CPOV
Was für eine Scheißnacht! Die Alpträume sind in voller Wucht zurückgekehrt und noch schlimmer als vorher. Nicht nur meine leibliche Mutter und ihr Zuhälter kommen vor, nein, jetzt spielen Ana und die Kinder auch noch eine Hauptrolle darin. Erst verprügelt der Zuhälter sie während ich als kleines Kind daneben sitze, unfähig sie zu beschützen, und mit ansehen muss, wie sie vor Schmerzen schreien. Dann nehme ich die Position des Zuhälters ein und schlage selber auf Ana und die Jungs ein. Ich hätte nie gedacht, dass meine Alpträume noch schlimmer werden können, aber die traurige Wahrheit ist, dass sie es jetzt sind.
Ich sitze an meinem Klavier und spiele schon seit Stunden, aber es beruhigt mich nicht. Also stehe ich schließlich auf, gehe zum Fenster und fahre mit meiner Hand andauernd durch meine Haare, während ich immer wieder an Ana und die Burschen denke. Hoffentlich vergisst Andy nicht, dass er heute eine Karotte für den Klassenhasen mitnehmen muss und Tommy vergisst hoffentlich nicht, sich die fünf Dollar für den Besuch im Stadtmuseum mitzunehmen. Ich habe ein Multimillionen-Dollar schweres Unternehmen zu führen und zwei kleine Kinder sind alles, woran ich jetzt denken kann. Der Tag wird lang und grausam werden, ich spüre das.
Als ich später das Grey House erreiche, kommt es mir so surreal vor, da alles so riesig und ungewohnt hektisch ist. In einer Kleinstadt sind alle Leute viel gemütlicher und sehr viel langsamer unterwegs. Ich steige in den Aufzug und fahre in den zwanzigsten Stock, wo ich schon Andrea herbeieilen sehe, sobald ich den Aufzug verlasse.
„Guten Morgen, Mr. Grey! Sie haben ein Meeting mit Ros in fünfzehn Minuten. Ich komme gleich und bringe Ihnen einen Kaffee, um den Tagesplan durchzugehen", sagt sie und ich denke mir nur, dass mich das alles gerade nicht interessiert. Ich bin noch nicht einmal in meinem Büro; ich brauche wenigstens ein paar Minuten, um anzukommen.
Ich gehe also in mein Büro und atme tief durch. Elena hat mich ja auf den neuesten Stand gebracht und ich fühle mich vorbereitet, kann mich aber nicht aufraffen, mit voller Power los zu legen. Ich stelle mich ans Fenster, um mich zu konzentrieren und auf meinen Arbeitstag zu fokussieren. Da kommt auch schon Andrea mit einer Tasse Kaffee und einem Tablet herein und setzt sich auf die Sessel vor meinem Schreibtisch. Widerwillig setze ich mich an meinen Schreibtisch und versuche ihr zuzuhören, wie sie mir die Termine für den heutigen Tag herunterrattert.
Ich bringe Meeting für Meeting hinter mich und habe das Gefühl, dass mein Kopf bald platzt. Was ist nur los? Früher war das doch kein Problem für mich und jetzt kann ich mich kaum mehr konzentrieren. Meine Gedanken driften andauernd ab und ich muss echt alle meine Energie dafür aufbringen so zu tun, als ob ich alles mitkriege und als ob es mich wirklich interessieren würde.
Zu Mittag hab ich mich aber auch schon wieder an das Meiste gewöhnt. Nur manchmal driften meine Gedanken während eines Meetings wieder ab. Ros meint, dass ich ihr verändert vorkomme und wesentlich freundlicher zu allen bin. Sie meint weiter, dass ich öfters auf Urlaub gehen soll, da das die Arbeitsmoral aller 20 Stöcke in diesem Gebäude signifikant in die Höhe schnellen lässt. Ich sage ihr, dass sie die Klappe halten und weiterarbeiten soll, immerhin bezahle ich sie nicht für Kaffeeklatsch. Sie lacht und geht in ihr Büro.
