Ich wache mitten in der Nacht auf und dreh mich um, nur um zu sehen, dass Christian nicht hier ist. Ich stehe auf, ziehe mir sein T-Shirt über, welches noch immer am Boden lag, und suche nach Christian. Ich öffne die Kinderzimmertür und dort steht er, den Kindern beim schlafen zuschauend.
„Es ist beruhigend, ihnen zuzusehen", flüstert er.
„Ja. Ich weiß nicht, was ich ohne sie täte", bestätige ich und nicke mit dem Kopf. Ich gehe zu Christian und umarme ihn. Ich seufze. „Warum bist du nicht im Bett?" flüstere ich.
„Ich hatte einen Alptraum", murmelt er.
Ich nehme seine Hand und drücke sie tröstend.
„Ich war ein kleines Kind, so ungefähr drei oder vier Jahre alt. Da war ein Mann. Ich weiß nicht, wer er ist, aber als ich ihn die Wohnung betreten sah, versteckte ich mich geschwind in einem Kasten. Ich hielt meinen Atem an, aber nach kurzer Zeit fand er mich und zog mich an den Haaren aus dem Kasten heraus. Es tat so weh. Er stank nach Alkohol und Zigaretten. Mir wurde schlecht und ich kotzte auf den Boden. Er schrie mich an und schlug mich windelweich. Ich schrie um Hilfe und schaute mich um. Da war eine Frau, die auf der Couch saß. Sie hat nichts getan als ausgesehen, als ob sie high ist." Er hält inne und ich versuche, das Gehörte zu verarbeiten. Er schüttelt seinen Kopf und sagt: „Wenn ich unsere Kinder ansehe, versteh' ich es einfach nicht. Wie kann irgendjemand kleine Kinder prügeln? Wie kann man sie nicht einfach lieben und sie beschützen?"
Scheiße. Was mache ich jetzt? Ich dachte mir, dass es etwas aus seiner Kindheit ist, aber ich wusste nicht, dass es so schlimm war. Was zum Teufel haben sie ihm angetan?
„Willst du eine Tasse Tee? Das ist eine gute Art um über Probleme nachzudenken und sich zu beruhigen." 'Super Ana. Ist das die Lösung für die wirklichen Probleme im Leben? Hat Tee dir geholfen, mit dem Tod deines Mannes besser umzugehen? Du bist lächerlich!'
„Tee und die Kinder beobachten. Ja, bitte", sagt er, dreht sich um und während er mich anlächelt, nimmt er meinen Kopf in seine Hände und küsst mich sanft.
Also gehe ich hinunter in die Küche. Nach ein paar Minuten kehre ich mit einer Kanne und zwei Tassen zurück und wir gehen ins Bett, trinken Tee. Dann legt er einen Arm um mich und ich meinen Kopf in seine Halsbeuge. Oh wie ich seinen Geruch liebe. Es beruhigt mich ungemein und ich könnte bis ans Ende unserer Tage in dieser Position schlafen.
„Das war eine Erinnerung und nicht nur ein Alptraum, nicht wahr?" fragt er mich. Ich reiße meine Augen auf und denke an einen kleinen Christian, geschlagen und verbrannt. Tränen fallen hinunter. Ich nicke langsam und wische mir meine Tränen ab.
„Er ist auch für meine Narben verantwortlich?" fragt er.
Ich nicke wieder mit meinem Kopf. „Das denke ich. Du sprichst gewöhnlich nicht darüber. Es tut mir leid. Komm her." Ich ziehe ihn zu mir, weil meine mütterlichen Instinkte gerade auf Höchstleistung arbeiten. Ich lege seinen Kopf auf meine Brust, wickle meine Beine um ihn und streichle sein Haar. Ich darf nicht vergessen, Kate davon zu erzählen. Nach ein paar Minuten schlafen wir beide ein.
Ich wache auf, weil der Wecker klingelt. Ich drehe ihn ab und schaue nach Christian. Er schnarcht leise und schläft noch immer. Ich beschließe, hinunter zu gehen und Kate aufzuwecken. Als ich unten bin lege ich mich auf die Couch, krabble unter ihre Decke und kuschle mich an sie heran. Sie wacht sofort auf.
"Ana Marihuana, was ist mit dir los? Ist er nicht gut im Bett, sodass du mit mir knuddeln musst?" fragt sie schläfrig.
"Kate! Er erinnert sich an etwas. Es ist wahrscheinlich etwas aus seiner Kindheit. Er hat Narben auf seiner Brust und seinem Rücken, die offensichtlich von Zigaretten stammen. In der Nacht hat er von einem Pärchen geträumt - der Mann hat ihn grün und blau geschlagen und die Frau saß auf der Couch und hat ihm nicht geholfen, weil sie wahrscheinlich auf Drogen war. Er war drei oder vier Jahre alt. Oh Kate! Er weiß nicht mehr über die zwei, aber KATE! Er wurde misshandelt als Kind, als ein verletzliches Kind, das sich nicht wehren konnte. Wie krank waren diese Leute? Ich könnte sie umbringen! Und KAAATIIIEEEE: Er erinnert sich schon wieder an etwas. Das bedeutet, er wird sich in Null Komma nichts an sein früheres Leben erinnern. Mist, Mist, Mist", kreische ich und verstecke mein Gesicht in meinen Händen.
"ANA! Beruhig dich. Ich werde Ray anrufen und ihn vorwarnen. Ich werde sicherstellen, dass er alle Fakten weiß und mit Christian sprechen kann. Das ist absolut kein Problem!" sagt sie und beruhigt mich. Ich lächle. „Und Annie: Er wird sich eines Tages an sein früheres Leben erinnern, aber sicherlich wird er sich auch an sein jetziges Leben erinnern, also gibt es noch eine Chance, dass du ihn nicht verlierst. Denk daran! Und jetzt: Mach mir einen Kaffee, damit ich dich nicht ermorden muss", kichert sie.
Ich stehe auf und mache Frühstück. Als ich auf die Uhr schaue, wundere ich mich, wo Christian ist. Meine Buben fehlen auch. Also mache ich mich auf den Weg nach oben und gehe in mein Schlafzimmer, um Christian zu wecken.
"Christian, komm schon, wach auf, es ist schon spät!" sage ich in einem dringlichen Ton.
„Das macht mir nichts aus!" grummelt er und dreht sich auf die andere Seite.
"Christian! Du musst den Kindern beim Anziehen helfen und sie dann in die Kita und in die Schule bringen!" dränge ich und schüttle ihn.
„Das ist mir völlig egal!" sagt er und wischt meine Hände weg.
"Ok", sage ich und mache eine dramatische Pause. „Aber dann bleiben sie bei dir Zuhause. Den ganzen Tag!" sage ich gleichgültig.
Christian setzt sich auf, springt auf einmal aus dem Bett und stürzt in das Kinderzimmer. Ich kichere. Männer sind so leicht zu manipulieren.
Nach dem Frühstück verabschiede ich mich von allen wichtigen Personen in meinem Leben und hetze zum Auto. Auf meinem Weg zur Arbeit denke ich über die letzte Woche nach. Vor einer Woche kam Christian zu uns nach Hause und ich frage mich, warum niemand nach ihm sucht. Ich dachte wirklich, dass es schwerer wäre, Seattles bekanntesten Bürger zu ‚verstecken'. Aber bis jetzt: nichts. Gut für mich, schlecht für ihn.
Ich arbeite mich durch die Papiere in meinem Postfach, als Jack zu meinem Tisch kommt.
"Hey Ana!" jauchzt er.
"Oh hallo Jack. Wie ist dein Tag?" frage ich ihn höflich.
„Gut, gut. Ich nehme an, dass du heute keine Verabredung zum Mittagessen hast?" fragt er vorsichtig.
"Oh, wie spät ist es? Ich habe das Mittagessen komplett vergessen", sage ich geistesabwesend.
„Gut. Ich habe das Mittagessen für dich hergerichtet. Es ist in der Küche", verkündet er stolz. Ich lächle, weil das wirklich süß von ihm ist. Also stehe ich auf und gehe mit ihm zu unserer Büroküche. Er führt mich mit seiner Hand auf meinem Kreuz durch den Gang. Ich schätze, er ist der überfürsorgliche Typ, aber das ist für mich OK. Als wir in die Küche kommen, stehen dort schon zwei Schüsseln auf dem Tisch. Ich setze mich vor eine hin und sehe hinein. Schaut ziemlich gut aus. Es ist ein Ceasar Salad mit Croutons. Mein Magen grummelt und ich lächle entschuldigend. Er gestikuliert aufmunternd in meine Richtung und ich schiebe mir eine Gabel voll in den Mund.
Während des Essens reden wir über unsere Leben. Er wuchs in Detroit auf und bekam ein Stipendium für die Princeton University, wo er auch Englische Literatur studierte. Es ist eine gemütliche Konversation und am Ende droht er mir, mich zu füttern, falls ich jemals wieder vergesse, etwas zu essen. Ich kichere und danke ihm.
Als ich wieder zurück an meinem Tisch bin, läutet mein Handy. Ich hebe ohne zu schauen ab.
"Hallihallo, Ana spricht", sage ich unbekümmert.
"Ana, hier spricht Ray", antwortet er.
"Oh hallo Ray. Hat Kate dich angerufen?" frage ich ihn.
„Ja, meine Liebe. Sie hat mir alles über Christians Traum und darüber, was ich ihm sagen soll, erzählt. Ich habe auch schon mit ihm gesprochen und ihn so gut es geht beruhigt. Armer Junge!"
„Gut das zu hören. Wie geht es dir? Mir kommt es so vor, als ob wir schon Jahre nicht mehr miteinander gesprochen haben", gebe ich zu.
"Oh Annie, Liebling, mir geht es gut. Christian hilft mir mit den Büchern und er ist großartig. Er kitzelt jeden Dollar heraus, also werden die Kinder dieses Jahr ein spezielles Weihnachten erleben", sagt er.
„Du verziehst sie, Ray!" sage ich missbilligend, aber er kichert nur.
„Ich bin der Großvater. Wenn du Enkel hast, wirst du mich verstehen", sagt er. "Oh, Christian kommt gerade her, ich muss Schluss machen. Tschüss Annie."
"Baba Ray."
Ich lächle. Kate ist großartig. Mein Lächeln verschwindet aber als ich über Christian nachdenke. Ich frage mich, was ihm passiert ist, also gebe ich seinen Namen bei Google ein. Es gibt nicht viele Informationen über ihn. Er wurde mit vier Jahren adoptiert. Das bedeutet, dass dieses Pärchen wahrscheinlich seine leiblichen Eltern waren. Ich habe den Drang ihn zu umarmen und ihm meine Liebe zu geben. Interessanterweise gibt es keine Nachrichten über sein Verschwinden. Ich würde wirklich gerne wissen, warum das so ist.
Nach der Arbeit treffe ich mich mit Kate, um Kleidung für die Jungs für die Hochzeit besorgen. Kate besteht darauf, sie zu bezahlen und ich bin dankbar, weil dieser Scheiß ganz schön teuer ist. Also kaufen wir einen grauen Anzug, ein weißes Hemd und eine gelbe Krawatte für Tommy. Er wird vor der Braut zum Altar schreiten, also ist er super nervös und hat mir gesagt, dass ich besonders gute Kleidung kaufen soll. Andy bekommt graue Hosen, eine graue Weste und eine gelbe Fliege. Er wird hinreißend aussehen, mein kleiner süßer Fratz. Nach dem Einkaufen gehen wir einen Kaffee trinken und dann fährt mich Kate nach Hause um danach bei Hannah und Ethan zu übernachten.
Als ich in das Haus gehe, höre ich einige Stimmen im Wohnzimmer und gehe dorthin. Christian und Ray krabbeln am Boden herum, um ein paar Schienen zu bauen. Tommy und Andy haben die Züge in ihren Händen und feuern sie an. Ich kichere. Die Erwachsenen sind hochkonzentriert und es ist lustig anzusehen. Sie bauen keinen einfachen Kreis, sondern ein kompliziertes Schienensystem, welches sich durch den Raum zieht. Ich hüpfe zwischen den Schienen in die Küche und koche unser Abendessen.
Als das Abendessen fertig ist, sind es auch Christian, Ray und das Schienensystem. Ich muss ein Machtwort sprechen, damit sich meine Männer an den Tisch setzen. Nach dem Essen spielen sie mit den Zügen, während Christian und Ray Tommy und Andy anleiten. Ich sitze auf dem Sofa und lese ein Buch. Ab und zu schaue ich meinen Männern zu. Christian passt scheinbar perfekt in meine Familie. Nach einer Stunde oder so geht Ray mit den Kindern nach oben, um sie fürs Bett fertig zu machen, während Christian die Schienen wegräumt. Also gehe ich in die Küche und erledige den Abwasch. Danach kommt Ray herunter und verabschiedet sich. Ich begleite ihn zur Eingangstür. Er schaut mich erwartungsvoll an und ich weiß nicht, was er will.
„Behandelt dich Christian gut?" fragt er und ich erröte gewaltig. Er kichert. „Schau Annie, ich weiß, dass du meinen Sohn geliebt hast und ich bin dir unendlich dankbar dafür und für meine Enkel. Aber vergiss nicht, dein Leben weiterzuleben. Und es sieht so aus, als ob Christian eine gute Partie für dich wäre. Also kapsle dich nicht von ihm ab, weil du verheiratet warst. Ich hatte nicht das Glück, eine zweite große Liebe zu finden", sagt er.
Ich schaue ihm in die Augen und sage nachdenklich: „Ich weiß nicht, ob ich wirklich weitermachen kann. Brad war nun mal meine erste große Liebe und wird es auch immer bleiben."
„Deine erste große Liebe wird immer etwas Spezielles sein. Aber die zweite große Liebe verdient eine Runde Applaus, weil sie dich lehrt, dass Liebe noch immer existiert, nachdem du geglaubt hast, dass sie für immer gestorben sei", sagt er, küsst meine Wangen und geht zu seinem Auto.
Ich fühle mich irgendwie frei. Er hat mir seinen Segen gegeben, dass ich mir wieder jemanden suche. Es fühlt sich echt gut an eigentlich. Ich mache mich auf den Weg ins Badezimmer. Nach einer befreienden Dusche gehe ich ins Schlafzimmer und sehe, dass es leer ist. Also krame ich in meinem Kasten und suche nach einem mehr anzüglicheren Schlafanzug und finde auch einen. Oh wie ich Kate liebe! Ich muss ihr dafür danken. Ich ziehe ihn an, lege mich ins Bett und lese mein Buch. Kurz danach kommt Christian ins Schlafzimmer und schaut mich an. Ich kann den Hunger in seinen Augen sehen und lächle. Er krabbelt ins Bett, nimmt mir mein Buch weg und legt es auf mein Nachtkästchen.
„Ich habe mit Ray über meinen Traum geredet", verkündet er nüchtern.
„Was hat er gesagt?" frage ich begierig.
„Er war ein Marinesoldat und war bei meiner Geburt hier. Aber nach einem Monat musste er wieder zurück. Meine Mutter starb nach einem Jahr, aber Ray konnte wegen seines Vertrags nicht hier sein. Also lebte ich bei meiner Tante, der Schwester meiner Mutter, und am Anfang war es in Ordnung, aber dann hat sie diesen Mann aus meinem Traum getroffen und langsam aber sicher wurde es schlimmer. Sie wurde drogenabhängig und dieses Arschloch hat mich misshandelt. Sobald mein Vater mich gesehen hat, hat er mich gerettet, und nach ein paar Monaten bei der Familie seines Bruders, kam er nach Hause und hat mich aufgezogen, was nicht sehr leicht war. Aber ja, hier bin ich."
Ich schaue ihm in die Augen. „Und wie fühlst du dich jetzt?" frage ich.
„Ich bin glücklich, dass ich mich an etwas erinnere, sogar wenn es eine schlechte Erinnerung ist, weil es bedeutet, dass ich beginne, mich an mein früheres Leben zu erinnern", sagt er und dann lächelt er. „Ich kann es kaum erwarten, mich an das Leben mit dir zu erinnern", sagt er und küsst mich. Ich genieße es und küsse ihn zurück. Nach ein paar Minuten löse ich mich von ihm und frage: „Willst du unser gemeinsames Leben sehen?" Er schaut etwas verwirrt aus, also erkläre ich ihm: „Ich habe die Fotoalben gefunden." Er grinst. „Aber sicher doch!" Also stehe ich auf und hole sie. José ist ein Held, da die Fotos eigentlich ziemlich gut sind.
Also zeige ich ihm mein Leben mit Brad … und seinem Kopf auf ihn drauf gephotoshoppt. Ich zeige ihm unsere Hochzeit, Urlaube, die Feiertage mit der Familie, meine Babys. Er lächelt die ganze Zeit und ich frage mich, ob er auch so ein Leben hatte. Eine liebende Familie und glückliche Zeiten im Allgemeinen oder ob er nur einen Haufen Kohle hat und eigentlich ein sehr einsamer Mensch ist. Nachdem wir das letzte Album durchgesehen haben, umarmt er mich und dankt mir. Ich stehe auf, räume die Alben weg und drehe das Licht ab. Auf dem Weg zurück zum Bett stolpere ich und falle auf den Boden. Ich stöhne vor Schmerzen und seufze. Christian steht sofort auf und fragt was passiert ist.
"Oh, nichts besonderes, ich bin nur zum tausendsten Mal diesen Monat gestolpert!" antworte ich.
„Bist du ok?" fragt er besorgt.
Ich lächle. „Nein, eigentlich nicht, denn meine Knie tun weh", jammere ich und er hebt mich auf, legt mich aufs Bett und küsst meine Knie. Oh wie ich das liebe. Er küsst mich weiter und wandert dabei über meinen Körper. Als er bei meinem Mund ankommt, knutschen wir schamlos miteinander. Danach zieht er mich zu ihm und wir schlafen in Löffelchenstellung ein.
