Kapitel 22 Teil 2: In den Wahnsinn getrieben
Harry tat sein Bestes, seine Unterhaltung mit Hermine hinter sich zu lassen, was nicht so schwierig war wie er erwartet hatte, da seine Vorfreude auf das Quidditchspiel am Samstag immer größer wurde. Harrys Aufregung überraschte sogar ihn, aber dann wiederum war es über ein Jahr seit seinem letzten echten Spiel her. So sehr er auch den Sport und das Fliegen im Allgemeinen liebte, ein richtiges Spiel war noch einmal etwas ganz anderes. Die Nervosität, die er am Samstagmorgen fühlte, war anders als die, die er in seinem ersten Schuljahr gefühlt hatte; er war eher aufgeregt als nervös. Das Gefühl war dennoch da und obwohl er es schaffte, eine ordentliche Portion zu essen, konnte er nicht so viel essen, wie er es sonst tat.
Auch wenn es sich viel länger anfühlte, stand Harry keine zwei Stunden später in den Quidditch-Umkleideräumen vor seinem Team. Wie in seiner Übereinkunft mit Professor McGonagall und Ron festgelegt würde Harry die Kontrolle über das Team während des Spieles übernehmen - inklusive aller Ansprachen. Harry gewöhnte sich langsam an die Situation, nachdem er die DA und die HA die letzten zwei Jahre angeführt hatte.
Als er sich zum Team drehte, erwiderte er einen Augenblick lang Ginnys Blick und sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Ein Lächeln tauchte auf seinem Gesicht auf und er richtete seine Aufmerksamkeit nun auf das gesamte Team. „Es gibt heute nicht viel zu sagen. Ron hat großartige Arbeit geleistet, um uns auf den heutigen Tag vorzubereiten. Ich habe das Gefühl, das wir in den letzten Wochen wirklich zu einem Team zusammengewachsen sind. Die Ravenclaws haben ein solides Team, aber das haben wir auch. Wenn wir so gut spielen wie im Training in dieser Woche, haben wir das Spiel schon so gut wie in der Tasche, also gebt euer Bestes, haltet euch an Rons Strategien und wir werden der Schule zeigen, aus welchem Holz Gryffindors geschnitzt sind."
Seine Worte wurden mit einem Aufschrei der Zustimmung vom Team beantwortet. Harry schaute auf die Uhr und erkannte, dass sie nur noch wenige Minuten hatten, bis sie auf das Spielfeld gerufen werden würden. Er ließ das Team an der Tür zum Stadion Aufstellung nehmen und nur eine Minute später begannen die Ankündigungen und sie betraten das Feld.
Harry hörte das Jubeln der Menge zu seiner Rechten und er drehte sich, um seine rot- und gold geschmückten Hauskameraden, die schrien und trampelten, zu begutachten. Er brauchte einige Sekunden, um Neville und Hermine zu entdecken. Hermines Aufmerksamkeit war auf etwas anderes gerichtet, aber er erwiderte einen Augenblick lang Nevilles Blick und nickte ihm zu. Er drehte sich zu Ginny um, die ihrem Bruder einen wissenden Blick zuwarf, der Hermine zulächelte und ihr zuwinkte.
Harry tat sein bestes, Rons Lächeln zu imitieren, als er sich wieder zu Ginny umdrehte und ihr enthusiastisch zuwinkte. Ginny hielt ihre Hand vor den Mund als sie lachte und täuschte ein Husten vor, als sich ihr Bruder zu ihr umdrehte. Sie winkte ihrem Bruder dann neckisch zu, der daraufhin Harry einen verwirrten Blick zuwarf. Harry zuckte nur mit den Schultern, als ob er keine Ahnung hatte, was Ginny meinte. Bevor sie dieses Zwischenspiel fortführen konnten, wurden sie von Madame Hooch unterbrochen, die die Teams zum Zentrum des Spielfelds rief. Als sie die Kapitäne bat, vorzutreten, brauchte Harry einen Moment, um zu realisieren, dass sie ihn meinte.
Er ging in die Mitte, wo Cho Chang bereits neben Madame Hooch stand. Harry erwiderte Chos' Lächeln und wandte sich dann zu ihrer Schiedsrichterin, als diese begann, zu reden: „Ich möchte ein sauberes Spiel. Ihr kennt die Regeln und ich erwarte von euch, dass ihr euch an sie haltet. Nun schüttelt die Hände und wir werden beginnen."
Harry drehte sich wieder zu Cho und hielt seine Hand aus. Sie nahm seine Hand in ihre und als sie Hände schüttelten sagte sie: „Viel Glück, Harry."
„Dir auch, Cho", sagte Harry und erwiderte ihr Lächeln. „Ich sehe dich oben in der Luft."
Mit einem letzten Lächeln ließ sie seine Hand los und Harry drehte sich um, um zu seinem wartenden Team zurückzugehen. Die Bälle wurden kurzdarauf losgelassen, und die Pfeife, die den Beginn des Spiels anzeigte, konnte auf dem ganzen Spielfeld gehört werden. Harry schoss hoch in den Himmel über den Rest seines Teams hinauf und nahm sich einen Moment, um sich umzuschauen. Er wurde einen Augenblick später unterbrochen, als Cho neben ihn flog. Sie sagte nichts, sondern schaute nur hinunter auf ihre Teams unter ihnen, und so blickte Harry wieder hinunter auf das Spiel.
Nachdem sie Ginny beobachteten, wie sie einen Pass zwischen zwei Ravenclaw-Jägern abfing und zu den Ravenclaw-Toren schoss, kommentierte Cho: „Das Weasley-Mädchen kann wirklich fliegen."
Harry schaute kurz zu Cho, bevor er seinen Blick wieder auf das Spiel richtete. „Ginny",
er betonte ihren Namen. „ist eine exzellente Fliegerin." Genau in diesem Augenblick vollführte das diskutierte Mädchen ein Täuschungsmanöver und passte den Quaffel zurück zu Katie, die problemlos ein Tor schoss und Gryffindor 10:0 in Führung brachte. „Sie ist außerdem eine verdammt gute Jägerin", fügte er hinzu.
„Ginny, stimmt" murmelte Cho.
Harry schaute zu ihr hoch und schien sich aus seinen Gedanken zu reißen: „Nun, ich weiß nicht, wie du das siehst, aber ich werde dann mal den Schnatz finden." Damit zischte er davon ohne zurückzuschauen, ob Cho ihm folgte. Er begann Kreise über dem Spielfeld zu ziehen und überall zu schauen, ob er ein goldenes Aufblitzen sehen konnte. Die Sonne war im Moment hinter ein paar Wolken versteckt und machte den Vorgang dadurch ein wenig schwerer, aber es sah so aus, als würde die Sonne bald durchscheinen.
Als Harry seine Suche nach dem Schnatz weiterführte, achtete er nur nebenbei auf das Spiel. Er passte durch den Kommentator auf den Spielstand auf und es war klar, dass keines der Teams einen Vorsprung vor dem anderen erreichen würde. Die Führung ging hin und her und keines der Teams war je mehr als 30 Punkte in Führung. Der Spielstand war nun 90:80 für Ravenclaw und Harry hatte den Schnatz bisher noch nicht entdecken können. So wie es aussah ging es Cho genauso.
Als ob sie wüsste, dass er an sie dachte, flog Cho wieder neben Harry. Er wurde langsamer, aber hörte nicht auf, das Spielfeld abzusuchen. „Warum hast du mir nicht einfach gesagt, wie du über sie fühlst?"
„Huh?", fragte Harry und schaute vom Spielfeld hoch auf ihr Gesicht. „Was meinst du?"
„Ginny", erwiderte Cho, als sei es offensichtlich. „Vor dem Weihnachtsball. Warum hast du nicht einfach gesagt, dass du sie magst? Es hätte mir die Demütigung erspart."
„Ich mochte sie damals noch nicht auf diese Weise", sagte Harry. Nach einem Moment verbesserte er sich selbst: „Oder zumindest hatte ich es noch nicht realisiert."
Cho sah ihn ein wenig skeptisch an, aber Harry erwiderte ihren Blick unbeirrt: „Ich wollte dir nie wehtun - oder wollte, dass du dich gedemütigt fühlst." Harry seufzte. „Hör zu, das ist wirklich nicht die beste Zeit, um darüber zu reden. Wenn du mit mir reden möchtest, lass uns das nach dem Spiel tun, okay?"
„Sicher, Harry", erwiderte Cho.
Als sie wegflog, wandte Harry seinen Blick wieder hinunter aufs Spielfeld und dachte über das Verhalten des Mädchens nach, in die er mal verknallt gewesen war. Er wusste nicht, warum sie noch immer über ihre kurze Beziehung nachdachte, aber sie war eindeutig noch nicht bereit, loszulassen. Er wollte ihr helfen, aber er wusste nicht, wie. Sie hatten kaum eine Beziehung gehabt und sie hatte schnell jemand Neues gefunden. Warum war sie also noch immer so auf ihn fixiert? Er wusste keine Antwort darauf.
Als er hörte, wie der Kommentator verkündete, dass Gryffindor mit 150 Punkten mit Ravenclaw gleichgezogen hatte, schaute Harry hoch zu den Wolken und fragte sich, wann die Sonne endlich hervorkommen würde. Als er hinaufschaute, hörte er ein kollektives Einatmen der Menge. Er wandte seinen Blick hinunter, als er hörte, wie die Menge begann zu rufen und zu jubeln und er entdeckte Cho, die über das Spielfeld raste. Harry folgte ihr und wandte all seine Fähigkeiten an, um so schnell wie möglich zu sein. Er benutzte seine Euleninstinkte, um die Luftströmungen zu finden.
Harry schaute an Cho vorbei, konnte den Schnatz aber nicht entdecken. Er näherte sich in einem anderen Winkel als sie, daher war er unsicher, wie weit vorne er nach dem goldenen Ball suchen musste. Als er sich Cho näherte, ließ sie sich plötzlich in einen Sturzflug fallen. Harry folgte ohne Nachzudenken und suchte die Fläche unter ihnen nach dem Schnatz ab, aber er sah noch immer nichts. Er blickte zu Cho und hätte schwören können, dass sie einen Moment lang zu ihm geschaut hatte. Wenn sie den Schnatz gesehen hätte, würde sie niemals von ihm wegsehen. Harry stoppte seinen Weg nach unten und sah, wie Cho sich zu ihm umdrehte und dann dasselbe tat. Ein Stöhnen war von den Zuschauern zu hören, als sie verstanden, dass es nur eine Finte gewesen war - der Schnatz war nicht entdeckt worden.
Harry wirbelte herum und erhob sich wieder höher in die Lüfte, sich der Tatsache bewusst, dass Cho ihm folgte. Als er über den anderen Spielern war, wurde er langsamer und machte sich wieder auf die Suche nach dem Schnatz. Cho hielt neben ihm.
„Woher hast du gewusst, dass ich dich täuschen wollte?", fragte sie.
Harry drehte sich zu ihr: „Ich habe dich nach mir schauen sehen. Wenn du den Schnatz gesehen hättest, hättest du nicht nach mir geschaut."
„Vielleicht. Aber es scheint mir sehr gewagt zu sein, darauf zu vertrauen.", erwiderte Cho.
Harry lächelte listig: „Es hat funktioniert, oder nicht?"
„Dieses Mal", erwiderte Cho. Sie lächelte und mit einem Augenzwinkern verschwand sie. Harry schüttelte den Kopf über sie und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe. Einige Minuten später fühlte Harry etwas Warmes hinter sich und zur gleichen Zeit sah er, wie das Spielfeld sich erhellte. In diesem Moment sah er in der Nähe der Ravenclaw-Tore etwas Goldenes aufblitzen. Er war zu der Zeit auf der anderen Seite des Spielfeldes und Cho war viel näher, wenngleich sie den Schnatz noch nicht entdeckt zu haben schien.
Harry hielt sich davon ab, seinen Instinkten zu folgen und direkt auf den goldenen Ball zuzuschießen. Stattdessen hielt er seine Geschwindigkeit aufrecht und drehte seinen Kopf nach links und nach rechts, um den Schein zu wahren, jedoch ohne seinen Blick von dem schwer fassbaren Schnatz zu nehmen. Als er das Spielfeld zur Hälfte überquert hatte, bemerkte Harry aus dem Augenwinkel, wie Cho ihren Besen abrupt wendete. Er zögerte keine Sekunde und begann zum Schnatz zu rasen.
Er konnte Cho aus dem Augenwinkel aus beobachten. Sie war ein wenig näher als er am Schnatz, aber Harry hatte den schnelleren Besen - ganz zu schweigen von der Hilfe seines Euleninstinktes. Als sie sich dem gefiederten goldenen Ball näherten, war Harry bald gleichauf und dann ein wenig vor Cho. Er richtete all seine Konzentration auf den Schnatz vor ihnen, der vor den zwei Suchern floh. Harry korrigierte seine Flugrichtung ein wenig. Als er die Distanz zu dem Schnatz überwand - Cho an seiner Seite -, schien es fast, als könnte er den Schnatz fühlen genauso wie er ihn auch sehen konnte.
Er konnte eine Art Summen hören, die Energie fühlen, die Magie. Es war ein irreales Gefühl. Er war sich nicht sicher, was er davon halten sollte, aber er wusste in diesem kurzen Moment, dass er die Bewegungen des Schnatzes nicht beobachten musste. Er war sich sicher, dass er den Schnatz nicht aus den Augen verlieren würde. Er wandte seinen Kopf zur Seite und zwinkerte Cho zu, während er gleichzeitig seine Hand ausstreckte und seine Finger um den Schnatz schloss.
Das Jubeln der Menge war alles, was Harry hören konnte und er streckte seine Faust in die Luft, seine Finger noch immer um den flatternden Schnatz geschlossen. Cho warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu, aber er lächelte nur, als er sich umwandte, um zu seinen feiernden Teamkameraden zu fliegen. Er flog zuerst zu Ginny, die - obgleich ein Lächeln im Gesicht - Harry einen fragenden Blick zuwarf, welchen er nicht einordnen konnte. Er zog sie in eine Umarmung und küsste sie auf den Scheitel, während er versuchte, zu erraten, was genau der Blick bedeutet haben könnte.
Als er Ginny losließ, wurde er von seinen Teamkollegen mitgerissen und bekam nicht die Gelegenheit, sie zu fragen. Er sah, wie Ginny mit dem Team mitging, als sie sich langsam auf dem Weg zu den Umkleideräumen machte, aber sie blieb am Rand, während er ohne Chance auf Entkommen in der Mitte der Gruppe gefangen war. Er konnte nicht anders als zu bemerken, dass ihr Lächeln ihre Augen nicht erreichte. Sie betrat die Umkleideräume der Mädchen, bevor er die Chance hatte, etwas zu ihr zu sagen. Harry wurde von Ron, der einen Arm um Harrys Schulter gelegt hatte, in die Umkleide der Jungs geführt, während er ohne Unterlass über das Spiel redete.
Harry hörte kaum ein Wort von dem, was er sagte. Als ob seine Unterredungen mit Cho und seine merkwürdige Entdeckung, was den Schnatz anging, nicht genug sein würde, verwirrte Ginnys komisches Verhalten Harry. Während all der Zeit, in der sie zusammen waren - während all der Zeit, in der sie Freunde waren- hatte er sie ihn noch nie so anschauen sehen. Harry konnte es nur auf eine Art beschreiben: ein Blick des Zweifels.
Harry trödelte im Umkleideraum. Seine Gedanken waren in Aufruhr und er hatte wenig Lust zu feiern. Ron war der letzte seiner Teamkameraden, der ging, und er tat dies nur widerwillig, da er jedes kleine Detail des Spiels mit Harry besprechen wollte. Es war nur das Versprechen, dies später am Abend zu tun, was Harry die Privatsphäre gab, alleine mit seinen Gedanken zu sein. Er schien jedoch unfähig zu sein, sich lange genug auf eine Sache zu konzentrieren, um Klarheit zu bekommen.
Zuerst einmal war da Cho, auch wenn sie im Moment der kleinste Teil seiner Sorgen war. Harry wollte, dass sie glücklich war. Er wollte verstehen, warum sie es nicht hinter sich lassen konnte, aber er machte sich über andere, wichtigere Dinge Sorgen. Das merkwürdige Gefühl, das er gehabt hatte, als er den Goldenen Schnatz gejagt hatte, weckte in Harry ein merkwürdiges DéjàVu-gefühl, als hätte er so etwas bereits gespürt, aber er konnte nicht einordnen, wo. Er wusste nicht einmal, was er fühlte, aber er war fest entschlossen, es herauszufinden.
Dann war da Ginny.
Harry ließ sich auf die Bank fallen und hielt sich den Kopf zwischen den Händen. Er hatte keine Ahnung, was diesen Blick verursacht hatte und soviel er auch darüber spekulieren konnte, er wusste, dass er keine Antwort finden würde. Er wusste schließlich nicht, was er wirklich gesehen hatte. Er könnte es missinterpretiert haben. So oder so brachte es nichts, herumzusitzen und darüber nachzudenken, und so Schloss Harry seinen Spind und trat aus der Tür. Er war überrascht, einer bekannten weiblichen Gestalt gegenüberzustehen, sobald er aus dem Raum trat, aber es war nicht diejenige, die er sehen wollte.
„Hey, Harry."
„Hey, Cho", erwiderte Harry.
„Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich auf dich gewartet habe", meinte Cho.
„Äh - nein, das ist ok, schätze ich", antwortete Harry. „Du hast mich nur überrascht."
Sie grinste ihn auf eine etwas seltsame Weise an, als sie sagte: „Übrigens Glückwunsch zu deinem Fang."
„Oh, danke."
„Auch wenn das neckende Augenzwinkern nicht hätte sein müssen", fuhr sie gutmütig fort.
Harry lächelte verlegen. „Sorry. Nach dem, was ich dir vorhin gesagt hatte von wegen nicht den Blick vom Schnatz abwenden, konnte ich die Gelegenheit, meinen eigenen Worten Lügen zu strafen, nicht widerstehen."
Cho kicherte und schlug nach seinem Arm. Harry war still und fragte sich, warum sie auf ihn gewartet hatte. Als es nicht so aussah, als ob Cho dieses kleine Detail verraten wollen würde, entschied er, sie einfach zu fragen.
„Gibt es einen Grund, warum du auf mich gewartet hast?"
„Oh nun, während des Spieles hast du gesagt, ich solle es einfach sagen, wenn ich später mit dir reden wollte", erwiderte sie. „Also dachte ich, ich sage es einfach."
„Also gut", erwiderte Harry. „Macht es dir was aus, wenn wir laufen und reden?"
„Nein."
Die beiden Teenager begannen gemächlich und wortlos zum Schloss zu gehen. Nach einer Minute fragte Harry schließlich: „Über was wolltest du reden?"
Cho warf ihm einen langen, bedeutungsvollen Blick zu, bevor sie antwortete: „Uns."
„Es gibt kein „uns", Cho", erwiderte Harry. „Das gab es kaum. Du hast am Ende des letzten Jahres angefangen, mit Michael Corner zu gehen. Ich dachte, du hättest „uns" hinter dich gelassen."
Cho antwortete nicht sofort. Sie schaute nur geradeaus, als sie weitergingen. Schließlich drehte sie ihren Kopf zu Harry und sagte: „Ich war wütend. Michael war da. Es war angenehm, aber ich habe für ihn niemals gefühlt wie ich es dir gegenüber tat."
Harry seufzte. „Wir haben es letztes Jahr versucht, und das ganze endete nicht gerade gut. Seitdem hat sich viel verändert. Ich habe mich seitdem verändert. Ich hatte nicht vor, mich dieses Jahr mit Mädchen zu beschäftigen. Aber Ginny ist anders. Ich glaube, sie ist die erste Person, die mich wirklich versteht. Versteh mich nicht falsch, ich habe ein paar wirklich großartige Freunde, aber Ginny ist einfach nur atemberaubend. Ich weiß nicht, was ich ohne sie machen würde."
Nach seinen Worten schwiegen beide, bis sie die Stufen zum Schloss erreichten. Harry blieb stehen und drehte sich zu Cho. „Hör zu, Cho, was auch immer zwischen uns gewesen ist, es ist vorbei."
„Ich weiß", unterbrach Cho. „Ich meine, ich weiß im Kopf, dass wir unsere Chance hatten und sie nicht wiederkommen wird. Aber ich kann einfach nicht loslassen, egal wie sehr ich es versuche." Sie hielt inne und holte tief Luft, als wolle sie sich innerlich vorbereiten. „Nach Cedric habe ich ... ich war einfach besorgt, dass ich meine Chance verpasst habe. Ich fürchtete, dass ich gerade die große Liebe meines Lebens verloren habe. Du warst der einzige, der mir Hoffnung gab. Ein Teil von mir fühlt sich schuldig, als würde ich Cedric verraten."
Sie schniefte hörbar und wischte sich mit ihrer Hand über ihre Augen, bevor sie fortfuhr: „Aber ein anderer Teil von mir freute sich so sehr, dass ich eine neue Chance bekam, dass ich nicht meine einzige Möglichkeit verloren hatte. Nun ist diese Chance ebenfalls vergangen und ich weiß einfach nicht, wie viele ich bekommen werde."
Harry starrte sie einen Augenblick lang nur an. Er war mehr als nur geschockt über diese Offenbarung. Er schluckte schwer und seine Gedanken wirbelten umher. Harry legte seine Hände auf ihre Schultern, als er erwiderte: „Es tut mir leid, Cho. Ich kann mir nicht vorstellen, was du durchgemacht hast, Cedric zu verlieren." Harry hielt inne, als Cho ein weiteres Mal laut schniefte und griff in seine Hosentasche, um ein Taschentuch heraufzubeschwören, welches er Cho reichte.
Sie akzeptierte das Taschentuch mit einem gemurmelten: „Danke."
Harry gab ihr einen weiteren Moment, bevor er fortfuhr: „Wir sind noch immer so jung, Cho. Du hast noch dein ganzes Leben vor dir, um Liebe zu finden. Warum machst du dir so viele Sorgen?"
„Das ist es ja", gab Cho als Antwort. „Wir wissen nicht, wie lange wir haben. Wenn ich eins von Cedric gelernt habe, dann das nichts im Leben garantiert ist. Es kann jederzeit alles vorbei sein. Mit Du-Weißt-Schon-Wem zurück ist das wahrer denn je."
Harry konnte ihre Logik kaum leugnen, aber er würde nicht so einfach aufgeben. „Umso mehr Gründe, nicht aufzugeben und aufzuhören, darüber nachzudenken, was zwischen uns hätte sein können. Du bist ein tolles Mädchen, Cho. Jeder Junge kann sich glücklich schätzen, mit dir zusammenzusein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis du den richtigen findest. Vertrau mir."
„Glaubst du wirklich?", fragte Cho mit einem kleinen Schniefen.
„Das tue ich", erwiderte Harry. Er legte zögernd einen Arm um sie und zog sie in eine Umarmung. Sie zögerte nicht und warf ihre Arme um ihn, um die Umarmung zu erwidern. Sie standen dort nur für einen Moment, und als er sich von ihr löste, packte Harry sie an ihren Schultern: „Bist du okay?"
„Ja", erwiderte sie und lächelte schüchtern. „Ich denke, ich werde es sein."
„Gut", sagte Harry und ließ einen scherzenden Ton in seine Stimme gleiten. „Weil ich bin ziemlich sicher, dass eine Quidditchparty stattfindet, zu der ich eingeladen bin. Ich habe für Gryffindor das Spiel gewonnen, weißt du."
Cho schlug ihm auf den Arm, aber ihr Lächeln sagte Harry, dass sie seinen Scherz mit Humor nahm. Sie gingen die Stufen zum Schloss gemeinsam hoch und trennten sich innen, als sie zu ihren jeweiligen Gemeinschaftsräumen gingen. Harry war schon fast beim Gryffindorturm, als seine Gedanken nicht länger um die Unterhaltung mit Cho kreisten, sondern sich wieder Ginny zuwandten. Seine Unterredung mit Cho ließ ihn Ginnys Rolle in seinem Leben nur noch mehr wertschätzen. Wenn sie nicht wäre, würde er sich vielleicht wie Cho fragen, ob er jemals jemanden finden würde, bevor seine Zeit abgelaufen war. Ohne Ginny wäre er in den letzten paar Monaten sehr allein gewesen, aber mit Ginny hatte er das Gefühl, dass er sich nie mehr allein fühlen würde.
Mehr als alles andere wollte er, dass nichts zwischen ihn und Ginny kommen konnte. Er beschloss, sie einfach zu fragen, was sie belastete. Er wusste jedoch, dass das in beide Richtungen funktionieren musste. Er war mit Ginny offener gewesen als mit jedem anderen in seinem Leben. Dennoch hatte er noch Geheimnisse, die er vor ihr geheim hielt. Es war ein Geheimnis im Besonderen, welches Harrys Gedanken beschäftigte - der Grund für sein ganzes Training. Er hatte die Prophezeiung vor Ginny geheim gehalten; nicht wegen mangelndem Vertrauen, sondern weil die Information zu sensibel war, um sie mit jemanden zu teilen, der nicht in der Lage war, das Geheimnis zu beschützen. Solange Voldemort die Information nicht hatte, hatte Harry einen kleinen Vorteil - nicht, weil die Prophezeiung Harry irgendein wichtiges Wissen gab, wie er Voldemort besiegen konnte, sondern weil Voldemort das Wissen fehlte, das die Prophezeiung nichts Nützliches aussagte.
Nun, da Ginny Fortschritte in ihrem Okklumentikunterricht machte, war es vielleicht an der Zeit, sich ihr gegenüber zu öffnen - sie den wahren Grund wissen zu lassen für praktisch alles, das in seinem Leben passierte. Sein Gedankengang wurde unterbrochen, als er die letzte Ecke nahm und den Eingang zum Gryffindorturm erreichte. Als Harry das Passwort zur Fetten Dame sprach, schwang sie auf und er kletterte durch den Eingang. Sobald sich das Porträt hinter ihm schloss, hörte Harry eine Stimme rufen: „Da ist er!"
Die Leute im Gemeinschaftsraum drehten sich alle um, um Harry anzustarren und einen kurzen Moment lang war alles still. Dann brach der Raum abrupt in Jubel aus. Harry lächelte und akzeptierte gutgelaunt die Schulterklopfer und das Händeschütteln, aber seine Gedanken waren nicht bei der Sache. Er drehte seinen Kopf auf der Suche nach Ginny in dem vollen Zimmer hin und her, aber er konnte ihre rote Mähne nirgendwo entdecken.
Die Menge verlor irgendwann das Interesse an Harrys Anwesenheit und er konnte ungehindert durch den Raum gehen. Er fand Ron und Hermine auf einem Sofa nahe dem Kamin sitzen.
„Hey Harry", grüßte Hermine. Sie hatten seit ihrer Auseinandersetzung am Anfang der Woche nicht mehr viel miteinander gesprochen und daher war Harry ein wenig über das freundliche Willkommen überrascht. Dann wiederum sah sie sehr zufrieden aus mit Rons Arm um ihre Schultern.
„Hey", grüßte Harry zurück und nickte Ron zu. „Habt ihr Ginny irgendwo gesehen?"
„Sie ist in ihren Schlafsaal hochgegangen", sagte Hermine mit einem Stirnrunzeln. „Sie sagte, sie hätte leichte Kopfschmerzen und wollte der Menge entgehen."
„Oh", erwiderte Harry.
„Ich würde mir keine Sorgen machen", fügte Hermine hinzu und schaute ihn ein wenig merkwürdig an. „Ich bin mir sicher, es geht ihr bald besser."
„Ja", erwiderte Harry leicht geistesabwesend.
„Ja, Kumpel", mischte Ron sich ein. „Hast du gesehen, als Ginny die umgekehrte Porskoff Täuschung ausführte? Selbst ich hätte nicht gedacht, dass es so effektiv sein würde."
„Nein", schüttelte Harry verneinend den Kopf. „Den muss ich verpasst haben." Er hielt einen Moment inne und kratzte sich am Kopf. „Sie so tun zu lassen, als ob sie ihn fallen lässt und den Ball dann aber tatsächlich nach oben wirft hat also wirklich so gut funktioniert?"
„Ja", sagte Ron aufgeregt. „Man sollte glauben, dass jemand anderes schon auf die Idee gekommen wäre, die Täuschung umzukehren, aber ich habe noch nie davon gehört."
„Nun, Glückwunsch, dass du der erste warst", erwiderte Harry. „Vielleicht werden sie es die Weasley-Täuschung nennen."
Rons Augen weiteten sich, als er Harry anstarrte. Hermine schaute von Ron zu Harry und wieder zurück und begann zu lachen. Harry gluckste ebenfalls angesichts Rons Gesichtsausdruck.
„Wirklich, Harry", sagte Hermine einen Moment später. „Sie müssten ihm einen etwas griffigeren Namen geben. Der Weasley Winkelzug hört sich viel besser an und hat eine Alliteration, was beliebt zu sein scheint."
Harry lächelte und hielt seine Hände als Zeichen der Ergebung in die Höhe. Er war froh, das Hermine nicht die gute Stimmung durch den Quidditchsieg durch ihre gegenteiligen Ansichten überschatten ließ - insbesondere wegen Rons Anwesenheit. „Also gut, der Weasley Winkelzug."
Ron schaute zwischen ihnen hin und her, als versuche er, herauszufinden, ob sie es ernst meinten oder nicht. Harry lächelte seinen Freund nur breit an. „Ich werde ein wenig herumgehen. Bis später Leute."
Hermine verabschiedete sich ebenfalls, aber Ron war zu sehr in seine Gedanken vertieft, um mehr zu tun als Harry zuzunicken. Als Harry sich umdrehte, sah er aus dem Augenwinkel die Treppe, die zu den Schlafsälen der Mädchen führte. Er wusste, dass er die Treppen nie erklimmen könnte, ohne den Alarm auszulösen, aber vielleicht gab es einen anderen Weg. Er schaute sich um, um sicherzugehen, dass niemand ihn beobachtete, bevor er die Treppe zu den Jungenschlafsälen hochsprintete. Dort öffnete er ein Fenster und verwandelte sich in seine Eulengestalt. Mit einigen kraftvollen Flügelschlägen flog er auf das Fensterbrett und erhob sich in die Luft.
Einen kurzen Moment lang befürchtete Harry, dass er Probleme haben würde, das richtige Fenster zu finden, aber als seine Eulensinne sich bemerkbar machten, wusste er genau, wohin er fliegen musste. Es brauchte nur einige Sekunden, um ihr Fenster zu erreichen, aber er brauchte etwa eine Minute, bevor er Ginny zu der Glasscheibe locken konnte. Er schaute ihr in die Augen und bat sie, ihn einzulassen, während er mit seinen Flügeln schlug, um auf der gleichen Höhe mit dem Fenster zu bleiben.
Ihre Schultern sackten ein wenig hinunter und ein sanftes Lächeln spielte in ihren Mundwinkeln. Sie legte den Riegel um und drückte das Fenster auf. Sie trat zur Seite, um Harry herein zu lassen. Statt sich sofort in seine menschliche Gestalt zurückzuverwandeln landete Harry auf Ginnys Schulter und kniff spielerisch in ihr Ohr, was ihm ein unterdrücktes Lächeln einbrachte und Ginny schimpfte spielerisch: „Harry."
Er flog von ihrer Schulter weg und verwandelte sich wieder in seine normale Gestalt, bevor er den Boden erreichte. „Hey", sagte er. „Hermine sagte, dass du dich nicht wohl fühlst."
Sie schaute weg, als sie leise sagte: „Ja, ich habe ein wenig Kopfschmerzen."
„Hast du das?", fragte Harry, sein Blick unverwandt auf ihr Gesicht gerichtet. Sie drehte sich ganz von ihm weg und Harry trat vor, wobei er ihr eine Hand auf die Schulter legte und ließ sie ihren Arm zu ihrer Hand hinuntergleiten. Er zog sanft und versuchte sie zu überzeugen, sich zu ihm herumzudrehen. Als sie nach einem Moment nachgab, legte er seine Hand an ihr Gesicht und rieb mit seinen Daumen über ihre Wange. „Was ist los?"
„Es ist nichts", erwiderte sie. Sie versuchte zu Lächeln, hatte aber keinen wirklichen Erfolg.
Harry beäugte sie skeptisch. „Wenn es nichts ist, warum versteckst du dich dann hier in deinem Raum statt mit allen anderen zu feiern?"
„Ich wollte alleine sein", antwortete sie kurzangebunden. Bevor er weiter nachbohren konnte, fragte sie: „Worüber haben Cho und du geredet?"
Harry runzelte die Stirn über ihre Frage, antwortete aber pflichtbewusst. „Nicht viel, wirklich. Über dich - Beziehungen im Allgemeinen", erklärte er kurz. Er fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, Chos persönliche Angelegenheiten mitzuteilen - selbst Ginny gegenüber.
„Und die Tatsache, dass sie dich noch immer mag", meinte Ginny. Harry war nicht in der Lage, die Gefühle, die in ihrer Stimme mitschwangen, einzuordnen.
„Die Tatsache, dass sie über ihre Gefühle verwirrt ist", korrigierte Harry. „Warum bist du plötzlich so interessiert an Cho?"
„Ich bin nur daran interessiert, herauszufinden, warum sie auf einmal so interessiert an dir ist", war Ginnys Antwort.
„Sie hatte Probleme, die Vergangenheit hinter sich zu lassen", sagte Harry so ruhig er konnte. Um die Wahrheit zu sagen war er mehr als nur ein wenig über die Art, wie Ginny sich verhielt, verwirrt.
Sie lachte bitter: „Klar, Harry. Etwas sagt mir, dass sie keinerlei Absichten hat, die Vergangenheit hinter sich zu lassen."
„Was soll das heißen?"
„Ich habe sie gehört, Harry, letztes Semester. Ich habe vor der Tür gelauscht, als sie versucht hat, dich zu überreden, mich fallen zu lassen und mit ihr zum Ball zu gehen." Harry konnte ein wütendes Funkeln in ihren Augen erkennen. „Versuch erst gar nicht, mir weiszumachen, dass sie keine Gefühle für dich hat."
„Warum regst du dich so auf?", fragte Harry. „Es ist wie ich sagte, sie ist verwirrt über ihre Gefühle. Sie weiß, dass zwischen uns nie wieder etwas sein wird und nach Cedric hat sie Angst, nie wieder jemand anderen zu finden. Deswegen hat sie Schwierigkeiten, nach vorne zu sehen."
„Oder sie benutzt ihre Trauer,um wieder einen Weg in deine Arme zu finden." Von ihrem Tonfall war klar, was sie von der Aufrichtigkeit von Chos Gefühlen hielt.
„Ich kann nicht fassen, dass du so wenig Vertrauen in mich hast", sagte Harry mit leiser, unsicherer Stimme. Seit er seine Gefühle für Ginny erkannt hatte, hatte er nicht einmal an ein anderes Mädchen gedacht. Er war nie in seinem ganzen Leben glücklicher gewesen. Sie waren tatsächlich erst seit nicht ganz einem Jahr befreundet und dennoch konnte er sich kaum vorstellen, wie das Leben ohne sie aussehen würde. Während allem, was er im September durchgemacht hatte, war sie bei ihm gewesen. Sie war sein Fels in der Brandung. Ihr Vertrauen und Glaube in ihn war nie erschüttert worden, und er hatte nie erkannt, was für ein gutes Gefühl ihm das gab bis zu diesem Moment.
„Nun, es hat bereits funktioniert, oder nicht?", fragte sie.
„Du hast mich ausspioniert?", fragte Harry ungläubig. Die Erkenntnis, dass sie ihm so wenig vertraute, traf ihn bis ins Mark.
„Ihr ward gut sichtbar", erwiderte sie. „Jeder, der aus einem Fenster schaute, hätte euch gesehen."
„Es kümmert mich nicht, was jemand sonst gesehen haben könnte", knirschte Harry und begann wütend zu werden. „Du vertraust mir nicht."
„Ich vertraue ihr nicht", schrie Ginny beinahe.
„Und du glaubst ... was? Dass ich dich bei der erstbietenden Gelegenheit verlassen würde?", erwiderte Harry hitzig.
„Nein", rief Ginny aus. Sie fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar und fügte hinzu: „Ich weiß nicht." Innerhalb einer Zehntelsekunde wich aller Kampfgeist aus ihr und sie sackte auf ihrem Bett zusammen. Harry sah die Tränen, die sich in ihren Augen bildeten. „Ich habe Angst." Die Worte wurden so leise gesprochen, das Harry sich nicht sicher war, ob er sie richtig verstanden hatte - oder das sie überhaupt etwas gesagt hatte.
Harrys Ärger wich so schnell wie Ginnys und er näherte sich ihr vorsichtig. Er kniete sich vor ihrem Bett hin und nahm eine ihrer Hände in seine. „Ginny, rede mit mir. Was ist los?"
„Ich habe Angst", erwiderte sie lauter und wischte sich wütend mit ihrer freien Hand über ihre Augen.
„Vor was?", fragte Harry in einem beruhigenden Tonfall nach.
Sie sagte einen Moment lang nichts, bevor sie ihre Hand aus seiner zog und frustriert aufseufzte, während sie ihren Kopf zwischen ihren Händen abstützte. Harry wollte sie trösten, aber er wusste nicht wie. Er wusste nicht einmal, was los war. Es gab nichts, was er tun konnte außer zu warten. Es war erst ein paar Minuten später, das Ginny überhaupt wieder zu ihm hochschaute, und als sie dies tat, war es nur durch ihre Finger hindurch, als wolle sie sich noch immer verstecken. Harry erwiderte ihren zyklopenähnlichen Blick ruhig, entschlossen, zum Ursprung von was auch immer es war, dass sie belastete, zu gelangen.
Schließlich nahm sie ihre Hände vor ihrem Gesicht weg, aber sie wich seinem Blick aus und schaute auf Harrys Oberkörper statt seinen Blick zu erwidern.
„Du wirst denken, dass ich dumm bin", sagte sie mit niedergeschlagener Stimme.
„Ich werde nicht glauben, dass du dumm bist", sagte Harry. „Ich verspreche es."
Sie seufzte. Sie hob ihren Blick und erwiderte seinen Blick nur für einen Sekundenbruchteil, bevor sie über seinen Kopf hinweg sah. „Du weißt, wie ich, als ich klein war, total in dich verschossen war?"
Harry nickte, verwirrt, auf was sie hinaus wollte: „Ja."
„Ich habe lange gebraucht, um darüber hinwegzukommen", fuhr sie fort. „Ich habe ewig gebraucht, um auch nur den Punkt zu erreichen, an dem ich mit dir reden konnte." Ihr Tonfall machte deutlich, wie unmöglich sie sich selbst fand bei der Erinnerung, wie schüchtern und unsicher sie gewesen war. „Aber ich habe es schließlich -endlich- überwunden. Ich habe nie aufgehört, dich als Freund zu mögen, aber ich hatte es satt, jedesmal wie paralysiert zu sein, wenn du in der Nähe warst. Ich wollte deine Freundin sein."
Harry verlagerte sein Gewicht auf seine Fersen, unsicher, wie er das, was sie sagte, aufnehmen sollte. Er wollte sie trösten, ihre Hand nehmen, sie in den Arm nehmen, aber er war nicht in der Lage, sich vom Fleck zu bewegen und konnte nur zuhören, als sie fortfuhr.
„Nach dem letzten Jahr habe ich mich - was dich anging - endlich gut gefühlt. Wir waren nicht die besten Freunde, aber ich hatte das Gefühl, dass ich dir tatsächlich helfen konnte - dass ich mehr von mir gezeigt hatte - statt nur die Tatsache, dass ich Rons dumme kleine Schwester bin. Du hast keine Ahnung, wie geschockt ich war, als ich im Sommer von dir gehört habe. Ich verstehe jetzt, warum du die Dinge sagen konntest und warum du mir als erstes geschrieben hast. Als die Schule begann und ich von deinem Geheimnis erfuhr, habe ich mich so stark gefühlt. Zu wissen, dass ich dein Vertrauen gewonnen habe, wenn dies niemand anderes getan hatte - ich war glücklich."
Harry blieb still, selbst als sie nicht weiterredete, da er fühlte, dass sie alles aus sich heraus lassen musste.
„Als das Semester weiter voranschritt, merkte ich, dass ich wieder Gefühle für dich entwickelte, aber ich ließ die Gefühle mich nicht beeinflussen. Du hast mich gebraucht und ich war fest entschlossen, für dich da zu sein - dir auf jede Weise, die ich konnte, zu helfen. Als die Zeit verging, wuchsen meine Gefühle für dich, egal wie sehr ich dagegen ankämpfte. Nach dem Ball, als du mich beinahe geküsst hattest, schienst du dich von mir zu distanzieren, und ich war überzeugt, dass du der Meinung warst, du hättest einen Fehler begangen - dass du meine Gefühle nicht wirklich teiltest und mich nur beinahe geküsst hattest, weil du in dem Moment gefangen gewesen warst. Selbst dann ließ ich meine Gefühle nicht heraus. Schließlich hatte ich meine Verknalltheit in dich überwunden und ich würde niemals wieder meine Gefühle so die Oberhand gewinnen lassen." Sie wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und schniefte hörbar, bevor sie fortfuhr: „Dann hast du dich schließlich überwunden und seitdem ist alles wunderbar. Ich kann es kaum glauben. Niemals - nicht in meinen fantastischsten Träumen, als ich zehn Jahre alt war - hätte ich mir vorstellen können, dass du mich so glücklich machen könntest wie du es machst, Harry - dass ich so viel für dich fühlen könnte."
Harry hob seine Hand und drückte Ginnys, seine Augen voller Zuneigung zu ihr. Er erkannte verspätet, wie schwer es für sie als Kind gewesen sein musste und wie entschlossen sie gewesen sein musste, das alles hinter sich zu lassen, um noch immer mit ihm befreundet zu sein. Sie ließ ihn ihre Hand nur einen Moment lang drücken, bevor sie sie ihm entzog.
„Aber egal wie gut - wie richtig - es sich zwischen uns anfühlt: Ich kann meine Vergangenheit nicht abschütteln", erklärte sie, ihre Stimme voller Frustration. „Nach allem, was ich durchgemacht habe, um über dich hinwegzukommen, will ein Teil von mir wissen, warum jetzt? Warum hast du so lange gebraucht, um deine Gefühle zu erkennen? Und was genau sind deine Gefühle?"
Ginny schüttelte ihren Kopf, als sie fortfuhr: „Egal, wie sehr ich versuche, es hinter mir zu lassen - egal wie blöd es sich anhört ,selbst für mich selbst - kann ich nicht anders als mich zu fragen, ob es nicht wirklich ich bin. Während dem letzten Jahr warst du von allen in deinem Leben abgeschottet. Du hast sie alle aus diesem wichtigen Teil in deinem Leben außen vor gelassen und ich war die einzige, die da war. Ich war die einzige, mit der du reden konntest - die einzige, zu der du offen sein konntest. Und so frage ich mich: bin ich es?" Sie hielt inne und wischte die Tränen aus ihren Augen. Sie erwiderte dann das erste Mal in ihrem ganzen Monolog seinen Blick. Ihre Stimme verlor all ihre Lebendigkeit als sie weiterredete: „Wenn es ein anderes Mädchen in der Winkelgasse gewesen wäre - irgendein anderes Mädchen, das dein Geheimnis entdeckt hätte - hättest du dich stattdessen in sie verliebt?"
Und dann brach sie in Tränen aus.
Bei ihrem ersten Schluchzen setzte sich Harry sofort neben sie auf das Bett und zog sie in seine Arme. Sie kämpfte nur einen Moment lang gegen ihn an, bevor sie nachgab und in seine Roben weinte. Zu sagen, dass Harry ratlos war, wäre eine Untertreibung. Nicht einmal in seiner Zeit mit Ginny hatte er sich diese Frage gestellt. Nichts in seinem Leben hatte sich so richtig angefühlt. Ein Teil von ihm war wütend auf sie, dass sie Zweifel hatte, aber er tat sein bestes, dieses Gefühl zu unterdrücken. Wütend zu werden würde nichts lösen. Alles was es brauchte war ein Blick auf ihre zitternde Gestalt, dass seine Wut verschwand, aber egal wie sehr er sie trösten und aufmuntern wollte; er wusste, dass er über das, was sie gerade offenbart hatte, nachdenken musste. Nachdem sie ihm ihr Herz ausgeschüttet hatte, wäre es eine Beleidigung, ihre Ängste zur Seite zu wischen, ohne sich erst die Zeit zu nehmen, über sie nachzudenken.
Als Harry Ginny in seinen Armen hielt, dachte er über ihre Fragen nach. Was wäre passiert, wenn jemand anderes seine Geheimnisse entdeckt hätte? Er wusste keine Antwort. Zu der Zeit war er entschlossen gewesen, sein Geheimnis vor wirklich allen zu wahren. Harry war sich nicht sicher, wie er reagiert hätte. Als Ginny seine Identität herausgefunden hatte, hatte er sich erschreckt. Erst viel später hatte er die Möglichkeit in Betracht gezogen, sie ins Vertrauen zu ziehen.
Er hatte kurzzeitig einen Erinnerungszauber in Betracht gezogen, aber Harry wusste, dass er niemals guten Gewissens einen solchen Zauber auf einen Freund werfen könnte - insbesondere wenn er keine Übung damit hatte. Er hatte dann überlegt, die Lebensschuld, die sie ihm schuldete, zu verwenden, um ihr Stillschweigen zu gewährleisten - die Tatsache, dass es Ginny war, bedeutete, dass sie ihm zweifach schuldete und er war sich sicher, dass er dies zu seinem Vorteil nutzen könnte, wenn sie dagegen protestierte.
Stattdessen hatte er sich erlaubt, zu überlegen, was passieren würde, wenn er sich ihr anvertrauen würde. Harry hatte bald erkannt, dass er keinerlei Gründe hatte, ihr zu misstrauen. Sicher, es war ein großes Risiko, aber sie verdiente zumindest die Chance, sein Vertrauen zu gewinnen. Er beschloss, es auszuprobieren und von da an geschah eins nach dem anderen.
Was hätte er also getan, wenn es nicht Ginny gewesen wäre? Nun, Hermine zum einen musste nicht berücksichtigt werden, da Harry sich sicher war, dass er keine Gefühle für sie entwickelt hätte, egal was die Umstände wären. Aber irgendein anderes Mädchen? Harry konnte mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass - wenn es irgendein anderes Mädchen gewesen wäre - er dem ersten Plan gefolgt wäre und die Lebensschuld verwendet hätte, um ihr Schweigen sicherzustellen. Es war nur die Tatsache, dass es Ginny war, was ihn umgestimmt hatte.
Selbst wenn - nur mal angenommen - er sich entschlossen hätte, sich dem anderen Mädchen anzuvertrauen, konnte er sich nicht vorstellen, sich in jemand anderen als in Ginny zu verlieben. Kein anderes Mädchen konnte ihn so verstehen wie sie das tat. Kein anderes Mädchen hätte ihre Freizeit und ihr Sozialleben aufgegeben, um mit ihm zu trainieren. Harry war derjenige mit der Prophezeiung. Er hatte kaum eine andere Wahl als sich auf das vorzubereiten, was vor ihm lag. Ginny dagegen hatte die Wahl und sie hatte sich dennoch dazu entschieden, den gleichen Weg wie er zu gehen.
Als Harry beruhigend über ihren Rücken strich, begann Ginnys Schluchzen langsam abzuklingen, bis das einzige Geräusch, das in dem leeren Schlafsaal zu hören war, ihr gelegentliches Hicksen war. Er hob seine andere Hand und strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht und hinter ihr Ohr. Er ließ seine Hand dann zu ihrer Wange gleiten und bat sie damit, ihr Gesicht nach oben zu wenden, um seinem Blick zu begegnen. Als sein Blick auf ihren traf, erstarrte Harry. Die starke Sehnsucht in ihren Augen ließ seine Worte im Halse stecken bleiben und er vergaß plötzlich alles, was er hatte sagen wollen.
Er wusste jedoch, dass sie es hören musste, und so begann er unsicher: „Ginny, ich ... Du warst nicht gerade "praktisch" da. Ich meine, du ... du bedeutest mir alles. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, so für ein anderes Mädchen zu empfinden und du weißt nicht, wie glücklich ich mich schätze, mit dir zusammen zu sein. Es hat nichts damit zu tun, dass du mein Geheimnis herausgefunden hast. Es ist die Tatsache, dass ich dich schließlich näher kennengelernt habe - dich, Ginny, nicht nur Rons Schwester oder das Mädchen, das in mich verknallt war. Ich ... ich hatte nicht vor, dieses Jahr mit jemanden zusammenzukommen. Nach all der Zeit, die ich letztes Jahr mit der Sache mit Cho verloren habe, konnte ich mir keine Ablenkung wie diese mehr leisten. Aber dann kamst du und du warst das genaue Gegenteil. Du hast mir durch alle Schwierigkeiten und Probleme geholfen. Du verstehst mich wie kein anderer und dennoch kennst du mich nicht mal ein Jahr lang."
Er wurde durch Ginnys Hand, die auf seinem Mund lag, davon abgehalten, mehr zu sagen. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber stattdessen legte sie ihre Hand an Harrys Nacken, zog seinen Kopf zu sich und legte ihre Lippen auf seine. Harry verlor sich nur für einen Moment in ihrem Kuss, bevor er sich von ihr trennte. Er saß da und versuchte, wieder zu Atem zu kommen; nur wenige Zentimeter trennten ihre Gesichter voneinander. „Ginny, ich ... ich muss dir etwas sagen."
Er neigte seinen Kopf ein wenig, legte seine Stirn gegen ihre und schloss seine Augen, als er versuchte, einen Weg zu finden, wie er es ihr sagen konnte. „Was immer es ist, Harry, du kannst es mir sagen", flüsterte Ginny, auch wenn ihre Stimme ihre Unsicherheit verriet.
Harry öffnete seine Augen, als er begann: „Es ist ... nun, es ist etwas, das ich dir schon eine Weile sagen wollte, aber ich konnte es nicht - nicht, bis du die Mittel hattest, es zu beschützen."
Ginny trennte sich von ihm, ihre Augenbrauen besorgt hochgezogen: „Was ist es?"
„Erinnerst du dich an die Prophezeiung?", fragte Harry, sein Blick auf den Boden gerichtet.
„Die, die in der Mysteriumsabteilung zerbrochen ist?", fragte Ginny.
„Ja", erwiderte Harry. Er schaute hoch und blickte ihr direkt in die Augen: „Ich weiß, was sie beinhaltet."
ENDE 22.2
AN: Vielen Dank an GabbaPodda und Thomas. Es freut mich immer wieder eure (neuen) Reaktionen zu lesen!
