APOV
New York ist der Wahnsinn! So viele Eindrücke auf so wenig Platz. Ich glaube, wenn man aus einer Kleinstadt kommt, potenzieren sich die Eindrücke noch einmal mit zehn. Jack hat nicht gelogen als er gemeint hat, dass wir viel Freizeit haben werden, da das Symposium immer nur bis zum Mittag dauert. Und dank meines persönlichen Fremdenführers wird auch jede freie Minute genutzt. Er schleppt mich durch die Straßen New Yorks und zeigt mir die Sehenswürdigkeiten. Abends falle ich scheintot ins Bett und morgens tun meine Knochen höllisch weh. Aber wer weiß, wann ich wieder die Gelegenheit bekomme, mir diese pulsierende Stadt anzusehen.
Nach einem sehr anstrengenden und stressigen Vormittag auf dem Symposium komme ich zurück ins Hotel und als ich die Zimmertüre hinter mir schließe, ziehe ich mir sofort meine Schuhe von den Füßen und feuere sie ans andere Ende des Zimmers. Verdammte Folterinstrumente! Ich gehe schnurstracks ins Badezimmer, lasse mir ein heißes Schaumbad ein und kurze Zeit später liege ich in der Wanne und genieße die Schwerelosigkeit meines Körpers.
Na Zuckerschnecke, was machst du gerade? -C
Ich schwebe einen halben Meter über dem Boden und könnte gerade nicht glücklicher sein. -A
Kaum in der Großstadt, schon NIMMST DU DROGEN? -C
Nein, ich dümple gerade in der Wanne und sehe zu, wie mein Körper innerhalb von kürzester Zeit ganz faltig und schrumpelig wird. Ich muss zugeben, ich bin eine verdammt heiße 80jährige! -A
Du bist auch eine verdammt heiße 24jährige! -C
Deshalb werde ich auch heute meinen Arsch in den nächstbesten Club schwingen. Vielleicht reiß' ich mir ja einen New Yorker auf und ziehe hierher! Die Stadt ist der Hammer! -A
Na dann Viel Glück dabei, da es altbekannt ist, dass die New Yorker nicht mit den Washingtonern mithalten können! -C
Das werden wir ja sehen, ich melde mich morgen mit dem Ergebnis. -A
Am Nachmittag gehen Jack und ich wieder auf eine Tour und verbringen den Nachmittag ganz gemütlich mit Shoppen und Essen. Meine Kinder würden mich teeren und federn, wenn ich ihnen nichts aus der großen Stadt mitbrächte. Kate natürlich auch! Ich könnte mir fast vorstellen, hier zu wohnen, da ich noch nie in einer Großstadt gelebt habe.
Am frühen Abend stehe ich im Badezimmer und versuche, mich so gut es geht herzurichten, da ich meinen letzten freien Abend noch unbedingt dazu nutzen möchte, das New Yorker Nachtleben auszukosten. Alleine. Wer hätte gedacht, dass die kleine Mrs. Steele so ein Selbstbewusstsein entwickelt? Das muss an diesem Ort liegen. Man spürt direkt den Puls dieser Stadt und kann nicht anders, als sich den Einwohnern hier anzupassen. Niemand beobachtet und vor allem bewertet dich und so kann man tun und lassen, was man will. Vor allem ohne Kinder. Sogar Jack ist meine Veränderung aufgefallen, da er meint, dass er in den Club nachkommen wird um auf mich aufzupassen. José veranstaltet morgen Abend seine Ausstellung, also haben Jack und ich vor, unseren letzten Abend in New York dort zu verbringen. Ich drehe also meine Haare ein, schminke mich etwas mehr als sonst und mache mir heiße Smokey Eyes. Dann durchsuche ich meine Einkaufstaschen, um eine meiner neuesten Errungenschaften einzuweihen. Es handelt sich um ein schwarzes Mini-Kleid. Ein wirklich minimales Mini-Kleid.
Eine Stunde später gehe ich los, hüpfe in das nächstbeste Taxi und bereue es gleich danach. Der Taxifahrer ist ein schleimiger Typ, dem die Augen vor Lust aus dem Kopf ragen und der mich mit seinen Augen auszieht.
„Na Süße? Ganz alleine heute unterwegs? Wenn du willst, mach' ich heut' früher Schluss und ziehe mit dir um die Häuser", sagt er während er sich die Lippen leckt. Bäh!
„Nein danke!", antworte ich ihm angewidert.
„Ach komm schon, das ist sicher lustig!", versucht er es nochmal, mich zu überreden.
„Wie wär's, wenn du lieber auf die Straße achten würdest und mich in Ruhe lässt?", fahre ich ihn an, weil ich schon so genervt bin.
„Beruhig' dich Kleine! Schau, wir sind schon da!", verkündet er und ich krame 20 Dollar aus meiner Tasche, bevor ich das Taxi verlasse. Aber es wäre ja zu schön gewesen wenn der Typ mich in Ruhe lassen würde.
„Wenn du heute doch noch eine schnelle, heiße Nummer suchst, dann weißt du ja, wo du mich findest!", ruft er mir hinterher und schnalzt mit seiner Zunge. Ich drehe mich um und funkle ihn mit meinen Augen böse an. Dann gehe ich noch einmal zurück zu ihm und beuge mich zu ihm hinunter.
„Ich würde lieber meine Eingeweide auskotzen und darin schnorcheln als mit dir etwas trinken zu gehen!", zische ich zwischen meinen Zähnen hindurch und gehe in den Club, den mir Jack empfohlen hat. ‚Scheiße, ich brauche einen Drink!' denke ich mir und mische mich unter die Leute.
Der Club hat dunkle, bordeauxrote Wände und ist nur spärlich beleuchtet. Wenn man die Augen schließt, kann man sich richtig treiben lassen wie am offenen Meer. Jede Menge Spiegel lassen die Räume sehr groß wirken und die meist indirekte Beleuchtung hebt die sehr moderne und sicher sündhaft teure Inneneinrichtung hervor. Ab und zu gibt es auf der Tanzfläche Stroboskoplicht, was das I-Tüpfelchen ist. Nachdem ich mich etwas umgesehen habe, setze ich mich an die Bar und bestelle einen Shot, den ich gleich hinunterstürze. Mensch, das brennt, aber das ist gut so. Es folgen noch drei weitere, bevor ich mich auf die Tanzfläche wage, um mit meinem Hintern im Rhythmus zu wackeln. Ach tut das gut, sich den ganzen Frust der letzten Monate los zu tanzen.
Auf der Tanzfläche sehe ich mir das Frischfleisch genauer an und ich muss sagen, die New Yorker sind schon ein heißes Völkchen. Und der Alkohol wirkt heute definitiv mehr als normal, da ich schon total beschwippst bin - nach nur vier Shots. Aber das hält mich nicht davon ab, meinen Spaß zu haben, anders als meine Füße, die schon fast abfallen vor lauter Schmerzen, also dränge ich mich in Richtung Bar. Ich beginne, meinen Schmerz mit einem Drink zu betäuben und beobachte verständnislos, wie die anderen Frauen mit ihren Killer-Stöckeln herumtanzen, als ob sie nichts spüren würden. Ich begieße auch ihren Schmerz mit einem weiteren Drink.
