APOV
Ich öffne die Augen und seufze. Gerade hab ich doch erst die Augen zu gemacht, schon muss ich wieder aufstehen und einen neuen Tag hinter mich bringen. Also mache ich mich auf in das Badezimmer und putze mir die Zähne, nicht lange bevor die Jungs mir wieder das Leben zur Hölle machen werden. Also beeile ich mich und mache mich fertig. Dann gehe ich zum Kinderzimmer um die Kids zu wecken und öffne die Türe. Komisch, die Betten sind leer. Sind sie schon wach?
Ich gehe hinunter ins Wohnzimmer, aber es ist leer. Die Kinder können wohl kaum hier durch gegangen sein, da es noch immer aufgeräumt ist. Ich gehe trotzdem in die Küche und in den Garten, aber da sind sie auch nicht. Ich bekomme Panik und schreie nach den Jungs. Nichts. Ich renne noch einmal hoch, aber sie sind nicht hier. Mir wird schlecht und der Magen dreht sich um, als ich fieberhaft überlege, wo sie nur sein könnten. Ich renne hin und her, da ich nicht weiß, was ich machen soll, bevor ich eine Jacke nehme und rüber zu Ray laufe. Ich klingle an seiner Tür, aber es tut sich nichts, also hämmere ich mit den Fäusten dagegen. Nichts. Wenn die Kinder mit Ray irgendwo hingefahren sind, ohne mir Bescheid zu geben, dann schwöre ich bei Gott, reiße ich allen Dreien die Köpfe ab!
Ich setze mich auf Rays Veranda und beschließe, auf ihn zu warten. Nach einer gefühlten Ewigkeit höre ich ein Auto, blicke hoffnungsvoll in die Richtung, aus der das Geräusch kommt, und tatsächlich kann ich Rays Auto erkennen. Als er sich in seiner Einfahrt einparkt und aussteigt ist das erste, was mir auffällt, dass er die Kleidung von gestern anhat. Ich schüttle meinen Kopf um mich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ich renne also zu Rays Auto und schaue auf seinen Rücksitz.
„Annie? Was machst du hier?", fragt Ray, während ich auf die leere Rückbank starre. Ich glaube, ich muss kotzen.
„Die Kinder!", keuche ich, bevor ich zu hyperventilieren beginne. Rays Gesichtsausdruck wird mit einem Schlag ernst.
„Was ist mit den Kindern?", fragt er unsicher, aber ich starre ihn nur mit weit aufgerissenen Augen an. „Annie?" Doch schon beuge ich mich vorne über und kotze Ray vors Auto. Er streicht mir die Haare aus dem Gesicht und hält sie. Als mein Magen leer ist, geben meine Beine nach und ich lande auf meinem Hintern gleich neben Ray.
„Sie sind weg!", keuche ich hervor.
„Was meinst du mit ‚Sie sind weg!'?", fragt er gefasst.
„Sie sind verdammt noch einmal weg, Ray! Ich weiß nicht wo sie sind! Sie waren heute morgen nicht in ihren Betten!", kreische ich verängstigt.
„Jetzt lass uns noch einmal überlegen, wo sie noch sein könnten! Komm mit, wir telefonieren herum!", sagt er, hilft mir hoch und zieht mich hinter sich her.
Nach einer Stunde haben wir Gott und die Welt angerufen und nach meinen Kindern gefragt, aber keiner hat sie gesehen. Ich weine seit dem dritten Anruf durchgehend und langsam verlässt mich die Hoffnung.
„Annie, lass uns zur Polizei gehen! Die haben mehr Erfahrung mit so etwas!", schlägt mir Ray vor und ich nicke.
Als wir die Polizeistation verlassen, muss mich Ray stützen. Die Polizei hat unsere Vermisstenanzeige aufgenommen und wird auch etliche Polizisten für die Suche nach meinen Kindern bereitstellen, aber das genügt mir nicht. Ich will sie hier und jetzt wiederhaben und nicht noch eine einzige Stunde ohne sie durchstehen müssen.
Ray bringt mich nach Hause und macht mir einen Tee. An Essen ist nicht zu denken und auch den Tee bringe ich kaum herunter. Ich mache mir so große Vorwürfe, da ich nicht gut genug auf meine Kinder aufgepasst habe. Ray versucht mich aufzubauen, aber so oder so fühle ich mich jetzt hilflos und schuldig.
