APOV
Als ich aufwache ist die Leere neben mir das Erste, das ich fühle. Grmpf! Als ob ich mich alleine aus dem Bett hieven könnte. Trotzdem probiere ich es und heute schaffe ich es sogar ohne Hilfe. Nun gut, dann gehen wir die To-Do Liste des heutigen Tages durch. Nummer Eins: Toilette. Dieser ständige Druck auf meine Blase geht mir schon so auf die Nerven! So, erledigt. Nummer Zwei: Anziehen. Also gehe ich in unseren begehbaren Schrank und ziehe mir ein leichtes Sommerkleid über. Check. Nummer Drei: Frühstück. Das darf ich nicht verpassen, sonst trete ich den Dritten Weltkrieg mit meinem Ehemann los. Er war ja immer schon „speziell" mit dem Essen, aber derzeit ist es schon fast unerträglich. Wir haben uns ja vor unserer Hochzeit darauf geeinigt, dass ich beim Essen auf ihn Rücksicht nehmen werde, wenn er mich bei meiner Arbeit in Ruhe lässt und sich dort nicht einmischt. In einer Ehe geht es eben darum, Kompromisse zu schließen.
Am Weg in die Küche wecke ich meine Kinder.
„Jungs, genug geschlafen, aufstehen ihr faulen Säcke, eure Oma wird bald hier sein!", rufe ich laut und klopfe an jeder Tür während ich mich auf dem Weg in die Küche befinde. Dort steht Gail auch schon bereit und hat alle Hände voll zu tun, um meine kleinen grummeligen Zwerge zu verköstigen. Ich glaube, sie haben einen Wachstumsschub, da sie uns gerade die Haare vom Kopf fressen.
Während ich zum Esszimmer gehe, komme ich an der Familienwand vorbei, die ich bei unserem Einzug hier in unserem Haus am Sound gestaltet habe. Hier hängen alle Menschen, die uns wichtig sind. In der Mitte hängt ein Bild von unserer Hochzeit, welches mit Fotos von meinen Kindern und von Brad umgeben ist. Ich liebe die Art und Weise, wie Christian darauf besteht, Brads Andenken in Ehren zu halten und ihn nicht aus unserem gemeinsamen Familienleben ausschließen möchte, was er am eindrucksvollsten mit meinem Ehering bewiesen hat. Von Brad hatte ich damals einen so schön schlichten goldenen Ehering bekommen, der in der Mitte verknotet war. Ohne mein Wissen hatte Christian meinen alten Ehering gemopst und einen identischen Ring anfertigen lassen, der nun mit meinem alten Ring verknotet ist. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich einen massiven Heulkrampf bekommen habe, als er ihn mir an den Finger steckte.
Links hängen die Fotos von meiner Seite der Familie. Meine Mom mit Bob, Ray mit seiner zweiten Ehefrau Stephanie und seinen Stiefkindern Dean und Joana, die ich abgöttisch liebe. Wer hätte gedacht, dass es wieder eine Ana Steele geben würde. Ich kichere. Und dann hängt da noch ein Foto von José mit seinem Vater und mit seiner aktuellen Freundin, die es immerhin schon ein halbes Jahr mit ihm aushält, obwohl aus José ein echter Weiberheld geworden ist. Es ist so schlimm, dass man sich am liebsten auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen würde, wenn man ihm nur die Hand schüttelt.
Auf der rechten Seite hängen Fotos von den Greys. Grace und Carrick in der Mitte, oben Kate mit ihrem aktuellen Babybauch und Ava an der Hand, während Elliot an ihrer Seite schon wieder eine lustige Grimasse schneidet. Und unten ist Mia mit einem Foto von ihrer Hochzeitsreise vertreten. Wer hätte gedacht, dass Ethan nach seiner Scheidung mit Mia zusammenkommt?
Jedes Mal, wenn ich an dieser Wand vorbeigehe, bekomme ich so ein warmes Gefühl ums Herz. Ich wollte schon immer Geschwister und eine ganz große Familie haben und dank Christian hab ich das auch bekommen.
Als ich es zum Tisch geschafft habe, kommt mir auch schon mein Dreijähriger nachgelaufen.
„Wo ist Daddy?", fragt er neugierig.
„Ich glaube er ist noch kurz in seinem Arbeitszimmer", antworte ich. „Bist du schon gespannt darauf, ob du ein Brüderchen oder ein Schwesterchen bekommst?", frage ich neugierig.
„Ich will einen kleinen Bruder haben!", ruft er fröhlich.
Ich kichere. „Ja, deine beiden Brüder da drüben auch", bemerke ich, als meine zwei Großen herbeigeeilt kommen.
„Mom, hast du Oma Bescheid gesagt, dass sie die Wasserrutsche an Dads Security vorbeischmuggeln soll?", fragt Tommy.
„Ja, es ist schon alles vorbereitet. Sie kommt auch schon in einer Stunde, also fangt bitte schon einmal mit dem Frühstück an!", ordne ich den Jungs an.
Tommy und Andy setzen sich zum Tisch während ich Teddy einfange und ihn auf seinen Sessel setze. Kaum sitzen wir alle beim Tisch, kommt auch schon Christian um die Ecke mit seinem Kontrollblick auf dem Gesicht. Er beäugt unsere Teller, ob sie auch wirklich bis zum Rand voll sind.
„Guten Morgen Familie, seid ihr bereit? Oma wird bald hier sein und euch abholen, damit wir rechtzeitig bei Dr. Greene sein können!", sagt er hoch motiviert. Er freut sich jedes Mal, wenn jemand von uns routinemäßig zum Arzt gehen muss, weil er dann sicherstellen kann, dass es uns gut geht.
„Nur die Ruhe Dad, wir haben alles im Griff!", sagt Andy und hilft Gail beim Verteilen der Pfannkuchen.
Nach dem Frühstück gehe ich hoch ins Badezimmer, da sich meine Blase wieder einmal meldet. Dann trage ich noch ein wenig Make-Up auf und bürste mir die Haare. Ich muss lächeln, wenn ich an unseren Termin heute denke, weil die ganze Familie schon rätselt, was es wird, seitdem wir die Schwangerschaft verkündet haben. Christian ist der Meinung, dass wir nach drei Jungs jetzt genug Erfahrung gesammelt haben, um einen vierten Jungen gut versorgen und erziehen zu können, während ich schon wieder einmal fest der Meinung bin, dass es diesmal wirklich ein Mädchen wird. Als ich mit Teddy schwanger war, war ich mir auch sehr sicher, dass es ein Mädchen wird. Aber als es dann doch ein Junge wurde, war es auch ok, obwohl ich schon drei Männer hatte und eigentlich endlich für ein bisschen Ausgleich sorgen wollte. Aber diesmal bin ich mir 100%ig sicher!
Ich höre, dass Grace angekommen ist, da die Kinder lauter gröhlen als besoffene Fans auf einem Rockkonzert. Sie freuen sich schon so auf den Nachmittag am Pool in Bellevue. Grace hat eine Menge Geld in die Sicherheit investieren müssen, bevor Christian ihr erlaubt hat, mit den Kindern zum Wasser zu gehen. Die arme Grace, aber was soll ich sagen, immerhin hat sie ihn erzogen, zumindest sage ich ihr das immer, wenn sie sich bei mir über Christians Sicherheitsfetisch ausheult.
Als ich aus dem Badezimmer komme, sitzt Christian am Bett und schnürt sich die Schuhe. Als er aufblickt, lächelt er übers ganze Gesicht.
„Bist du bereit, Zitronensorbet?", fragt er mich und ich nicke.
„Ich bin nicht nur bereit, sondern auch gespannt wie ein Gummiringerl. Ich bin mir diesmal ganz sicher, weil ich mich ganz anders als bei den anderen Schwangerschaften fühle und so viel Schokolade esse, dass ich mir ernsthaft überlege, bis zur Ende der Schwangerschaft nach Belgien zu übersiedeln und gleich neben einer Schokoladenfabrik zu wohnen. Es muss diesmal einfach ein Mädchen sein! Ich könnte ein bisschen Schützenhilfe gut gebrauchen, weißt du!", lache ich. Er lächelt und küsst mich.
„Viel wichtiger ist aber trotzdem, dass er gesund ist und es dir gut geht. Und wenn feststeht, dass es ein Junge wird, dann können wir endlich das Kinderzimmer blau streichen", zwinkert er mir zu.
„Zu blöd, dass ich bereits rosa Farbe bestellt habe!", widerspreche ich ihm.
Er kichert. „Komm, die Stunde der Wahrheit ist gekommen!", sagt er und nimmt mich bei der Hand. Ich schlüpfe noch geschwind in meine sehr bequemen Flip Flops, die ein wahrer Segen bei meinen geschwollenen Füßen sind.
Als wir bei Dr. Greene ankommen, bittet uns die Assistentin gleich in das Untersuchungszimmer und ich strecke mein Umstandskleid hoch nachdem ich auf der Liege Platz genommen habe. Ich bin schon sehr nervös. Als Dr. Greene das Zimmer betritt lacht sie gleich.
„Mrs. Grey, ich sehe sie sind schon gespannt auf die Untersuchung!", bemerkt sie.
„Ja, und vor allem auf das Geschlecht!", sage ich etwas zu motiviert. Sie nickt und schaltet das Ultraschallgerät ein. Als sie das Gel auf meinem Bauch verteilt erkundigt sie sich noch, ob ich irgendwelche Schmerzen oder andere Unannehmlichkeiten gehabt habe. „Nur die üblichen Schmerzen", sage ich, was Dr. Greene mit einem „Sehr schön!", quittiert, bevor sie mit dem Sensor auf meinem Bauch herumfährt.
„Ah, hier haben wir den Kopf ... hier einen Arm ... sehr schön, der Magen ist gefüllt ... genauso wie die Blase ... und jetzt sind wir gespannt, ob er oder sie die Beine zusammenzwickt oder ob wir etwas erkennen können ...", murmelt sie vor sich hin. Ich halte die Luft an und Christian drückt meine Hand.
„Gratulation, es ist ein ..."
Ende. Diesmal wirklich!
