Kapitel 27: Die Rückkehr
Severus drehte sich um, als die Tür zu seinem Büro sich öffnete: „Schließen Sie die Tür hinter sich."
Der Junge tat, wie ihm befohlen und stolzierte in das Büro. Der Gang erinnerte ihn an James Potter nach einem seiner dummen Streiche und erhitzte seinen wachsenden Zorn. „Setzen Sie sich!", befahl er. Sein Tonfall hätte die meisten Schüler in Todesangst versetzt, aber ließ diesen einen unberührt. Ein triumphierendes Grinsen war auf dem Gesicht des Jungen zu sehen, als dieser sich auf den Stuhl setzte.
„Erklär."
Der Bengel lächelte höhnisch: „Ich weiß nicht, was Sie meinen."
„Der Zwischenfall in der Großen Halle", zischte Severus. Für beide Seiten im Krieg Spion zu sein war so schon schwer genug - auch ohne närrische Schulkinder, die sich einmischten und alles verhunzten.
Der Junge winkte ab: „Ich muss Ihnen nicht Rede und Antwort stehen."
„Hüte deine Zunge", spuckte Severus. Wie sehr wünschte er, dass er sich nicht mit Lucius herumplagen musste, sonst hätte er diesem unverschämten Blag längst Manieren beigebracht. „Nun, was hast du dir bei diesem närrischen Schauspiel gedacht?"
„Das geht Sie nichts an", erwiderte Malfoy.
„Das tut es", erwiderte Severus und verlor schnell die wenige Geduld, die er besaß.
„Wieso?", fragte der Junge. „Unser Lord hat mir diese Aufgabe gegeben- ihm Potter auf einem silbernen Tablett zu servieren. Ich habe ihm gegeben, was Sie ihm schon vor langer Zeit hätten geben sollen und unser Lord wird mich dafür belohnen."
„Idiotischer Junge", schäumte Severus. „Du hast ihm nicht Potter gegeben, sondern seine Hure!"
Draco erbleichte: „Nicht Potter?"
„Nein", sagte er, als würde er zu einem besonders minderbemittelten Kind reden. „Und dein offensichtliches Verhalten in der Großen Halle wird alle Finger auf dich zeigen lassen. Du hast mit der Subtilität eines Gryffindors gehandelt." Das Wort Gryffindor spuckte er mit besonderer Abscheu aus.
„Aber ich habe getan, wie von mir verlangt wurde", jammerte der Junge. „Wie konnte ich wissen, dass Potters Schlampe von seinem Kelch trinken würde?"
„Dein Plan hatte so viele Löcher, dass es ein Wunder ist, dass du nicht aus Versehen einen Hauselfen entführt hast", rüffelte Severus. „Der Dunkle Lord schaut nicht wohlwollend auf Versagen, aber so idiotisch wie du auch bist, gibt es noch Hoffnung." Dracos Augen leuchteten auf, als er mit angehaltenem Atem wartete, bis Severus fortfuhr: „Potter ist aus dem Schloss verschwunden, um dem Mädchen zu folgen. Niemand weiß, wohin er ging oder wohin er möchte."
Malfoy sackte in seinem Stuhl zusammen. „Merlin sei gedankt, ich habe noch immer eine Chance."
„Du bist ein Narr, wenn du denkst, dass du eine Chance hast", zischte Severus. „Was glaubst du, wird passieren? Das Dumbledore dich einfach aus der Schule gehen lassen wird? Selbst wenn Potter sich gefangen nehmen lässt, wirst du dich glücklich schätzen können, es aus dem Schloss zu schaffen."
„Der Dunkle Lord wird mir zur Hilfe kommen", sagte Malfoy.
Severus lachte hart: „Der Dunkle Lord kümmert sich nicht um dich, ihm ist nur dein Wert für ihn wichtig und wenn deine Tarnung aufgeflogen und Potter aus dem Schloss ist, bist du nichts wert."
„Sie lügen", sagte der Junge. „Ich bin ein Malfoy ..."
„Und dein Vater hat gegenüber dem Dunklen Lord einmal zuviel versagt", unterbrach Severus. „Er hat wenigstens noch etwas Wert, aber du? Der Dunkle Lord würde dich als Bestrafung für Lucius verwenden."
Das schien anzukommen, denn Malfoys Haltung veränderte sich vom stolzen Reinblut zu einem verängstigten Kind. „Sie können mir helfen", sagte er. Ein flehender Ton schlich sich in seine Stimme.
Er musste etwas Ähnliches bereits von seinem Vater oder dem Dunklen Lord persönlich gehört haben, um solch eine Angst in ihm auszulösen. „Warum sollte ich dir helfen?" Severus Gesicht war ausdruckslos, auch wenn er innerlich zufrieden war.
„Bitte, ich tue alles."
Genau die Worte, die er hören wollte. Dumbledore war ihm schon das ganze Jahr über wegen der Situation des Jungen im Nacken gesessen. Er fürchtete, dass der Vater des Jungen ihm keine Wahl lassen würde, was die Gefolgschaft des Dunklen Lords anging und er wollte, das Severus ihm diese Wahl gab. Der alte Mann dachte, er könnte jeden retten. Severus war nicht so naiv. Der Junge hatte keine Ahnung, auf was er sich einließ und bis er es aus erster Hand erfuhr, wäre er nur zu gewillt, dem Dunklen Lord zu folgen. Aber nun konnte er Malfoys verletzliche Position ausnutzen, um beide Seiten zufrieden zu stellen - wenn der Junge es hinbekommen würde.
„Das ist es, was du tun wirst ..."
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Remus schaute frustriert von einem Gesicht zum anderen. Die Ordensmitglieder saßen auf ihren Besen und bildeten im Himmel einen großen Kreis. Keiner von ihnen wusste, was sie tun sollten, und dieses endlose Diskutieren führte zu nichts.
„Selbst wenn wir unserem jetzigen Kurs folgen", sagte Remus. „Stehen die Chancen gut, dass wir Harry niemals finden würden. So sehr ich es auch hasse, es sagen zu müssen, aber die Suche nun fortzuführen ist sinnlos. Das Beste, das wir tun können, ist, uns im Hauptquartier zu versammeln und zu versuchen, mehr Informationen zu sammeln und uns eine andere Strategie zu überlegen."
Niemand war über seine Worte erfreut, er selbst am allerwenigsten, aber es war die einzige vernünftige Option, die ihnen blieb. Widerwillig nickende Köpfe waren zu sehen und sie beschlossen, sich im Grimmaulplatz zu treffen. Als die Gruppe sich darauf vorbereitete, zu apparieren, entdeckte Remus einen verschwommenen weißen Fleck in der Ferne.
„Wartet eine Sekunde", sagte er zu den anderen gewandt. „Ich glaube, das könnte Hedwig sein."
Sie wandten ihre Köpfe gleichzeitig dorthin, wohin Remus schaute. Und als das weiße fliegende Objekt deutlicher zu sehen war, war klar, dass Remus Recht hatte. Remus flog in Hedwigs Richtung in der Hoffnung, dass Harry einen Brief geschrieben hatte, um sie von der Situation in Kenntnis zu setzen, ihnen seinen Standort verriet, etwas - irgendetwas - dem sie folgen konnten, aber als er sich der Eule näherte, bemerkte er schnell das fehlende Pergament und fühlte, wie sein Herz sank. Nichtsdestotrotz flog Hedwig direkt zu ihm, als ob sie etwas zum Ausliefern hätte.
Als Remus es versäumte, einen Arm auszustrecken, ließ die Eule sich auf dem Besenstiel nieder und begutachtete ihn mit einem intensiven und intelligenten Blick. Remus starrte direkt zurück und fragte sich, welche Geheimnisse die Eule in sich trug. Er war sich vage bewusst, dass die anderen Ordensmitglieder sich um ihn herum versammelten, aber er schaute nur auf Hedwigs bernsteinfarbene Augen. Nach einer Minute des Starrens schuhute Hedwig laut und flatterte aufgeregt mit ihren Flügeln, auch wenn sie auf dem Besen sitzen blieb. Remus runzelte die Stirn über den Vogel.
„Vielleicht versucht sie dir etwas zu sagen?", fragte Tonks in einem zweifelnden Tonfall, deutlich ihren eigenen Vorschlag in Frage stellend.
Das war alles, was Remus brauchte, um seine Gedanken auf den richtigen Weg zu bringen. Hedwig versuchte ihm etwas zu sagen. Harry hatte ihm erzählt, dass er seine Fähigkeit, Gedankenreden anzuwenden, erlernt hatte, indem er mit Hedwig redete. Das bedeutete, dass sie ihm tatsächlich sagen konnte, was sie wusste, wenn er sie nur verstehen könnte, aber er hatte seine Fähigkeit bisher nur in seiner Werwolfgestalt angewendet. Er zog konzentriert seine Augenbrauen zusammen und richtete seine Aufmerksamkeit nur auf Hedwig. Er starrte so intensiv in ihre bernsteinfarbenen Augen, als wären die Geheimnisse des Universums in ihnen verborgen.
Als ihre Stimme schließlich in seinem Kopf zu hören war, wurde Remus von einer Reihe von Wörtern begrüßt, von denen er nie gedacht hätte, sie von einer Eule zu hören. Er verhinderte ein Zusammenzucken ob ihrer farbenprächtigen Wortwahl und versuchte zögernd, sie anzusprechen: „Hedwig?"
„Endlich!", rief Hedwig gereizt aus. „Du musst dich beeilen. Mein Mensch Harry hat mich damit beauftragt, dich zu ihm zu führen."
„Du weißt, wo er ist?", fragte Remus. „Wie?"
Er hätte schwören können, dass er ein verärgertes Schnauben hörte. „Ich bin mit ihm geflogen, um seine Ginny zu finden. Er bat mich, dich zu ihm zu bringen, wenn sie noch nicht geflohen sind. Ich kann ihn nicht länger spüren, daher kann ich nur annehmen, dass er bei seiner Ginny ist - zum guten oder zum bösen."
Remus schluckte seine Fragen hinunter und sagte: „Nun, zeig mir den Weg."
Hedwig flog von seinem Besen weg und begann zurück in die Richtung zu fliegen, aus der sie gekommen war. Remus drehte sich zu den anderen, die ihn alle verwundert anschauten: „Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, sie möchte uns zu Harry führen."
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren lehnte Remus sich auf seinem Besen vor und raste hinter dem Vogel her. Irgendwo in der Ferne hörte er jemanden: „Remus, warte!" rufen.
Er schaute über die Schulter und sah, dass die anderen unter der Führung von Tonks zu ihm aufholten. Er nickte ihr zu und schaute dann wieder zurück zu Hedwig. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Kurze Zeit später stoppte Hedwig und Remus war überrascht, dass sie so schnell ihr Ziel erreicht hatten. Sie wandte sich um und flog zurück zu ihm. Er hörte was sie sagte: „Er ist zu Hause und er hat Ginny bei sich. Sie sind in Sicherheit."
Remus fühlte, wie er wieder freier Atmen konnte und ihm eine große Last von den Schultern fiel. Er wusste nicht, wie Harry es geschafft hatte, noch war er besonders über ihn glücklich, aber für den Moment war alles, was für Remus von Belang war, dass Harry und Ginny in Sicherheit waren.
Da die Nachricht überbracht war, begann Hedwig gemächlich Richtung Südwesten zu fliegen, vermutlich zu Harrys Haus.
„Was ist los, Remus?" fragte Kingsley. „Ich dachte, die Eule würde uns zu Harry führen."
Remus drehte sich zu dem Auroren um und zuckte mit den Schultern, als hätte er keine Ahnung, was los war. „Ich soll verdammt sein, wenn ich es weiß, aber sie scheint auf jeden Fall etwas zu wissen, was wir nicht wissen." Er schaute jeden von ihnen an, bevor er hinzufügte: „Sie war zuvor eindeutig unruhig und in Eile, aber sie scheint jetzt in Ordnung zu sein und ist zufrieden damit, langsamer in die entgegengesetzte Richtung zu fliegen. Wenn sie tatsächlich weiß, wo Harry ist, würde ich sagen, dass sie denkt, dass er jetzt in Sicherheit ist."
„Der Vogel ist verrückt!", schnaubte Mad-Eye. Er zog seinen Zauberstab hervor und versuchte sich an dem Verfolgungszauber, war aber erfolglos. „Ich sage, wir folgen unserem ursprünglichen Plan und apparieren zum Hauptquartier, um uns zu versammeln und eine neue Strategie zu überlegen. Wir haben schon genug Zeit damit verschwendet, einer verrückten Eule zu folgen. Hoffentlich hat Albus neue Informationen."
So sehr Remus den anderen sagen wollte, dass sie ohne ihn gehen sollten, um die Gelegenheit zu haben, nach Harry zu schauen, wusste er, dass er nichts verraten durfte. Er nickte und sagte: „Einverstanden."
Mad-Eye drehte sich um, um zu sehen, ob die anderen den Befehl verstanden hatten, bevor er mit einem Knallen verschwand. Die anderen begannen seinem Beispiel zu folgen und er wollte gerade selber disapparieren, als Remus eine Hand an seinem Arm spürte. Er drehte sich um und sah, wie Tonks ihm einen seltsamen Blick zuwarf. Als der letzte des Ordens disappariert war und sie damit allein ließ, ließ sie seinen Arm los und fragte: „Was geht hier vor, Remus?"
„Was meinst du?", fragte er ausweichend.
„Ein paar Minuten zuvor warst du so angespannt und besorgt, wie ich dich nur selten erlebt habe", erwiderte sie. „Nun siehst du einfach nur erleichtert aus. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du etwas weißt, was der Rest von uns nicht weiß."
Remus erwiderte ihren Blick kurz, bevor er nickte. Er wusste, dass es sinnlos war, sie anzulügen. „Harry und Ginny sind in Sicherheit", sagte er nur.
„Woher weißt du das", wollte sie wissen. „Und wenn sie in Sicherheit sind, wo sind sie?"
Remus schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht beantworten." Als sie sich bereit machte, zu protestieren, fügte er schnell hinzu: „Es ist nicht an mir, dir diese Geheimnisse zu verraten. Es tut mir leid."
Sie funkelte ihn einen Moment lang an, bevor sie fragte: „Wie lange wusstest du davon?"
„Ein paar Monate", antwortete er und flehte innerlich, dass sie verstehen würde, warum er es vor ihr geheim gehalten hatte.
„Du wusstest also die ganze Zeit, dass es Harry war?"
Remus nickte. „Bis St. Mungos war ich mir nicht sicher."
„Wieso hast du es mir nicht einfach gesagt?", fragte Tonks und ihr Ärger war deutlich zu hören. „Ich hätte das Geheimnis für mich behalten."
Remus runzelte die Stirn und flog näher zu ihr, bis er ihre Hand in seine nehmen konnte. „Ich wollte es. Ich habe es gehasst, es vor dir geheim zu halten, aber es sind Harrys Geheimnisse, nicht meine. Er hat sein Vertrauen in mich gesetzt und das ist nicht etwas, das ich jemals als selbstverständlich ansehen werde." Als er den verletzten Ausdruck auf ihrem Gesicht sah, fügte er hinzu: „Hör zu, wenn die Dinge sich beruhigen, werde ich mit ihm reden. Ich weiß nicht, was er Albus und dem Orden erzählen wird, aber ich bin mir sicher, wenn du bereit bist, zu versprechen, seine Geheimnisse zu bewahren, dass er dir vertrauen wird. Wenn ich mich nicht irre, wird er erleichtert sein, dass du weißt, wer er ist. Harry mag dich, und ich glaube, er war enttäuscht, dass du Jim nicht mochtest."
Sie lächelte leicht und er atmete tief auf. Er hatte gar nicht realisiert, dass er den Atem angehalten hatte. Er drückte leicht ihre Hand und sagte dann: „Danke für dein Verständnis."
Sie schüttelte den Kopf und grinste: „Nein, du hattest Recht, ich hätte wahrscheinlich dasselbe getan, wenn er mich gefragt hätte. Komm Wolfie, wir folgen besser den anderen, bevor sie sich fragen, was uns aufhält."
Er zog seine Hand zurück und sie warf ihm einen letzten Blick zu, bevor sie mit einem Knall disapparierte. Remus drehte sich in die Richtung, in die Hedwig verschwunden war und sah mit seinen scharfen Augen noch in der Ferne einen weißen Punkt. Sein Blick blieb einen Moment auf ihm, bevor er Tonks folgte und zum Grimmauldplatznr. 12 apparierte.
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Harry kniff seine Augen fest zu, als die Flammen ihn vollständig umgaben. Auch wenn die Flammen ihm keine Brandwunden zufügten, war es etwas beunruhigend, in Flammen zu blicken, die buchstäblich die Augen bedeckten. Als das Licht vor seinen Augen schwächer wurde, wagte er es, seine Augen zu öffnen und war nur wenig überrascht, sich in seinem Schlafzimmer in seinem neuen Zuhause wiederzufinden. Zugegeben, das war der Ort, wohin er wollte, aber er hatte angenommen, das Fawkes das Ziel angeben würde. Er zog die Privatsphäre seines Heimes dem Grimmauldplatz oder dem Büro des Schulleiters eindeutig vor, da er dort zweifellos sofort von Fragen bombardiert worden wäre, wozu weder er noch Ginny in der Stimmung waren, darauf zu antworten.
Ginny klammerte sich noch immer fest an ihn und er nahm an, dass sie ihre neue Umgebung noch nicht bemerkt hatte. Er fuhr mit einer Hand sanft durch ihr Haar und sagte: „Mach deine Augen auf. Wir sind jetzt in Sicherheit."
Der Raum wurde nur durch das Mondlicht, das durch das Fenster schien, beleuchtet, daher machte er mit einer kleinen Bewegung seines Fingers die Deckenlampe an. Das Licht flackerte kurz, bevor es anging und er konnte fühlen, wie Ginny sich bei der Veränderung anspannte. Als sie ihre Umgebung jedoch wahrnahm, sackte ihr gesamter Körper vor Erleichterung zusammen und Harry zog sie schnell fester an sich, um zu verhindern, dass sie zu Boden sank. Er fühlte, wie sie ihren Kopf von seiner Brust löste und sie begann, ihre Umgebung zu mustern. „Wo sind wir?", fragte sie mit einer Stimme kaum lauter als ein Flüstern.
„Zuhause", antwortete er. „Das heißt, mein Zuhause."
„Wie - wie sind wir hier hergekommen?", fragte sie. Ihre Stimme begann wieder normal zu klingen. „Du sagtest, es gäbe Schutzzauber."
„Es gibt Schutzzauber.", erwiderte er und drückte sie kurz. „Fawkes hat uns hierhergebracht."
„Fawkes?", fragte sie mit einem leicht alarmierten Unterton in ihrer Stimme. Sie trat einen Schritt von ihm weg und Harry ließ sie widerwillig aus seinen Armen gehen. „Aber wenn er hierherkommen kann, bedeutet das, dass er Dumbledore hierherbringen könnte, oder?"
Harry schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich würde mir keine Sorgen machen. Wenn Fawkes wollte, dass Dumbledore mich findet, hätte er es bereits getan. Ich glaube nicht, dass er Dumbledore hierher bringen würde, außer wenn ich in ernster Gefahr wäre."
Ginny nickte, um zu zeigen, dass sie seine Erklärung verstanden hatte.
Zum ersten Mal nahm Harry wirklich wahr, in welchem Zustand Ginny war. Mehr als alles andere sprang ihre aufgerissene Bluse ins Auge. Harry runzelte die Stirn und hätte sie liebend gern gefragt, wer das getan hatte, aber er hatte das Gefühl, dass es selbstsüchtig von ihm sein würde, sie zu bitten, ihre Erfahrungen noch einmal zu durchleben. Stattdessen trat er zu ihr und streckte eine Hand aus, um die Blusenränder festzuhalten. Er konnte sehen, dass die Knöpfe alle abgerissen waren. Statt einige neue Knöpfe heraufzubeschwören und zu versuchen, sie anzubringen, begann er einfach die beiden Seiten zusammenzunähen.
Ginny erschreckte sich beinahe zu Tode, als er begann, woraufhin Harry stoppte und in ihre weit aufgerissenen, panikerfüllten Augen schaute. Im Inneren kochte Harry vor Wut, als sein Kopf sich mit verschiedenen möglichen Szenarien füllte, wie ihre Bluse zerrissen wurde, und er brannte auf eine Gelegenheit, den Todesser zu finden, der dies getan hatte und ihn dafür zahlen zu lassen. Ein Blick in Ginnys Augen und Harrys Ärger verrauchte und er fühlte nur noch Sorge. Der Todesser konnte warten. „Entschuldige" murmelte er. „Ich dachte, es wäre dir recht, wenn das ein wenig gerichtet wäre."
Sie nickte, schaute aber zur Seite und erwiderte Harrys Blick nicht. Er unterdrückte den Wunsch, sie wieder in seine Arme zu schließen, um sie zu trösten und nähte die beiden Seiten schnell bis ein wenig höher als ihre Brust zusammen, da er wusste, dass sie es normalerweise vorzog, ein paar Knöpfe offen zu lassen.
Als er fertig war, konnte er ihr gemurmeltes: „Danke." kaum hören.
Harry nickte, auch wenn sie das nicht sehen konnte, da sie noch immer zur Seite schaute. Er trat einen weiteren Schritt näher und fuhr mit einer Hand durch ihr Haar und mit der anderen tröstend über ihren Rücken. Ginny ließ sich in eine lockere Umarmung ziehen und sie standen eine ganze Weile so da. Harry konnte sich nur vorstellen, wie sie sich gerade fühlen musste. Seine Gedanken überschlugen sich förmlich in dem Versuch, einen Weg zu finden, sie zu trösten, aber ihm fiel nichts ein.
Sie standen eine ganze Weile so da, bevor Harry fragte: „Brauchst du etwas? Bist du verletzt?"
Sie schüttelte den Kopf an seiner Brust und Harry zog sie ein wenig näher an sich. „Möchtest du darüber reden?", fragte er in einem Flüsterton. Sie schüttelte wieder den Kopf. Nach einigen Augenblicken schlug er schließlich vor: „Du solltest dich ausruhen, Ginny."
Sein Ausspruch ließ sie sich nur noch fester an ihn festklammern. „Es ist okay", flüsterte er. „Ich gehe nirgendwohin. Wir können uns zusammenhinlegen." Sie antwortete nicht, aber sie sträubte sich nicht, als er sie zum Bett führte. Harry positionierte Ginny und sich sehr vorsichtig auf dem Bett, wobei er Ginny nie losließ. Harry war sich nicht sicher, wann genau sie begonnen hatte, aber er bemerkte schnell, dass Ginny angefangen hatte, an seiner Brust zu weinen.
Lange Zeit lag er da und nur Ginnys gedämpftes Schluchzen brach die Stille. Alle tröstenden Worte, die Harry einfielen, hörten sich für ihn leer an. Daher hielt er Ginny einfach nur fest an sich gedrückt, als sie sich ihren Dämonen stellte. Als ihre Tränen versiegten, begann Ginny mit zitternder Stimme: „Er versuchte in meine Gedanken einzudringen. Ich habe ihn ab... abgewehrt, aber er hörte nicht auf. Er f... folterte mich und drang in meine Gedanken ein." Harry fühlte, wie ein Schaudern ihren Körper durchfuhr und er hielt sie fest an sich, während er beruhigende Kreise auf ihren Rücken malte, während er gleichzeitig innerlich bei dem Gedanken an die Folter, die sie durchlebt hatte, vor Wut kochte.
„Ich habe versucht, ihn hinauszuwerfen, aber es wurde immer schwerer und schwerer", gab sie mit einem erstickten Schluchzen zu. „Als er in mir war, konnte ich fühlen, wie er - Tom - sich in mir regte. Er ist noch immer in mir." Harry konnte fühlen, wie sie gegen die Tränen ankämpfte, als sie damit kämpfte, weiterzureden. „Er hat mich nie verlassen, selbst nachdem du das Tagebuch zerstört hast."
Harry erstarrte bei diesem Eingeständnis. Die Hand, mit der er Kreise auf ihrem Rücken gezogen hatte, ließ er auf ihr ruhen. Was bedeutete das? Er dachte, er hätte Toms Einfluss auf Ginny ein für allemal beendet, als er das Tagebuch zerstört hatte. Hatte sie wirklich die vergangenen Jahre mit einer fortbestehenden Präsenz von Tom verbracht, ohne dass irgendjemand etwas bemerkt hatte?
„Ich fühle mich so sch... schmutzig", flüsterte sie so leise, dass Harry ihre Worte kaum verstand.
Er zog sie noch fester an sich, als sie wieder zu schluchzen begann.
„Schhhh", tröstete er. „Du bist nicht schmutzig. Du warst nie schmutzig." Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren, als er diese neue Information verarbeitete, aber er wusste, dass für Erklärungen später noch Zeit war. Jetzt war das wichtigste, Ginny den Trost zu geben, den sie benötigte. „Du bist die wunderbarste Person, die ich kenne", sagte er ihr. Sie musste wissen, was sie ihm bedeutete. Er kniff seine Augen zusammen, als er seinen Mut zusammennahm. „Du musst das nicht alleine durchstehen. Das verspreche ich dir. Ich ... ich liebe dich, Ginny."
Er fühlte und hörte, wie ihr kurz der Atem stockte. Harry wurde von Gefühlen überwältigt, als er Ginny an sich gedrückt hielt. Er wusste ohne den geringsten Zweifel, dass seine Worte wahr waren, dass er Ginny von ganzen Herzen liebte. „Ich liebe dich und ich werde immer bei dir sein. Du wirst niemals alleine sein, das verspreche ich." Stumm leistete er einen weiteren Schwur, dass er ihr helfen würde, dies zu überstehen und das er sicherstellen würde, dass sie sich niemals wieder schmutzig fühlen würde.
Keiner der beiden sah das sanfte goldene Leuchten, das sie umhüllte, und als die Ereignisse des Tages sie einholten, schliefen sie beide langsam ein.
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Albus saß alleine in seinem Büro. Er war gerade erst von einem weiteren Ordenstreffen zurückgekehrt und wusste nicht, was er von den letzten Neuigkeiten halten sollte. Albus wusste von Harrys enger Freundschaft mit seiner Eule und wenn Hedwig innerhalb weniger Momente nicht mehr aufgeregt sondern ruhig war, war es wahrscheinlich, dass Harry in Sicherheit war - und Ginny wahrscheinlich auch. Doch auch wenn sie in Sicherheit waren, war ihr Aufenthaltsort noch immer unbekannt. Sein fortgeschrittener Verfolgungszauber hatte vor dem Treffen versagt. Er war in der Hoffnung in sein Büro zurückgekehrt, dass die Zauber nun funktionieren würden. Sie taten es nicht. Wo auch immer die beiden waren, sie blieben unauffindbar. Das brachte ihm keinen Trost und diente nur dazu, seine Kopfschmerzen zu verstärken.
Fawkes trillerte einige tröstende Töne und darin war das Versprechen, das seine Schüler in Sicherheit waren. Er stand von seinem Stuhl auf und zeigte seine Wertschätzung für seinen loyalen Begleiter, indem er ihn an seinem Hals kraulte, genau dort, wo er wusste, dass es Fawkes besonders gern mochte. Seine Hand erstarrte, als einen Moment später grüne Flammen in seinem Kamin zum Leben erwachten. „Albus", rief eine Stimme, die er sofort als Arthur Weasleys erkannte.
Albus trat vor den Kamin und antwortete: „Arthur. Was ist los? Hast du von ihnen gehört?"
„Nein", sagte Arthur und schüttelte traurig den Kopf. „Wir haben noch nichts gehört, aber Ginnys Zeiger an der Uhr hat sich bewegt. Es ist wirklich merkwürdig", sagte er leise, beinahe zu sich selbst.
„Was ist merkwürdig, Arthur?", fragte Albus nach.
„Nun, als wir die Bewegungen an der Uhr das erste Mal bemerkten, zeigte der Zeiger auf unbekannt", erklärte Arthur. „Wir waren natürlich erleichtert, dass er nicht mehr auf Lebensgefahr zeigte, aber es war nur ein kleiner Trost."
„Verständlich", meinte Albus und wunderte sich, was passiert war.
„Aber nun, das ist das merkwürdige. Während wir auf die Uhr schauten und herauszufinden versuchten, was Unbekannt bedeuten könnte, bewegte sich ihr Zeiger wieder. Nur dieses Mal blieb er auf Zuhause stehen." Er hielt einen Moment inne und schüttelte den Kopf. „Wir haben den Fuchsbau auf den Kopf gestellt, um sie zu finden, aber sie ist nicht da", fügte er in einem niedergeschlagenen Tonfall hinzu.
„Das ist tatsächlich bemerkenswert", erwiderte Albus, während er gleichzeitig in Gedanken die letzten Geschehnisse noch einmal Revue passieren ließ. Er beäugte Arthur einen Moment lang und bemerkte, wie emotional erschöpft der Patriarch der Weasleys zu sein schien. „Ich fürchte, wir werden erst wissen, was genau das bedeutet, wenn unsere auf Abwegen befindliche Schüler zurückkehren. Für den Moment jedoch denke ich können wir beruhigt ausruhen in dem Wissen, dass sie tatsächlich für den Moment in Sicherheit sind. Wir werden jedoch unsere Anstrengungen fortführen, sie und Mr. Potter zu finden."
„Danke, Albus", sagte Arthur. „Wir wissen wirklich zu schätzen, was du alles getan hast ..."
„Nicht der Rede wert, Arthur, aber gern geschehen. Ich weiß das war ein anstrengender Abend. Du und Molly solltet euch ausruhen", schlug Albus vor.
Arthur runzelte die Stirn: „Ich glaube nicht, dass es einfach sein wird, Schlaf zu finden."
„Ich verstehe", antwortete Albus mit einem Nicken.
„Noch einen schönen Abend, Albus", sagte Arthur.
Albus blickte den Weasleypatriarchen mit einem warmen Lächeln an. Arthurs Kopf verschwand einen Moment später aus den Flammen und Albus drehte sich zu Fawkes. „Wieso habe ich das Gefühl, dass du mehr über diese Geschehnisse weißt, als du mir gesagt hast?", fragte er den Phönix. Ein amüsiertes Trillern war die einzige Antwort, die er bekam.
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„Du warst eine Närrin zu glauben, dass du mir entkommen könntest, Ginevra."
Ginny drehte sich um und rannte in dem verzweifelten Versuch, ihrem Peiniger zu entkommen, los, aber sie fand sich ihm gegenüber wieder, seine attraktiven Gesichtszüge von seinem höhnischem Lächeln entstellt. Vor ihr stand der junge Mann, den sie einst als ihren einzigen wahren Freund betrachtet hatte, Tom Riddle.
„Renn soviel du willst", höhnte Tom. „Ich bin ein Teil von dir. Wo immer du auch hingehst, dort werde ich auch sein."
Sie konnte das Wimmern, dass ihr entkam, nicht aufhalten. Sie wusste, dass seine Worte wahr waren. Nichts, dass sie tun konnte, würde sie von ihm befreien. Als sie sich dem Tagebuch offenbart hatte, hatte sie Tom einen Platz in ihr gegeben.
„Du bist hier nicht willkommen, Tom", bellte eine weitere Stimme. Sie würde diese Stimme überall wiedererkennen. Sie drehte sich um und sah, wie er sich ihnen von hinten näherte.
„Potter." Tom spuckte den Namen aus, als sei er vom Namen allein beleidigt. „Wie hat es sich angefühlt, zu erfahren, dass ich noch immer in deiner heißgeliebten Freundin bin - das sie noch immer mir gehört? Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass sie beschädigtes Gut ist?"
„Der einzige Schaden ist deine Anwesenheit, etwas, das ich vorhabe, zu berichtigen", erwiderte Harry ruhig.
Ginny wollte zu Harry gehen, aber Tom packte sie am Arm und zog sie abrupt zurück, wobei er seinen Arm um ihre Hüfte legte und sie so gegen sich gedrückt hielt. „Das glaube ich nicht, Potter. Während du ihre Existenz ignoriertest, öffnete die kleine Ginny Weasley mir ihr Herz und bot mir ihre Seele an."
Ginny schüttelte es vor Abscheu, als er mit einem Finger an ihrer Wange entlangfuhr. „Sie gehört mir."
Ginny kämpfte gegen Toms Griff an, als Harry antwortete: „Nicht mehr." Er wandte seine Aufmerksamkeit Ginny zu und ermutigte sie: „Lass ihn dich nicht kontrollieren, Ginny. Du bist stärker als er. Du kannst ihn besiegen."
Ginny schüttelte den Kopf, als sie weiter gegen Tom ankämpfte. „Nein, ich kann nicht", rief sie ihm zu. „Er ist zu stark."
„Er ist nur so stark, wie du ihn sein lässt", antwortete Harry. „Gib ihm nicht nach, Ginny. Seine Stärke kommt von deiner Unsicherheit und Verunsicherung. Du musst stark sein. Behaupte dich gegen ihn."
„Ich kann es nicht alleine", rief sie ihm verzweifelt zu.
„Du bist nicht alleine", erwiderte Harry. „Ich bin jetzt bei dir. Wir werden es gemeinsam tun."
Ginny fühlte Tränen in ihren Augen bei Harrys einfacher Aussage aufsteigen. Sie hörte die Entschlossenheit und Ehrlichkeit in seiner Stimme und wusste, dass sie diesen Kampf nicht alleine ausfechten würde. „Zusammen", stimmte sie zu.
Mit neuer Zuversicht drehte sie sich zu dem jungen Mann um, der so lange Zeit der Ursprung ihrer Albträume gewesen war. Sie sah Angst in seinen Augen. Gestärkt entzog sie ihm ihren Arm und sagte: „Es ist an der Zeit, dass du gehst, Tom."
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Harry öffnete langsam seine Augen und musste sie sofort wieder wegen dem hellen Sonnenlicht, das durch das Fenster schien, zusammenkneifen. Er brauchte einen Moment, um sich an die Geschehnisse der vergangenen Nacht zu erinnern, bis er das schlafende Mädchen in seinen Armen bemerkte. Ginny. Er war ein wenig überrascht, dass die Sonne schon aufgegangen war. Er hatte erwartet, dass einer von ihnen den anderen mit Albträumen oder - in seinem Fall: einer Vision- wecken würde. Nichtsdestotrotz wollte er sein Glück nicht in Frage stellen.
Er blickte auf Ginnys Gesicht, welches an seiner Schulter vergraben war und fühlte, wie sein Herz sich zusammenzog. Er hatte sie in der letzten Nacht beinahe verloren. Sie hatte ihm ein wenig von ihrer Zeit dort erzählt und Harry fragte sich, wie sie sich nach allem, was sie durchgemacht hatte, heute fühlen würde. Sie war gestern in Schock gewesen. Er hoffte, dass sie wieder zu einer Art Normalität zurückkehren könnte, doch er erwartete nicht, dass sie es einfach hinter sich lassen würde, als sei nichts passiert.
Er lehnte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, während er sie leicht an sich drückte. Sie kuschelte sich enger an ihn, ein kleines Lächeln auf ihren Lippen. Wie auch immer sie reagieren würde, wenn sie aufwachte, zumindest hatte sie in ihren Träumen ihren Frieden gefunden und er konnte das wärmende Gefühl nicht leugnen, das er hatte, weil sie so eng an ihn gekuschelt war.
Er schaute sich im Raum um und bedauerte die Tat sofort. Er hatte die Badezimmertür entdeckt und der Gedanke an das Badezimmer hatte sofort ein dringendes Bedürfnis, sich zu erleichtern, in ihm geweckt. Das brachte ihn in eine missliche Lage. Ginny lag zur Hälfte auf ihm und hatte ihre Arme um ihn geschlungen. Sich von ihr zu lösen, ohne sie aus ihrem friedlichen Schlaf zu wecken, würde zweifellos nur schwer machbar sein, aber er musste wirklich wirklich gehen. Er realisierte, dass er schon lange bevor er in der vergangenen Nacht Hogwarts verlassen hatte, nicht mehr zur Toilette gegangen war. Das musste nun mehr als zwölf Stunden her sein.
Er rollte sich vorsichtig und behutsam zu Ginny. Diese Bewegung ließ Ginnys Körper mehr auf das Bett und weg von seinem Körper rollen. Er legte ein Kissen unter ihr Kinn, als er seine Schulter von ihr wegbewegte. Schließlich ganz von ihr getrennt stand Harry vom Bett auf und trat einen Schritt zum Badezimmer. Er fühlte den unerklärlichen Drang, direkt wieder zurück ins Bett zu Ginny zurückzukehren, aber er kämpfte gegen das Bedürfnis an. Er musste wirklich aufs Klo. Nachdem er fertig war, kehrte er wieder in das Zimmer zurück. Sie schlief immer noch tief und fest. Er konnte nicht anders als zu lächeln, noch konnte er dem Drang widerstehen, wieder zu ihr zurückzukehren. Er kroch sehr vorsichtig wieder ins Bett und legte sich neben sie. Er streckte eine Hand aus und fuhr mit einem Finger ihren Arm entlang. Sie schauderte bei dieser Tat und er fühlte, wie das merkwürdige Gefühl in ihm nachließ.
Er rutschte vorsichtig näher zu ihr, bis ihre Körper nur noch wenige Zentimeter auseinander waren. Er ließ seinen Kopf auf das Kissen direkt neben ihres sinken, so dass er ihr schlafendes Gesicht beobachten konnte und legte einen Arm um sie. Die Anspannung, die seinen Körper ergriffen hatte, als er das Bett verlassen hatte, verschwand und er stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Sein Lächeln wuchs, als Ginny sich unbewusst näher an ihn kuschelte. Eines ihrer Beine verschlang sich mit seinen und sie warf einen Arm um ihn.
Ihre Gesichter waren vielleicht noch zwei Zentimeter auseinander und Harry konnte nicht anders als hinunter auf ihre Lippen zu schauen. Sie waren leicht geöffnet, als ob sie ihn herausfordern wollten, sie zu küssen. Sich seiner Taten nicht ganz bewusst lehnte Harry sich etwas nach vorne und legte sanft seine Lippen auf die ihren. Ginny seufzte zufrieden und Harry grinste. Alles würde okay sein. Er konnte es fühlen.
Er lag eine lange Zeit mit ihr da - er wusste nicht genau wie lange - und hielt sie nur in seinen Armen und beobachtete sie im Schlaf. Hätte er die Wahl gehabt, er hätte den ganzen Tag so verbracht, aber Ginny wachte schließlich auf. Als ihre Augen begannen, sich zu öffnen, gab Harry ihr einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Guten Morgen, Gin."
Ginny murmelte schlaftrunken eine Antwort, die sich für Harry nicht nach Englisch anhörte und kuschelte sich noch enger an Harry, wobei sie ihren gesamten Körper gegen seinen presste. Er versuchte die Hitze, die in seinem Kopf hochstieg, aufzuhalten, als er realisierte, dass ihre Nähe zu ihm Ginny nur zu deutlich zeigen würde, welche Auswirkungen ihr Körper auf ihn hatte, aber in ihrem halbschlafenden Zustand bemerkte sie es entweder nicht oder es war ihr egal. „Ich w'll n'cht a'stehen", murmelte sie schläfrig in seine Schulter.
Harry lächelte sie an. Er gab ihr einen Kuss auf den Scheitel und antwortete sanft: „Wir können solange im Bett bleiben wie du möchtest."
„Gut", erwiderte sie und seufzte zufrieden auf. Einen langen Augenblick lang lagen sie zusammen da, bis Ginny ihren Kopf von seiner Schulter hob. „Harry?", fragte sie, einen leicht angespannten Unterton in der Stimme.
„Ja?"
„Meine Eltern und meine Brüder. Wissen sie, was gestern Nacht geschehen ist?" Er konnte an ihrer Stimme erkennen, dass sie nun ganz wach war und sich nicht auf seine Antwort freute.
„Äh- wahrscheinlich, ja", erwiderte Harry unsicher. Als er noch einmal die gestrige Nacht in seinen Gedanken durchging, fuhr er fort: „Ich habe Ron gesagt, dass du entführt wurdest, als ich auf dem Weg aus dem Schloss war."
Sie ließ ihren Kopf wieder auf seine Schulter fallen und stöhnte auf.
„Sie sind wahrscheinlich inzwischen außer sich vor Sorge", sagte sie einen Moment später.
„Wahrscheinlich", stimmte Harry mit gerunzelter Stirn zu. „Ich habe Hedwig gestern Nacht zu Remus geschickt. Angenommen, sie hat sich mit ihm verständigen können, sollte Remus zumindest wissen, dass wir in Ordnung sind." Harrys Gedanken wanderten zu ihren Eltern, als er sich ihre Reaktion zu Ginnys Verschwinden vorstellte. Sie hatten wahrscheinlich keine Sekunde Schlaf gefunden, während sie die ganze Nacht auf ihre spezielle Uhr starrte. Die Uhr! „Die Uhr deiner Mutter", begann er eine Sekunde später. „Die sollte sie wissen lassen, dass wir in Sicherheit sind, oder?"
Sie schaute bei seinem letzten Satz wieder hoch. „Du hast Recht. Daran hatte ich nicht gedacht." Sie schüttelte langsam den Kopf und runzelte die Stirn. „Das wird für Mum aber keinen großen Unterschied machen. Bis sie genau weiß, wo ich bin, wird sie sich Sorgen machen."
„Heißt das, du möchtest zurückgehen?", fragte er und war überrascht, wie sehr er sich davor fürchtete, ihre Antwort zu hören. Nach der Angst und der Panik der vorigen Nacht wünschte er sich nichts mehr als einen ruhigen Tag zuhause mit Ginny zu verbringen, nur sie beide.
„Ich möchte nicht, nein", sagte Ginny. „Aber es ist nicht fair, alle warten zu lassen."
„Ich denke angesichts der Umstände verdienst du etwas Zeit, bevor du allen entgegentreten musst.", meinte Harry.
Sein Blick war auf Ginnys Unterlippe gerichtet, als sie darauf herumbiss. Als sie ihre Lippe erlöste und zu sprechen begann, brauchte Harry einen Moment, um ihre Worte verarbeiten zu können. „Ich schätze, es schadet nicht, wenn wir noch ein wenig hierbleiben?", sagte sie hoffnungsvoll und ihre Stimme nahm zum Ende hin einen fragenden Klang an.
Harry lächelte: „Nein, wird es nicht."
Sie legte ihren Kopf zurück und nahm seine Lippen mit ihren gefangen. Sie küssten sich nur kurz, bevor das Geräusch ihres knurrenden Magens sie mit einem Lachen wieder trennte.
„Also gut", sagte Harry. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du Ron bist."
„Das ist kein großes Kompliment für dich, wenn du bedenkst, was wir gerade gemacht haben", war Ginnys Antwort.
Harry zog eine angewiderte Grimasse und entlockte Ginny damit ein Lachen.
„Frühstück?", fragte er. Als Ginny nickte, fuhr er fort: „Was hättest du gerne?"
„Hast du Rührei und Schinken?", fragte sie hoffnungsvoll.
„Ich habe im Moment gar nichts" sagte Harry mit gerunzelter Stirn. „Ich dachte nicht, dass ich vor Semesterende etwas zu essen brauchen würde. Es gibt allerdings einen Laden nur einen Block weiter. Rührei und Schinken sollte kein Problem sein."
Sie lächelte dankbar und fragte: „Wäre es in Ordnung, wenn ich mich frisch mache?"
„Natürlich", sagte Harry. „Mein Heim ist dein Heim." Er löste vorsichtig seine Beine von ihren und stieg aus dem Bett. Er hielt ihr dann die Hand hin, um ihr ebenfalls herauszuhelfen. „Das Badezimmer ist dort drüben", sagte er und deutete in die Richtung der Tür. „Ich gehe kurz und hole die Zutaten und fange mit dem Frühstück an. Wie möchtest du dein Rührei?"
„Am liebsten mit etwas Käse, bitte" erwiderte sie.
„Wie du wünscht." Er lehnte sich zu ihr vor und gab ihr einen kurzen Kuss auf den Mund, bevor er ihre Hand losließ und ihr erlaubte, ins Badezimmer zu gehen. Als er ihr hinterherschaute, fühlte er plötzlich einen heftigen Verlust und wollte nichts mehr als ihr hinterherzugehen. Als sie über die Schulter zu ihm zurückschaute, verstärkte sich das Gefühl nur noch. Die Angst, sie zu verlieren, musste ihn stärker mitgenommen haben als er realisiert hatte, wenn er solche irrationalen Gedanken hatte, sobald er sich nur für einen Moment von ihr trennte. Er schüttelte den Kopf und zwang sich, zur Haustür zu gehen.
Glücklicherweise hatte er ein paar Pfund in seinem Koffer, um damit für die Lebensmittel zu bezahlen und er kehrte schnell ins Haus zurück, um das Frühstück vorzubereiten. Er hatte für die Dursleys oft genug Schinken und Rührei gemacht, so dass er es wahrscheinlich mit geschlossenen Augen könnte. Er hatte als Kind gelernt, dass gutes Essen seine Verwandten oft in bessere Laune versetzte. Es brachte ihm nur selten eine Pause von ihren Quälereien, aber er hatte herausgefunden, dass es helfen konnte, die Quälereien abzuschwächen. Daher strebte Harry nach Perfektion in seinen Mahlzeiten und hatte Rührei mit Schinken, das genau richtig für den maximalen Geschmack zubereitet war, perfektioniert.
Er hörte, wie das Wasser abgedreht wurde, als Ginny mit duschen fertig war. Er drehte den Schinken um und wusste, dass er in wenigen Momenten fertig sein würde. Das Rührei war ebenfalls fast fertig. Zuerst nahm er den Schinken vom Herd, und sofort danach das Ei. Er verteilte alles auf zwei Teller, wobei er einen für sich zur Seite nahm und den anderen für Ginny an einem Platz am Tisch hinstellte. Er setzte sich und musste nur wenige Momente warten, bis die Tür zum Schlafzimmer sich öffnete und Ginny hinaustrat. Sie trug die selbe Kleidung wie am Tag zuvor, sogar die Bluse, die er grob für sie gerichtet hatte.
„Es riecht wunderbar", meinte sie, als sie sich an den freien Platz links neben Harry setzte. Sobald sie saß, streckte Harry seinen Arm aus und legte seine Hand unterm Tisch auf ihren Oberschenkel, knapp über dem Knie. Er fühlte, wie ein kleiner Knoten in seinem Magen sich bei dem Kontakt auflöste. Sie lächelte ihn an, bevor sie ihre Aufmerksamkeit dem Essen zuwandte. Harry wartete, bis sie ihren ersten Bissen genommen hatte, bevor er sich seiner eigenen Mahlzeit widmete. Er hatte nicht gewusst, wie ausgehungert er war, bis er den Teller leergegessen hatte und das in einer Geschwindigkeit, die selbst Ron beeindruckt hätte. Überraschenderweise brauchte Ginny nicht viel länger, um mit ihrem Teller fertig zu werden. Sie leckte sich über die Lippen, während sie ihre Gabel auf den Teller fallen ließ und sie sagte: „An so etwas könnte ich mich gewöhnen."
Harry konnte das zufriedene Lächeln, das auf seinen Lippen auftauchen wollte nicht unterdrücken. „Ich habe es immer gehasst, für meine Verwandten zu kochen", meinte er. Er bemerkte ihre gerunzelte Stirn und fuhr daher fort: „Aber ich habe es genossen, für dich zu kochen. Ich freue mich, dass es dir geschmeckt hat."
Ginnys Stirnrunzeln verschwand und ein Lächeln tauchte dafür auf ihren Lippen auf, während eine gesellige Stille sich zwischen ihnen ausbreitete.
Nach einem Moment sammelte Harry ihre Teller ein und brachte sie zum Spülbecken, wo er begann sie abzuwaschen. Sobald er damit fertig war, legte er sie in das Abtropfgestell und drehte sich zu der noch immer sitzenden Ginny. Er nahm wieder Platz und streckte eine Hand aus, um ihre Hand in seine zu nehmen; er fühlte ein warmes Prickeln in seiner Hand, sobald er ihre ergriff. Er schluckte den plötzlichen Kloß im Hals hinunter, als er fragte: „Wie geht es dir?"
Er war überrascht, als ihr Lächeln größer wurde. „Wirklich gut", erwiderte sie. „Ich fühle mich großartig."
Sein Unglaube musste auf seinem Gesicht geschrieben stehen, denn sie lachte leise und meinte: „Ehrlich Harry. Okay, mein ganzer Körper fühlt sich wund an und ich weiß, ich sollte wahrscheinlich stinksauer sein und dass sie mir Gewalt angetan haben, aber das tue ich nicht. Was gestern geschah, war furchtbar, aber es ist jetzt vorbei. Ich möchte lieber in die Zukunft blicken und nicht zurück."
Harry nickte: „Das macht Sinn."
„Es ist allerdings merkwürdig", fuhr sie fort, beinahe nur zu sich selbst sprechend.
„Was ist merkwürdig?", forderte Harry sie mit gerunzelter Stirn auf.
„Es ist nichts", erwiderte Ginny und schüttelte den Kopf. „Ich muss letzte Nacht wirklich gut geschlafen haben oder so. Ich fühle mich besser, als ich das seit einer ganzen Weile getan habe - seit ..."
Harrys Furchen auf der Stirn vertieften sich, als Ginny den Satz unbeendet ließ. Er zog seine Augenbrauen zusammen und fragte nach: „Nicht mehr seit was?"
Ginny hob ihren Blick, um seinen zu erwidern und fragte: „Erinnerst du dich, wie ich dir erzählt habe, dass ich seit der Kammer des Schreckens immer das Gefühl hatte, als würde ich ein Teil von Tom in mir tragen? Es ließ mich mich immer beschmutzt fühlen."
Harry drückte ihre Hand und nickte, als er sich daran erinnerte, was sie ihm letzte Nacht erzählt hatte. Es war mehr als nur ein Gefühl. Tom war noch immer da und er hatte vor, einen Weg zu finden, diese Situation zu bereinigen.
Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Es ist wirklich merkwürdig. Seit damals habe ich ihn immer gefühlt. Ich habe gelernt, das Gefühl zu unterdrücken und seine Präsenz zu ignorieren, aber ich habe immer gewusst, dass er da war. Nur, als ich heute Morgen aufgewacht bin, habe ich ihn nicht länger gefühlt. Ich habe mich leichter gefühlt, als sei eine Last von mir genommen worden. Ich konnte bis jetzt nicht herausfinden, was es war. Ich habe mich nicht mehr so frei gefühlt, seit ich begonnen habe, in sein Tagebuch zu schreiben."
Harry konnte nicht anders als Ginnys Lächeln zu erwidern. Er war sich nicht sicher, was das alles bedeutete, aber er war damit zufrieden, sie glücklich zu sehen. Es war nur mit großem Widerwillen, dass er die Stille zwischen ihnen brach: „Wir müssen zurückgehen."
Ginny nickte und ihr Lächeln verschwand dabei ein wenig. „Ich weiß", erwiderte sie mit einem kleinen Seufzen. „Meine Familie muss sich solche Sorgen machen. Ich will mir Mums Reaktion gar nicht vorstellen." Sie schüttelte den Kopf und erwiderte Harrys Blick. „Was wissen sie?"
Harry runzelte die Stirn, als er sich an die vergangene Nacht erinnerte. „Nun, wie ich bereits sagte, bin ich Ron begegnet, als ich auf dem Weg aus dem Schloss war und sagte ihm, dass du mithilfe eines Portschlüssels entführt wurdest und dass ich dich zurückholen würde." Er zuckte mit den Schultern. „Ich schätze, er hat Dumbledore Bescheid gesagt." Harry schlug die Hände vor dem Kopf zusammen, als er plötzlich etwas realisierte. „McGonagall hat Dumbledore wahrscheinlich alles erzählt. Sie hatte mich gewarnt, dass sie sofort zu ihm gehen würde, wenn ich etwas tun würde, was sie als unbesonnen ansehen würde."
Ginny drückte seine Hand. „Es tut mir leid, Harry."
Harry schüttelte den Kopf. „Es soll dir nicht Leid tun. Es ist nicht deine Schuld. Ich würde nichts anders machen. Das einzige, das wichtig ist, ist, dass du in Sicherheit bist. Das Geheimnis wäre jetzt im Sommer sowieso gelüftet worden."
„Was wirst du also tun?", fragte Ginny.
„Ich weiß nicht", antwortete Harry. „Was kann ich tun?"
„Deine Examen sind vorbei", meinte sie. „Du könntest einfach hierbleiben. Es gibt keinen Grund für dich, nach Hogwarts zurückzukehren."
„Aber was ist mit dir?", wollte Harry wissen.
„Mir wird es gut gehen, Harry", sagte Ginny trocken. „Du musst nicht über mich wachen."
„Ich setze dich nicht an meiner Stelle der Befragung aus", meinte Harry. „Ich werde mit dir zurückkehren und ich werde mich mit Dumbledore auseinandersetzen. Ich habe mich nun fast ein Jahr lang vor ihm versteckt. Selbst wenn er mich aufhalten will, kann er mich nicht davon abhalten, am Ende des Schuljahres hierher zurückzukehren." Auch wenn er Vertrauen in seine Behauptung hatte, konnte Harry einen leichten Zweifel, der in ihm aufkeimte, nicht verhindern.
„Bist du dir sicher?", fragte sie.
Harry nickte entschlossen. „Ja." Er runzelte die Stirn, als ihm ein weiterer Gedanke kam. „Wir müssen uns entscheiden, was wir ihnen erzählen werden. Sie können offensichtlich nichts von diesem Ort hier erfahren", sagte er und machte eine umfassende Geste, „und ich glaube nicht, dass wir ihnen erzählen sollten, dass Fawkes uns geholfen hat."
Ginny nickte und sie verbrachten die nächsten Minuten damit, zu überlegen, was sie allen erzählen wollten. Als sie schließlich zufrieden waren, sagte Harry: „Ich schätze, wir sollten zurückkehren."
„Ich denke auch", stimmte Ginny zu. Sie standen vom Tisch auf und Ginny zog ihn in eine Umarmung. „Ich wollte dir nur danken. Für alles", flüsterte sie ihm ins Ohr. Harry drückte sie nur fester an sich. Sie blieben eine ganze Weile so stehen, bis Ginny sich von ihm löste, ihm einen kleinen Kuss auf die Lippen gab und schließlich einen Schritt zurücktrat.
Harry zog sie zu sich zurück und holte sich einen tieferen Kuss. Er lächelte, als er sie losließ. „Ich werde immer für dich da sein, wann immer du mich brauchst."
„Ich weiß", erwiderte Ginny mit einem Lächeln. Sie streckte eine Hand aus, um sie an seine Wange zu legen und er lehnte sich in ihre Berührung.
Er nahm ihre Hand in seine und gab ihr einen Kuss auf die Fingerknöchel, bevor er fragte: „Bist du bereit?"
„So bereit wie ich jemals sein werde."
Mit einem komischen Gefühl in der Magengrube zog Harry Ginny näher zu sich. Gerade als er sich darauf vorbereitete zu disapparieren, sagte Ginny leise: „Harry?"
Er stoppte und schaute zu ihr hinunter: „Ja?"
„Ich liebe dich auch", sagte sie und schaute ihm in die Augen. „Ich wollte nur, dass du das weißt."
Ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht und er lehnte sich hinunter, um ihre Lippen mit seinen gefangen zu nehmen. Es war mehrere Minuten später, als die beiden schließlich mit dem gleichen Grinsen auf dem Gesicht verschwanden.
OoOoOoOoOoOoOoO
Das erste Mal in diesem Jahr war Ron der erste seiner Zimmerkameraden, der aufwachte - oder zumindest von denjenigen, die in ihrem Schlafsaal geschlafen hatten. Sein Blick glitt unbehaglich zu Harrys Himmelbett. Ron hatte kaum geschlafen. Er hatte sich den Großteil der Nacht hin- und hergewälzt und war erst in einen unruhigen Schlaf gefallen, als es schon morgen wurde. Nun war er schon wieder wach - zu einer merlinverlassenen Stunde. Seine Gedanken ließen ihn nicht schlafen - nicht, während seine kleine Schwester und sein bester Kumpel vermisst wurden. Er schüttelte den Kopf, warf sich einen Morgenmantel über und stolperte aus dem Zimmer und die Treppen hinunter. Er musste hier raus.
Er wanderte ziellos durch die Flure, zu sehr in seinen Gedanken verloren, als das er darauf achten würde, wohin er ging, bis er sich plötzlich am Eingang zu der Großen Halle wiederfand. Der Raum war beinahe leer, nur ein paar vereinzelte Schüler waren anwesend und etwa die Hälfte der Lehrer. Seine Füße trugen ihn aus Gewohnheit zum Gryffindortisch und er ließ sich auf die Bank sinken. Es waren nur zwei weitere Schüler am Tisch und sie waren auf der anderen Seite, so dass Ron allein blieb.
Er begann ohne viel darüber nachzudenken Essen auf seinen Teller zu legen und fing an, mechanisch sein Frühstück zu essen. Nach einigen Bissen ließ er jedoch seine Gabel los und sie fiel geräuschvoll auf seinen Teller. Er konnte das Essen nicht einmal schmecken und sein Magen rebellierte gegen die Idee, mehr zu essen. Ron seufzte voller Abscheu auf, stand auf und ging zurück zur Tür und hinaus in die Eingangshalle. Die Türen, die hinaus auf die Ländereien führten, fielen ihm ins Auge und er schritt zu ihnen.
Der Wind peitschte durch sein Haar, als er zum See lief. Er folgte eine Weile dem Pfad, bevor er sich am Fuße eines Baumes hinsetzte. Er saß mit dem Rücken zum Baum und das Gesicht in Richtung des Sees gewandt, doch er sah ihn nicht. Er kämpfte weiter gegen sein Unbewusstsein, das versuchte immer schlimmere und grauenhaftere Situationen heraufzubeschwören, in die seine kleine Schwester und sein bester Freund verwickelt sein könnten. Mehrere Minuten lang versuchte er, die Bilder, die vor seinem inneren Auge vorbeiblitzten, aufzuhalten. Als er es nicht länger ertragen konnte, knurrte er frustriert auf und sprang auf seine Füße.
Er ging praktisch stampfend wieder los. Er wünschte, es gäbe etwas, dass er tun könnte - irgendwas. In der Kammer, als er von Harry getrennt worden war, hatte er sich auf die Aufgabe konzentriert, den Steinhaufen so zu bewegen, dass seine kleine Schwester und sein bester Freund entkommen könnten. Er wusste, dass Harry jemand besonderes war. Er hatte es immer in ihm gesehen. Er hatte sich geweigert, auch nur in Erwägung zu ziehen, dass sein Freund nicht mit seiner Schwester zurückkommen würde und so hatte er sich an seine Aufgabe gemacht, um sicherzustellen, dass sie so schnell wie möglich aus der Kammer verschwinden könnten.
Nun war er wieder hier, zurückgelassen, während Harry seine Schwester rettete. Doch dieses Mal hatte er nichts, keine Aufgabe, um sich darauf zu konzentrieren oder sein Gewissen zu beruhigen. Als er dem ausgetretenen Pfad blindlings folgte, hörte er wie aus der Ferne eine Stimme. Er hörte sie noch einmal und erkannte, dass sein Name gerufen wurde. Ohne seinen Kopf zu heben schritt er weiter. Er hatte im Moment keine Lust auf Gesellschaft.
„Ron, du großer Idiot!"
Plötzlich erkannte er, dass er die Stimme kannte. Er schaute hoch und in der Ferne konnte er zwei Gestalten sehen, die auf ihn zukamen, eine mit kurzen schwarzen Haaren, die andere mit langen Weasleyroten Haaren. Er blieb abrupt stehen und fiel dabei beinahe über seine eigenen Füße. „Ginny?"
OoOoOoOoOoOoOoO
Harry apparierte seit-an-seit mit Ginny und einem breitem Lächeln auf dem Gesicht zu den Toren Hogwarts. Er war von der Energiemenge überrascht, die so eine relativ einfache Tat von ihm verlangte. Er musterte Ginny und zuckte mit den Schultern. Er hatte letzte Nacht viel Magie verwendet. Mit ein oder zwei Tagen Ruhe, da war er sich sicher, würde er sich erholen. Als er zum Schloss hochsah, beschlich ihn eine böse Vorahnung. Er ging geradewegs und sehenden Auges zu einer Befragung.
Als er fühlte, wie Ginny seine Hand nahm, verscheuchte er seine Gedanken und schaute mit einem Lächeln zu ihr hinüber. Es war erstaunlich, wieviel Unterstützung er aus solch einem kleinen körperlichen Kontakt ziehen konnte. Erst letzte Nacht hatte er sich gefragt, ob er sie jemals wiedersehen würde. Er wusste nun, dass er nichts für selbstverständlich nehmen durfte.
„Wieso fühlt es sich so an, als würden wir feindliches Land betreten?", fragte Ginny mit einem amüsierten Unterton in der Stimme.
Harry lachte leise. „Du musst dir keine Sorgen machen. Deine Familie wird begeistert sein, dass du gesund und munter zurück bist und deine Mutter wird dich zweifellos sofort in den Krankenflügel bringen, um dich untersuchen zu lassen. Überlass Dumbledore mir."
„Du musst das nicht alleine tun, Harry", schimpfte sie leicht.
„Ich weiß", sagte er und drückte leicht ihre Hand. „Das ist aber mein Kampf und er hat sich schon lange abgezeichnet. Ich kann nicht sagen, dass ich mich darauf freue, aber das ist etwas, das ich tun muss."
Sie folgten dem Pfad, der zum Schloss führte. Harry nahm so viel von der friedvollen Umgebung in sich auf wie er konnte, da er sich sicher war, dass das Chaos regieren würde, sobald sie das Schloss betraten. Es dauerte nicht lange, bis sie eine vertraute, schlaksige Gestalt entdeckten, die den Pfad in ihrer Richtung hinuntertrampelte. Ron schien sie nicht zu bemerken, da sein Kopf zu Boden gerichtet war. Neben Harry schrie Ginny laut: „Ron!"
Der fragliche Junge antwortete nicht. Ginny versuchte es noch weitere drei Mal, bevor er schließlich hochschaute. Er war zu weit weg, als das Harry seine Gesichtszüge klar hätte sehen können, aber selbst von dieser Distanz aus konnte er sehen, wie der Mund seines Freundes aufklappte.
Ron war stehen geblieben, als er sie beide anstarrte, bevor er plötzlich in einem schnellen Sprint auf sie zugerannt kam. Als er sich näherte, wurde Ron kaum langsamer und rannte praktisch direkt in Ginny hinein. Ginny, deren Hand aus Harrys gerissen wurde, japste schmerzerfüllt auf. Ron hob sie vom Boden hoch und schwang sie herum, während er unverständlich plapperte.
Harry konnte nicht anders als über ihre Lage zu lachen, während Ginny Ron ausschimpfte und verlangte, hinuntergelassen zu werden - doch Harry bemerkte, dass sie ihren Bruder genauso fest festhielt, selbst als er ihren Worten folgte. Er murmelte eine Entschuldigung, als er sie losließ, aber er hörte sich nicht besonders reuevoll an. Bevor Harry wusste, wie ihm geschah, hatte Ron sich ihm zugewandt und ihn in eine Umarmung gezogen. Die Klapse auf Harrys Rücken machten denen von einem überemotionalen Hagrid Konkurrenz. Er unterdrückte ein Zusammenzucken und Ron sagte: „Ich weiß nicht, wie du es gemacht hast, Kumpel, aber danke."
Rons Stimme war voller Emotionen und als er aus der Umarmung entlassen wurde, bemerkte Harry, dass Rons Augen leicht durch die unvergossenen Tränen glänzten. Ron nahm sich einen Moment, um sich mit dem Ärmel über die Augen zu fahren, bevor er fragte: „Was ist passiert? Seid ihr beide okay?"
„Das hättest du vielleicht fragen sollen, bevor du uns angegriffen hast", meinte Ginny amüsiert, auch wenn Harry annahm, dass ihre Worte nicht ganz scherzhaft gemeint waren.
„Entschuldigt. Ich war nur krank vor Sorge", brach es aus ihm heraus, bevor er plötzlich erblasste. „ Verdammte Scheiße, alle anderen sind noch immer außer sich vor Sorge! Worauf wartet ihr? Kommt schon."
Damit drehte Ron sich um und bewegte sich in einer Geschwindigkeit, bei der Harry Schwierigkeiten hatte, zu folgen und Ginny joggte praktisch an seiner Seite, als sie dem Rotschopf folgten. Als Ginny genug hatte, rief sie Ron zu, er solle langsamer machen und sie beendeten ihren Weg in einer zumutbareren Geschwindigkeit. Schon bald stiegen sie die Stufen zum Eingangstor des Schlosses hoch. Ron führte sie durch die Eingangshalle und Harry fühlte, wie sein Magen sich umdrehte, als er erkannte, wohin Ron sie führte.
OoOoOoOoOoOoOoO
Als sein Blick über die Schüler wanderte, die miteinander flüsterten und verstohlene Blicke über ihren Mahlzeiten hinweg austauschten, wurde Albus klar, dass etwas gesagt werden musste. Miss Weasleys mysteriöses Verschwinden aus der Bibliothek war inzwischen ohne Zweifel Allgemeinwissen unter den Bewohnern des Schlosses. Mr. Potters Abwesenheit war ebenfalls nur zu offensichtlich. Es war immer am besten, Gerüchte zu zerstreuen, bevor sie außer Kontrolle geraten konnten; er bezweifelte allerdings, dass auch nur einer der Geschichten, die im Moment im Umlauf waren, viel schlimmer als die Wahrheit war. Zwei Schüler wurden vermisst und waren höchstwahrscheinlich am Vorabend auf Todesser getroffen.
Wenigstens wurde Miss Weasleys Status auf Mollys Uhr immer noch als "Zuhause" angezeigt. Es war ein interessanter Sachverhalt. Er kannte die genauen Zauber nicht, die auf der Uhr lagen. Daher konnte er über die wahre Bedeutung solch einer Besonderheit nur spekulieren. So oder so, es gab ihm Hoffnung, dass zumindest sie in Sicherheit war. Wenn sie Glück hatten, war Harry sicher an ihrer Seite. Es war beinahe zu viel, um darauf zu hoffen.
Die Halle war an diesem Morgen etwa so voll wie er erwartet hatte. Er stand von seinem Platz am Lehrertisch auf und klopfte mit seiner Gabel an seinen Kelch, um so die Aufmerksamkeit der Schüler auf sich zu ziehen. „Guten Morgen euch allen. Viele von euch haben zweifellos beunruhigende Gerüchte gehört, die seit letzter Nacht im Umlauf sind. Wenn ihr euch einen Moment Zeit nehmt, einem alten Mann zuzuhören, würde ich gern etwas Licht in die Sache bringen."
Sein Blick huschte über die gesamte Halle in dem Wissen, das er die volle Aufmerksamkeit der Schüler hatte. Als er seinen Mund öffnete, um fortzufahren, blieben ihm die Worte im Hals stecken. Ein entschlossener Mr. Weasley betrat die Große Halle und hinter ihm waren seine zwei vermissten Schüler. Aufgeregtes Geschnatter brach aus, als die Schüler die Neuankömmlinge bemerkten. „Wie ihr ohne Zweifel sehen könnt, scheinen Mr. Potter und Miss Weasley putzmunter zu sein. Wenn ihr mich nun entschuldigen möchtet ..."
Mit einer Behändigkeit, die seinem Alter Lügen strafte, umrundete er den Lehrertisch und ging zur Eingangshalle. Seine zwinkernden Augen schauten in ihre und er sagte zu ihnen: „Wenn keiner von euch sofortige medizinische Hilfe in Anspruch nehmen muss, möchte ich euch bitten, mir in mein Büro zu folgen." Er wartete nur einen Moment, um sicherzustellen, dass sein erster Eindruck von ihrem Gesundheitszustand korrekt war, bevor er sie in sein Büro führte. Während er sie bat, sich zu setzen, ging er zum Kamin.
Bevor er jedoch auch nur etwas Flohpulver nehmen konnte, erwachten grüne Flammen im Feuerrost zum Leben. Molly Weasleys Kopf erschien einen Moment später in den Flammen. „Albus, die Uhr sagt, sie sei in der Schule. Ist sie da? Hast du sie gesehen?", wollte die verzweifelte Hexe wissen.
„Molly, dein Timing hätte nicht besser sein können. Ich wollte dich gerade kontaktieren. Miss Weasley und Mr. Potter sind beide in diesem Moment in meinem Büro."
Ihr Kopf verschwand, bevor er überhaupt fertigreden konnte und einen Augenblick später schritt die Hexe entschlossen aus dem Kamin. Arthur folgte einen Moment später, aber zu diesem Zeitpunkt hatte Molly Ginny bereits in eine erdrückende Umarmung gezogen, während sie schluchzend verschiedenen verstorbenen Zauberern ihren Dank aussprach. Albus nickte Arthur zu, der zu seiner Tochter und seiner Ehefrau ging.
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Harry sah mit einem wehmütigen Lächeln zu, wie Ginny von ihren Eltern umarmt wurde. Als er die dunklen Ringe unter den Augen ihrer Eltern sah, hatte Harry ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht schon früher zurückgekommen waren, aber er bereute die Entscheidung nicht. Er hatte die Zeit gebraucht und er nahm an, dass es Ginny genauso gegangen war. Er drehte sich um und sah, wie der Schulleiter die Szene gutmütig beobachtete. Aus dem Augenwinkel fiel Harry Fawkes rotes Federkleid ins Auge.
Er ging zu der Vogelstange des Phönixes hinüber und streckte seine Hand aus. Das erlaubte Fawkes, sich an diese zu schmiegen, während Harry begann, über Fawkes Hals zu streichen. „Danke", sagte Harry mit Gedankenreden. „Ich weiß nicht, was ohne deine Hilfe passiert wäre."
Fawkes trillerte einige freudige Töne, welche ein Lächeln auf Harrys Gesicht zauberten. Er fühlte einen Blick auf sich und wandte sich um. Er sah Mr. Weasley wenige Schritte von ihm entfernt stehen. Harry öffnete den Mund, aber er wusste nicht, was er sagen sollte.
Das Problem löste sich von selbst, als Mr. Weasley eine Hand hochhob, um ihn davon abzuhalten, etwas zu sagen. Harry sah zu, wie Mr. Weasley seine Brille abnahm, um sich die angesammelten Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen. Er setzte sich die Brille wieder auf und begann: „Ich weiß nicht, wie ich dir jemals danken soll. Es war etwas sehr törichtes, was du getan hast, aber du hast mir meine Tochter zurückgebracht. Wieder einmal. Danke. "
Harry war geschockt, als Arthur ihn plötzlich umarmte. Seine Arme hingen einen Moment lang lose an seiner Seite, bevor er die Umarmung erwiderte. Als Arthur ihn losließ, schaute Arthur ihm einen Moment lang in die Augen, bevor er sich zu seiner Tochter und seiner Ehefrau umwandte. Er brauchte eine gewisse Zeit, aber er konnte Ginny schließlich von ihrer Mutter befreien und zog Ginny in eine Umarmung.
Mrs. Weasleys Blick blieb noch eine kurze Zeit lang auf ihre Tochter gerichtet, bevor sie sich ihm zuwandte. „Harry Potter", begann sie und er konnte an ihrem Tonfall erkennen, dass ihm eine Standpauke drohte, die die Zwillinge stolz machen würde. „Von all den dummen, unbesonnenen..." sie stoppte ihre Tirade abrupt und brach wieder in Tränen aus, während sie ihn in eine ihrer erdrückenden Umarmungen zog. Unter Tränen sagte sie ihm tausend Mal Dank.
Als sie ihn schließlich losließ, wusste Harry anhand der Wärme in seinem Gesicht, dass er rot im Gesicht war. Sie schaute zwischen Ginny und ihm hin und her und stellte ihm eine Reihe von Fragen: „Was ist passiert? Bist du verletzt? Wo seid ihr gewesen? Warum habt ihr so lange gebraucht, um zurückzukommen?"
Mr. Weasley trat zu seiner Frau und legte eine Hand auf ihre Schulter, während er zu ihnen allen sprach: „Vielleicht sollten wir mit dem wichtigsten beginnen. Ist einer von euch beiden verletzt?"
Harry drehte sich um, um Ginny anzuschauen, die nicht bereit zu sein schien, etwas zu sagen, daher meinte er. „Mir geht es gut." Er bemerkte, dass mehr als nur ein Augenpaar bei seinem Kommentar verdreht wurde. „Nein, wirklich, mir geht es gut. Ich wurde nicht von einem einzigen Fluch getroffen." Das schien ein paar ihrer Ängste zu lindern, aber er bemerkte, wie einige Augenbrauen hochgezogen wurden.
Jeder Blick wandte sich nun zu Ginny. Sie zuckte mit den Schultern. „Mir geht es gut." Mrs. Weasleys Funkeln war genug, dass sie weiter ausholte. „Ein wenig verspannt, das ist alles."
Harry bemerkte, wie Mrs. Weasley ihren Mund öffnete, um etwas zu sagen, aber es war Mr. Weasleys ruhige Stimme, die die Frage stellte: „Verspannt von was, Ginny?"
Ginny zuckte bei der Frage zusammen, zweifellos wissend, was die Reaktion sein würde. Harry trat einen Schritt zu ihr und drückte unterstützend ihre Hand, als sie sagte: „Der Cruciatusfluch."
Harry sah, wie die Gesichter der Weasleys aschfahl wurden. „Mein Baby", schrie Mrs. Weasley auf und trat nach vorne, als wolle sie Ginny in eine weitere Umarmung ziehen, schien sich aber eines besseren zu besinnen.
„Lass uns in den Krankenflügel gehen und Poppy dich untersuchen lassen."
„Eine exzellente Idee, Molly", stimmte der Schulleiter zu.
Harry sah in Ginnys Augen und konnte ihren Wunsch sehen, bei ihm zu bleiben, aber Harry schüttelte beinahe unmerklich den Kopf, drückte ein letztes Mal ihre Hand, bevor er sie losließ, als Ginny von ihrer Mutter durch die Tür gedrängt wurde. Mr. Weasley und Ron zögerten einen Moment, bevor sie den beiden aus der Tür folgten.
In diesem Moment wollte Harry nichts mehr als Ginnys Hand wieder in seine zu nehmen und sie in den Krankenflügel zu begleiten, aber bevor er überhaupt richtig darüber nachdenken konnte, sich in Richtung der Tür zu bewegen, stoppte ihn Dumbledores Stimme. „Ich würde gerne einen Moment mit dir reden, Mr. Potter."
Harry drehte sich um, um den Schulleiter anzusehen. Kein Zwinkern war in den Augen des Mannes zu sehen, als er Harry anblickte. Harry nickte und
antwortete: „Natürlich, Schulleiter." Harry konnte fühlen, wie es in seinem Magen rumorte in dem Wissen, was kommen würde.
Bevor einer der beiden Männer das Wort ergreifen konnte, trillerte Fawkes eine kleine Melodie, die Trost verbreitete und Harry musste den Phönix kurz anlächeln.
„Es scheint, als sei Fawkes ebenfalls ziemlich glücklich, dich gesund und munter wiederzusehen, Harry", sagte Dumbledore leise.
Harry ging zurück zur Vogelstange und strich dem Phönix einige Male über die Federn, bevor er sich wieder dem Schulleiter zuwandte. „Worüber wollten Sie mit mir reden?", fragte er und hoffte, die Höflichkeitsfloskeln hinter sich lassen und zur Sache kommen zu können.
„Das weißt du genauso gut wie ich. Setz dich, Harry." Erwiderte der alte Mann und gestikulierte zu dem Stuhl gegenüber vom Schreibtisch. „Oder bevorzugst du Jim?"
Harry zog eine Grimasse, als er sich setzte: „Ich nehme an, sie haben mit Professor McGonagall gesprochen?"
„Stell dir meine Überraschung vor, als sie mir eine sehr interessante Geschichte zu erzählen hatte", meinte Dumbledore.
Harry zuckte mit den Schultern. „Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht bin. Sie hatte mich gewarnt, dass sie es Ihnen erzählen würde, wenn ich etwas närrisches oder unbesonnenes unternehmen würde."
„Aha, also siehst du deine Taten von letzter Nacht als närrisch und unbesonnen an?", wollte der Schulleiter wissen.
Harry nickte. „Das könnte man so sagen, Professor. Ich würde jedoch nicht anders handeln. Wir hatten keine Zeit. Ich habe es gerade so zu Ginny geschafft, bevor die Fährte kalt wurde."
„Und wie hast du es fertiggebracht, Miss Weasley zu folgen?", fragte Dumbledore nach.
Harry lehnte sich vor und flüsterte verschwörerisch: „Magie."
Der Schulleiter runzelte die Stirn: „Mr. Potter ..."
„Sie erwarten doch nicht, dass ich einfach meine Geheimnisse preisgebe, oder doch, Sir?", unterbrach Harry.
„Welchen Zweck erfüllt es, solche Dinge vor mir geheim zu halten?", war Dumbledores Retourkutsche.
Nun war Harry an der Reihe, die Stirn zu runzeln. „Ich habe Ihnen genügend Möglichkeiten gegeben, mich nicht länger wie ein Kind zu behandeln. Sie lassen mich nicht einmal an den Ordenstreffen teilnehmen, ganz zu schweigen davon, mich aktiv zu involvieren. Sie mögen denken, dass ich zu jung für das alles bin, aber es ist nicht ihre Entscheidung. Es ist nicht einmal meine Entscheidung. Voldemort wird mich verfolgen. Er wird mich verfolgen, bis einer von uns beiden tot ist. Ob sie es mögen oder nicht: Ich bin ein Teil von diesem Krieg. Sie machen sich nur selber etwas vor, wenn Sie glauben, dass Sie mich heraushalten können."
„Du bist noch immer jung, Harry", konterte Dumbledore. „Es ist der größte Fehler der Jugend, zu schnell erwachsen zu werden. Du wirst deine Jugend nie wieder zurückbekommen. Dies ist nicht die Zeit, um Kriege zu kämpfen. Genieße deine Zeit, solange du kannst, bevor es zu spät ist."
„Das sagen ausgerechnet Sie", konterte Harry. Er stand abrupt auf und begann vor dem Tisch auf- und abzugehen. „Wie sehr glauben Sie konnte ich meine Kindheit genießen? Wieviel Freude war es, in dem Schrank unter der Treppe zu schlafen? Wie sehr konnte ich es genießen, mit Menschen zu leben, die mich für einen Freak hielten? Sollte ich diese Jahre der Misshandlungen genießen? Sollte ich es genießen, wie ein Sklave für sie zu arbeiten? Oder vielleicht ist es ja ihre Idee von Spaß, tagelang in einem Schrank eingesperrt zu werden? Oder vielleicht jeden Tag zu versuchen, ihrem Cousin aus dem Weg zu gehen, dessen Lieblingsspiel es ist, sie zusammenzuschlagen? Sagen Sie mir das, Schulleiter!", forderte Harry, der stehenblieb und dann lautstark mit seinen offenen Handflächen auf den Tisch des Mannes schlug „Ich wüsste wirklich gerne, wo die Freude der Jugend ist, denn ich habe sie noch nicht gesehen."
Harry starrte den Mann einen langen Moment lang an, bevor er seine Emotionen und sich selbst wieder unter Kontrolle hatte. Er trat schließlich wieder einen Schritt zurück und setzte sich wieder. Der Schulleiter wich seinem Blick aus und Harry schaute ihn nur an, darauf wartend, dass er etwas sagte.
Harry war geschockt zu sehen, wie eine Träne die Wange des Schulleiters hinunterrann. Der Mann tat nichts, um den Lauf der Träne aufzuhalten und er wandte sich schließlich an Harry: „Was möchtest du, das ich dir sage, Harry?" Seine Stimme war leise, beinahe besiegt klingend. „Das es mir leid tut? Ich fürchte, dass ich dir so viel Schaden zugefügt habe wie deine eigenen Feinde. Aber wenn du mich fragst, ob ich meine Taten bereue, dann muss ich sagen, dass ich dies nicht tue. Ich wünschte, ich hätte mehr für dich getan, dass ich deine Kindheit erträglicher gemacht hätte - sogar angenehm, aber ich bereue nicht, dich zu deinen Verwandten gebracht zu haben. Du magst nicht glücklich gewesen sein, aber du warst in Sicherheit."
Harry seufzte. Diese Diskussion war sinnlos. „Ich bitte nicht um Entschuldigungen, Professor. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Aber sie können nicht hier sitzen und mir sagen, dass ich jung bin und dies genießen sollte, solange es geht. Ich habe diesen Luxus nicht - das ist der Grund, warum sie mich überhaupt zu den Dursleys gebracht haben. Die Prophezeiung besagt, dass ich der einzige bin, der Voldemort besiegen kann, aber ich bezweifle irgendwie, dass er sich einfach ergeben und sterben wird. Wir haben nicht die Zeit, um zu faulenzen. Die Menschen sterben da draußen; ich war gezwungen zuzusehen. Wie soll ich mich wie ein normales Kind verhalten, wenn ich weiß, dass ich der einzige bin, der das Ganze aufhalten kann?"
Dumbledore massierte sich kurz die Schläfen bevor er antwortete: „Nun, Harry, das war der Grund, warum ich so gezögert habe, dir die Prophezeiung mitzuteilen. Sie hat eine große Last auf deine Schultern gelegt, eine, die du nicht tragen solltest. Ich konnte es in deinem Charakter sehen, selbst als du erst elf warst. Du hast es auf dich genommen, den Stein der Weisen zu retten, eine Verantwortung, die nicht die deine war. Du nimmst die Probleme der Welt auf dich. Die Prophezeiung mag besagen, dass du der einzige mit der Macht bist, Voldemort zu besiegen, aber niemand erwartet von dir, diesen Krieg alleine auszufechten, noch erwarten wir von dir, dass du in deinem Alter kämpfst. Dieser Krieg wird schon seit sehr langer Zeit bestritten und wir werden fortfahren, ihn zu bestreiten, bis du bereit bist. Du musst nicht das Gefühl haben, Harry, dass du die Verantwortung auf dich nehmen musst, andere vor diesem Krieg zu schützen."
„Sie brauchen jeden fähigen Kämpfer, den Sie kriegen können", erwiderte Harry. „Und ich brauche jede Erfahrung, die ich bekommen kann. Einige meiner Handlungen waren unbesonnen, das gebe ich zu, aber ich habe überlebt. Mehr als das; ich bin Teil von Kämpfen gewesen und ich habe mich als mehr als fähig erwiesen. Lassen Sie mich gegen den besten Kämpfer des Ordens antreten - Sie ausgenommen - und ich garantiere, dass ich zumindest einen guten Kampf zeigen werde, wenn nicht sogar gewinne."
„Es ist nicht die Frage, ob du fähig bist oder nicht", erwiderte Dumbledore. „Ich wage zu sagen, dass du dich mehr als nur kapabel gezeigt hast, aber denke für einen Moment daran, was du riskierst." Er hielt einen Moment inne bevor er fortfuhr: „Die Prophezeiung besagt, dass du derjenige mit der Macht bist, Voldemort zu besiegen. Dein Leben ist im Moment wichtiger als jedes andere und dennoch riskierst du es, ohne darüber nachzudenken. Hast du jemals darüber nachgedacht, was der Welt geschehen würde, wenn du im Kampf fallen würdest? Wir wissen nicht, ob irgendjemand anderes die Stärke haben könnte, deinen Platz einzunehmen."
„Mein Leben ist also mehr wert als andere?", fragte Harry. „Sie möchten, dass ich nur am Rand stehe und zuschaue, wie andere sterben, wenn ich sie hätte retten können?" Seine Hände waren so fest in die Stuhllehnen gekrallt, dass seine Fingerknöchel weiß wurden. „Hätte ich gestern nicht so schnell gehandelt wie ich es getan habe, wäre Ginny noch immer in Voldemorts Händen, und dennoch würden Sie wollen, dass ich nichts tue und erlaube, dass sie gefoltert und endlich getötet wird, weil mein Leben zu wichtig ist."
„Ich verstehe, dass es schwierig ist ..."
„Nein", unterbrach Harry und schlug mit seiner Faust auf die Armlehne. „Sie verstehen nicht." Er atmete schwer, als er darum kämpfte, seine Wut zu kontrollieren. „Als ich fragte, welche Macht ich haben könnte, die Voldemort nicht besitzt", fuhr Harry mit schneidender Stimme fort „sagten Sie mir, dass diese Macht die Liebe sei." Er stand von seinem Stuhl auf und funkelte den Mann kalt an. „Es gibt nur eine einzige Person in dieser Welt, von der ich sagen kann, dass ich sie mit absoluter Sicherheit liebe und ich würde lieber sterben, als sie diesem Schicksal zu überlassen."
Harry funkelte den Schulleiter ein letztes Mal an, drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür, welche jedoch zuschlug, bevor er sie erreichen konnte. „Wir sind hier noch nicht fertig, Mr. Potter."
END Kap 27
Danke fürs Lesen und reviewen!
