APOV
Es ist Freitag und heute findet das Vater-Sohn-Bowling statt, welches von Tommys Schule organisiert wurde. Ray ist als Großvater natürlich eingesprungen und mit Tommy am Wochenende extra üben gewesen. Da er den Kindern aber immer wieder den olympischen Gedanken einpflanzt, dass dabei sein alles ist, denke ich nicht, dass die Übungsstunden sehr erfolgreich waren, weshalb ich Tommy vorsichtshalber Lego als Trostpreis gekauft habe. Heute fällt es mir schwer, mich auf meine Manuskripte zu konzentrieren, und als Mr. Roach mich in sein Büro zitiert, bekomme ich es kurz mit der Angst zu tun. Doch auch Jack befindet sich in Roachs Büro als ich es betrete und als er mich anlächelt, beruhige ich mich sofort wieder, da ich hoffe, dass er nicht lächeln würde, wenn es schlechte Nachrichten gäbe.
„Mrs. Steele, Mr. Hyde, nächste Woche findet in New York ein Belletristik-Symposium statt und ich möchte, dass Sie beide dorthin fahren um unseren Verlag vertreten. Geht das für Sie beide in Ordnung?", fragt Mr. Roach. Wow, davon habe ich schon gehört und es wäre eine einmalige Gelegenheit und er möchte, dass ich dorthin fahre.
„Das ist großartig! Ich danke Ihnen für diese Chance, Mr. Roach!", antworte ich ihn sogleich aufgeregt.
„Das ist überhaupt kein Problem für uns!", sagt Jack.
„Sehr schön! Dann buchen Sie nun bitte das Hotel und die Teilnahme am Symposium und geben Sie in der Buchhaltung Bescheid!", sagt Mr. Roach und entlässt uns.
„Warst du schon mal bei so einem Symposium? Das wird fantastisch! Nimm dir flache Schuhe mit, denn wir werden sehr viel Freizeit haben!", sagt mir Jack begeistert.
„Nein! Ich war noch nie auf einer Geschäftsreise! Und ich war auch noch niemals in New York! Ich freue mich schon so sehr und ich werde mich gleich heute um einen Babysitter kümmern!", sage ich motiviert.
„Mach das. Und ich buche uns derweil das Hotel. Ich war schon so oft in New York und kenne ein gutes Hotel. Komm mit, ich zeige dir die Homepage!", sagt Jack und zieht mich hinter sich her.
Nach einigen Stunden hetze ich von der Arbeit, die ich heute früher verlasse, zur Bowlinghalle und muss etwas abseits parken, da schon viel los ist. Ray wartet mit Tommy und Andy auf dem Platz vor dem Eingang - so wie viele andere Schüler auch. Ich eile zu meinen Männern und küsse alle nacheinander. Ich beuge mich zu Tommy hinunter.
„Na mein Großer, wie fühlst du dich?", frage ich.
"Opa und ich werden hier heute Geschichte schreiben" lacht er voller Dankbarkeit zu seinem Opa, der ihm die Haare verwuschelt.
„Wir werden heute abräumen!", bestätigt ihm Ray.
„Genau. Auf Opa kann man sich immer verlassen!", sage ich mit einem strahlendem Lächeln.
„Kommt, wir gehen rein, wer zuerst kommt, mahlt zuerst!", weist Ray uns an und wir folgen ihm in die Bowlinghalle.
Wir stellen uns beim Anmeldetisch an und warten. Hinter uns kommt bald danach ein kleiner Junge zu stehen, der anscheinend von seinem Vater begleitet wird, welcher aber gerade bei dem Schuhverleih ansteht. Nach ein paar Minuten fängt er an, blöde Sprüche zu klopfen, die ganz schön derb sind für sein Alter. Ich drehe mich um und starre ihn mit aufgerissenen Augen an, da ich es nicht fassen kann, wie unerzogen er zu sein scheint. Er sieht mich an und leckt sich seine Lippen.
„Na Süße, du hast wunderschöne Beine. Ich nenne das eine Weihnachten und das andere Silvester. Darf ich zwischen den Feiertagen 'reinschauen?", fragt er selbstgefällig.
Ich traue meinen Ohren nicht. „Tu' mir einen Gefallen und zähl' bis zehn. Ich brauche mal eine halbe Stunde Ruhe," rutscht es mir heraus.
„Was?" fragt er ungläubig. „Merk' dir meinen Namen: Alexander. Du wirst ihn heute die ganze Nacht schreien! Was sagst du dazu?"
„Nichts! Ich kann nicht gleichzeitig reden und lachen!", sage ich kühl und drehe mich um.
Nach dem Anmeldeprozedere gehen wir zu dem Schuhverleih und stellen uns hinter einer rothaarigen Frau mit zwei Kindern an. Ray senkt den Kopf und zuerst merke ich gar nicht, was er tut, doch dann fällt mir auf, wie er der Rothaarigen auf den Arsch starrt. Als sie fertig sind und an uns vorbeigehen, dreht sich Ray nach ihr um und checkt sie total aus. Wow, so unverblümt kenne ich ihn gar nicht. Als er bemerkt, dass ich ihn beobachte, wird er leicht rot und fragt mich nach meiner Schuhgröße. Ich schaue ihn ungläubig an und frage:
„Brauche ich denn Schuhe, wenn ich nur ein Zuschauer bin?"
„Ach… nein, natürlich nicht. Entschuldige, wo bin ich nur mit meinen Gedanken…", antwortet er verwirrt. Ich grinse.
„Oh ich weiß sehr genau, wo du mit deinen Gedanken bist!", kichere ich. Ray schüttelt nur verlegen den Kopf.
Nachdem Ray und Tommy passende Schuhe haben, machen wir uns auf zu unserer Bahn. Es sind jeweils 4 Vater-Sohn-Paare pro Bahn eingeteilt, wobei das punktestärkste Team weiterkommt, um dann gegen die anderen Bahnen zu spielen. Ray macht den Kindern den Kasperl, indem er sich sehr umständlich aber auch lustig aufwärmt, während sich Tommy und Andy die Bäuche vor lauter Lachen halten. Ich sehe amüsiert zu und bemerke, dass wir nicht die einzigen sind, die über Ray lachen, denn gleich auf der Nebenbahn steht die Frau vom Schuhverleih und grinst, als sie Ray beobachtet. Ich lächle und gehe in Richtung Buffet, um meinen Männern eine Stärkung zu besorgen. Als ich zurückkomme, leuchten die Kinderaugen auf und ich lächle zurück. Sie haben wohl schon Hunger und Durst. Ich runzle aber meine Stirn als ich merke, dass sie gar nicht mich ansehen.
