APOV

Christian legt mir seine Jacke um die Schultern, da es in der Früh noch so sonnig war, dass ich nur eine dünne Weste angezogen hatte.

„Ich bringe dich noch zum Auto!", bietet er mir an und legt seinen Arm um meine Taille.

"Wie geht es dir?" fragt mich Christian ernst, als wir in Richtung meines Autos schlendern.

"Ganz gut, Danke. Tommy und Andy halten mich fit. Und dir?" frage ich neugierig.

"Auch gut. Ich bin wieder in meinem alten Trott gelandet: Firmen kaufen und verkaufen. Nur beim Entlassen der Angestellten halte ich mich mehr zurück - damit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht" kichert er. Eine Woge des schlechten Gewissens rollt über mich.

"Ich habe dich hoffentlich nicht zu sehr verletzt?" sage ich voller Reue, aber er lacht.

"Nein, es benötigt mehr als das um mir zu schaden" versichert er mir. Sofort muss ich an seinen Alptraum denken und das gibt mir einen Stich ins Herz.

Als wir bei meinem Auto ankommen, sperre ich die Tür auf. Ich drehe mich um und mein Herz schmilzt bei seinem Anblick, da er so verloren und hilflos aussieht. Ich muss an seine Narben denken und kann mir nur vorstellen, was er schon als kleiner Junge durchmachen musste und würde ihn am liebsten in Luftpolsterfolie einpacken und nie wieder loslassen. Ihn in meinem Haus einsperren und mit Liebe überschütten. Ihn an mein Bett fesseln und den ganzen Tag genießen, dass er mir gehört. Aber das wird nie passieren und ich sollte schnell meine Träume beiseite schieben. Er hat sich entschieden und ich werde diese Entscheidung unterstützen.

Ein schwarzer SUV reißt mich aus meinen Tagträumen, da er plötzlich neben uns stehen bleibt. Die blonde Göttin steigt aus und sofort trete ich einen Schritt zurück und spanne mich aus Angst vor ihr an.

„WAS ZUM TEUFEL TUST DU HIER?", schreit sie. Christian verdreht die Augen und verzieht sein Gesicht.

„Ich wurde zu dieser Veranstaltung eingeladen und habe daran teilgenommen!", antwortet Christian ihr genervt. Mir wird die Situation mehr und mehr unangenehm, da ich weder der Grund noch ein Zeuge dieses Streits sein möchte.

„Steig sofort in diesen Wagen Christian! Ich muss mit dir über das Meeting mit Mr. Clarkson reden, welches du für diesen nutzlosen Scheiß hier hast sausen lassen!", keift sie zornig, während sie die Tür des SUVs offen hält. Christian ringt merklich mit seiner Fassung, reißt seine Verlobte am Handgelenk ins Auto und zischt etwas zwischen seinen Zähnen ins Auto rein, was ich aber nicht hören kann. Ich trete von einem Fuß auf den anderen, während ich mir Christians Jacke von den Schultern streife, als Christian die Autotüre zuschmeißt und laut und langsam ausatmet.

„Entschuldige bitte diese Szene. Elena ist anscheinend in den Wechseljahren und nicht ganz sie selbst!", sagt er und sieht mit einem ganz bösen Gesichtsausdruck Richtung Auto.

„Sie hat ja recht! Wegen dem Bowling hättest du nicht ein wichtiges Meeting absagen sollen!", antworte ich ihm und reiche ihm seine Jacke.

„Das ist ja wohl meine Entscheidung, was ich mit meiner Zeit anfange!", verteidigt er sich.

„Nein, ist es nicht. Du solltest auch sie in deinen Entscheidungen berücksichtigen, immerhin willst du bald eine Ehe mit ihr eingehen!", sage ich ihm.

„Ach jetzt auf einmal ist dir die Ehe heilig?", fragt er mich herausfordernd. Ich beiße sofort auf meine Unterlippe um die Tränen zurückzuhalten und schaue auf meine Schuhe, um mich zu sammeln.

„Scheiße! Ana, ich …", fängt er an, aber ich hebe die Hand um ihn zu unterbrechen und mich wie eine erwachsene Frau ganz normal zu verabschieden.

„Ich wünsche dir Alles Gute für deine Zukunft, Christian! Und reiß ihr nicht den Kopf ab, sie meint es sicher nur gut mit dir!", sage ich und strecke ihm meine Hand entgegen.

„Ich will nicht, dass du gehst!", sagt er, als er sich ganz fest an meine Hand krallt als ob er Panik hätte, mich zu verlieren.

„Tja, wir bekommen nun mal nicht alles, was wir wollen. Wenn es das Schicksal will, werden sich unsere Wege wieder kreuzen. Du darfst mich gerne auf deine Hochzeit einladen, vorausgesetzt, das Essen ist gut, der Alkohol ist reichlich vorhanden und ein es gibt ein paar hübsche Singlemänner." Ich versuche, so gut es geht zu kichern, obwohl mir zu heulen zumute ist. "Aber bis dahin leb' wohl und versprich mir, dass du glücklich sein wirst, ok?", sage ich und drücke ihm noch einen Kuss auf die Wange, bevor ich in mein Auto steige.

Ich fahre los und als ich in den Rückspiegel schaue, steht Christian auf der Straße und sieht mir mit einem traurigen Gesichtsausdruck nach. Mit jedem Meter, den ich mich von ihm entferne, bekomme ich immer schlechter Luft. Nach ein paar weiteren Metern breche ich in Tränen aus und fahre nach Hause, in der Gewissheit, das Richtige getan zu haben.