CPOV

„Wir haben uns gestritten und irgendwann hast du geschnauzt, dass du genug hast, bist zum Steuerrad gegangen und hast das Boot beschleunigt. Ich habe daraufhin das Gleichgewicht verloren und bin über Bord gegangen. Ich habe dir noch nachgeschrien, also behaupte nicht, dass du es nicht bemerkt hättest!", führe ich aus und meine Familie stöhnt auf. Elenas Augen füllen sich mit Tränen, die ihr nacheinander das Gesicht herunter laufen.

„Sag' mir, warum du mich im Krankenhaus hast sitzen lassen! Warum?", frage ich wütend.

„Ich wollte dich doch nur eine Zeit lang schmoren lassen. Die Sachen, die du mir an den Kopf geworfen hast … Ich wollte dir beweisen, dass du ohne mich aufgeschmissen wärst. Aber als ich wieder ins Spital gegangen bin, um dich abzuholen, warst du schon weg. Und sie wollten mir keine Informationen über dich oder über die Person, die dich abgeholt hat, geben. Es hat mich dann fast zwei Wochen gekostet, bis Taylor dich ausfindig machen konnte. Ich wollte das doch nicht, glaub mir bitte!", schluchzt Elena, doch ich bleibe hart.

„Eine Zeit lang? Ich war fast drei Tage im Spital! Herrgott noch 'mal Elena! Macht es dir so sehr Spaß mich zu quälen? Was habe ich dir je angetan, dass du mir mein Leben so versauen musstest?", frage ich verletzt. Meine Familie sieht gespannt bei unserer Konversation zu, spricht aber kein Wort.

„Ich wollte dich nicht quälen, ich wollte dir helfen! Sieh dich doch an! Ohne mich wärst du doch ein versoffener Drogenabhängiger und genauso in der Gosse gelandet wie deine Hurenmutter!", sagt sie.

Das war jetzt aber unter der Gürtellinie! Mein Leben lang dachte ich, dass Elena mir helfen wollte, aber dem war anscheinend nicht so. Ich blicke zu meiner Familie und mir drückt es fast die Luft aus den Lungen. Kate muss Elliot sichtlich zurückhalten, da er sonst handgreiflich werden würde, Mias Mund steht offen und ihr Blick verheißt nichts Gutes, Grace ist inzwischen vor Wut aufgestanden und wird nur noch von meinem Vater zurückgehalten. Dann blicke ich in die überheblichen Augen von Elena und auf einmal habe ich erstmals in meinem Leben das Gefühl, dass ich mich entscheiden muss. Obwohl … eigentlich muss ich das nicht, da die Entscheidung schon fest steht. Das erste Mal in meinem Leben bin ich mir sicher, dass egal was ich jetzt sage oder tue, meine Familie hinter mir stehen wird. Dieser Gedanke zaubert mir wiederum ein überlegenes Lächeln auf die Lippen.

„Helfen?", frage ich ganz ruhig und setze mich auf das Sofa vis á vis von ihr. „Du wolltest mir helfen? Erkläre mir doch, wie es mir hätte helfen sollen, als du mich mit meinen 15 Jahren drei Mal die Woche verprügelt hast!" Meine Mutter stöhnt auf und hält sich die Hand vor den Mund. Mein Vater legt schützend einen Arm um sie und drückt sie an sich. Elena spannt den ganzen Körper an und sucht verzweifelt nach einer Antwort. Offensichtlich hatte sie nie damit gerechnet, dass ich meinen Eltern jemals davon erzähle, was sie mit mir getrieben hat.

„Es hat dich wieder auf Spur gebracht und dich zu dem erfolgreichen Geschäftsmann gemacht, der du jetzt bist", sagt sie. Mir entkommt ein verächtlicher Lacher.

„Ich glaube, du hast keine Ahnung, was du getan hast. Du hast mir nicht geholfen, geschäftlich erfolgreich zu sein, sondern mir nur Geld geborgt, welches du nicht einmal selbst verdient hast. Du bist doch nur eine Vorzeigefrau! Was genau hast du in deinem Leben schon geleistet außer gut auszusehen, Smalltalk zu halten und das Geld von jemand anderem auszugeben? Und weißt du, was du noch gut kannst? Auf Leute, die am Boden liegen, noch schön drauftreten. Mein Leben lang dachte ich, ich wäre es nicht wert geliebt zu werden. Wenn du mir wirklich geholfen hättest, hättest du mir gezeigt, dass es auch liebenswerte Dinge an mir gibt. Aber was hast du getan? Die enorme Unsicherheit noch vergrößert, den Selbsthass noch geschürt und mir beigebracht, dass ich andere Menschen nur verletzen könnte. Aber wie sollst du auch wissen, was wahre Liebe ist? Ich wette, dich hat nie jemand geliebt, nicht einmal deine Eltern, also sollte mich auch niemand lieben", sage ich.

Elena bricht nun endgültig in Tränen aus und schluchzt:

„Das ist nicht wahr! Ich habe dich gerettet!"

„Nein, du hast mich ausgenutzt, du egoistisches Miststück! Meine Mutter kam in ihrer Not zu dir und du hast auch sie ausgenutzt", sage ich als ich zu Grace sehe, der der blanke Horror ins Gesicht geschrieben steht. Sie macht sich jetzt sicher furchtbare Vorwürfe.

„Scheiße! Und ENDLICH, nach so vielen Jahren lerne ich jemanden kennen, der in zwei Wochen das geschafft hast, was du in 15 Jahren vermasselt hast, und ich lasse sie einfach gehen - nur um zu einer Kinderfickerin zurückzukehren. Gratulation Elena! Du hast nicht nur mein vergangenes Leben versaut, sondern auch meine Chance auf ein glückliches Leben in der Zukunft. Ich glaube, ich fahre jetzt nach Hause, da du mir die Luft zum atmen nimmst", sage ich und stehe auf. Nachdem ich mich bei meiner Familie verabschiedet habe, gehe ich zum Auto und überlasse Elena dem Mamabären, der schon die Zähne fletscht. Auf dem Heimweg wird mir die Auswirkung des Abends dann erst so richtig klar.