas nach der Abbiegung passiert." Er schaute kurz jeden einzelnen an, bevor er sich wieder umwandte, die Tür ganz öffnete und hinausging. Als er sich der Ecke näherte, schlich er auf Zehenspitzen weiter, um keine Geräusche zu verursachen.
Harry schaute um die Ecke und sah ein paar Körper auf dem Flur herumliegen. Ein paar verhüllte Personen liefen vorsichtig umher und gingen in den einen oder anderen Raum. Er konnte das Licht verschiedener Zauber in einigen der Räume sehen und sah dann einen Kopf auf der anderen Seite des Flures. Der Kopf war nicht verdeckt, aber Harry konnte von der Entfernung das Gesicht nicht identifizieren. Er schlich zurück und erklärte schnell den anderen, was er gesehen hatte.
Gerade als er seine Beschreibung beendet hatte, rief eine Stimme: „Lasst eure Zauberstäbe fallen, sonst wird der Junge sterben."
Harry würde diese Sprechweise überall wiedererkennen. „Malfoy", murmelte er. Ben machte Anstalten, um die Ecke schauen zu wollen, um zu sehen, was los war, aber Harry hielt ihn zurück. „Nein, warte", flüsterte er. „Ich habe einen Tarnumhang."
Der Mann zögerte eine Sekunde, bevor er nickte. Harry ging ein paar Schritte zurück und holte seinen Koffer hervor. Nachdem er den Umhang herausgenommen hatte, verkleinerte er den Koffer wieder und packte ihn zurück in seine Hosentasche, bevor er sich wieder den anderen zuwandte. Er hielt einen Finger hoch, warf sich den Umhang um und trat dann um die Ecke. Er verschaffte sich schnell einen Überblick, bevor er wieder zurückging und die Kapuze nach hinten schlug. „Es sind sieben von ihnen im Korridor, aber es sieht so aus, als geschähe etwas in einigen der Räume. Sie haben einen rothaarigen Mann vor sich auf dem Boden, ihre Zauberstäbe sind alle auf ihn gerichtet."
Harrys Magen hatte sich vor Angst und Wut zusammengezogen. Was er ihnen nicht sagte, war, dass er sich fast sicher war, dass es sich um einen Weasley handelte, aber er war zu weit weg, um zu sehen, welcher. Er unterdrückte seine Gefühle, wissend, dass es ihnen in der momentanen Situation nicht helfen würde.
„Jede Sekunde, die ihr zögert, bringt ihr den Jungen seinem Tod näher", war Malfoys Stimme wieder zu hören.
„Sie wissen nicht, dass wir hier sind", erklärte Harry schnell. „Sie schauen alle in die andere Richtung. Ich werde mich von hinten an sie anschleichen und den Mann befreien, bevor sie ihn umbringen."
„Das wirst du nicht alleine tun", sagte Remus angespannt und schaute Harry direkt in die Augen.
„Unter den Umhang passt nur einer", sagte Harry mit einem warnenden Blick zu Remus. „Wartet auf mein Signal, dann kommt heraus, bereit zu kämpfen."
Harry wollte gerade seine Kapuze wieder hochschlagen, als Remus ihn davon abhielt: „Warte, nimm die hier." Er hielt ihm vier schnatzgroße Bälle, welche jeweils eine kleine Einbuchtung hatten, hin. Harry grinste beinahe. Die Zwillinge hatten Dumbledore also überzeugen können. „Wenn du auf diesen Knopf drückst, hast du drei Sekunden Zeit, bevor er mit ein paar geringfügigen Flüchen und Zaubern explodiert. Es wird keine bleibenden Schäden hinterlassen, aber es sollte sie zumindest verwirren."
Harry nickte, nahm die vier magischen Handgranaten und schlug seine Kapuze wieder hoch. Er eilte - immer darauf bedacht, leichtfüßig zu gehen - den Flur hinunter und näher zu den Todessern.
„Nun gut", sagte Malfoy und trat einen Schritt vor. „Ihr habt das Schicksal des Jungen besiegelt."
„Warte", rief eine Stimme. Harry kannte die Stimme nur zu gut. Professor McGonagalls Gesicht tauchte an der Ecke auf und hielt ihren Zauberstab auf eine Art hoch, die es ihr unmöglich machte ihn zu verwenden. Sie legte ihn auf den Boden und blieb ruhig stehen, der Großteil ihres Körpers noch immer verdeckt.
„Die anderen beiden auch", forderte Malfoy.
Harry wollte ihr zurufen, dass Malfoy niemals sein Wort halten würde, aber er blieb stumm, wissend, dass er unbemerkt bleiben musste, da sein Einschreiten wahrscheinlich die einzige Möglichkeit sein würde, sie zu retten.
McGonagall verschwand für einen Moment und kam dann mit zwei weiteren Zauberstäben zurück, welche sie neben ihren auf den Boden legte.
„Narren", spuckte Malfoy und rief die Zauberstäbe zu sich. „Kommt schnell heraus oder sein Leben ist zu Ende."
Drei Personen kamen aus ihrem Versteck: McGonagall, Kingsley Shacklebolt und ein Mann, den Harry nicht kannte.
Malfoy lachte sie aus: „Nun könnt ihr zuschauen, wie er stirbt."
Mit je zwei der Granaten in einer Hand drückte Harry alle vier Knöpfe auf einmal und beugte sich hinunter, um sie auf die Ansammlung zurollen zu lassen. Während er in seinem Kopf zählte, beobachtete Harry Malfoy genau, als dieser zu der daliegenden Person trat. Es war Bill Weasley. Eins. Malfoy hob seinen Zauberstab und begann mit ihm eine Bewegung auszuführen, die Harry langsam nur allzu bekannt vorkam. Zwei. Harry hob beide seine Hände und richtete sie auf die Todesser, wobei er eine auf Malfoy gerichtet hatte und zwei Knüppelflüche abfeuerte. Malfoys Stimme vergiftete wieder mit seiner üblen Stimme die Luft. „Avada ..." Minerva, Kingsley und ihr Begleiter traten plötzlich in Aktion, zogen ihre Zauberstäbe hervor und warfen Flüche. Drei. „ ...Kedavra."
Die vier Handgranaten explodierten in einem Regen aus vielfarbigen Zaubern, gerade als Harrys Zauber Malfoy traf. Die Lichter blendeten Harry, so dass dieser nicht sehen konnte, ob irgendeiner der Zauber schnell genug gewesen war, um Bills Leben zu retten. Er hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, da er zwei Everberos auf die verwirrten Todesser warf. Von den Zaubern verwirrt, die aus allen Richtungen auf sie zuschossen, waren diese Todesser innerhalb weniger Sekunden unschädlich gemacht.
Einen Moment lang war Harry verwirrt, wo die anderen drei Zauberstäbe herkamen, dann verstand er: Sie hatten falsche Zauberstäbe abgegeben; Lucius hatte sich nie die Mühe gemacht, zu verifizieren, ob sie echt waren. Harry legte die Kapuze zurück und nickte Minerva zu, die ein überraschtes Gesicht machte. Sich umdrehend sah er Remus, Tonks und Ben den Flur hinunter auf sie zusprinten. Genau in dem Moment war ein Tumult aus einem der Zimmer zu hören und Harry wurde daran erinnert, dass noch mehr Todesser da waren, mit denen sie sich beschäftigen mussten. Er schaute Minerva in die Augen und deutete mit seinem Kopf zu einem der Räume. Sie nickte leicht und Harry schlug seine Kapuze wieder hoch, bevor er ging, um nachzuforschen, was passierte.
Harry sah, wie Kingsley sich neben Bill hinkniete, konnte aber Bills Zustand nicht einschätzen, da er gezwungen war, seine Aufmerksamkeit auf das, was vor ihm im Zimmer lag, zu konzentrieren. Er öffnete die Tür so leise wie möglich, aber so viel, wie ihm das brachte, hätte er sie genauso gut eintreten können. Auch wenn er unsichtbar war, wurde ein Zauberregen auf ihn geworfen, sobald er die Tür öffnete. Als er eine Lücke entdeckte, duckte Harry sich, wich den Flüchen aus und tat sein bestes, sich leise zu bewegen.
Er schlich an den Zimmerwänden entlang, immer darauf bedacht, nichts zu berühren, um seine Anwesenheit nicht zu verraten. Es waren sechs Todesser im Raum und sie schauten alle zur Tür. Harry schlich sich vorsichtig hinter ihren Rücken an ihnen vorbei. Gerade als Harry sich umdrehte, bemerkte er etwas, dass ihn sein Herz in die Hosen rutschen ließ: Nevilles Mutter. Sie hatte sich in ihrem Bett aufgesetzt und schaute sich um, als würde sie ihre Umgebung mustern. Einer der Todesser bemerkte ihre Bewegung und drehte sich um, um einen Fluch auf sie zu werfen. Aber Harry war schneller als er und warf den Mann mit einem Schockzauber von seinen Füßen.
Leider hatten sich zwei der Todesser bei der Bewegung ihres Kameraden umgedreht und bemerkten Harrys Zauber. Während sie ihn nicht sehen konnten, wussten sie ungefähr, wo er war und begannen Zauber auf ihn zu werfen. Harry konnte einen der Todesser ausschalten, bevor der Rest ihm ihre Aufmerksamkeit zuwandte.
Harry ließ sich auf den Boden fallen, um dem Zauberhagel auszuweichen. Er rollte sich unter eines der Betten und visierte die Beine von zwei verschiedenen Todessern an. Einer bemerkte den Zauber gerade noch rechtzeitig, um ein Schild zu errichten, der andere hatte nicht so viel Glück. Harry musste sich schnell zur Seite rollen, da mehrere Zauber auf ihn zuflogen. Einer traf das Bett und Harry war froh, dass niemand darin lag.
Sein Tarnumhang rutschte etwas an seinen Beinen hoch, als er sich wegrollte und verriet seinen Angreifern seine Position. Harry sprang auf seine Füße und konnte geradeso einem Todesfluch ausweichen, als plötzlich einer seiner Feinde zu Boden ging. Harry schaute kurz zur Tür und sah, wie Remus einen weiteren Zauber auf einen der zwei stehenden Todesser warf.
Mit Remus' Hilfe und nur noch zwei Todessern als Gegner fiel ein wenig von Harrys Anspannung ab und er konnte sich mehr auf einen Angriff konzentrieren. Er schaffte es, einen der Männer zum Stolpern zu bringen und ihn zu entwaffnen und warf dann zu guter Letzt noch einen Schockzauber auf ihn. Harry wandte sich dem letzten Todesser zu und sah, wie der Mann einen Zauber von Remus mit seiner Zauberstabhand abwehrte, während er mit seiner anderen in seine Roben fasste. Harry warf schnell einen Impedimenta auf den Mann, aber er war zu langsam. Gerade als der Zauber sein Ziel erreichte, sah Harry, wie der Arm des Mannes zuckte und der Mann verschwand - zusammen mit den fünf Todessern auf dem Boden.
Tonks Ausruf: „Verdammt", bestätigte Harrys Vermutung, dass die Todesser im Flur ebenfalls verschwunden waren. Wenigstens hatten sie daran gedacht, Anti-Portschlüssel-Schutzzauber über die im unteren Stockwerk zu legen.
Als die Gefahr vorüber war, fühlte Harry, wie ihn seine Energie verließ. Er war hundemüde und musste sich mit einer Hand an einem der nächstbesten Bettpfosten abstützen, um die Balance zu halten. Jeder Zentimeter seines Körpers schmerzte. Er wollte nichts mehr als in ein Bett zu kriechen und dort ein paar Tage bleiben, aber das war keine Option. Er schlug seine Kapuze nach hinten und schaute zu Remus. Die beiden Männer starrten sich einen Moment lang stumm an. Harry war sich nicht sicher, was er sagen oder tun sollte. Er wusste, dass er nicht bleiben konnte. Er musste von hier verschwinden und so schnell wie möglich zum Schloss zurückkehren, und dennoch wollte er die Dinge zwischen sich und Remus nicht ungeklärt lassen. Er musste sichergehen, dass Remus sein Geheimnis wahren würde, zumindest bis sie eine Chance hatten, darüber zu reden.
Als die Stille immer länger andauerte, konnte es Harry nicht mehr länger ertragen. Er trat vor und sagte: „Remus ..." Er hielt inne, unsicher, wie er fortfahren sollte, bevor er sich fasste und sagte: „Ich weiß, ich schulde dir eine Erklärung, aber ich muss von hier verschwinden."
„Ich denke, du musst zuerst ein paar Fragen beantworten", erwiderte Remus ruhig, ohne sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
Harry hielt inne, um ihn zu mustern: „Das können wir jetzt nicht. Wenn es jemand herausfindet ..." Er ließ den Satz unbeendet. „Ich muss von hier verschwinden, bevor zu viele Fragen gestellt werden und bevor mich jemand vermisst."
„Wieso sollte ich dir helfen, dein Geheimnis zu wahren?", fragte Remus mit einem zischenden Flüstern. „Du hast dich heute Nacht beinahe selbst umgebracht."
„Weil du genau weißt, dass ich so gut oder besser als der Großteil des Orden kämpfen kann", schoß Harry zurück. „Hör zu. Fäll nicht jetzt deine Entscheidung. Versprich mir nur, dass du warten wirst, bis wir darüber gesprochen haben."
Ein Moment der Stille entstand zwischen den beiden, der durch Tonks gebrochen wurde, die nach Remus rief.
Remus schaute auf die noch immer offene Tür und dann zurück zu Harry. „Treff mich Dienstagabend in der Hütte. Ich werde bis dahin nichts sagen."
„Danke", sagte Harry, schlug seine Kapuze wieder hoch und konnte so nicht mehr gesehen werden.
Nur einen Moment später trat Tonks durch die Tür. „Da bist du!", rief sie aus, als sie Remus entdeckte. Harry ging langsam ein paar Schritte zurück, als Tonks den Raum betrat. Er ging langsam zur Tür und blieb stehen, als sie fragte: „Was ist mit deinem Freund Jim passiert?" Ihr Tonfall machte ihre Gefühle gegenüber Jim mehr als deutlich.
„Ist verschwunden", erwiderte Remus. „Direkt nach den Todessern. Er muss einen Portschlüssel gehabt haben oder so."
Harry seufzte lautlos und trat zur Tür. Da er nicht wusste, ob es sicher war zu apparieren oder nicht, war er der Meinung, dass es das Beste wäre, zuerst das Krankenhaus zu verlassen. Gerade als er durch die Tür trat, hörte er Remus fragen: „Ist Bill okay?"
Harry erstarrte augenblicklich. Wie konnte er Bill vergessen? Er war nicht nur praktisch Familie, er war auch noch Ginnys Bruder. Harry wagte es nicht einmal zu atmen, als er Tonks Antwort abwartete.
„Er ist ziemlich mitgenommen, aber er wird es schaffen."
Harry fühlte, wie sein Körper sich entspannte und er atmete tief durch. Von dem Wissen beruhigt, dass Bill in Ordnung sein würde, schritt er endlich durch die Tür und bahnte sich einen Weg um die herumlaufenden Ordensmitglieder herum und ging die Treppe hinunter zurück in die Lobby. Er trat durch den Ausgang, der nach Muggellondon führte, ohne auf eine weitere Menschenseele zu treffen. Dann apparierte er zurück nach Hogsmeade, wo er seine Verkleidung loswurde, bevor er sich erschöpft in eine Eule verwandelte und zum Schloss flog.
Er ging schnell zu seinem Büro, wo er plante, eine schnelle Dusche zu nehmen. Um die Wahrheit zu sagen wollte er nichts mehr als die Dusche zu überspringen und in sein Bett fallen, aber er musste alle möglichen Spuren, die seine Beteiligung an dem Kampf verraten konnten, vernichten.
Er öffnete die Bürotür und trat ein. Er war überrascht, Ginny anzutreffen, die auf ihn wartete. Als er sie hoffnungsvoll an ihm vorbeischauen sah, wurde Harry plötzlich von seinen Gefühlen überrollt. Er warf den Tarnumhang von sich und eilte zu ihr, um sie in die Arme zu nehmen. Ginny erwiderte die Umarmung genauso fest und hielt sich an Harry fest als ginge es um ihr Leben.
Harry fühlte, wie ihm der Kopf von den Geschehnissen des Abends schwirrte. Er hatte gedacht, dass er nie mehr die Chance haben würde, Ginny wiederzusehen und nun, da er sie wieder in seinen Armen hielt, wollte er sie nie mehr loslassen. Er gab ihr einen Kuss auf den Scheitel und hielt sie so fest er konnte. Er war so voll von Gefühlen, dass er keinen Satz bilden konnte.
Er wusste nicht, wie lange sie so dastanden, noch wie oft er seine Lippen auf ihr Haar presste. Es war erst, als er plötzlich das Bedürfnis verspürte, ihre Lippen gegen seine zu spüren, dass er seinen Griff lockerte. Und als sie sich etwas von ihm lösen wollte, zog er sie wieder zu sich und neigte seinen Kopf hinunter, um sie zu küssen.
Sie erwiderte seinen Kuss einige Zeit lang, bevor sie sich schließlich von ihm löste. Sich davon nicht abhalten lassend, küsste Harry sich an ihrem Kinn, ihrem Nacken, ihren Wangen entlang - er küsste jeden Zentimeter Haut, den seine Lippen finden konnten. „Harry, was ist los mit dir?", fragte Ginny atemlos. „Was ist passiert?"
Mit einiger Anstrengung begann Harry seine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Er legte seine Hände an ihre Wangen und strich mit seinem Daumen über ihre Haut, während er sich gleichzeitig ein wenig von ihr löste. Er fühlte, wie seine Beine das Sofa berührten und ließ ihr Gesicht los, während er sich zurückfallen ließ. Ohne darüber nachzudenken schloss er seine Augen und öffnete sie erst wieder, als Ginnys Stimme ertönte. „Harry?", fragte sie besorgt.
Er öffnete seine Augen, drehte seinen Kopf und merkte, dass sie sich neben ihn gesetzt hatte. „Es tut mir leid", sagte er. „Ich musste - ich musste dir nur nahe sein. Und ich musste dich küssen."
Ginny strich sanft über seine Wange und nahm dann seine Hand in ihre.
Nachdem Harry sich einen Moment genommen hatte, um sich zu sammeln, fuhr er fort. „Es gab heute ein paar brenzlige Momente", gab er zu, unsicher über ihre Reaktion, aber dennoch wollte er ehrlich zu ihr sein.
Er fühlte und hörte, wie sie scharf Luft holte. „Wie brenzlig?", fragte sie in einem scharfen Flüsterton.
Harry seufzte und fand sich damit ab, die nächtlichen Geschehnisse im Detail wiederzugeben. Er ließ nichts aus. Als er ihr erzählte, wie der Cruciatusfluch auf ihn geworfen worden war, fühlte er, wie sie seine Hand drückte. Als er berichtete, wie nahe er seinem Tod gekommen war, wurde ihr Griff schmerzhaft. Sie holte erschrocken Luft, als er ihr verriet, dass Remus ihn erkannt hatte, aber sie unterbrach ihn nicht einmal, während er seine Geschichte erzählte.
Sie unterbrach ihn nicht, bis er Bills Name erwähnte. Er versicherte ihr schnell, dass es ihm gut ging, wenn er auch ein wenig mitgenommen war, und sie lehnte sich bei dieser Neuigkeit erleichtert an ihn. Er legte einen Arm um sie, als er mit der Erzählung fortfuhr und mit der kurzen Unterredung mit Remus und ihrem geplanten Treffen Dienstagnacht endete.
Als Harry geendet hatte, saßen sie mehrere Minuten lang schweigend auf der Couch. Gerade als Harrys Lider schwer wurden und seine Erschöpfung begann, ihn zu übermannen, fühlte er einen plötzlichen Ruck und war sich plötzlich seiner Umgebung sehr bewusst, denn die Umgebung war nicht die, die er erwartete.
„Erklärt mir, wie ihr so versagen konntet!" forderte Voldemort. „Wochen der sorgfältigen Planung und Vorbereitung und ihr lasst euch von den inkompetenten Lakaien dieses närrischen Muggelliebhabers besiegen."
„Mein Lord", flehte Malfoy, als er sich vor seinem Meister niederwarf. „Sie waren zu früh da; sie müssen es gewusst haben. Wir hatten nicht die nötige Zeit, um ..."
„Ihr hattet nicht die Zeit?" Voldemorts Stimme war nur noch ein Flüstern. „Sag mir, wie lange habt ihr gebraucht, um dort hinzukommen?" Er hielt inne, als würde er eine Antwort erwarten, aber fuhr fort, bevor einer von ihnen etwas erwidern konnte. „Deine Entschuldigungen erschöpfen meine Geduld, Lucius." Voldemort griff langsam in seine Roben, um seinen Zauberstab herauszuziehen. Er badete in der Angst, die er von seinen Dienern fühlen konnte. Es waren einige der mächtigsten und einflussreichsten Zauberer der Nation, die vor ihm kauerten - und keinen Finger bewegten, um sich zu verteidigen. Das war wahre Macht. „Crucio", zischte er und Malfoys Körper fiel vor ihm zusammen. Er zuckte auf dem Boden, als der Mann versuchte, ohne Erfolg seine Schreie zu unterdrücken.
Harry fühlte, wie seine Narbe in Schmerzen ausbrach, aber er kämpfte damit, das Gefühl unter Kontrolle zu bekommen. Sein Körper war in Hogwarts. Er war in Voldemorts Gedanken. Sie waren getrennt, und dennoch verbunden. Er drückte das Gefühl so gut er konnte zur Seite und konzentrierte sich darauf, unsichtbar zu bleiben. Er war nur teilweise erfolgreich, aber es schien genug zu sein, so dass Voldemort seine Anwesenheit nicht bemerkte.
Nach einiger Zeit hob Voldemort den Fluch auf und nahm sich einen Moment, um seine Diener zu begutachten. „Vielleicht hast du Recht, Lucius. Vielleicht ist ein Spion unter uns." Die Todesser traten bei dieser Aussage einen Schritt zurück, ihre Angst deutlich zu sehen. Harry konzentrierte sich auf die wenigen Namen, die in Voldemorts Gedanken auftauchten. Die meisten der Namen waren Harry unbekannt, aber er erkannte ein paar. Snapes Name war auch dabei und Voldemort hielt sich bei ihm auf. Snape war die logischste Wahl, auch wenn seine Loyalität in der Vergangenheit bewiesen worden war. Er war in der besten Position und seine Okklumentikfähigkeiten waren beeindruckend.
Der Beginn eines Planes begann sich in Voldemorts Kopf zu formen, aber er schob diesen Gedanken für den Moment zur Seite. Er musste sich im Moment mit anderen Dingen beschäftigen, insbesondere die Bestrafung von vielen anderen Dienern. Voldemort sprach die verhüllten Personen kaum an, bevor er mit der Folter begann. Harry fühlte, wie seine Narbe wieder vor Schmerzen brannte und er kämpfte damit, sich von Voldemort zu trennen. Es dauerte einige qualvolle Minuten, bevor er fühlte, wie er sich lösen konnte und in seinem eigenen Körper zu Bewusstsein kam.
Ginny war da, ihre Arme sicher um ihn geschlungen. Er hielt sich an ihr fest, während er versuchte, seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Es schien, dass dies eine Gewohnheit für sie zu werden schien, dachte Harry, aber er wusste, dass es nur ein schlechter Zufall war. Er ließ Ginny los und löste sich von ihr.
„Alles okay?", fragte sie und lehnte sich zurück.
Harry wollte gerade darauf bestehen, dass sie ins Bett ging, entschloss dann aber, sich nicht die Mühe zu machen. Es war eine sinnlose Diskussion und er hatte nicht die Energie dafür. Er holte seinen Koffer hervor, ging hinein und ging direkt ins Bad, um eine Dusche zu nehmen
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Sobald Harry in seinem Koffer verschwunden war, verlor Ginny die Kontrolle über ihre Emotionen. Ein Schluchzen brach gegen ihren Willen aus ihr heraus und Tränen rannen ihre Wangen hinunter. Ihre schlimmste Angst war beinahe Realität geworden. Sie zog ihre Beine an ihren Körper und ließ ihre Gefühle heraus.
Sie konnte sich nicht vorstellen, was sie getan hätte, wenn sie Harry verloren hätte. Sie wusste von den Gefahren, denen er sich aussetzte. Jedes Mal, wenn er das Schloss verließ, war ihr Herz mit Angst und Sorge gefüllt. Es war dies mehr, als alles andere, das sie dazu brachte, mit Harry zu trainieren. Sie konnte nicht untätig danebensitzen, während er sein Leben riskierte. Sie musste bei ihm sein, um sicherzugehen, dass es ihm gut ging.
Sie missgönnte Harry seine Mitwirkung im Krieg nicht. Sie fühlte genauso. Und anders als sie hatte er schon vor einiger Zeit die Initiative ergriffen, um sich vorzubereiten. Sie - wie so viele andere - wollte etwas beisteuern, aber sie war nie gewillt gewesen, die Anstrengungen in Kauf zu nehmen - nicht, bis sie Harrys Beispiel gesehen hatte. Das war der Knackpunkt; sie brauchte Harry.
So viele von ihnen brauchten Harry. Es war schließlich Harry, der die HA-Klassen unterrichtete. Es war Harry, der ihnen die Mittel gab, die sie benötigen würden, um den Krieg zu überleben. Harry war die einzige Person, die sie ernst nahm und ihnen das Kämpfen beibrachte. Harry war derjenige, der sie ständig antrieb. Es war Harry, der an sie glaubte und sie bei jedem Fehltritt erneut ermunterte.
Aber sie brauchte Harry noch viel mehr. Er war ihr bester Freund. Er war die einzige Person, mit der sie vollständig aufrichtig sein konnte- die einzige Person, die sie verstehen konnte. Und sie hatte ihn beinahe verloren. Sie zog ihre Knie nah an ihren Oberkörper. Ihre Augen waren zusammengekniffen, und sie tat nichts, um den Tränenfluss aufzuhalten. Sie konnte sich ein Leben ohne Harry nicht vorstellen.
So versunken war sie, dass sie es nicht bemerkte, als Harry wieder aus dem Koffer auftauchte. Sie hörte seine Schritte nicht, als er zum Sofa hinüberging. Aber sie hörte deutlich den Schmerz in seiner Stimme, als er ihren Namen sagte: „Ginny."
Sie fühlte, wie sich das Sofa bewegte, als er sich neben sie setzte und sie erlaubte ihm, sie in seine Arme zu nehmen. Sie fühlte sich dumm und albern, beim Weinen erwischt zu werden und nun, da die Tränen flossen, konnte sie sie nicht aufhalten. Sie kuschelte sich tiefer in Harrys Umarmung und suchte seine Wärme - die Stärke und Festigkeit seines Körpers.
„Schh", flüsterte er zärtlich. „Es ist alles okay. Mir geht es gut. Bill geht es gut."
Sie konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. Harry drückte sie fester und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel. So blieben sie einige Minuten lang sitzen, während Ginny um ihre Fassung rang. Als sie begann, die Tränen unter Kontrolle zu bekommen, fühlte sie, wie ihr Körper sich entspannte und sich gleichzeitig Harrys Griff löste.
Sie wollte nichts mehr als bei ihm zu bleiben, dennoch wusste sie, das sie und besonders Harry den Schlaf brauchte. Sie wischte mit ihrem Ärmel die letzte Träne weg und löste sich aus Harrys Umarmung. Sie fühlte sein Zögern, bevor er seine Arme senkte und sie schaute hoch in seine Augen. Seine Augen waren gerötet und sie konnte die Spur sehen, die eine einzelne Träne auf seiner Wange hinterlassen hatte.
Mit einem kleinen Seufzen stand sie auf und hielt Harry ihre Hände hin: „Komm. Ich habe dich lange genug wach gehalten. Du brauchst deinen Schlaf."
Harry packte sie an beiden Händen. Als er aufstand, ließ er ihre Hände los und nahm sie wieder in die Arme. Mit großem Widerwillen ließen sie sich einen Moment später los, um zurück zum Gryffindorturm zu gehen, wo sie nach einem letzten Kuss zu ihren jeweiligen Schlafsälen gingen, um zu versuchen, ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.
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Der Morgen kam zu früh für Harry. Er war nicht schnell eingeschlafen, nicht in der Lage, das Bild, wie Ginny die Nacht zuvor weinte, zu vergessen. Er wollte so verzweifelt bei ihr sein, sie in seinen Armen halten - ihr und sich zuliebe. Selbst nachdem er beschlossen hatte, sein morgendliches Workout zu überspringen, war er an diesem Morgen noch immer erschöpft, da er nur wenige Stunden unruhigen Schlafes hinter sich hatte. Er bedauerte seinen übermäßigen Genuss des Stärkungstrankes in der Woche zuvor. Ansonsten hätte er eine Dosis nehmen können, um sich so durch den Tag zu helfen. Nun jedoch war er gezwungen, ohne den Trank auszukommen.
Das Frühstück war eine relativ gedrückte Angelegenheit. Harry war zu müde und abgelenkt, um an der Unterhaltung teilzunehmen und die Mahlzeit verging nur langsam, bis es schließlich an der Zeit war, zu Verwandlung zu gehen. Während des Unterrichts hatte Harry Schwierigkeiten, wach zu bleiben, als Professor McGonagall über irgendetwas dozierte - Harry war zu müde um überhaupt das Thema mitzubekommen. Er war nur wenig überrascht, dass die Professorin ihn nach dem Läuten bat, dazubleiben.
Harry grauste es vor der Unterhaltung, wissend, dass sie ohne Zweifel seine Unaufmerksamkeit bemerkt hatte. Er war leicht überrascht, als die ersten Worte aus ihrem Mund ihre Besorgnis bekundete, nachdem sie die Klassenzimmertür geschlossen hatte. „Alles okay, Harry? Dir scheint es heute nicht gut zu gehen."
„Entschuldigen Sie, Professor", erwiderte Harry. „Ich habe in letzter Zeit nicht gut geschlafen."
„Minerva, Harry", korrigierte sie, bevor sie fragte: „Sind es Visionen?"
„Meistens", erwiderte Harry. „Manchmal sind es nur Träume, aber letzte Nacht ...,letzte Nacht hatte ich zwei Visionen", er schaute sie an und sah, dass sie nicht im geringsten überrascht zu sein schien, nicht, dass sie das sollte angesichts der Tatsache, dass sie in St. Mungos gewesen war. „Ich hatte eine vor dem Angriff und ich bin zu Professor Dumbledores Büro gerannt, um ihn zu warnen. Danach hatte ich Schwierigkeiten, wieder einzuschlafen und als ich es tat, hatte ich eine weitere Vision. Voldemort war nicht besonders glücklich."
„Ich dachte, dass das das Problem sein könnte", sagte sie. „Ich möchte, dass du nach deiner letzten Unterrichtsstunde zu Madam Pomfrey in den Krankenflügel gehst. Ich werde sie wissen lassen, dass sie dich erwarten soll und einen Traumlosschlaftrank für dich vorbereiten soll. Du bist in keiner Verfassung, heute Abend etwas zu machen und der Extraschlaf wird dir gut tun."
Harry nickte, wissend, dass sie Recht hatte. So sehr er es hasste, sein Training an diesem Nachmittag zu schwänzen, wusste er, dass ihm die Energie dafür fehlte.
„Und ich möchte, dass du es mich wissen lässt, wenn du weiterhin Probleme hast zu schlafen. Wir können dir nicht jede Nacht einen Traumlosschlaftrank geben, sonst riskieren wir eine Abhängigkeit, aber es gibt andere Möglichkeiten, die wir in Erwägung ziehen können."
„Danke", sagte Harry, wirklich erfreut von ihrem Angebot und ihrer Sorge.
Sie lächelte und legte eine Hand auf seine Schulter: „Gerne."
Harry kehrte zum Gryffindorturm zurück, wo er den Rest der Zeit vor dem Mittagessen mit einer Runde Zaubererschnippschnapp mit Ron und Neville verbrachte. Hermine befragte Harry beim Mittagessen, über was Professor McGonagall mit ihm reden wollte. Deshalb erzählte Harry seinen Freunden, dass er die Nacht zuvor nicht gut geschlafen hatte. Dabei konnte er nicht vermeiden, über seine Visionen zu reden. Er sagte nicht, wie oft er sie hatte, nur dass er in der vorigen Nacht zwei gehabt hatte, was der Grund war, warum er so mitgenommen war.
Sich der Menschen um sie herum bewusst fragte niemand nach besonderen Details der Visionen, wofür Harry dankbar war. Er hatte wirklich keine Lust, sie im Moment zu diskutieren. Er wusste, dass er Dumbledore von seiner zweiten Vision erzählen musste, aber es gab keine große Eile, außer Dumbledore zu warnen, dass Voldemort einen Spion vermutete. Solange sie Voldemort davon abhalten konnten, Snape wirklich zu verdächtigen - auch wenn ein Teil von Harry nicht besonders besorgt über das Wohlergehen des Zaubertrankprofessors war -, könnte es zu ihrem Vorteil sein. Wenn Voldemorts Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit eines Spions fokussiert war, könnten die Angriffe abnehmen.
Zumindest konnten die Neuigkeiten noch wenigstens einen Tag warten. Alles, was Harry nun noch zu tun hatte, war, Pflege magischer Geschöpfe hinter sich zu bringen, bevor er Madame Pomfrey aufsuchen und den Rest des Tages verschlafen würde. Mit einem mörderischen Greif als Lehrobjekt war das natürlich einfacher gesagt als getan. Harry versuchte noch einmal, mit der Kreatur zu kommunizieren und sandte ein Bild von sich selber, wie er sanft mit seinen Fingern durch die Federn am Kopf und Nacken des Greifs fuhr, so wie es Fawkes scheinbar genoss.
Er gab auf, als der Greif die Hand des „zweiten" Harrys abbiss. Außer dieser kleinen Unerfreulichkeit verging der Unterricht relativ problemlos. Seine Neugier dem Greif gegenüber half ihm, während des Unterrichtes wach zu bleiben und schon bald war er auf dem Weg zum Krankenflügel. Madame Pomfrey hatte schon einen Zaubertrank für ihn bereitgestellt, als er ankam. Sie informierte ihn, dass der Trank ihn für wenigstens zwölf Stunden außer Gefecht setzen würde, wahrscheinlich sogar länger. Sie gab ihm dann eine kurze Einführung in die Gefahren, wenn man zu viele Traumlosschlaftränke zu sich nahm und über die Risiken der Sucht und Abhängigkeit, sollte er ihn zu oft verwenden.
Da Harry zuvor alles über den Trank gelesen hatte, hörte Harry nur aufmerksam genug zu, um an den richtigen Stellen zu nicken und seine Zustimmung zu geben. Nachdem er der Matrone versprochen hatte, dass er keinen Umweg nehmen und dass er das gesamte Fläschchen sofort trinken würde, ging er mit dem vollen Fläschchen in der Hand in seinen Schlafsaal. Harry nahm sich eine Minute Zeit, um seine Erinnerungen an den Tag durchzugehen, bevor er die Flüssigkeit trank und auf sein Bett sank. Sein letzter Gedanke bevor der Schlaf ihn übermannte war einer des Bedauerns, nämlich das er nicht die Gelegenheit haben würde, Ginny eine Gute Nacht zu wünschen.
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Harry war früh am nächsten Morgen wach und fühlte sich erfrischt und gestärkt. Er wachte eine volle Stunde früher auf, als er es sonst tat und nahm daher die Gelegenheit wahr, vor seinem Workout mit Ginny etwas Arbeit zu erledigen. Als er an seinem Zaubertränkeaufsatz arbeitete, konnte er seine Gedanken nicht davon abhalten, zu wandern. Seine Gedanken kreisten vor allem um eine bestimmte Person und frustrierte Harry damit ohne Ende.
Es war geplant, dass Harry an diesem Abend Remus in der Heulenden Hütte treffen würde und er machte sich ziemliche Sorgen, wie dieses Zusammentreffen ablaufen würde. Auf der einen Seite vertraute er Remus. Er hegte keine Zweifel, dass Remus immer mit Harrys bestem Interesse im Herzen handeln würde. Während das schön und gut war, fürchtete Harry, dass Remus Besorgnis um Harrys Wohlergehen sein Urteilsvermögen beeinträchtigen würde.
Die Tatsache, dass er Remus überzeugen hatte können, sein Geheimnis zu bewahren, bis sie eine Chance hatten, zu reden, gab Harry ein wenig Hoffnung. Es bedeutete, dass Remus zumindest gewillt war, die Sache zu überdenken, bevor er seine Entscheidung treffen würde. Aber das bedeutete auch, dass Harry Remus überzeugen musste, das Geheimnis zu bewahren, was bedeutete, noch ein paar weitere Geheimnisse zu offenbaren. Wenn er nicht mehr preisgeben würde, würde Remus sicher Dumbledore und dem Orden alles erzählen. Wenn er seine Geheimnisse verriet und Remus noch immer entschied, ihn zu verraten, würde Harry jedoch in einer noch schlimmeren Situation stecken.
Es war keine gute Situation. Von seinen Gedanken abgelenkt bemerkte er nicht, wie Ginny zum Gemeinschaftsraum hinunter kam, bis er ihre Stimme hörte und ihre Hand auf seiner Schulter spürte. „Harry?"
Er sprang vor Schreck beinahe von seinem Platz hoch und brauchte einen Moment, um seine Fassung wiederzuerlangen.
„Was ist los?", fragte Ginny besorgt. „Hast du letzte Nacht nicht gut geschlafen?"
„Doch", erwiderte Harry. „Ich habe tatsächlich sehr gut geschlafen. Ich war nur in Gedanken."
„Worüber hast du nachgedacht?", fragte sie, während sie sich vorbeugte, um auf das Pergament und das Buch zu schauen, die auf dem Tisch lagen. „Etwas sagt mir, dass es nichts mit Zaubertränke zu tun hat."
Harry zögerte eine Zehntelsekunde lang. Er hatte seinen Kopf auf seine Hände abgestützt und fuhr sich mit seinen Fingern durchs Haar, während er ins Nichts starrte. „Ich habe gerade nur über Remus nachgedacht. Ich soll ihn heute Nacht treffen und ich mache mir Sorgen, wie es ablaufen wird."
„Verständlich."
„Würdest du ..." Er hielt inne und drehte sich um, um ihr in die Augen zu schauen. „Würdest du mit mir kommen?"
„Sicher", erwiderte Ginny. „Wenn du das möchtest."
„Danke", sagte Harry und streckte seine Hand aus, um ihre Hand zu drücken.
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Der Tag verging für Harry im gefühlten Flubberwurmtempo. Er ertappte sich immer wieder dabei, wie er über den kommenden Abend nachdachte. Seine Angespanntheit wurde immer größer, als der Tag voranschritt. Jede Minute brachte ihn näher zu dem unausweichlichen Treffen. Er bezahlte im Zaubertränkeunterricht für seine Unaufmerksamkeit, als er nicht aufpasste und entweder einen Fehler mit seinem Zaubertrank machte oder eines von Malfoys Sabotageakten nicht bemerkte. Egal was die Ursache seines ruinierten Zaubertranks gewesen war; er musste einen zehnminütigen Monolog von Snape über seine Inkompetenz und Unfähigkeit über sich ergehen lassen.
Davon abgesehen verging der Rest des Tages ohne Zwischenfälle. Harry hatte keine bestimmte Zeit ausgemacht, um sich mit Remus zu treffen, aber er nahm an, dass sie sich um die selbe Zeit treffen würden, wie sie es auch sonst beim Vollmond taten. Seine AHA-Klasse an diesem Abend war besonders anstrengend, aber er zwang sich, sich zu konzentrieren und überstand den Unterricht.
Danach gab er es auf, zu versuchen, irgendwelche Arbeit zustande zu bekommen und forderte Ron zu einer Partie Schach auf. Es erwies sich als eine gar nicht üble Ablenkung, da er seine Gedanken wandern lassen konnte, während Ron seine Strategie plante. Die Tatsache, dass Harry in jeder Partie vernichtend geschlagen wurde, erweckte keinerlei Argwohn, da das jedes Mal passierte, wenn er gegen Ron spielte.
Als es spät wurde, entschuldigte Harry sich und ging zum Schlafsaal hoch. Er errichtete seine übliche Illusion und nahm seinen Tarnumhang als Vorsichtsmaßnahme mit. Er öffnete das Fenster, verwandelte sich in eine Eule und flog in die kühle Nachtluft hinaus. Auf die Äste der Peitschenden Weide bedacht flog Harry schnell durch die Öffnung am Fuß des verzauberten Baumes.
Er wartete ein paar Minuten, bis er Ginnys Zauber hörte, der den Knoten gerade außerhalb des Tunnels hinunterdrückte. Er hielt ihr seine Hand hin, als sie sich näherte und als ihre unsichtbare Hand seine ergriff,: half er ihr die Schräge hinunter in den Tunnel hinunter. Als sie ihren Tarnumhang auszog, grüßte er sie mit einem kurzen Kuss: „Hi."
„Hey", erwiderte sie. „Bist du bereit?"
„So bereit wie ich jemals sein werde", erwiderte Harry mit einem leichten Grinsen.
Sie verdrehte die Augen. „Oh, komm schon. Es macht keinen Sinn, sich über etwas Sorgen zu machen, über das du keine Kontrolle hast. Außerdem hat Remus das Geheimnis deiner Animagusgestalt für sich behalten. Ich bin mir sicher, dass wir ihn davon überzeugen können, dieses Geheimnis ebenfalls zu wahren."
„Ich hoffe, du hast Recht."
Damit gingen die beiden los. Der Tunnel war zu schmal, um nebeneinander zu laufen, und daher ging Harry voraus und Ginny folgte ihm dicht auf. Als sie liefen, übte Harry für- so erschien es ihm - zum tausendsten Mal an diesem Tag, was er Remus sagen würde. Ihn ergriff kurz die Angst, dass er alle seine Argumente vergessen würde, wenn es soweit war und so ging er schnell noch einmal alle durch, bis der Tunnel anstieg und Harry bei der Falltür stand.
Tief ausatmend legte Harry seine Hände an die Tür und drückte sie auf.
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Remus ging ungeduldig auf dem bereits ausgetretenen Boden auf und ab. Zum gefühlt tausendsten Mal schaute er auf seine Armbanduhr. Harry sollte jede Sekunde auftauchen. Trotz der Tatsache, dass er ihn bereits seit geraumer Zeit verdächtigte, hatte Remus noch immer Schwierigkeiten, die Tatsache zu akzeptieren, das Harry Jim war - das Harry es hinbekommen hatte, sich wenigstens vier Mal hinauszuschleichen, um gegen Todesser zu kämpfen.
Es waren noch viele Fragen zu beantworten, bevor alles einen Sinn ergeben würde. Wie konnte Harry überhaupt Magie außerhalb Hogwarts anwenden, ohne die Aufmerksamkeit des Ministeriums auf sich zu ziehen? Wo hatte er gelernt, zu apparieren? Wo um Merlins Willen hatte er gelernt, so zu kämpfen? Die Frage des warum war einfach zu beantworten: Es lag in Harrys Natur, sich einzubringen, zu versuchen, etwas Falsches oder Schlimmes aufzuhalten. Es war eine von Harrys liebenswertesten und frustrierendsten Eigenschaften.
Remus hatte keine Ahnung, was er nach diesem Treffen machen würde. Das kam vor allem darauf an, was er von Harry erfahren würde. Ein Teil von ihm bestand darauf, dass Harry beschützt werden musste, selbst gegen seinen Willen, aber ein anderer Teil von ihm war bereit, die Situation objektiv zu betrachten. Harry konnte kämpfen, ganz einfach, und im Moment benötigten sie jede Hilfe, die sie kriegen konnten. Er hatte sich bereits als fähig erwiesen, das konnte man nicht leugnen.
Das machte die Situation so schwierig. Wenn er im Kampf nicht so fähig wäre, wäre es einfach, zu sagen, dass er zu jung und unerfahren war, um in den Kämpfen involviert zu sein. Harry jedoch würde im Krieg involviert sein, egal ob er direkt im Kampf beteiligt war oder nicht. Voldemort würde so oder so Harry nicht in Ruhe lassen.
Dann war da die Prophezeiung. Remus kannte nicht den gesamten Inhalt, aber er konnte so gut wie jeder andere zwei und zwei zusammenzählen. Es war klar, dass Harry eine wichtige Rolle im Krieg zu erfüllen hatte. Vielleicht musste Harry involviert sein.
Während seinem Hin- und Hergehen und seinen Überlegungen hatte Remus seiner Umgebung wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es war das Geräusch der sich öffnenden Falltür, das ihn schließlich aus seinen Gedanken riss. Er blieb abrupt stehen und starrte auf die neuentstandene Öffnung, aus der Harrys Kopf auftauchte. Ihre Blicke trafen aufeinander und er konnte sofort erkennen, dass Harry genauso nervös und besorgt über das Treffen war wie er.
Er war nur leicht überrascht, das Ginnys Gesicht zu sehen war, nachdem Harry aus der Falltür getreten war. Also wusste sie Bescheid. Er hatte sich gefragt, ob Harry sich ihr vollständig anvertraut hatte. Sobald Ginny aus dem Tunnel geklettert war, schloss Harry die Falltür mit einem dumpfen Schlag, der durch den ansonsten geräuschlosen Raum hallte. Keine Begrüßungen wurden ausgetauscht, während Remus Harry musterte und die beiden Teenager ihn musterten.
Stille erfüllte den Raum, als das Geräusch der zufallenden Tür verhallte. Remus war sich nicht sicher, was er sagen oder fragen sollte - wo sollte er beginnen? Er öffnete mehrmals seinen Mund, aber ihm fiel nichts ein.
Schließlich sagte Harry: „Danke, dass du zugestimmt hast, dich mit mir zu treffen."
Remus schaute ihm direkt in die Augen, als er antwortete: „Ich schulde dir zumindest das."
Harry nickte und zögerte einen Moment lang. Ginny trat neben ihn, nahm seine Hand in ihre und Harry lächelte ihr zu, bevor er sich wieder Remus zuwandte: „Möchtest du anfangen, oder soll ich?"
„Ich denke, du solltest besser anfangen", sagte Remus sofort. „Ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll."
„Nun", begann Harry. „Das erste, das du vielleicht wissen solltest ist, dass ich entdeckt habe, dass ich ziemlich gut mit zauberstabloser Magie bin."
„Zauberstablose Magie", wiederholte Remus unbewusst. Was immer er erwartet hatte, was Harry sagen würde: Auf diese Aussage war er nicht vorbereitet.
„Das könnte einige Zeit in Anspruch nehmen", meinte Harry. „Vielleicht sollten wir uns alle besser hinsetzen."
Remus nickte und griff nach seinem Zauberstab, als Harry seine Hand hob, um ihn aufzuhalten. „Erlaube mir."
Mit einer Handbewegung tauchten ein Sessel und ein Sofa in der Mitte des Zimmers auf. Harry führte Ginny zu letzterem und nachdem er einen Moment lang mit offenem Mund dagestanden war, ging Remus zum anderen und lehnte sich in dem gemütlichen Stuhl zurück.
„Wie hast du ...?", begann er sofort zu fragen, nachdem er sich gesetzt hatte, aber die Frage blieb ihm im Hals stecken.
„Wie ich zauberstablose Magie gelernt habe?", fragte Harry für ihn. Remus nickte. „Nun, erinnerst du dich, wie ich vor zwei Sommern in Little Whinging von Dementoren angegriffen wurde?" Wieder nickte Remus. „Mein Cousin, Dudley, hatte mich geschlagen in der Annahme, dass ich ihm einen Streich spielte und ich ließ meinen Zauberstab fallen. Es war so dunkel, dass ich nicht sehen konnte, wohin er fiel, und in der Zwischenzeit kamen die Dementoren schnell näher und in meiner Panik sagte ich „Lumos", während ich mir verzweifelt Licht wünschte und mein Zauberstab leuchtete auf."
Remus runzelte die Stirn und fragte sich, warum Harry das zuvor nie angesprochen hatte, aber bevor er fragen konnte, fuhr Harry mit seiner Erklärung fort:
„Damals habe ich nicht lange darüber nachgedacht. Es geschahen so viele andere Dinge, dass ich es total vergessen habe. Aber dann habe ich gelernt, wie schwierig es für den durchschnittlichen Zauberer ist, zauberstablose Magie auszuführen, selbst so ein einfacher Zauber wie Lumos. Als ich das erfuhr, begann ich damit zu experimentieren und nach einigem Ausprobieren und viel Übung habe ich es geschafft, dass ich jeden Zauber, den ich mit einem Zauberstab zaubern kann, auch ohne einen zaubern konnte. Als ich weiterübte, wurde es einfacher und natürlicher, bis ich Zauber schneller und effizienter ausführen konnte als ich es je mit einem Zauberstab getan habe."
Remus fühlte, wie seine Augenbrauen sich immer weiter seinem Haaransatz näherten, als Harry mit seiner Geschichte fortfuhr. Er hatte einen gestohlenen Zauberstab vermutet. Er hatte kurz in Erwägung gezogen, dass Harry einen Weg um den Verfolgungszauber an seinem Zauberstab gefunden hatte. Aber zauberstablose Magie? Nicht in seinen wildesten Träumen.
„Als ich erfuhr, dass das Ministerium das Zaubern anhand des Zauberstabs und nicht am Zauberer verfolgte, wusste ich, dass es ungefährlich war, während des Sommers zu üben." Remus lächelte reuevoll über die Erkenntnis, dass er Harry diese Information gegeben hatte.
„Und dann habe ich die Idee gehabt, zu versuchen, zwei Zauber auf einmal zu werfen."
Remus war geschockt. „Zwei Zauber?", murmelte er.
Harry nickte. „Zuerst habe ich nur denselben Zauber mit beiden Händen auf einmal geworfen, aber ich war irgendwann soweit, dass ich simultan zwei verschiedene Zauber werfen konnte."
Remus war sich nicht sicher, ob er Dumbledore je zwei Zauber auf einmal hatte werfen sehen, aber dann wiederum mag er es so verstohlen angewendet haben, dass es keine Möglichkeit gab, zu sagen, ob er es anwandte oder nicht.
„Ich habe den ganzen Sommer über trainiert und seit im September die Schule wieder begann jeden Tag im Raum der Wünsche trainiert. Oh, und jeden Morgen jogge ich und absolviere ein Work-out."
Harry hielt in seiner Erklärung inne und gab Remus einen Moment, um alles, was gesagt wurde, zu verarbeiten, aber Remus wusste, dass er mehr als ein paar Minuten brauchen würde, um das zu tun. Und dennoch war noch immer so viel ungeklärt.
„Wo hast du gelernt, zu apparieren?", fragte er.
Harry antwortete nicht sofort. Stattdessen schaute er zu Ginny, die seinen Blick erwiderte. Auf beiden Gesichtern war ein ernster Ausdruck, als sie scheinbar nur mit einem Blick kommunizierten. Nach einem kurzen Augenblick wandte Harry sich wieder zu ihm und nachdem er sich geräuspert hatte, sagte er: „Das ist ein wenig schwieriger zu erklären."
‚Das ist ein wenig schwieriger zu erklären?', dachte Remus ungläubig. Wenn das schwieriger zu erklären war als seine Fähigkeiten mit der zauberstablosen Magie, war er sich nicht sicher, ob er es wissen wollte. Er fragte sich, ob sein Gehirn es verarbeiten konnte, und doch glaubte er, er würde explodieren, wenn er die Antwort nicht bald hören würde.
„Ich habe Zeit", erwiderte er schließlich.
Harry schien nicht besonders erfreut zu sein, das zu hören. Remus bemerkte, das Ginnys Hand ihren Weg zu Harrys Bein kurz oberhalb seines Knies gefunden hatte und sanft mit ihren Fingern hoch und runter fuhr. Nach einem kurzen Augenblick schien es einen deutlichen Effekt auf Harry zu haben und ihn zu beruhigen. Harry schluckte schwer und begann: „Was würdest du sagen, wenn ich sagen würde, dass Sirius es mir beigebracht hat?"
Es war überraschend, aber angesichts der Tatsache, dass er Harry im Geheimen die Animagusverwandlung gezeigt hatte, war es kein zu großer Schock, zu erfahren, dass er ihm ebenfalls Apparierunterricht gegeben hatte. Wenigstens war Remus nicht allzu sehr geschockt, bis Harry mit dem Worten: „im letzten Sommer", endete.
Remus fühlte sich, als hätte er einen Schlag in den Magen abbekommen. Dann kam ihm plötzlich die Erkenntnis und er sagte unbewusst: „Nein, das kann nicht sein." Er starrte Harry einen Moment lang an, bevor er sich abwandte und zu sich selbst sagte: „Es kann nicht wahr gewesen sein." Es gab keine Möglichkeit, dass es wirklich geschehen war. Sirius war gestorben. Er hatte es gesehen. Es gab kein zurück. Er drehte sich wieder um und schaute fest in Harrys Augen, dessen Blick fest standhielt. „Was meinst du?, fragte er schließlich.
Harry seufzte. „Er hat mich irgendwie im Schlaf besucht", erklärte er mit einem Schulterzucken. „Ich weiß nicht, wie ich es besser erklären soll. Er sagte, er säße einige Zeit an einem Ort zwischen den Lebenden und den Toten fest und während er dort sei, könnte er mich in meinen Träumen besuchen."
„Nur in deinen Träumen?", fragte Remus angespannt nach.
„Nun, nein. Ich glaube, er sagte, allen, denen er in seinem Leben nahe stand", antwortete Harry mit leicht gerunzelter Stirn. „Warum?"
„Ich bin nur neugierig", erwiderte Remus schnell. „Erzähl mir mehr."
„Es war ein wenig merkwürdig, aber wir konnten die Umgebung bis zu einem gewissen Grad kontrollieren und wir konnten Magie wie in der realen Welt verwenden. Er half mir den Sommer über und auch während des Schuljahres zu trainieren. Er - äh". Harry hielt inne und schluckte. Remus bemerkte, wie Ginnys Finger sich mehr in Harrys Oberschenkel gruben. „Er hat vor etwas mehr als einem Monat diese Welt verlassen."
Remus erkannte schnell den Zusammenhang zu der Zeit, als Sirius anscheinend gegangen war und als er sein eigenes Zusammentreffen mit seinem verstorbenen Freund gehabt hatte. „Sirius hat dir also in dieser Traumwelt beigebracht, zu apparieren?", fragte er, auch wenn er wusste, dass Harry genau das gesagt hatte.
„Ja", sagte Harry, aber sein Tonfall machte deutlich, dass er nicht glaubte, dass Remus ihm glauben würde.
Remus bemerkte, wie Ginny Harry etwas zuflüsterte, auch wenn er nicht hören konnte, was, und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Harry drehte sich einen Moment zu ihr und schaute sie verliebt an, bevor er Remus wieder seine Aufmerksamkeit widmete.
„Du hast dann also auch gelernt, zauberstablos zu apparieren?", fragte Remus, um sicher zu gehen.
„Ja."
Remus nickte. Er wusste, dass er Harry von seinem Treffen mit Sirius erzählen musste, aber er zögerte, dies zu tun. Er hatte sich bisher kaum erlaubt, die Möglichkeit überhaupt in Erwägung zu ziehen, dass es wirklich geschehen war. Er brauchte Zeit, um die Situation neu zu überdenken. Dennoch wusste er, dass er Harry wenigstens so viel schuldete, nachdem dieser so viel mit ihm geteilt hatte.
„Er - ich meine Sirius - er - äh - nun", begann Remus, holte tief Luft, um sich zu beruhigen und fuhr fort: „Er hat mich einmal besucht. Ich glaube, kurz bevor er ging."
Remus registrierte, wie Harry zischend einatmete. „Was hat er gesagt?", fragte Harry mit kontrollierter Stimme.
„Leider nicht viel", erwiderte Remus. „Eigentlich nur, dass ich dir vertrauen sollte, wenn die Zeit kommt." Er entschied, nichts darüber zu sagen, was Sirius über Harrys Stärke und Fähigkeiten angedeutet hatte. Auch wenn Sirius ihm nichts Spezifisches gesagt hatte, dachte er, es sei am besten, Sirius Loyalität gegenüber Harry nicht in Frage zu stellen.
Harry entspannte sich merklich bei seinen Worten. Einen Moment später erschien ein kleines Grinsen auf seinem Gesicht, als erfragte: „Wie hast du es schließlich herausgefunden?"
„Nun, es war vor allem die Panthergestalt, wie ich bereits sagte", antwortete Remus. „Auch wenn ich kurz verwirrt war, als Dumbledore sagte, dass einer von euch ein Vogelanimagus ist."
„Einer von uns?", fragte Harry nach.
„Oh", sagte Remus und gab sich einen leichten Klaps auf die Stirn. „Der Orden und Dumbledore glauben, dass du zwei Personen bist." Remus hielt inne, als Harry und Ginny sich zueinander wandten und plötzlich in Gelächter ausbrachen. Er fing ebenfalls an zu lachen, wenn auch weniger enthusiastisch.
„Sie - sie glauben, dass - ich zwei Personen bin?", fragte Harry, als das Gelächter langsam abflaute.
„Ich dachte es eine kurze Zeit lang ebenfalls", fügte Remus hinzu. „Ich nahm an, dass du es bist und dein Komplize wäre dann offensichtlich." Er nickte unnötigerweise Ginny zu. „Aber die Dinge passten nie wirklich zusammen, und als die Vogelanimagustheorie auftauchte, wusste ich nicht mehr, was ich denken sollte. Ich schätze, sie liegen damit einfach nur falsch."
Harry und Ginny wechselten einen kurzen, verschwörerischen Blick, sagten aber beide nichts.
„Was hast du nun vor?", fragte Harry nach einem Moment.
Remus seufzte und ließ seine Schultern hängen. „Ich weiß es nicht", sagte er müde. „Das ist nicht wenig zu verdauen." Remus hielt einen Moment inne, als ihm eine Idee kam: „Was würdest du an meiner Stelle tun?"
Harrys Gesichtsausdruck spiegelte seine Verwirrung über diese merkwürdige Frage wider: „Ehrlich? Ich würde versuchen, mich daran zu erinnern, wie es für mich war, aufzuwachsen, als die anderen sich weigerten, mein Alter zu übersehen und die Person, die ich bin, zu sehen. Es ist nicht unser Alter, das uns definiert." Sirius letzte Worte hallten bei Harrys Rede in Remus' Ohren wieder: „Ich weiß, er ist noch immer jung, aber lass seine Jugend nicht deine Sicht trüben, so wie es Dumbledore und so viele andere getan haben."
Er schüttelte seinen Kopf, um klar denken zu können und Harry fuhr fort: „Ich wünschte, ich könnte ein normales Kind sein, Remus, dass meine einzigen Sorgen die Schule, meine Freundin und Quidditch wären, aber so ist es nicht. Ich werde ein Teil dieses Krieges sein, egal, was alle möchten, und deshalb ergibt es für mich mehr Sinn, mit mir statt gegen mich zu arbeiten."
Remus nickte: „Und was ist mit dir?", fragte er zu Ginny gewandt. „Was denkst du von alldem?"
Sie setzte sich ein wenig auf und nahm ihre Hand von Harrys Bein, um sich durch die Haare zu fahren: „Es ist nicht einfach, zuzuschauen, wie Harry geht, wissend, in welche Gefahr er sich bringt. Aber wo wäre ich, wenn er nicht wäre? Schon zweimal zu Tode gekommen." Die Offenheit, mit der sie sprach, klang in Remus wider und er erkannte ihre Absicht, bevor sie eine Chance hatte, ihr eine Stimme zu geben: „Es gibt nichts schwierigeres auf dieser Welt als im Schloss zu sitzen, während Harry, du und meine Familie in diesem Krieg kämpfen. Ich unterstütze ihn, weil ich seine Beweggründe verstehe und weil ich jede Absicht habe, an seiner Seite zu kämpfen - so schnell wie ich kann."
Remus sah, wie es nun Harry war, der Ginny beruhigend die Hand reichte. Er wusste, dass er keinem gewöhnlichen Teenagerpärchen gegenübersaß. Ihre Reife war in ihrer Beziehung zu sehen und in der Weise, wie sie sich hielten und die Stärke ihrer Überzeugung war klar. Trotz ihres Alters wusste Remus, das ihm zwei Erwachsene gegenüber saßen, ein reifes, liebendes Paar.
Es war beinahe, als würde er in der Zeit zurückgehen und James und Lily zusammen sehen, kurz nach ihrem siebten Jahr auf Hogwarts. Man müsste nur Harrys Augen mit Ginnys austauschen und er würde kaum den Unterschied sehen können. Er staunte, wie diese Entwicklung so schnell hatte vonstatten gehen können und wie er es nicht hatte merken können. War er so von ihrem Alter geblendet gewesen, dass er es zuvor nicht bemerkt hatte?
Als Remus von Harrys Beziehung mit Ginny gehört hatte, war er glücklich für sie gewesen. Seine Erfahrung mit den beiden hatte gezeigt, dass die beiden viel füreinander empfanden und ein starkes Band zwischen sich hatten, aber nun wurde ihm das erste Mal die Tiefe ihrer Beziehung bewusst.
Und mit dieser Erkenntnis wusste Remus, dass er nur auf eine Art handeln konnte. Er scheute fast die Worte, als sie sich auf seiner Zunge formten, als er fragte: „Wie kann ich helfen?"
Harry schaute Remus einen Moment lang ausdruckslos an, bis er die Worte verarbeitet hatte. „Du meinst, du wirst Dumbledore oder dem Orden nichts sagen?", fragte er schnell, kaum glaubend, dass es möglich sein konnte.
Nicht das erste Mal an diesem Abend seufzte Remus schwer, bevor er antwortete: „Nein, ich werde im Moment deine Identität nicht preisgeben. Es mag eine Zeit kommen, da ich kaum oder keine Wahl haben werde, aber ich werde mein Bestes tun, dein Geheimnis solange wie möglich zu wahren - und so lange du in Sicherheit bist."
Ein breites Lächeln tauchte auf Harrys Gesicht auf. Er drehte sich um und küsste Ginny kurz, bevor er erleichtert lachte: „Danke Remus."
Remus zuckte mit den Schultern und antwortete: „Du hast gute Argumente geliefert. Ich sollte dich nicht anhand deines Alters beurteilen und das wäre der einzige Grund, dich aufzuhalten. Du hast dich bereits bewiesen, soweit ich das sehe."
Harry könnte nicht glücklicher sein. Es war eine große Erleichterung nach all der Anspannung der letzten zwei Tage. Wenn er ganz ehrlich mit sich selbst war, war es beruhigend, seine Geheimnisse mit Remus zu teilen. Er hasste es, seine Freunde zu belügen und die ganze Zeit herumzuschleichen. Er würde dies noch immer tun müssen, aber gegenüber einer Person weniger.
„Wirst du mich auf dem Laufenden halten, was den Orden angeht?", fragte Harry hoffnungsvoll. Er hatte geplant, Fred und George darum zu bitten, sobald sie es in den Orden geschafft hatten, aber Remus würde eine viel bessere Quelle sein, da niemand ihn verdächtigen würde.
„Ich schätze, das kann ich tun", erwiderte Remus. „Doch ich glaube, es ist besser, dies nicht mit der Eulenpost zu tun. Daher wirst du nur einmal im Monat Neuigkeiten erfahren." Harry nickte verstehend und Remus fuhr fort: „Nun, was möchtest du mit deiner zweiten Persönlichkeit Jim machen?"
Harry tippte mit seinem Finger an sein Kinn, als er darüber nachdachte. „Ich denke, wir sollten sie ermutigen, von mir als zwei Personen zu denken. Das nächste Mal, wenn wir gemeinsam kämpfen, werde ich mich verraten und sagen, dass ich nicht alleine arbeite."
„Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist", meinte Remus. „Mach es zumindest nicht offensichtlich. Im Moment glauben sie, dass du versuchst, sie und die Todesser zu verwirren. Sie glauben, dass es wahrscheinlich ist, dass du einen eineiigen Zwilling hast und dass wir tatsächlich euch beide gesehen haben - nur niemals zur selben Zeit."
„Oh", erwiderte Harry. „Das macht Sinn." Er dachte einige Zeit über die Situation nach, als Ginny sich zu Wort meldete:
„Nun, wenn der Orden bereits denkt, dass ihr beide zwei verschiedene Animagusgestalten habt", sagte sie zu Harry. „Und du theoretisch nicht weißt, das sie über die beiden Animagusgestalten Bescheid wissen, könntest du vielleicht versuchen, die Theorie der beiden Animagi zu bestätigen." Harry hörte den Unterton in ihrer Stimme. Sie zögerte eindeutig, Harrys zweite Gestalt gegenüber Remus zu verraten, auch wenn sie der Meinung zu sein schien, dass es eine gute Idee wäre, wenn er seine zwei Gestalten zu seinem Vorteil nutzen würde.
„Nun, ich verstehe natürlich, wie es mit dem Panther funktionieren würde, aber wie bestätigen wir den Vogelanimagus?", wollte Remus wissen.
Harry lächelte schief, als er antwortete: „Nun, weißt du, die Sache ist, dass ich irgendwie zwei Animagusgestalten habe."
Er beobachtete, wie Remus sich vorbeugte und mit seinen Fingern seine Schläfen massierte. Harry machte sich Sorgen, das Remus etwas fehlte, als dieser plötzlich hochschaute.
„Zwei? Du hast zwei Animagusgestalten?" Remus stand auf und ging auf dem ausgetretenen Boden auf und ab.
Harry folgte ihm mit seinen Augen: „Ja."
„Unglaublich." Das Wort war so leise gesprochen, dass Harry es beinahe nicht gehört hätte. Remus blieb abrupt stehen und drehte sich zu Harry um: „Wie ... wie nur?"
Harry zuckte mit den Schultern. „Als ich den Zaubertrank getrunken habe, hatte ich zwei verschiedene Visionen. Eine als Panther, die andere als Eule." Harry überlegte, die Tatsache anzusprechen, dass er auch mit anderen Eulen kommunizieren konnte, aber dachte, dass Remus implodieren würde, wenn er dieses Geheimnis jetzt verraten würde.
„Okay", sagte Remus mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Okay. Der Orden ist sich bereits über die Panthergestalt sicher, dank Ginny hier. Von der Eulengestalt haben sie nur aus zweiter Hand von Snape gehört, der es von einem der Todesser gehört hat, welcher bei Amelia Bones Haus gewesen war und er hat dich nicht tatsächlich verwandeln sehen. Dann wiederum willst du deine Geheimnisse bewahren, mach es also nicht zu offensichtlich. Wenn du die Gelegenheit hast, komm in deiner Eulengestalt zu einer Szene und flieg in Sichtweite herum, aber flieg dann zu irgendeinem versteckten Platz, wo du dich verwandelst."
„Okay", stimmte Harry zu.
„Und selbst wenn du jemals in deiner Panthergestalt auftauchen müsstest, benutze immer den Namen Jim", fuhr Remus fort. „Du versuchst dich als eine Person auszugeben."
„Gut."
"Gut", wiederholte Remus. „Irgendwelche anderen großen Überraschungen?"
„Nein", sagte Harry lächelnd und stand von seinem Platz auf, wobei er Ginny hilfreich seine Hand hinhielt. „Ich denke, das reicht für heute. Wir müssen schließlich etwas für das nächste Mal aufheben, nicht wahr?"
„Ich hoffe, du machst Scherze", sagte Remus trocken.
Harry zuckte als Antwort nur mit den Schultern und Remus schüttelte den Kopf. Das Lächeln verschwand von Harrys Gesicht, als er einen ernsteren Ton anschlug: „Danke Remus. Ich weiß, dass ich viel von dir verlange und ich möchte, dass du weißt, dass ich es zu schätzen weiß."
„Gerne, Harry. Es ist das wenigste, was ich tun kann", erwiderte er. Als Harry Anstalten machte, noch etwas zu sagen, hielt Remus eine Hand hoch: „Ich meine es so. Es erscheint dir vielleicht nicht als viel, aber die Tatsache, dass du jeden Vollmond hier bei mir bist, ist eine große Sache für mich. Darüber hinaus schulde ich es James und Lily - und Sirius. Das war Sirius letzter Wille, und ich habe nicht die Absicht, ihn zu enttäuschen."
Harry fühlte die Tränen in seinen Augen bei Remus Worten. Plötzlich von seinen Gefühlen übermannt trat er vor und umarmte Remus. Es dauerte nur eine Sekunde, dann fühlte er, wie Remus seine Umarmung erwiderte. Einen Moment später lösten sie sich wieder voneinander.
„Tu mir nur einen Gefallen, Harry", sagte Remus, noch immer eine Hand auf Harrys Schulter. Harry schaute ihm direkt in die Augen, als Remus fortfuhr: „Werd nicht zu unbesonnen. Warte bis wir da sind, bevor du dich in den Kampf stürzst." In seinem Tonfall war keine Wertung und keine Herablassung und Harry wusste, dass er nicht versuchte, ihn wie ein Kind zu behandeln oder Forderungen zu stellen. Er bat nur um ein wenig gesunden Menschenverstand.
„Ich habe meine Lektion gelernt", erwiderte Harry. „Ich werde von nun an vorsichtiger sein."
„Gut." Remus nahm seine Hand von Harrys Schulter und sein Blick wanderte an Harry vorbei, als er fortfuhr: „Ginny, es war wie immer ein Vergnügen."
Harry schaute über die Schulter und sah, wie sie lächelte: „Es war auch schön, dich zu sehen. Und danke, von Harry und von mir."
Remus lachte humorlos: „Nun, ich kann nicht sagen, dass ich mich darauf freue, dich da draußen zu sehen, aber ich hoffe, alles läuft gut in deinem Training."
„Danke", erwiderte sie, trat neben Harry und legte eine Hand in seine Ellenbeuge.
Harry drehte sich wieder zu Remus. „Nun, ich schätze, wir sehen uns in ein paar Wochen, wenn nicht früher."
„Lass uns hoffen, dass es nicht früher ist", erwiderte Remus.
Harry nickte und blieb noch einen Moment stehen, bevor er Ginny zur Falltür und zurück nach Hogwarts führte.
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Trotz der späten Stunde, zu der sie zurückkehrten, schlief Harry in dieser Nacht sehr gut und wachte erfrischt und ausgeruht auf - was bedeutete, dass er seinen normalen Trainingsplan wieder aufnahm. Nachdem er eine Weile darüber nachgedacht hatte, veränderte Harry aufgrund seiner Erfahrungen in St. Mungos seinen Trainingsablauf ein wenig. Er duellierte nicht mehr die ganze Zeit auf freien Flächen; stattdessen veränderte er die Umgebung. Manchmal war es ein enger Flur. Manchmal gab es merkwürdige Ecken oder verschiedene Objekte, die als Deckung verwendet werden konnten.
Während ihrer wöchentlichen Unterrichtsstunde erzählte Harry Dumbledore von Voldemorts Vermutungen. Er warnte den Schulleiter nicht nur vor Voldemorts Gedanken über Snape, sondern machte Dumbledore auch darauf aufmerksam, das Voldemort wahrscheinlich wissen würde, wer der Spion sei, wenn er Harry so ausspionieren könnte wie Harry ihn beobachten konnte. Dumbledore hatte nur genickt und Harry gewarnt, nicht zu unvorsichtig zu werden, da die Dinge oft nicht so waren, wie sie den Anschein gaben. Harry konnte die Worte des Mannes kaum leugnen, auch wenn er gerne eine ausführlichere Antwort als diese gehabt hätte.
Das einzige andere Ungewöhnliche in Harrys Woche war die ungewöhnliche Visionslosigkeit. Seine Narbe hatte ein paar Mal geprickelt, aber Voldemort schien sich für den Moment ruhig zu verhalten. Harrys Schlaf wurde noch immer gelegentlich gestört, aber er holte in dieser Zeit viel Schlaf nach und fühlte sich zum Wochenende großartig. In den Momenten, die er mit Ginny verbringen konnte, war er viel munterer als in der Woche zuvor, was sie beide in gute Stimmung versetzte.
Der Sonntagmorgen brachte eine Doppelstunde AHA mit sich. Als es an der Zeit war, seine sieben fortgeschrittenen Mitglieder von den anderen zu trennen, hatte er eine plötzliche Inspiration. Er sprach kurz mit den sieben, bevor er pfiff und die Aufmerksamkeit des Restes der Klasse auf sich rief. Als sie alle ruhig wurden und die Aufmerksamkeit von allen auf ihn gerichtet war, zauberte Harry stumm einen „Sonorus" auf seine Kehle und begann zu reden: „Danke. Ihr habt ohne Zweifel die Duelle bemerkt, die von euren sieben Mitschüler hier ausgetragen wurden." Harry deutete auf die Schüler hinter ihm. „Heute - zum Spaß - dachte ich, würdet ihr es gern sehen, wie diese sieben in einem Duell gegen mich kämpfen."
Die Schüler schauten sich alle gegenseitig an. Die Stille hielt nur für einen Augenblick an, bevor sie alle begannen, aufgeregt miteinander zu reden. Harry lächelte und wandte sich zu seinen baldigen Gegnern hinter sich. Sie lächelten ihn nervös an, eindeutig nicht zu selbstbewusst, was das kommende Duell anging, selbst mit ihrer Überzahl.
Harry drehte sich wieder zum Rest der Schüler um. Harry hielt seine Hand hoch, um sie verstummen zu lassen. Es brauchte nur einen kurzen Moment, bis die Aufmerksamkeit von allen wieder auf Harry gerichtet war. „Hinter euch seht ihr Sitzplätze. Ich bitte euch, dass keiner von euch versucht, auf den Kampfplatz zu kommen, welchen ihr alle deutlich markiert vor euch sehen könnt. Auf euren Plätzen werdet ihr vor allen wilden Zaubern beschützt sein."
Sich umdrehend waren die Schüler alle überrascht, die tribünenähnlichen Sitzplätze zu sehen, die sich hinter ihnen materialisiert hatten. Sie begannen alle zu den Sitzen zu gehen und Harry drehte sich herum, um mit den Kämpfern zu reden: „Nichts mächtigeres als ein Schockzauber und kein Wiederbeleben. Davon abgesehen ist alles erlaubt. Ihr werdet mehrere Möglichkeiten für Deckung haben. Euer Hauptziel ist es, das Ende des Kampfes zu Überleben. Wenn ihr es schafft, mich zu besiegen, umso besser. Verstanden?" Sieben Köpfe nickten gleichzeitig. „Gut", sagte Harry mit einem warmen Lächeln. „Haltet euch nicht zurück. Ich würde gerne selbst sehen, wie weit ihr gekommen seid."
Er wurde nicht enttäuscht. Als der Schauplatz errichtet war und der Kampf begann, hatten sie noch um die zwanzig Minuten bis zum Ende des Unterrichts. Er stellte einen Wecker, der erklingen würde, wenn noch zehn Minuten blieben und dann noch einmal am Ende des Kampfes. Wie er versprochen hatte, hatte Harry ein paar Orte geschaffen, die als Deckung nutzbar waren. Für sich gab er sich nur ein Stück Mauer auf der anderen Seite des Schauplatzes. Er erwartete, dass die sieben dort blieben wo sie waren, da es ihr Hauptziel war, zu überleben. Er würde daher in der Offensive sein und müsste seine eigene defensive Position verlassen.
Harry zog für den Kampf seine Robe aus und trug nur noch Jeans und ein T-Shirt. Er saß auf einer hüfthohen Mauer und schaute von seinen Gegnern weg. Harry rief: „Seid ihr bereit?"
Die Antwort „Bereit", hallte durch den Raum.
Harry stand auf und drehte sich um. „Beginnt", rief er. Er war zufrieden zu sehen, dass sie keine Zeit verloren, aus ihren Verstecken herauszuschauen und begannen, auf seine ungeschützte Gestalt zu feuern.
Er versteckte sich hinter der Mauer, um sie einen Moment lang zu observieren. Er konnte fünf von ihnen finden. Die anderen zwei schienen ihre Position versteckt zu halten. Er lächelte, zufrieden mit der Strategie, so einfach sie auch war. Es zeigte, dass sie nichts als selbstverständlich betrachteten.
Er wollte sie noch ein wenig testen und sprang daher vor die Mauer hinaus ins offene Feld. Statt nach vorne zu stürmen erlaubte er ihnen, aus der Distanz auf ihn zu feuern, während er auswich und Schutzzauber anwandte, um sich vor ihren Angriffen zu schützen. Ihre Zielgenauigkeit war besser geworden und sie schienen zusammenzuarbeiten, um zu versuchen, ihn davon abzuhalten, sich zu viel zu bewegen.
Halte den Feind im Zaum. Gut. Aber wie würden sie auf etwas Unerwartetes reagieren? Ohne Warnung ging Harry in die Offensive. Er begann sich nach vorne zu arbeiten und schoss Zauber auf seine Gegner und zwang sie damit, sich zu ducken und sich zu verstecken oder Schilde zu ihrem Schutz zu errichten. Er konzentrierte sich auf seine Angreifer und bemerkte, wie ein paar von ihnen, nachdem sie außer Sichtweite gewesen waren, immer an der selben Position wieder auftauchten. Er nutzte das zu seinem Vorteil und warf seine Flüche so, dass er feuerte, wenn ihre Köpfe unten waren statt andersherum. Nach nur wenigen Minuten waren zwei von ihnen außer Gefecht gesetzt. Einer von ihnen - er glaubte, es war Ryan - erkannte seine Strategie und rief seinen Verbündeten zu: „Bewegt euch mehr. Er merkt sich eure Positionen in der Hoffnung, uns zu erwischen, wenn wir wieder auftauchen."
Harry hatte gewusst, dass er den Slytherin mochte. Er war clever und schien immer einen kühlen Kopf zu behalten. Mit nur drei Angreifern, die nun Zauber auf ihn warfen, konnte Harry sich weiter vorarbeiten. Er wollte sich ihnen nicht zu sehr nähern, ohne zu wissen, wo seine anderen zwei Gegner waren. Einer der beiden, die er außer Gefecht gesetzt hatte, hatte sich hinter der kleinen Mauer versteckt, die ihm am nächsten war. Wenn er diese Deckung erobern könnte, würde das seine Arbeit viel einfacher machen, aber er erwartete wenigstens einen wenn nicht beide seiner verbleibenden zwei Angreifer wartend auf der anderen Seite, um ihn anzugreifen, wenn er sich näherte.
Der Wecker war das erste Mal zu hören und machte Harry darauf aufmerksam, dass ihm nur noch zehn Minuten blieben, um die anderen zu besiegen. Es war an der Zeit, die Sache interessanter zu machen. Er sprintete schnell zur nächsten Mauer. Statt sie als Deckung zu verwenden sprang er hoch, drückte sich von der Mauer ab und drehte sich in der Luft. Tatsächlich warteten die beiden versteckten Angreifer dort und waren total von seinem plötzlichen Erscheinen überrascht. Beide wurden von Schockzaubern getroffen, bevor seine Füße den Boden berührten.
Er wich ein paar Flüchen aus, die von den verbleibenden drei Schülern geworfen wurden. Er versteckte sich schnell hinter der Mauer, über die er gerade gesprungen war, um sich einen Moment zu geben, zu Atem zu kommen und sich einen Plan zu überlegen. Zwei der verbleibenden drei waren nah beieinander, während der dritte allein war. Es wäre einfacher, den einzelnen außer Gefecht zu setzen und sich dann um die anderen beiden zu kümmern, aber der einzelne Schüler war am weitesten weg.
Ohne einen Schutzzauber zauberstablos aufrecht erhalten zu können und angesichts der geringen Distanz, in der sie nun kämpften, musste Harry viel vorsichtiger sein, wie er sich bewegte. Sie wurden viel zu gut darin, ein sich bewegendes Ziel zu treffen. Die immer weiter tickende Uhr im Hinterkopf tauchte Harry auf einer Seite der Mauer auf und begann sich dem einzelnen Schüler zu nähern. Die anderen zwei Schüler schienen seinen Plan zu durchschauen und taten ihr Bestes, ihn daran zu hindern, sich ihrem Kameraden zu nähern.
In der Zwischenzeit schien Ryan, Harrys Zielperson, seine gefährliche Position ebenfalls zu bemerken. Er verließ unerwarteterweise seine Deckung und versteckte sich hinter einer anderen Mauer, die näher bei den anderen beiden war und wich gerade so zwei Schockzaubern aus, die Harry schnell in seine Richtung schickte. Ryan war nicht ganz bei den anderen Beiden, war aber auch nicht mehr länger von ihnen isoliert. Das würde die Dinge viel interessanter machen.
Harry war durch diesen unvorhergesehenen Positionswechsel angreifbar und Ryan war nun in einer viel besseren Position, die Angriffe der anderen beiden zu unterstützen. Sich nicht unterkriegen lassend versuchte Harry, sich Ryan seitlich zu nähern und den Jungen zwischen sich und seine anderen zwei Gegner zu platzieren. Ryan war wieder bereit für dieses Manöver und ließ sich zurückfallen, um zu den anderen zwei zu gelangen. Harry wusste, dass die Zeit nun ein wichtiger Faktor war, nachdem er so viel Zeit bei seinem misslungenen Versuch verloren hatte, Ryan zu isolieren. Wenn er hoffen wollte, sie zu besiegen, bevor die Zeit um war, würde er alle Strategien vergessen müssen und stattdessen eine Alles-oder-Nichts-Offensive starten müssen.
Das war genau das , was er machte. Er drehte sich und wich den Zaubern aus, wobei Harry seinen Instinkten die Kontrolle gab. Die Monate des Trainings hatten seinem Körper beigebracht, sich zu bewegen und Zaubern auszuweichen, ohne bewusst darüber nachzudenken. In der Zwischenzeit war sein Zauberstab auf seine Angreifer gerichtet und er warf pausenlos Flüche und Zauber und behinderte damit ihre Angriffe, als sie versuchten, seinen Zaubern auszuweichen oder sich vor ihnen zu schützen. Er richtete seinen Fokus auf Ryan und warf Zauber um Zauber auf ihn. Er hielt beinahe eine Minute unter dem Angriff aus, bevor er zu Boden ging. Harry richtete seine Aufmerksamkeit dann auf die anderen: Nick und Mary-Jo.
Sich zuerst auf Nick konzentrierend begann Harry seinen Angriff ein weiteres Mal. Er schaffte es, ihn zum Stolpern zu bringen und gerade als sein Schockzauber sein Ziel erreichen würde, warf sich Mary-Jo in dessen Weg mit einem lauten: „Protego!"
Harry war von dieser Tat überrascht und gab Nick damit genug Zeit, sich zu erholen und wieder am Kampf teilzunehmen. Mary-Jo zog sich zurück und Nick schien ihrem Beispiel zu folgen. Harry folgte ihnen und hörte dabei nie mit seinem pausenlosen Angriff auf. Durch die Regeln des Duells limitiert hatte Harry keine andere Wahl als sich mit schwachen Zaubern zu begnügen, während er ihr Spiel von Katz und Maus weiterverfolgte. Das Duell dauerte nur noch ein oder zwei weitere Minuten an, bevor der Wecker erklang und das Ende des Kampfes verkündete.
Die Menge der zuschauenden Schüler, die Harry vollständig vergessen hatte, brach in Applaus aus. Harry konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er sich vorbeugte, die Hände auf die leicht gebeugten Knie gestützt, um wieder zu Atem zu kommen. Das hatte Spaß gemacht!
Mehr als das. Er war unglaublich stolz auf seine Schüler. Er schaute zu seinen beiden Überlebenden und sah, wie sie leise miteinander sprachen, ein schüchternes Lächeln auf ihren Gesichtern. Er lächelte und drehte sich um, um ihnen einen Moment der Fast Privatsphäre zu geben und machte sich stattdessen daran, die anderen aus ihrer Starre zu befreien.
Nach wenigen Minuten und fünf stummen Enervatezaubern waren seine fünf besiegten Schüler wieder bei Bewusstsein. Als sie zu Nick und Mary-Jo gingen, bat Harry sie, zu warten, während er den Rest der Klasse entließ. Sie redeten aufgeregt miteinander, als sie zur Tür gingen und manche blieben bei ihren sieben Klassenkameraden stehen, die in dem Duell involviert gewesen waren, um mit ihnen zu reden. Harry freute sich, sie alle mit ihren Kameraden lächeln und lachen zu sehen, keine Hemmungen zwischen ihnen.
Nach mehreren Minuten war der Raum schließlich leer und ließ Harry mit seinen sieben Schülern alleine. „Lasst mich damit beginnen, euch zu sagen, wie stolz ich auf euch bin. Ihr habt euch in kurzer Zeit sehr viel weiterentwickelt. Eure Zielgenauigkeit, selbst auf Distanz, war großartig. Ihr habt es ernst genommen und euch eine Strategie überlegt, wie ihr mich besiegen könnt."
„Zu dumm, dass es nicht funktioniert hat", rief Jennifer aus.
Harry lächelte: „Ja, wirklich schade." Er versuchte nicht einmal sein Lächeln zu verstecken. „Nichtsdestotrotz habt ihr mich dazu gezwungen, ein großes Risiko einzugehen. Es hat damit geendet, dass es gut für mich lief, aber wenn ich eure Positionen falsch vermutet hätte, wäre ich in Schwierigkeiten gewesen." Er begann vor ihnen hin und her zu laufen, als er fortfuhr. „Eine Sache, die ihr berücksichtigen müsst, wenn ihr euch Strategien überlegt, ist, dass manchmal das logischste Vorgehen nicht das beste ist. In diesem Fall war der logischste Platz, sich zu verstecken, die Mauer, die mir am nächsten war, wo die anderen leicht mein Näherkommen signalisieren konnten. Ich konnte das genauso gut erkennen wie ihr, was der Grund war, warum ich die Mauer so schnell gestürmt habe, um euch nicht die Zeit zu geben, auf meine Anwesenheit zu reagieren."
Er hielt einen Moment in seinem auf und abgehen und seiner Rede inne, um ihnen einen Moment Zeit zu geben, das Gesagte zu überdenken. Nach kurzer Zeit schaute Sarah ihm in die Augen und sagte: „Du meinst, das manchmal das Beste, das du tun kannst, ist, etwas unlogisches zu tun, um den Feind zu überraschen?"
Harry lachte leise: „So etwas in der Art. Du möchtest nicht unbedingt etwas unlogisches tun; nur versuchen, zu vermeiden, etwas offensichtliches zu tun - etwas, was dein Gegner erwarten könnte." Sie nickten bei seinen Worten und Harry war zufrieden, dass sie seine Botschaft verstanden hatten. „Außer dem hat Ryan bereits euren einzigen anderen großen Fehler entdeckt - Vorhersehbarkeit. Wenn ihr euch hinter etwas versteckt, ist es das Beste, eure Gegner weiterraten zu lassen, wo ihr seid; ansonsten gebt ihr ihnen die Möglichkeit, vorherzusehen, wann und wo ihr wieder auftauchen werdet."
Harry ließ seine Lehrerpersönlichkeit einen Moment fallen und lächelte breit, als er sagte: „Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe das wirklich genossen." Sie lachten über seinen ehrlichen Ausspruch, bis er wieder sprach: „Ich denke, wir sollten das öfters machen." Das Gelächter hielt einen Moment lang inne, als sie sich alle gegenseitig anschauten, bis sie alle - Harry eingeschlossen - wieder in Gelächter ausbrachen. „Geht schon", meinte Harry einen Moment später. „Ich möchte nicht, dass ihr das Mittagessen verpasst."
„Du meinst, du möchtest das Mittagessen nicht verpassen?", fragte Ryan.
Er verließ mit ihnen zusammen das Zimmer und ging mit Nick zum Gryffindorturm hoch, als die anderen zu ihren eigenen Gemeinschaftsräumen zurückgingen. Nach dem Mittagessen, dachte Harry über ihre Unterrichtsstunde nach. Für ihn war es klar, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte, als er die sieben Schüler von den anderen getrennt hatte und sie sich hatte duellieren lassen. Es zeigte ihm auch, dass er früher oder später etwas Ähnliches in seine FHA-klasse aufnehmen musste. Das Schuljahr dauerte nur noch wenige Monate an und er würde so viel Zeit wie möglich brauchen, um sie vor den Sommerferien vorzubereiten, wenn sie die Sicherheit der Schule verlassen würden. Er beschloss, sich irgendwann in dieser Woche hinzusetzen, um den Ablauf auszuarbeiten, wie er es in so einem großen Rahmen in seine FHA einbinden konnte.
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Harrys Glück hielt nicht länger an und in der folgenden Woche kehrten seine Visionen zurück, wenn auch seltener als in den vorigen Wochen. Dienstagnacht beobachtete er einen Angriff auf eine Muggelstadt. Es wurde für ihn schon beinahe automatisch, seine Gefühle zu unterdrücken, wann immer eine Vision ihn ergriff. Dies war notwendig, um Voldemorts Aufmerksamkeit zu entgehen. Dennoch wurde ihm beinahe schlecht, nachdem er aufwachte und nicht über das, was er gesehen hatte, entsetzt war. Selbst als er seine Erinnerungen durchging, war die emotionale Auswirkung viel gedämpfter als sie sein sollte.
Freitagnacht hatte Harry jedoch eine Vision einer ganz anderen Art. Voldemort war alleine. Er war unruhig und wartete auf jemanden - auf wen wusste Harry nicht. Voldemorts Gedanken waren zu wild durcheinander, als das sie für Harry einen Sinn ergeben könnten. Nach einer Minute des Wartens war Harry beinahe sicher, dass seine Erwartung etwas damit zu tun hatte, Spione in seinen Rängen zu finden.
Er konnte die sich nähernden Fußschritte hören, lange bevor die verhüllte Gestalt vor seinen Augen erschien. „Du hast mich warten lassen, Severus", zischte Voldemort.
„Es tut mir leid, Mein Lord" erwiderte Severus, als er sich auf einem Knie vor ihm niederkniete. „Es war schwierig, das Schloss zu verlassen, aber ich kam so schnell ich konnte."
„Hast du mir gebracht, was ich wollte?", fragte Voldemort ungeduldig nach.
„Natürlich, mein Lord", sagte Snape und langte in seine Roben, um einen Zaubertrank herauszuholen, den Harry nicht erkannte.
„Ja", zischte Voldemort leise. „Das wird gut funktionieren. Du dienst deinem Meister gut, Severus."
Snape sagte nichts, sondern beugte nur seinen Kopf.
„Ich denke, ich werde dir erlauben, mich zu begleiten", fuhr Voldemort fort. „um zuzusehen, wie meine Planung und deine harte Arbeit Früchte tragen." Harry konnte Voldemorts Absichten nicht erkennen, aber er war sich beinahe sicher, dass er Snape auf irgendeine Art testete, aber wie wusste Harry nicht.
„Mein Lord?"
„Komm, Severus, du hast uns wenig Zeit gelassen", befahl Voldemort.
Harry fühlte, wie er langsam verschwand, aber dieses eine Mal wollte er noch nicht in seinen eigenen Körper zurückkehren. Er musste Voldemorts wahre Absichten herausfinden, aber er konnte wenig tun, ohne Voldemort auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen.
Harry wachte abrupt auf, öffnete seine Vorhänge und sprang aus seinem Bett. Er warf gerade eine Robe über, als ihn eine Stimme überraschte: „Alles in Ordnung, Kumpel?"
Harry zog die Robe hinunter, um sein Gesicht freizubekommen und schaute zu Ron, der auf seinem Bett saß und ihn besorgt musterte: „Ja. Ich glaube, Snape ist in Schwierigkeiten."
„Vergiss es", erwiderte Ron. „Er verdient was auch immer ..." Ein Gähnen unterbrach ihn, was Harry die Chance gab, seine Meinung zum Besten zu geben.
„Es ist okay; ich möchte nur Dumbledore warnen", sagte Harry. „Ich bin gleich zurück."
„Wie du willst", sagte Ron und legte sich wieder hin.
Harry eilte so schnell er konnte zu Dumbledores Büro und warf die Tür auf, nur um zu sehen, dass das Büro leer war. Kurz überrascht zögerte er einen Moment lang, als er versuchte, zu entscheiden, was er als nächstes tun sollte. Ein Trillern von Fawkes lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihn. Harry schaute zu dem Phönix, der Harrys Blick einen Moment lang erwiderte und dann bewusst über seine Schulter schaute.
Harry drehte sich auf der Stelle um und stand damit dem Kamin gegenüber. „Er ist durch den Kamin gegangen?", fragte Harry und wirbelte dann herum: „Ist er zum Hauptquartier gegangen?"
Fawkes trillerte ein weiteres Mal, was Harry als Zustimmung interpretierte. „Danke", sagte Harry. Er wandte sich wieder zum Kamin, nahm eine Prise Flohpulver und warf sie ins Feuer. Während er in die grünen Flammen trat, sprach Harry: „Grimmauldplatz 12."
Eine kurze übelkeiterregende Reise später wurde Harry aus dem Kamin in das ehemalige Haus seines Paten gespuckt. Ein paar gemurmelte und ein paar lautere Flüche sowie das Kratzen von Stühlen auf dem Boden waren zu hören. Er kniete sich hin und sah einen Tisch voller Ordensmitglieder, die ihn geschockt anschauten. Er fühlte sich völlig fehl am Platz und konnte nur „Äh-hallo", murmeln.
Mehrere Personen fingen gleichzeitig an zu reden, so dass Harry keinen von ihnen verstehen konnte. Er stand vom Boden auf, während Dumbledore alle zur Ordnung rief. Als der Raum still wurde, wandte Dumbledore sich an Harry und fragte: „Was ist der Grund für diesen unerwarteten Besuch?"
„Es ist Snape, Sir", erwiderte Harry.
„Professor Snape, Harry", korrigierte der Mann automatisch.
„Genau, er", sagte Harry, der sich im Moment wenig um solche Feinheiten kümmerte. „Ich glaube, er steckt in Schwierigkeiten."
„Und was bringt dich zu dieser Schlussfolgerung?", fragte Dumbledore ruhig.
Harry war plötzlich unsicher, vor dem versammelten Orden zu reden. Er schaute durch den Raum, beinahe den gesamten Tisch entlang, bis er wieder zu Dumbledore schaute. Der Schulleiter nickte ihm aufmunternd zu und Harry verstand. Seine Visionen waren die Angelegenheit des Ordens. „Ich hatte eine Vision. Sn... Professor Snape hat irgendeinen Zaubertrank zu Voldemort gebracht und Voldemort sagte, er würde Snape belohnen, indem er ihn etwas beobachten lassen würde. Er sagte nicht genau, was."
Harry hielt eine halbe Sekunde lang inne, da er eine Unterbrechung erwartete, aber nichts geschah. „Die Sache ist: Voldemort war wegen etwas sehr angespannt, und ich weiß, dass er versucht, einen Spion innerhalb der Todesser zu entdecken. Ich glaube, das, was auch immer sich heute Nacht abspielt, es irgendeine Art Test für Snapes Loyalität ist. Das ist der Grund, warum Voldemort Snape bei sich haben wollte, so dass Snape da sein würde, wenn Voldemort erfährt, ob er der Spion ist oder nicht."
Stille war die Reaktion auf seine Aussage. Dumbledore strich sich an seinem Platz am Kopfende des Tisches durch den Bart.
„Woher weißt du, dass Du-weißt-schon-wer Snape heute Nacht testen wird?", wollte eine Stimme wissen.
Harry drehte sich, um den Urheber der Worte zu finden. Es war Kingsley Shaklebolt. „Ich kann auf eine Art einige seiner Gedanken lesen. Sie waren nicht besonders deutlich, aber ich würde alles verwetten, das, was auch immer heute Nacht passiert, es Snapes Leben kosten könnte, wenn es falsch läuft."
„Das sind wahrlich beunruhigende Neuigkeiten", sagte Dumbledore. „Du bist also der Meinung, Harry, dass dies der Fall ist?"
„Ja", erwiderte Harry ohne zu zögern. Er wusste tief im Inneren, dass Snapes Schicksal auf Messers Schneide stand. Ob es das Opfer wert war oder nicht, welches sie unter Umständen bringen müssten, um sein Leben zu retten, konnte Harry nicht sagen.
„Danke, Harry. Du gibst uns eine schwierige Entscheidung, die wir fällen müssen, aber ich fürchte, was passiert wäre, wenn wir die gesamten Umstände nicht gekannt hätten."
„Äh - gern geschehen", sagte Harry, sich wieder unwohl fühlend in dem Wissen, dass beinahe jeder Blick auf ihn gerichtet war. Er fand es schwer, seinen Ärger über dieses indirekte Abwinken seiner Information zu verbergen. Er hatte ihnen eine wichtige Information gegeben und sie schickten ihn gleich wieder durch die Tür hinaus, so dass die Erwachsenen es bereden konnten. Harry schluckte seinen Unmut hinunter und tat sein Bestes, einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen. „Ich schätze, ich kehre dann nach Hogwarts zurück?", fragte er halb, halb sagte er es.
„Ja, ich glaube, das wäre das Beste", erwiderte Dumbledore. „Danke noch einmal, Harry."
Harry nickte, winkte kurz den am Tisch sitzenden Menschen zu und drehte sich zum Kamin um, wobei er seine Maske fallen ließ und sich erlaubte, seinen Verdruss zu zeigen. Eine kurze Reise mit dem Flohpulver später stand er wieder im Büro des Schulleiters, wo ihm nur Fawkes Gesellschaft leistete. Da er keine Eile hatte, zum Gryffindorturm zurückzukehren, ging Harry zu Fawkes Vogelstange und begann ihm über die Federn zu streichen. Er empfand die Tätigkeit als beruhigend, und er fühlte, wie sein Ärger verflog.
„Es scheint, als würde ich eine Gewohnheit daraus machen, zu jeder Nachtzeit aufzutauchen", sagte Harry zu dem Phönix. Fawkes ließ ein kurzes Trillern ertönen, als er sich gegen Harrys Hand lehnte und das Streicheln ermunterte. „Ich schätze, du hast hier oben nicht viel Gesellschaft, Dumbledore und die anderen Professoren ausgenommen. Und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass sie dir viel Aufmerksamkeit schenken."
Ein weiteres Trillern war zu hören und Harry wusste, dass er richtig lag. Tatsächlich hatte er das unbestimmte Gefühl, dass Fawkes Dumbledore und ihn ziemlich gern hatte und sie beide als Freunde betrachtete.
Harry freute sich darüber. Er schaute Fawkes in die Augen und wurde an etwas erinnert, das Dumbledore ihm einmal gesagt hatte. Ein Gedanke schwirrte schon eine Weile in seinem Hinterkopf herum und er glaubte nicht, dass er eine bessere Möglichkeit bekommen würde, um ihn laut auszusprechen: „Glaubst du, es ist richtig von mir, so viel vor allen geheim zu halten - vor Dumbledore und meinen Freunden? Bin ich zu hart mit ihnen, indem ich ihnen nicht einmal eine Chance gebe?"
Fawkes öffnete ein weiteres Mal seinen Schnabel. Ein kurzes, kummervolles Lied ertönte und ließ Harry staunend zurück. Es beinhaltete Einsamkeit und Bedauern, aber ein weiteres Lied folgte und hob Harrys Stimmung. Dieses Lied handelte von Stärke und Überzeugung - Reife und Weisheit. Ein leichtes Trillern war in ihm und erzählte von schweren Zeiten, von Streit mit Freunden und geliebten Menschen - Gefühle des Verrats - aber das Lied hob sich wieder an. Versöhnung.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, Fawkes Singen zu hören. Jede kleine Nuance rief ein anderes Gefühl hervor und berichtete Harry von etwas Neuem und Anderem. Das Lied erfüllte ihn mit Hoffnung, aber es ließ ihn auch inne halten. Er brauchte Zeit, um darüber nachzudenken. Da war etwas, nur am Rande seines Bewusstseins, aber noch außer Reichweite.
Mit einem letzten Streicheln über die Federn des Phönix wünschte Harry Fawkes eine gute Nacht und dankte ihm für seine Ratschläge. Der Gang zurück zum Gryffindorturm fühlte sich lang und ermüdend an. Als er zu seinem Schlafsaal empor stieg, freute er sich darauf in sein Bett zu kriechen und zu schlafen.
ENDE KAPITEL
