CPOV
John hat zum Glück Zeit für mich und teilt mir mit, dass er in einer Stunde hier sein wird. Ich gehe in mein Badezimmer und ziehe die Sachen aus, die ich von Ana bekommen habe. Ich halte das Hemd in meinen Händen und fühle mich sogleich etwas nostalgisch. Ich schnuppere daran und erinnere mich, wie wir noch vor wenigen Stunden im Park gesessen und Zärtlichkeiten ausgetauscht haben. Ich überlege ob es Sinn macht, Gail zu bitten, das gleiche Waschmittel zu besorgen. 'Scheiße Grey, reiß dich zusammen. Sie hat dir doch nur etwas vorgespielt. Das war alles nicht echt!' schreit mich meine innere Stimme an. Ich gehe unter die Dusche und versuche, auf andere Gedanken zu kommen. Als ich fertig umgezogen in das Wohnzimmer komme sitzt Elena schon auf der Couch mit einem Glas Wein in der Hand und telefoniert mit einer ihrer Freundinnen. Sie reicht mir auch ein Glas und ich nehme gleich einen ordentlichen Schluck davon.
Gail beginnt nach und nach kleine Tabletts, auf denen sich köstlich aussehende Häppchen befinden, zum Esstisch zu tragen. Taylor kündigt John an, der kurz darauf in das Wohnzimmer kommt und uns beide begrüßt. Währenddessen kommt Gail mit einem weiteren Tablett ins Zimmer, auf dem sich drei Champagnerflöten befinden, von denen wir nacheinander je eine nehmen und uns zuprosten. Ich deute John sich zu setzen, gehe hinüber zum Esstisch und nehme ein Tablett, welches ich ihm reiche, um ihm etwas davon anzubieten.
„Oh das sieht ja großartig aus, danke schön!", sagt er und will gerade zugreifen, als Elena schon wieder kreischt.
„CHRISTIAN!", platzt es aus ihr heraus. „Sehen Sie Dr. Flynn, er benimmt sich wie ein Dienstmädchen. So geht das schon den ganzen Tag. Das ist doch nicht normal!"
Ich fühle mich ertappt, da ich wieder einmal nicht nachgedacht habe, sondern wie selbstverständlich meinen Gast verwöhnen wollte. Also stelle ich das Tablett auf dem Couchtisch ab und John genehmigt sich ein Häppchen.
„Christian, was hat Sie dazu veranlasst aufzustehen und ein Tablett zu holen?", fragt John mich nachdenklich.
„Ich dachte, Sie hätten vielleicht Hunger", versuche ich mich zu rechtfertigen.
„Das ist ausgezeichnet, ausgezeichnet!", sagt John erstaunt.
„Was ist daran ausgezeichnet?", fragt Elena genervt.
„Ich hatte tatsächlich Hunger!" antwortet er begeistert.
„Dr. Flynn, ich bitte Sie, hören Sie mit diesen Scherzen auf, ich möchte meinen Verlobten zurückhaben!", kontert Elena.
„Nun, dann sollten wir vielleicht damit beginnen, dass Sie mir erzählen, was nun eigentlich passiert ist", sagt John ruhig.
Elena übernimmt das Gespräch und schildert John, was passiert ist.
„Nach dem Leila-Vorfall und wegen dem allgemeinen Stress bei GEH habe ich Christian so lange bearbeitet, bis er endlich zugestimmt hat, eine kleine Urlaubsreise zur Entspannung auf der Grace zu machen - unter der Voraussetzung, dass wir es gleich mit ein paar Geschäftsterminen verbinden. An dem Tag nachdem Christian verschwunden ist hatte er einen Termin in der Nähe von Aberdeen, im Grey's Harbor National Wildlife Refuge, also sind wir Richtung North Bay gesegelt. An dem Abend bevor er verschwunden ist war alles ganz normal. Wir haben an Deck zu Abend gegessen und ich bin dann alleine schlafen gegangen, da Christian noch etwas für den Termin vorbereiten wollte. Als ich wieder aufgewacht bin, waren wir auf hoher See verankert. Das hat mich gewundert, da Christian den Termin für den frühen Morgen geplant hatte. Ich habe das ganze Schiff abgesucht, ihn aber nirgends gefunden. Da habe ich dann Panik bekommen und das Schiff wie geplant in den Hafen bin ich in das nächstgelegene Hotel gegangen und habe Taylor kontaktiert. Er hat natürlich gleich alles in die Wege geleitet und einen Suchtrupp zusammengestellt um Christian zu finden, aber er konnte keine Spur entdecken. Nach einigen Tagen sind wir schon vom Schlimmsten ausgegangen, haben aber noch einmal alles versucht, um Christian zu finden. Deshalb haben wir die Suche dann ausgeweitet und sind sogar bis nach Portland gefahren, konnten ihn aber nirgends entdecken. Ich bin dann Ende der Woche wie geplant zurück nach Seattle gereist und habe Taylor vor Ort das Kommando übergeben. Naja, eigentlich hatte er es ja die ganze Zeit. Ich bin dann Montagmorgen ins Grey House gefahren und habe Ros mitgeteilt, dass Christian die Geschäftsreise verlängert hat. Gestern kam Taylor dann mit der frohen Botschaft, dass er ihn gefunden hat. Irgendeine Dorfmatratze hatte ihn gekidnappt und wie einen Sklaven gehalten, nur weil er sein Gedächtnis verloren hatte und die Gelegenheit günstig war. Wir sind heute Morgen dann gleich dorthin gefahren und haben ihn gerettet. Die weiteren Schritte müssen wir erst noch besprechen."
Ich kann mich erinnern wie wir nach Aberdeen gesegelt sind, der Unfall selber ist aber wie weggewischt.
„Christian, wie fühlen Sie sich jetzt?", will John von mir wissen.
„Ich denke, ich muss mich erst wieder an mein Leben hier gewöhnen." Ich möchte noch nicht über die Zeit in Montesano reden, nicht vor Elena. Ich sollte mir aber einen Termin ausmachen, um mit John unter vier Augen zu reden. „John, ich bin etwas müde, heute war ein anstrengender Tag für mich und er ist noch lange nicht vorbei, da ich mich auf morgen vorbereiten muss, um mich wieder um meine Firma kümmern zu können. Ich würde gerne morgen Abend nach der Arbeit bei Ihnen vorbeikommen, um eine weitere Sitzung abzuhalten, wenn es Ihnen recht ist", sage ich und Elena stimmt mir zu.
„Ja, wir haben noch einiges zu besprechen! Dr. Flynn ich danke Ihnen, dass Sie so kurzfristig kommen konnten" schnurrt sie.
„Gern geschehen! Christian, wir sehen uns morgen um 19:00 in meiner Praxis, dann werden wir ausführlich über Ihre Situation sprechen", erklärt er, verabschiedet sich und wird von Taylor zum Aufzug begleitet.
