Es ist ein strahlender Dienstagmorgen und ich liege wach in meinem Bett. Ich habe die Woche wegen der Schulferien meiner Kinder frei, aber ich bin es sowieso gewöhnt, so früh aufzustehen. Ich weiß nicht warum, aber heute bin ich unruhig und irgendwie nervös. Ich gehe ins Kinderzimmer und schaue, ob alles in Ordnung ist. Tommy und Andy schlafen noch immer. Sie sind so süß, wenn sie schlafen. Ich gehe runter um mir eine Tasse English Breakfast Tee zu machen, meine Lieblingssorte. Ray trinkt immer eine Tasse Tee wenn er sich nicht gut fühlt. Seit ich ihn kenne, tue ich das selbe und es hilft.

Während ich eine Banane esse, gehe ich mit meiner Tasse zum Sofa und schalte den Fernseher an. Ich liebe diesen netten TV-Sender K-RAB. Es ist ein regionaler Sender und ich schaue ihn in der Früh, wenn meine Kinder etwas länger schlafen. Michael Potter moderiert die Nachrichten und heilige Scheiße, da ist ein Bild von Mr. Grey. Er schaut etwas erschöpft aus, aber ich bin mir sicher, dass er es ist. Ich drehe etwas lauter.

"… ein mysteriöser Mann wurde aufgelesen von der Montesano Müllschute kurz nach Mitternacht. Er ist bei Bewusstsein, aber das Problem ist, dass er scheinbar an Amnesie leidet. Er weiß nicht, wer er ist. Wie Sie am Foto erkennen können, ist er ungefähr dreißig Jahre alt, hat kupferfarbene Haare und graue Augen. So Leute, hier ist ein Interview das wir vorhin im Spital aufgenommen haben."

Mr. Potter verschwindet und das Nächste was man sieht ist eine junge Dame neben Mr. Greys Bett mit einem Mikrophon in der Hand.

„Guten Morgen, Mister. Wissen Sie, wie Sie heißen?" fragt sie Mr. Grey und hält das Mikro an seinen Mund. Sie versucht professionell zu wirken, scheitert aber kläglich. Sie sabbert schon fast.

„Natürlich kenne ich meinen Namen. Er lautet … ähm … Er liegt mir auf der Zunge … Oh, das ist absurd! … hhhmmm Ich erinnere mich gleich … … … Nehmen Sie das Ding aus meinem Gesicht!" schreit er während er das Mikrophon wegstößt. Dann betrachtet er sie näher. „Was für eine hässliche Perücke!" stöhnt er auf und zeigt mit dem Finger auf sie.

Die Frau schaut beschämt und ist sprachlos. Jap, das ist definitiv Mr. Grey.

„Danke, Sharon. Also es gibt keine Neuigkeiten, keiner weiß wer er ist. Vorhin kam eine Dame an, um ihn zu identifizieren, aber auch sie erkannte ihn nicht …" Oh Mist, sie zeigen die blonde Göttin wie sie das Krankenhaus verlässt und mit ihrer Hand winkt um zu zeigen, dass sie kein Interview geben wird. Ich kann es nicht glauben, dass sie ihn sitzen lässt. Scheinbar doch keine ewige Liebe. "… Wenn Sie diesen Mann erkennen, kontaktieren Sie bitte das Krankenhaus. Ich selber setze eine Belohnung aus, er macht uns alle verrückt. Und nun zum Wetter …"

Ich schnappe nach Luft. Was zum Teufel ist passiert? Und warum ist er noch immer hier? Er hat doch sicher Freunde oder wenigstens eine Familie, die nach ihm sucht.

Ich höre ein Klopfen an der Tür. Ich stehe auf, öffne sie und sehe Kate mit ihrem halben Besitz in fünf großen Reisekoffern an meiner Türschwelle stehen. Sie verbringt die Woche bei uns.

"Ana Banana, wie geht es dir? Du schaust etwas blass aus", sagt sie besorgt.

„Ich habe mir gerade die Nachrichten angesehen und Mr. Grey, der Arsch der mich gefeuert hat, er hatte anscheinend einen Unfall und ist im Spital und weiß nicht, wer er ist. Sein Bild war im Fernsehen und ich verstehe nicht warum er noch immer im Krankenhaus ist", erkläre ich verwirrt.

„Vielleicht benimmt er sich nicht nur zu dir wie ein Arsch sondern auch zu seiner Familie und zu seinen Freunden und sie haben ihn im Stich gelassen, jetzt wo sie die Möglichkeit haben", sagt sie und zuckt mit den Schultern.

„Glaubst du, dass das möglich ist? Er sollte doch zumindest bezahltes Personal haben oder sowas!" Ich schüttle meinen Kopf vor Fassungslosigkeit.

„Ist doch egal. Er soll in dieser kleinen Stadt verrotten, wo keiner ihn kennt und keiner ihn findet und …" sie hält inne.

„Und was?" frage ich.

„Was wäre wenn?" fragt sie gedankenverloren, während sie hinter mich an die Wand starrt.

"Hmmm?" sage ich verwirrt, weil ich es einfach nicht kapiere.

„Was wäre wenn niemand ihn findet und hier offensichtlich niemand ihn kennt", fragt sie, während sie mich wieder ansieht.

„Dann würde es laaaaaaange dauern, bis er wieder nach Hause kommt", antworte ich ihr indem ich das Offensichtliche herausstelle.

"ANA!" kreischt sie. "Ana, Ana, Ana, lass mich überlegen!"

Ich gehe in die Küche, mache einen Kaffee für sie und noch einen Tee für mich. Ich fürchte, sie hat wieder eine ihrer komischen Ideen, wie so oft. Wir sitzen am Tisch als sie fortfährt:

„Was wäre, wenn du zum Krankenhaus gehst und ihn als deinen Ehemann identifizierst? Was wäre, wenn er mit dir nach Hause kommen würde und die Gartenarbeit für dich übernehmen würde als Entschädigung für den Verlust deiner Arbeit? Und wenn er fertig ist mit dem Garten, dann kannst du ihm die Wahrheit sagen oder er kann sich ohnehin wieder an alles erinnern, sodass du ihn leicht wieder los wirst", verkündet sie mit einem breiten Grinsen.

"Kate, was schlägst du vor? Das kannst du doch nicht einem so verletzlichen Menschen antun!" Ich bin schockiert.

"Nein? Aber er konnte es! Er hat dich gefeuert obwohl du deinen Ehemann verloren hast und dich um zwei kleine Kinder kümmern musst. Er ist ein selbstsüchtiger Depp und verdient es!" hebt sie hervor.

„Aber wie willst du das anstellen? Du kannst nicht zum Spital gehen und sagen ‚Hallo Schatz, hier bin ich!'" entgegne ich ihr.

„Vielleicht mit etwas Hilfe schaffst du das. Ich kenne da diesen Polizeibeamten, der verrückt nach mir ist. Ich könnte ihn fragen, ob er uns hilft", lacht sie.

„Ich weiß nicht. Das ist so unausgereift. Wie soll ich den Leuten erklären, dass ich plötzlich einen Ehemann habe?" wundere ich mich.

„Der Einzige, dem du etwas erklären musst ist Ray. Die Leute hier kennen dich sowieso nicht, du gehst ja nicht oft vor die Tür", beschreibt sie meine Situation präzise. Ich seufze. Wenn Kate eine Idee hat, ist es schwer, es ihr wieder auszureden.

„Er würde ein Sklave für dich sein … gratis! Denk darüber nach. Er könnte dir jeden Tag Frühstück machen, er könnte die Gartenarbeit machen, er könnte einen Job finden und für deine Rechnungen zahlen, die Liste ist endlos. Wie sieht er aus?" fragt sie.

„Nicht so übel", sage ich während ich versuche, mich daran zu erinnern, wie er aussieht. Ich versuchte bis jetzt, ihn und diesen verhängnisvollen Tag zu vergessen.

„Scheiße, du könntest sogar jeden Tag flachgelegt werden, wenn du das willst!" kreischt sie.

"KATE!" rufe ich laut aus während ich wild gestikuliere und meine Tasse Tee umkippe. Was für ein Schlamassel, aber andererseits so typisch für mich dass ich den Tee verschütte. Ich nehme eine Serviette und wische den Tisch.

"Ana, tu es einfach. Einmal in deinem Leben denk einfach an dich! Und dieser Holzkopf verdient es!" faucht sie.

Ich weiß nicht was ich denken soll. Er könnte mir wirklich aushelfen. Und er ist der Grund, dass ich überhaupt Hilfe brauche. Und Kate würde mir helfen, den Plan zu verwirklichen.

"Ok. Wir könnten es durchziehen. Aber Kate: Mach es schnell und mach es gut!" beauftrage ich sie.

"Oh Ana, jetzt wird alles gut werden! Ich rufe Phil an und wenn er mit an Bord ist, wird alles gut ausgehen", freut sie sich.

„Ich hoffe. Wenn nicht, wirst du es bereuen!" drohe ich ihr und gehe hinauf um zu sehen, ob meine Buben schon wach sind.

Das sind sie und nachdem ich ihnen geholfen habe, sich umzuziehen, gehen wir nach unten zu Kate. Sie steht auf der Veranda und spricht mit jemandem am Telefon. Ich sage den Burschen, dass sie den Tisch decken sollen und mache Frühstück für uns vier.

Als der Speck, die Eier und die Pfannkuchen fertig sind, ist Kate noch immer nicht mit ihrem Gespräch fertig. Wenn sie sich in etwas verbissen hat, kann sie niemand davon abbringen. Also nach einer gefühlten Ewigkeit setzt sie sich an den Tisch mit uns und hat diesen breiten Grinser im Gesicht. Wir essen in Ruhe und danach räumen die Kinder den Tisch ab und Kate und ich machen den Abwasch, während die Jungs im Vorgarten Fußball spielen.

„Warum lächelst du so?" frage ich interessiert an ihrer neuen Freude.

„Ich habe heute eine Verabredung mit Phil, dem Polizeibeamten. Also warte nicht auf mich", lacht sie.

„Ist das dein Ernst?" frage ich sie ungläubig.

„Natürlich. Ich werde jetzt Ethan, José und Ray anrufen, um ihnen meinen Plan zu erklären. Oh Ana, das wird ein Spaß!" schreit sie vor Freude.

„Für dich vielleicht, aber ich muss mit diesem Mann leben!" sage ich verzweifelt.

„Komm schon, das wird super. Lass ihm die Hausarbeit machen und genieß' die zusätzliche Zeit für dich", schlägt sie mir vor.

„Also was genau ist dein Plan?" frage ich sie neugierig.

„Ok, also, du erklärst deinen Kindern den Plan. Ethan und Hannah werden ein paar Klamotten und Toilettartikel kaufen gehen. Vielleicht gibt mir Ethan ein paar von seinen benutzten Sachen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Mr. Grey nur neue Sachen hat. José wird die Fotos photoshoppen. Und ich werde zu Ray gehen und mit ihm reden. Immerhin muss er seinen Vater spielen. Vielleicht kann Christian für seine Firma arbeiten. Alles in allem würde ich sagen, sollten wir uns so gut wie möglich an die Wahrheit halten. Du weißt schon, wie lange ihr verheiratet seid, wie ihr euch kennengelernt habt und so weiter. Ich würde sagen, wir treffen uns in einer Stunde und dann mach ich mich fertig für mein Rendevous. Wenn alles so funktioniert wie geplant, könntest du schon morgen zum Spital gehen und als verheiratete Frau mit einem Ehemann an deiner Seite zurückkommen. Oh das wird wunderbar!" sagt sie wild gestikulierend.

„Du bist viel zu überzeugt von diesem Plan, das weißt du schon, nicht?" frage ich sie misstrauisch.

„Und du bist viel zu negativ, Fräulein!" sagt sie überzeugt, während sie mit einem Finger auf mich zeigt.

"Ok, ok. Also gehe ich jetzt zu den Jungs und spreche mit ihnen.". Ich hebe meine Hände abwehrend in die Höhe.

Und als alles gesagt ist stehe ich auf und gehe in meinen Vorgarten um den Kindern zu sagen, dass wir in das Kinderzimmer gehen müssen um zu reden.

Ich atme einmal tief durch als ich die Kinderzimmertüre öffne und setze mich mit ihnen auf Andys Bett. Ich erkläre ihnen, dass wir in der Lotterie gewonnen haben, einen neuen Papa auf Zeit bekommen werden, den in unsere Familie aufnehmen sollten und so tun werden, als ob er der Vater in diesem Haus ist. Tommy findet das lustig und Andy, naja, ich glaube nicht, dass er es ganz kapiert hat. Aber das ist ok, er ist ohnehin nicht so der große Redner. Da wir eh schon im Kinderzimmer sind, nehm ich gleich die Gelegenheit wahr und verbringe den Nachmittag spielend und herumblödelnd mit meinen Jungs.

Am Nachmittag kommt Kate in die Küche, in der ich gerade das Abendessen zubereite.

„Ich habe mit Ray gesprochen und er ist nicht begeistert, aber er ist mit dabei. Er sagte, dass er etwas Hilfe im Haus gebrauchen könnte und vielleicht kann ihm Christian mit der Buchhaltung helfen", informiert sie mich.

„Super. Warum nur fühl ich mich nicht wohl dabei?" frage ich sie unsicher.

"Ana, du bist so eine großartige Frau. So ein mitfühlendes Ding, das nie an sich selber denkt sondern nur an alle anderen rundherum. Hör auf damit! Es ist Zeit für dich und dich alleine", rät sie mir.

„Ich denke es wäre einfacher für mich so zu tun, als ob ich es für meine Kinder durchziehen. Ich will ein schönes Heim für sie. Wenn andere Kinder auf Besuch kommen, sollen sich Tommy und Andy nicht blamieren", führe ich aus und nicke, um mich selbst davon zu überzeugen.

„Was auch immer, Annie. Die Hauptsache ist, dass du etwas Hilfe bekommst. Du bist schon durch genug Scheiße gegangen in dem letzten Jahr", sagt sie bitter während sie mich umarmt.

„Yeah, ein bisschen Hilfe ist genau das was ich brauche. Das und ein relaxendes Bad." Ich seufze.

„Mach das, Ana, ich werde ein bisschen mit den Buben spielen bevor ich mit Phil ausgehe", schlägt sie vor.

„Danke, Kate, für alles. Was würde ich ohne dich machen?" Ich lege meinen Arm um ihre Schultern.

„Du müsstest dir eine andere Freundin suchen, die eine Fashionista ist und deine Garderobe aufmotzt", lacht sie, steht auf und geht die Stufen hinauf.

Ich lächle und gehe ins Badezimmer um in der Wanne zu dümpeln. Ich bin nervös. Wie konnte ich zu diesem zum Scheitern verurteilten Plan nur „Ja" sagen? Wie werde ich das nur schaffen? Und wie wird es sein, einen Mann im Haus zu haben? Kann ich mit ihm leben ohne größeren Zusammenbruch? Ich werde einfach Kates Anordnungen folgen und ihn ein bisschen ausbeuten. Er wird sich wahrscheinlich eh bald an alles erinnern und im Nu wieder in sein Leben zurückkehren.

Nach diesem unglaublichen Bad, essen wir alle Macaroni mit Käse - das ist Andys Lieblingsessen - zum Abendessen; danach ziehe ich mir meinen Pyjama an und bringe die Jungs in ihr Zimmer. Kate geht und macht sich für ihr Date fertig. Ugh! Gelegenheitssex ist jetzt nicht mein Ding, aber wenn es sie glücklich macht werde ich sie nicht dafür verurteilen. Ich krabble mit meinen Kindern am Boden herum, mache ein bisschen Wrestling mit ihnen und bald gehen wir hinunter um mit Polstern und Decken ein Fort zu bauen und einen Filmabend zu machen. Wir schlafen alle auf der Couch vor dem Fernseher zwischen den Polstern und Decken ein.