APOV
Ich habe mich immer als den familiären Typ Frau gesehen. Ich wollte nie eine steile Karriere hinlegen, sondern für meine Kinder da sein und mich um meine Familie kümmern. Und ich dachte immer, dass ich das ganz gut mache, doch derzeit zweifle ich echt an meinen Mutterqualitäten, da die Jungs außer Rand und Band sind und ich keine Ahnung habe, wie ich sie wieder in den Griff bekomme.
Andy fällt derzeit wieder in eine frühkindliche Phase zurück und benimmt sich wie ein kleines Baby. Kaum gehen wir ein paar Meter, schmeißt er sich auf den Boden und schreit wie am Spieß. Nach drei Tagen habe ich nun klein beigegeben und den Kinderwagen wieder aktiviert. Nun sitzt er wieder viel darin und lässt sich auch viel herumtragen, was mit seinen 18 Kilo schon echt mühsam ist. Zudem muss ich ihm jetzt jeden Abend zum schlafen gehen eine Flasche Milch geben, ohne die er nicht einschläft. Und so peinlich wie es ist, ich muss ihm wieder regelmäßig Windeln anziehen, obwohl er schon seit einiger Zeit windelfrei war.
Tommy ist genau ins gegenteilige Extrem gefallen und benimmt sich wie ein kleiner Erwachsener, was zumal wirklich gefährlich werden kann. Mir ist das Blut in den Adern gefroren, als er mit einem Hammer und einem Nagel die Steckdosenabdeckung fest machen wollte, indem er genau auf den Strom gezielt hatte. Oder als er den Rasenmäher anstarten wollte. Oder als er den Sonntagsbraten mit dem großen, scharfen Messer aufschneiden wollte. Ich finde es ja wirklich nett, dass er mir helfen will, aber das geht dann doch etwas zu weit finde ich.
Mit Mrs. Burbridge habe ich auch wieder einmal ein Gespräch geführt, da Tommy sich mit einem anderen Jungen geprügelt hat. Der hatte Tommy verspottet, weil er keinen echten Vater hat, der mit ihm zum Vater-Sohn-Bowling kommt. Mrs. Burbridge hat kein Verständnis für diese mittelalterlichen Praktiken und hat mich vor den Eltern des anderen Jungen bloßgestellt und zurechtgewiesen. Ich finde es ja auch nicht gut, dass Tommy sich prügelt, aber einen Halbwaisen dafür zu verspotten, dass er keinen Vater mehr hat ist jetzt auch nicht die feine englische Art! Doch irgendwie fehlt mir derzeit die Energie, mich gegen Mrs. Burbridge auf die Füße zu stellen. Also habe ich mich für Tommys Verhalten entschuldigt und Besserung gelobt.
Heute ist Freitag Abend und ich bin soooooo froh, dass die Kinder bei Ray sind. Er will morgen mit ihnen bowlen üben gehen, da er beim Vater-Sohn-Turnier einspringen wird. Ich sitze mit einem Glas Wein in meiner Badewanne und mir rinnen die Tränen das Gesicht hinunter. Mir gefällt nicht, was für ein Mensch in so kurzer Zeit aus mir geworden ist. Die Ana von früher hätte nie einen im Grunde unschuldigen Menschen gekidnappt und ihn zwei Wochen lang ausgenutzt. Sie hätte sich nie so gefreut, ihre Kinder abgeben zu können und hätte ihre Kinder gegen dumme Direktorinnen verteidigt. Aber das war einmal und nun bin ich nichts weiter als ein Häufchen Elend. Und es ist keine Besserung in Sicht.
Nach dem Bad beschließe ich, mich sofort ins Bett zu legen und von dieser Woche zu erholen. Aber mein Körper macht da natürlich nicht mit, und so liege ich im Bett, alle viere von mir gestreckt und sehe an die Decke, während mir sämtliche verschiedenen Gedanken durch den Kopf schwirren und verhindern, dass ich endlich einmal abschalten kann. Das nennt sich wohl Karma. Scheiße!
