CPOV

Als ich den Tag hinter mich gebracht habe, verlasse ich um sechs Uhr das Büro und fahre zu Dr. Flynn. Da der Verkehr minimal ist, bin ich etwas zu früh da und nehme im Wartezimmer Platz.

„Hallo!", sagt ein Junge und kommt auf mich zu. Er dürfte so alt wie Andy sein.

„Hallo! Wer bist denn du?", frage ich ihn freundlich.

„Ben, und du?", fragt er neugierig.

„Ich bin Christian", antworte ich ihm.

„Ich bin schon soooo alt!", sagt er und streckt drei Finger aus. Ha! Hab ich's doch gewusst.

„Wow, da bist du ja schon ein ganz großer Junge!", sage ich verblüfft.

Er lacht und als die Tür aufgeht, strahlt er übers ganze Gesicht. „Daddy!", ruft er und rennt zu dem Herrn, der gerade das Zimmer von Dr. Flynn verlässt. Seine Mutter rennt ihm hinterher und geht mit ihren Männern aus der Praxis. Ich sehe ihnen hinterher und versinke einen Moment in meiner Traumwelt.

Erst als John sich mehrmals räuspert komme ich wieder zu mir und grüße ihn. Wir gehen in sein Zimmer und beginnen mit der Sitzung.

„Nun Christian, wie geht es Ihnen heute?", fragt er als Einleitung.

„Besser. Ich…", beginne ich, aber John unterbricht mich.

*ÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ* John hat ein unbeschreibliches Spielzeug gedrückt, aus dem ein furchtbar nerviger Ton herauskommt.

"Oh Entschuldigung, das war mein Fehler!", sagt er verlegen. „Vielleicht hab ich mich etwas zu unklar ausgedrückt. Wie geht es Ihnen heute … WIRKLICH?", fragt er sarkastisch. Und hier haben wir wieder seine etwas unorthodoxen Behandlungsmethoden. John kommt aus England und trieft nur so vor Sarkasmus. Aber er sagt einem auch die Dinge unverblümt ins Gesicht, weshalb ich persönlich ihn sehr gerne mag. „Wenn es Ihnen besser ginge, wären Sie wohl kaum hier. Also los, los, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit! In zwei Stunden spielt es die neueste Game of Thrones Episode und es gibt doch nichts über ein paar hübsche Titten, während die eigene Ehefrau wieder einmal ‚Kopfweh' hat" sagt er und macht theatralische Gäsefüßchen mit den Fingern.

Ich seufze. „Ich war heute in meiner Firma und hatte einen ziemlich erfolgreichen Tag", berichte ich.

„Selbst an Ihren nicht erfolgreichen Tagen verdienen sie an einem Tag, was ich in einem ganzen Jahr verdiene, also solange Sie meine Rechnungen bezahlen interessiert es mich nicht, wie Ihr Arbeitstag war. Mich interessiert eher die heiße Biene, bei der Sie anscheinend die letzten zwei Wochen verbracht haben", sagt er begierig. „Was ist dort alles passiert?"

„Nach dem Unfall bin ich erst wieder im Krankenhaus zu mir gekommen und habe nicht gewusst, wer ich bin. Als nach einem Tag noch immer niemand da war, um mich abzuholen, schlug meine Hilfslosigkeit in Wut um. Es ist so frustrierend nicht zu wissen, wer man ist und warum sich keiner nach einem erkundigt. Nach zwei Tagen kam dann Ana vorbei. Sie hat mir erzählt, dass sie meine Frau wäre und mich gesucht hätte. Sie strahlte diese Unschuld aus und war genau mein Typ, also einfach perfekt, darum habe ich ihr auch gleich geglaubt. Einen Tag später hat sie mich dann nach Hause gebracht. Es hat sich herausgestellt, dass sie zwei Kinder hat – Tommy ist sechs und Andy ist drei Jahre alt. Ja, und dann habe ich eben fast zwei Wochen dort gelebt. Bis gestern Elena aufgetaucht ist und kurz nachdem ich sie sah, ist mir alles wieder eingefallen", erzähle ich Dr. Flynn. „Erst dann wurde mir klar, dass sie mir die ganze Zeit nur etwas vorgespielt hat, um sich an mir zu rächen. Und genau das ist das Problem: Es war einfach perfekt, John. Obwohl die Kinder immer wieder sehr anstrengend waren und Ana die meiste Zeit nur gesagt hat, was ich zu tun habe, würde ich sofort wieder tauschen, um den Rest meines Lebens in dieser Bruchbude zu leben!"

„Interessant. Ich muss gar nicht lachen", sagt er nachdenklich.