Ich wache auf und es grüßt mich wieder ein Kater, also stöhne ich als ich versuche, meine Augen in diesem viel zu hellen Licht zu öffnen. Aber es ist nicht nur der Kater, der mir große Kopfschmerzen bereitet. Ich fühle auch vertraute Emotionen - Unruhe und Nervosität -, wahrscheinlich weil ich heute Christian die Wahrheit sagen werde. Ich warte nur auf den richtigen Moment. Es fühlt sich so an wie in Mary Poppins, wenn sich der Wind dreht. Es erinnert mich an letzte Woche, als Christian in unser Leben gekommen ist. Ich drehe mich um und sehe Christian neben mir liegen. Er schläft noch immer und ist sich keines Aspektes seines früheren Lebens bewusst. Panik bricht in mir aus. Ich bin absolut nicht bereit dafür, ihn gehen zu lassen. Nicht nach letzter Nacht, überhaupt nicht. Scheiße, ich bin total verliebt in diesen Typen. Ich liebe ihn.
Ich starre auf sein Gesicht und versuche, dieses Bild für ewig in mein Hirn zu brennen. Ich streichle seine Haare und küsse seine Lippen. Er regt sich und wacht auf, während ich ihn mit Küssen bedecke. Ich bin mir sicher, dass er meinen Drang spürt, ihm nahe zu sein, da wir in kürzester Zeit nackt sind und Liebe machen, ohne ein Wort zu sprechen. Ich will, dass er mein ungutes Gefühl wegmacht, wenigstens für kurze Zeit.
Nachdem ich endlich aufgestanden bin, kuschle ich mich in meinen Bademantel und scheuche Christian ins Badezimmer. Wir nehmen eine wirklich heiße Dusche und ich genieße unsere kleine Blase. Ich schlinge mich um ihn und umarme ihn ganz fest, unfähig das ungute Gefühl abzuschütteln, aber ich koste jede Minute in seinen Armen aus. Nach der Dusche gehen wir ins Schlafzimmer und ziehen uns legere Kleidung an. Als wir halb fertig sind, stürmen unsere Kinder in unser Zimmer und wuseln herum. Ich versuche sie zu beruhigen und verkünde, dass ich heute anders frühstücken möchte.
Wir beschließen ein paar Brote einzupacken und ein Picknick im Park zu machen. Es gibt dort in der Mitte einen kleinen Teich und einen Asphaltweg rundherum. Auch gibt es viele Bäume und Bänke. Fast überall im Park gibt es Enten und Schwäne. Tommy besteht darauf, mit seinem neuen Rad zu fahren und Andy fährt mit seinem Laufrad. Also gehen wir in den Park. Ich breite die Decke aus und Christian macht es sich mit mir gemütlich während die Burschen ihre Runden um den Teich fahren. Ich kann nicht anders als mich an Christian zu klammern und seine Anwesenheit so lange wie möglich zu genießen. Ich beschließe, ihm die hässliche Wahrheit zu Hause zu erzählen. Hier im Park ist es so still und friedlich und ein perfekter Ort, um sich an die schöne Zeit mit Christian zu erinnern, bevor die Kacke am Dampfen ist. Also suche ich seine Nähe - ein Kuss hier, eine Umarmung da, zahlreiche Berührungen überall. Wir sind wie Teenager. Immer wieder einmal müssen wir die Jungs anfeuern, wenn sie bei uns vorbei kommen. Nach ein paar Runden hauen wir rein und genießen unser Picknick. Dann spielt Christian mit den Kindern Football während ich mein Buch lese. Es ist so lustig zu sehen, wie er mit den Kids interagiert. Oh wie ich es lieben würde, ihn für den Rest meines Lebens um mich zu haben. Dieser Gedanke lässt das ungute Gefühl mit voller Kraft zurückkommen und ich versteife mich. Nach dem bisschen Sport gehen wir nach Hause. Zeit für die Wahrheit, denke ich.
Als wir zu unserem Haus kommen, sehe ich einen schwarzen SUV vor dem Haus stehen. Als wir näher kommen steigt die blonde Göttin gerade aus dem Auto, gefolgt von dem Mann in schwarz. Scheiße. Jetzt weiß ich, wer der Mann war, den ich im Café in Portland gesehen habe. Mir ist schlecht und meine Knie füllen sich an wie Pudding. Meine Handflächen beginnen zu schwitzen, mein Sehvermögen verschwimmt und plötzlich fühlt sich alles wie in Zeitlupe an. Ich fühle die Tränen aufsteigen und in nur ein paar Sekunden laufen die letzten zwei Wochen vor meinem geistigen Auge vorbei und ich fürchte mich jetzt wirklich vor der Situation, die vor mir liegt. Er wird sooooo verärgert sein und mit seiner Verlobten daneben wird es unmöglich sein, alles zu erklären. ‚Das geschieht dir recht!' denke ich mir. ‚Du hattest zwölf Tage lang Zeit, ihm die Wahrheit zu sagen, du bist so lächerlich!' Wie konnte ich ihn nur so verletzen? Ich bin so eine furchtbare Person und in kürzester Zeit wird mein Herz in eine Million Teile zerspringen. Oh Mann, es schaut so aus, als ob der Traum jetzt endet.
Christian geht zur Eingangstüre. Beiläufig, als ob nie etwas gewesen wäre, grüßt er die blonde Göttin und geht ins Haus. Ich gehe sehr langsam, atme tief ein um meine Nerven zu beruhigen und nehme die Hände meiner Jungs, nachdem diese ihre Räder in einem kleinen Schuppen neben dem Haus weggeräumt haben. Die Blondine funkelt mich an und zischt:
„Mach ja nichts Dummes, du wirst es bereuen!"
Ich bücke mich zu meinen Kindern hinunter. „Hey Jungs, es ist wichtig, dass ihr mir jetzt zuhört! Christian muss jetzt gehen. Er wird sich jetzt vielleicht ein bisschen komisch benehmen, aber erinnert euch immer daran, dass er euch liebt!"
„Nein, Mommy, ich will nicht dass er geht. Er hat gesagt, dass er uns nicht verlassen würde!" weint Tommy und ich fühle mich so hilflos. Andy zappelt und zieht an meiner Hand:
„Nein! Daddy muss bleiben!" winselt er. Mit Tränen in meinen Augen küsse ich deren Stirn und umarme sie ganz fest. Sie werden mich nie verlassen. Sie werden mich nie hassen. Sie sind alles, was ich jetzt habe.
Die Eingangstüre öffnet sich langsam und Christian kommt heraus.
„Elena?"
Die Blondine geht zu Christian und öffnet ihre Arme. „Christian, Liebling, endlich habe ich dich gefunden! Wie geht es dir?" gurrt sie und küsst ihn auf die Lippen.
„Elena, oh mein Gott, mir geht es gut, mir geht es so gut, ich erinnere mich an alles. Ich bin Christian Grey, der Besitzer von Grey Enterprises Holdings, ich habe einen Bruder und eine Schwester und du bist meine Verlobte. Ich habe Geld, so viel Geld, sogar in der Schweiz!" ruft er aufgeregt aus.
„In der Schweiz?" fragt sie interessiert.
„Ich habe auch einen Jet, einen Helikopter, ein Boot und viele wirklich coole Autos. Oh Elena, die Ärzte haben gesagt, dass alles wieder hervorkommen würde und jetzt ist es passiert!" sagt er glücklich.
Er dreht sich um und geht zu mir, während ich mich auf den finalen Schlag vorbereite. Ich trete nervös von Fuß zu Fuß und schaffe es, ein kleines Lächeln hervor zu bringen. Er umarmt mich fest und sagt:
"Ana, Cupcake, ich bin so verdammt froh, dass dieser Alptraum endlich vorbei ist. Ich danke dir so sehr, dass du so geduldig mit mir warst und mir durch das alles geholfen hast und …"
Plötzlich spannt sich sein ganzer Körper an. Ich schließe meine Augen und Tränen beginnen, meine Wangen hinab zu rinnen. Das ist es. Das Ende. Er geht weg und lässt mich im Stich. Er legt seine Hände auf meine Schultern und streckt sie durch, wodurch er mich etwas wegdrückt.
"… warum? Warum hast du das getan? Du bist die Angestellte, die ich gefeuert habe. Du bist nicht meine Frau …"
Sein Gesicht zeigt gefühlte Hundert Emotionen. Schock, Wut, Traurigkeit, Zweifel, alles in einem. Er dreht seinen Kopf zu meiner Seite und macht einen Schritt zurück.
"… und das sind nicht meine Kinder. Du hast mich glauben lassen es wären unsere!"
Ich kann nicht mehr. Ich schließe meine Augen und drücke meine Hand auf meinen Mund, um die Schluchzer zu dämpfen.
„Was habe ich dir getan, dass du mich so sehr hasst? Ich würde sagen, Rache serviert man wohl am besten kalt."
Ich kann ihn nicht ansehen und mein Verstand ist wie weggewischt, ohne jegliche Antwort. Er macht noch einige Schritte zurück und schüttelt seinen Kopf.
„Ich gehe ins Haus und packe meine Sachen."
Er dreht sich um und verschwindet im Haus. Ich nehme die Hände meiner Kinder und drücke sie.
„Alles wird gut, glaubt mir!" murmle ich und versuche zu lächeln.
Nach ein paar Minuten kommt er aus dem Haus heraus, nur den Pokal, den Tommy ihm gemacht hat, und das Kochbuch in der Hand und sagt:
„Nichts anderes hier gehört mir." Er geht zum SUV und sagt nichts mehr. Als er die Tür öffnet, kreische ich:
„Christian!"
Er hält inne und sieht mich an. Er hat einen verletzten Gesichtsausdruck, genauso wie die verletzten und vernachlässigten Hunde auf den Werbeplakaten des Tierheims.
Ich spreche weiter: „Ob du's glaubst oder nicht, ich danke dir!"
Er nickt und steigt ins Auto ein. Die blonde Frau sagt:
„Komm schon, Darling. Wir werden dich aus diesen Lumpen befreien", steigt hinter ihm ins Auto und der Mann im schwarzen Anzug schließt die Türe. Er nickt kurz in meine Richtung, steigt ebenfalls ins Auto und fährt weg.
Nachdem das Auto ein paar Meter gefahren ist, beginnen die Jungs hinter dem SUV her zu rennen. Tommy schreit:
"Daddy! Daddy! Geh nicht weg! Du hast gesagt, dass du uns nicht verlassen würdest!" und beginnt zu weinen. Sogar mein Kleiner versucht dem Auto so schnell wie möglich zu folgen. Meine Knie werden schwach und schließlich gebe ich auf. Ich sinke auf den Boden und vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. Ich lasse alles heraus und weine, als ob es kein Morgen gäbe. Ich habe nicht nur Christian verletzt sondern auch meine beiden Kinder. Ich bin ein Monster. All das ist nur wegen einem verdammten Jobs passiert. Oh wie ich diese ganze Sache bereue. Meine Buben kommen zu mir zurück und Tommy fragt mich:
„Sind wir wieder alleine?"
„Ja Tommy, wir sind wieder alleine. Du, Andy und ich gegen die Welt!" sage ich und halte meine Hand in die Höhe.
„Mommy, wir schaffen das! Ich werde dir helfen", sagt er und schlägt ein.
„Danke dir, mein Liebling, ohne dich würde ich das nicht schaffen!"
Und dann umarme ich ihn, nicht wissend, was die Zukunft bringen wird.
Ende.
