CPOV

Am nächsten Morgen sitze ich im Grey House und versuche, mich wieder einmal mit Arbeit abzulenken. Ich liebe es, wenn ich hier alleine in Ruhe arbeiten kann und nicht andauernd unterbrochen werde. Als ich nach ein paar Stunden eine kleine Pause mache und aus dem Fenster starre, bekomme ich aber auf einmal das Gefühl, dass mein Leben gehörig schief rennt und sich in eine Richtung entwickelt, die mir nicht gefällt. Elena hat mir mein Leben lang erzählt, dass Liebe nur für Narren ist, aber langsam bekomme ich das Gefühl, dass sie mich betrogen hat. Ich gebe zu, Liebeskummer ist scheiße und ich kann gerne darauf verzichten, aber jemanden zu lieben ist etwas ganz besonderes und ich möchte die Erfahrung um kein Geld der Welt missen und ja, auch nach eineinhalb Wochen ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an sie denken musste. Ja, mein Leben läuft ganz und gar nicht so wie ich gerne hätte. Scheiße!

Mein Kopf knallt auf die Tischplatte und ich fahre mir mit den Händen durch meine Haare. Wann habe ich nur die Kontrolle über mein Leben verloren?

„So schlimm?", fragt jemand. Als ich aufblicke sehe ich in die gütigen und verständnisvollen Augen meiner Mutter.

„Du hast ja keine Ahnung!", raune ich ihr zu.

„Ich weiß wohl wie es ist, Liebeskummer zu haben! Oder glaubst du, dein Vater und ich haben ohne Probleme zueinander gefunden?", prustet sie, dann lächelt sie. „Aber es war jede Träne wert! Also spuck schon aus: Geht es um diese Kate?", presst sie mich aus wie eine Zitrone. Ich seufze.

„Nein, ihre beste Freundin. Sie heißt Ana und hat zwei Kinder. Zwei wunderbare Burschen - Tommy und Andy. Ihr Ehemann ist vor einem knappen Jahr gestorben", sage ich.

„Sie ist also frei?", fragt sie überrascht.

„Ja", sage ich.

„Wo liegt dann das Problem?", fragt sie irritiert.

„Es sind ein paar unschöne Dinge zwischen uns vorgefallen und außerdem passen unsere Lebensstile nicht zusammen. Ich meine kannst du dir mich mit Kindern vorstellen? Ich würde die drei doch nur zerstören mit meinen Problemen! Noch dazu bin ich ja noch mit Elena verlobt, die immer mehr nervt und langsam immer verrückter wird," erkläre ich ihr. Meine Mutter sieht mich einen Moment lang an, als ob sie überlegen würde, was sie mir jetzt am besten sagt.

„Christian, ich sehe dir seit 26 Jahren dabei zu, wie du unglücklich bist und vor dich hin vegetierst. Ja, du bist erfolgreich, keine Frage, aber warst du jemals glücklich in deinem Leben? Wenn also auch nur die geringste Chance darauf besteht, dass es jemanden gibt, der dich glücklich macht, dann lass die Chance nicht verstreichen, denn erst dann siehst du, welcher Mensch du eigentlich bist. Und glaub mir, dass du erstaunt sein wirst, wie normal und problemlos du bist. Und was für einen phänomenalen Vater du abgeben würdest. Ich weiß, die ersten Jahre deines Lebens haben dich sehr stark geprägt und noch immer einen großen Einfluss, aber verbau' dir deswegen nicht deine Zukunft. Schick' Elena in die Wüste und hol' dir diese Ana. Heb' deinen Arsch und mach etwas. Ich will dich endlich glücklich sehen", sagt sie und steht auf. „So und jetzt gehe ich. Ich wollte dich nur daran erinnern, dass wir uns erst nächsten Samstag wieder sehen, da dein Vater und ich heute ins Theater gehen. Zumindest war das der Aufhänger für den Versuch, das Gespräch von gestern weiterzuführen", sagt sie erleichtert und kichert. Ich nicke, stehe auf, gebe ihr einen Kuss auf die Wange und begleite sie noch zum Aufzug. Solche Ansprachen hat sie mir früher fast täglich gehalten und ich habe immer auf Durchzug geschaltet, doch ich kann nicht bestreiten, wie nahe mir ihre Worte nun gehen.

Als ich wieder zu meinem Schreibtisch zurückkehre, nehme ich mir den nächsten Stapel vor. Ros hat ein Auge auf einen kleinen Verlag in Montesano geworfen, der großes Potenzial aber auch große finanzielle Probleme hat. Ich rufe Welch an und beauftrage ihn, mir eine Liste aller Mitarbeiter zu schicken. Währenddessen studiere ich die Unterlagen und es sieht ziemlich gut aus. Wenn man an ein paar Schräubchen dreht, kann man eine Goldquelle daraus machen. Als mein Laptop kurz darauf signalisiert, dass ich eine neue Nachricht bekommen habe, spanne ich mich unbewusst an. Ich lese den Bericht, den Welch geschickt hat und gehe die Namen durch. Und hier ist sie: Anastasia Rose Steele, Junior Editor.

Natürlich ist die Entscheidung damit gefallen, da ich Ana ja nicht zumuten kann, noch einmal ihren Job zu verlieren. Das hat sie nicht verdient, nicht, wenn ich es verhindern kann. Ich schreibe Ros also eine E-Mail, in der ich ihr anordne, den Verlag zu kaufen. Als ich am Abend zusammenpacke bin ich ziemlich zufrieden, da es heute doch noch ein recht produktiver Tag war.